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  • egot24 13:46 am 9. March 2016 Permalink | Antworten
    Tags: Bucht von Palma, Can Pastilla, , Mallorca, ,   

    Ca’n Pastilla, Mallorca 2016 

    2016-04-02 bis 18-02 Mallorca Can Pastilla

    Do. 04.02.16 Mallorca 1

    Drauf auf die Insel der Deutschen!
    10 Jahre Entzug waren genug!
    Vor 37 Jahren zum ersten Male den Duft der Insel genossen, die Sonne im Winter, später öfter sogar für 3 Monate genossen, Hotelgästen die Insel gezeigt für Autokosten und Essen.
    Also zum Flieger. Mit dem Taxi. Scheißwetter hier.
    Zum Abschied eine Currywurst im Flieger.
    Bei Marseille verschwand die weiße Watte unter uns und das Mittelmeer zog uns zur Insel. Flugkapitän Becker machte viele witzige Ansagen, z.B.: „Die Passagiere auf der rechten Seite werden einen tollen Ausblick nach rechts auf Palma haben. Wenn die Passagiere der linken Seite nach rechts schauen, sehen sie die Mitpassagiere, die rechts raus schauen.“
    Taxi nach Can Pastilla (3 km, also knapp über Kurzstrecke). Einheitspreis EUR 15. Dafür verpasste er unser Apartmenthaus und musste nochmal zurück. Er hatte uns nicht geglaubt, dass wir das Haus kannten. Dafür hat er uns erzählt, dass es wundervolle Fahrradwege nach Palma gibt, neu angelegt, immer direkt am Strand entlang.
    Apartment: 2 Zimmer, Küche, Bad, 47 qm mit Balkon im 8. Stock mit wundervoller Aussicht auf die Bucht von Palma, auf die Bergkette von Alfabia. Und Sonne!
    Blick auf die Buchten
    Spaziergang, Drink, Einkauf, Essen gehen im Fischrestaurant der kleinen Bucht.
    Dann holte uns nicht der Jetlag, aber doch die Klimazonenveränderung ein, Müdigkeit machte sich breit und das Apartment rief laut nach uns. Ich schaffte gerade noch diese Zeilen.

     

    Fr. 05.02.16 Mallorca 2

    Englisches Frühstück im britischen Cafe am Fuße unseres Hauses an der kleinen Bucht. Spanische Zigaretten in mallorquinischer Tabaccheria. Deutscher Spaziergang durch mallorquinische Landschaft, holländisches Bier kauften wir beim Senegalesen. Multikulti hat auch hier schon längst Einzug gehalten.
    Buchtausgang
    Die mir altbekannten Gebäude stehen noch, nur sind andere Geschäfte und Bars darinnen.
    Neu waren die Geräusche: Das überlaute Piepsen bei Rückwärtsfahrt von Bobcats – kleinen Bauschauflern für Straßenbau. Gut, Hunde haben auch früher schon gebellt, was das Zeug hielt, doch dachte ich, die wären schon im Himmel. Nein, sie sind wieder auferstanden und tönen wie eh und je. Dann: Wenn man in der Vorsaison verreist, muss man mit Bautätigkeiten jeglicher Art rechnen, die naturgemäß mit Geräusch verbunden sind.
    Doch statt dass alle gleichzeitig tönen, haben sie sich abgesprochen: Entweder piepst die Rückwärtsfahrt oder, wenn dies verstummt ist, bellen die Hunde wie verrückt; sind diese heiser, fangen die Bauarbeiter an zu hämmern bis ihnen die Arme schwer werden, dann lösen sie die rückwärtsfahrenden, laut piependen Baufahrzeuge an. In dieser oder ähnlicher Reihenfolge geht es weiter. Egal, wo du auch bist.

    Dann kommt der Punkt, an dem du entweder die Hunde, die Bauarbeiter oder das Piepen vermisst. Entzug ist angesagt.

    Gut, geht man nach Hause oder doch erst mal ins Restaurant an der kleinen Bucht Cala Estancia und bestellt aus Frust erst mal ein Bier und dann ein frugales Mahl, dann noch einen Cientotres, der hier aus der Flasche am Tisch eingeschenkt wird, bis du STOP sagst. Danach gehst du beschwingt in dein Apartment, schaltest das TV ein und schaust sogar noch genüsslich DSDS.

    Ob es genauso war, weißt du am nächsten Tag nicht mehr.

     

    Sa. 06.02. Mallorca 3

    Was war gestern noch? Mein Gott, habe ich gut geschlafen!
    Neuer Tag, neue Erlebnisse und vielleicht neue Erkenntnisse.
    Rennt mir was im Kopf rum mit DSDS, beim riesigen Frühstück an der Cala Estancia. Wieso habe ich einen solchen Appetit?
    Heute mal Palma.
    Palma
    Kenne ich von vor dreißig Jahren. Heute mal neu kennenlernen. Die liebste aller Ehefrauen fand sich bereit, mich zu begleiten. Nein, nicht sie hat sich dort Schuhe gekauft, ich war es!
    Vor dreißig Jahren war das Cafe Lirico ständig voller Einheimischer, die bezahlten Bons mussten und wurden auf den Boden geworfen werden, der weiß von den Zetteln strotzte. Reden, Lachen, Gelaber drinnen und draußen. Heute strotzte nur die Leere. Der Cortado schmeckte wie damals.
    Das Wetter war grandios: Kein Wind, Sonne hinter leichtem Dunst, 20 Grad, Wohlfühlwetter.
    Die Kathedrale war wie meist geschlossen, so dass man nach den gefühlten 120 Stufen aus Enttäuschung diese grandiose Kirche links liegen ließ, um den Ausblich von der Aussichtsterrasse zu genießen.
    Wo zum Teufel ist die Bushaltestelle? Die Gassen wurden immer enger, die Orientierung ließ nach, auch die von einem mitfühlenden Ober geschenkte Straßenkarte half so richtig. Füße finden ihren Weg und so ging es auch wieder nach Hause.
    Appartmenthaus
    Dort herrschte schon Abendstimmung. Wind kam auf und trieb Wellen in die kleine Bucht, die Landungsscheinwerfer der ankommenden Flieger wiederholten sich, um hinter immer demselben Gebäude zu verschwinden, im 5-Minuten Takt. Jetzt war es schon richtig dunkel und ich sah sie wieder, die Taschenlampen, die keine sein können bei der Helligkeit, die sie verstrahlen. Eine auf hiesiger Seite der Bucht, eine auf der anderen. Was machten, was suchten sie? Für mich ein Rätsel: Sie strahlten ins Wasser, meist aber am steinig befestigten Ufer entlang, als ob man verlorenes Kleingeld suchte. Entzieht sich meiner Vorstellungskraft.
    Von wo ich das beobachtet habe? Von meiner selbst erwählten Tonne auf unserem Balkon im 8. Stock.
    Diese Tonne hat zwar einen Vorteil zu meiner Berliner Tonne: Hier härt man Meeresrauschen, schaut weit aufs Mittelmeer und auf unzählbare Segel, doch wen soll ich im 8. Stock neu kennenlernen?
    Von der hiesigen Tonne sehe ich Lichter unten (Land und See) und oben (Sterne und Flugverkehr). Sogar links und rechts; denn dort haben die Inhaber der Apartments auf den Balkonen sogar bewegte Lichter installiert, um vorzutäuschen, dass dieses Apartment bewohnt ist.
    Nun ist auch dieser Tag zuende. Morgen, denke ich, gibt es neue Glanzlichter.

