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  • egot24 15:50 am 21. August 2011 Permalink | Antworten
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    Bierexpress am Mehringdamm 

    „Sind’se in Berlin, kommen’se zum Mehringdamm! Da erleben’se den weltbekannten Bierexpress, gleich neben dem Curry 36. Dufte Kneipe. Hier verkehrt alles mit Rang und Namen aber ebenso auch ohne beides. Nehmens’e mich. Hab ´nen Namen, aber keinen Rang. Will ja keinen benennen, aber hier war jeder schon. Selbst unbekannte Leute nehmen die Kneipe in Angriff. Und det zu Recht!“

    Dies schrieb ein unbekannter Autor schon vor vielen Jahren.

    Und ich kann dem nur zusprechen, die Kneipe lohnt sich, es ist immer etwas los, tolle Leute von hier, von dort, selbst aus Amerika, England, Kroatien und Russland kommen sie extra hierher. Hier treffen sie auf Publikum, von dem sie immer gedacht hatten, das gibt es nicht. Da sitzt mal ein Schauspieler neben dir, dann einer aus deinem eigenen Land, von überall her treffen sich die Menschen, um hier zusammen zu sein, zu reden, zu trinken, zu lachen. Und: Essen darfst du mitbringen, von nebenan, Curry36 oder von der anderen Seite: Mustafa’s Gemüsedöner oder sonst wo. Hier sein ist alles, kommunizieren kannst du so viel du willst. Kannst auch in die Wii-Lounge gehen und ein bisschen spielen oder von den Spielautomaten dein Glück fordern.

    Der zugereiste Inder spielt gerne am Automaten, der Spanier sitzt vorm Lokal unter der Markise und liest sein Buch, der Franzose hat sich eine japanische Frau angelacht und freut sich, wenn du beiden ins Englische übersetzen hilfst. Vor kurzem fragte mich freundlich ein Husky, wo denn sein Eskimo-Herrchen geblieben sei. All so was gibt es im Bierexpress. Tagtäglich, allabendlich, und sogar nächtlich.

    Dann noch die Geschichten, die die Einheimischen bieten:

    Hörenswert, fast schon lesenswert: Da knallt hier immer ein Typ rein, ziemlich unauffällig, mit roter Mütze und erzählt von einem rauschebärtigen „Taliban“, den er kennengelernt hätte, der Haban heißt und der sich hier in langem Mantel ziellos herumtreibt.

    Er spricht von aufkeimenden oder versinkenden Existenzen, die den Boulevard beleben.

    Es gibt Geschichten: Der Trinker, der hier sein Heil sucht, obwohl er es schon heillos vertrunken hat; die ehemalige Kiez-Größe, deren Krone schon lange in der Vergangenheit versunken ist, der sogenannte Professor, der seinen Titel nur seinem Erscheinungsbild zu verdanken hat und das Genie, das hier ständig aufläuft, um die wahren Werte seiner Unscheinbarkeit glorreich anzupreisen. Das gibt es zwar in jeder Großstadt, aber so, wie hier, am Mehringdamm in Berlin, ist das noch nie gesichtet worden. Und die Spitzen all dieser Größen treffen sich wo? Im Bierexpress. Kommste nicht drum rum. Biste mittendrin. Nun, alles gehört dazu. Kreuzberg ist keine Waschküche sondern ein Meltingpot, heißt wohl Schmelztiegel oder so.

    Hier treiben sich Leute herum, von denen Sie noch nie gehört haben und Leute, die Sie aus dem Fernsehen kennen oder sogar aus der Politik. Alles Berliner. Oder gewordene. Wer in Berlin lebt, wird schnell ein Berliner, wer in Kreuzberg lebt, wird noch schneller Kreuzberger. Weil Kreuzberg gut tut. Und was gut tut, merkt schnell ein Tourist und fühlt sich wohl. Besonders im Bierexpress.

    Traf ich vor kurzem hier draußen einige Iren. Die saßen da und tranken. Nach einiger Zeit hatten sie Hunger (was ja verständlich ist). Sie fragten, ob es etwas zu Essen gäbe. Nein, meinte die freundliche Bedienung. Nebenan! Sie meinte entweder Curry 36 oder Mustafa’s Gemüsedöner. Freundlich, wie Iren nun mal sind, fragten sie, ob sie sich was holen könnten und hier weiter trinken. Wie lautete wohl die Antwort? Nun: Jawohl! Die Iren blieben, bis die Tische hochgestellt wurden, lachten und sangen Lieder, deren Texte keiner verstand, aber deren Inhalt durch das gesteigerte Gelächter immer zweideutiger, mir dadurch klarer wurde.

    Bierexpress ist einzigartig! Und wer es nicht glaubt, soll einfach mal herkommen! Die Zeit ist reif! Übrigens nennt man den Kreuzberger „Bierexpress“ in Texas schon „BX“. Let’s go!!!

    Und morgen sitzt hier vielleicht die weltberühmte Sängerin Anna N. mit einer Currywurst. Wollen Sie da fehlen?

    Bierexpress am Mehringdamm. Das ist die Adresse. Taxi und U-Bahn direkt vorm Haus. Tolle Cocktails gibt es auch noch – und wenn Sie wollen, ein erfrischendes Gespräch mit der Wirtin.

    -weitere Geschichten-

     
  • egot24 13:40 am 15. June 2011 Permalink | Antworten
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    Karneval der Kulturen am Mehringdamm 2011 

    Ein spezieller Ein- und Ausblick von oben.

    Es war schon heftig, die Musik von gegenüber, von nebenan, von rechts und links, von dort und da – alles auf  „unserem“ Mehringdamm, dem „Ku’damm von Kreuzberg“. Die letzten Jahre war der Mehringdamm am Pfingstsonntagnachmittag zwar auch für den Verkehr gesperrt und war als Zwischenspurt zwischen dem Festplatz und der Umzugsmeile genutzt. Sicher hatte der eine oder andere anliegende Gewerbetreibende ein paar Cocktails angeboten, ein bisschen eigene Musik vorm Haus, da stand auch mal ein Eiswagen.

    Der Mehringdamm war noch befahrbar, die Massen strömten von der U-Bahn zum Festplatz, dem Blücherplatz. Wie jedes Jahr.

    Etwas war jedoch anders:
    Der Spätkauf des Metropol Hostel baute auf der Ecke links in der Einfahrt neben dem Finanzamt ungeheure Mengen Alkoholika auf, hinter der Einfahrt rechts baute ein wohl Privater ein Musikzelt und meterweise Getränkeangebote auf, auch ein Grill qualmte, wie nur ein Grill qualmen kann. Laute Musik erscholl aus der Einfahrt.
    Samstag war in der Einfahrt große Party.

    Sonntag: Gegen 14:00 Uhr wurde –wie jedes Jahr- die Kreuzung Mehringdamm gesperrt, aus den U-Bahnstationen quoll jede Menge Schaulustiger, um sich an der Umzugsmeile Gneisenau-/Yorckstraße noch ein Plätzchen zu sichern.

    Das Gewusel der Leute nahm zu, einige gingen zum Festplatz andere kamen zurück, alles ganz entspannt. Immer mehr Bierflaschen in den Händen immer jüngerer Leute, Zeitgeist, Zeitungeist – wer weiß. In Holland ist das verboten und wird schwer geahndet, wie uns Holländer erzählten.

    Sonntagmittag bahnte sich etwas Neues an:

    Zusätzlich zur Einfahrt wurden nun ca. 20 m Tische entlang des Finanzamtes aufgebaut, Kisten geschleppt, zwei Grillstationen angeschlossen, Fähnchen gehängt.

    Das Gedränge nahm zu, ebenso der Lautstärkepegel der Musikanlagen gegenüber. Bald sollte noch ein anderer Pegel steigen, einige begannen schon mit der Einleitung, manche mögen ihn auch schon jetzt erreicht haben.

    Eine solche Party wie hier gegenüber, gab es noch nie – die Straße war voll wie noch nie.

    Die Straßenreinigung sollte um die Situation seit Jahren wissen, sie hätte vielleicht vorsorglich einige große Müllcontainer aufstellen können. So aber sind alle Müllbehälter überfüllt, der Abfall liegt am Boden und wo schon was liegt, wird kräftig dazugeworfen. Viele suchen ja nach Abfallbehältern, aber wenn keine da sind . . .

    So sah es gegen 17:00 Uhr aus:

    Nein, mit der Lautstärke hatten (wir zumindest) kein Problem. Doppelfenster mindern. Und wir wissen schließlich, wo wir leben. Anders die Neuzugezogenen. Sie wollen mitten in einem tollen Kiez leben, aber ihre Ruhe haben. Sie sind für Lebendigkeit, aber nur dann, wenn sie es wollen. Da werden hier im Kiez Altbauwohnungen saniert und als Eigentum verkauft. Die Käufer hören von dem tollen Kiez, sollten sich vielleicht auch informieren, was und wie es da zugeht, aber nein, sie kommen z.B. aus Schwaben und wollen ihre schwäbische Ruhe im aufregenden Kiez. Kannste nix machen. So sind die Leute.

    Letztlich ist es unbeschreiblich, was sich hier – unweit vom Festumzug (ca. 90 Meter entfernt) abspielte.
    Es war eine Partymeile für sich, was sich in diesem Jahr hier entwickelte.
    Auch zum Festplatz hin strömten noch die Leute:

    Party en Gros, der Mehringdamm nicht mehr nur Zulaufsteg zum Umzug, sondern ein erheblicher Erlebnis- und Spaß-Laufsteg, der den Umzug gar nicht brauchte, für sich selber feierte und den grandiosen Festumzug einfach 90m links liegen ließ. Die Wogen tanzten im Hof des Finanzamtes, immerhin zu hörenswerter Musik und nicht das andauernd dumpfe DUM-DUM-DUM-DUM, wie es die Love-Parade stundenlang bereithielt.

    Streetdancer und Akrobaten nutzten den Platz auf dem Mehringdamm und boten ein tolles Programm, auch eine junge Dame mit Fußball zeigte ihr ballartistisches Können:

    Mit Braekdance, akrobatische Kunststücken, Artistik vom Feinsten unterhielt die Gruppe mit nur kurzen Pausen stundenlang das Publikum. Hoffe, sie fanden genug Anerkennung im herumgereichten Hut.

    Immer neue Straßenhändler gesellten sich dazu, jeder wollte einen schnellen Euro verdienen:

    Gegen 20:00 Uhr war die Party gegenüber heißgelaufen, der Müll tat sein Bestes, sich zu verbreiten:

    Mehringdamm voller Leben.

    Und die Flaschensammler hatten alle Hände voll zu tun:

    Das Wetter war gut, die Stimmung noch besser und so ließ man sich häuslich nieder, tratschte, sang und verbreitete gute Stimmung.

    Viele blieben bis spät in die Nacht.

    Einige vom Umzug suchten noch einen Umtrunk:

    Den fanden sie ganz bestimmt noch.

    Jetzt wurde es dunkel, aber feiern kann man auch dann. So taten es noch einige.

    Mal kurz aus dem Fenster geschaut (01:56): Jede Menge noch los, keine Volksaufläufe mehr, eher Gelblicht der Straßenreinigung, Blaulicht von Polizei und Rotkreuzwagen (wohl Schnapsleichen), Menschen, die von Hand die Fußwege vom Müll befreien.

    Je später die Nacht, desto promilliger, ach was, prozentiger die Dauertrinker.

    Und schon gab es Zoff! Geschrei direkt vorm Haus. Ich konnte beobachten, wie die Polizei geschwind auf den Herd des Geschehens zulief: „Spätkauf 36“, der kästenweise Bier vor der Haustür verkauft und – natürlich – Caipi.

    (Wie die zu ihrem Namen kamen, ist unklar, weder ist es die Hausnummer 36 noch der Stadtteil „Kreuzberg 36“, vielleicht in Anlehnung an „Curry 36“?).

    Genau beim „Spätkauf 36“ hatte sich eine Gewaltaktion entwickelt. Ein BRAVO für unsere Polizei, ca. zwölf Beamte (Abteilungen A2, A3) waren rasch zur Stelle, trennten wohl sieben ineinander verkeilte Streithähne schnell und sauber voneinander, zwei Frauen schrien noch vor Angst. Ein Großes Lob der Polizei. (Ich habe mit Absicht keine Fotos gemacht).

    Nachdem alles einigermaßen beruhigt war, stellten sich einige Unbeteiligte, dafür Besoffene, Bierflaschen schwenkend in sicherer Entfernung hin und provozierten die Polizei („Ich kenne den, der Deine Frau fickt!“). Die Beamten reagierten überlegen und ruhig, gingen auf die Deppen gar nicht ein. So schnell sie gekommen waren, waren die Beamten nach der Klärung wieder weg. Hochachtung!

    Gelblicht der Straßenreinigung, etwas Blaulicht der Polizei und dreier Rettungswagen (wohl nur Schnapsleichen). Und überall noch kleine Grüppchen Unermüdlicher in Feierlaune. Die Gespräche wurden deutlich lauter, die Bewegungen fahriger. Flaschenklirren.

    Irgendwann waren die einzigen Geräusche die der Straßenreinigung.

    Montags war alles wie geleckt.

    © Toge Schenck 2011

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  • egot24 20:46 am 21. May 2011 Permalink | Antworten
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    Linke auf dem Mehringdamm 

    21.05.2011

    Eine Woche nach der Demo der Rechten kamen die Linken. Angekündigt. Und wieder hatte ich das Glück, zumindest das Ende der Demonstration zu beobachten, nachdem vorher in der rbb-Abendschau verkündet wurde, dass diese Demo bislang friedlich geblieben war. Eine Stunde vorher hatten sie Parolen auf der Kreuzung Gneisenaustr./Mehringdamm gebracht, waren dann aber nach Süden gen Tempelhof gezogen.

    Plötzlich war die Demo vor unserem Haus: Polizeigebleitet, aber Polizei mit Helmen in den Händen, nicht auf dem Kopf und bei weitem nicht in der Menge wie letzte Woche:

    Aufschrift auf dem Transparent: Gegen Faschismus und Staatsgewalt.

    Eigentlich Blödsinn, denn was hat (unsere) Staatsgewalt mit Faschismus zu zun?

    Gemeint war (wie dann aus Sprüchen hervorging), dass man meinte, die Polizei dürfe eine Demo der Rechten erstens nicht gestatten, zweitens nicht schützen. Wie stellt sich die Antifa das vor? Einseitiges Verbieten? Entweder Demonstrationsrecht oder nicht! Wenn dann gegen herrschendes Gesetz verstoßen oder Gewalt angewendet wird, dann muss die Polizei (Staatsgewalt) einschreiten.

    Hier noch atmosphärische Aufnahmen (wenn auch unprofessionelle):

    Die Aufstellung der Polizei hatte schon eine andere Qualität als vorige Woche: Nachzulesen und zu schauen unter: Nazis auf dem Mehringdamm

    Dann wurde die Demo durch den Veranstalter beendet, es wurde zum ruhigen Heimgehen aufgerufen und es boten sich lockere Bilder:

    Zum Abschluss wurde noch ein vermutlich südamerikanischer Song gespielt, dann ging locker und lautlos die Demo in die Vergangenheit.

    Notwendiges Nachwort: Demo ist nicht gleich Demo. Aber alle Teilnehmer, Befürworter und Gegner sollten Ruhe und Respekt vor dem anderen bewahren. Um das zu gewährleisten ist die geschmähte Staatsgewalt in Form von Polizei dabei! Was wären die Bürger ohne Polizei? Hilflos ausgeliefert. Das war das Wort zum Sonntag.

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  • egot24 14:39 am 16. May 2011 Permalink | Antworten
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    Nazis auf dem Mehringdamm 

    14. Mai 2011

    OIOIOIOIOI, war heute am Mehringdamm was los!

    Samstag und mal schönes Wetter, wie man es sich wünscht, ich stand in meinem Erker und rauchte eine. Da sah ich den einen und anderen und sogar noch die nächsten Einsatzwagen der Polizei vorfahren. Einige versteckten sich hinter dem Finanzamt. Andere hielten auf dem Mehringdamm. Standen so rum. Ich ging kurz runter, um mir was zum Frühstück zu besorgen. Da  hatte sich vor unserem Haus und auf dem gesamten Mehringdamm etwas deutlich verändert. Alles voller Polizei, die Straße abgesperrt. Man hörte laute Rufe.

    Dann ging es richtig los: Lautsprecherdurchsagen, skandierte Sprüche. Und ich war mitten drin und konnte nichts sehen. Ich ging in Richtung der Geräusche, Richtung Finanzamt. Alles gesperrt, auch für Fußgänger und Radfahrer. Die skandierten Sprüche konnte ich nicht genau verstehen. Auf einmal waren wesentlich mehr Leute als vorher auf der Straße, es erschallten Rufe „Nazis raus!“ Ich entschied mich, wieder in meiner Erker zurückzukehren.

    Oben angekommen, machte ich die Fenster auf. Da kam eine Horde Radfahrer an, wild schreiend, hin zur mit Polizeifahrzeugen verbarrikadierten Fläche. Vor unserem Haus Unmengen Leute. Und immer wieder skandierte Sprüche, die ich auf die Entfernung nicht verstand. Ich sah folgendes:

    Genauer hingesehen, sah ich, dass sich, getrennt von einer Gitterabsperrung eine verhältnismäßig kleine Gruppe aufgeschart hatte, mit Berlin Fahnen in der Hand:

    Auf dem vorderen Transparent stand: „Wahrheit macht frei!“

    Neonazis, die so tun als ob sie Berlin vertreten (Fahnen). Gegenüber die anderen, schnell per SMS, Handy, Facebook etc. hinzugerufene Leute verschiedenster Couleur: Linke, auch normale Zuschauer aber auch „Autonome“, die eh auf Krawall aus sind. Hier in Kreuzberg (alles Linke und Grüne) wollen die Rechten demonstrieren? Reine Provokation. Die Polizei hat nun die Aufgabe, diese (von wem auch immer genehmigte) „Veranstaltung“ vor Übergriffen (besonders der Autonomen) zu schützen! Mitten unter den Nazis stand ein Lautsprecherwagen und verbreitete alte deutsche Lieder.

    Man sieht, sie stehen direkt am Eingang eines U-Bahnhofes. Plötzlich – wie auf ein Zeichen hin – rennen sie alle zum dortigen U-Bahnhofeingang und verschwinden darin:

    und kommen direkt wieder aus dem anderen Eingang raus:

    und sammeln sich vorm „Bierexpress“ und Curry 36:

    Damit hatte die Polizei nicht gerechnet und musste nun schnell handeln: DENN SIE MÜSSEN JA DIE RECHTSEXTREME DEMO SCHÜTZEN!!!

    Die Autonomen und alle, die gegen die Rechten waren, sind schnellstmöglich auch zu dem Punkt gelaufen, haben sich auch Reibereien mit der Polizei eingehandelt:

    Schließlich sah es so aus: Die Nazis mussten die Berliner Fahnen herunternehmen. Der Veranstalter sagte die Demo kurzfristig ab. Nur: Die Nazis kamen nicht weg, waren umzingelt von Leuten. Da baute die Polizei eine Gasse zum gegenüberliegenden U-Bahneingang, worin die Nazis sich zurückzogen, nicht ohne mit Tomaten und Plastikflaschen beworfen zu werden.

    Wir erfuhren dann, dass auf der U-Bahnstation die Leute aus einigen Zügen nicht aussteigen durften, die Züge wurden durchgewunken; in einen der nächsten kamen dann die Nazis rein. Keiner durfte in der Zwischenzeit in den Bahnhof oder aus ihm heraus.

    Hier noch ein Foto der Absperrkette:

    Kurze Zeit später war alles wieder Friede, Freude Eierkuchen, wir saßen drüben im Bierexpress, tranken uns einen und zählten die Tomatenflecken auf der Fahrbahn.

    Nachschrift: Von der Polizei erfuhr ich, dass es einige aggressive, gewalttätige Linke gegeben hatte, die wegen Flaschenwerfens und Schlägerei vorübergehend festgenommen wurden.

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  • egot24 11:40 am 27. January 2011 Permalink | Antworten
    Tags: , Kneipe, Kreuzberg,   

    Yorckschlösschen 

    alles ist voll, verrucht, verraucht,

    die Kneipe ist am Bersten

    das, was der Mensch so manchmal braucht

    findet er hier am ersten:

    Tratsch, Weiber, Alkohol und Jazz

    Walküren, Pomeranzen,

    und wird’s ihm heiß unterm Gesäß

    dann schwingt er’s Bein zum Tanzen

    da gibt’s den Arzt, den Philosoph,

    den Stänkerer, den Stieren,

    man streitet übers Apostroph

    und lästert bei den Bieren

    und ist die Nacht verdampft im Schwall

    unzähliger Geschichten,

    wir woll’n nicht geh’n! auf keinen Fall!

    ein letztes Bier noch sichten!

    steht dann das letzte Bier bereit

    und sagt uns: „Auf! Verzichten!“

    da stellen wir die Beine breit

    und sagen: „Nein! Mitnichten!“

    doch! greift uns Flügelpaargefieder

    dann gehn wir heim

    und ganz geheim

    im Zimmer greifen wir zur Feder

    und wie von wolkenem Katheder

    entzünden wir die schönsten Lieder!

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  • egot24 02:18 am 20. January 2011 Permalink | Antworten
    Tags: , , , Finanzamt, Konjunkturpaket 2, Kreuzberg, Steuergelder   

    Berlin Kreuzberg, Finanzamt 

    Wer liebt schon sein Finanzamt? Man liebt seine Kinder, seinen Job und vielleicht auch seine Frau.

    Das Finanzamt ging mir nie durch den Kopf, keinen Gedanken verschwendete ich daran. Warum soll ich auch einen Gedanken an irgendein Amt aufbringen?

    Bis ich jemanden traf. Beim Bier in der Kneipe, natürlich im Bierexpress am Mehringdamm, direkt neben Curry 36. Erst hatten wir uns nix zu sagen, dann fing einer von uns an, über Wetter, das Bier oder waren es die Preise?

    Er erzählte, er lebe mit Blick auf das Finanzamt. Ein wunderschönes Finanzamt. Früher sei es eine Kaserne gewesen, ein schöner Bau mit Türmen und Schießscharten, ein Bau der Abwehr. Heute sei es eben Finanzamt, ein Bau der Einnahme.

    Es dauerte eine zwanzigstel Sekunde, bis ich den Witz verstand.

    Und er wohnte gegenüber, ständig den Blick darauf, auf seine Türme, dessen mittlere zwei Fahnenstangen beherbergten. Daran hingen, manchmal flogen sie auch, Fahnen. Die deutsche und die berliner Fahne, an allen Feiertagen, bei Staatsbesuchen und wichtigen Anlässen. Er habe sich immer gefreut, wenn die Fahnen im Winde wehten, wenn er aus seinem Fenster schaute; dann hätte er immer gewusst, ah, jetzt ist ein Feiertag oder ein Staatsbesuch. Und da das Finanzamt auf der Strecke vom früheren Flughafen Tempelhof zum Regierungsviertel lag, konnte er sicher sein, nichts zu verpassen. Zum Beispiel die langen Eskorten von Polizisten auf Motorrädern, irgendwo dazwischen ein schwarzes Fahrzeug (da saß wohl der Prominente drin oder es war ein Trick und der gefährdete Prominente war in Tegel gelandet und fuhr mit der U-Bahn zum Kanzleramt), jedenfalls gewann er dem Anblick des Finanzamtes mit seinen Fahnen einen Mehrwert (Finanzsprache) ab und genoss ihn.

    Er schaute mich an und ich sah, wie seine Stirn in Falten ging.

    Dann, sagte er, war es Herbst, Scheißwetter, das Finanzamt sah zum Kotzen aus, der Sturm rüttelte an meinen Fenstern. Da sah ich, wie einer der beiden Fahnenstangen im Sturwind wankte, was heißt wankte, sie schwankte hin und her, ich dachte schon, sie würde den Turm umreißen. Ich suchte die Nummer vom Finanzamt, ließ mich mit der Verwaltung verbinden, schilderte meine Beobachtung, sagte dass die nördliche Fahnenstange aber ganz bedrohlich schwankte und ich es ja nur gut mit dem Finanzamt meine.

    Er schwieg und zündete sich eine Zigarette an, da wir im ersten Stock des Bierexpress saßen, in der Raucherlounge.

    Er wartete auf mein UND? Als es nicht kam, erzählte er trotzdem weiter:

    Ab sofort wurden keine Fahnen mehr aufgehisst. Der Hausmeister hatte fahnenfrei.

    Nach drei Monaten aber geschah es, dass mein Bierkumpan beobachtete, dass drei Leute auf den Türmen herumkraxelten, wild gestikulierend, hoch und runter zeigend, Maßbänder zückend, wichtig auf diesen und jenen Punkt deutend.

    Was soll die Geschichte, die er loswerden will, dachte ich und bestellte mir automatisch noch ein Bier.

    Dann, sagte mein Kumpan, dann, nach weiteren zwei Monaten sah ich ein Batallion von Arbeitern auf dem Dach und dem Turm des Finanzamtes. Sie stoben nur so herum, einige bauten die Fahnenstangen ab, andere waren tüchtig mit anderen Dingen beschäftigt. Auf der Straße vor dem Finanzamt fuhr ein Kran auf. Er hievte zwei nagelneue Fahnenstangen hinauf und holte die alten herunter. Dann hievte er andere, zunächst unkenntliche Dinge hinauf.

    Er sah mich traurig an und bevor ich ihm ein Bier bestellen konnte, bestellte er selber eines.

    Langweilig? fragte er mich. Nein, um Gottes willen!

    Dennoch redete er weiter: Als es fertig war, was die da angestellt hatten, sah ich, dass zwei neue Fahnenstangen da standen und zwei Treppen mit Geländer, die vorher nicht da waren, damit man leichter an die Anknüpfungspunkte für die Fahnen kommt. Ich freute mich. Ab jetzt werde ich wieder Fahnen flattern sehen und wissen, es ist Feiertag oder Staatsbesuch!

    Wie fragend blickte er zu mir.

    Jetzt fragte ich: Und?

    Er machte eine Kunstpause und sagte dann: Seit drei Jahren sehe ich keine Fahne auf dem Turm. Die nördliche Fahnenstange wackelt bei Wind immer noch bedrohlich und rumort im gesamten Hause, die Treppen sind nie bestiegen worden, der Hausmeister hat lebenslang fahnenfrei. Dafür haben sie in der Zwischenzeit das Dach neu gedeckt und das gesamte Gebäude ein halbes Jahr innen und außen frisch renoviert.

    Dann sagte er resignierend: Das Konjunkturpaket II machte es möglich.

    Und – nach einer Pause: Kein Wunder, es ist ja das Finanzamt, da sitzt ja die Kohle.

    Komm, sagte er, ich lade dich zum Bier ein, irgendwie muss das ja über unsere Steuergelder wieder reinfließen! Ich habe das Finanzamt so geliebt!

    Leider habe ich ihn nicht wiedergesehen.

    Man hat mir später erzählt, er sei der ehemalige Hausmeister des Finanzamtes gewesen.

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  • egot24 14:46 am 17. January 2011 Permalink | Antworten
    Tags: , , Billard, , Darts, Fußball, Großleinwand, Kreuzberg, , Raucherlounge, , Wii   

    Vogt’s Bierexpress 1+2 

    Vogt’s Bierexpress 1

    In Kreuzberg, dort am Mehringdamm
    da fängt so recht das Leben an
    der Bayer kommt, sogar de Hess
    und trifft sich im Vogt’s Bierexpress

    zum Fußball oder nur zum Bier
    es ist einfach gemütlich hier.
    Großleinwand-Fußball wird gebracht
    wenn’s sein muss, spät bis in die Nacht.

    Die Currywurst von nebenan,
    die darf man hier verzehren
    es ist nur ratsam, dann und wann
    dazu ein Bier zu leeren.

    Wer rauchen will ist kein Verbrecher
    im ersten Stock steh’n Aschenbecher!
    So lebt sich’s gut und ohne Stress
    am Mehringdamm, im Bierexpress

    Dort kann man trefflich Billard spielen
    mit Pfeilen um die Wette zielen,
    und oben gibt’s -ich lern es nie-
    ne separate Launch-Wii.

    Hier trifft sich manche Prominenz
    und manches Original
    man zeigt hier Fußballkompetenz
    beim Bierchen allemal

    und Biere gibt’s hier manche Sorten
    das findet man nicht allerorten
    und Cocktails, die man weltweit kennt.
    Der Service: Freundlich-kompetent

    Und fragt man mich, ob ich was wüsste,
    wo unbedingt man hingeh’n müsste,
    den schau ich an und sage kess:
    Ja, Mehringdamm, Vogt’s Bierexpress!

    Vogt’s Bierexpress 2

    Der Bierexpress, am Mehringdamm gelegen

    der zieht so manche Leute an – weswegen?

    Liegt’s an der Werbung? an der Wirtin? oder daran,

    dass vor der Tür der Ausgang ist der U-Bahn?

    Nein, weit gefehlt! Aus all Berliner Kreisen

    sieht man die Gäste hierher freudig reisen.

    Zum Beispiel: Detlef kommt von weit hierher,

    auch Jonas fällt es manchmal ziemlich schwer,

    die weite Strecke leicht zu überbrücken,

    doch lässt er sich sein Ziel niemals verrücken!

    Auch Norbert – er hat Kneipen um die Ecke –

    und geht trotzdem täglich die weite Strecke

    hierher, um hier in Ruh’ zu schnabulieren,

    mit Gästen klönen und zu fabulieren,

    auch Jürgen und Gerlinde finden stetig

    den Weg hierher – sie hätten es nicht nötig:

    sie wohnen über einer Kneipe gar!

    Auch Ulle, der sich nie an eine Bar,

    gestellt hat, fühlt sich äußerst pudelwohl,

    selbst einer, der ´ne zeitlang Alkohol

    vermieden hat, sie alle treffen sich

    im Bierexpress, oft gar an einem Tisch!

    Was soll die Frage nach wieso? warum?

    das Bier schmeckt hier, die Stimmung – und darum

    geht halb Berlin hierher in’s Bierexpress!

    Vergessen alle Sorgen, aller Stress!

    (c) Toge Schenck 2011
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  • egot24 02:09 am 16. January 2011 Permalink | Antworten
    Tags: , , , Kreuzberg,   

    Curry 36 – Doppelfolge 

    Curry 36 (offizielle Version)

    In Kreuzberg, gleich am Mehringdamm
    da stehen tausend Menschen an,
    da trifft sich ganz Berlin
    und jeder muss dahin

    Die Currywurst ist so perfekt
    schon beim Gedanken daran leckt
    die Lippen einfach Jedermann
    die Würstchen kommen blendend an

    Ob Tag ob Nacht, die Lampen glüh’n
    und Massen sieht man dorthin zieh’n
    die Warteschlange reicht vom Stand
    viel hundertmeterweit ins Land

    Senf, Ketchup, Mayonnaise fließt,
    die Schaschliks werden aufgespießt,
    Mund wässrig, Augen quellen über:
    Das Curry-36-Fieber.

    Die Polizei, die Feuerwehr
    sie kommen zügeweise her
    die Bein’ im Bauche warten sie
    doch dann geht’s ab tataa-tatü

    Die warme Wurst, sie darf nicht kalten
    heiß muss sie bis zur Wache halten
    dafür ist jedes Mittel recht
    (doch schmeckt die Wurst auch kalt nicht schlecht)

    Auch Touri-Gäste, Notarztwagen
    sie halten, um für ihren Magen
    die beste Currywurst zu holen
    klasse Geschmack für wenig Kohle

    Und das Geheimnis dieser Küche?
    Nicht nur die würz’gen Wohlgerüche
    auch für die satten Sprüche preis ich
    das dufte Curry 36

    © Toge 2003

    Curry 36 (private Version)

    Heut Nacht, Berlin am Mehringdamm
    stand ich für Currywürstchen an
    Die schaffen dort sehr fleißig
    im Curry 36

    Die Wurst war gut, das Bier wurd’ warm,
    sprach mich ein Herr im Mantel an
    ob ich der letzte in der Reih’
    ich sagte, dass ich satt schon sei,

    dass ich die Wurst genossen.
    Ihn hat es nicht verdrossen,
    bestellte gleich der Würste drei
    mit Ketschup, es war schon halb zwei;

    ein neuer Tag, so dacht ich grade,
    da trank er seine Schokolade.
    Jetzt fängt mein neues Leben an,
    sagt er, und gleich darauf begann

    zu reden er, er sagt, er sei
    der Chef der Bundesdruckerei.
    Doch diese will man jetzt verkaufen
    und er will sich draufhin besaufen.

    Mit Schokolade? Aber ja!
    Denn Alkohol, der würde gar
    Vom Ösophagus die Varizen
    und somit ihn sehr tödlich triezen.

    Zu deutsch, da schwebt ein Blutgerinn-
    sel mitten ihm im Halse drin
    und tränke er jetzt Alkohol
    sofort ereilt der Tod ihn wohl

    Sein Hausarzt schrieb ihn heut malade
    und darum trinkt er Schokolade
    wovon genug gelagert, weiß ich
    hier gleich im Curry 36.

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    • android tablet asus 20:07 am 20. Juni 2012 Permalink | Antworten

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  • egot24 14:56 am 25. December 2010 Permalink | Antworten
    Tags: , Chaos, Eis, Kreuzberg, Schnee,   

    Berlin Kreuzberg im Winter 

    Zweifellos bringt der Winter – so er denn weiß ist – optische Eindrücke fantastischer Qualität.  Schnee auf den filigranen Ästchen der Bäume, weiße, oft unberührte Flächen, ein grandioser Anblick, wohnt man im zweiten Stock und hat einen 270-°Ausblick auf den Mehringdamm und den Friedhof gegenüber dem Finanzamt. Der Verkehr geht fast geräuschlos vor sich, gedämpft durch die Schneemassen.

    Die sind es aber auch, die neben der erhabenen Schönheit kolossale Probleme aufwerfen. Ich mache in meinem Erker meine Zigarettenpausen. Dabei beobachtete ich zwangsläufig die Aktivitäten der BSR (Berliner Stadtreinigung). Kaum war der erste Schnee gefallen, rasselten die Schneekehrmaschinen über die Rad- und Fußwege. Toll! Beim zweiten Schnee kehrten sie nur noch die Fahrradwege. Jeden Morgen waren die Radwege bar jeden Schnees; seitlich häuften sich die Schneeberge, natürlich auch dorthin, wo die Fußgänger gehen sollen.  Doch, sie kehrten auch noch die Fußwege, wobei sie hier aber eher den alten Schnee feststampften, der dadurch glatt wurde. Was Wunder, dass nun die Fußgänger alle auf dem Fahrradweg liefen. Sicherlich, Berlin ist dabei, eine Fahrradstadt wie Amsterdam zu werden. Dass aber den (besonders im Winter) zahlenmäßig unterlegenen Radfahrern der Weg auf Kosten der stattlichen Menge Fußgänger besonders gut geräumt wird, weiß wohl nur der Vorstand der BSR.

    Heute stand eine alte Dame hilflos an einem Fußgängerüberweg(!), vor sich Schneehaufen, dann der geräumte Radweg und der andere Schneehaufen. Die Fußgängerampel war lange grün. Die Dame stand und schaute sich ratlos um. Zwei junge Männer erkannten die Situation der Dame und hoben Sie über die Schneehaufen. Da war die Ampel auf rot umgeschlagen. Freundlich warteten die jungen Männer und geleiteten sie beim nächsten Grün auf die andere Straßenseite, wo sie die Dame wieder über die Schneehaufen hinüberhoben.

    Die Hauseigner scheinen sich alle im Urlaub zu befinden, denn die Hauseingänge sind (wie letztes Jahr) eisbedeckt, wie auch Teile des Fußweges durch die Vorarbeit der seltenen Kehrmaschinen. Die ersten privaten Reinigungsfirmen haben bereits das Handtuch geworfen. Noch vor dem Schnee beobachtete ich (natürlich vom Erker) unseren Hausbesitzer mit einem Herren einer Reinigungsfirma, wie sie die Flächen vor seinem Besitz gestikulierend abschritten. Das war das erste und einzige Mal, dass ich den Herrn sah.

    Trotz Vorankündigung der Wetterdienste kam der Schnee wohl zu plötzlich, vielleicht ist ja auch ein immenser Krankenstand bei der BSR daran schuld, die Hausbesitzer waschen ihre Hände in Unschuld – sie haben die Schneebeseitigung ja „outgesorced“ – und das Ordnungsamt hat kein Personal, zu prüfen, ob die Hausbesitzer ihrer Pflicht nachkommen.

    Dafür sehe ich täglich Personal der BVG am U-Bahnhof Mehringdamm den Zugang und die Treppen von Schnee und Eis befreien. Vorbildlich!

    Wir haben vorgesorgt und uns (im Sommer!) anschallbare Spikes gekauft.

    Schöne weiße Weihnachten!

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  • egot24 15:27 am 10. December 2010 Permalink | Antworten
    Tags: , Kreuzberg, , , Zyankali   

    Berlin Zyankali 

    Berlin, Zyankali   – Kriminalroman (C) Toge Schenck

    Kurzversion:
    Ein Detektivroman im Berlin der heutigen Zeit.
    Es geschieht ein Mord, der keiner sein sollte, an einem von zwei Münchner Freunden, die mitten im Neubeginn in der neuen Stadt stehen. Wer ist mit der Aufklärung des Mordes beschäftigt? Wie ist die Stadt, wie die näheren Umstände beschaffen? Auf der Suche nach Antworten wird man selbstverständlich einem Team von Kriminalpolizisten begegnen dazu einer Polizei- und Gerichtsjournalistin, die eigene Wege geht und individuelle, ungewöhnliche Quellen nutzt. Ein zweiter Mord mit denselben Mitteln wirft die berechtigte Frage auf, wer will zwei Mediziner und aus welchem Grunde aus der Welt schaffen und: Haben die Morde miteinander zu tun?

    Anfang

    Kapitel 1

    Das Geraune nahm zu. Die Gruppe Polizisten geriet in Bewegung und steuerte auf ein Ziel zu. Das Stimmengewirr wurde lauter, man hörte einzelne Rufe, es entstand ein allgemeines Gejohle und Getöse, aus dem Verbund hoben sich einzelne Arme und bald hörte man den einstimmigen, skandierten Ruf: „Zoller, Zoller, Zoller!“

    Der so Gerufene ging bedächtig auf eine seltsame Gerätschaft zu. Er war einer der wenigen, der Zivil trug, schwarzes Hemd und schwarze Hose, darüber ein lockeres hellbeiges Jackett. Die Meisten hatten hier, im Hof des Berliner Polizeiausbildungsplatzes ihre Uniformjacken und Mützen abgelegt, der warme Mai-Abend und die gute Stimmung luden dazu ein. Die sich langsam senkende Sonne blitzte und reflektierte auf dem Rettungssimulator: Ein Polizeifahrzeug war derart in eine Apparatur eingespannt, dass man es 360° um die Längsachse drehen und es in jeder beliebigen Seitenlage, auch auf dem Kopfe stehend, arretieren konnte. Es diente zur Übung, wie man sich aus einem verunfallten Auto befreien konnte.

    Hauptkommissar Hartwig Zoller war nicht –wie die anderen- für eine Übung an oder besser in diesem Gerät vorgesehen, er wollte lediglich auf seinem Weg in den Spätdienst einen Kollegen abholen.

    Als man ihn entdeckt hatte, zündete sofort die Idee, ihn, den derzeit Ranghöchsten, in diesem fürchterlichen Gerät zu sehen, ihn zu beobachten bei seinen quälenden Versuchen, sich aus den Gurten zu befreien und aus dem Auto zu schlängeln.

    Zoller versuchte sich zu erinnern, wie es damals war, als er das letzte Mal diese Übung absolviert hatte, an was zu denken, was zu vermeiden war. Doch schon hatte man ihn zum Auto gedrängt und ihm wurde heiß.

    Er hatte für seine sechsundvierzig Jahre einen gut trainierten Körper zu bieten, ging gerade noch als schlank durch und selbst mit seinen kurzgeschnittenen, leicht angegrauten Haaren nahm man ihm den Mittdreissiger ab. Er galt als cool, weil selten die Pferde mit ihm durchgingen, man brachte ihm Achtung entgegen, da er nicht vorschnell zu urteilen pflegte und seine Maßstäbe den Situationen anzupassen in der Lage war.

    Er blieb kurz vor der Maschinerie stehen, drehte sich zu seinen johlenden Kollegen um, hob die Hand und wartete, bis es still war. Dann sagte er: „Ich weiß, was ihr wollt. Gut, ihr sollt es haben!“ Das Zuschlagen der Tür schnitt den Applaus mit einem Schlage ab. Der Instrukteur war auf dem Beifahrersitz zugestiegen und bediente die Mechanik. Als der Wagen sich langsam zu drehen begann, hörten sie das Gejohle aufs neue und als der Wagen kopfüber stehen blieb und das Blut in die Köpfe der beiden Insassen schoss, brauste ein ungeheures Freudengeheul durch die geschlossenen Fenster. Dem Hauptkommissar im Inneren des Autos war durchaus nicht freudig zumute. Er hatte vergessen, wie die Drehung um die eigene Achse selbst einen gestandenen Seemann umwerfen konnte und rang mit dem Würgegefühl. Die zerrenden Gurte rissen grausam an seinem Schlüsselbein.

    In diesem Moment ging sein Handy. Es spielte den Flohwalzer und steckte, von den Sicherheitsgurten gefesselt, unerreichbar in seiner Hosentasche. Er wechselte einen Blick mit dem Trainingsleiter, der wie er, kopfüber auf dem Beifahrersitz hing und rief gegen das Geschrei von draußen ihm zu: „Mein Chef!“ Worauf der Trainingsleiter zurückrief, ob er den Wagen aufrichten solle. „Nein!“, wehrte Zoller ab, „sagen Sie mir nur, wie ich an das Handy kommen kann.“

    Den Kollegen, die draußen im Halbkreis um die Apparatur immer noch riefen und johlten, bot sich folgendes Bild: Der Hauptkommissar im Wagen stützte sich mit einer Hand über dem Kopf nach unten ab, entledigte sich des Gurtes, was einen Ruck durch den Wagen gehen ließ, stocherte in seiner Hosentasche und nahm dann langsam ein Handy ans Ohr. Das Gejohle steigerte sich. Der Trainingsleiter hatte sich in der Zwischenzeit befreit und war aus dem Wagen gesprungen, um dem Kommissar beim Aussteigen behilflich zu sein. Dieser rutschte hinter dem Lenkrad hervor, die Knie über dem Kopf gewinkelt, wand sich auf dem Innendach mit den Ellenbogen voran, bis er die Hand des Trainers erfassen konnte und zog sich hoch. Applaus ertönte, Zoller strich sich sein Jackett glatt, steckte das Handy in die Innentasche und ging langsam und nur für Leute, die ihn kannten, leicht hinkend auf seinen Kollegen Wanzke zu. Wanzke öffnete seinen Mund, aber Zoller schnitt ihm das Wort ab: „Los, zum Wagen. Anruf vom Chef, habe kein Wort verstanden. Fritz, tu mir den Gefallen und fahre du. Und bitte, gehe ganz langsam zum Wagen!“ Als sie eingestiegen waren und er sich den Sitz und die Rückspiegel richtete, hörte Wanzke seinen Vorgesetzten fluchen: „Verflixt und Doria! Meine Knie! Beim Losmachen des Gurtes!“ Er überließ es Wanzke, sich auszumalen, was im Wageninneren passiert war, holte das Handy aus der Tasche und während sie Richtung Dienststelle aufbrachen, telefonierte er mit Kriminaldirektor Hammann.

    Wanzke schloss aus dem Wenigen, was er vom Zuhören vernahm, dass es sich um einen Einsatz handeln musste. „Kreuzberg, Großbeerenstraße!“, rief Zoller kurz angebunden, „ohne Sirene!“ Wanzke führte die Wortkargheit seines Kollegen auf dessen Schmerzen im Knie zurück. Und richtig, nach einem halben Kilometer kam ein nächstes Bruchstück: „Ungeklärter Tod in Pension.“ Und einen halben Kilometer weiter hieß es „Die Kollegen vom VB1 sind schon dort.“ Bei VB1 handelte es sich um die hiesige Bezeichnung für das Kripo-Team der Verbrechensbekämpfung, doch sobald Verdacht auf gewaltsamen Tod oder Mord steht, kommt die Mordkommission des LKA zum Einsatz und genau solch einen fuhren sie jetzt.

    Sie befanden sich gerade auf der Bismarckstrasse in Charlottenburg und Zoller genoss den Blick abwärts, die Strasse des 17. Juni entlang auf die Siegessäule mit der Goldelse, die erst 1939 von ihrem ursprünglichen Standort zwischen Reichstag und Krolloper auf den Großen Stern verbracht und um das letzte Teilstück verlängert wurde. Es sollte der erste und letzte Schritt sein, den ein größenwahnsinniger, sich Führer nennender Despot zur Umbildung von Berlin in die ‚Reichshauptstadt Germania’ tat. Weit hinter der Siegessäule prangte das Brandenburger Tor und dahinter wiederum leuchtete das Rote Rathaus in einer Flucht.

    Links davon glänzte der Fernsehturm am Alexanderplatz in der untergehenden Sonne. Da sie es eilig hatten, bog Wanzke an der Siegessäule rechts ab und fuhr am Landwehrkanal entlang bis Möckernstraße, machte dann die Schniepe Wartenburg- zur Großbeerenstraße. Zoller hatte bis hierher geschwiegen, wie er es während der Fahrten meist tat, um den Fahrer nicht abzulenken, vielleicht aber auch, um mit seinem schmerzenden Knie ins Reine zu kommen. Jetzt aber sagte er: „Rechts ab, und linker Hand ist die Pension. Sie hielten verkehrswidrig in der Einfahrt neben einem roten Porsche. „Ah, unser Doktor Nimrod hat Dienst“, sagte Zoller beim Aussteigen. Wanzke wusste sofort, was das zu bedeuten hatte: Doktor Nimrod gehörte zu den gefürchteten wie geachteten Ärzten, die sich der Polizei-Bereitschaft zur Verfügung stellten. Auf der anderen Straßenseite stand in zweiter Reihe der ‚Mordbus’ der Mordkommission, ein mit allen zur Spurensuche notwendigen Requisiten ausgestatteter Kleinbus des Tatorttrupps.

    Rechts neben der Einfahrt, deren eine hölzerne, mit gelber und brauner Farbe gestrichene Flügeltüre offen stand, führten einige Stufen abwärts in ein Kellerlokal, worüber in großen Buchstaben ZYANKALI-BAR prangte und aus dessen Kellerfenstern breit grinsende Totenschädel die Besucher spöttisch anlächelten. Wie sinnig, dachte Zoller und ging in die Einfahrt. Am Fuße der Treppe lümmelte ein Schutzpolizist, der sofort versuchte, eine gewisse Haltung einzunehmen. „Zweiter Stock rechts!“, rief er, und leiser werdend „Guten Abend!“  Wanzke vernahm die Etagenangabe mit Schaudern, Treppensteigen lag nicht unbedingt im Bereich seiner bevorzugten Hobbys, geriet er auch sofort nach wenigen Stufen ins Schnaufen. Auf dem Absatz vor dem zweitem Stockwerk blieb Zoller stehen und schaute aus dem Fenster in den Hof, als ob er sich ein Bild machen wollte. In Wirklichkeit hatte er selbst mit seinem Knie große Malesche. Es war noch hell genug, um im hinteren Teil des Hofes den Garten zu erkennen, in dem eine Gruppe Anwohner zueinandergebeugt stand und tuschelte.

    Die alten Mietshäuser in Kreuzberg aus der Gründerzeit hatten besonders hohe Wohnungen. Sie waren damals als Offizierswohnungen geplant und gebaut und die Offiziersfamilien hatten zu dieser Zeit mindestens ein Hausmädchen, welches in einer sogenannten ‚Mädchenkammer’ hauste. Diese Mädchenkammern befanden sich in der Regel über dem Bad, halbierten also die Höhe des Badezimmers. Eine steile Holztreppe führte in diese Verschläge, die gelegentlich auch ein Fenster aufwiesen, aber durchaus keine Stehhöhe. Diese aufgesetzten Mädchenkammern bedingten die Raumhöhe der gesamten Wohnung und somit auch die Stufenzahl im Treppenhaus. Schnaufend stellte sich Wanzke neben Zoller und beide blickten hinaus in den Abend. „Und ich dachte immer, Rezeptionen befänden sich im Erdgeschoß“, pfiff Wanzke.

    Nachdem sie die letzten Stufen in neuer Frische hinter sich gebracht hatten, standen sie vor der kurzen, hölzernen Empfangstheke mit einer Klingel darauf. Kein Mensch war zu sehen. Die Böden waren mit dicker Auslegeware belegt, die jeden Schritt schluckte. Zoller ging an der Klingel vorbei und winkte Wanzke, ihm zu folgen.

    Am Kopfende des Ganges sahen sie eine geöffnete Tür. Am linken Pfosten gelehnt, rauchte eine langbeinige Frau im burgunderrotem Kleid eine Zigarette, am rechten Pfeile lehnte ein uniformierter Beamter.

    Stumm näherten sie sich der Tür und den beiden Personen, die sehr interessiert in den Raum starrten. Die Dame in graziöser Haltung, der Beamte recht lässig dafür, dass er den Tatort eigentlich abzusperren hatte. Als Zoller kurz hinter der Dame stand, deren langes, schwarzes Haar zu einem vollen, breiten Pferdeschwanz zusammengerafft war, fragte er: „Sie sind wohl die Wirtin?!“

    Erschrocken fuhr der Beamte herum und versuchte, irgend eine Haltung einzunehmen. Die Dame drehte nur leicht ihren Kopf, als wäre sie nicht im geringsten überrascht, nickte sanft und antwortete „Ja. Und Sie?“ Augen, tief wie die Nacht, blickten ihn leicht spöttisch unter schwarzen Augbrauen an.

    „Hartwig Zoller, der zuständige Kommissar, dies hier ist Kommissar Fritz Wanzke.“ Er deutete hinter sich. Sie lächelte geheimnisvoll. Ein Lächeln wie damals, dachte er. „Angenehm, Hartmann, Isabel Hartmann“, sagte sie und reichte ihm die Hand. Leicht irritiert nahm er sie, um sie schnell wieder loszulassen und ging stracks ins Zimmer hinein. Er hörte sich hüsteln und grüßte den Arzt, der sich über das Bett beugte.

    „Guten Abend Doktor Nimrod! Wieder auf der Jagd nach Todesmerkmalen?“

    „N’Abend Hauptkommissar!“, antwortete dieser stramm, ohne sich umzusehen. Im Hintergrund sah Zoller einen weiß gekleideten Beamten der PTU, der dabei war, noch Fingerabdrücke von Koffern abzunehmen und nickte ihm zu.

    Doktor Nimrod richtete sich auf und wandte sich an die beiden Kommissare, wobei er die Sätze abgehackt sprach wie man es von preussischen Offizieren aus Filmen kannte: „Also, erstens: Eindeutiges Ergebnis, zweitens: Bestätigung gewiss durch Obduktion. Mors anomalis, deutsch: kein normaler Tod. Grausam, grausam. Schätze Digitalis. Heilmittel fürs Herz. Oder Gift. Wie belieben.  Morgen mehr, meine Herren!“

    Damit zog er sich mit einem flapsenden Geräusch die Gummihandschuhe von den Händen.

    „Kann man schon sagen,“ begann Zoller, „wie er das Gift zu sich genommen hat und wann?“

    „Rigor Mortis gleich null“, schoss Dr. Nimrod zurück, „würde sagen Exitus vor maximal vier Stunden, Einnahme höchstwahrscheinlich oral. Perfide, perfide.“

    „Selbstmord?“ Zoller wunderte sich über seine plötzliche Einsilbigkeit.

    „Weniger. Präferiere Mord!“ Er schüttelte den Kopf. „ Digitalis. Pfui! Gibt bessere Mittel. Pistole, Strick, Sprung aus dem Fenster. Digitalis! Deibel, Deibel!“

    Als der Arzt an Zoller vorbei ging, zog ein schwerer Duft nach starken Zigarren in seine Nase. Havanna und Porsche, edel, edel, dachte er. Dann blickte er auf das Bett und sah eine männliche Gestalt, völlig bekleidet, in einer seltsam verkrampften Haltung, als ob sie im Sitzen zur Seite gekippt sei. Mund und Augen standen offen und sprachen von der Überraschung des Augenblicks des Todes.

    „Jung gestorben, der Herr.“ Wanzke reichte ihm eine Brieftasche, die er zuvor vom Beamten an der Türe erhalten hatte, obenauf der Personalausweis. Zoller blätterte kurz in den Papieren und steckte sie in seine Jackentasche. Die schwarzen Inseln von Ruß rundherum zeigten ihm, dass das Meiste bereits untersucht war und er näherte sich dem Nachttisch, auf dem neben dem Telefon eine umgekippte Tasse auf ihrer Untertasse lag. Eine zähe, durch Zuckerreste verdickte Kaffeespur war aus der Tasse auf die Untertasse gelaufen und hatte ein goldfarbenes Papierknöllchen umkreist. Auf einem abseits stehenden Tisch befand sich eine Vase mit echten Maiglöckchen und ein fast geleertes Glas. Zoller roch daran. Whisky. Auf dem Bett hinter dem Toten lag neben einem aufgeschlagenen Berlinführer eine angebrochene Schachtel Mozartkugeln in goldenen Papierhüllen, wie eine davon sich auf der Untertasse befand. Das Cellophan war bereits von der PTU vereinnahmt worden wegen der Fingerspuren. Ansonsten herrschte im Raume eine absonderliche Sterilität. Nichts stand oder lag herum, kein Kleidungsstück eben mal über den Stuhl geworfen, keine Socke am Boden.

    Zoller meinte, alles Wichtige gesehen zu haben. „Gut, dann überlassen wir Ihnen weiterhin das Feld,“ rief er dem jetzt am Fenster hantierenden Beamten im weißen Overall zu. „Komm, Fritz, befragen wir die Dame des Hauses, vielleicht gibt es dazu ja einen Kaffee mit Mozartkugeln.“ Hartwig Zoller ging voraus, ihm folgte Fritz Wanzke zur Rezeption. Sie nickten dem Beamten vor der Türe zu, der nach Beendigung der Durchsuchung und Abtransport der Leiche den Raum versiegeln würde.

    Am schwach erleuchteten Empfang herrschte Leere.

    „Suchen Sie mich?“ Die Stimme kam von der Seite. Zoller und Wanzke wandten sich um und blickten durch leicht geöffnete Flügeltüren in das Stockdunkel eines angrenzenden Raumes. Das Leuchten einer aufglühenden Zigarette verriet die Richtung, aus der die Stimme der Wirtin gekommen sein musste.

    „Rechts neben der Türe ist ein Lichtschalter.“

    Wanzke eilte sich, diesen zu finden. Zoller stand und beobachtete das rote Glühwürmchen, bis der Raum erleuchtet vor ihm lag. Es handelte sich offenbar um das Frühstückszimmer. Die Mehrzahl der Tische war bereits mit Frühstücksgeschirr eingedeckt. Am hinteren Ende lagerte die Dame des Hauses überaus ladylike in einem großen roten Fauteuil, den Kopf hinten angelehnt. Neben ihr stand ein scheinbar antiker Beistelltisch mit silbernem Aschenbecher, einer Glasschale mit Mozartkugeln und einem Glas Portwein. „Nehmen Sie doch Platz, meine Herren“, sagte sie in ruhigem Ton und wies auf die zwei kleineren ebenfalls roten Sessel, die diese Sitzecke abrundeten. Zoller setzte sich auf den Sessel ihr gegenüber. Wanzke zog es vor, sich in der Nähe von Zoller stehend aufzuhalten, Block und Bleistift in der Hand.

    „Nun“ sagte Isabel Hartmann, „fragen Sie!“ Zoller, der es gar nicht mochte, wenn ihm die Regie aus der Hand genommen wurde, zog langsam die Brieftasche aus dem Jackett und blätterte schweigend einige Zeit darin herum, als ob er etwas bestimmtes suchte, dann fragte er bedächtig: „Wie viele Gäste haben Sie derzeit?“

    Mit dieser Frage hatte Isabel Hartmann nicht gerechnet. „Hm, lassen Sie mich überlegen – neun.“

    „Seit wann war Herr -“, hier schaute Zoller auf den Ausweis, „Herr Mandelstein hier Gast?“ Mit spitzem Munde blies sie den Rauch der Zigarette aus, bevor sie antwortete: „Seit Montag letzter Woche.“

    „War er öfter hier Gast?“

    „Nein, das erste Mal. Ich hatte ihn zuvor nie gesehen.“

    Zoller blickte sie direkt an: „Ist Ihnen heute irgend etwas Besonderes aufgefallen, hatte er Besuch?“

    Sie antwortete rasch: „Kann ich nicht sagen, ich war heute tagsüber nicht im Hause; ich kam vor halb sechs und schickte Olga und Ursula nach Hause.“

    „Wer sind Olga und Ursula?“

    „Olga ist meine Tagesvertretung und Ursula ist der gute Engel, für Wäsche, Reinigung und diese Sachen zuständig.“

    „Wann können wir die Damen hier antreffen?“

    „In der Regel vormittags ab sechs.“

    „Auch morgen?“

    „Auch morgen.“

    Zoller sah aus den Augenwinkeln, dass Wanzke sich Notizen machte.

    „Sie haben Herrn Mandelstein aufgefunden. Schildern Sie mir bitte, wie das ablief.“

    Isabel Hartmann drückte geübt ihre Zigarette aus, während sie nachdachte. „Ja, es kam ein Anruf für ihn. Dr. Mommsen, der Notar, hatte versucht, ihn über Handy zu erreichen, mehrfach. Und als das ständig fehlgeschlagen war, rief er hier an, ich solle ihn verbinden, es sei sehr dringend. Aber Herr Mandelstein nahm nicht ab. Da ging ich ins Zimmer. Und da lag er, wie Sie ihn gesehen haben. Dann rief ich sofort die Polizei.“

    Wieder sah sie ihn mit ihren tiefdunklen Augen an und wartete, welche Frage nun folgen würde. Zoller wusste nicht genau, warum, aber irgendwie schien sein Puls schneller zu gehen.

    „Hatte er sonst irgendwelchen Besuch?“ Die Frage sollte routiniert klingen.

    „Ja, bis heute noch von seinem Freund Benny, aus München, der hier ein paar Tage bei ihm übernachtete, ansonsten ein-, zweimal von Dr. Mommsen.“

    „Dieser Benny aus München, hatte der sich als Gast eingetragen?“

    „Ja, die Daten kann ich Ihnen geben. Eigentlich wollte er länger bleiben, doch die beiden stritten sich wohl wieder einmal und heute zog Benny aus.“

    „Woher wissen Sie das mit dem Streit?“

    „Das hat Olga mir erzählt. Und Herr Hauser.“

    Auf seinen fragenden Blick sagte sie: „Ein Gast hier. Dauergast.“ Wanzke machte sich Notizen. „War er während des Nachmittags anwesend?“

    „Ich glaube schon, Olga machte so eine Bemerkung.“

    „Was ist er von Beruf?“

    „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Er erzählt nicht viel von sich, aber fragen Sie mal Olga, oder besser ihn selbst.“

    „Was wissen Sie über Herrn Mandelstein, zum Beispiel: Was machte er in Berlin, war er Tourist?“

    Isabel nahm einen Schluck Portwein, bevor sie antwortete. „So weit ich weiß ist er Krankenpfleger und angehender Arzt und wollte nach Berlin ziehen. Er ist wohl hier geboren und aufgewachsen. Sie suchten eine Wohnung und Geschäftsräume. Sie wollten zusammen eine Ambulanz oder Physiotherapie aufmachen, etwas Medizinisches.“

    „Wer – sie?“

    „Nun ja, er und der Benny und wohl noch eine Dame aus München. Es war auch schon notariell geregelt.“

    „Ah, deswegen Dr. Mommsen.“

    „Ja. Ich glaube, sie haben eine GmbH gegründet oder vorbereitet.“

    „Was war Herr Mandelstein für ein Mensch, wie hat er auf Sie gewirkt?“

    Isabel blickte zu Boden, als ob sie dort die Antwort fände und sagte: „Oh!“ Sie zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch zur Decke, bevor sie fortfuhr:  „Arrogant, aufgeblasen. Ein Macho der Sonderklasse. Er nahm sich sehr wichtig, kam sich vor wie in einem Sechssternehotel. Solche Gäste liebt man nicht, man behandelt sie sehr zuvorkommend, wenn Sie wissen, was ich meine.“

    Zoller ahnte entfernt, was sie meinen könnte. Er stand auf und ging ein paar Schritte, dann fragte er: „Haben Sie irgendwelche Medikamente im Hause?“

    „Gift? Ja sicherlich. Unten, in der Zyankali-Bar!“, antwortete sie prompt und lächelte breit. Dann plötzlich ernst: „Ist er vergiftet worden?“

    „Es sieht so aus.“

    „Dann muss er jemanden sehr geärgert haben“, sagte sie voller Sarkasmus, „kein Wunder!  Es gibt eben Leute – “, sie unterbrach sich.

    „Ja-?“, hakte Zoller nach, aber sie zuckte die Achsel. Zoller blickte ihr in die Augen: „Selbstmord würden Sie also ausschließen?“

    „Der und Selbstmord? Niemals! Eher würde er seine gesamte Umwelt umbringen, als sich selbst.“

    Zoller reichte ihr die Hand: „Vielen Dank! Geben Sie meinem Kollegen bitte noch die Daten von Benny und den Angestellten. Ich denke, wir sehen uns morgen noch einmal, wenn ich Ihre Angestellten und diesen Hauser befrage.“

    „Gerne!“, antwortete sie lächelnd und sandte ihm einen Blick zu, den er von irgendwo her sehr genau kannte.

    Im Wagen knipste er das Leselicht an und besah sich die Brieftasche des toten Herrn Mandelstein. Neben dem Personalausweis fand er eine Karte, die ihn als Krankenpfleger in einem Krankenhaus in München auswies, einen Führerschein, einen Studienausweis des Medizinstudiums, eine Kreditkarte in Gold, die Visitenkarte von Dr. Mommsen und einen fein zusammengelegten Zettel mit verschiedenen Notizen, untereinander gegliedert wie ein Einkaufszettel, in Kleinstbuchstaben und in der ziselierten Handschrift eines Pedanten.  Das mehrere Male auftauchende B. konnte Benny bedeuten, das M. Mommsen, dann waren dort einige Anschriften und weitere Abkürzungen, die derzeit noch nichtssagend für ihn waren.

    Als Wanzke den Wagen bestieg und Zoller sein Lächeln sah, sagte er mit Nachdruck: „Bitte, Fritz, sag es nicht!“ Fritz sah verständnislos zu ihm herüber: „Tolle Frau! Erinnert mich an Deine Eva.“ Beim Blick in Zollers Augen sagte er leise: „Tschuldige!“

    Hinter ihnen lärmten übermütig jugendliche Besucher der Zyankali-Bar.

    Im Kommissariat war es still, die Tagesschicht hatte ihren Bericht abgelegt und Zoller besah ihn sich, ohne recht aufzunehmen, was er las. Mit den Gedanken war er bei schwarzem Haar, schwarzen Augbrauen und tiefdunklen Augen, bei Eva, seiner Frau.

    Kapitel 2

    Auch der neue, sonnige Tag tat dem Wonnemonat Ehre; schon früh hatten die Zeitungsjungen die Mütze tief ins Gesicht ziehen und die letzten Zecher hatten sich blinzelnd zur nächsten U-Bahn tasten müssen. Jetzt, kurz vor acht Uhr früh dampften Berlins Strassen vor Hitze und Verkehr, als Zoller sein Büro betrat. Um neun sollte die Dienstbesprechung stattfinden und er wollte seinen Bericht noch etwas überarbeiten. Kriminaldirektor Hammann war als Pedant bekannt und er wollte jede mögliche Frage von ihm vorausschauend beantwortet haben, bevor er ihm Rede und Antwort stand. Die Befragung der Pensionsgäste war inzwischen durch die Schutzpolizei durchgeführt worden und hatte – wie zu erwarten war – keinen brauchbaren Hinweis ergeben, da die Gäste zum Todeszeitpunkt des Opfers nicht im Hause waren und in keinem Zusammenhang mit dem Toten standen. Mit Olga, der Angestellten von Isabel Hartmann wollte er heute persönlich reden. Auf der anderen Seite hatte er noch letzte Nacht Informationen aus München von diesem Benny angefordert. Die Bayern waren nicht unbedingt die Kooperativsten, doch kannte Zoller den Kommissar Alois Kammerlander persönlich, mit dem er einige Lahrgänge zusammen feucht und fröhlich abgefeiert hatte. An ihn konnte er sich immer wenden, wenn er Amtshilfe benötigte.

    Er legte seinen Bericht offen auf den Rand seines Schreibtisches und ging an die Durchreiche, wo seine Post und Faxe abgelegt waren. Er nahm den Bericht aus München zur Hand, setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl, schlug die Beine übereinander und begann zu lesen.

    Niemand hätte zu sagen gewusst, ob das kurze Anklopfen oder das schwungvolle Türöffnen zuerst kam: „Einen wunderschönen, guten Morgen!“ Ein Sopran schwirrte gutgelaunt durch den vorwiegend Bariton und Bass gewohnten Raum. Zoller hob, ohne aufzusehen, die Hand und grüßte wortlos. Wie selbstverständlich zog sie sich einen Stuhl zurecht und schaute mit großen Augen ob sie etwas in dem geöffneten Aktendeckel am Schreibtischrand erkennen könnte. Während Zoller noch seinen Satz zuende las, lehnte er sich weit über den Schreibtisch und klappte mit der freien Hand den Aktendeckel zu. Erst jetzt sah er auf: „Du sollst nicht immer in fremde Aktendeckel schauen, Katharina!“

    „Neugier ist mein Job, Hartwig, ich wäre sonst nicht Journalistin geworden, sondern Beamter, wie Du. Es gibt also einen neuen Fall!“, kam sie zur Sache.

    „Ja, in Kreuzberg, ein Mediziner aus München.“

    „Ein Tourist?“

    „Eher nein, er wollte sich hier niederlassen.“ Zoller wollte den Bericht aus München zuende lesen.

    „Und da kam ihm WAS in die Quere? Lass Dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“, drängte sie.

    Zoller gab das Lesen auf. „Möglicherweise ein Mörder?“, grinste er sie an.

    „Oder eine Mörderin!“, konterte Katharina.

    „Du meinst, weil es Gift war?“

    „Aha! ‚Giftmord in Kreuzberg!’“, sie betonte es wie eine Schlagzeile.

    „Ach, nun ist es mir doch rausgerutscht,“ er zwinkerte ihr zu, „aber es ist noch nicht amtlich! Der Befund steht noch aus, also keine Zeile von dir, bis es offiziell geworden ist!“

    „Aber Herr Hauptkommissar Zoller“, schmollte sie ihn an, „habe ich jemals etwas vor der Pressemitteilung und ohne deine Zustimmung veröffentlicht? Darüber hinaus: Mir fehlen doch noch fast alle Fakten.“

    „Die kriegst du nach der Dienstbesprechung und Studium des Befundes.“

    „Mit Dienstbesprechung meinst du wohl Euren allmorgendlichen Appell?“

    „Liebe Katharina Berger, wir sind hier nicht beim Kommiss, sondern in einer ‚Staatlichen Institution zur kriminologischen Investigation’, wie es Hammann ausdrücken würde.“

    „Verrätst du mir noch, wann und in welchem Hotel das passierte?“

    „Damit du wieder Deine Nase in den Fall steckst, bevor wir ausermittelt haben?“

    „Ohne Recherche kein guter Artikel“, schoss sie zurück.

    Zoller lenkte ein: „Nun gut, das ist ja kein Geheimnis: ‚Pension Am Kreuzberg’ nennt sich das Etablissement, in der Großbeerenstrasse.“ Unbemerkt hatte sich die Türe geöffnet und ein grauhaariger Mann in den Fünfzigern in perfekt sitzendem Anzug (höchstwahrscheinlich Armani) trat ein: „Was höre ich? Großbeerenstrasse? Geben Sie etwa noch nicht freigegebene Informationen an die Dame des Gazettengewerbes preis?“ Übergangslos wandte er sich an Katharina: „Seien Sie gegrüßt, Frau Schriftstellerin! Die Zeit der Information ist noch nicht gekommen, ich muss Sie leider vertrösten bis nach der Dienstbesprechung. Wollen Sie danach nicht zu mir in mein Büro kommen, oder lieben sie es, die Auskünfte über die niederen Chargen zu empfangen?“

    Ohne auf Antwort zu warten, blickte er auf Zoller: „Sagen Sie, Hauptkommissar Zoller, in welcher Situation hatte ich Sie gestern am Handy eigentlich überrascht? Sie klangen de facto etwas gestresst.“ In das Zögern Zoller’s befahl er: „Nichtsdestotrotz! Auf zu neuen Taten! Dienstbesprechung Punkt neun!“, kehrte auf dem Absatz um und prallte mit Kommissar Schneider zusammen, der, einen Aktendeckel in der Hand, dem Direktor vergeblich versuchte auszuweichen und leise „Entschuldigung!“ murmelte.

    Katharina zog die Brauen hoch: „Was für ein Auftritt!“

    „Was für ein Abgang!“, echote Zoller. Kommissar Schneider setzte noch einen drauf: „Was für ein Rasierwasser!“ und übergab Zoller die Papiere. „Gerichtsmedizin, der Fall Mandelstein.“

    „Und?“ Zoller sah ihn an.

    „Digitoxin in Marzipan-Schokolade. Ein süßer Tod.“

    „Kommt immer auf die Dosis an“, meinte Zoller.

    „Selbstmord?“, fragte Katharina.

    „Dann hätte er nicht auf dem Bett gesessen, einen Stadtplan neben sich. Und warum sollte er vorher das Herzmittel in eine Mozartkugel geben?

    „Wenn es doch aber seine Lieblingspralinen waren?“, vermutete Katharina.

    „Genau das hat jemand ausgenutzt.“ Schneider war von der Idee entzückt.

    „Habt ihr schon Verdächtige?“

    „Es wird wohl eine Frau sein, bei Giftmord.“ Schneider gefiel auch diese Idee.

    „Pauschalurteile!“, rief Katharina, „Allerdings naheliegende“, gab sie zu.

    „Wetten, dass es eine Frau war?“ Zoller klang sehr überzeugt, „Gegen Statistik ist kein Kraut gewachsen.“

    „Gut, aus Spaß an der Sache. Ich halte dagegen!“

    „Schon verloren!“ Schneider war heute gut drauf.

    „Wir werden ja sehen!“

    Zoller schilderte Katharina in kurzen Worten die Vernehmung der Pensionswirtin, bevor Kollege Schneider ihm per Handzeichen klar machte, die Dienstbesprechung sei in Kürze.

    „OK! Ich lass von mir hören.“ Damit verabschiedete sich Katharina.