     

    So. 07.02. Mallorca 4

    Es stellte sich heute heraus, dass meine hiesige Tonne gar keine echte Biertonne ist; eher eine Sitztonne, heißt, man kann an ihr sitzen und sie ist auch gar keine Tonne, sondern ein banaler Balkontisch, auf den man jedenfalls stehenderweise sein Bierglas abstellen kann. Will man aber nicht bei Regen und Wind.
    Rainy day heißt auf Mauritius: Man bleibt zu Hause und suckelt an den Vorräten.
    Rainy day auf Mallorca heißt: Ist gleich vorüber, außer es kommt noch schlimmer. Sturm hat die Sonne weggeblasen, die See schäumt, der Balkontisch, sorry, die Tonne wackelt. Plötzlich Sonne. Wolken ziehen ab, Windstille bricht lautlos ein. Jetzt kann man raus, alles friedlich.
    Ausblick
    Denkste. Warst gerade mal eine Stunde Frühstücken und Einkaufen, gingst mit den Tüten nach Hause, schon flog dir der Hut vom Kopf und die Einkaufstüten aus der Hand, besonders die mit den Eiern, denn die gibt es hier nicht in Pappschachteln, sondern lose und wenn die kleine Tüte dir ans Knie schlägt, haste ein oder zwei Eier weniger.
    Halbe Stunde später war schönstes Frühlingswetter, Sonne, kaum Wind aber: Hohe Wellen, davon viele, weshalb nun auch Unmengen von Wind- und Keitsurfern in den Buchten ihren Tanz aufführten.
    An meiner Balkontonne haben wir Lorenzo (de Mancor del Valle) nicht kennengelernt, sondern im Restaurant, welches wir von unserer Tonne jeden Tag und Abend sehen. Er ist die Seele des Lokals, nicht der Inhaber!
    Lorenzo ist 75 Jahre alt und ein Kellner, wie man ihn sich nur wünschen kann.
    Spürt er, dass man ihn nicht nur als Kellner „benutzt“, bekommst du seine ganze Zuwendung. Dann kriegste auch aufs Haus einen sechsfachen Cientotres.

     

    Mo. 08.02. Mallorca 5 (Rosenmontag)

    Knalliger kann Sonne nicht sein. Daheim werden die Fastnachtsumzüge wegen Sturm abgesagt.
    Hier bei bestem Wetter eine neue Erfahrung:
    Die Pieper sind nicht nur Rückwärtsfahrer. Endlich habe ich den manchmal zehnminütigen Piepton ausgemacht: Wir wohnen in einem Hause dem Yachthafen gegenüber. Dort gibt es naturgemäß auch einen Hebe- und Transportkran für die Umsetzung von Booten vom Trockendock ins Wasser. Dieser piept solange er in Aktion ist.
    Nun kann ich den Piepton zuordnen und kann ihn überhören.
    Ein zweiter Erfolg begab sich, als ich mir den Parkplatz vor dem Hafen ansah, um zu checken, ob wir unseren noch zu mietenden Leihwagen dort kostenfrei parken können. Lehnte ein Einheimischer an seinem Auto auf dem Parkplatz. Sprach ihn an, ja, aparcar es libre. Und ich erwähnte, dass wir uns einen Wagen mieten wollten. Ja, dort drüben bei Señora Maria gibt es Mietwagen und dieser Parkplatz wird regelmäßig von Polizei angefahren. Der ist sicher.
    Maria machte es möglich, dass wir morgen einen Wagen bekommen.
    Nach diesem dritten Erfolg dachte ich, jetzt müsse mal was Negatives kommen. Zuviel Gutes verheißt Schlechtes.
    Ich sollte mich irren.
    Aber zunächst beobachteten wir die Surfer und Segler in der großen Bucht und den Typ, welcher in der kleinen (ruhigen) Bucht versuchte, seiner Partnerin diese offenbar neue Sportart beizubringen (stehend auf einem Brett mit einem Paddel). Nach ihrem zweiten Fall ins Wasser legte sie sich rücklings aufs Brett und ließ Sportart Sportart sein.
    Jetzt zur ewigen Hauptsache: Was essen wir?
    Nun gibt es unzählige Imbisse, Bistrots, Restaurants hier. Von denen hat derzeit Zweidrittel geschlossen. Doch auf unserem Informationsgang hatten wir zwei (sogar offene) deutsche Lokale gefunden. Eines leuchtete mit dem Angebot Rindsroulade. Da ich gestern rein zufällig in Rosins Restaurants gesehen hatte, wie er Roulade machte, war für mich klar: Heute Roulade.
    Dabei war es keine deutsche Roulade. Nach spanischem Smalltalk kam heraus, dass Christiane Österreicherin ist.
    Die Roulade war perfekt. Noch ein Erfolg!
    Jetzt werde ich skeptisch. Was kommt als nächstes?
    Endlich mal ein Misserfolg: Der Käse entsprach nicht den Anforderungen der liebsten aller meiner Ehefrauen.
    Dafür hatte unser Laden noch auf, in welchem wir noch das Restliche zum Glücklichsein kaufen konnten.
    Appartement war schön warm (nenne ich jetzt nicht Erfolg). TV war interessant, besonders dadurch, dass die Sender des Satellitenfernsehens immer an anderem Sendeplatz waren und man schön zappen darf, bis man seinen Wunschsender fand. Wieder mal Misserfolg. Endlich!

     

    Di. 09.02. Mallorca 6

    Kein Rainy Day, ein Stormy Day. Sonne knallt hinter leichtem Dunst, Meer war noch ziemlich ruhig.
    Stormy Day ein Autotag. Mit Auto sollte man fahren können. Konnten wir nicht – doch, die ersten zwei Kilometer. Tank war leer (wir müssen es genauso abgeben!). Kannte eine Tankstelle in der Nähe. Die Zapfsäulen waren versperrt, der Tankwart erklärte, die Software spinne, sie warten auf Wartung. Kann 15 Minuten dauern. Oder 30.
    Wir entschieden uns zu warten. 26 Autos fuhren unbetankt weiter. Nach 33 Minuten der Ausruf, jetzt sei es soweit.

    Eines der ruhigsten, beschaulichsten Orte vor 30 Jahren war Porto Colom an der Ostküste, ein Fischerdorf, weit ab vom Tourismus. Eine Kneipe am Hafen. Zwei, drei Segler im Hafen. Damals hatte ich diesen Ort als ersten Punkt ausgewählt, als ich mit Hotelgästen Rundfahrten machte. Natürlich gegen Bezahlung, Essen frei.
    Porto Colom
    Heute ist die Beschaulichkeit eingeholt von heutigem Tourismus.
    Dafür sind die Straßen sehr gut ausgebaut. Wetter lässt sich nicht ausbauen, es kommt wie es will.
    Sturm mit Sonne auf herrlichen Straßen in herrlicher Umgebung.
    Zu Hause dann ordentliches Wetter: Sturm blies die Wellen über die Wellenbrecher, auch die Gischt über unser geparktes Auto, der Sturmwind zog uns fast die Jacken aus, draußen auf dem Meer zogen riesige Schaumteppiche entlang, die Trennscheiben zwischen den Balkonen erzitterten.
    Selbst unsere ruhige Innenbucht wurde meschugge und zeigte Schaumkronen.
    Jetzt dachten wir an die abgesagten Rosenmontagszüge und retteten uns nach Hause.
    Aus dem warmen Appartement im 8. Stock schaut man gerne hinaus in stürmische See.
    Wehe, wer jetzt den Naturgewalten ungeschützt ausgesetzt ist.
    Wie wir heute Vormittag der Naturgewalt, kein Benzin zu haben.

    Mi. 10.02. Mallorca 7

    Gestern hat sich der Wind aufgebaut, der heute Morgen dicke Brecher liefert. Gestern war Sturm, heute früh nur leichte Brise. Deshalb sind auch keine Wind- oder Keitsurfer unterwegs, sondern jede Menge Wellenreiter. Grandiose schaumgekrönte Wellen. In der „großen“ Bucht hunderte dunkler Punkte, die plötzlich, wie von Geisterhand von den Schaumkronen in heiklem Tempo vorangetrieben wurden. Bedauerlicherweise immer wieder zurück zum Strand, dann müssen sie immer wieder rausschwimmen. Nix für mich!
    Wir setzten uns ins Automobil und ließen erst mal die Scheibenwaschanlage mit Wasser auffüllen. Das Salzwasser, welches auf unserem vorgelagerten Parkplatz in großen Duschen aufgeschlagen war, hatte jede Sicht hinter Salzschicht verdammt. Wir hatten zwei Liter Wasser dabei. Mit diesen zwei Litern Trinkwasser bekamen wir die Scheiben nicht frei, kurz drauf war die Salzschmiere schön überall verteilt.
    Jetzt aber konnte es losgehen: Die Insel erkunden.
    Da fiel uns ein, große Lust zu weiten Fahrten, ein bisschen die nahe Gegend erkunden, mal sehen, ob das, was wir von Früher kannten, entweder noch da und wenn ja, wie es noch da ist.
    Dort oben, bergauf hinter El Arenal gab es freie Pampa, Sträucher, Gebüsch und wildes Rosmarin.
    Heute touristisch überbaut, Reihenhäuser billig und Villen teuer, nur die Abrisskante zum Meer hin blieb wie sie war: unberührt.
    In unserem Apartment unter dem Dach bekommen wir immer hautnah mit, wenn der Wind eine gewisse Stärke annimmt, dann klackert oben auf dem Dach irgend eine lose Tonne und rumpelt mehr oder weniger stark.
    Hier, an der Abrisskante vom Fels zum Meer erfuhren wir die Wetteränderung beim Aussteigen aus dem Auto: Keine Knallsonne, sondern Knallwind, der meine Türe zuzuhalten versuchte. Dennoch stiegen wir aus und kämpften uns vorbei an den Villen und Reihenhäusern zu eben dieser Kante mit einem tollen, insularen Ausblick. Links Afrika, vor uns in der Ferne unser Appartementhaus.
    Na ja, wenn wir heute 20 km gefahren sind, war es viel. Aber bei dem Wind . . .
    Eine große Aufgabe stand mir noch bevor: Den Karton voller Lebensmittel (und Bier!) aus dem Auto nach oben bringen. Zum Glück ging der Aufzug.
    Wir haben jeden Tag eine neue Überraschung: Das erste und zweite deutsche Fernsehprogramm sind beim SAT-TV jeden Tag auf derselben Taste auf der Fernbedienung. Alle anderen wanderten von Tag zu Tag auf einen anderen Platz. Sicherlich schrieben wir uns die Kanäle auf, doch immer lagen sie woanders. Zwei Tage konnten wir SAT1 empfangen, danach war der Sender verschwunden – wir zappten bis 680.

    Abendessen aus dem Karton selbst gezaubert. Meine hiesige Tonne vernachlässige ich nicht, denn dort nehme ich Wetter hautnah wahr mit einem Bier in der Hand, also das da unten, wo die Wellen nach wie vor blöde auf Felsen platschen.