    Kapitel 3

    Wenn Katharina die Wahl hatte zwischen Bus und U-Bahn, gewann immer der Bus, der zwar etwas länger für dieselbe Strecke benötigte als die Bahn, dafür aber dem Blick die Möglichkeit gab, an Farben, Sonne und dem turbulenten Leben auf Berlins Strassen teilzuhaben. Und so hatte sie sich in den großen Gelben mit der Nummer 119 Richtung Kreuzberg gesetzt und genoss die fünfzehn Minuten Fahrt. Dabei kamen ihr Bilder von anderen Großstädten in den Sinn wie München, Köln, Frankfurt und Hamburg, in denen sie jeweils kürzere oder längere Zeit gelebt hatte, doch dieses Berlin mit seinen quicklebendigen Menschen und ihrer einfallsreichen Sprache, seinen breiten, meist baumbestandenen Strassen, aus denen Geschichte atmet, hatte sie in ihren Bann gezogen, die alte, neue Hauptstadt, die große Kurtisane der kleinen und großen Herrscher Berlins. Und wie jede wirklich große Stadt zog sie ständig neue Abenteurer und Kaufleute, Künstler und Verbrecher an, bot ihnen großzügig unter ihren vielfältigen Röcken Unterschlupf. Den einen kleidete sie in ersehnte Bekanntheit, den anderen in manchmal ebenso erwünschte Anonymität. Und im Schatten dieser Rockfalten gedieh das wuchernde Unkraut des Verbrechens und der Vergehen gegen die Menschenwürde im großen wie im kleinen.

    Giftmorde waren selten geworden, lag es an der Schwierigkeit, an Gifte heran zu kommen oder daran, dass nur die wenigsten Delikte auffällig waren und entsprechend untersucht wurden, oder lag es an den Frauen, denen man den Giftmord im allgemeinen zusprach, die neue, unentdeckbare Mittel gefunden hatten? Jedenfalls führten derzeit «männliche» Straftaten direkter Gewalt wie Totschlag oder Mord durch Schuss- und Schlagwaffen die Mord-Statistik an. Besonders auffällige Bezirke waren Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg, Wedding und Mitte, doch kein Bezirk enthielt sich gänzlich solcher Verbrechen, wie wohlklingend auch der Name, keine Gesellschaftsschicht fehlte in den Statistiken, kein Bildungsgrad, der nicht doch in ihnen auftauchen wollte.

    Gewalttätige Vergehen und Verbrechen wurden zwar vorzugsweise von ausländischen mafiosen Vereinigungen verübt, doch auf Morde wollte keine soziale Schicht verzichten. Raub und Erpressungen wurden angeführt von den zunehmend stärker gewordenen arabischen Clans, gefolgt von polnisch-russischen Verbänden, den geringsten Anteil daran hatten die zahlenmäßig überlegenen Türken. Und die teilten sich den Wedding und Kreuzberg.

    Auch Katharina wohnte in Kreuzberg. Vor einigen Jahren war sie nach Berlin gekommen, um am Aufbau einer neuen Hauptstadtzeitschrift mitzuwirken. Der Konzern, der sie von Hamburg nach Berlin schickte, wollte mit dem Magazin eine derzeit offene Nische schließen und bot ihr die Redaktion der Polizei- und Gerichtsreportage an. Da die Delikte von der Staatsanwaltschaft und somit von der Polizei untersucht wurden, lag es nahe, zu beiden Institutionen einen guten Draht zu ziehen, um an möglichst viele und möglichst ungeschminkte Informationen aus erster Hand zu kommen.

    Im Zuge dieser Kontaktaufnahme hatte sie den Hauptkommissar Zoller kennen gelernt und sie hatten sich auf kriminalistischer Ebene gleich und gut verstanden. Sie mochte seine eher ruhige, überlegte Art, wenn es um Einschätzungen und Entscheidungen ging, gepaart mit einem rauen, männlichen Charme, der nichts von dem Chauvinismus hatte, wie er oft leitenden männlichen Individuen zu eigen schien.

    An der Kreuzung Yorck- Großbeerenstrasse stieg sie aus, überquerte den Mittelstreifen und entschied sich sogleich, im Biergarten des Yorckschlösschens einen Capuccino zu trinken, wobei sie Gelegenheit nehmen wollte, ihre spärlichen Notizen über diesen Fall durchzugehen. Das Lokal hatte gerade geöffnet und ein schlaksiger Mann mit roter Schirmmütze stellte ein Klappschild auf, von dem es rief: ‚Essen kommen!’. Wie früher bei Muttern, dachte Katharina, setzte sich an einen der noch leeren Tische unter den Kastanien und griff automatisch zur Speisekarte mit der Auswahl an Tagesmenues, Hinweisen auf Zigarren, Musik und Hausverbote. Das bestellte Getränk kam prompt und sie blätterte in ihren Notizen und schrieb dazu einige Fragen auf.

    Gestärkt vom Capuccino und dem obligatorischen Plätzchen verließ sie den Garten. Schräg gegenüber befand sich die Pension Am Kreuzberg. Beim Überqueren der Straße las sie das am Hause groß angebrachte Schild ZYNKALI. Wie passend, dachte sie.

    Die Einfahrt zum Aufgang der Pension stand sperrangelweit offen und auf dem Fußweg warteten einige Gepäckstücke auf das Taxi zum Flughafen. Die dazugehörigen englischen Touristen standen in einer Gruppe vor der Auslage eines Geschäftes für mittelalterliche Utensilien und unterhielten sich über die seltsamen Auslagen in den Fenstern.

    Oben angekommen, fand sie die Rezeption verlassen vor. Sie benutzte die Tischklingel, um sich bemerkbar zu machen und während sie wartete, schaute sie sich um. Tiefblaue, dichte Veloursware stand in angenehmem Kontrast zu den indisch-gelben Wänden und dem Mahagoni-Tresen. Sie ging langsam in den von Gästen leeren Frühstücksraum. Die Tische waren alle abgeräumt und die Tagesdekoration aufgelegt.  Auf Vitrinen, an den Wänden und in Nischen entdeckte sie recht ausgefallene, wertvolle Dekorationsartikel. Ein italienischer Service-Mohr hielt ein Silbertablett in den Raum, an den Wänden hingen echte Delerue’s, in der Anrichte leuchteten ihr fein geschliffene Murano-Gläser entgegen und manch besonderes Stück zog Ihre Aufmerksamkeit auf sich. Über allem schwebte eine weibliche Note, die sich besonders in den Kleinigkeiten wie den frischen Blumen auf den Tischen und den silbernen Serviettenringen zeigte. Alles recht exklusiv und teuer. Und das in einer Pension in Kreuzberg, wo die Preise doch eher moderat waren, wunderte sich Katharina. Isabel Hartmann musste eine Frau mit ausgesuchtem Geschmack und dem dazugehörigen Geldbeutel sein. Katharina war gespannt, sie kennen zu lernen.

    Ein Prusten und Schnaufen riss sie aus ihren Gedanken. Die Geräusche kamen aus Richtung der Rezeption und hinter der Türe zum Frühstücksraum erschien ein unförmiger weißer Klos, aus dem ein wuscheliger blonder Schopf blickte. Der Klos zerfiel in zwei Teile, wobei dem einen dicke weiße Arme entwuchsen und der andere als Wäscheklops zu Boden fiel. „Und det wieder mal mir! An einem Abreisetag ganz alleene“, keuchte es, und „Ick bin doch nicht Schwarzenegger und neh’m die ganze Pension uff’n Puckel.“

    Katharina räusperte sich. „Oh, `tschuldigen se, hätte ick gewusst, det hier jemand ist -“. Die Konsequenz ließ sie offen, wandte sich zu Katharina und sagte:  „Die Olga muss jeden Momang da sein.“ Dann fiel ihr etwas ein: „Oder sprechen se kein Deutsch?“ „Doch, doch“, beruhigte sie Katharina, „ich kann warten.“ „Wollen Gnädigste vielleicht ein Zimmer?“, versuchte sie sich auf Hochdeutsch. „Nein, ich komme von der Presse und wollte mit Frau Hartmann sprechen.“ „Ach wejen det Jeschehnis letzte Nacht! Det iss’n Ding wat?“ Das Hochdeutsch hatte sich verflüchtigt. „Det war’n feiner Mann. Ein Doktor, und immer so schnieke angezogen und so … so . . .“, ihr fehlten die Worte. Sofort fand sie neue: „Und hat immer schön Schmalz gegeben, wenn se wissen wat ick meine, Trinkgeld, wissen se?“. Sie machte die entsprechende Handbewegung. „Immer nen Heiermann und einmal sogar een Pfund. Da sollte ich nicht mal putzen! So’n feiner Mann!“ Ihr Blick ging zum Eingang. „Da kommt det Olga. Ick denke, die kann sie weiterhelfen.“ Sie bückte sich und verschmolz wieder mit dem Stapel Wäsche zu dem dicken weißen Knäuel und gab den Blick frei auf eine gepflegte blonde Frau in schwarzem Kostüm und weißer Bluse, die sich ihrer Wirkung durchaus bewusst war. Ihre Haltung war kerzengerade, ihre Hände wie zum Gebet zusammengelegt.

    „Guten Tag, womit kann ich dienen?“, fragte sie und ging hinter den Empfangstresen. „Guten Tag, mein Name ist Katharina Berger, ich komme vom Magazin CENTRUM POST. Ich recherchiere in der Angelegenheit des Todesfalles von gestern Abend.“

    „Ah, ja, ich bin Olga, Olga Wolaniska. Frau Hartmann kommt bald, wollen Sie sprechen mit ihr?“ klang es polnisch gefärbt an Katharinas Ohr.

    „Ja, aber auch gerne mit Ihnen.“ Olga schaute auf ihre Armbanduhr als ob sie abschätze, wie viel Zeit sie erübrigen könne, dann ging sie vor ins Frühstückszimmer und zeigte auf die Sitzecke mit den drei roten Sesseln, wo gestern Abend Zoller mit Frau Hartmann gesessen hatte. „Mechten Sie Trinken?“ Katharina schüttelte den Kopf und setzte sich in einen der weichen Sessel. Olga setzte sich auf den zweiten Sessel und schob die Glasschale mit den Mozartkugeln zu Katharina.

    Diese lehnte mit einer Geste ab. „Was mechten Sie wissen?“, fragte Olga und kreuzte ihre Arme.

    „Nun, ich möchte vorausschicken, dies ist keine polizeiliche Vernehmung“, begann Katharina, „unsere Leser sollen nur so gut wie möglich von den Hintergründen unterrichtet werden.“

    Als ihr Gegenüber mit einem Nicken antwortete, fuhr sie fort: „Sie hatten Dienst gestern am Nachmittag. Was geschah in dieser Zeit?“ Sie holte einen Block und einen Stift aus ihrer Handtasche und machte sich Notizen.

    „No, da war einiges los. Zuerst war Streit zwischen dem Benny und Doktor. Benny lief schreiend durch Flur, rief ‚Das kannst du nicht machen mit mir. Das keiner macht mit mir. Du wirst sehen, was hast du davon’ – und dann mit seinen Sachen auf und weg.“

    Katharina genoss die rollenden R’s und die charmanten Wortumstellungen.

    „Wann war das?“

    „No, so gegen halb fünf“, wobei fünf eher nach finf klang, „kurz vor Notar Mommsen kam.“

    „Heißt ‚auf und weg’ er ist abgereist?“

    „Ja.“

    „Haben Sie den Benny danach noch gesehen, kam er noch mal wieder?“ „Nein.“

    „Und wie lange blieb der Notar?“

    „Notar blieb bis gegen finf.“

    „Und dann?“

    „No, dann bestellte Doktor Kigelchen. Jeden Tag Kigelchen. Hat der Benny immer gebracht. Nur gestern nicht, da ist ja der Benny schon weg.“  „Hat der Herr Mandelstein sie bei Ihnen bestellt?“

    „Jo, musste gehen einkaufen.“

    „Wo?“

    „Gibt nicht überall, nur in Cafe wie heißt – Lebensart, in Yorckstrasse für kaufen.“

    „Und die haben Sie ihm gebracht?“

    „Nein! Legte dort auf Tresen. War Klingeln, Gast von unten. Ich denke, Chefin hat Mozartkigelchen zu Doktor gebracht, später.“

    „Ich glaube ich darf Ihnen sagen, dass der Doktor, wie Sie ihn nennen, an vergifteten Mozartkugeln gestorben ist.“

    Olga schaute mit großen Augen auf die Glasschale mit den Kugeln.

    „Nicht meeglich! Was Sie sagen!“ Sie griff die Schale und stellte sie schnell auf einen anderen Tisch.

    „Und während Sie einkaufen waren, war da jemand hier an der Rezeption?“

    „Ja, Ursula. Sie haben gesehen mit Wäsche.“ Und immer wieder der Blick zur Schale.

    „Arbeitet diese Ursula täglich hier?“

    „Ja, jeden Morgen Fristick vorbereiten und dann Zimmer reinigen. Fristick bedienen Chefin und ich im Abwechsel.“

    „Wie kamen Sie denn mit dem ‚Doktor’ aus?“

    „Gast wie anderer, bisschen hohe Nase oder wie sagt man. Aber schon freundlich.“

    „Sagen Sie, diese Mozartkugeln, wer hatte denn auf die noch Zugriff?“

    Zunehmend nervös antwortete Olga: „Bitte scheen, nein, ich habe nur gekauft die verflixten Kugeln und Schachtel auf Tresen gelegt, andere in Kühlschrank und nicht angefasst, bin dann gegangen in Feierabend, ja, bitte scheen. Fragen Sie Chefin!“

    „Nun regen Sie sich nicht, auf, keiner wird ausgerechnet Sie verdächtigen, wenn Sie nichts mit der Tat zu tun hatten. Hatte der Herr Mandelstein sonst irgend einen Streit mit jemandem.“

    Olga dachte nach: „ Ich weiß nicht. Einmal dagewesen ein Russe, hat laut nach Doktor gefragt. Aber sonst nur Krach mit Benny.“

    Katharina überlegte, ob sie Olga fragen sollte, ob diese dem Benny einen Mord zutrauen würde, ließ es aber. Sie blickte auf die Uhr, es war kurz vor zehn. In fünfundvierzig Minuten hatte sie einen Fall bei Gericht, über den sie schreiben wollte. Darüber hinaus würde bald Zoller erscheinen und die Befragungen von gestern fortsetzen wollen. Sie legte es nicht darauf an, ihm hier zu begegnen.

    „Vielen Dank für Ihre Auskunft, Sie waren sehr freundlich.“

    „Und Sie werden nicht schreiben, dass ich vergiftet habe den Doktor?“

    „Nein, gewiss nicht. Sie haben es ja auch nicht getan, oder?“ Sie lächelte Olga an.

    „Bitte scheen, keine Angst machen.“ Ein verstörtes Lächeln suchte sich den Weg zu Katharina, die nicht genau wusste, wie viel Schauspielkunst in dem lag, was von Olga kam. Olga brachte sie zur Tür.

    Kapitel 4

    Die Dienstbesprechung war zuende. Zoller schaute auf die Uhr: Kurz vor zehn. Alle anliegenden Fälle waren erörtert worden, besonders die akuten. Das Landeskriminalamt beschäftigte sich mit „Delikten am Menschen“, also mit Gewaltakten gegen Leib und Leben, bis diese aufgeklärt und der Staatsanwaltschaft, bzw. der Gerichtsbarkeit überwiesen werden konnten. Zollers Arbeitszimmer lag im ersten Stock mit den Fenstern zum Hof, auf dem die zivilen Einsatzwagen geparkt waren. Drei Kastanien gaben den Fahrzeugen Schatten. Sie waren vor Jahren, als dies noch ohne Einspruch der Ämter geschehen konnte, gegen die alten Linden ausgetauscht worden, welche viele Straßen Berlins dicht bestanden und von allen Fahrzeughaltern auf den Tod gehasst waren, weil Abertausende von Blattläusen auf ihnen wohnten, die zu nichts anderem gut waren, als ihre Ausscheidungen besonders auf die Frontscheiben zu verteilen und den Fahrer nach wenigen Stunden mit einem undurchsichtig-klebrigen Film zu erfreuen. Mit den Kastanien erfreute man sich höchstens im Herbstwind eines kleinen Paukenkonzerts, wenn die Früchte sich von den Ästen lösten.

    Zoller hatte die Nachricht aus München gelesen, das Vernehmungsprotokoll von Benny, den man direkt am Bahnhof abgefangen hatte und die Akten über seine Person, die in München vorlagen. Er war türkischer Abstammung, in München aufgewachsen und war als Jugendlicher aufgefallen durch kleinere Rauschgiftdelikte mit Hasch (aber wer hat das noch nicht probiert?), allerdings auch mit härteren Drogen, die man ihm zugesteckt haben sollte, genau wurde der Fall nie aufgeklärt. Er hatte sich sexuell früh auf die maskuline Seite geschlagen und war durch Eifersuchts-Streitigkeiten und kleineren Schlägereien in die Akten geraten, weshalb er noch als Jugendlicher eine Bewährungsstrafe erhalten hatte. Es lag auch ein Bericht des ehemaligen Bewährungshelfers bei, aus dem hervorging, Benny sei ein umgänglicher, ja lustiger Geselle, allseits beliebt, neige allerdings zum Jähzorn und werde schnell rabiat. Man hatte ihn über längere Zeit betreut und habe einen positiven Einfluss seines um einige Jahre älteren Freundes, der wie er als Altenpfleger tätig war, festgestellt. Mit diesem älteren Freund war eindeutig der Tote in der Pension gemeint.

    Zoller setzte sich noch einmal hin und schaute den Polizeibericht genauer durch. Da war es. Beide hatten in Pflegediensten und Kliniken festangestellt und teilweise zur Aushilfe gearbeitet und konnten theoretisch und praktisch an Digitoxin herankommen. Zoller rollte mit seinem Schreibtischstuhl einen Meter nach hinten, so dass er Blickkontakt mit dem Nebenzimmer hatte.

    „Schneider, versuchen Sie, möglichst viel über den Notar herauszufinden, er war schließlich der Letzte, der ihn lebend gesehen hat.“

    Schneider grunzte zustimmend.

    „Wenn Wanzke kommt, kann er Ihnen ja helfen. Ich bin in der Pension, dann beim Notar.“ Zoller griff sein Jackett vom Stuhl und prüfte, ob er sein Handy einstecken hatte, blickte zum Fenster in den Hof und freute sich auf das herrliche Wetter, in das er bald treten würde und auf die Dame in der Pension, die ihn so an Eva erinnerte.

    Hätte er ausschließlich die Pension zum Ziele gehabt, wäre seine Wahl auf den Bus gefallen, doch von Kreuzberg in die Bismarckstrasse am Kleinen Wannsee wäre mit den Öffentlichen sehr zeitaufwändig und so nahm er lieber in Kauf, im Auto zu schwitzen und an den tausend Ampeln auf dem Weg zu kuppeln und schalten, denn die leeren Kassen Berlins erlaubten keine Automatikgetriebe und dass sein Wagen als einziger ein Schiebedach besaß, hatte man einem außergewöhnlichen, unerforschbaren Zufall zu verdanken.

    Als er die Rezeption erreichte, war sie verlassen. Er schlug spielerisch mit der flachen Hand auf die Tischklingel, wie er es oft in Filmen, besonders in Western gesehen hatte. Das ‚Bimm’ verhallte ungehört. Er schaute in das jetzt taghelle Frühstückszimmer und sein Blick blieb sekundenlang auf der roten Sitzgarnitur haften. Woher kamen nur die Herzklopfen, die er plötzlich verspürte? Die Türe hinter der Rezeption war geschlossen. Er ging darauf zu und klopfte an. Nichts.

    Dann vernahm er ein Schnaufen. Es kam vom Gang, der hinter der Rezeption zu den Zimmern führte, deren eines versiegelt war. Das Schnaufen kam näher und er erblickte eine dickliche, blonde Frau mit wirren Haaren und in weißem Kittel. „Ach Jottchen, keiner da? Warten se, die Olga muss gleich kommen. Wenn se sich ein Augenblick gedulden würden, ick schau mal nach, wo se steckt, se kann nur drüben im Trakt sein.“ Sie rauschte an ihm vorbei. „Moment bitte, gnädige Frau!“,  stoppte Zoller sie. Sie blieb stehen und lächelte ihn an: „Det hat aber lange keiner nich mehr zu mir gesagt, ick wusste doch gleich, se sind ein Mann von Welt!“ Ursula wand sich förmlich vor Freude über die Anrede.

    „Jedenfalls bin ich ein Mann der Polizei“ sagte Zoller und zeigte seinen Ausweis. „Sie müssen Ursula sein.“ Er entnahm das nicht nur den Daten von Wanzke, sondern auch diesem urtümlichen Berliner Dialekt, der einen förmlich ansprang.

    Sie nickte. „Ah, wegen det Geschehnis gestern Abend, aber da war doch schon det junge, schicke Frolleinchen hier und dem habe ick allet gesagt, wat ick wees.“

    „So? Wie sah diese Dame denn aus?“

    „Na Sie können Fragen stellen! Wie sah sie denn aus? Na ja, so rötliche Haare und ein bisken größer als wie icke.“

    Zoller lächelte innerlich. „Dann ist mir schon klar, wer das war.“

    „Sagen’se nur, hätt ich der nischt erzähl’n dürf’n? Und die machte doch so einen duften Eindruck uff mir!“

    „Nein, nein, war schon in Ordnung. Gibt es vielleicht ein Plätzchen, wo wir ungestört reden können?“

    „Gewiss doch. Visitiern wir mal die Küche.“

    Sie ging vor, durch das Frühstückszimmer in die blendend aufgeräumte Küche. Zoller schmunzelte noch über die Berliner Schnauze und ihm fiel der Alt-Berliner Spruch ein, der die Berlin-übliche Verwechslung der grammatischen Fälle entzückend schildert:

    »Ick liebe dir – ich liebe dich

    wie’s richtig heest, dat wees ick nich

    und is mich ooch Pomade.

    Ick lieb nich uffn ersten Fall

    ick lieb nicht uffn zweeten Fall

    ick liebe dir uff jeden Fall,

    schenkst du mich Schokolade«

    In diesem liebenswerten Dialekt war Ursula Meisterin.

    „Ist nicht viel los heute und morgen. Anreise erst wieder Donnerstag. Nehmen’se doch Platz, ick werd hier mal ein bisken Ordnung machen.“

    Zoller wunderte sich zwar, wo es hier an Ordnung fehlen sollte, doch er wusste, es gab Menschen, die sich nicht still hinsetzen konnten.

    „Was haben Sie der jungen Dame denn erzählt?“

    „Hat se Ihnen det nicht weitergegeben?“

    „Nein, sie hat mich bisher nicht getroffen.“

    „Ja, warten’se, wat hab ick ihr denn nun gesagt?“ Es fiel ihr wieder ein und sie erzählte ihm breiter als heute morgen Katharina, was für ein feiner Kerl der ‚Dokter’ gewesen sei. Nach einigen Minuten breitesten Berlinerischs, wie von einer  Spindel abgespult, fand Zoller Gelegenheit, eine Frage an sie zu richten: „Am Abend, als dieses ‚Geschehnis’, wie Sie es nennen, stattfand, waren Sie auch im Dienst?“

    „Nee, ick hatte mir noch vor sechse verflüchtigt, det heißt, ick hatte Feierabend, die Chefin hatte uns heim geschickt.“

    „Was taten Sie, bevor Sie gingen?“

    „Lassen se mir mal ventilieren, der Krach war gegen viere, denn kam der Rechtsverdreher, denn ging die Olga eenkoofen . . .“ man sah es ihr an, wie sie ihre Gänge in ihrem Geiste wiederholte, um den Ablauf der Zeit nachzuvollziehen, dazu heftete sie ihre Augen auf einen unbestimmten Punkt irgendwo über dem Teppichboden, dann blickte sie ihn wie erleuchtet an, „ . . . ja denn kam unser Hauser, det  war viertel nach fünfe, denn war ick in de Waschküche und det Schwätzchen mit der Müllern und denn kam die Chefin und meinte, wir könnten jeh’n. Also war det so jejen halber sechse.“

    „Gut.“, sagte Zoller, blickte von seinen Notizen auf und fragte: „Können Sie mir Näheres von diesem Hauser erzählen, aber kurz.“, setzte er hinzu.

    „Det ist ein ganz Lieber, immer freundlich und . . .“, sie suchte nach Worten, „Wissen’se, so jemand von der alten Schule, hat mich mal die Hand geküsst!“ Sie gluckste verschämt. Zoller merkte, dass hier nicht mehr viel kommen würde und fragte gezielt: „Kamen Sie mit Mozartkugeln in Berührung?“

    „Meinen Sie wegen meiner Figur? Die war vorher schon so! Det mit den Mozartkugeln hat erst der Dokter hier einjeführt, hat se ja massenweise verschlungen. Gab uns immer wat ab, hat uns sozusagen uff den Geschmack gebracht, uns anjefüttert, und denn kauften wir auch welche für ihn und für uns und so.“

    Was sie mit ‚und so’ meinte, ließ sie offen.

    „Was ich meine ist, haben Sie gestern irgend etwas beobachten können, was mit Mozartkugeln zu tun hatte?“

    „Genau kann ick mir nicht reminiszieren, aber warten’se, als ick am Tresen war und der Hauser vorbei kam, da hab’ ick ne Schachtel liegen gesehen, sogar mit Zettel drauf mit’m Namen vom Dokter – und hab se vor dem Menschen in Sicherheit bringen wollen und sie unter den Tresen gelegt, auf die Arbeitsplatte.“

    „So? Wissen Sie, woher diese Schachtel stammt, wer sie auf den Tresen gelegt haben könnte?“

    „Nein, aber det hätte ja nur Benny oder die Olga gewesen können sind.“ Zoller stolperte noch über die Grammatik des Satzes. „Aber der Benny war ja schon weg!“, rekapitulierte sie. Ganz richtig, musste Zoller ihr bei der stringenten Beweisführung einräumen.

    „Hatten Sie danach noch einmal Kontakt mit dem Konfekt?“

    Ursula überlegte, diesmal stumm, und schüttelte mit dem Kopf. Nach einer Pause sagte sie: „Denn war ick in der Waschküche, denn kam de Chefin.“

    Zoller hatte keine Fragen mehr an Sie außer der: „Wo finde ich Olga und Hauser?“

    Ein Teil der Frage erübrigte sich, Olga erschien mit einem Tablett voll Frühstücksgeschirr. „Hallo,“ sagte sie, „Herrenbesuch? Ursula, Ursula!“

    Sie machte einen überaus vitalen Eindruck auf Zoller und wenn er sie genau besah, hatte sie nicht eine leichte Röte im Gesicht?

    Ursula fuhr zusammen.„Nee, so is det nich, wie se meinen könnten, wenn se dächten, der Herr is von de -“

    „Polizei,“ sagte Zoller und zeigte seinen signalroten Ausweis. „Hartwig Zoller, Hauptkommissar. Ich ermittle im Falle Mandelstein.“

    „Sehr angenehm, Olga Wolaniska. Junge Frau von Zeitung war heute schon da.“

    Zoller überging diese Bemerkung: „Sagen Sie, wissen Sie ob Herr Hauser auf seinem Zimmer ist?“

    Eine Irritation durchzuckte Olga’s Blick, oder sollte sich Zoller irren?

    „Äh, ja, ich bringe gerade Fristicksgeschirr von Herrn Hauser, er ist auf Zimmer. Wollen Sie ihn jetzt befragen?“ Nun blickte sie ihm gerade in die Augen.

    „Ja, ich denke, das wird das beste sein. Vielleicht will er ja später außer Haus gehen und Sie sind sicher noch ein Weilchen da.“, lächelte er sie an. „Soll ich ihm geben Bescheid?“ Olga schien wirklich etwas verunsichert.

    „Nein, nicht nötig, wenn Sie mir nur die Zimmernummer sagen.“

    „Finfzehn, Numero Finfzehn!“ Sie lächelte Zoller an, als ob sie artig war, weil sie die Nummer auswendig wusste. „Sie missen in andere Trakt, über Treppenhaus gehen.“ Irgendwie machte etwas an Olgas Verhalten Zoller gespannt auf diesen geheimnisvollen Dauergast Hauser.

    Kapitel 5

    Vor der Türe stehend, hörte er im Zimmer eine dunkle Männerstimme undeutlich telefonieren. Nachdem er geklopft hatte, rief die Stimme „Moment!“, sprach noch drei Worte, legte auf und es vergingen noch einige Sekunden leiser Geräusche, bis Herr Hauser die Türe öffnete und ihn mit „Ah, der Herr der Kriminalpolizei!“ Willkommen hieß, dabei mit großer, einladender Geste ins Zimmer wies. Bevor Zoller dazu kam, etwas zu sagen, fuhr Hauser fort: „Olga hat sie avisiert.“ Zoller sah sich im Zimmer um. Sofort war ihm das ungeordnete Doppelbett aufgefallen, aber nur, weil eine Tagesdecke die Unordnung zu verbergen suchte. Das Fenster stand offen, doch noch war ein dezenter Duft zu spüren, dem er erst vor kurzem begegnet war. Wenn er sich nicht sehr täuschte, war es das Parfüm von Olga. Der Tisch wies noch geringfügige Spuren eines Frühstücks auf. Hauser hatte graumeliertes Haar und war in einen geschmackvollen, rot-seidenen Hausmantel gehüllt. Er bot Zoller den einzigen Sessel im Raume an, von dem er einen Staubmantel entfernte. „Bitte sehr, etwas Bequemeres haben meine bescheidenen vier Wände nicht zu bieten.“ Er sprach klares und sauber artikuliertes Hochdeutsch. Zoller dankte, ging aber zum offenen Fenster.

    „Das Fenster gegenüber, ist das nicht das Zimmer von Herrn Mandelstein?“

    „So ist es.“

    „Dann  könnten Sie gestern von den Vorfällen einiges mitbekommen haben.“

    „Oh, eine ganze Menge!“

    Das ist bei Zeugen meist der Fall, wenn sie sich wichtig machen wollen, dachte Zoller. In der Regel haben Zeugen nichts gesehen und nichts gehört, aus Angst, in den Fall mit hineingezogen zu werden.

    „Allerdings, mit einer Einschränkung,“ fuhr Hauser fort „nur bis viertel nach fünf, denn fünf Uhr einunddreißig ging mein Bus.“

    „Und was haben Sie gesehen und gehört?“

    „Herr Mandelstein, der sich so gerne ‚Doktor’ nennen ließ, hatte eine deftige Auseinandersetzung mit seinem kleinen Freund, dem Benny. Unsere beiden Fenster waren gekippt, so dass ich recht gut verstehen konnte, um was es ging, nämlich Mandelstein hielt dem Benny dessen Promiskuität vor und Benny glaubte, von Mandelstein enterbt zu werden. So hörte es sich jedenfalls an.“

    „Hat er das Wort enterbt benutzt?“

    „Sicher. Mehrmals. Er sei so enttäuscht, dass er enterbt würde, da er doch so viel für ihn getan hätte, er solle nur einmal daran denken, wie er in München für ihn gelogen hätte, ja einen Meineid geschworen, und jetzt solle er enterbt werden. Genauso hat es der Benny mit weinerlicher Stimme vorgetragen.“

    „Vorgetragen?“

    „Teils gefleht, teils ihm ins Gesicht gebrüllt, wie ein waidwundes Tier.“ „Und was antwortete Herr Mandelstein?“

    „Er sprach ruhiger, doch manchmal auch entschieden und laut. Er sagte, es sei nicht wahr, er wolle ihn nicht enterben, sondern nur seine Kompetenzen beschneiden, da er, der Benny, sich öfter rumtreibe und besaufe und sie doch schließlich eine sensible Mission hätten.“

    „Sensible Mission?“

    „Ja, wörtlich, sensible Mission.“

    „Sagte der ‚Doktor’?“

    „Sagte der ‚Doktor’.“

    „Es fielen noch Worte wie ‚Notar Mommsen’ und ‚Kinderkrippe’ und ‚auffliegen’, doch ohne Zusammenhang.“

    „Was geschah dann?“

    „Dann sah ich, dass der Benny seine Sachen packte, Mandelstein ihn zurückhalten wollte, es aber nicht schaffte und Benny laut brüllend das Zimmer verließ.“

    „Und damit die Pension“, sagte Zoller zu sich und laut: „Wann genau geschah all dieses?“ „Das muss so in der Zeit zwischen vor vier bis kurz nach vier gewesen sein.“

    „Also verließ der Benny vor Ihnen das Haus?“

    Hauser nickte.

    „Haben Sie den Benny danach noch einmal wieder gesehen?“

    „Nein.“

    „Was geschah anschließend?“

    Hauser machte ein Denkpause. Zoller dachte mit.

    „Dann kam der Anwalt der beiden, von diesem Gespräch bekam ich nichts mit, da es sehr ruhig geführt wurde. Ich bereitete mich auf die Lesung vor und verließ das Haus kurz vor halb sechs.“

    „Sie sprachen von Lesung. Hielten Sie die selbst ab, oder . . .“

    „Nein, im Haus der Dichter las ein begnadeter junger Schriftsteller aus seinen Werken.“

    „Wenn ich fragen darf: Was sind Sie von Beruf?“

    „Oh, das ist nicht leicht zu beantworten. Genau gesagt, übe ich derzeit keinen Beruf aus. Ich ruhe. Und sehe mich um.“

    Zoller mochte nicht, wenn er keine klare Antwort bekam, sonderlich auf Fragen, deren Beantwortung normalerweise keine Probleme aufwerfen sollten. Was hielt diesen Herrn im Morgenmantel ab, ihm seine Berufsbezeichnung oder Tätigkeitsfeld zu nennen? Er sah einen Mann in den besten Jahren vor sich und konnte sich nicht vorstellen, dass dieser gebildet erscheinende und gut aussehende Mann ohne Beschäftigung sein sollte.

    „Bevor Sie etwas Falsches denken, ich gehöre nicht der sozialen Gruppe abhängiger Bürger ohne Anstellung an, ich partizipiere nicht an öffentlichen Geldern. Ich benötige keine Anstellung, bin mein eigener Herr und lebe von“ er zögerte unmerklich, „Ersparnissen.“

    Noch so eine Undeutlichkeit. „Gut,“ sagte Zoller leicht verschnupft, „belassen wir es dabei. – Noch ein letzte Frage: Kannten Sie den Toten?“

    „Eher weniger.“ Hauser schien Unklarheiten gepachtet zu haben, vielleicht liebte er Geheimnisse. Auf Zollers Frage, was er denn damit meine, antwortete er, er kenne ihn, wie man einen Hotelgast, den man hin und wieder sah, grüßte, ein paar Worte mit ihm wechselte eben kenne. Zoller liebte solche obskuren Bemerkungen nicht, hatte derzeit keine Lust mehr auf solche Spielchen und ging zur Tür. Hauser bemerkte wohl die Verstimmung.

    „Falls mir noch etwas einfallen sollte, was für Sie eventuell von Belang sein könnte, werde ich mich selbstverständlich an Sie wenden.“, sagte Hauser, als er Zoller die Türe öffnete.

    „Für mich ist alles von Belang,“ antwortete jener „besonders das Eventuelle. Und falls Sie, eventuell, vorhaben zu verreisen, lassen Sie auch dies mich wissen. Guten Tag.“

    Er spürte den Blick Hauser’s im Rücken, als er den Gang entlang ging, bis er um die Ecke bog. Da blieb er kurz stehen und hörte, wie Hauser seine Türe schloss.  Er wohnte genau gegenüber dem Tatzimmer, konnte vieles gehört und gesehen haben, was zur Klärung dieses Falles beitragen könnte, möglicherweise auch an den Tagen vor dem Mord. Hatte er alles von Relevanz erzählt? Zoller nahm sich vor, Hauser genauer unter die Lupe zu nehmen.