     

    Do. 11.02. Mallorca 8

    Grelle und heiße Sonne empfing uns am Morgen, grell, weil das Mittelmeer die Strahlung wie ein Spiegel verdoppelte.
    Nun hatten wir die Automiete verlängert, also war Fahrt angesagt. Porto Pollenca war eigentliches Ziel, doch eine Heimfahrt am Nachmittag gegen die tiefstehende Sonne wollte ich vermeiden. Neuer Plan: Valdemosa, Stadt von Chopin und George Sand. Dass Valdemosa einen eigenen Hafen 450 Meter tiefer unten hatte, war mir unbekannt, doch die liebste aller Ehefrauen hatte die Idee, diesen vortrefflichen Hafen zu besuchen. Hätte sie den Schwindel erahnt, wäre sie locker über ihre Eingebung hinweggegangen. Nach wenigen hundert Metern begann das schwindelerregende Ereignis: Immer am Abgrund entlang, 6 km abwärts. Wie lang 6 km sein können, erfährt man erst, wenn man diese 6 km in steilsten Serpentinen mit oft nur einspuriger Fahrmöglichkeit absolviert und die unterdrückten Angstschreie der liebsten aller Ehefrauen immer wieder erahnt. In jeder der engen Serpentine kommt naturgemäß ein Auto entgegen oder an den Schmalstellen. 112 Kurven, die meisten mit Blick in den Abgrund wollten überwunden werden. Mein Lenkrad hatte schon Muskelkater, die Lenkung wollte auch schon den Dienst verweigern.
    Da waren wir unten.
    Die letzte Engstelle, eine Brücke zum Hafen mit einem einzigen Cafe, ca. 20 Häuser, an die Felsen geklebt, scheinbar unbewohnt; die acht Boote alle an Land, abgedeckt. Der Parkplatz größer als der Hafen (50 mal 20 m), die Tische vor dem Cafe fas alle belegt von den sieben Leuten, die sich hierher verirrt hatten. Hinter uns 450 m hohe Felsen, vor uns das Mittelmeer, Richtung Barcelona. Etwas weiter rechts liegt Marseille, ganz rechts stößt man auf Korsika. Was für ein grandioser Hafen, dem die ganze Welt offen steht.
    Port de Valldemosa
    Nach Cortado und Tee (Erholung tat not) wieder die 112 Kurven, diesmal aufwärts, du siehst den entgegenkommenden Verkehr nicht, weil so steil; und wieder, just in Serpentinen und an Engpässen kommt der Gegenverkehr – richtig, es gibt ja auch nichts anderes, wo man sich treffen könnte.
    Endlich wieder oben, erst mal einen Parkplatz gesucht für eine Entspannungszigarette. Der Schwindel forderte seinen Tribut.
    Mindestens alle 10 km triffst du auf Gruppen von Rennradlern. Triffst du auf einzelne, sind die entweder abgehängt oder fahren dem Tour de France Sieg entgegen.
    Dass die Landschaft superschön ist, brauche ich hier nicht zu erwähnen.
    Auf dieser Bergpartie nach Andraitx geben Kurven sich die Hand. Genau gesagt: eine 40-er Strecke; biste mal auf 50, kannste gleich wieder abbremsen. Doch diese Ausblicke! Natürlich nur für den Beifahrer!
    Habe früher mal auf ähnlicher Strecke unzählige Unfallwagen in den Schluchten gesehen.
    Da ich dieses noch schreiben kann, liegt unser Mietwagen nicht zerquetscht in einer solchen.
    Schrecklich schön, diese Gegend, vor allem viel Natur, und man kommt sich so klein vor, wie man ja auch ist.
    Zurück in unserer nicht so schrecklich-schönen Welt genossen wir den Ausblick auf was Flaches, unspektakuläres, eben Meer, Buchten und aus den schrecklichen Bergen geschnittene Steine, zu Häusern zusammengesetzt.
    Keine Serpentinen mit fürchterlichen Abgründen. Die Segelschule war wieder mit neun Schülern auf der beruhigten See, die Wellenreiter hatten wieder mal die Surfer abgelöst, da Wind kaum wehte, jetzt konnten wir in Ruhe auf unerem Balkon im 8. Stock unser Essen einnehmen und die wechselnden Lichtstimmungen wahrnehmen.
    Dann kam die Meldung, dass man die von Einstein vorausgesagten Gravitationswellen entdeckt hatte.
    Nun erinnerte ich mich an den Roman von Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“, als der Endcomputer auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und den Rest die Antwort gab: „42“
    Diese Wellen machen nichts anderes, als bei ihrem Eintreffen alles zu dehnen oder zu stauchen. Keiner merkt was davon. Das ist 42. Vielleicht auch 42,5.
    Jetzt schlafe ich beruhigt ein.
    Nein, unberuhigt, da wir beide (die liebste aller meiner Ehefrauen und ich) zusammen 120 Euro für Datenübermittlung verbraucht haben und sie (1&1) uns die Verbindung vorsichtshalber sperren.
    Dabei hatten wir gestern mit 1&1 telefoniert und offenbar nichts klargestellt . . .
    Später stand ich an meiner Mallorca-Tonne, freute mich über den nächtlichen Anblick der Buchten und der Lichter drumherum bei meiner heutig vorletzten Zigarette und wusste, dass wir von diesem Rotwein, den wir gestern gekauft und heute geschlürft haben, morgen noch eine Flasche kaufen werden (Monologo, Rioja, crianza 2013).
    Er hatte eine Halsbinde, die die Kassiererin mit besonderem Schlüssel entfernen musste.
    Sie wird sich morgen wieder an uns erinnern müssen.
    Wann komme ich endlich ins Bett?

     

    Fr. 12.02. Mallorca 9

    Glücklicherweise fuhren wir in den Norden der Insel. Der Süden war eingetaucht in graues, stürmisches Wetter. Die Strecke Alcudia – Port de Pollenca bot sich wie immer wunderschön, der kleine Abstecher nach Formentor mit den herrlichen Aussichten erhellte die Seele.
    Port de Pollenca
    Dann quer durch die Insel, teilweise auf Nebenstraßen in die graue Südhälfte mit Starkwind.
    Unser neuer Italiener schuf uns wohle Gefühle (er kommt aus Palermo, sie aus Peru).
    Nun, mehr war heute nicht drin. Doch: Ein exzellentes Steak und Spaghetti Carbonara, angerichtet von einem Sizilianischen Koch.

     

    Sa. 13.02. Mallorca 10

    Heute noch mal Auto. Wohin? Banal, mal um die Ecke, Port de Andraitx.
    Andraitx
    Hochtourismus, sprich reichste Leute. Die haben heute gefehlt, dafür waren wahnsinnige Böen angesagt. Diese zogen mir, statt des Hutes, fast meine Basecap aus Leder aus.
    Jetzt fuhren wir in die Umgebung, herrlich ursprünglich oder gar urig.
    Calvia ist der Ort, wo Klaus Ludwig (ehemaliger Rennfahrer „König Klaus“) eine Dependance unterhält. Oft, wenn ich ihn anrief, sagte er, er wäre eben dort und lässt sich den Bauch bei 22 Grad bescheinen. Wenn es bei uns minus Grade hat. Ein Ort mit viel Historie.
    Calvia
    Dort am Ort einen Cortado, Fotos, dann heim nach Can Pastilla.
    Wetter: 21 Grad, bewölkt.
    Daheim: Can Pastilla düster und wieder sonnig.
    Die Möven überflogen sich gegenseitig. Die schwarzen Taucher überboten sich, im Schlamm zu suchen, die Sonne unterlag dem weltlichen Wetter.
    Hertha verlor 0:2 gegen Stuttgart.
    Da kam hier gerade die Sonne raus und beschien die Küste.
    19:00 hatte ich genug und ging in die britische Kneipe am Rand der Bucht.
    Das war ein witziger Griff: Der Chef (Sir Allen) ein Schotte, Gäste sozusagen Einheimische, aber Briten, die hier schon lange leben. Alle aus dem Norden Englands. Schalk in den Augen, doch sehr reserviert. Habe mich eingebracht, wie ich mich einbringe, also normal fragend und fordernd. Meine Neugier treibt mich. Was denn sonst?

    Ich fand den Abend schön. Die hiesig Lebenden finden es na ja, könnte besser sein, nehme an, die pekuniäre Lage spielt eine Rolle. Im Winter verdienste nicht das wie im Sommer. Kann man wissen, sollte es aber auch. Hier sind viele gescheitert! Habe das in alten Jahren erfahren, die ich mal hier war und dieselben Leute aus der Branche sprach.
    Und wisst ihr was? Es geht immer weiter.
    Warum auch nicht? Leben geht ja auch immer weiter, ob auf Mallorca oder im sonnigen Germany.
    So wie die Wissenschaft auch immer weiter geht und nun offenbar die fast nicht erkundbaren Gravitationswellen entdeckt hat!
    Mir gegenüber steht ein Teller mit Mandarinen, Äpfeln und einer Zitrone.
    Draußen rauscht das Meer. Die Nacht ist da. Und das Meer rauscht ununterbrochen.
    Das haben wir Menschen nicht drauf.
    Jetzt gehe ich schlafen.

     

    So. 14.02. Mallorca 11

    Es gab so manchen Windtage. Heute hatten wir einen Wellentag, kaum Wind, dafür sich überschlagende Wellen, die mit donnernder Wucht auf die Wellenbrecher schlugen und alles weiß verquirlten.
    Wir schoben eine ruhige Welle, wir erholten uns vom Urlaub, genossen den Ausblick auf immer neue Wellenkonstellationen, saßen und aßen und schauten und lasen, hoch über der kochenden See.
    Hinzu kam, dass der Rest der Insel unter dunklen Wolken schlummerte, nur bei uns war Sonne und unter ihr fiel das Schwitzen nicht schwer. Hinten, in der großen Bucht, schossen die Wellenreiter auf den Strand zu. Heute fehlten alle windabhängigen Wassersportler, kein Segelboot zu sehen, keine Windsurfer.
    Sie machten Pause wie wir.
    Diese machten wir mit dem süffigen Rotwein „Monólogo“, frischen Tapas und süßen Mandarinen.
    Schon dämmert es, die weißen Lichter um den Hafen gehen an, es folgen später die gelben Lichter der Uferstraße.
    Sir Allen hatte auch Licht an und ich tauschte mal meine hiesige Tonne mit seiner. Nun, die Briten gluckten zusammen, sprechen ihren eigenen Dialekt. Ein Pint und ein 103 (Cientotres = spanischer Weinbrand), drauf eine Zigarette draußen an der Fremdtonne. Jetzt windete es immer mehr, Allen sagte, Sturm steht bevor, ich verifizierte dies mit der Wetter-App, und siehe da, hinter unserem Hochhaus gab‘s den ersten Blitz – und was für einen.
    Nun lebte der Cientotres nicht mehr lange, Regentropfen platschten in die kleine Bucht und auf mehr hatte ich keine Lust. Die liebst aller meiner Ehefrauen empfing mich im warmen Apartment. Jetzt kann der TV-Abend beginnen.
    Draußen begann der Sturm: Blitze überholten sich, Regen freute sich am Fallen und klatschte an unserem Fenster unter dem überdachten Balkon. Dann war auch der Sturm müde wie ich.

     

    Mo. 15.02. Mallorca 12

    Was für ein Wetter? Was für ein Wetter! Kein Wind, dafür aber Sonne und ein paar Wolken.
    Wir machten trotzdem Pause. Ruhepause vor allem und jedem.
    Erst am Nachmittag ließen wir uns überreden, einen Spaziergang zu machen, einen kleinen Einkauf sowie eine einstündige Einkehr in ein witziges Lokal „Flip Flop“ am Hafen mit Blick auf die Wellenreiterphalanx, einige mit Paddeln, also stehend, die meisten ohne Paddel, also liegend in die Wellen hinein. Kaum waren sie draußen, waren sie schon wieder am Strand. Und dies immer in Wiederholung.
    Zwei junge Frauen beherrschten das Lokal (Inhaber?) und so war der ganze Vorraum mit Deutschen besetzt, die lautstark ihre Mallorca-Erlebnisse kundtaten. Besonders fiel uns eine alte Dame (wohl in unserem Alter) auf, die mit einem jüngeren Mann am Nebentisch saß und die Zügel in der Hand hielt, wie auch ein Laptop der Marke ASUS.
    Dass der jüngere Mann nicht ihr Sohn sein konnte, fiel uns dadurch auf, da er offenbar kein Deutscher war.
    Die überdrehte Gruppe aus Münster verließ die Terrasse und es war wieder einmal beschaulich, bis auf die Sechsergruppe Deutscher, die nicht immer laut ihre Mallorca-Erlebnisse kommunizierte.
    Ah, es gibt hier auch schöne Kleinigkeiten zu essen – vielleicht sieht man sich wieder in diesem FlipFlop.

    Jetzt galt es noch die restlichen Trinkbedürfnisse für den Abend zu erfüllen, bei unserem Senegalesen gegenüber, der immer jede einzelne Dose Bier eintippte, um am Ende noch einmal alles nachzuzählen. Er wünscht sich so sehr einen Lottogewinn.
    Nun hatte mich meine hiesige Tonne wieder und ich den Blick aufs Meer, auf die große Bucht und die kleine vor unserer Nase. Keine schäumende Gischt, ruhiges Wasser und trotzdem lange Wellen in der großen Bucht und die kleinen schwarzen Punkte der Wellenreiter.
    Nach diesem optischen Genuss noch ein selbstkomponiertes Abendessen und ein wenig TV.
    Jetzt noch eine Zigarette an meiner Tonne und schon ist wieder ein Tag vorbei.