    Er traf Olga und Ursula in der Küche wieder, wo sie Tee tranken und sich unterhielten. Zoller klopfte an den Rahmen des Durchganges. Ursula sprang auf und bot ihm eine Tasse Tee an, die er dankend annahm. Olga führte ihn in das kleine Büro hinter der Rezeption. Es hatte die Größe einer Abstellkammer. Der Schreibtisch quoll über, auf einem Monitor schwankte das Windows-Emblem wie trunken und stieß sich an den Kanten taumelnd ab. Durch das offene Fenster drang Musik. Olga setzte sich auf den Hocker und überließ Zoller den Bürostuhl. Zoller schob einige Papiere beiseite und stellte seine Teetasse auf den Schreibtischrand.

    „Mozart, sagte sie. Unser Gast, Herr Hauser, liebt Mozart. Soll ich lieber Fenster schließen?“ Zoller verneinte mit einer Geste, die Akustik des Hofes faszinierte ihn.

    Er stellte die üblichen Fragen zur Person und zu den Geschehnissen vor der Tat. Er erfuhr von dem seltsamen Auftritt eines jungen Russen, der vor Tagen recht aufgebracht am Empfang nach Mandelstein gefragt hatte, sie daraufhin Mandelstein telefonisch vom überfallartigen Auftauchen informierte und Mandelstein mit dem Russen aus der Pension verschwand. Nein, sie kenne diesen Russen nicht, habe ihn noch nie vorher gesehen und habe bislang dieser Sache nicht viel Gewicht beigemessen, aber nun, da ja eine Tat verübt sei, könne dies vielleicht hilfreich sein. Sein Name? Sein Vorname sei Boris. Der Nachname? Irgend etwas wie Worno, Worenz oder Wonzeff, nein Woronzeff, genau. Zoller machte sich Notizen. Auf die Frage, warum sie seinen, Zollers, Besuch bei Hauser ungebeten angemeldet habe, geriet sie leicht ins Stocken, erklärte dann, Hauser dusche immer ausgiebig und sie wollte ihn aus der Dusche klingeln, damit er das Klopfen hörte und den Hauptkommissar empfangen könnte. Nach dem Beruf Hausers befragt, antwortete sie, sie habe sich nicht darum gekümmert, aber vielleicht sei er Kunstkritiker oder Journalist, im Meldeformular stünde nichts. Zoller tastete sich langsam vor, indem er ihr zunächst bedeutete, er hielte den Herrn Hauser für einen sehr feinsinnigen, gebildeten und gutaussehenden Mann, andererseits er ihn aber als nicht gerade entgegenkommend und kooperativ, ja regelrecht als undurchsichtig ansah. Ihre Mimik applaudierte im ersten Fall, im zweiten wurde sie wirsch und Olga meinte ausdrücklich, Herr Hauser sei immer sehr freundlich, wobei sie das Wort ‚sehr’ deutlich unterstrichen, mit vielen E’s und einem besonders schönen R am Ende aussprach.

    „Könnte es sein, dass Sie ihm – sehr zugetan sind?“, fragte er. Sie errötete, zum einen, weil sie die Falle nicht erkannt hatte, zum anderen, weil es stimmte. Sie gingen noch einmal minutiös die Abläufe des Kaufs der Mozartkugeln und der Geschehnisse durch, bevor die Chefin sie gestern in den Feierabend geschickt hatte.

    Zoller bedankte sich und im Gehen hörte er sich fragen: „Wann kommt denn Frau Hartmann heute?“

    „Wollte schon da sein“ sagte Olga nach einem Blick auf die Uhr.

    „Dann grüßen Sie sie von mir.“

    Auf der Treppe hörte er Schritte, die ihm entgegen kamen. Er spürte sein Herz schlagen. Nein, Isabel war es nicht. Zoller räusperte sich und verließ die Pension.

    Kapitel 6

    Katharina sonnte sich mitten auf dem Dach des Familiengerichts Kreuzberg-Tempelhof. Seit Jahren war ihr das im Frühjahr und Sommer ein lieber Aufenthaltsort geworden, wenn sie in den Amtsstuben den mehr oder minder schweren Fällen gelauscht, die bescheidenen oder renitenten Angeklagten vor den Altären der Gerichtsbarkeit beobachtet hatte. Sie kannte so manchen Verteidiger und Staatsanwalt, hatte zu jedem ihre gewachsenen Beziehungen, sie kannte bei jedem den Punkt, wann er sich vom Gegenanwalt geschmeichelt oder beleidigt, wann übergangen oder missverstanden fühlte. Auch die Richter und Richterinnen kannte sie in fast allen Befindlichkeiten. Manches Mal hatte sie Gelegenheit, über die aktuellen Fälle mit den unabhängigen Dienern der Gerechtigkeit hier oben zu sprechen, soweit sie bereit waren und die Aussagen den Fortlauf der Verhandlungen nicht beeinflussen konnten.

    Hier oben fühlte sich jeder gut und leicht, wie über dem Gesetze schwebend, hier oben nämlich befand sich die Cafeteria, hier gab es keine Unterstellungen, vagen Vermutungen und konstruierte Mutmaßungen, sondern klare Fakten in Form von Speisen und Getränken, hier konnte man sich privat zurücklehnen, hier durfte man rauchen und einfach die Blicke über Kreuzberg gleiten lassen, oder, wenn man sich umdrehte, über Berlin Mitte.

    Genau gesagt, war es der Dachgarten des Familiengerichtes, welches man in modernem Stile an das herrschaftlich alte Gebäude des Amtsgerichtes angebaut hatte, das in der Möckernstrasse im Stile schönsten Historismus bereits seit 125 Jahren den Rechtsprechern ein Dach bot.

    Die Verhandlung, die sie besucht hatte, war ihr unangenehm auf den Magen geschlagen, so dass sie erst einmal einen Cognac hatte trinken müssen, bevor sie in der Lage war, sich einen Salat mit Entenbratenstreifen einzuverleiben. Erst nach dem Cognac, den sie ansonsten eher verschmähte, nahm sie den Sonneglanz auf den Dächern wahr und die im Winde tanzenden Baumwipfel, die wie riesige grüne Pinsel den Himmel blau malten. Ein von Tempelhof startendes Flugzeug schnitt das Blau in zwei Teile.

    Und doch kamen ihr, als sie im gemischten Salat stocherte, die Bilder des Falles hoch: Ein vierzehnjähriges Mädchen war angeklagt, an einem Nachmittag, an dem die Mutter nicht zu Hause war, ihrem Stiefvater eine Flasche schärfsten Reinigungsmittels, auf dem sich ausschließlich die Fingerspuren der Tochter auffinden ließen, zwischen seine Schnapsflaschen gestellt und ihn so vergiftet haben zu wollen. Der Stiefvater hatte schwerste Verletzungen in Mund- und Rachenraum und eine unheilbare Verätzung der Stimmbänder davongetragen, die ihn zu stimmlosem, wimmerndem Wispern verdammte. Das junge Mädchen stritt die Tat strikt ab.

    Im Verlauf der Verhandlung zeigte sich, dass die Mutter, die zeitweise Putzen ging, ihrem jetzigen arbeitslosen Manne hörig war, jede Handlung von ihm als absolut gerechtfertigt verteidigte, auch wenn dessen Hand sich gegen sie selbst erhob. Sie war blind geworden für die Bedürfnisse ihrer Kinder, deren sie zwei hatte, zwei Töchter, die eine, jetzt angeklagte und eine, die im Jahr zuvor mit kindlichen vierzehn Jahren Selbstmord begangen hatte. Diesen führten die Eltern schlicht auf schlechte Schulnoten und ihre mimosenhafte Labilität zurück. Dass das Leben ihnen selbst auch nicht gerade die besten Noten verpassen würde, kümmerte sie nicht. Er war arbeitslos und trank, sie kam nicht gegen seine Trunksucht an und hatte die Kinder vernachlässigt. Der Selbstmord der Schwester nahm im Verlauf der Verhandlung noch einmal einen besonderen Stellenwert ein, als die Angeklagte den Abschiedsbrief ihrer älteren Schwester ins Spiel brachte, in welchem diese die Mutter und deren Ignoranz schuldig sprach. Ein Satz war Katharina besonders in Erinnerung geblieben ‚Ich lief so oft zu dir, aber du hast mir nicht geglaubt’. Wer einen solchen Satz nicht einmal im Abschiedsbrief seiner Tochter ernst nimmt, hatte versagt, auf ganzer Linie.

    Die kindhafte Angeklagte erklärte unter Tränen, der Stiefvater hätte die Schwestern ständig geschlagen und schließlich die ältere missbraucht, was auch der Grund für den Selbstmord gewesen sei. Nun hätte er auch bei ihr angefangen. Die Schläge seien ja noch auszuhalten gewesen, aber nicht das, was er dann von ihr wollte. Die Mutter hätte auch ihr nicht geglaubt. Auf die Frage, warum sie das nicht angezeigt, oder zumindest anderen erzählt hätte, antwortete sie, dass, wenn schon nicht die eigene Mutter einem Glauben entgegenbrächte, sie keinem anderen Erwachsenen vertraut hätte. Nur einer einzigen Freundin, Manuela, hätte sie sich schließlich eröffnet. Wo denn diese Manuela sei. Umgezogen nach Kiel, nur einmal wäre sie noch zu Besuch gewesen, einen Tag, bevor die Geschichte mit dem Stiefvater passierte. Hier wurde die Verhandlung unterbrochen, um diese Manuela aufzufinden und für den Fortgang der Verhandlung zu laden.

    Katharina fuhr aus ihren Gedanken hoch. Ihr Teller war leer. Sie schaute auf die Uhr: Vierzehn Uhr und zwölf Minuten. Sie musste in den Verlag. Zuvor wollte sie Hartwig Zoller anrufen und zog ihr Handy aus der Handtasche. Es klingelte viermal, bevor er abhob.

    Kapitel 7

    Vom Auto aus hatte Zoller das Büro von Dr. Wolfgang Mommsen angerufen und sein Kommen avisiert. „Aber bitte nicht vor dreizehn Uhr!“ hatte die freundliche Stimme der Sekretärin ihn gebeten.

    Um dem Verkehr durch Schöneberg, Steglitz und Zehlendorf auf der B1 zu entgehen, hatte Zoller die andere, etwas längere Route über Grunewaldstrasse, Hohenzollerndamm auf die Stadtautobahn und Avus gewählt und war früher als gedacht am S-Bahnhof Wannsee angekommen, von wo die Bismarckstrasse an den Kleinen Wannsee führte und sich die Wohn- und Geschäftsadresse des Notars befand. Er parkte seinen Wagen auf der Königstrasse, genau auf der Brücke, die den Kleinen von dem großem Wannsee trennte, ging ein paar Schritte in der Mittagssonne zurück und aß bei Loretta am Wannsee eine Currywurst. Er trank sonst nie Cola, doch zur scharf gewürzten Currywurst war sie das einzig passende Getränk. Danach schlenderte er in die Bismarckstrasse hinein, deren uralte Kastanien riesige Schatten auf das narbige Kopfsteinpflaster warfen. Nach ein paar Schritten, er war nur noch von Stille umgeben, wies ein verwittertes, kaum sichtbares Schild nach rechts in die Bäume. Er erinnerte sich und folgte dem schmalen Weg, bis er von leichter Anhöhe unter den Bäumen das Wasser des Kleinen Wannsee’s blitzen sah und unter einer Eiche das Grab eines der größten deutschen Dichter fand: Heinrich von Kleist. Zoller setzte sich auf die kleine Holzbank, die so alt wie das verwitterte Schild sein musste und kramte zusammen, was in seinem Gedächtnis hängen geblieben war: Käthchen von Heilbronn, Prinz von Homburg, Amphytrion. Auf dem Grabstein las er:

    «Er lebte, sang und litt in trüber, schwerer Zeit,
    Er suchte hier den Tod und fand Unsterblichkeit»

    Hier hatte der lebensüberdrüssige Dichter im November 1811 erst seine todkranke Freundin, dann sich selbst erschossen. Zuvor hatten sie sich noch Kaffee und Rum bringen lassen.

    Zoller sah auf die Uhr und entschuldigte sich innerlich für die Kürze seines Verweilens, er habe ja schließlich einen aktuellen Todesfall aufzuklären.

    Die Bismarckstrasse war ein hochedles Wohnviertel hinter hohen Kiefern, dazwischen, als Sichtschutz für die Villen, Birken und Büsche. Die meisten Grundstücke hatten Seezugang mit Anlegestellen für Motor- und Segelboote. So auch das Grundstück, auf dem die eierschalfarbene Jugendstilvilla des Notars gelegen war. Ein hölzernes Bootshaus verbarg das zu vermutende Schmuckstück darinnen.

    Zoller nahm die vier Stufen zum Eingang. In ein durchsichtiges Acrylschild war goldfarben eingraviert: Dr. W. Mommsen, Rechtsanwalt und Notar.

    Er drückte die Messingklingel. Eine Stimme fragte: „Ja bitte?“ Zoller sagte seinen Namen und die breite Massivholztüre summte. Er hatte sie kaum berührt, sprang sie auf und er trat ein. Ein großzügiges Foyer empfing ihn, ausgestattet mit wenigen, ausgesucht edlen Mahagonischränken, auf einer Seite mit  einer Jugendstil-Sitzgarnitur in dunkelgrünem Leder, dazwischen ein Tisch aus Mahagoni. Es roch nach Holz. Im hinteren Bereich stand eine Nachbildung der Venus von Milo, dezent durch einen Punktscheinwerfer beleuchtet. Noch bevor er sich zur Türe mit der Aufschrift Kanzlei bemühte, trat aus dieser ein schlanker Mann in silbergrauem Anzug mit burgunderroter Krawatte zum weißen Hemd. Unter silbergrauen Haaren schauten ihm zwei blaue Augen aus einem gebräunten, markanten Gesicht entgegen. Schmale Lippen öffneten sich zum Gruß: „Herr Kommissar Zoller? Mommsen, angenehm. Setzen wir uns dorthin, da sind wir ungestört.“ Er ging auf die grüne Sitzgruppe zu und bot Zoller freie Platzwahl. Zoller setzte sich auf die Zweiercouch, von der er den gesamten Raum überblicken konnte. Dr. Mommsen wählte einen Sessel ihm gegenüber. „Ich lasse uns einen Kaffee kommen, oder mögen Sie lieber Tee?“

    „Kaffee ist gut, danke! Sie wissen, warum ich hier bin?“ begann Zoller.

    „Ja, Frau Hartmann hat mich gestern Abend noch angerufen und von dem Tod meines Mandanten erzählt.“ Zoller wunderte es, dass ein solch arrivierter Anwalt für einen völlig unbedeutenden, ihm unbekannten Medizinstudenten überhaupt tätig wurde.

    „Wie wurde Herrn Mandelstein zu Ihrem Mandanten?“

    „Isabel Hartmann hatte mich vor einer Woche angerufen und ihn als potentiellen Klienten erwähnt. Zunächst war ich skeptisch, doch als er hier vorsprach, sagte ich zu.“

    „Frau Hartmann war Ihnen also auch schon bekannt?“

    „Ich kannte ihre Eltern, die bei meinem Vater bereits Mandanten waren.“

    „Sie sprachen von anfänglicher Skepsis“, sagte Zoller und ließ die damit verbundene Frage offen.

    Die Türe zur Kanzlei öffnete sich geräuschlos und eine aparte, dunkelhaarige Dame Ende dreißig brachte ein Tablett mit einer Kanne Kaffee, Tassen, Zucker und Milch sowie einer Glasschale mit einer Mischung aus Gebäck, Schokolade und Mozartkugeln. Letztere stachen Zoller geradezu ins Auge. „Frau Demmler, meine rechte und linke Hand im Büro, meine wandelnde Agenda und Schmuckstück meiner Kanzlei.“ Da sie solches Lob tausendfach gehört hatte, lächelte die Sekretärin die Übertreibungen ihres Chefs entschuldigend Zoller zu, sagte „Wir kennen uns vom Telefon“ und füllte mit weichen Bewegungen die Tassen mit Kaffee. So leise sie gekommen war, verschwand sie wieder.

    „Nun,“ begann Mommsen und trank einen Schluck Kaffee, „eigentlich ist meine Zeit mit den vorhandenen Verpflichtungen als Anwalt und Notar voll ausgefüllt. Andererseits zeigte sich, dass Herr Mandelstein zum einen recht interessante Pläne verwirklichen wollte, zum zweiten andeutete, dass er dabei war, seine Geschäftsbeziehungen zu Polen und darüber hinaus auszuweiten, was mich als Wirtschafts- und Vertragsanwalt im Zuge der Globalisierung schon ansprach.“

    „Es war von der Gründung einer Firma die Rede?“

    „Ja. Eine GmbH ist bereits in Gründung und eine weitere war geplant.“

    „Womit sollten sich diese Firmen beschäftigen?“

    Mommsen erklärte den Wunsch seines ehemaligen Mandanten, einen ambulanten physiotherapeutischen Dienst einzurichten, darüber hinaus einen Handel von Blutplasma und Medikamenten und ähnlichen Waren mit den östlichen Ländern aufbauen zu wollen.

    „Können Sie mir sagen, was die Begriffe ‚Sensible Mission’ und ‚Kinderkrippe’ in diesem Zusammenhang beinhalten könnten?“

    „Nein, außer, dass der Handel mit dem Osten per se schon eine sensible Mission ist. ‚Kinderkrippe’ sagt mir nichts.“

    „Gut. Insgesamt bedeutet es aber,“ konstatierte Zoller, „Herr Mandelstein besaß Kapital, welches er investieren konnte. Oder wollte er über Banken finanzieren?“

    „Nein, er hatte einen ansehnlichen Betrag in bar dabei, von dessen einem Teil er das Stammkapital abdecken, den anderen Teil gewinnbringend anlegen wollte.“

    „Ich weiß um Ihre Schweigepflicht, dennoch müsste ich darauf bestehen, die Größenordnung zu erfahren.“ Die schmalen Lippen Mommsens wurden noch schmaler, doch bevor er antworten konnte, öffnete sich die Türe zum anderen Trakt des Hauses und eine groß gewachsene, blonde Frau in locker umgeworfenem Staubmantel, der -offensichtlich aus Fallschirmseide- weich um ihren Körper wehte, kam auf sie zu.

    „Entschuldigen Sie bitte,“ sagte sie mit Seitenblick auf Zoller, der sich erhoben hatte, „Liebling, gibst Du mir bitte die Wagenschlüssel?“

    Dr. Mommsen hatte sich ebenfalls erhoben und holte aus seiner Jackettasche die Schlüssel. „Entschuldige, hatte vergessen, sie Dir hinzulegen. Meine Frau Irina, Kommissar Zoller“ stellte er sie gegenseitig vor. Zoller nahm ihre Hand. „Angenehm!“, sagte Irina lächelnd, „Ganz meinerseits!“ antwortete Zoller und sah zu, wie sie mit der Hand, welche die Schlüssel hielt, ihnen zuwinkte und mit kurzem Gruß wieder durch die Türe verschwand. Sie setzten sich wieder.

    „Wo waren wir stehen geblieben?“ fragte Mommsen und fand selbst den Faden wieder „Ja, bei der Finanzierung. Bevor Ihre Leute mir die Kanzlei durcheinander bringen, kann ich Ihnen sagen, Herr Mandelstein hatte insgesamt vierhunderttausend Euro bei sich.“

    Zoller pfiff durch die Lippen. „Allerhand. Hat er Ihnen gesagt, woher das Geld stammt?“

    „Ja, er sagte, ein kleiner Teil seien seine Ersparnisse, der andere ein Lottogewinn vor einiger Zeit.“

    „Haben Sie ihm das abgenommen?“

    Mommsen sah ihn verständnislos an. „Warum sollte ich daran zweifeln? Er wollte eine Beratung, wie er das Geld so anlegen könnte, dass er jederzeit Zugriff darauf habe. Ich habe ihm zu verschiedenen Beteiligungen geraten und er hat es gleich eingezahlt.“

    „Abzüglich Ihrer Kosten für Gründung und Beratung.“ Mommsen antwortete nicht. „Ich denke, Sie werden uns die Unterlagen über die Gründung zur Prüfung überlassen müssen.“

    „Kein Problem.“

    „Sagen Sie, Dr. Mommsen, hatten Sie darüber gesprochen, warum Herr Mandelstein nach Berlin ziehen wollte?“

    Mommsen grübelte einige Sekunden: „Ich glaube, er sprach von Neuanfang in seiner Heimatstadt und Nähe zu seinen neuen Geschäftspartnern. Übrigens hatte er vor, sein spät angefangenes Medizinstudium zu beenden.“

    Zoller machte sich Notizen. Dann fragte er den Notar, ob es ein Testament gäbe, es sei der Ausdruck ‚enterben’ gefallen. Ja, Herr Mandelstein hätte alles genauestens organisieren wollen, auch oder besonders im Hinblick auf die Krankheit, die er habe, über deren Art er aber nichts näher erläutert hatte, es könnte sich um Krebs oder Aids gehandelt haben, jedenfalls sah er seinem Ende in den nächsten Jahren entgegen. Das Wichtigste wäre ihm gewesen, die Firmen gut abzusichern. Zu diesem Zwecke hätte er ein Testament aufsetzen lassen. Uneingeschränkt Begünstigter sei zunächst der sogenannte ‚Benny’ gewesen, Herr Bahadir Cicoglu, so hieße der Benny nämlich in Wirklichkeit. Doch hatte es in letzter Sekunde eine Änderung gegeben dergestalt, dass die Geschäfte nach Mandelsteins möglichem Versterben weitergeführt werden sollten, allerdings –und diese Maßgabe habe ihn selbst erstaunt – explizit unter einem dem Benny überzuordnenden Geschäftsführer, vielmehr einer Geschäftsführerin. Diese könnte die noch in München weilende Carola Soundso sein, mit der sie Praxen in Berlin zu eröffnen gedachten oder jemand, der noch zu benennen sei und der über das Firmenkapital zu bestimmen habe. Vielleicht habe Benny dies als ‚enterben’ ausgelegt. Der Notar sei an dem besagten Tage wegen eben dieser Änderung bei Herrn Mandelstein im Hotel gewesen und habe ihn abends angerufen, ob er zur Unterzeichnung noch vorbeikommen sollte. Ja, das Testament sei in der ursprünglichen Version nun gültig, erfuhr Zoller.

    „Etwas ganz anderes: Mögen Sie Mozartkugeln?“, fragte Zoller

    „Ich – nein, zu süß! Hätten Sie die Kugeln weggelassen und rein nach Mozart gefragt, ich hätte mit überzeugtem Ja geantwortet.“ Sein Blick fiel auf die Glasschale. „Ach, sie meinen diese hier. Hat meine Frau eingeführt, sie kauft sie ab und zu.“

    Zoller hatte keine Fragen mehr, verabschiedete sich und ging den Weg zu seinem Wagen zurück. Unterwegs schaute er auf seine Uhr. Es war zehn Minuten nach zwei. Kurz vor Kleist’s Grab ging sein Handy. Es spielte das Forellenquintett von Schubert, also war es Katharina. Sie sagte, sie spräche aus höheren Gefilden mit ihm, er entgegnete, er hoffe, sie weile noch unter den Lebenden, lebende Engel seien ihm lieber, worauf sie lachte und sich mit ihm für achtzehn Uhr verabredete.

    Kapitel 8

    Nach zwanzig Minuten war Zoller im Büro. Er hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt und die Notizen aus der Jackentasche genommen, als Fritz Wanzke zu ihm kam und sich auf einen Stuhl setzte.  „Wie kommt ihr voran?“ fragte Zoller. Wanzke berichtete über die Daten, die vom Notar Mommsen vorlagen, alteingesessene Berliner Juristenfamilie, beste Zeugnisse, Studium in Berlin und Barkley, keinerlei Auffälligkeiten, er genoss allseits einen guten Ruf und betreute ein ausgesuchtes Klientel, Senatoren, Staatssekretäre, Bürgermeister, alles von Rang und Namen, selbst der mediengeile Kanzlerfriseur gehörte zu seinen Mandanten. Glanzkarriere eines Promi-Anwalts. Nur eine Begebenheit fiel aus dem Rahmen dieses glücksverwöhnten Lebenslaufs.

    Eine vor elf Jahren geplante Hochzeit mit einer Tochter aus dem britischen Adel hatte nicht stattfinden können, die Braut verstarb unter nicht ganz aufgeklärten Umständen bei einem Routine-Eingriff in einer Berliner Privatklinik. Nach langer Trauerzeit hatte Dr. Mommsen erst vor drei Jahren seine jetzige Frau geheiratet.

    „Was hatte denn so einer mit einem betagten Medizinstudenten zu tun?“, fragte Wanzke.

    „Ach, wenn es um viel Geld geht, ist so mancher Mandant recht. Und was gibt es über die Pensionswirtin?“ Zoller mied ihren Namen, warum, wusste er selber nicht.

    „Isabel Hartmann,“ klärte ihn Wanzke auf, „seit zwölf Jahren betreibt sie die Pension, die in den letzten Jahren, wie wir erfahren haben, gerade so am Minimum entlang krebst.“ Das Hungertuch sah man dem Interieur der Pension und besonders der Wirtin nicht an, dachte Zoller, aber es soll ja Leute mit Ersparnissen geben und vielleicht waren die früheren Jahre ja ergiebig gewesen.

    „Privat wohnt sie in Wilmersdorf, ist achtunddreißig und unverheiratet, vielleicht ja lesbisch.“ Den Seitenblick Wanzke’s nahm Zoller absichtlich nicht wahr, stattdessen fragte er: „Was hat der Vergleich der Fingerspuren auf dem Cellophan der Konfektschachtel ergeben?“ Die Antwort war, dass die polizeitechnische Untersuchung, kurz PTU, noch im Gange war. Zoller fragte, was man denn an Hintergrund über die weiteren Verdächtigen in der Pension herausbekommen hatte.

    „Die Olga, die bei Frau Hartmann arbeitet – aber das kann Dir Ralf besser erzählen. Ralf!“ rief er in den Nebenraum. Kommissar Schneider erschien in der Türe. „Hallo Hartwig, gerade kommt aus München die Mitteilung, dass der Benny, der mit richtigem Namen, äh“ er schlug seine Papiere auf.

    „Lass nur, den Namen habe ich schon“, unterbrach Zoller.

    „Also dass dieser Benny bald wieder nach Berlin kommen will.“

    „Das passt mir gut. Er ist schließlich einer der Hauptverdächtigen, der derzeitigen Motivlage nach, zumindest.“

    „Dein Münchner Spezi hatte angerufen, der Hauptkommissar Kammerle oder wie er heißen mag.“

    „Kammerlander. Wie der Tiroler Bergsteiger Kammerlander, der 1996 mit Skiern im Gepäck den Mount Everest bestieg und dann – stellt Euch vor! – mit den Skiern vom höchsten Berg der Welt runtergebrettert ist. Nur, mein Kammerlander ist leider nicht verwandt, nicht einmal verschwägert mit ihm.“

    Schneider fuhr mit der Berichterstattung fort: „Der Benny soll am Boden zerstört gewesen sein, als er vom Tode seines Freundes erfuhr, schrie und weinte und konnte es nicht fassen. Man wollte ihn heute am Morgen befragen, doch er war noch stockbetrunken und hat gebrüllt, das sei ein böser Scherz, den man sich mit ihm erlaube, es könne nicht sein mit dem Tode seines Freundes, er werde nach Berlin fahren und die Sache persönlich aufklären.“

    „Leichte Überreaktion“ schnaufte Wanzke.

    „Lass ihn kommen, wir nehmen ihn uns schon zur Brust.“

    „Die Münchner sagen, sie melden, wenn sie wissen wann er abfährt.“

    „Gut. Was haben wir von dieser Olga Wolaniska?“

    Kurt Schneider blätterte in seinen Papieren: „Nichts Offizielles.“ Den Kollegen hatte sie erzählt, sie wäre vor zwei Jahren einmal besuchsweise mit ihrem Bruder nach Berlin gereist und hätte bei diesem Aufenthalt per Zufall Frau Hartmann kennen gelernt, danach wäre sie ab und zu wieder in Berlin gewesen und hatte aushilfsweise in der Pension gearbeitet, bis Frau Hartmann Sie gefragt hätte, ob sie das nicht ständig tun könnte. Das war vor einem dreiviertel Jahr und seit Mai diesen Jahres sei die Freizügigkeit durch den Beitritt Polens zur EU gewährleistet, sie sei gemeldet und wohne nun bei ihrem Bruder. Über diesen hole man gerade Informationen bei anderen Dezernaten ein.

    Zoller erkundigte sich weiter, ob man schon Informationen über das Opfer bekommen hätte. Schneider und Wanzke warfen sich einen Blick zu, dann beeilte sich Schneider zu sagen: „Die Münchner sind dran, wir bekommen wohl in der nächsten Zeit Nachricht.“ Zoller wusste, dass sie dies so schnell wie möglich nachholen würden.

    „Du wolltest noch über diesen Hauser Informationen“, fiel Schneider ein, „eigentlich: Hauser zu Schönberg, Vorname Friedbert G., aus den Namen Friedel Berthold Gottlieb gebildet. Nicht vorbestraft. Akademiker aus verarmtem Adel, lebte in verschiedenen Städten in Deutschland und im Ausland, kein genauer Beruf. Wir wissen nur, dass er in Karlsruhe Taxi fuhr, in Stuttgart für ein Stadtteil-Blättchen schrieb, in Frankfurt Hauslehrer war und ähnliche Jobs in England und Frankreich übernommen hatte. Offenbar lebt er von diesen Jobs und dem Rest eines Erbes. Gemeldet ist er seit sechs Monaten in Berlin, Hauptwohnsitz die Pension Am Kreuzberg.“

    „Welche ja nun nicht gerade mit dem Adlon zu vergleichen ist, wo sich der Adel, die  Michael Jackson’s,  Gorbatschow’s und so manche von der Wirtschaft gekauften Banker über die Füße laufen. Der Hauser braucht Geld und keinen Mord“, sinnierte Wanzke „und auch diese Olga hat keinen Grund, einen Gast zu morden, ebenso nicht die schöne Wirtin Isabel,“ wobei er einen Blick zu Zoller wagte, „auch der Notar nicht, also ich weiß nicht. Für mich bleibt der erwähnte Russe und dieser Benny, das Schnuckelchen, übrig.“

    „Wie war das mit den Preußen?“, warf Zoller ein.

    „Ja, ich weiß, so schnell schießen die nicht. Bismarck lässt grüßen. Ja, ich weiß, zur Zeit können wir noch keine Schlüsse ziehen, wir sammeln noch.“

    „Und genau das sollten wir jetzt weiter tun.“  Sprach’s  und wandte sich seinem Schreibtisch zu. Die anderen verließen den Raum stillschweigend.

    Zunächst ging Zoller die Liste der Gegenstände durch, die im Zimmer des Toten gefunden worden waren. Das meiste waren nichtssagende Gegenstände, Bekleidung, ein Reisenecessaire mit verschiedenen Tübchen und Döschen, ein medizinisches Fachbuch mit Eintragungen, Kleinkram und Schnickschnack. Am Körper hatte er eine offenbar echte Rolex, einen Goldring und ein Goldkettchen ohne Anhänger getragen, das jetzt winzig und verschrumpelt in der Plastiktüte lag.

    Der Notizzettel kam ihm zwischen die Finger, auf dem der Tote einige ihm wichtige Kürzel hinterlassen hatte. Es fielen ihm einige Abkürzungen auf, die sich lasen wie CSCNS, Worenzof, es konnte auch Woronzef heißen, dabei einige Zahlen, die Telefonnummern oder Pins bedeuten konnten, die man heutzutage ja für alles und jedes benötigt.  Zoller griff nach dem Telefon. Schneider meldete sich. Zoller gab ihm einen Auftrag: „Da gibt es noch einen Namen Worenzof, Woronzeff oder so ähnlich. Scheint Russe zu sein. Seht einmal, ob ihr etwas über ihn findet.“

    Er machte sich eine Kopie von dem Zettel, um diese Zahlen und Abkürzungen immer griffbereit zu haben.

    Zoller stand auf, ging ans Fenster und lehnte sich an den Rahmen. Er blickte auf den autobestandenen Hof des Landeskriminalamtes ohne etwas zu sehen. Er überlegte, dass ein Giftmord nie im Affekt verübt wurde, der Mörder also Zeit für die Vorbereitungen benötigte. Hinzu kam, dass ein Giftmörder in der Regel aus dem nächsten, meist familiären Umfeld stammte. Das Umfeld des Toten lag in München. Wer in Berlin stand ihm so nahe, dass sich ein Motiv ergeben haben könnte?

    Oder ist das Motiv in seiner Berliner Vergangenheit zu suchen? Oder vielleicht doch in der Gegenwart? Das Wichtigste schien ihm die Durchleuchtung der Person des Opfers.

    Wie auf Geheiß meldete sich Doktor Nimrod telefonisch, Zoller erkannte ihn sofort an seiner blechernen, militärischen Stimme und roch gleichsam den Zigarrenqualm, der Nimrod immer und überall umgab, selbst am Telefon: „Zoller? Hier Nimrod. Gerade Obduktion Mandelstein finalisiert. Rapportiere, oder sind Sie gelüstig, den aufgebrochenen Kadaver zu besichtigen? Noch ist er präsent, auf dem Präsentierteller sozusagen, kalte Platte, ho ho ho!“

    Zoller überging den etwas steilen Humor.

    „Danke, es reicht, wenn Sie mir telefonisch die wichtigsten Dinge mitteilen.“

    „Perfekt, mein Lieber, perfekt. Also, wie am Tatort de facto prädisponiert, letale Dosis Digitoxin, deutsch: wie vorausgesagt Vergiftung durch Überdosis Digitalis purpurea, sprich roter Fingerhut, verabreicht durch globus mozarteum germanicum, was soviel bedeuten soll wie Mozartkugel deutscher Herstellung. Prinzipielle Blasphemie, jeder weiß, Mozart war Österreicher. Perfide, perfide.“

    „Keine sonstigen Spuren, die zum Tode hätten führen können?“

    „Positiv!“

    Da Zoller momentan mit der Antwort nichts anfangen konnte, entstand eine Pause. In diese hinein sagte der Doktor: „Pankreas. Das Digitoxin hat ihm den Krebstod erspart.“

    „Was?“

    „Der Kandidat hatte bereits sein One-Way-Ticket. In der Bauchspeicheldrüse.“

    „Krebs?“

    „Ja. Periampulläres Karzinom, ausgedehnte Metastasierung und leckere Karzinose.“

    „Deutsch?“

    „Unheilbar. Körper verseucht. Vorübergehendes Ruhestadium. Perfide, perfide!“

    „Hat er das wissen können?“

    „In diesem Stadium? Sicher!“

    „Lebenserwartung?“

    „Bei diesem strotzgesunden Korpus? Meines Erachtens zwei bis fünf Jahre. Aber manchmal kotzen sogar Pferde, wie meine Mutter, ihres Zeichens Kavalleristin, zu sagen pflegte.“

    Zoller dankte dem Mediziner. War es vielleicht doch Selbstmord? Dann überlegte er, was alles dagegen sprach. Dagegen sprach der ganze Aufwand der Neugründung von zwei Firmen, das Nichtvorhandensein eines Abschiedsbriefes, die ganzen Verabredungen mit Woronzeff und Mommsen. Alles sah danach aus, als ob er entweder keine Ahnung von seinem Zustand gehabt hätte oder diesen einfach vollkommen ignoriert, um mit seiner verbleibenden Zeit noch Geschäfte aufzubauen. Die wem nutzen sollten? Benny. Warum sollte Benny ihn dann umbringen? Dann, wenn er es nicht für Benny, sondern für einen anderen tat. Benny sollte schließlich enterbt werden, wie er es nannte.