     

    Di. 16.02. Mallorca 13

    Wir haben vor: Bus zur Estacion, Bimmelbahn nach Soller, Straßenbahn nach Port de Soller und zurück.
    Was kommt raus?
    Das kam raus: An der Estacion griff eine Übelkeit um sich. Woher eine solche kommt, weiß kein Wissenschaftler.
    Blauer Himmel, strahlende Sonne, Windstille, 16 Grad im Schatten, in der Sonne 28 Grad. Dennoch bekäme man einen Sonnenbrand.
    Placa d’Espana unter Palmen. Nach einer Stunde dreißig unter vierzig Palmen war die Übelkeit verdampft und das Cafe Lirico an der Placa de la Reina zog uns an mit herrlichen Tapas, Cortados und seiner Einzigartigkeit.
    Cafe Lirico
    Dann hatte der Passeig de Maritimo seine Anziehungskraft, den Yachthafen mit unendlich vielen Segel- und Motorbooten, ganz hinten lagen heute zwei große Aida-Schlachtschiffe und der Passeig war voller Kreuzschifffahrer.
    Als kleine Schäfchenwolken aufzogen, ließen wir uns vor Schreck mit dem Taxi heimfahren. Nicht, weil wir heim wollten, sondern in der Nähe des Heimes noch ein bisschen mallorquinisches Wetter aufzusaugen.
    Terrasse hinterm Hafen, jetzt schattige Plätze in der Sonne mit Blick auf die geparkten Segelyachten, einen Tee, ein Stück Torte oder ein Bier vor Augen. Die Masten der Segelyachten blieben ständig vorhanden, was mit dem Bier nicht so geschah. Auch nicht mit der Zeit und der Helligkeit.
    Yachthafen
    Dann freuten wir uns, im Piso Ocho zu sein und uns auszudenken, welche Speisen wir uns heute Abend zukommen lassen wollten.
    Aber erst mal an meine hiesige Tonne mit Blick von oben auf den Hafen, die kleine und die große Bucht. Natürlich mit einem Bier in der Hand. Heute: Heineken.
    Essen gab‘s vom Sizilianer para llevar und so saßen wir oben und verspeisten genüsslich unser Abendmahl mit Blick auf die erleuchtete Bucht.

     

    Mi. 17.02. Mallorca 14

    Nichts vor.
    Mal sehen, was kommt.
    Was kam?
    Wie immer anders, als man es sich vorstellte. Eigentlich mit dem E-Bike an der Küste entlang.
    Oder fahren wir doch unsere restlichen 4 Fahrten mit dem Bus noch ab? Ja, nach Portixol. Einem kleinen Hafen kurz vor Palma. Wunderschön Mit Blick auf die Kathedrale. Aber auch im kleinen Hafen an der Bucht gab es Cafés. Dort aßen wir Tapas, um uns auf den Rückweg vorzubereiten.
    Portixol
    Der Rückweg ist der Passeig de Baja, ein umführender Weg von Arenal nach Palma. Grandios gestaltet mit Schattenflächen und Bänken, in unterschiedlicher Richtung ausgerichtet, einem umfassend ausgebauten Radweg. Irgendwann war mal Schluss mit der Wanderung, jemand von uns musste mal Pipi.
    Kneipe an der Seite und Bushaltestelle nah.
    Die Haltestelle gewählt, die uns zur Kneipe Flip-Flop brachte, mit Blick auf den Hundestrand und die große Bucht, wo die Keit- und Windsurfer agieren.
    Abend: Abendessen vom Sizilianer. Na ja.
    Dann hatte ich Lust auf einen letzten Cientotres. Lorenzo de Mancor de Valle war dort. Man erkannte sich. Ich sagte, wolle nur am letzten Abend ein letztes Getränk. Ich saß natürlich in der Raucher-Lounge. Lorenzo schoss mir einen Cientotres ein ohne Limit. Es quoll nur so. Ich bestellte mir noch eine Cana und da sagte Lorenzo, er würde mir am Ende noch einen „Pfiff“ erteilen. „despues“, also später, heißt das. Als er dann kam, um mir meinen Pfiff zu geben, liefen uns fast die Tränen, denn den Alten mochte ich, Lorenzo de Mancor del Valle, wir fielen uns um den Hals.
    Wenn das kein Abschied ist.
    La Alma del Restaurante! Die Seele des Restaurants.

     

    Heimreise 18.02.16:

    Knallsonne, kein Wind. Packen und aufräumen im Nu.
    Die liebste aller meiner Ehefrauen hatte ihren Schlüssel bereits am Vorabend auf den Abreisetisch gelegt. Wir sollten beide Schlüsselpaare in den Briefkasten werfen.
    Der stand die ganze Zeit offen, mit unseren Schlüsseln nicht abschließbar.
    Immer, immer befand sich mein Schlüssel in meiner rechten Hosentasche.
    Jetzt nicht mehr.
    Ungläubig suchte ich alle Taschen durch. Nix.
    Na ja, wenn der Briefkasten eh offen steht . . .
    Die liebste aller meiner Ehefrauen feixte. War es sie doch, die immer ihre Schlüssel suchen musste und nun ich, am Abreisetag hatte den Schlüssel nicht mehr.

    Nun ja, die Sonne schien und wir suchten das kleine Lokal an der kleinen Bucht auf, von dem man auf den Hundestrand schauen konnte und die Wellenreiter beobachten.
    letzter Blick
    Wir hatten vier Stunden Zeit. Drei davon kosteten uns je 10 Euro an Verzehr. Die vierte war frei. Und die Sonne lief beobachtbar ihre Bahn und wir beobachteten sie – eigentlich waren es die Schatten, die liefen. Zeit haben wir ja alle bis zum Abwinken. Oder bis zum Abflug.

    Wir genossen die Sonnenwärme, den Duft der Küste Mallorcas, die Bilder wellenreitender und inzwischen auch keitsurfender Punkte, die Personen waren. Wind war aufgekommen. Leider Wind vom Norden, weshalb wir auch gen Norden starten mussten und unsere Buchte nicht mehr von oben sehen konnten. Wir ließen sie sozusagen hinter uns und stiegen in ein neues Leben auf in den Himmel. Oder in das alte? Nun, dazu hatten wir vom Bordrechner errechnete 2 Stunden und zehn Minuten.

    Gerade hatte man sich an die neuen Abläufe gewöhnt, die Stellung der Möbel im Apartment, die Küche, die Toilette etc. und nun? Wieder umlernen, zurück lernen an ehemals alt bekanntes. In den zwei Stunden Heimflug gelang es nur schwerlich.

    Zu Hause brauchte ich nicht mehr alles ins Spanische zu übersetzen, was mir anfangs schwer fiel, obwohl einer unserer Ladenbesitzer, bei dem wir unser täglich Wasser und Bier holten, Senegalese war, an dem ich mein verstaubtes Französisch ausprobieren konnte und er mich lobte, denn er kannte keinen Deutschen, der seine Sprache sprach – dieser Senegalese hielt mich vor Abreise auf und gab uns zwei Heineken und eine Flasche Sprudelwasser als Geschenk auf den Weg.
    Sowas ist mehr als die Sonne, die man empfing.
    Was speist man lieber in einem Air Berlin Flug auf der Heimreise als Currywurst. Die kommt aus Sylt, vom Koch der „Sansibar“. Mit extra Curry. Hervorragend! Bier ist Bitburger, dann freut man sich doch auf ein Berliner Kindl!
    Der migrationsbehaftete Taxifahrer lenkte sein Fahrzeug (Mercedes) genau so souverän wie der von Can Pastilla zum Flughafen von Palma (3 km).
    Daheim ist daheim, meint man. Es war kalt in der Wohnung. Zu essen gab‘s auch nichts. Für heute muss die Sansibar-Currywurst reichen.
    Übrigens: In dieser Soße sind Zwiebeln. Grandios! Müsste mal einer drauf kommen!

     

    Der Tag danach:

    Immer, wenn ich aus dem Fenster schaute, erwartete ich die beiden Buchten zu sehen. Was sah ich? Die U-Bahn-Treppenbaustelle gegenüber. Bierexpress im Lichterglanz, davor meine Tonne und ich dachte sehnsüchtig an die Tonne in der Sonne auf Mallorca. Auf dem Balkon in der achten Etage, in dessen Fenstern sich die Segler spiegelten und von dem wir auf ein Kunstwerk schauen konnten, was da war: Vier Buchstaben auf die Wellenbrecher genagelt, beides aus Eisen, also rostend, die ich zunächst nicht verstand: VENA. Allerdings war das A ein umgekipptes T, wie ich später sah. VENT ist das mallorquinische Wort für WIND.
    In den zwei Tagen Sturm, die wir hatten, hatte sich das A, was eigentlich ein T war, zu einem I verformt, es waren Seiten abgefressen und abgebrochen vom Wasser und vom Wind.
    VENT
    Was sagt uns das? Alles ist in Veränderung begriffen, ob es will oder nicht.

     

    Nun sind wir wieder zu Hause und verändern uns langsam und leise, bis wir . . .
    uns zuende verändert haben.
    Reisen kann bilden.
    Jeder bringt Bilder mit sich nach Hause, im Innern oder auf den Medien.
    Die inneren vergisst man nicht.

    -Ende-

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  • egot24 16:28 am 11. December 2010 Permalink | Antworten
    Tags: Mallorca, unglaubliche Begegnung   

    Mein Gott 

    – Ein ziemlich wahres Erlebnis einer unglaublichen Begegnung – © 1989 Toge Schenck

    Ich hab etwas, was Du nicht hast. Ich habe einen eigenen Gott.

    Er sitzt bei mir zu Hause auf der Anrichte im Wohnzimmer, im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses. Er ist nicht besonders groß, auch nicht klein, doch ist Er allmächtig. Ihn zu beschreiben wäre ein unmögliches Unterfangen, denn Er erscheint jedem Betrachter jedes Mal anders in Form und Farbe. Wie ich in seinen Besitz kam? Jedes Mal, wenn ich versuche mich daran zu erinnern, überfällt mich eine andere Geschichte, diesmal folgende:

    An der Stelle, wo sich jetzt der Gott befindet, hatte ich einst eine gläserne, unglaublich gelbe Vase stehen. Billig hatte ich sie bei einem Trödler erstanden, der mir vergeblich versicherte, sie bestünde aus wertvollstem Murano-Glas.

    Eines Samstages im Mai – ich las gerade die abenteuerliche Geschichte des mathematischen Rätsels um Fermat’s letzten Satz von Simon Singh, störte mich ein kurzes klirrendes Geräusch. Ich schreckte hoch, sah mich um, konnte aber nichts feststellen. Um so größer mein Erstaunen am nächsten Morgen: Dort, wo die Vase gestanden hatte, befand sich ein Häufchen gelben Blütenstaubes. Keine Glassplitter, wie ich dachte, sondern reiner Blütenstaub, trotz der Tatsache, dass sich in meinen Räumen nie eine Blume in der gelben Vase befunden hatte. Freunde hatten sich für heute zum Besuch angesagt. Das wäre doch eine unglaubliche Geschichte für sie, dachte ich und ließ das unscheinbare Häuflein liegen sehr darauf achtend, dass kein Durchzug entstand, der den primelgelben Haufen vernichten konnte.

    Als die ersten Gäste eintrafen, zeigte ich ihnen sogleich die seltsame Verwandlung der Vase. Mir schien das Häuflein angewachsen zu sein. Nach und nach träufelten die Gäste ein und ich musste manche der weiblichen Vertreter unter ihnen davon abhalten, den „Dreckhaufen“ leichthändig fortzuwischen. Nun stellten die ersten Gäste erstaunt fest, dass das anfangs recht unansehnliche Häuflein sich zu einem bemerkenswerten Kegel vergrößert hatte. Fasziniert standen wir alle um die Blütenstaubpyramide herum, als Axel, ein besonders neugieriges menschliches Exemplar, seinen Zeigefinger mitten hinein bohrte. Dies hinterließ ein kreisrundes Loch in der Pyramide sowie gelben Staub auf dem Finger. Axel führte den Finger zur Nase und sog kräftig die Pollen ein. Für den Rest des Abends saß er schweigsam in der Ecke. Wir anderen zechten und lachten und erzählten uns manche unglaubliche Geschichte, von der wir gehört hatten. Es muss wohl gegen Mitternacht gewesen sein, als plötzlich Axel sich aus seiner Lethargie löste,  wie in Zeitlupe aufstand, zur Anrichte ging und sich hinkniete.

    Da sahen wir Ihn.

    Die Staubpyramide war verschwunden, dafür saß nun Gott an ihrer Stelle.

    Sofort erstarben alle Gespräche und ein jeder ging zur Anrichte und huldigte dem Gott.