    Als Zoller sich wieder seinem Schreibtisch zuwandte, kamen ihm die Mozartkugeln in den Kopf. Er erinnerte sich an seine Kindheit, seine Großmutter, an die warme Stube im Winter, an herrlich duftende, selbstgemachte Kekse in einer ihm ungeheuer groß erscheinenden, metallenen Keksdose, an das dumpfe, hohl klingende Geräusch, wenn Oma Helene die Dose als Ankündigung schüttelte, verheißungsvoll nach Süßem. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Manchmal, zum Geburtstag oder Namenstag, schenkten seine Eltern Helene eine Schachtel Mozartkugeln, die etwas ganz Besonderes sein mussten, denn wenn die Großmutter die Schachtel öffnete und eine der Kugeln vorsichtig aus dem goldenen Glanzpapier gewickelt hatte, wurde diese zeremoniell mit einem besonderen Messer in präzise vier Teile zerlegt. Jeder bekam eines der wertvollen Köstlichkeiten und ein allgemeines ‚Mmmh!’ machte die Runde. Und wenn man nach sechs, acht Wochen die Großmutter wieder besuchte, wurde eine zweite Kugel zelebriert. Er hatte seitdem nie wieder eine Mozartkugel gegessen und nach vierzig Jahren total vergessen, wie sie schmeckten. Er würde sich auf dem Heimweg eine Schachtel besorgen.

    Kapitel 9

    Gegen halb sechs saß Katharina bereits im Schatten der Bäume von Loretta im Garten, einem ausgesprochenen Biergarten für Touristen in der Lietzenburger Strasse, unweit des Kurfürstendamm, umgeben von Hotels und Nachtbars, deren Höhlen und Höllen die Touristen aufnahmen, die noch nicht ihren Schlaf- oder Erlebnispegel erreicht hatten. Kein Treffpunkt ist anonymer als mitten in einer Unmenge von Menschen. Die Größe der Bratwürste, Kalbshaxen und Bierhumpen entsprachen den Erwartungen der Gäste nach Hauptstadtformat, die sich aufdrängende Freundlichkeit der Bedienung am Tresen lenkte ab von den enormen Preisen und mündete auch in enormen Trinkgeldern. Der einzige Nachteil bestand in der Selbstbedienung. Berliner gingen nur gezielt hierher: Weil sie Gäste ausführten, weil ihnen nach Loretta im Garten zumute war oder weil man hier «ungestört» Mitteilungen austauschen konnte, die nicht für fremde Ohren bestimmt waren. Katharina hatte sich ein Bier und eine Brezel geholt und setzte sich auf die Holzbank an einem leeren Tisch, legte Laptop, Handy und Zigaretten, ein Feuerzeug, eine Packung Papiertaschentücher, einen Stift und einen Schreibblock vor sich. Für Dritte musste es den Anschein haben, als ob sie ein Büro eröffnen wollte.

    Noch am Nachmittag hatte sie aus ihrem Büro einen guten Bekannten in München angerufen, den beste Beziehungen zur Schwulenszene Münchens auszeichneten. Er war so etwas wie der Beichtvater der Szene, die Mutter, der man sein Herz vertrauensvoll ausschütten kann. Sie hatte ihn um Auskunft über die beiden Namen gebeten, die sie sich bei Olga aufgeschrieben hatte. Sie wusste zwar, Zoller mochte es nicht, wenn sie sich in einen Fall «einmischte», doch hatte er hin und wieder auch ihren Zugang zu Informationen zu schätzen gewusst, der aus anderen, als der Polizei zur Verfügung stehenden Quellen gespeist wurde. Vielleicht traf er sich ja auch deshalb gerne mit ihr, wobei sie gerne das auch betont sehen wollte. Sie öffnete ihren Laptop, mit dem sie unabhängig ins Internet gehen und ihre E-Mails abholen konnte, was sie nun tat.

    Tatsächlich kamen drei Mails an, wovon eine ein Spam war (ausgerechnet für Viagra), die andere eine Nachricht einer Freundin und die dritte, gerade zehn Minuten alt, die Information über Herrn Mandelstein. Ein Satz betraf auch Benny, über den allerdings noch weitere Informationen folgen sollten.

    Und so las sie kauend und an der salzigen Brezel zupfend die frischen Nachrichten, die aus dem virtuellen Briefkasten auf ihren Bildschirm geflattert waren. Zwischendurch schrieb sie ein paar Antwortzeilen an die Freundin und machte sich die eine oder andere Notiz. Die Brezel war schneller verschwunden als ihre Gelüste nach ihr und sie holte sich eine neue.

    So, ihre Brezel zerpflückend, vorgebeugt, die rötlichblonden Haare im Spiel der Sonne zwischen den Blättern, fand Zoller sie, wie sie gerade einen großen Schluck aus dem übergroßen Bierhumpen nehmen wollte, ihn erblickte, irritiert, ob sie nun den Schluck trinken oder nicht, ihn erst grüßen sollte oder nicht, plötzlich prustete, das Bier im Krug überschwappte und ein Schwall auf die Bank wappte, auf der sie hustend und prustend hüpfte, mit der einen Hand nach den Papiertaschentüchern angelnd, mit der anderen den Humpen auf den Tisch balancierend, bis sie endlich Luft bekam ihn zu begrüßen: „Scheiße!“

    „Angenehm, Zoller! Ist hier noch ein Plätzchen für Nichtschwimmer frei?“

    „Nein, nur für Kommissare außer Dienst.“

    „Kommissare sind immer im Dienst, das solltest Du doch wissen.“

    „Nun gut, ausnahmsweise, weil heute Dienstag ist.“

    Sie beobachtete ihn, wie er sich ihr gegenüber auf die Bank setzte. Er trug ein hellbeiges Jackett auf schwarzer Hose und schwarzem Hemd mit geöffnetem Kragen. Seine silbergrauen Haarstoppeln setzten sich in seinem Dreitagebart fort und gaben ihm, zusammen mit seiner natürlich gebräunten Haut einen männlich-eleganten Ausdruck.

    „Hauptsache, der Laptop und das Handy haben nichts abbekommen!“ Er legte ein Päckchen neben ihren Laptop auf den Tisch. Mit einem Blick erkannte sie die Verpackung als eine Plastiktüte aus dem KaDeWe, obwohl diese um den Inhalt gewickelt und die Aufschrift verdeckt war. Die kleinen, typisch blauen und weißen Quadrate auf schwarzem Grund verrieten die Herkunft. Ihren Blick als Frage bewertend, sagte er: „Mozartkugeln, frisch aus der Konfiserie.“

    „Hoffentlich unbehandelt!“

    „Du darfst gerne die erste vorkosten!“ Er holte eine in Zellophan verpackte Schachtel heraus, auf der ein Mozartkopf versonnen nach unten –vielleicht auf eine Partitur- blickte.

    „Danke, aber ich hatte gerade Salziges“ antwortete sie und wies auf die Krümel und die karatgroßen, blitzenden Salzkristalle, die auf dem Tisch verstreut lagen.

    „Na, was sagen die Gerichtsakten, was machen deine Fälle?“, begann Zoller das Gespräch.

    „Ach, dieser scheußliche Fall mit dem Mädchen? Vertagt auf übermorgen. Aber Hartwig, lass doch einmal hören, was es mit dem Digitoxin-Fall auf sich hat.“

    „In dem du ja schon stark ermittelt hast, hörte ich.“ Zoller schmunzelte und steckte Katharina an.

    „Nicht ermittelt, nur recherchiert! Ermitteln ist deine Sache! Also, die Pressemitteilung war ja recht mager. «Toter in Pension gefunden, bisher keine Hinweise» etcetera.“

    „Die mediale Form und Aussage der Anzeige hat dem Ermittlungsstatus zu entsprechen, würde unser Professor Hammann sagen. Je größer die Fahndungserfolge, umso fetter die Überschriften. Nein, im Ernst, wir tasten uns langsam an die Motivlage und die Verdächtigen heran.“

    Eine junge Bedienung kam vorbei und Zoller zeigte auf Katharinas Bier und dann auf sich. Sie sagte freundlich aber bestimmt, sie sei nur für das Abräumen zuständig, Getränke müsse man sich selber holen und verschwand. Seufzend stand er auf, ging zum Tresen und holte sich einen Humpen.

    „Übrigens: Was hat denn deine Recherche erbracht?“ Zoller machte ein übertrieben ernstes Gesicht.

    „Ich weiß, du nimmst mich nicht ernst. Nun, du wirst das alles auch schon wissen, das Opfer ließ sich gerne mit dem Titel ‚Doktor’ bezeichnen, wie die Damen Olga und Ursula berichten. Er war allerdings alles andere als ein solcher, auch wenn er mit seinen sechsunddreißig Jahren Medizin studierte, weil er es sich plötzlich leisten konnte. Allerdings wohl nicht durch das Geld, welches er sich als Krankenpfleger verdiente.“

    „Woher, zum Donnerwetter, weißt du das denn?“ Zoller war sprachlos und schaute auch so drein. Jetzt war es an ihr, ein übertrieben ernstes Gesicht zu machen: „Meine Quellen sind juristisch vielleicht nicht einwandfrei, dafür sprudeln sie aber.“

    „Ist das belegbar?“ Er tat einen großen Schluck, dass es zischte.

    „Möglicherweise, wir recherchieren noch.“

    Er wischte sich erneut den Schaum vom Mund und fragte mit hochgezogenen Brauen:  „Wer ist wir?“

    „Ein alter Münchner, ein ausgewiesener Kenner der Schwulenszene und meine Freundin Barbara. Auch Journalistin, aus Österreich.“, fügte sie hinzu.

    „Du und deine internationalen Kontakte.“

    Lachend berichtigte sie ihn: „In diesem Falle wohl mehr intersexuelle Kontakte. Ich habe heute einen äußerst interessanten Bericht bekommen. Wohl gemerkt, alles aus der Münchner Gerüchteküche. Unseren ‚Doktor’ betreffend. Er hatte offenbar ein Händchen dafür, sich Feinde zu machen.“

    „Einen Feind hatte er gewiss. Nur schlug dieser in Berlin zu und nicht in München.“

    „Vielleicht gerade deshalb?“

    „Um der Münchner Polizei die Arbeit zu ersparen?“

    „Nein, um von München nach Berlin abzulenken. Sei es wie es sei, hier habe ich diese Münchner Geschichte.“ Sie klopfte auf ihr Laptop. „Ich kann dir gerne einen Ausdruck machen.“

    „Erzähle mir erst einmal, was die wild brodelnde Münchner Küche so hergibt.“

    „Mein Mittelsmann, ich nenne ihn mal Martin, schreibt, unser ‚Doktor’ Mandelstein sei ein böser Finger, bekannt seit Jahren, nicht nur dadurch, dass er im generell schon promiskuitiven Milieu die Freunde gegeneinander ausspielte, nein, sondern ihnen auch noch gerne Beziehungen andichtete, die es nicht gab und intrigierte, was das Zeug hielt. Irgendwie fand er Spaß daran, anderen zu schaden, vielleicht eine Form ausgelebten Sadismus. Nebenbei soll er mit Medikamenten gehandelt haben. Dann, und dies wird als Höhepunkt seiner ‚Karriere’ gesehen, kam diese Geschichte mit der alten Dame. Diese Dame, so in den achtzigern, selbst kinderlos und ohne weitere Verwandte, war einem schwulen Freund Helmi zugetan, der sie täglich besuchte, sie pflegte, ihr die Pillen gab, sie wusch, einfach sich um sie kümmerte. Dafür bemutterte sie ihn und hat ihm wohl auch – in Ermangelung von Enkeln– ab und zu was zugesteckt. Das hatte sich in den Kreisen herumgesprochen. Helmi nannte die alte Dame offiziell ‚Tante’. Eines Tages kam dieser Helmi völlig aufgelöst zu Martin und berichtete, seine ‚Tante’ habe ihn verstoßen und er wisse nicht warum. Kurz, es zeigte sich, dass unser ‚Doktor’ ihm diese alte Dame weggeschnappt hatte, indem er ihr Schauergeschichten über Helmi erzählt haben musste, zum Beispiel, wie Helmi über sie in der Öffentlichkeit gespottete haben sollte und so weiter. Und als die alte Dame unserem ‚Doktor’ nicht glauben wollte, legte er ihr gefälschte Beweise vor. Er spielte sich als Retter auf und versaute dem Helmi dadurch nicht nur diese innige Freundschaft, sondern auch ein gehöriges Darlehen, welches die alte Dame dem Helmi geben wollte, der sich damit eine Boutique aufmachen wollte. Man sagt, dies Darlehen habe nun ‚Husky’ bekommen, wie man unseren toten Freund in München nannte. Die genauen Hintergründe könnten nie richtig festgestellt werden, denn die Alte Dame verstarb bald. In dieser Zeit schrieb er sich an der Uni ein. Er wollte seinen Doktor machen, hieß es. Danach hörte und sah man von ‚Husky’ eine Zeit lang nichts und als er dann wieder auftauchte, hatte er den Benny am Bandel und spielte sich als ‚Global Player’ auf, warf mit dem Geld nur so um sich. Man munkelte was von ‚dunklen Geschäften’. Dann muss er mit Intrigenspiel eine gut laufende Physiotherapie in den Ruin getrieben haben, weil er selbst eine solche aufmachen wollte und ihm die Konkurrenz nicht gefiel.“

    „Wann war das?“, fragte Zoller nachdenklich

    „Das muss so drei Jahre her sein.“

    „Das kommt mit seinen Unterlagen hin, wonach er im sechsten Semester studiert.“

    „Und mit seinem besonderen Anspruch. Er wollte immer etwas Besseres sein, was das bei ihm auch bedeutet haben mag.“

    „Nun ja, viel Zeit blieb ihm nicht, das zu verwirklichen.“

    „Was meinst du damit?“

    „Unser Schlittenhund hatte Krebs.“

    „In dem Alter?“

    „Krebs macht nicht vor Schönheit und Jugend halt.“

    „Fast möchte man sagen, dieser Scheißkerl täte einem Leid. Hat er sich vielleicht doch selbst umgebracht?““

    „Und die ganzen Aktivitäten? Der Neuanfang in Berlin?“

    „Vielleicht hatte er plötzlich keine Lust mehr?“

    „Aber doch nicht mitten in den Verhandlungen mit seinem Notar. Dein Münchner Martin, ist der zuverlässig?“

    Katharina machte ein undurchdringliches Gesicht: „Absolut.“

    „Kann man von dem Helmi den richtigen Namen erfahren? Vielleicht ein langer Arm der Rache aus München.“

    „Sicher, ich werde Martin fragen.“

    „Weiß man, um wie viel Geld es sich bei dem ‚Darlehen’ der alten Dame handelte?“

    „Martin meinte, es seien wohl fünfzigtausend Euro gewesen, die Helmi ihm gegenüber erwähnt hatte. Hübsche Summe, nicht?“

    „Nicht genug.“ Zoller blickte in erstaunte Augen. „Unser Husky-Doktor hat hier in Berlin mit weitaus mehr Geld herumgewedelt. Wir fragen uns, woher dieses Geld kommt.“

    „Erspart?“

    „Erspart, natürlich! Wieso bin ich nicht darauf gekommen?“

    Wie als Antwort fiel ein dicker Tropfen in sein halbleeres Bierglas und tauchte glucksend in den Rest Schaum.

    Das Gewitter brach unvermittelt los. Sie hatten nicht wahrgenommen, dass sich die Leute um sie herum langsam verzogen hatten. Sie griff ihren Laptop und er half ihr beim Aufsammeln aller ihrer Gegenstände. Fast hätte er seine Tüte mit den Mozartkugeln vergessen. Die Gläser ließen sie stehen und waren froh, nur halb durchnässt das Dach des Bierausschankes zu erreichen. So standen sie dicht aneinander gedrängt zwischen anderen regennassen Leuten und versuchten, meist vergeblich, den Sturzbächen der Dachtraufe auszuweichen, die von Windböen getrieben auf sie zu schossen und das, was noch nicht nass war, gründlich einzuweichen.

    Nach kurzer Zeit schwamm der gesamte Boden des Gartens von Regenwasser und bildete eine große Wasserfläche, auf der hier und da die letzten Tropfen aufplatzen. Der See dampfte und rundum roch es nach Schwüle. Ihre beiden Biergläser standen bis zur Kante gefüllt auf dem verlassenen, tropfenden Tisch.

    Sie sah Zoller ernst an: „Kein guter Abend für Nichtschwimmer.“

    Den Rest des Abends verbrachte Zoller zu Hause, zuerst bei einer Portion Wildschweinbraten aus der Dose mit Klößen aus der Schachtel, dazu Preiselbeeren aus dem Glas und ein Schultheiß-Bier aus dem Kühlschrank, das Ganze auf dem Balkon angerichtet und mit viel Appetit gegessen. Dann verzog er sich nach drinnen, machte sich einen Nescafé, schaltete den Fernseher ein, drehte ihn leise, suchte umständlich in einem Weidenkorb unter den Zeitungen ein Magazin und blätterte hinein ohne zu lesen. Plötzlich fiel sein Blick auf die gekauften Mozartkugeln. Als er der Schachtel eine Kugel entnommen und vom Goldpapier befreit hatte, hielt er inne, stand auf, holte aus der Küche ein Messer und schnitt in alter Erinnerung die Marzipankugel kreuzweise; dann nahm er ein Viertel in den Mund, hielt seinen Kopf schief, als ob er dadurch besser schmecken könnte und gab einen Grunzton von sich. Irgendwas in ihm erinnerte sich an diesen Geschmack. Kurz darauf nahm er die restlichten Stücke mit einem Griff und ließ sie in den geöffneten Mund purzeln. Das Pistazienmarzipan verbreitete zusammen mit der Zartbitterschokolade einen wohltuenden Schmelz im gesamten Mundraum, alle Sinne konzentrierten sich auf diesen weichen, mit der Zunge formbaren Klumpen, dem er nach und nach etwas von seiner Substanz entzog und sich in kleinen, wohltuenden Schlucken genüsslich einverleibte. Vor ihm flimmerte tonlos die Mattscheibe, seinen Finger entglitt das Magazin, er schaute zum Fenster und überließ sich den aufkommenden Bildern von früher. Er sah ein Mohnfeld im Wind, ein Meer von winkenden roten Fahnen, darin seine Mutter, die ihn rief und er lief und lief und dann spürte er, wie sie über seine Haare strich. Dann hörte er seinen Vater ihn anfeuern, als er in der Schulmannschaft Fußball spielte, roch dann die Mischung aus stickigem Keller und kaltem Schweiß in den Katakomben seines Boxclubs. Dann verschwammen die Bilder und es verdichtete sich aus den verwischten Fetzen eine schlanke weibliche Gestalt mit schwarzen Haaren und dunklen Augen in einem tiefroten, im Winde wehenden Kleid am Ende eines von Windböen wallenden Weizenfeldes. Die Gestalt wandte sich  ihm zu und winkte ihm. Was sie ihm zurief, konnte er nicht verstehen.

    Zoller fuhr aus seinem Sessel hoch und wischte mit einer Handbewegung über die Stirn seine Schläfrigkeit und die aufkommenden Gedanken an Eva fort.

    Er spürte noch den Marzipangeschmack in seinem Mund und plötzlich schoss die Frage durch sein Hirn: Wie kommt Digitoxin in Mozartkugeln?

    Diese und die Frage nach den Fingerspuren auf dem Cellophan wären die ersten, die er morgen früh geklärt haben wollte.

    Kapitel 10

    Katharina saß um diese Zeit im Steakhaus „Maredo“ am Kurfürstendamm. Ihr gegenüber eine schmale Frau, die man auf Mitte vierzig schätzen konnte. Ihr kurz geschnittenes, weißgraues Haar gab ihr, zusammen mit ihren sehr feinen Gesichtszügen den Nimbus einer Intellektuellen. Beide hatten gerade ihr Mahl vollendet und schauten durch die Fenster der geschlossenen Terrasse auf die Menschen, die zum Teil hektisch, zum Teil schlendernd, die Flaniermeile des westlichen Zentrum Berlins bevölkerten.

    „Barbara,“ begann Katharina, „Du wolltest mir noch von deiner Arbeit in Hamburg erzählen.“ Die Angesprochene war noch voll der Eindrücke der Gemäldeausstellung, die zur Zeit in der Neuen Nationalgalerie stattfand, welche auch bis jetzt Thema ihres Tischgesprächs gewesen war: MoMA, über zweihundert Meisterwerke des Museums of Modern Art aus New York. Die von zwei namhaften Kuratoren initiierte Ausstellung präsentierte die Kunst der Moderne in einer in Europa bisher nicht da gewesenen Qualität und Bandbreite. Der Bogen spannte sich von den späten Impressionisten über die klassische Moderne bis hin zur zeitgenössischen Kunst. Dieser exorbitante Kunstgenuss kam den Berlinern nur dadurch zugute, weil das New Yorker Museum Umbauarbeiten erfuhr.

    Barbara tat, als hätte sie die Aufforderung nicht wahrgenommen und bestellte sich bei der Bedienung mit ihrer offensiv-charmanten Wienerischen Mundart einen Wein, dann sagte sie zu Katharina: „Pensionist müsste man sein und Geld wie Heu besitzen, dann könnte man alle Schönheiten der Welt aufsuchen und angemessene Zeit bei ihnen verbringen. Aber so  nimmt man die Häppchen, wie sie sich einem bieten.“ Hier machte sie eine nachdenkliche Pause, um dann doch auf Katharinas Frage einzugehen: „Kommen wir also zum Realismus des Tages zurück,“, Katharina mochte den lieblichen Wiener Singsang ihrer langjährigen Freundin, sog ihn regelrecht auf, “zu den niederschmetternden Dingen des alltäglichen Journalismus, für den wir ja beide arbeiten. Wir sind heuer auf etwas recht Widerliches gestoßen. Wie Du weißt, arbeite ich mit dem Enthüllungs-Autor Frank Wondratschek zusammen, der so einige Hintergründe organisierten Verbrechens aufgedeckt hat.“

    Katharina erinnerte sich an einige schwerwiegende Fälle der Verquickung von Kriminalität mit Politik, die er in Österreich aufgedeckt hatte. Seine Bücher verkauften sich ebenso rasend wie er sich genötigt sah, seine Wohnorte zu wechseln. Ihr war es immer ein Rätsel gewesen, wie er zu den brandheißen Informationen gekommen war. Jetzt hatte er sich wohl vorübergehend in Hamburg niedergelassen.

    „Es handelt sich heuer um eine besonders abscheuliche Art des Menschenhandels,“, fuhr Barbara fort, „der Handel mit Babys. Einige Anhaltspunkte gibt es, wenige Namen und noch weniger Beweise – bis jetzt. Allerdings -“ sagte Barbara und kniff die Augen zusammen, „allerdings, und das wird dich vielleicht interessieren: Es führen Spuren nach Berlin oder jedenfalls in die Umgebung von Berlin. Hast du schon einmal von einer Firma „Childrens Social Corporation“ gehört? In Hamburg sind wir auf zwei Russen gestoßen, von denen wir annehmen, sie haben damit zu tun. Das sind schändliche Menschen. Sie überreden werdende Mütter in armen Ländern, ihre Kinder in reichen Staaten zu gebären. Dort hätten sie die beste klinische Versorgung – was ja auch stimmt. Was sie ihnen nicht erzählen ist, dass sie ihnen dann die Kinder abnehmen, im besten Falle abkaufen, um sie weiterzuverkaufen. Und wenn eine Mutter sich zu sehr sträubt, finden sie Wege, sie ohne ‚Bezahlung’ loszuwerden.“ Barbara blickte durch Katharina durch, ihr Gesicht war leicht gerötet vor gesundem Zorn. „Die Frauen kommen in der Regel aus dem Osten, zum Beispiel aus Rumänien, Litauen, der Ukraine, manchmal sogar von noch weiter weg.“

    Katharina blickte sie an, Barbara erwiderte ihren Blick und fragte plötzlich: „Was ist, woll’n wir ein Schnaps?“, sie lächelte plötzlich, „Ich kann mich dabei so furchtbar erregen, da hilft nur a guades Schnapserl dagegen.“ Sie sprach es wie ein Zitat, dann winkte sie der Bedienung und fragte fachmännisch nach einem ordentlichen Rachenputzer. Sie einigten sich auf Linie. Als die zwei Gläser mit dem norwegischen Flaggenzeichen vor ihnen standen, meinte Barbara: „Der ist mir über. Er ist bereits einmal um die Welt gereist. Sagt man.“ Der Aquavit zog seine heiße Spur die Speiseröhre entlang. Barbara bemerkte: „Was man alles aus Kartoffeln und ein bisschen Kümmel machen kann! Übrigens soll er immer noch per Schiff zweimal den Äquator überqueren, die Linie, wie man sie nannte, in Sherry-Fässern, wegen des Aromas.“ Übergangslos fuhr sie fort: „Ist das nicht eine Schweinerei?“

    „Was meinst du?“

    „Das mit den Kindern!“

    „Ach so. Und du bist sicher, das geschieht auch hier in Berlin?“

    „Es scheint so. Bei uns in Hamburg sind wir einer Bande auf der Spur. Von Dänemark haben wir es gehört und von Italien. Irgendwo bei Venedig soll auch so ein Teufelsnest sein.“

    „Was machen sie denn mit den Babys?“

    „Sie verschachern die Kinder an Eltern ohne Nachwuchs, besonders, wenn es denen zu lange dauert mit der amtlichen Zusage zur Adoption oder nach einer Ablehnung, weil die Eltern zu jung oder zu alt sind, oder irgend ein Papier nicht nachweisen können oder das Einkommen zu gering ist. Über zwanzig Dokumente braucht’s hier und diese müssen beglaubigt und noch einmal beglaubigt werden. In Sachen Bürokratie standen wir Österreicher euch Deutschen nie nach. ‚Die Bürokratie gilt sich selber als der letzte Endzweck des Staates’ sagte, besser schrieb Karl Marx. Manchmal meine ich, wir Österreicher hätten die Bürokratie erfunden, aber ihr, ihr habt’s neben Marx auch noch den Hauptmann von Köpenick, den Schuster, der sich mit Einfallsreichtum gegen die Bürokraten zur Wehr setzte.“

    Barbara dachte nach. „Wie hieß er noch?“

    „Wilhelm Voigt“ half Katharina aus, fasziniert von der eleganten und sprunghaften Eloquenz ihres Gegenübers, der Zickzacklinie ihrer Erzählungen: Von der fantastischen Gemäldeausstellung über den Kinderhandel, den Aquavit bis hin zum legendären Hauptmann von Köpenick, der durch Carl Zuckmayer’s Bühnenstück gegen die untertänige Hörigkeit dem Militarismus der Kaiserzeit gegenüber verewigt worden war.

    „Weißt was? Der Schnaps hat mich auf den Geschmack gebracht“, sagte Barbara mit entwaffnendem Lachen, „kennst du nicht eine Cocktailbar, irgend etwas Schrilles, Schräges, Abgefahrenes?“

    Katharina ging im Geiste die wenigen Cocktailbars durch, die sie in Berlin kannte. Es waren mehr oder weniger Hotelbars, die ihr einfielen, unter anderen die berühmte Paris-Bar in der Kantstrasse. Dort war sie schon mit Barbara gewesen und sie fanden das Lokal zu überlaufen und zu hoch gehandelt. Barbara hätte schon deutlich gesagt, wenn sie dorthin gewollt hätte und schräg und schrill war es dort gewiss nicht. Mit einen Mal fiel es ihr ein.

    „Wie wäre es mit einer absolut makabren Bar in Kreuzberg?“

    „Kreuzberg – das klingt gut.“

    „Allerdings kenne ich sie selbst nicht, habe sie nur bei Tag entdeckt.“

    „Umso besser, dann ist es für uns beide erfrischend neu.“ Barbaras Augen glänzten. Sie zahlten und beim Hinausgehen fragte Katharina: „Nehmen wir den großen Gelben oder den kleinen?“ Barbara sah sie verständnislos an: „Was zum Teufel ist der große Gelbe?“

    „Na der Doppeldeckerbus.“

    „Und der kleine?“

    „Ein Taxi.“

    „Ach so. Nun, was zuerst kommt, das nehmen wir glatt!“ So pragmatisch kannte sie ihre Barbara.

    Es war halb zehn am Abend. Sie hatten den großen Gelben genommen und sich während der Fahrt über das Geschaukel und Gehoppel amüsiert, indem sie sich vorstellten, sie würden die Heimfahrt mit diesem ausgesprochenen Gullysuchgerät und einigen kräftigen Drinks intus antreten. Sie kicherten wie junge Mädchen, die zu einem verbotenen Date fuhren und mit ebendieser Laune stiegen sie die Stufen zur Zyankali-Bar hinunter.

    „Den Zyankali-Cocktail nehmen wir aber zum Schluss, sonst entgehen uns ja die anderen Drinks!“, scherzte Barbara.

    Das erste, was sie wahrnahmen in der knapp ausgeleuchteten Bar war eine fette, behaarte schwarze Spinne, die sich von der Decke in erschreckendem Tempo an einem Faden auf die Theke niederließ, dort einige Sekunden verharrte um dann, in Blitzestempo, den Faden wieder zu erklimmen. Im gleichen Moment erscholl ein dreckiges Lachen, ein Spot ging an und beleuchtete hinter der Theke einen abgehackten menschlichen Kopf, triefend von Blut, der die Augäpfel rollte. Im selben Augenblick erhob sich hinter der Theke ein Kopf mit wirrem blonden Haar und goldener Randbrille. Dann erschien der dazugehörige, schlanke Oberkörper, in einem metallfarbenen Netzhemd.

    „Schönen guten Abend in meiner Giftküche“, kam es unter der Randbrille hervor, „treten Sie nur näher, ich benötige ständig neue Versuchspersonen.“ Es war mit ruhiger Ernsthaftigkeit vorgebracht, auch das schmale Lächeln des strichartigen Mundes war nicht überzeugend dazu angetan, diesen Willkommensgruß als Scherz auffassen zu lassen. Barbara schubste Katharina einen Schritt weiter in den Raum. Links hinter der Theke war eine riesige, beleuchtete Viole mit einem offenbar in Aufbewahrflüssigkeit haltbar gemachten menschlichen Skelett, das allerdings einen fremdartigen, mit langem Nasenknochen nach vorne gebogenen Schädel trug. In verschiedenfarbigen Schläuchen wurden rote, blaue und gelbe Flüssigkeiten vom einen zum anderen Körperteil gepumpt. Mitten auf dem Tresen lag eine abgehackte Hand mit rostigem Nagel in das Holz des Tresens gepflockt. Hinter dem Tresen leuchtete eine überaus bunte Batterie von Likören, Absinthen, Brandys, Cognacs, Aquavits und farbigen Flaschen aller Größe aufgereiht, deren bekannte Etiketten möglicherweise über den grauenvollen Inhalt hinwegtäuschen sollten. Barbara bemerkte das Zögern Katharinas und sagte lakonisch: „Schau, er hat dort auf einer Schiefertafel die Preise für seine Säuren und Laugen angebracht, er geht doch schon davon aus, dass wir vor Verlassen seines Labors noch bezahlen können.“

    Ganz überzeugt schien Katharina nicht, ging aber brav auf die Theke zu. Der Wirt lächelte noch immer: „Möchten Sie an der Theke oder lieber da hinten in der Gruft -“, er verschluckte das Verb und zeigte in einen weiteren Raum, in dem nicht nur Särge als Sitzgelegenheit dienten, sondern auch ein normal wirkendes Sofa und Sessel die Vorhölle verschönerten. Dort fanden sich auch Stühle und Sessel, die aus schierem Gebein geschnitzt schienen. Am Ende des Tresens hockte ein Mann vor einem giftgrünen Getränk, der mit glasigem Blick in einen Spiegel gegenüber stierte, als ob er sich ein letztes Mal von sich selbst verabschieden wollte.

    „Das ist René, der hat Liebeskummer,“ sagte der Wirt, „schon das dritte Mal in zwei Wochen.“

    Barbara entschied sich für die Gruft und sie setzten sich auf das normale Sofa.

    „Hat er das erzählt, um uns weiszumachen, er habe Stammgäste?“ fragte Katharina, bevor der Wirt mit der Getränkekarte kam.

    „Wenn ich ihnen etwas empfehlen dürfte?“, fragte dieser.

    Barbara antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Das wäre ja noch schöner. Wir möchten schließlich die Reihenfolge unseres Ablebens selbst bestimmen!“

    Das schmale, verständnisvolle Lächeln trat wieder auf die Züge unter der Goldbrille: „Ganz wie die Damen wünschen. Schließlich ist das hier ein Institut  für Unterhaltungschemie.“ Er reichte den Frauen die Karte mit den Worten: „Suchen Sie sich den passenden Abgang aus“, drehte sich um und verschwand hinter seinem Tresen, wohl um den derzeit einzigen Gast zyankaligemäß zu unterhalten.

    Die beiden Frauen schauten gespannt in die Karte. Neben dem Zyankali-Cocktail gab es wundersame Dinge wie Strychnin-Tränen, Kobaltbombensplittersaft, Fingerhutbier und weitere ersprießliche Bezeichnungen, die einem die Blässe ins Gesicht treiben konnten.

    Dann kam der blonde Wirt mit der Goldrandbrille, um die Bestellung aufzunehmen. Unter seinem Netzhemd sahen sie eine zähe gelbliche Flüssigkeit in einem Plastikschlauch pulsieren.

    „Was hätten Sie uns denn empfohlen?“, fragte Barbara.

    „Das kommt darauf an: Streben Sie ein abstinentes oder alkoholreiches Ableben an?“

    „Wenn schon, dann ordentlich und mit Schmackes,“ Barbara ging aufs Ganze „aber nicht schon gleich beim Ersten“ reduzierte sie ihren Eifer.

    „Nun, dann hätte ich ihnen zunächst den ‚Zyankali Entree’ empfohlen, mildes Bouquet, im Mittelbereich fruchtig mit einem leicht zynisch-morbiden Ausklang. Und was hätten die Damen gewählt?“

    Barbara legte den Finger auf die Karte und las ab: „’Strychnin on the Rocks’.“

    „Oh, das wäre eher etwas für einen kräftigen Mittelteil, vor dem dritten Gang.“

    „So? Das klingt ja wie ein Menü“ schaltete sich Katharina ein.

    „So ist es“ die Goldrandbrille blitzte sie an, „auch ein Ableben will zelebriert sein – man hat ja sonst nichts im Leben! Und eine gute Erinnerung will man ja mitnehmen.“

    Katharina spielte mit: „Dann geben wir uns ganz den Empfehlungen des gelahrten Magisters der Alchimie hin, was meinst du, Barbara?“

    „Vorausgesetzt, es ist ein ‚Strychnin-Cocktail’ dabei!“

    „Sehr wohl, die Damen.“ Er schien in einer Nebelwolke zu verschwinden.

    Sie blickten sich um. Am Boden neben ihnen waren die Umrisse der letzten beiden Verstorbenen mit Kreidestrichen grob eingezeichnet, Blutreste waren unzureichend weggewischt worden, dafür grinste sie von der Wand ein röhrender Hirsch an. War es eine Täuschung, oder glühten seine Augen rötlich? Irgendwoher rief ein Käuzchen und als sie von einem Geräusch aufmerksam gemacht, zum Tresen schauten, sahen sie den Wirt mit einem Pickel große Brocken Eis in einer Hirnschale zerkleinern.

    Bereits nach dem ‚Hauptelixier’, was wohl der Hauptspeise eines Menüs entsprechen sollte, kicherten und gickelten die Damen wie zuvor im Bus. Die Goldrandbrille kam wieder: „Da spüren Sie, wozu die Unterhaltungschemie – richtig dosiert – nütze ist. Haben die Damen Lust auf einen weiteren Gang?“

    „Wie können Sie da fragen? Jetzt schalten wir in den vierten Gang. Was empfehlen Sie?“ Barbara gluckste.

    „Carpaccio vom Fliegenpilz an ‚Sauce Moribundus’, flambiert mit Höllenqual und Eiter. Zwei mal?“

    Die Goldrandbrille brachte zwei übergroße Glasschalen, in denen, wie sie beide hofften, halbe Pfirsiche schwammen, gespickt mit grünen Punkten  in einer knallroten Brühe, verziert mit gelbem Schleim.

    Dazu brannten zwei Wunderkerzen, die einen höllischen grünen Qualm verbreiteten. Als die Wolken verzogen waren, sagte plötzlich Barbara: „Woronzeff!“

    „Wie bitte?“

    „Der Name des russischen Kinderhändlers.“

    Irgend etwas machte Klick bei Katharina, sie wusste nur noch nicht genau weshalb.

    Als sie schließlich gingen, hatten beide einen ordentlichen Schwips und mussten sich auf der Straße einhaken. „Ach, diese Art des Ablebens könnte man öfter zelebrieren!“ hatte Barbara gemeint, „Aber dass du dich gleich an den Wirt heranschmeißen musstest, der ist doch viel zu jung für dich! Ich habe euch beobachtet, wie er dir einen Zettel zusteckte.“

    „Ja, Barbara, so kann’s kommen. Aber im Ernst, ich habe ihn nur um seine Telefonnummer gebeten, um ihn morgen zu interviewen. In diesem Hause gab es schließlich einen Toten von dem anzunehmen ist, er und sein Freund haben auch in der Bar verkehrt. Schau, da kommt der große Gelbe!“

    „Papperlapapp, wir leisten uns jetzt einen kleinen Gelben. Da kommt schon einer! Hallo Taxi!“

    Kapitel 11

    Zoller war sehr spät aufgewacht und hatte zu Hause keinen Kaffee trinken können. Er freute sich auf eine frische Tasse heißen Kaffee’s im Büro, die er vor Beginn seiner Arbeit genüsslich trinken wollte. Sein Kommissariat verfügte über eine Sekretärin, die blonde Helga. Gleich zu Anfang hatte sich das Kaffeekochen als eine ihrer sonstigen Qualifikation reziproken Fähigkeit ausgewiesen, weshalb seitdem jeder aus der Abteilung aufschrie, machte sie nur die geringste Andeutung Kaffe kochen zu wollen. Nach einige Proben hatte sich Schneider als der Kaffeekoch des zweiten Kommissariats erwiesen. Dessen Kaffee schmeckte wie er roch und somit hatte Schneider auch einige Vorteile, wenn es um die strenge Einhaltung des Dienstplanes ging.

    Zoller freute sich also auf den Kaffe von Schneider. Er betrat sein Büro zehn Minuten nach offiziellem Dienstbeginn. Einem ‚Ersten Hauptkommissar’ sah man das nach, da er oft Überstunden machte. Eine Durchgangstür verband sein Büro mit dem seiner Mitarbeiter. Das erste, was er tat, nachdem er sein Büro betreten und sein Jackett auf einen Stuhl drapiert hatte, war die Verbindungstüre zu öffnen und nach Schneider zu rufen. Schneider war nicht im Raum. Vor dem Fenster zeichnete sich wie ein Scherenschnitt die beleibte Pracht Fritz Wanzke’s ab. Dieser schaute von einer Mappe hoch, die er in Händen hielt.

    „Kein Kaffee?“ Zoller blickte zur leeren Kaffeemaschine.

    „Kein Schneider, kein Kaffee,“ sagte Wanzke bedauernd, „Schneider ist beim Zahnarzt, akuter Fall. Übrigens war der Alte schon hier und hat nach dir gefragt. Er hatte einen Gast bei sich.“

    „Und ich habe Kaffeedurst!“ brummte Zoller.

    Fritz Wanzke erbot sich, seinem Chef einen Kaffee vom Automaten mitzubringen. „Haben wir Neues vom Opfer?“ rief ihm Zoller nach.

    „Auf Ihrem Schreibtisch!“, hörte er ihn von draußen.

    Zoller setzte sich und sah die Papiere durch. Er fand einen gefaxten Bericht aus München, das Opfer Mandelstein betreffend. Man hatte sich richtig Mühe gegeben, auch seine Berliner Vergangenheit durchforstet. Stefan Mandelstein war geboren als Stefan Mündel, war Kind gutbürgerlicher Eltern, in Westberlin im Stadtteil Steglitz aufgewachsen, besuchte Grund- und Oberschule, war einmal sitzengeblieben und war, nach mehreren ‚dringenden Verwarnungen’ kurz vor dem Abitur ‚unehrenhaft entlassen’ worden. Genauere Gründe waren in dem Papier nicht angegeben. Die Eltern stellten ihn vor die Alternative, den ehrenvollen Beruf eines Krankenpflegers zu erlernen oder sich ohne ihre Unterstützung durchzuschlagen. Stefan entschied sich für die Lehre. Danach arbeitete er erst in einer städtischen Klinik, dann in einer privaten. Diese verließ er abrupt 1993 und zog ganz plötzlich nach München.

    Zu einer Patientin der Münchener Privatklinik, einer älteren Dame namens Rebecca Mandelstein hatte er gleich ein ausgezeichnetes Verhältnis aufgebaut. Diese Dame Rebecca Mandelstein soll derart von ihrem jungen Pfleger angetan gewesen sein, dass sie ihm angeboten hatte, ihn zu adoptieren. Es ging allerdings auch das Gerücht, die Adoption wäre sein Wunsch gewesen. Belege für den einen oder den anderen Fall gab es keine. Zwei Jahre nach Adoption verstarb die Dame Mandelstein und es gab einen Rechtsstreit wegen des Erbes der alten Dame, den ihre Verwandten auf ganzer Linie gewannen. Nur den Namen durfte er behalten. In dieser Zeit arbeitete er in verschiedenen ambulanten Pflegediensten und Kliniken und holte das Abitur in einer Abendschule nach. Über den Grund für die häufigen Stellenwechsel gab es keine Auskunft. Und es gab keinen Hinweis darauf, dass er irgendwann, irgendwie mit dem Gesetz in Konflikt geraten wäre. Eine tadellose, saubere Weste also.

    Viel zu sauber, um vergiftet zu werden, sinnierte Zoller. Wann kam nur endlich Wanzke mit seinem Kaffee? Sicherlich hatte er wieder jemanden getroffen und quatschte.

    Sein Handy spielte den Flohwalzer von Ferdinand Loh. Ohne Hinzusehen wusste er, wer am anderen Ende war.

    „Zoller“, meldete er sich.

    „Hier Hammann. Herr Hauptkommissar, sind Sie schon im Büro?“ Es war nur die übliche Anspielung, weil er zu spät gekommen war.

    „Sind Sie doch so gut und kommen Sie so bald wie möglich zu mir.“

    Direktor Hammann war wohl nicht alleine in seinem Büro, sonst hätte er sich die Anrede ‚Herr Hauptkommissar’ geschenkt. Und die Bemerkung ‚so bald wie möglich’ war die höfliche Umschreibung von ‚sofort’. Zoller fiel eine Bemerkung Hammanns ein, dass ein Amtsbesuch aus Hamburg bevorstand. Jetzt war es wohl soweit und Direktor Hammann wollte mit seinem ‚besten Mann’ glänzen.

    Zoller stand auf und griff nach seinem Jackett. In diesem Moment trat Wanzke ein, mit zwei Fingern einen bis zum Rand gefüllten, dampfenden Plastikbecher jonglierend.

    „Vorsicht heiß und fettig!“

    „Muss zum Alten, kannst ihn selber trinken!“ Ungewollt stieß Zoller Wanzke an. Der Kaffee schwappte über. Zoller verließ den Raum und hinterließ einen Mitarbeiter mit verbrühten Fingern, der sich im unklaren war, ob er irgend einen Fehler begangen hätte.

    Direktor Hammann empfing Zoller in seinem Büro, welches ein Stockwerk über dem Zollers gelegen war und die Größe zweier Räume einnahm, denen man die Trennwand entwendet hatte. Ein großer Besprechungstisch stand am Fenster, darauf drapiert diverse Tee- und Kaffeetassen, Löffelchen und was man so benötigt. Glänzend fiel Zoller die silberne Thermoskanne ins Auge. Das war die Kanne mit dem Kaffee. Endlich würde er einen Schluck davon erhalten.

    „Herr Hauptkommissar Zoller, Herr Hauptkommissar Wendland“, stellte der Direktor die beiden einander vor, „Herr Zoller, unser bester Mann, arbeitet gerade an einem der selten gewordenen Fälle von Giftmord.“ Zoller hatte geahnt, dass die Bemerkung über den ‚besten Mann’ kommen musste. Hammann wandte sich ihm zu: „Übrigens arbeitet Herr Wendland in der Hamburger Abteilung Bandenkriminalität und OK. Er wird sich hier einige Abteilungen und – so hoffe ich – auch Berlin zu Gemüte führen.“ Zoller hoffte, dass er nicht auserwählt würde, auch noch den Städteguide zu machen, doch schien das sehr unwahrscheinlich während eines akuten Falles. Er setzte sich dazu und griff schon nach der Kaffeekanne, als Hammann ihn stoppte und ihn aufklärte, die Kaffeemaschine seiner Abteilung sei leider defekt. Es sei kein Kaffee in der Kanne. Er lasse gerade eine Kanne aus einer anderen Abteilung bringen.

    Direktor Hammann wies auf den Zitronentee in der weißen Kanne, doch Zoller dankte, es würde ja bald Kaffee kommen.

    Zoller beobachtete seinen Vorgesetzten, dessen Eigenheit es war, bei allen Sätzen, denen er Bedeutung zumaß, den Zeigefinger an die Nasenspitze zu legen. Und er hatte viel Bedeutendes zu sagen. Wendland war ein bulliger Typ mit dichten, braunen Augenbrauen, welligem, vollem Haar und hellblauen, stechenden Augen. Wüßte Zoller nicht genau, dass Wendland Polizist war, er hätte -jedenfalls optisch- einen filmreifen Gauner abgegeben. Zoller hörte nur mit einem Ohr zu, er kannte schon die Beschreibungen, die allen offiziellen Besuchern zugedacht waren und hoffte nur, der Kaffee käme bald.

    Da klingelte sein Handy. Diesmal war es Toccata und Fuge von Johann Sebastian Bach, somit also sein Büro. Er entschuldigte sich bei den beiden Herren, stand auf, ging in eine Ecke des Raumes und nahm das Gespräch an. Wanzke war dran, der sich für die Störung entschuldigte, aber es wäre vielleicht sehr wichtig und ob er nicht kurz ins Büro kommen könnte.

    Zoller antwortete mit: „OK!“ Dann blickte er zu Direktor Naumann. Dieser machte, ohne sein Gespräch mit Wendland zu unterbrechen, ein Zeichen des Einverständnisses.

    Draußen kam ihm die Praktikantin Schmittke entgegen – mit einer Kanne frischen Kaffees in der Hand. Sie lächelte ihn an. Wenn sie geahnt hätte, wie dies Lächeln auf den nach Kaffee gierenden Zoller gewirkt hatte, sie hätte es sich verkniffen. Er lächelte gekünstelt zurück und ging eilig in sein Büro, wo ja der Becher Kaffee auf ihn wartete. Doch auf seinem Schreibtisch stand kein Kaffee mehr, dafür kam Wanzke mit dem Plastikbecher in der einen, einer Akte in der anderen Hand auf ihn zu.

    „Gut, dass du dich loseisen konntest. Wir haben einen zweiten Toten durch Gift. Das Verwunderliche daran ist, es handelt sich auch hier um -“

    Digitoxin?“

    Digitoxin.“ Nach einem Schluck aus dem Becher, fuhr Wanzke fort: „Ein Arzt, Gynäkologe einer privaten Frauenklinik in der Nähe von Ferch.“ Ferch war ein Erholungsort am Schwielowsee, südlich von Potsdam. Wanzke berichtete, der Tote sei heute morgen gegen sieben in seiner Wohnung in Berlin Zehlendorf von seiner Zugehfrau aufgefunden worden, die ihn bereits in der Klinik wähnte. Die Kollegen hätten alle Spuren gesichert und der Bericht der PTU sprach von Tod durch Digitoxin als Beimengung in einem Schluck Whisky. Verdacht auf Mord.

    „Und? Warum hast du mich aus der Besprechung geholt?“, fragte Zoller unwirsch und blickte neidisch auf den fast leeren Becher Kaffee in Wanzkes Hand. Wanzke lehnte sich lässig an den Schreibtisch.

    „Es scheint einen Zusammenhang mit dem Toten in Kreuzberg zu geben.“

    „Der wäre?“

    „In seiner Hosentasche fand sich eine Art Schmierzettel, total verknüllt, hier ist er.“

    Zoller nahm den in Folie verpackten Abriss einer Zeitungsseite und hielt ihn so ins Licht, dass er lesen konnte. Mit Kuli waren einige Kritzel zu erkennen in einer Handschrift, wie sie wohl allen Ärzten des Globus gleich ist, nämlich unleserlich. Nur ein Wort war in Versalien und mehrmals mit Kugelschreiber nachgemalt: WORONZEFF.

    „Sieh da!“, entfuhr es Zoller.

    „Genau das dachte ich auch!“ sagte Wanzke bedächtig und in einem Ton, als ob er einer der tiefgründigsten Wahrheiten des Kosmos auf die Spur gekommen wäre. Dann stellte er seinen leeren Becher wie ein Ausrufezeichen auf die Schreibtischplatte.

    „Jetzt benötige ich einen Kaffee!“

    Fast sah es aus, als ob Wanzke salutieren wollte, jedenfalls ging eine ruckartige Bewegung durch seinen beleibten Körper, als er ihn vom Schreibtisch abstieß und Richtung Türe bewegte. „Ich besorge dir einen.“

    Zoller ging ans Fenster und besah sich die Aufzeichnungen in der Mappe. Der Frauenarzt hieß Dr. Ammerschläger, war 34 Jahre alt und seit zwei Jahren in der Privatklinik angestellt. Ammerschläger war verheiratet, seine Frau war derzeit auf Reisen, wie die Zugehfrau, eine Frau Dehm, ausgesagt hatte. Die Ehe war kinderlos.

    Was verband den toten Mandelstein aus München mit dem Gynäkologen aus Berlin? Beide waren durch Digitoxin ums Leben gekommen und kannten einen Russen namens Woronzeff, beide waren Mediziner, der eine Arzt, der andere wollte Arzt werden. Wie standen die beiden in Zusammenhang?

    Wanzke kam mit dem dampfenden Kaffee. Er hatte zwei Servietten um den Rand geschlungen, und machte einen großen Bogen um Zoller, um den Becher ohne Verbrennungen abzuliefern.

    Zoller sog an dem Aroma und nippte von der heißen Brühe.

    „Hat man seine Frau schon benachrichtigen können?“ fragte Zoller übergangslos.

    Wanzke war auf Draht: „Ja, sie wird am späten Nachmittag mit dem Zug ankommen“, antwortete er und fügte hinzu: „Bahnhof Zoo.“

    „Dann haben wir noch genug Zeit, Fritz.“ Wanzke schaute ihn fragend an.

    Noch bevor Zoller ihn über seine Pläne informieren konnte, erschien der Kollege Schneider mit waidwundem Blick und dicker Backe. Mit geschlossenen Zähnen murmelte er etwas, das ein Gruß sein konnte und ging schnurstracks zu seinem Schreibtisch. Zoller und Wanzke gingen zu ihm und Wanzke fragte: „Schlimm?“

    „Mmmhmm!“ stöhnte Schneider.

    „Willst du lieber nach Hause gehen und heute mal ausruhen?“ fragte Zoller mitfühlend.

    Es folgte ein längeres „MmmHmm-HmmMmm.“ Wanzke und Zoller sahen sich an. Schneider wiederholte durch die Zähne gepresst: „Zuhause tut es auch weh. Und hier habe ich Ablenkung.“ Das erschien beiden verständlich und Zoller meinte: „Ralf, wenn du unbedingt arbeiten willst: Bleibe im Büro und versuche, soviel wie möglich über diesen Woronzeff herauszufinden, national und international.“ Er legte ihm die neue Akte auf den Schreibtisch und informierte ihn darüber, dass Fritz und er jetzt Außeneinsatz schieben würden. Ein gequältes: „Mmpf!“ quittierte dies.

    Zoller machte sich in Gedanken eine Art Ablaufplan, was er heute in welcher Reihenfolge angehen wollte. Oft genug machten ihm aktuelle Ereignisse, unvorhersehbare Wendungen oder spontane Umentscheidungen seine Pläne zunichte, doch er hielt sich gerne an einen selbstgesponnenen Ariadnefaden, von dem er nicht hätte sagen können, welche Farbe er besitzt. Sein Gespür sagte ihm zwar, dass er das nahe Umfeld Mandelsteins in der Pension nicht vernachlässigen durfte, doch diese neue Spur schmeckte akut nach einem Geheimnis und weckte seine Jagdlust. Er trank noch genüsslich seinen Kaffee aus, bevor er sich mit Wanzke auf die Pirsch machte.

    Die Berliner Bezirke besaßen jeweils einen oder mehrere Kieze. Das Wort Kiez oder Kietz stammt aus dem Slawischen, der Sprache der frühen Bewohner Brandenburgs. Historisch war der Kietz eine Ansammlung von Fischerhütten, eine Art Vorstadt. Umgangssprachlich wird der Begriff heute für eine Gegend oder Straße benutzt, in der Prostitution betrieben wird. Doch in Berlin hat dieses Wort noch eine zusätzliche Bedeutung, nämlich für eine Gegend, in der zum Leben alles vorhanden ist, Kirchen wie Kinos, Kneipen und Kliniken, Fachgeschäfte und Friedhöfe, Ärzte und Bestatter. Es soll so manchen Berliner geben und gegeben haben, der zeitlebens niemals aus seinem Kiez heraus gekommen war, wie Immanuel Kant nicht aus Königsberg.

    Die vornehmeren Bezirke Berlins verzichteten auf diese Bezeichnung, obwohl Läden und Leute sich nicht unterschieden, höchstens die Einkommen, die Ansprüche und die Preise.

    Doktor Ammerschläger wohnte in Zehlendorf, dem Vorzeigebezirk Berlins mit viel Wald und Seen, Villen und Herrschaftshäusern. Mit seiner Frau bewohnte er eine Neubauwohnung in einem edlen Gebäudetrakt in futuristischem Baustil unweit der Krummen Lanke an der Argentinischen Allee. Außen blitzte es vor Glas und Chrom, im Innern herrschte weißer Marmor vor, selbst der Fahrstuhl war marmorverkleidet, zu allem Überfluss führte eine großzügig breite Marmortreppe mit Messinghandlauf nach oben.

    Zoller wollte sich lediglich ein eigenes Bild machen von der Lebensumgebung des Arztes und hatte den detaillierten Bericht auf der Fahrt gelesen. Alles an den Lebensumständen des Arztes und seiner Frau schien normal, er wunderte sich nur über das geringe Gehalt des Assistenzarztes. Ohne die Einnahmen seiner Frau als Projektleiterin einer Kongressagentur könnten sie sich den Luxus der Wohnung wohl kaum leisten.

    Er erbrach das Polizeisiegel und Wanzke folgte ihm in eine überraschend minimalistisch eingerichtete Wohnung, deren Fenster von der Decke bis zum Boden reichten und viel Himmel einließen. Blanke Spiegel verdoppelten diesen Eindruck, die Wohnung war nichts als hell. Alleine das Wohnzimmer schien einhundert Quadratmeter einzunehmen. Grauweißer Marmorboden, wenige weiße Möbel, ein Acryltisch, daneben eine Designercouch aus weißem Leder und in der Wand eingelassen ein Breitbildfernseher. Alles klinisch sauber wie eine Arztpraxis. Die einzigen Farbflecken bildeten die bunten Rücken der Buchreihen in dem schleiflackweißen Regal, welches zwei volle Wände ausfüllte, jede mit einem Durchgang zur Küche und zum Schlafzimmer, ein weiterer Farbklecks bestand aus einem riesigen Strauß langstieliger Rosen in einer –wie könnte es anders sein- weißen Porzellanvase in der Nähe des Fensters. Die einzigen, nicht-weißen Möbelstücke waren ein kirschbaumfarbener Biedermeier-Sekretär, kunstvoll wie ein Altar in die Bücherwand eingefügt und der Stuhl davor. Auf der geöffneten Schreibtischplatte stand ein silberfarbener Flachbildschirm, der dazugehörige Rechner war in das Bücherregal eingepasst, ebenso ein Drucker, die Kabel waren unsichtbar verlegt. Vor dem Sekretär stand ein filigraner Stuhl aus Kirschbaum, eher ein Stühlchen zu nennen, die beiden Hinterbeine in schmalem Bogen auf den Boden gestützt, wie die Beine einer zum Absprung ansetzenden Gazelle. Ob er stilistisch zu dem Sekretär passte, wusste Zoller nicht zu sagen, doch er wusste, mit diesen Sekretären hatte es manchmal etwas auf sich. Sie besaßen des öfteren Geheimfächer mit oder ohne Öffnungsmechanismen. Von der Profilleiste, die sich verschieben lässt und ein unsichtbares, flaches Schubfach freigibt über die Zierleiste, hinter der sich ein geräumiges Fach öffnet bis zur verborgenen Drucktaste, die ein Schubfach veranlasst, sich doppelt so weit zu öffnen, um eine zweite Lade preiszugeben.

    In diesem Falle war es eine der kleinen, schwärzlichen Ziersäulen, die durch Drehung ein vertikales Brieffach aufspringen ließ. Nur war es nicht Zoller, der diesen Mechanismus fand, sondern Wanzke, dessen Körperfülle das Stühlchen unter ihm zur Gänze verbarg so dass es schien, als ob er vor dem Sekretär in der Luft schwebte.

    Seine gehörige Pranke, in dem dünnen, besonders über den Knöcheln zum Platzen gedehnten Gummihandschuh, hielt eine Diskette in die Höhe. Sie war unbeschriftet, man sah ihr den ständigen Gebrauch an.

    Inzwischen hatte Zoller das Schlafzimmer mit dem angrenzenden Bad und die beiden, vom Flur abgehenden Räume inspiziert, wovon ein Raum als Gäste- wie auch Kleiderzimmer verwendet wurde, das andere war kaum eingerichtet und hätte wohl als Kinderzimmer seine Funktion gefunden.

    Zoller stand gerade vor der weißen Designercouch und ließ sich die Fotos vom Toten an dieser Stelle durch den Kopf gehen. Neben dem Beistelltisch hatte das Whiskyglas in einer Pfütze gelegen, in der die Überdosis des Herzmittels gefunden worden war. Der Tote hatte wohl versucht, das Glas noch auf den Tisch zu stellen, bevor er umgefallen war. Hatte er sich selbst getötet? Warum? Wenn nicht er selbst, wer hatte ihm das Mittel in das Glas getan? Hatte er einen Gast empfangen?

    In diesem Moment hatte Wanzke ihn mit seinem Fund aus den Gedanken geholt, so dass er nur beipflichtend grunzte, sich dann der Fernbedienung des TV-Gerätes bemächtigte und sie besah. Ihm war eingefallen, dass in derart komfortablen Etablissements die Türüberwachung mittels Video-Anlage zum Standard gehörte und manchmal war diese in den Fernseher integriert. Irgendwo musste der Knopf sein.

    Wanzke kam ihm zur Hilfe und schaltete den Fernseher ein. Es lief eines der Hausfrauenserien, die den Vormittag einiger Sender beherrschten. Nach einigen Versuchen klappte es. In Farbe und bester Auflösung sahen sie den Eingangsbereich und hörten das Rauschen vorüberfahrender Autos und das Lachen zweier Mütter, die mit ihren Kinderwagen am Eingang entlang spazierten. Zoller überlegte, ob es möglicherweise eine Dauerüberwachung gab, die aufgezeichnet wurde. Wanzke sollte sich darum kümmern.

    Zoller wollte jetzt die Zugehfrau persönlich befragen, die in der Nachbarschaft wohnte, weshalb er mit dem Handy ihre Nummer wählte. Schöne neue Zeit, in der jedermann (und jede´Frau) an der world-wide-communication teilhaben konnten. Es dauerte einige Ruftöne, bis sie abnahm.

    „Ja, hallo?“ Zoller kannte die Unart einiger Mitteleuropäer, sich nur mit Hallo zu melden, ganz, als ob sie ihren eigenen Namen vergessen hätten oder ihn nur wenigen, ausgewählten Mitmenschen anvertrauen wollten.

    „Spreche ich mit Frau Dehm?“

    „Ja, wer ist denn da?“ Die, die ihren Namen geheim hielten, wollten aber sehr dringend wissen, von wem sie angerufen wurden.

    „Zoller, Hauptkommissar Zoller von der Kriminalpolizei.“

    „Aber woher soll ich wissen, dass Sie von der Polizei sind?“, fragte sie recht folgerichtig.

    „Frau Dehm, ich wollte mich gerne mit Ihnen treffen, um einige Punkte zu besprechen.“

    „Aber ich habe einem Herrn von ihnen doch schon alles gesagt!“ Ihre Stimme klang unwirsch.

    „Sicher, ich weiß, ich habe den Bericht gelesen, doch würde ich gerne mit Ihnen persönlich noch einmal sprechen. Sind Sie zu Hause?“

    „Nein, ich bin auf einer anderen Putzstelle. Um halb zwei bin ich zu Hause.“

    „Gut, können wir uns dann dort treffen?“

    „Ja, aber bringen Sie Ihren Ausweis mit.“ Zoller würde sie schon nicht enttäuschen.

    Sie folgten Wanzke’s Vorschlag, sich bis dahin zu einem Italiener am Mexicoplatz zu begeben, um einen ‚Imbiß’ zu sich zu nehmen, wie es Wanzke formulierte.

    Kapitel 12

    Sie betraten eine sizilianische Landschaft, so versuchten zumindest die Freskenmalereien an den Wänden zu suggerieren, aus deren azurnem Himmel eine ewig strahlende Goldsonne süditalienische Wärme auf die teils kargen, teils olivenbestandenen Landschaften austeilte. Natürlich fehlte das Meer nicht, dessen Blassgrün eher der Fantasie des Malers entsprang, denn der natürlichen Farbpalette Siziliens. Die Verklärung der Heimat vollzog sich wohl in zunehmendem Maße der Entfernung zu ihr.

    Einsam standen die mit weißen Tischdecken und funkelndem Besteck gedeckten Tische wie vereinzelte Ziegen in der ansonsten unbelebten Landschaft unter der Last des von der Wandmalerei herüber strahlenden Mittagsglasts herum.

    Zoller fröstelte es, seitdem er an der Eingangstüre das Schild gelesen hatte, welches den amerikanischen Touristen ihr vertrautes air-conditioned versicherte. Er erinnerte sich: Eine der wenigen Reisen mit seiner Frau hatte sie eines Sommers nach Florida geführt, an den berühmten Highway US1, nach Miami, in ein air-conditioned Hotel. Die Klimaanlage ließ sich nicht regulieren, nur ein- oder ausschalten. Ohne war es unerträglich heiß, mit eine Kältehölle. Als sie eines sehr frühen Morgens zu einer Schiffsfahrt zu den Bahamas abgeholt worden waren, zu der man vorsorglich für die Schiffsfahrt eine warme Jacke mitnahm, benötigten sie beide diese Jacke bereits im Taxi-Van, in welchem ununterbrochen die Aircondition lief. Die zusteigenden amerikanischen Gäste bestanden auf ständiger Eisluftzufuhr. Als menschliche Eiszapfen und vor Kälte zitternd kamen sie am Hafen an. Den Amerikanern schien diese Eisberieselung nichts auszumachen, sie waren ein Leben on-the-rocks gewöhnt. Der Fahrtwind auf dem Schiff hatte sie dann langsam aufgetaut und sie mieden die inneren Räume des Schiffes wie die Pest, da dort ebenfalls die Aircondition mit Vollgas lief. Die Jacken zogen sie nur zum mitbezahlten Mittagessen im Speisesaal des Schiffes wieder an und verzichteten auf den Nachtisch, da die surrende Kälte wieder begann, ihre europäisch ausgelegten Lungen zu vereisen. Als Konsequenz bemerkten sie schon auf den heißen, palmenbestandenen Bahamas die anfliegende Erkältung als unangenehmes Kratzen im Hals und mit Tropfenbildung an der Nasenspitze.

    Auch hier, beim Italiener, waren alle Türen zur echten Natur draußen luftdicht verschlossen. Entschlossen strebte Zoller auf die Glastüre dem Garten zu, wo die echte, europäische Sonne schien und der einfache Schatten von natürlichen Bäumen zusammen mit der leichten Brise ausreichte, eine angenehme Kühlung zu verschaffen. Da erscholl ein Ruf: „Fritz! Buon giorno, Signore Fritz!“ Zoller drehte sich um und erblickte einen südländischen Mann mit schwarzen Haaren, weißem Hemd und einer porentief weißen Schürze auf Wanzke zueilen, ihn umarmen und küssen. Dazu musste der kleine Italiener auf Zehenspitzen jonglieren und Wanzke sich über seinen Bauch zu ihm hinunter beugen.

    “Wo sein Signora Fritz? Lange nicht gesehen. Madre mio!”

    Wanzke, derart geschüttelt und überrascht, sagte mit Seitenblick auf seinen Chef: „Hallo Toni, darf ich dir meinen Chef vorstellen: Hauptkommissar Zoller.“

    „Ah, commissario! Hier keine Mafia, nur gutes Essen und Trinken!“

    „Das hoffen wir doch,“ antwortete Zoller laut und dachte leise den Satz weiter: „auch wenn die Bandenkriminalität selbst vor Zehlendorf keinen Halt macht.“ Vielleicht ist es nicht gerade die Mafia, sondern die Russen oder die Albanier, irgend einer dieser Gruppen würde schon abgreifen – und keiner der Betroffenen gab es zu. Auf die Güte des Essens hatte das nie einen Einfluss, eher auf die Preise.

    Toni wies ihnen einen Tisch im Garten und im Halbschatten einer riesigen Kastanie.

    „Für unsere prominenten Gäste“ war seine Bemerkung dazu. Er bewegte sich, wie es nur heißblütige italienische Ober in klassischen Filmen taten, wedelte mit seiner blendend weißen Serviette nicht vorhandene Krümel von der Tischdecke und zog flink die Stühle in Sitzposition, spritzte zum Gartentresen mit den Speisekarten, die er mit raschem Griff, jedem eine blitzschnell geöffnet darbot.

    Vino? Oder sind die Signori im Dienst?“

    Zoller und Wanzke blickten sich an, beide hätten normalerweise selbstverständlich einen Wein bestellt, doch derart auf den Alkoholgenuss im Amte aufmerksam gemacht, antworteten sie: „Wasser.“

    „Mineralwasser“, wiederholte Zoller.

    Acqua minerale”, übersetzte Tonio, “Pronto. Sofort. Ich fliege.“

    Mit der letzten Bemerkung hatte der kleine, gedrungene Italiener sogar recht. Seine weite, um den Bauch gebundene Schürze flog im Winde wie die Rockschöße eines weißen Fracks, er nahm die drei Stufen vom Garten in den Gastraum in einem Schwung, als ob es gälte, ein Rennen zu gewinnen.

    „Stammgast?“, fragte Zoller.

    „Früher mal. Heute seltener. Meine Schweigereltern wohnen hier um die Ecke und wir waren oft hier. Doch lassen wir dies Thema. Ich habe Hunger!“

    Zoller hatte bald eine Wahl getroffen, verschränkte seine Hände hinter dem Kopf und schaute hoch in das grün belaubte Geäst der Kastanie, dann blickte er zu Wanzke hinüber, der intensiv die Karte studierte.

    „Wie im Urlaub“, sagte er.

    „Urlaub in Riccione“, ergänzte Wanzke.

    „Bitte wo?“

    „Der Heimatort von Toni, dem Kellner. Und lange Jahre unser Urlaubsort, wegen der Nähe nach San Marino, du weißt doch!“, unterstellte Wanzke.

    „Hilf mir auf die Sprünge, ich bin derzeit im Urlaub.“

    Die Glastür sprang auf, daraus schoss Toni, rechts ein Tablett mit verschiedenen Gläsern in der Hand, links eine Einliterflasche Mineralwasser, die Serviette um den Flaschenhals geschlungen, glitt er die Stufen herab und stand im Nu lächelnd vor dem Tisch der beiden momentanen Urlauber.

    Prego, Signori, acqua minerale, frisch aus der Quelle der Spree, und hier Eis, extra eingeflogen vom Südpol, Millionen, was sag ich, Milliarden von Jahren alt, specialmente für Sie! Limone, eben noch am Baum, jetzt zu Ihrer Erquickung hier bereit!“

    Damit stellte er ein Glas mit Eiswürfeln und eine Schale mit Zitronenscheiben auf den Tisch, öffnete mit zischendem Geräusch die Flasche und goss jedem einen winzigen Schluck Wasser ein.

    Dann zückte er seinen Block und da Wanzke ihn überaus hungrig anblickte, begann er bei ihm, die Bestellung zu notieren. Zoller hörte, wie sein Kollege ein sehr ausgefeiltes Menü bestellte, nach der einen oder anderen Zutat und Zubereitungsweise fragte und wunderte sich über dessen kulinarisches Wissen. Dann wandte sich Toni mit hochgezogenen Augenbrauen dem Hauptkommissar zu. Zoller bestellte eine Vorspeise. Toni blickte ihn weiterhin erwartungsvoll an, als aber nicht mehr vom commissario kam, steckte er enttäuscht den Stift in die Hemdtasche und sagte: „Pronto!“

    Zoller übersah den mitleidigen Augenaufschlag des flink abziehenden Kellners mit wehender Serviette. Man konnte ihm das innerliche Kopfschütteln über den kulinarischen Banausen von hinten förmlich ansehen. Er nahm auch nicht wie vorher, beflügelt von dem zu erwartenden Umsatz, die Stufen auf ein Mal, es schien, als ob er, bedrückt von dem Mangel an Esskultur, den Spaß an seinem Job verlustig gegangen sei. Traurig blickte er beim Öffnen der Tür zurück auf die beiden Gäste, die sich wieder ihrem Thema gewidmet hatten.

    „Wo waren wir?“, fragte Zoller.

    „San Marino“, gab Wanzke das Stichwort.

    Zoller überlegte hin und her, wie er Wanzke mit San Marino in Zusammenhang bringen könnte. Als er nichts sagte, erklärte Wanzke: „Du weißt doch, dass ich Formel Eins Fan bin. San Marino!“

    „Ach San Marino!“

    Wanzkes Augen blitzten und sein ganzer, massiger Leib schwang mit als er erläuterte: „Ja, Imola, Ferrari, Maranello, die Scuderia, Michael Schumacher, der große Zirkus!“

    „Du meinst die große Geldvernichtung.“

    „Das darfst du nicht sagen, immerhin stammen eine Reihe von wichtigen technischen Erfindungen aus den Rennen.“

    „Die man nicht bräuchte, führe man keine Rennen.“

    „Die auch für die normalen Autofahrer von großer Bedeutung sind!“

    Carbonbremsen, Monocock etcetera.“

    „Regenreifen, Motorenöl, Neuentwicklungen für Chassis, Lenkung, Bodenhaftung etcetera“, hielt Wanzke entgegen.

    „Die man auch erfinden kann, setzt man ein gut bezahltes Team daran. Nicht dass du mich missverstehst, ich akzeptiere diesen Sport, mag ihn aber nicht aus verschiedenen Gründen.“ Er dachte an die unzähligen Toten, die seit Erfindung des Motorsports auf den Pisten geblieben waren, an die Zuschauer, die, jedenfalls in früherer Zeit, von fliegenden Autos oder brennenden Autoteilen getroffen wurden.

    „Aber die Sicherheitsvorkehrungen sind doch enorm verbessert worden!“ Wanzke sprach, als verteidigte er sein liebstes Kind.