    Dass es sich wirklich um Gott handelte, war zweifelsfrei. Jeder, der Seiner ansichtig wurde, identifizierte Ihn sofort als denselben und fasste sogleich eine starke Zuneigung zu Ihm.

    Die Besuche meiner Freunde bei mir in der nächsten Zeit häuften sich, auch Freunde und Bekannte meiner Freunde kamen, um Ihn zu sehen. Diese erzählten es wiederum weiter, so dass ich bald einen Terminplan zur Besichtigung meines Gottes erstellen musste. Schlimmer noch: Die Medien erfuhren von meinem Gott, besuchten Ihn und berichteten von Seiner Existenz. Durch den zunehmenden Besucherandrang sah ich mich gezwungen, meinen Tagesjob aufzugeben. Inzwischen hatte sich eine Currywurstbude unweit meines Hauseinganges etabliert, um Hunger und Durst der nun schon aus dem Umland Anreisenden zu stillen. Axel hatte sich zwischenzeitlich zum Faktotum des Gottes gemacht, säuberte die Wohnung, reinigte sie von den Spuren der Besucher, kümmerte sich um den reibungslosen Ablauf beim Huldigen und Beten.

    Irgend eine Zeitung musste erwähnt haben, Reis sei meinem Gotte zuträglich.

    Somit wurden die Pilger in den Glauben versetzt, den Gott mit Reis und Blumen überschütten zu müssen, was mich in die missliche Lage brachte, die Flut der Blumen entsorgen zu müssen und die Reispakete im Keller zu stapeln. Fatal an der ganzen Angelegenheit war, dass in den letzten Monaten meine Ersparnisse aufgebraucht waren und ich zwar vor Reis und Blumen strotzte, mir aber kein Steak und kein Getränk außer Wasser erlauben konnte.

    Die Miete lief weiter, der Winter stand bevor. Es musste dingend eine Änderung her.

    Vorgestern kam Axel auf die fabelhafte Idee, Geld statt Naturalien als Opfergabe zu fordern. Ich war entsetzt: Gott mit Geld abspeisen! Ich beschimpfte Axel kurz als atheistisches Kapitalistenschwein, bis mir Freunde klarmachten, dass sich hinter dieser Idee doch einige Vorteile verbargen. Endlich könnte ich mir lebensnotwendige Dinge wie Zahnpasta und Dosenbier kaufen. Kurzentschlossen ließ ich verbreiten, der Geschmack meines Gottes sei in einem Wandel begriffen und er erbäte sich von seinen Gläubigen ab sofort nur noch Geldopfer (Schmuck, Gold und Wertpapiere natürlich inbegriffen).

    Mit dem ersten Geld kaufte ich mir eine schmucke Jugendstilkasse mit wohlklingender Glocke und ließ die angesammelten Zentner Reis an die Armenküche transportieren. Entgegen meiner anfänglichen Befürchtungen nahm der Andrang der Gläubigen zu: Ein Gott, der Geld nimmt und selbst vor Wertpapieren nicht zurückschreckt, beweist offenbar modernen Geist, steht mitten in der Zeit.

    Von anderen Sekten Enttäuschte reisten zunehmend zu meinem Gott, ja selbst aus dem indischen Goa sowie aus dem amerikanischen Oregon liefen sie haufenweise zu meinem Gott über. An den hiesigen Flugplätzen war meine Anschrift angeschlagen, die Fahrer und Schaffner öffentlicher Verkehrsmittel kannten meine Adresse auswendig, jeder Fußgänger, der auf der Straße angesprochen wurde mit den Worten „Wo befindet sich -“ streckte den Arm sofort in Richtung meiner Wohnung.

    Gestern, nachdem ich sechzehn Stunden hinter meiner Kasse verbracht hatte, fand ich endlich einmal Zeit, meine eigene Anrichte zu besuchen. Axel hatte gerade die letzten Spuren beiseite gefegt und war gegangen.

    Mein Entsetzen war unbeschreiblich: Mein Gott war verschwunden! An seiner Stelle erhob sich die altbekannte gelbe Staubpyramide und ich vermeinte, sie werde geringer und geringer.

    Heute morgen hatte auch sie sich in Nichts aufgelöst.

    In wenigen Minuten sollte der alltägliche Ansturm beginnen. Als erstes kam Axel. Ich führte ihn schweigend ins Wohnzimmer vor die Anrichte. Er kniete sich hin, als sein nichts geschehen. Es begann schon ein Tumult auf der Treppe. Was sollte ich den Gläubigen erzählen, wie ihnen erklären, dass es meinen Gott nicht mehr gäbe?

    Angstschweiß auf der Stirn, öffnete ich die Tür, die ersten zehn zwölf Gläubigen warfen mir Geld- und Wertpapierbündel zu und eilten zur Anrichte, ohne dass es mir gelang, ihnen die Schreckensbotschaft mitzuteilen. Dem Dreizehnten rief ich hinterher: Mein Gott hat sich aus dem Staub gemacht! Er reagierte nicht darauf. Weitere Pilger strömten Geldscheine schwingend vorbei. Axel kam zu mir, wohl um mir das mitzuteilen, was ich schon lange wusste. Nein, er bat mich nur, die nächsten Besucher aufzuhalten, der Raum sei bereits überfüllt. „Axel!“ sagte ich, „Der Gott ist doch fort, er hat sich über Nacht aus dem Staube gemacht!“

    Er rief: „Wie kommst Du denn darauf? Schau doch hin, dort sitzt er doch wie eh und je!“

    Mit wenigen deutlichen Worten machte er mir klar, dass dort, wo ich nichts mehr sah, Gott in all seiner Reinheit und Größe, seinem Glanz und seiner Glorie anwesend sei.

    Es durchzuckte mich: Sollte sich mein Gott ausgerechnet nur mir entziehen?

    Gleichzeitig  wurde mir klar, was ich zu tun hätte.

    Ich erhob Axel in den Bischofsstand und stellte ihn an die Kasse.

    Vor zwei Stunden war ich bei einem Notar, dort habe ich meine Wahrheit hinterlegt.

    Zur Zeit sitze ich im Flieger nach Mallorca. Ich habe mir dort eine Finca gekauft. Vom Rest des Geldes lässt sich noch einige Zeit gut leben. Wie sehr auch mein Konto anschwellen wird – ich wasche meine Hände in Unschuld, wenn ich auch, ehrlich gesagt, etwas Furcht habe vor der Rache meines Gottes.

    -Ende-
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