    „Ja, durchaus, manchmal allerdings derart, dass die Wagen nur noch mit eingeschränkter Leistung fahren dürfen, mit gedrosselten Motoren, die trotz ständiger Entwicklung doch hin und wieder platzen und Zigtausende in den Himmel verpuffen, neben den Allgemeinkosten für diesen Zirkus, wie du es nennst, nur Peanuts.“

    „Dennoch sind es große, internationale Ereignisse. Die Länder, in denen die Rennen ausgetragen werden, haben doch etwas davon, von den Touristen, dem Medienzirkus und was alles daran hängt.“

    „Schön wäre es, wenn die Gelder wirklich den Menschen in den Regionen zugute kommen, doch bezweifle ich, dass von den Milliarden, die da umgesetzt werden, die Unternehmen und Betriebe in den Gemeinden das Geschäft machen.“

    „Na ja, ein Riesengeschäft ist das wohl, auch die Gagen der Fahrer sind doch sehr hoch“, gab Wanzke zu.

    „Unverhältnismäßig in jeder Beziehung, die Gehälter der Fahrer steigen mit zunehmender Minimierung des Risikos. Irgendwie irrwitzig.“

    „Aber spannend.“

    „Entschuldige, aber für mich nicht, denn wenn der finanziell best ausgestattetste Rennstall sich die beste Technik und die teuersten Fahrer leisten kann, die den Zirkus immer wieder anführen und dadurch immer neue, voraussehbare Siege produzieren, ist das für mich eher trübsinnig und langweilig.“

    „Aber die Rennen werden doch immer wieder gerne besucht und übertragen, die Leute mögen diese Art Wettkampf! Die Menschen mögen Sieger, ob sie hinter dem Steuer, auf Reitsätteln oder auf Tartanbahnen zu finden sind. Möglicherweise mögen Sie Autorennen besonders, weil das Auto des Mannes liebstes Kind ist und Sinnbild für Kraft, Freiheit, Unabhängigkeit und Reisen, ein kostbares Spielzeug und das akzeptierte Statussymbol neben Villa, Reitpferd und Segelyacht.“

    Zoller wunderte sich über die Eloquenz seines Kollegen und dessen Elan, mit dem er sein Hobby verteidigte.

    „Ist ja alles richtig. Es ist nur der wahnwitzige Aufwand um ein offenbar heiliges Ding, das Auto, das in dieser Form eigentlich der Vergangenheit angehören müsste. Alles hat eine Entwicklung erfahren seit seiner Erfindung, nur der Ottomotor und das Auto nicht. Ich frage mich manchmal, ob diese Verhinderung nicht mit Absicht und nur aus dem Grunde betrieben wird, weil so viele Menschen vom herkömmlichen Auto und seiner Herstellung abhängig sind. Ich frage mich, wo die zukunftsweisenden Erfindungen sind. Die Schubladen müssten überquellen!“

    Wanzke schaute einen Augenblick ratlos drein. Zoller nutzte dies und fuhr fort: „Hör mal Fritz, da habe ich gerade gelesen: Die Firma Shell, also einer der Weltkonzerne, der mit Öl und Benzin weltweit Handel treibt, hat Forschungen angestrengt und finanziert, die zeigen, dass im Jahre Zweitausendsechzig alle herkömmlichen Energien aufgebraucht sein werden und nur noch erneuerbare Energiequellen genutzt werden können. Weißt du, was Shell jetzt betreibt?“

    Da er auf diese rhetorische Frage natürlich keine Antwort erwarten konnte, fuhr Zoller nach einer strategischen Pause fort: „Shell baut eine Solarzellenfabrik. Und die mitten auf eine alte Kohlengrube!“

    Glücklicherweise kam hier Toni, auf einem Tablett die Vorspeisen, die er flink und gekonnt auftrug. Nachdem er mehrfach in allen denkbaren Sprachen guten Appetit gewünscht hatte, verzog er sich. Während des Essens hing jeder seinen Gedanken nach. Dann fragte Wanzke, der als erster seinen Teller geleert hatte: „Glaubst du, da besteht ein direkter Zusammenhang?“

    „Wobei?“

    „Zwischen dem Toten von Kreuzberg und dem hier in Zehlendorf?“

    „Möchte man eigentlich nicht annehmen. Doch die Verbindung durch diesen Woronzeff, von dem wir noch allzu wenig wissen, scheint mir einen Zusammenhang aufzudrängen.“

    „Vielleicht kann uns die Zugehfrau weiterhelfen.“

    „Zu der wir erst gehen können, wenn du dein Menu beendet hast.“

    Frau Dehm’s Wohnung lag schräg gegenüber von dem Hause, in dem sie am Vormittag die Wohnung des Arztes inspiziert hatten.

    Durch das ausgiebige Mahl von Wanzke kamen sie zehn Minuten vor zwei dort an. Sie wohnte in einem Mehrfamilienhaus mit einem großen Garten darum, aus dem es betörend nach Flieder roch. Eine hohe Ligusterhecke verdeckte den Blick in den Garten. Zum Eingang hin war die Hecke unterbrochen und einige Steinplatten führten zu der alten, kunstvoll geschnitzten Holztüre. Vier Klingelschilder trugen fünf Namen. Bei ‚Dehm’ stand auch ‚Vanzow’. Ohne zu klingeln ging bereits der Türöffner. Ein Vorhang im ersten Stock links bewegte sich. Der Hausflur war sauber gepflegt, der Boden hellgelb gekachelt und seitlich führte eine Treppe in den ersten Stock, von dem zwei Wohnungstüren abgingen. Die eine, bereits einen Spalt geöffnet, wurde von einer grauhaarigen Dame zur Gänze aufgemacht: „Sie kommen unpünktlich“, fauchte es sie an, „ich warte schon seit zwanzig Minuten auf sie! Kommen Sie herein!“

    Auch an der Tür prangten zwei Namen auf dem Klingelschild: Dehm/Vanzow.

    „Guten Tag, Frau Dehm,“, sagte Zoller, „ich hätte gedacht, Sie wären etwas vorsichtiger. Sollten Sie nicht vor Betreten der Wohnung durch zwei Fremde sich den Ausweis zeigen lassen? Ich habe ihn extra wegen Ihnen mitgebracht.“ Der versteckte Scherz ging in der Antwort unter.

    „Nicht nötig. Ich habe gute Augen und eine gute Menschenkenntnis. Verbrecher erkenne ich sofort. Sie sahen wie zwei Polizisten aus. Darüber hinaus hatten Sie sich ja angemeldet. Möchten Sie einen Kaffee?“

    Zoller, der während Wanzkes ausgiebiger Mahlzeit bereits zwei Kaffee getrunken hatte, lehnte höflich ab: „Für mich bitte nicht, vielleicht der Kollege?“ Wanzke kam erst gar nicht zum Antworten.

    „Schnickschnack! Jetzt gibt es Kaffee und Kuchen!“ Sie führte die beiden Männer in eine Wohnstube wie aus dem Trödelladen und bot ihnen auf zwei Stühlen Platz an, an einem für drei Personen gedeckten Tisch. Sie selbst setzte sich auf ein ehemals blaues Sofa aus undefinierbarer Zeit.

    Zoller zeigte auf die Gedecke: „Erwarten Sie Besuch?“

    „Nein“, sagte Frau Dehm, „das ist doch für Sie.“

    „Aber wie kommen Sie darauf, dass wir zu zweit zu Ihnen kommen? Am Telefon sprach ich nur von mir.“

    Sie winkte ab: „Ach, das weiß ich doch, dass Polizisten nie alleine kommen.“ Sie schenkte Kaffee in jede der drei Tassen. Sie lächelte geheimnisvoll und wies dann auf das Fenster.

    „Ich habe Sie doch kommen sehen und gleich ein weiteres Gedeck aufgelegt. Hier vom Fenster kann ich den Eingang genau überwachen.“ Sie zeigte auf die Ecke bei dem Fenster. Dort war ein mit Decken und Kissen bequem gemachter Sessel derart auf einem Podest postiert, dass die Dame einen hervorragenden Blick über die Hecke hinweg auf die Straße genießen konnte. Schächtelchen mit Pillen und Schälchen für Gebäck standen auf dem Fensterbrett greifbar, sogar ein Fernglas stand unauffällig daneben, sogar ein Knopf des Türöffners.

    „Meine Fernsehecke.“ Sie kicherte. „Für die ruhigen Stunden des Tages.“ Ihr rundes, rotes Gesicht mit einer kleinen, schnippisch wirkenden Nase und kleinen braunen, blitzenden Äuglein strahlte.

    „Wollen Sie Kuchen?“, sagte sie und zeigte auf den Nebentisch, auf dem ein bestimmt leckerer, selbstgebackener Kranzkuchen stand.

    Zoller murmelte etwas wie „Gerade gegessen“ und Wanzke hielt sich demonstrativ den Bauch.

    Dann versuchte Wanzke es noch einmal: „Es ist aber gefährlich, jemanden einfach so in die Wohnung zu lassen. Sie sollten sich wirklich-“

    „Schnickschnack!“, unterbrach sie ihn und sagte entschieden: „Ich sagte Ihnen bereits, dass ich eine ausgeprägte Menschenkenntnis besitze! Ich kann sehr gut Böse von Gut unterscheiden, an der Nasenspitze, wissen Sie?“

    „Dann sollten sie schleunigst den Beruf wechseln und zu uns kommen“, warf Wanzke mit Seitenblick auf Zoller ein, „wir benötigen dringend Mitarbeiter, die Verbrecher an der Nasenspitze erkennen. Sie könnten uns ungeheuer behilflich sein.“

    „Ach, das sagen Sie nur so“, lächelte sie geschmeichelt, „aber das wäre nichts für mich, immer mit Gewalt und Mord und Verbrechen. Ich bin eher eine beschauliche Person.“ Sie nippte wieder an ihrer Tasse.

    „Frau Dehm“, begann Zoller, „lassen Sie uns nun zu dem Vorfall von heute morgen kommen. Wie oft arbeiten Sie bei den Ammerschlägers?“

    „Je nach Bedarf. Sie lassen mir freie Hand. Wissen Sie, es ist für mich viel einfacher, mir die Arbeit selbst einzuteilen. Ich putze ja nicht nur, sondern mache auch die Wäsche und die Fenster. Aber drei bis vier Mal die Woche bin ich schon drüben.“

    „Wann gingen Sie heute morgen zu Dr. Ammerschläger?“

    „Ach Gott, das war schrecklich. Ich ging um viertel vor sieben hinüber und schloss auf. Dabei fiel mir schon auf, dass nicht abgeschlossen war. Aber das kam öfter vor, die Ammerschlägers nehmen es nicht so ernst, das Haus ist auch ziemlich gut gesichert mit den Filmkameras, aber Abschließen, das muss man doch trotzdem, oder?“

    Zoller ging nicht darauf ein. „Was taten Sie dann?“

    „Ich habe erst meine Jacke aufgehängt, gleich neben der Eingangstüre, dann wollte ich in der Küche. Dort fange ich immer an. Wenn erst die Küche in Schuss ist, ist das andere ein Kinderspiel.“

    Zoller spürte, dass sie lieber von ihrem Metier erzählen wollte, als von dem schlimmen Fund, den sie gemacht hatte.

    „Wo fanden Sie denn den Toten?“, fragte er.

    „Auf dem Weg in die Küche muss ich durch das Wohnzimmer und dort sah ich zuerst seine Schuhe. Er trägt – er trug immer weiße Schuhe. Überhaupt ist alles bei ihnen weiß, weiß, weiß!“ Man sah ihr an, wie sie gerade dazu ansetzte, sich über die Farbgebung in der Wohnung auslassen zu wollen.

    „Uns ist das auch aufgefallen, wir waren heute dort. Erzählen Sie weiter. Sie sahen zuerst seine Schuhe. Und dann?“

    „Hinter der Couch sah ich dann Dr. Ammerschläger liegen.“ Die Bilder stiegen wieder in ihr auf. „Mein Gott! Und dann sah ich das Glas dort liegen und den vergossenen Whisky und sah seine offenen Augen. Da rief ich die Polizei.“

    „Ist Ihnen sonst noch irgend etwas aufgefallen? War etwas nicht so wie sonst in dem Raum?“

    Sie blickte zu Boden und dachte lange nach.

    Zoller wollte gerade ein anderes Thema beginnen, da hob sie ihren Kopf und schaute ihn mit schmalen Augen an: „Der Aschenbecher!“

    „Was für ein Aschenbecher?“

    „Auf der Anrichte. Da stand der Aschenbecher aus Muranoglas. Der ist eigentlich nur Dekoration und steht immer am Fenster.“

    „Was ist daran so verwunderlich?“

    „Er stand auf der Anrichte und nicht am Fenster. Er wird nie benutzt. Doktor Ammerschläger und seine Frau rauchen nicht.“

    „Sehen Sie Frau Dehm, das ist ein Punkt, der nicht in dem Bericht stand. Es war also doch gut, Sie noch einmal zu befragen. Gibt es sonst noch etwas, was Ihnen aufgefallen ist, was vielleicht auf einen Gast schließen ließe?“

    „Nein, bestimmt nicht.“

    „War da kein zweites Glas?“

    „Nein.“

    Zoller machte eine längere Pause, bevor er die Frage stellte: „Können Sie sich vorstellen, dass Doktor Ammerschläger sich selbst umgebracht hat?“

    Entsetzt blickten ihn zwei Knopfaugen an. „Also ich bitte Sie! Doch nicht Doktor Ammerschläger! Die beiden haben doch Pläne gemacht. Und sie waren so glücklich.“

    „Wann haben Sie den Doktor das letzte Mal lebend gesehen?“

    „Das war gestern Nachmittag, als ich ihm seine Hemden brachte. Wissen Sie, die Hemden wasche ich nämlich lieber hier bei mir, da kann ich sie in aller Ruhe bügeln.“

    Zoller überlegte. „Hat er irgendwie eine Bemerkung gemacht, ob er am Abend Besuch erwartete?“

    „Nein, wir sprachen nur von seiner Frau, die in Hamburg irgend so einen Kongress betreut, und dass sie in zwei Tagen zurückkommen wird.“

    Wanzke war aufgestanden und ans Fenster getreten, neben dem Sessel mit dem Ausblick. Er fragte: „Frau Dehm, sagen Sie, haben Sie gestern Abend hier gesessen?“

    Sie antwortete prompt: „Nein, gestern nicht. Da hatte ich Besuch von einer Bekannten.“

    „Schade“, sagte Wanzke.

    „Aber vielleicht hat Herr Vanzow etwas gesehen. Mein Untermieter. Nur ist der heute verreist.“

    „Länger?“, fragte Wanzke.

    „Ich weiß nicht, er fährt manchmal ein paar Tage fort.“

    „Wissen Sie wohin?“

    „Ach wissen Sie, er macht manchmal solche Busfahrten. Aber ich habe vergessen, wohin er diesmal fuhr.“

    Zoller übernahm wieder das Heft der Befragung: „Was können Sie uns über die Ammerschlägers erzählen?“

    Hierauf schien Frau Dehm gewartet zu haben. Es folgte eine längere Schilderung über die liebevolle Weise, mit der das Ehepaar miteinander umgegangen war. Dass sie beide sich nicht allzu häufig sehen konnten, da er, der Doktor, oft Spät- und Nachdienste habe und sie manchmal einige Tage dienstlich verreist wäre. Die ältere Dame erzählte, wie freundlich sich das Paar gegeneinander verhalten hatte aber sie ließ auch keinen Zweifel an ihrem Bedauern darüber, dass dies wundervolle Ehepaar keine Kinder bekommen konnte. Nicht ganz klar war zu unterscheiden, was sie mehr bedauerte, die Kinderlosigkeit oder die Tatsache, dass sie nicht herausgefunden hatte, wer von beiden daran die Schuld trüge. Die beiden Polizisten bedankten sich und verließen diese quicklebendige Frau, die ihnen natürlich vom Fenster hinterher winkte.

    Kapitel 13

    Katharina befand sich zu dieser Zeit mit ihrer Freundin Barbara in dem 1907 gegründeten KaDeWe, dem Kaufhaus des Westens, dem Prunkstück des westlichen Zentrums, damals, bei seiner Errichtung, so wie nach dem Kriege und so auch heute nach den langen Jahren der Trennung der beiden Hälften Berlins. Vom Äußeren spiegelt dies Haus durchaus nicht den exklusiven Geschmack wider, der im gepflegten Inneren sich in eintausendachthundert Marken und Labels wiederfindet. Eine unüberschaubare Vielfalt bietet sich dem Auge, man schwebt auf dem Teppich vielfältiger Gerüche durch die sechs Stockwerke, hierhin und dorthin gezogen, einmal durch farbenprächtige Kissen, Bordüre, Brokat- und Seidenstoffe von seinem Wege abgelenkt, ein anderes Mal durch die Verführung der Düfte der Parfüms oder das augenzielende Blitzen von funkelndem Schmuck und blinkenden Accessoires, selbst in den Etagen mit profaner Bekleidung findet das Auge keinen Ruhepunkt, finden die Sinne kein Einhalten, kein Aufatmen. Und hat man die sechste Etage erklommen, wird man überwältigt vom kulinarischen Angebot aus aller Welt, jetzt werden noch die letzten Sinne aufgerüttelt, mitzufeiern, zu schwelgen in nie gesehenem Luxus. Und immer ist das Portemonnaie zu klein, dann muss die Scheckkarte daran glauben, die nichts vom Soll und Haben verrät, die einem erst einmal das beschafft, was die Sinne einem zu kaufen eingeben. Hier versteht man die Hausfrau, die sagt, Einkaufen sei schwerste Arbeit.

    Als Katharina und Barbara im siebten Stock anlangten, wo ein heller, lichtdurchfluteter Wintergarten das Haus dem Himmel gegenüber öffnete, waren beide erschöpft, obwohl sie ihre Einkaufslust bezwungen und beide nur mit Kleinigkeiten ihren Geldbeutel entlastet hatten.

    Sie waren mit der Rolltreppe in dies oberste Geschoss gefahren, das sich dem Betrachter wie eine Kirchenkuppel öffnete. Filigrane, lindgrün gestrichene Stahlträger bildeten ein Netz für Tausende von Fenstern, die das Halbrund dem Himmel entgegenstreckte. Wie eine gläserne Apsis schob sich das Café in Richtung Norden, der Tauentzienstraße zu, die weit unter ihnen hinter der fächerförmigen Glaswand geräuschlos brodelte.

    Sie hatten Glück und sahen, wie gerade ein Tisch am Fenster des Cafés frei wurde. Da Bedienungen heutzutage Mangelware sind, auch in einem so herrschaftlichen Hause wie diesem, mussten sie beide getrennt sich ihren Kaffee holen, wobei die jeweils andere den Platz bewachte. Ein feiner Duft nach Kaffee und Backwaren lag in der Luft. Die Sonne, die durch die gläserne Kassettendecke schien, spielte mit den Schatten der Farne, die in übergroßen Ampeln von der Decke hingen.

    „Puh!“, atmete Barbara durch, „So ein Gang durch dieses Haus ist anstrengend. Nicht sosehr für die Füße, sondern für den Kopf. Da ist man ja vom reinen Hinschauen geschafft. Das sind ja reine Höllenqualen.“

    „Höllenqualen?“, fragte Katharina.

    „Na, dieses wahnwitzige Angebot anzuschauen und nichts kaufen können, grenzt schon an Qual. Man hat ja eigentlich alles, was man braucht.“ Ihre Gedanken schweiften wieder durch die üppigen, farbenfrohen Auslagen in den Etagen unter ihnen. „Schöne Sachen kann man ja nie zuviel haben“, sinnierte Barbara, „Das einzig Störende dabei ist der Mangel an Platz.“

    „Wie meinst du das?“

    „Zu Hause. Der Mangel an Platz, um die vielen schönen Dinge unterzubringen. Oder andersrum: Wohin mit den alten Sachen, die man nicht loswerden möchte, wenn man sich neue kauft. Meine Schränke sind eh schon gefüllt bis zum Platzen.“

    „Wem sagst du das.“

    Dann saßen sie ein wenig, jeder seinen Gedanken nachhängend.

    Barbara zündete sich eine ihrer Zigaretten an, die so dünn waren, wie dicke Stricknadeln und die elegant zwischen ihren Fingern aufragte. Sie blickte über die Dächer Berlins, die, von der nachmittäglichen Sonne in Glast gelegt, um die wette flimmerten. Sie bekam nur am Rande mit, wie Katharina sich erhob, irgend etwas murmelte und den Tisch verließ. Ihr Blick fiel auf den matt im Hintergrund schwelenden Fernsehturm am Alexanderplatz, glitt weiter und fand zwischen den Dächern versteckt die schräge Zirkuskuppel des Sony-Gebäudes, erkannte weit hinten die Glaskuppel und die Türme des Reichstagsgebäudes, von wo ihr vier Fahnen zuwinkten. Dann verschwamm ihr Blick, ihre Gedanken glitten auf die bevorstehenden Heimreise nach Hamburg und sie hoffte, mit ähnlich warmem Klima dort empfangen zu werden. Sie liebte dieses beschwingte Berlin, das mit einer fröhlichen Unbedarftheit und fast kecken Gelassenheit seinen Hauptstadtnimbus inhalierte, darüber irgendwie kindlich vergessend, dass die jahrzehntelange Subventionsmentalität ihm die Manieren verdorben und den sorgfältigen Umgang mit Geld aberzogen hatte. Berlin hatte Schulden. Nun gut, welche Stadt hat keine. Nur Berlin war die einzige Stadt, die wie aus alter Gewohnheit selbstverliebt darüber lächelte.

    Barbara drückte gerade ihre Zigarette aus, als Katharina an den Tisch zurückkam.

    „Entschuldige, aber ich hatte Franky lange nicht mehr gesehen und musste ihm einfach guten Tag sagen.“ Katharina blickte in die Richtung des Aufganges, wo an einem Stehtisch zwei Männer miteinander diskutierten. Barbaras Blick folgte dem Katharinas. Ein älterer, beleibter, grauhaariger Herr, in feinem Zwirn, Mantel und Hut lässig auf dem Hocker neben ihm abgelegt, hörte einem langen schlaksigen, jugendlich wirkenden Mann in Bluejeans zu. Er trug zum blauem Hemd eine Art gelbe Anglerweste und eine rote Baskenmütze. Mit weit schwingenden Gesten versuchte er offenbar dem Grauhaarigen den Umfang der Erdkugel zu beschreiben.

    „Welchen von den beiden meinst du?“

    „Den mit der roten Mütze und den ausladenden Gebärden.“

    „Den buntigen Gesellen?“

    „Ja. So bunt sein Outfit, so bunt seine Gedanken und umfassend sein Wissen. Er war früher bei der Fremdenlegion und hat wohl mal mit dem BKA und dem BND zu tun gehabt.“

    „Ein Agent? Wie spannend!“

    „So eine Art“, schmunzelte Katharina, „genau hab ich das nie herausgekriegt. Aber er kennt Gott und die Welt und wenn ich mich recht entsinne, hat er ursprünglich Atomphysik studiert.“

    „Und was macht er jetzt?“

    „Er versucht sich als Detektiv.“

    „Na du kennst ja illustre Leute!“

    „Du kennst ihn auch.“

    „Nicht möglich!“ Barbara schaute wieder zu dem Stehtisch und betrachtete den Angesprochenen genauer. „Nein, Katharina, beim besten Willen, ich kann mich nicht erinnern.“

    „Nicht vom Sehen. Vom Telefonieren.“

    Barbara schien ein Licht aufzugehen. „Sollte das – ist das – das muss Frank sein! – Der Frank, mit dem du ein halbes Jahr zusammen gelebt hast?“

    „Ja.“

    „Und da weißt du nicht mehr über ihn, als diese Andeutungen?“

    Katharina sah zum Fenster hinaus und suchte die richtigen Worte. „Er gehört zu den Männern, die keinen allzu nah an sich heran lassen. Selbst nicht einmal ihren Partner. So interessant er ist, so kompliziert ist er und so komplex sind seine Gedanken und seine Weltanschauung. Er ist der geborene intellektuelle Einzelgänger.“

    „Auch Einzelgänger brauchen Frauen, intellektuell oder nicht.“

    „Nur hin und wieder, zum kurzfristigen Anlehnen, zum Aufatmen zwischen zwei komplizierten Fällen, zum Ausweinen und zum Sex.“

    „Und? Habt ihr euch verabredet?“ Vorfreude stand in Barbaras Augen.

    Katharina schaute auf ihre Tasse. „Wir konnten nicht viel sprechen, er ist mit einem Klienten hier. Aber du hast recht, wir haben uns verabredet.“

    „Zum Sex?“

    Katharina trank einen Schluck Kaffee, bevor sie Barbara anblickte und lächelnd antwortete: „Wir werden uns treffen. Geschäftlich.“

    „Wie schade!“

    Katharina ging nicht weiter darauf ein. „Er kennt sich aus mit den Machenschaften einiger Gruppierungen hier in Berlin und dem Umland, Gruppierungen wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Art, sogar solchen außerhalb jeder Gesellschaftsnorm.“ Und nach einer Pause setzte sie hinzu: „Vielleicht weiß er etwas über diese Geschichte mit den Babys.“

    „Die Journalistin! Vergißt über den Schlagzeilen, dass sie Frau ist.“

    „Nein, die Frau vergisst nicht die journalistischen Beweggründe zu den Schlagzeilen. Wann geht endlich dein Zug?“ Die beiden Frauen schauten sich an. Dann begannen beide laut zu lachen.

    Kapitel 14

    Zoller und Wanzke waren gerade rechtzeitig am Bahnhof Zoo, um Frau Ammerschläger vom Zug aus Hamburg abzuholen. Auf dieser Strecke gab es keine Flüge, außer, man wollte über Amsterdam fliegen und dann kosteten sie das Zehnfache des Bahntickets und dauerten länger als die Bahnfahrt, die mit guten zwei Stunden von Zentrum zu Zentrum diese Flüge unterboten. Noch rascher wäre es mit der einst geplanten Magnetschnellbahn Transrapid gewesen, deren Bau von der Bundesregierung bereits beschlossen, von der Nachfolgeregierung jedoch wegen Kostensteigerung wieder gekippt worden war. Andere Länder wagten sich in den Folgejahren an diese schnelle und leise Technologie und China konnte bereits den Millionsten Fahrgast feiern, wohingegen Deutschland derzeit nur eine Versuchsstrecke unterhält. Ersatzweise sollte zwischen Hamburg und Berlin eine Schnellbahnstrecke im Winter dieses Jahres die Strecke auf neunzig Fahrminuten verkürzen. Doch noch war es Frühjahr.

    Zoller hatte Wanzke den Wagen direkt vor dem Bahnhof anhalten lassen, was bedeutete, dass er in dem täglichen Chaos aus Taxen, Bussen, Pkws und gepäckbewaffneten Reisenden vor dem Haupteingang ständig hin und her rangieren musste, um seinen günstigen Platz zu halten. Da sie ein unbeschriftetes Polizeifahrzeug fuhren, war es wie jedes andere Fahrzeug auch, dem Wohlwollen von Taxi- und Busfahrern ausgeliefert. Hier war der größte Umschlagplatz im Westen Berlins für bahnreisende Menschen und  deren Gepäck von überall her und wohl auch für Drogen, obwohl sich die Berliner Polizei die größte Mühe gab, den direkten Bahnhofsbereich frei von Dealern und deren Kunden zu halten. Doch wenn man genauer hinsah, erkannte das geschulte Auge die eine oder andere weibliche oder männliche Prostituierte, die einen schnellen Gast für den nächsten Schuss oder Joint oder die nächste Koks-Linie suchte. Im anonymen Getümmel fielen auch die kleinen Gruppen Obdachloser nicht besonders auf, die sich an warm gewordene Bierdosen klammerten und deren Blicke so trüb waren wie die Zukunft, in die sie schauten.

    Wanzke blickte versonnen in das Gewimmel von Menschen und Autos vor sich und dachte an die zunehmende Kleinkriminalität, wie sie sich auch im Bezirk Mitte breit machte. Er hatte von Kollegen gehört, dass sich in der Nähe des Friedrichstadtpalastes Punks extrem aufdringlich an Passanten heranmachten, um sie um Kleingeld zu ‚bitten’. Dann sah Wanzke hoch und erblickte eine Gruppe Schulkinder, die sich laut lachend auf der anderen Straßenseite im Gänsemarsch, angeführt von einem Lehrer mit Botanisiertrommel, zielgerichtet auf den Eingang zum Zoo zu bewegten. Die Eltern am Ende der Reihe hatte alle Hände voll zu tun, die Nachzügler beisammen zu halten, das Gekreisch ihrer Schützlinge übertönte den Verkehrslärm. Wanzke versuchte sich zu erinnern, wann er das letzte mal im Zoo gewesen war. Es musste lange vor dem Mauerfall gewesen sein. Mit Irene, seiner Frau und Ingrid, seiner Tochter, die damals gerade mal zehn Jahre alt war und selbst nun verheiratet und mit eigenem Nachwuchs in Steglitz lebte. Er sah sich und seine Frau bei sich zu Hause im Garten, wie an der Gartentüre sein Vorgesetzter Hartwig Zoller mit Eva, dessen Frau, ihnen zuwinkten. Sie riefen ihnen zu, dass die Gartentüre offen sei, Zoller öffnete sie und kam mit seiner Frau näher. Eva war eine bildhübsche Ungarin mit schwarzen Haaren, dunklen Augen und ebensolcher Stimme, deren leichter Akzent ebenso charmant wirkte, wie das von Franzosen. Sie war Anwältin und an einer kleinen Kanzlei in Hamburg beteiligt gewesen und es war noch nicht so lange her, dass sie Zoller geheiratet hatte. Hartwig war, seitdem er sie kennen gelernt hatte, wie umgewandelt gewesen, sein mürrisches Wesen, mit dem er andere leicht vor den Kopf stoßen konnte,  glättete sich zu einer freundlichen Verbindlichkeit. Bis eines Tages dieser Unfall geschehen war.

    Es schlug gegen die Scheibe. Wanzke zuckte zusammen und fuhr hoch. Er war eingenickt. Durch das Seitenfenster blickte ein uniformierter Polizist in den Wagen.

    „Sie können hier nicht stehen bleiben!“ Dazu machte er eine Handbewegung, die zeigen sollte, dass Wanzke schleunigst sich wegbewegen sollte. Wanzke, noch etwas benommen, drückte auf den Schalter und ließ die elektrische Beifahrerscheibe herunter. „Kollege! Wir sind im Einsatz!“

    „Im Einsatz schlafen? Det könnse Ihra Großmutter erzählen!“ kam es in breitestem Berlinerisch.

    „Ne, det erzähle ick Ihnen!“ blaffte Wanzke zurück. „Hier, mein Ausweis!“

    Der andere tat einen kurzen Blick darauf und hob die Hand an die Mütze: „Nischt für ungut, Kollege, jutet Jelingen!“ und zog weiter.

    Inzwischen hatte sich im Gebäude des Bahnhofes Folgendes begeben:

    Zoller stand an der Treppe, nahe des Bahnsteigs, wo der Zug aus Hamburg vor drei Minuten hätte einfahren sollen. Auch hier war ein Gewusel aus Reisenden und Gepäck, ein Singsang aus allen möglichen Sprachen drang an sein Ohr, manchmal sogar ein vertrauter Berliner Ton. Der Wind zog durch diesen Durchgangsbahnhof und kühlte die Frühlingshitze. Laut, dafür unverständlich echoten einige Durchsagen durch die Halle, nur fetzenweise verstand man, was nach Verspätung klang und nach Hamburg und Minuten. Zoller lehnte an einem Stahlträger, der das Dach stützte.

    Da fiel ihm auf dem Bahnsteig gegenüber etwas auf. Er wusste nicht, was es gewesen sein könnte, aber irgend etwas hatte ihn geweckt. Sein Blick flog über die Gestalten den Bahnsteig entlang, noch einmal, etwas genauer. Da sah er sie. Er erkannte sie an den rötlichblonden Haaren und den eindeutigen Gesten, die nur zu einer Person passten: Katharina. Wollte sie verreisen? Das hätte sie ihm doch sicherlich gesagt. Sie sprach mit einer etwas kleineren Frau mit silbernem Haar. Er sah, wie sie sich umarmten. In diesem Moment strauchelte vor ihm eine alte Dame über ein Gepäckstück und Zoller sprang vor, um sie vor dem Sturz zu bewahren. Sie zeterte und schimpfte in einer ihm fremden Sprache. Es klang wie Schwedisch oder Dänisch, bevor sie einige Worte an ihn richtete, die er als Dank verstand.

    Als er wieder hoch sah, war auf dem Gegengleis ein Zug eingefahren. Aus dem Lautsprecher dröhnte es deutlicher: „Vorsicht an Gleis drei! Es fährt ein der Intercity von Hamburg nach Basel, über Hannover, Frankfurt, Mannheim. Freiburg. Bitte zurücktreten an Gleis drei!“ Zoller schaute in die Richtung, aus welcher der Zug kommen musste und bemerkte, wie der andere Zug anfuhr, hoffte aus irgend einem Grund, der abfahrende Zug würde noch eine Lücke bilden, um zu schauen, ob Katharina am Bahnsteig gegenüber zurückgeblieben wäre. Aber keine Chance, der abfahrende Zug setzte sich zu langsam in Bewegung und noch bevor das Ende an ihm vorbeikommen konnte, rauschte aus der Gegenrichtung der Zug von Hamburg ein. Nun gut. Er würde sie später anrufen. Er vermutete, dass Frau Ammerschläger erster Klasse fahren würde und achtete jetzt darauf, wo diese Waggons zum Stehen kommen würden. Da musizierte sein Handy Schubert’s Forellenquintett, also Katharina. Gerade jetzt, da er sich um Frau Ammerschläger zu kümmern hatte. Er überlegte kurz, ob er das Gespräch einfach abweisen sollte, entschied sich aber dagegen und fragte: „Ja?“

    „Hier spricht Katharina“, meldete sich die Anruferin, „ich sehe schon die Schlagzeile: Der Held vom Bahnhof Zoo! Was treibst du hier?“

    Zoller wusste mit dem Ganzen nichts anzufangen und antwortete lakonisch: „Ich rufe dich später zurück. Bin dringend im Dienst.“ Und bevor sie antworten konnte, legte er auf. Irritiert durch diese Ablenkung schaute er in die Richtung, von wo er Frau Ammerschläger erwartete. Der Zug rollte aus, die Leute wimmelten die Abteile entlang zu den Türen und bildeten dicke Trauben davor. Als sich die Türen öffneten, schaute Zoller konzentriert auf den Wagen der ersten Klasse, aus dem die ersten Passagiere ausstiegen. Herren in Anzügen mit Krawatte, die seit der Wiedervereinigung wesentlich häufiger in Berlin anzutreffen waren, eine ältere Dame mit einem weißen Pudel, dem die Lücke zwischen Abteil und Bahnsteig ein unüberwindliches Hindernis darstellte, bis sie ihn mit den Händen aufnahm und am sicheren Ufer niedersetzte, wo er wie irrsinnig kläffte und an der Dame hochsprang. Er beobachtete ein weiteres Rudel aktentaschenbewehrter Anzugträger, diesmal jüngerer Bauart, Schluss. Keiner stieg mehr aus. Die Horde der wartenden Passagiere drängte in den Zug. Keine solo reisende junge Dame war ihm entstiegen oder schälte sich aus den andrängenden Massen.

    „Sie müssen Herr Zoller sein.“

    Der Angesprochene drehte sich um und erblickte eine schlanke, gut aussehende Frau, gebräunt, mit glatt nach hinten gekämmten, braunen Haaren, die in einem kurzen Pferdeschwanz mündeten, in einem mittelgrauen Hosenanzug, einen hellen Staubmantel in der einen, einen kleinen Reisekoffer aus Aluminium in der anderen Hand.

    Nachdem sie sich mit den üblichen Floskeln begrüßt hatten und er ihr sein Bedauern über den Tod ihres Mannes mitgeteilt hatte, gingen sie die Treppen hinunter in das Bahnhofsgebäude. Ihre hohen Stöckelschuhe klackten vernehmlich bei jedem Schritt.

    Auf Zoller machte sie einen sehr gefassten Eindruck, nicht wie eine Frau, deren Mann gerade ermordet worden war.

    „Bringen Sie mich nach Hause?“, fragte sie.

    „Selbstverständlich“ antwortete er und wies ihr den Weg zum Wagen, in dem Wanzke auf sie wartete. Zoller setzte sich neben sie nach hinten.

    Nachdem sie sich die Schuhe abgestreift hatte, legte sie für einen Augenblick ihr Gesicht in beide Hände. Als sie wieder aufsah, bemerkte Zoller Tränen in ihren Augenwinkeln, als ob sie erst jetzt ihre Geschäftsreise beendet hatte und sich Gefühle leisten konnte.

    „Wie ist das passiert?“ Sie sprach leise und mit einem Zittern in der Stimme und blickte nach draußen, wo die Gebäude langsam an ihnen vorbei zogen. Zoller erwartete jeden Augenblick einen Ausbruch von ihr und hielt die Antwort zurück. Als sie ihn dann anschaute und kurz die Nase hochzog, antwortete er: „Genaues wissen wir noch nicht. Er hat eine tödliche Dosis Gift offenbar mit einem Whisky getrunken.“

    Sie warf den Kopf herum und blickte wieder nach draußen. Ihr Mund war zu einem Strich zusammengepresst und Zoller sah, wie sich ihre Hand zur Faust ballte. Die Tränen kamen ihr wieder und ein kurzer Weinkrampf schüttelte sie. Dann griff sie in ihre Jackettasche und holte ein Papiertaschentuch heraus, schnäuzte sich die Nase, wischte sich die Augen und fragte dann ganz klar: „Wer hat das getan?“ Sie wiederholte, diesmal etwas lauter: „Wer hat das getan?“

    In der Wohnung Ammerschläger angekommen, hatte Frau Ammerschläger sich gleich daran gemacht, Kaffee zu kochen. Zoller nutzte die Zeitspanne, in der sie beschäftigt war, um mit Schneider im Büro zu telefonieren. Er wollte wissen, was auf der Diskette war, die sie ihm übergeben hatten, bevor sie Frau Ammerschläger vom Bahnhof abholten. Schneider sprach von einer Art Tagebuch, das noch nicht gänzlich ausgewertet wäre, doch auch in anderen Dateien habe man Notizen gefunden über Hinweise und Vorgänge, welche die Adoption von Kindern beträfen. Hierbei hätte man auch eine Liste von ausländischen Firmen gefunden, die mit Adoption zu tun hätten. Dann gäbe es noch eine Datei, die schwer verschlüsselt sei und die man noch knacken müsste. Es folgten ein paar Angaben, die sich Zoller notierte. Auf seine Frage, ob ein gewisser Name aufgetaucht wäre, antwortete Schneider, nein, Woronzeff sei nirgends erwähnt, konnte ihm aber noch mitteilen, dass die Aufzeichnungen der Videokameras im Hause der Ammerschlägers sich alle sechs Stunden automatisch überschrieben, weshalb man kaum noch Aufzeichnungen vom Vorabend erhalten könnte.

    Frau Ammerschläger erschien mit einem Tablett und einem abgerungenen kleinen Lächeln. Zoller beendete sein Telefonat. Sie stellte das Tablett auf den Acryltisch und bat, sich doch bitte selbst zu bedienen, was auch jeder tat.

    „Frau Ammerschläger, seit wann waren Sie in Hamburg?“ begann Zoller.

    Sie sagte ohne zu überlegen: „Seit Freitag letzter Woche.“

    „Hatten Sie gestern Abend Kontakt mit ihrem Mann, haben sie telefoniert miteinander?“

    „Ja, vor dem Abendessen.“

    „Wann war das?“

    „Das war so gegen neunzehn Uhr.“

    „In welcher Stimmung war Ihr Mann?“

    „Wie meinen Sie das?“

    Es war immer eine unangenehme Angelegenheit, wenn man Angehörige befragen musste, ob ein Selbstmord in Betracht zu ziehen sei. Meist reagierten die darauf Angesprochenen entsetzt, so unvorstellbar kam ihnen diese Möglichkeit vor, selten nachdenklich. Und das Entsetzen blockierte lange Zeit die Gedankengänge. Zoller versuchte, langsam auf dies Thema hinzuzielen.

    „War er gut gelaunt oder depressiv?“

    „Was meinen Sie mit depressiv?“, fuhr sie auf.

    „Litt Ihr Mann unter einer Krankheit?“, fragte er schnell.

    „Robert? Nein! Wie kommen Sie darauf?“

    „Nahm er Medikamente, war er herzkrank?“

    „Nein, nichts von alledem!“

    „Sagt ihnen Digitoxin etwas?“

    „Durchaus nicht. Es klingt wie ein Gift. Ist er daran -?“

    Zoller machte eine kurze Pause, dann fragte er: „Können Sie uns erklären, wieso wir in seinem Badezimmerschrank eine Flasche dieses Mittels gefunden haben? Mit seinen Fingerabdrücken“, setzte er hinzu.

    Sie schaute ihn irritiert an und schüttelte den Kopf.

    „Gut,“ sagte Zoller, „das werden wir herausfinden.“

    „Hat Ihr Mann bei ihrem letzten Telefonat erwähnt, dass er möglicherweise noch Besuch bekäme?“ fragte Wanzke.

    „Nein, er wollte früh ins Bett, da am nächsten Morgen der Bereitschaftsdienst beginnen sollte, also heute.“

    „Wann beginnt dieser Dienst?“, fragte Wanzke weiter.

    Zoller hörte zu, wie sein Kollege die Befragung weiterführte.

    „In der Regel um sechs Uhr. Hat er denn Besuch bekommen?“, fragte sie nachdenklich.

    „Wir meinen ja. Ihre Zugehfrau, Frau Dehm, meint, es müsse jemand hier gewesen sein. Der Aschenbecher stand auf der Anrichte und nicht am Fenster.“

    Frau Ammerschläger wurde hellhörig. Ihre Sätze kamen abgehackt, mit jeweils einer Pause dazwischen. „Dann muss jemand da gewesen sein. Mein Mann hasst alles, was mit Rauchen zu tun hat. Nur besonderen Gästen erlaubt er, hier zu rauchen. Und einen benutzten Aschenbecher wäscht er selber per Hand aus und stellt ihn weg.“

    „Dazu hatte er wohl diesmal keine Gelegenheit“, warf Zoller ein.

    „Was sind das für Gäste, denen er zu rauchen erlaubt?“, fragte Wanzke weiter.

    „Das sind eigentlich nur Michael und Michaela, ein Ehepaar, beides Ärzte.“ Zoller wollte gerade nach dem Nachnamen fragen, als sie hinzusetzte: „Aber die rauchten hier schon länger nicht mehr – sie konnten seine Sprüche nicht mehr ab und sie leben jetzt auch in Leipzig.“

    „Kommt denn sonst noch jemand in Frage?“

    Erst schüttelte sie den Kopf, sagte aber dann: „Höchstens sein Chef, der Professor, aber der war nur einmal hier.“

    „Professor Heber aus der Klinik?“ Wanzke hatte seine Hausaufgaben gemacht.

    Frau Ammerschläger nickte.

    Zoller holte den Block aus der Jackentasche, auf den er bei dem Gespräch mit Schneider seine Notizen gemacht hatte.

    „Können Sie mir sagen, was CSCNS bedeutet?“

    Sie ließ sich die Buchstabenfolge noch einmal wiederholen, zog die Brauen zusammen und wiederholte tonlos die Abkürzung.

    „Klingt wie eine exotische Krankheit, oder wie eine chemische Formel.“

    Wanzke schaltete sich wieder ein: „Könnte es sein, dass ihr Mann Geheimnisse vor Ihnen gehabt hat?“

    „Wenn dem so war, so kann ich diese Geheimnisse ja nicht kennen“, antwortete sie folgerichtig.

    Zoller wusste, was Wanzke gemeint hatte und setzte nach: „Gab es schon einmal Anlass für Sie zu glauben, dass Ihr Mann Geheimnisse vor Ihnen gehabt haben könnte?“

    Jetzt dachte sie ein wenig länger nach und antwortete: „Genau weiß man das ja nie, aber eigentlich meine ich nicht.“

    Zoller stieß weiter vor: „Haben sie beide sich über Adoption eines Kindes Gedanken gemacht?“

    „Ja, nachdem es feststand, dass wir keine Kinder bekommen können. Aber wir hatten Abstand genommen als wir hörten, dass man dreißig Unterlagen benötigte und es einem sehr schwer gemacht wird, sofern man nicht Kanzler ist. Aber was hat das mit dem Tod meines Mannes zu tun?“

    Zoller ging nicht darauf ein. „Könnte es sein, dass ihr Mann einen anderen Weg versuchen wollte?“

    Sie zuckte mit den Achseln. „Vielleicht.“

    „Haben Sie den Namen Woronzeff schon einmal gehört?“

    Wieder zog sie die Brauen zusammen, dachte nach und sagte: „Nein, nie gehört. Klingt russisch.“

    „Woher könnte Ihr Mann diesen Namen kennen? Vielleicht aus der Klinik?“, hakte jetzt Wanzke nach.

    „Nein, die Professoren und Ärzte dort kenne ich alle, da ist kein Woronzeff darunter. Aber warten Sie. Vielleicht ist es eine Patientin.“

    „Wie kommen Sie darauf?“

    „In letzter Zeit sprach Peter öfter von Patienten aus Russland oder aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion, Kasachstan, Lettland und so.“

    „Die alle Patienten in der Klinik sind oder waren?“, versicherte sich Wanzke, der eifrig mitgeschrieben hatte.

    „Ja“, sagte Frau Ammerschläger, „Sankt Annen, die Klinik von Professor Heber, ist eine Privatklinik, die sich auf der einen Seite auf Gynäkologie spezialisiert hat und so weit ich weiß, vorwiegend Frauen, insbesondere werdende Mütter behandelt, schwierige Geburten durchführt und Frauenkrankheiten behandelt. Zum zweiten behandeln sie auch Kinder, auch ausländische.“

    „Woronzeff muss ein Mann sein, wie wir wissen. Also keine Patientin. Wir haben den Namen auf einem Stück zerknülltem Zeitungspapier gefunden, welches er in seiner Hosentasche bei sich trug.“

    Sie sah die beiden Männer ratlos an und hob die Schultern.

    Für Zoller war es klar. Sie hatte den Namen nie gehört. Irgend etwas musste der Arzt während der Abwesenheit seiner Frau erfahren haben. Vielleicht könnte sie ihm doch noch Aufschluss geben. „Frau Ammerschläger, Sie haben doch gewiss während Ihres Aufenthaltes in Hamburg öfter mit Ihrem Mann telefoniert. Hat er da vielleicht irgend eine Bemerkung gemacht, dass ihm irgend etwas seltsam oder merkwürdig vorkam? Irgend eine Ungereimtheit? Oder, anders gefragt, erschien er Ihnen irgendwie anders als sonst?“

    Sie wollte schon antworten, hielt aber noch einen Moment ein, bevor sie langsam sagte: „Robert hörte sich etwas angespannt an. Wie nach zuviel Arbeit.“ Sie hielt inne, blickte auf und sagte: „Darf ich Ihnen etwas zum Kaffee anbieten? Ich benötige jetzt einen kleinen Schluck.“ Sie stand auf und als die beiden Männer mit einer Geste ablehnten, ging sie zur Anrichte und holte ein Glas und eine Sherryflasche heraus.

    „Ach ja, Sie sind ja im Dienst“, sagte sie.

    Zoller spürte, dass sie mit ihren Gedanken ganz woanders war. Sie goss sich das Glas voll, stellte die Flasche zurück und setzte sich. Zoller bemerkte, wie blass sie aussah, wie müde. Sie setzte sich nicht bequem hin, sondern vorgebeugt, die Ellenbogen auf ihre Knie gestützt, das Glas in den Händen drehend. Langsam begann sie: „Es wäre mir nicht aufgefallen, wenn Sie nicht gefragt hätten. Er sprach ganz nebenbei von einer Besprechung, die er am Morgen mit dem Professor haben würde.“ Sie machte eine Pause und trank einen Schluck Sherry.

    „Sagte er etwas über den Grund des Gespräches?“,  brachte Wanzke sich sanft in Erinnerung.

    „Nein.“

    „Können Sie sich vorstellen, um was es gehen sollte?“

    „Nein, nichts Konkretes. Es ging ja immer um die Klinik und die Arbeit. Vielleicht wollte er eine besser bezahlte Stellung. Darüber wurde in der letzten Zeit häufiger diskutiert.“ Sie trank in einem Zug das Glas leer, stellte es auf dem Tisch ab und lehnte sich zurück. Ihre Augen verschleierten sich, ihr Blick ging ins Nirgendwo. Zoller machte Wanzke ein Zeichen, nicht weiter zu fragen. Er kannte diesen Moment, in dem einen die ganze Wirklichkeit mit einem Male anspringt, in dem man sich bewusst wird, dass man einen nahestehenden Menschen unwiderlegbar verloren hat. Frau Ammerschläger hatte lange bis zu diesem Punkt gebraucht. Es lag wohl an ihrer Selbständigkeit und dem mit ihrer Arbeit verbundenen Pflichtverständnis zur Bewahrung von Haltung in allen Situationen, dass sie ohne großen Zusammenbruch bis jetzt ausgehalten hatte.

    Zoller erhob sich ohne weiteres Wort. Wanzke folgte seinem Beispiel.

    „Noch einmal unser herzlichstes Beileid. Wir melden uns, sobald es Ihnen besser geht.“

    Damit verließen sie die Wohnung und eine Frau, die sich dort, wo sie gesessen hatte, einrollte und weinte und irgendwann erschöpft einschlief.

    Kapitel 15

    Katharina war direkt von der Verlagszentrale in der Nähe der Urania in die Bar gegangen, die am Lützowplatz im Souterrain lag. Diese Bar hatte sie für sich entdeckt, um abseits des Trubels und bei einem ausgezeichneten Cocktail ihre Artikel zu durchdenken. Hier machte sie sich Notizen, überlegte bei leiser Musik passende Formulierungen, überdachte geeignete Zusammenhänge und passende Kongruenzen und hatte sich durch manchen exotischen Drink anregen lassen. Sie saß, wie immer, in einer nicht direkt einsehbaren Nische an einem kleinen Tisch, ein volles Glas Sherry vor sich. Ihr gegenüber im Spiegel konnte sie das Lokal und den Eingang überblicken. Als Hartwig Zoller sie vor einer Stunde angerufen hatte, hatte sie ihm zum ersten Mal diese Bar als Treffpunkt genannt, die er selbst nicht kannte.

    Im Hintergrund spielte leise die Musik von Lalo Schifrin den Titel Old Laces, aus dem Album Marquis de Sade, eines der Lieblingsstücke, die sie von ihm kannte und sie summte fast unhörbar mit. Der Besuch Barbaras hatte sie erfrischt und in ihr klang immer noch die Wienerische Sprachfarbe ihrer Freundin nach.

    Sie hatte einen Artikel bei sich, den sie beendet wissen wollte, an dem sie seit Tagen saß und dessen Vollendung sie immer vor sich her geschoben hatte, teils, weil ihr Recherchen gefehlt hatten, teils, weil Barbara zu Besuch war und sie sich Zeit für sie nehmen wollte. Doch wenn sie ehrlich war, lag es an ihrer Feigheit, an ihrer Unentschlossenheit, der Meinung ihres Chefredakteurs entgegenzutreten. Gerade wollte sie ihr Manuskript aufschlagen, sah sie im Spiegel eine Bewegung an der Tür. Gegen das helle Tageslicht sah sie nur den schwarzen Schatten, der Schritt für Schritt vom künstlichen Licht der Bar Farbe und lebendige Züge bekam. Doch bereits an der Silhouette und seinen Bewegungen hatte sie Hartwig Zoller erkannt, der plötzlich aus dem Spiegel verschwand und sich der Theke zugewandt haben musste. Sie hörte das Murmeln des Barkeepers und dann das „Ah, ja“ von Hartwig, der nun den Spiegel ganz einnahm. Sie wandte sich ihm zu.

    „Schön, dass du Zeit gefunden hast. Heute Mittag habe ich dich wohl auf dem falschen Fuß erwischt.“

    Zoller setzte sich ihr gegenüber. Ihm fiel auf, dass sie dezent geschminkt war. Oder konnte es sein, dass sie es immer gewesen war, es ihm aber nicht aufgefallen war? Angeregt schaute er sich um und meinte: „Schön hier. Was trinkt man denn so?“ Sie schob ihm wortlos die Karte hin und lächelte ihn an. „Viel zu tun? Schwerer Fall?“ Er schaute in die Karte und überflog die Cocktails, landete aber zielsicher bei den Biersorten, die ihm etwas sagten, jedenfalls mehr zusagten, als die unergründlichen Namen der Mixgetränke. Der Kellner kam und er bestellte sich ein Bier, von dem er wusste, wie herrlich herb es war.

    „Undurchschaubar“ antwortete er, „derzeit kein roter Faden sichtbar. Im Gegenteil, alles wird undurchsichtiger. Zum Beispiel der Tote. Er hieß laut Ausweis Mandelstein. Nun haben wir herausgefunden, dass dies ein Adoptivname ist. Er hieß früher Mündel. Jetzt noch ein neuer Fall, der eine seltsame Verbindung zu unserem ersten zu haben scheint.“ Zoller erzählte ihr kurz von Dr. Ammerschläger und dessen Frau, bevor er seufzend fragte: „Wie geht es deiner Schreibkunst?“

    „Wenn man das Schreiben über Verbrechen als Kunst ansehen möchte“ antwortete sie. „Es führt unweigerlich zur Beschäftigung mit Verbrechen und zu den Fragen des Rechts, des Unrechts, der Moral, der Schuld und Sühne. Alles Themen, die nicht immer sehr ersprießlich sind.“

    „Das klingt ja, als ob du damit Probleme hast.“

    „Manchmal schon.“ Sie nippte an ihrem Glas, schaute ihn an und schien zu überlegen, ob sie bereit wäre, darüber mit ihm ausführlicher zu sprechen.

    „Nun?“, tippte er an.

    „Wir“, begann sie, „du und ich, haben tagtäglich mit Menschen zu tun, die Gesetze übertreten, die Schändliches tun, Verbrechen begehen, Gewalt anwenden, vergewaltigen, betrügen, vom kleinsten Dieb bis zum größten Terroristen und Mörder.“ Sie hielt inne und nippte wieder an ihrem Glas. Ihm schien, als ob sie erschnüffeln wollte, ob ihn das Thema nicht langweilte. Er versuchte, ein interessiertes Gesicht zu machen und setzte sich aufrecht.

    Der Barmann brachte Zollers Bier. Zoller nickte dankend.

    Ja, es interessierte ihn immer, wenn sie sprach, er wunderte sich über ihr Zögern, hatten sie doch immer offen über alle Themen sprechen können. Ihm fiel nichts ein, wie er sie ermuntern könnte weiterzusprechen und so schwieg er.

    „Wenn man überlegt, dass die Täter einst genauso unschuldige Babys waren wie ihre Opfer, so fragt man sich, woher kommt das, dass aus den einen Täter werden und den anderen die Opferrolle zugewiesen wird?“ Sie machte wieder eine Pause, um ihm Gelegenheit zu geben, einzuhaken. Da er nicht wusste, worauf sie hinaus wollte, schwieg er. Sprach sie hier als Frau und mögliche Mutter oder als Journalistin, die den Sinn ihres Tuns hinterfragt? Er schaute sie erwartungsvoll an. Sie zündete sich eine Zigarette an.

    „Welche Rolle kommt dabei der Erziehung, der Politik und der Justiz zu?“, setzte sie hinzu, blies den Rauch in die Luft und als er immer noch fragend blickte: „Kurz gesagt, besser, kurz gefragt: Welche Rolle spielt die sogenannte Gesellschaft, die glaubt, sie habe zuvor etwas an den Verbrechern verbrochen, was es nun gilt, durch ausgeprägten Täterschutz und umfangreiche und kostspielige Resozialisierungsmaßnahmen wieder gut zu machen?“

    Zoller sagte prompt: „Wie eine Rückholaktion bei Autos.“ Er merkte sofort, dass der Vergleich unpassend war, doch da war er schon rausgerutscht und bevor er sich verbessern konnte, ging sie darauf ein.

    „Nur, dass das Unglück schon geschehen ist. Und als brauchte man lediglich eine locker gewordene Schraube fest zu drehen oder ein fehlerhaftes Teilchen auszuwechseln und alles ist  wieder in Ordnung.“

    „Du bezweifelst also Resozialisierungsmaßnahmen?“, fragte er vorsichtig.

    Katharina blies den Rauch gegen die Decke und drehte ihre Zigarette zwischen den Fingern. „Nicht grundsätzlich. Nur die Art, den Umfang und die Bewertung. Denn menschliches Versagen lässt sich nie ausschließen und die Psychologen und Ärzte, die über den Fortschritt der Resozialisierung, sprich der Reparatur, wenn man bei deinem Bild bleiben will, zu entscheiden haben, sind auch nicht frei von Fehlurteilen.“

    „Wer ist das schon.“

    „Eben, und deshalb finde ich, ist das Bohai um diese Maßnahmen übermäßig groß, gemessen an den Erfolgen, oder sagen wir lieber Misserfolgen dieser Aktionen. Dagegen die Opfer! Wo bleibt der Opferschutz? Die Opfer haben nicht nur Geld und Gut verloren, schlimmer, sind verletzt, innen wie außen und am schlimmsten ist, ihnen wurde die Würde genommen, wenn nicht gar das Leben! Geredet wird nur von den Tätern. Wer gibt den Opfern die Würde zurück?“ Sie drückte entschieden ihre Zigarette aus.

    „Du denkst an die Freigänger, die rückfällig wurden.“

    „Nicht nur Freigänger, besonders an die als geheilt entlassene Täter, die munter weitermachen, ohne dass ihnen deine Rückholaktion geholfen hätte. Und die Opfer leiden in der Zwischenzeit weiter.“

    „Wir sind mit diesem Tatbestand auch nicht glücklich, nur liegt es nicht in unserer Kompetenz, daran etwas zu ändern.“

    „Das sind dann, um ein neudeutsches Wort zu gebrauchen, soziale Kollateralschäden, mit wieder neuen Opfern und neuem Leid.“

    Katharina, vom Thema sichtlich erhitzt, strich sich über die Stirn und trank den Rest ihres Sherrys in einem Zuge aus.

    „Wenn sich jeder an die Spielregeln hielte, käme es erst gar nicht dazu“, versuchte Zoller etwas Ruhe in das Gespräch zu bringen.

    „Das ist auch so eine Platitüde, die nur die halbe Wahrheit enthält. Sicher ist da was Wahres dran, nur spricht die Wirklichkeit eine andere Sprache, da werden Regeln, Konventionen einfach übergangen, gebrochen, weil sie der Selbstverwirklichung eines Individuums oder eines Staates im Wege stehen, dem Beliebigkeitspluralismus einer Spaßgesellschaft, oder, genauso schlimm, dem radikalen Missionierungsgedanken einer fanatischen religiösen Gruppierung.“

    „Du meinst damit, Verbrechen lässt sich nicht abschaffen.“

    „Nein. Ich meine Ja. Wissend um diese Tatsache, sollten wir entsprechend damit umgehen. Gut und Böse sind nun mal im Schöpfungsplan enthalten.“

    Zoller erinnerte sich an ein Seminar, in der es um Ethik in der Gesellschaft ging und wo von weltweit gültigen Regeln des Zusammenlebens die Rede war. Da wurde der Charta der Menschenrechte eine solche der Menschenpflichten beiseite gestellt und in einer Weltethos-Erklärung zusammengefasst.

    „Weshalb wiederum gesellschaftliche Grundregeln vonnöten sind, die jedem verständlich und nachvollziehbar sind.“

    „Ja, eine freiwillige Anerkennung und Selbstverpflichtung zur Wahrhaftigkeit und Fairness. Das kann aber auch nur funktionieren, solange kein Diktator oder Fundamentalist diese Werte ins Gegenteil verkehrt und mit wie vielen Jungfrauen auch immer dem winkt, der dagegen handelt.“

    „Das träfe in diesem Falle nur auf männliche Verblendete zu“, sagte Zoller trocken.

    Sie schmollte: „Mach dich nicht lächerlich über mich. Mir ist es schon Ernst. Vor allem mit den Opfern von Schandtaten, die meist im Schatten der Tat und des übergroß präsenten Täters vergessen werden.“

    „Gibt es zu deiner Auslassung, die ich schon bemerkenswert finde, einen akuten Anlass?“

    „Ja, mein Chefredakteur. Der ist so sozial, der würde jeden Mörder auf sechswöchige Urlaubsreise schicken und das in weiblicher Begleitung, weil er unterstellt, der Täter hätte aus Mangel an Zuwendung seine Tat vollbracht und füllt man seinen Mangel aus, wandelt er sich sofort in einen Engel.“

    „Soviel also zur Rolle der Frau bei der Verbrechensprophylaxe.“

    „Soviel zum Selbstverständnis meines Chefredakteurs, der womöglich schon mit einer Gräueltat kokettiert, um in den Genuss einer sechswöchigen Reise zu kommen.“ Die ganze Anspannung fiel von ihr ab und Zoller sah ihre Augen und die Reihe ihrer Zähne um die Wette blinken.

    Der Barmann kam und schaute nach dem Rechten, was beiden gelegen kam. Beide bestellten jetzt ein Bier.

    Zoller besah sich Katharina. Eigentlich eine entzückende Frau, dachte er, gar nicht mein Typ, ein bisschen nordisch, aber irgend etwas hat sie.

    „Wer war eigentlich die Dame in deiner Begleitung am Bahnhof Zoo?“

    „Ach, Barbara! Hast du uns doch noch gesehen? Sie ist eine sehr gute Freundin. Kenne sie aus Hamburg, hatte sie gerade zum Zug gebracht. Sie ist auch Journalistin und arbeitet einem freien Autor zu, Frank Wondratscheck, auch ein Wiener, wie sie.“

    „Muss man den kennen?“

    „Eigentlich schon. Er schreibt Enthüllungsberichte über Organisiertes Verbrechen.“

    „Ah ja, Weißmüller von der Vier hat den Namen einmal erwähnt.“ Auf ihren verständnislosen Blick antwortete er: „Weißmüller, ein Kollege vom LKA vier, Organisierte Kriminalität, du hast ihn einmal kurz kennen gelernt.“

    Ohne darauf einzugehen, sprach sie weiter: „Sie erzählte, sie seien gerade einer Bande auf der Spur, die offenbar in großem Zuge Kinder und sogar Babys verschachern. International. Und Hamburg sei ein Umschlagplatz.“

    „Wir haben gerade einen Kollegen aus Hamburg besuchsweise in unserer Abteilung, Wendland, glaube ich heißt er. Ich kann ihn ja einmal darauf ansprechen.“

    „Tu das, denn es soll Verbindungen ins Berliner Umland geben. Sie hat eine Firma erwähnt „Childrens Social Corporation“ oder so ähnlich. Und einen Namen, wie war er noch gleich, Woronzeff.“

    „Nein!“

    „Doch!“

    „Dieser Name ist das Bindeglied zwischen den beiden Morden, die ich bearbeite! Wie kann ich diese Barbara erreichen? Oder besser den Wondratschek.“

    „Frage doch deinen Wendland!“

    Diese weibliche Logik, dachte Zoller.

    Kapitel 16

    Am nächsten Morgen war Zoller früh im Büro. Er fand einige Berichte auf seinem Schreibtisch, die ihm Schneider am Vortage hingelegt hatte. Der Münchner Helmi, der mit das stärkste Motiv aus der Vergangenheit hatte, war zur Tatzeit eindeutig in München gewesen. Ein Verdächtiger weniger. Von Hauser war zu vermerken, dass er in den letzten Monaten hin und wieder nach Weißrussland und möglicherweise noch weiter gereist war, welche Tatsache Zoller aufmerksam aufnahm.

    Nichts lag vor über einen gewissen Woronzeff.

    Zoller griff zum Telefon und rief die Nummer seines Vorgesetzten an. Die Sekretärin meldete sich und teilte ihm mit, Direktor Hammann sei mit seinem Gast heute auf verschiedenen Dienststellen und überhaupt in Berlin unterwegs und nur per Handy zu erreichen. Auf seine Nachfrage, ob Kommissar Wendland eine Nummer hinterlassen hatte, gab sie ihm diese. Nach einem Blick auf die Uhr entschied er sich gleich anzurufen.

    Wendland war überrascht, hatte er doch eher vermutet, aus seinem Hamburger Amt statt von einem Berliner Kommissar angerufen zu werden und sagte, er sei in seinem Hotel und gerade auf dem Wege zum Frühstück, zu dem auch Direktor Hammann dazustoßen wollte.

    Wendland antwortete auf die Frage, ob ihm der Name Woronzeff ein Begriff sei, dass ihm dieser Name von einer Hamburger Journalistin zugetragen worden sei in einer Angelegenheit, an der sein Kommissariat auch gerade arbeitete. Die letzten Erkenntnisse könne Zoller bestimmt bei den Kollegen in Hamburg abrufen. Hierzu gab er ihm eine Nummer und den Namen des zuständigen Oberkommissars. Ja, seine Truppe wäre bestimmt schon im Dienst, er könne dort unter Berufung auf ihn jederzeit anrufen. Zoller verkniff sich die Frage, ob die Journalistin mit Vornamen Barbara hieß, wünschte seinem Kollegen viel Spaß für den Tag und ließ seinen Direktor grüßen.

    „Henning“ meldete sich der Hamburger Oberkommissar.

    „Zoller, LKA elf, Berlin. Guten Morgen und schöne Grüße von Hauptkommissar Wendland!“

    „Moin, Moin! Ja, sagen Sie ihm, er fehlt uns gar nicht, er soll hübsch noch ein paar Tage in Berlin bleiben. Füttert ihr ihn auch ordentlich.“ Erschlagen zum einen von dem breiten Hamburger Platt, zum anderen durch die Burschikosität des Gesprächspartners war Zoller zunächst etwas aus dem Gleis geraten, fasste sich aber schnell und sagte: „Ja, ihm geht es gut, ich sprach gerade mit ihm, er frühstückt momentan mit unserem Kriminaldirektor. Weshalb ich anrufe ist, wir sind hier auf einen Namen gestoßen in einem, beziehungsweise zwei Mordfällen. Und Hauptkommissar Wendland meinte, Sie könnten uns in der Sache vielleicht weiterhelfen.“

    „Ja, denn schieß mal los!“, kam es aus dem Hörer.

    „Wir haben hier nur den Nachnamen eines wohl russischen Staatsbürgers: Woronzeff.“

    „Oh, das ist ja ein Ding! Den haben wir gerade frisch auf dem Kieker.“

    „Wisst ihr schon was über ihn?“ Mit der zweiten Person Plural umging er das Du, zu dem Zoller nicht so leicht bereit war, wenn er sein Gegenüber nicht persönlich kannte. Die Hamburger schienen damit kein Problem zu haben.

    „Ja und auch wieder nein“, kam es zurück, wobei das Ja lang gedehnt und mit dem Hamburger Anlaut eines gedämpften dsch begann, „er ist erst seit kurzen auf dem Markt und wurde bisher auch nur von einem einzigen Zeugen beschrieben. Wohnen tut er immer in verschiedenen lütten Hotels und Pensionen. Was wollt ihr denn genau wissen?“

    Zoller überlegte kurz. „In welcher Hinsicht ist er denn bei Euch aufgefallen, woher kommt er, für wen arbeitet er?“

    „Also hier in Hamburg ordnen wir ihn einer Schleuserbande zu. Und die scheint für eine Art, wie soll ich sagen, internationale Gesellschaft zu arbeiten, die sich selbst als eine Art Müttergenesungs- und Kinderhilfswerk ausgibt. Da sind wir gerade bei, das zu knacken. Die verschachern die Kinder und schicken die Mütter heim. Außerdem handeln sie nebenbei mit elternlosen Kindern.“

    „Welche Rolle spielen dabei die Russen?“

    „Die Russen machen die Drecksarbeit, holen die schwangeren Frauen und die Kinder her, fälschen Papiere, Aufenthaltsgenehmigungen und so. Dahinter steckt aber eine groß angelegte, international tätige Vertriebsorganisation, die wir gerade am knacken sind.“ Dieser Begriff schien dem Oberkommissar Henning besonders zu gefallen.

    „Also ist der Woronzeff eher ein Handlanger.“

    „Kann man so nicht sagen, eher ein Organisator im Außendienst, ein Logistiker. Er zahlt auch die Helfer.“

    „Habt ihr seinen Vornamen?“

    „Ja, mal Boris, mal Jewgeni, aber die haben ja alle bannig viel Vornamen.“

    „Und es gibt eine Täterbeschreibung? Die hätten wir ganz gerne.“

    „Gäud, mok wi“, was soviel bedeuten sollte wie ‚ist in Ordnung, die senden wir euch zu’. Zoller stellte sich vor, wie die Kommunikation zwischen einem Erzbazi aus Bayern mit einem Fischkopp aus dem Hohen Norden vonstatten ginge, ganz ohne Simultandolmetscher.

    „Und wir wären euch sehr dankbar, wenn ihr uns weiter über Erkenntnisse über den Woronzeff unterrichten würdet.“

    „Da ist noch etwas, das ihr wissen solltet. Es gibt Hinweise, dass diese schwangeren Frauen unter anderem auch nach Brandenburg gebracht werden, in die Nähe von Berlin, um dort ihre Kinder zu gebären. Wir haben das eurem Kollegen vom LKA vier gerade mitgeteilt. Wie heißt er noch?“ Papier raschelte, er suchte wohl den Vorgang.

    „Weißmüller?“, fragte Zoller blindlings.

    „Genau!“

    Weißmüller hatte sein Büro in einem Flügel des Gebäudes und statt anzurufen, machte Zoller sich auf den Weg durch die renovierten Gänge des LKA. Mit viel denkmalschützerischem Aufwand, noch mehr Farbe und wohl noch viel mehr Geld hatte man die hohen Gänge und breiten Treppen dieses herrschaftlichen Dienstgebäudes farbenprächtig erneuert. Jeder neue Gast in diesem Hause erstaunte und mancher Verbrecher in Handfesseln erschauerte ob der Farbenpracht. Es schien, als ob das Echo der Schritte weit angenehmer und freundlicher hallte als in der Tristesse manch anderer Dienstgebäude. Hinter diesen farblich abgestimmten Mauern mussten einfach gut gelaunte und freundlich gestimmte Menschen arbeiten. Hinter diesen Türen eröffneten sich allerdings die grauslichen Tiefen menschlichen Daseins, die Höllen der Verbrechen, die Qualen und Tränen der Opfer, zusammengebacken in dicken Aktenordnern. Ganze Schicksale zu Schreibmaschinen-Protokollen verkürzt. Hinter allem die große Frage nach dem Warum und immer die gleichen Antworten, Habsucht, Eifersucht, Begierde, Hass. Die Menschen, die hier arbeiteten, waren nicht unberührt von dem Grauen, welches sich aus den menschlichen Schwächen heraus hier vor ihnen ergoss, sie hatten mit der Zeit nur eine andere Haut entwickelt, es drang nicht mehr in jede einzelne Pore ein, sie waren nicht unberührt aber unbeteiligt. So entsetzt sie vor manchem Mord, mancher Gewalttat standen, die nicht zu verhindern war, so sprach- und hilflos standen sie zuweilen vor den Urteilen der Richter, die ihrem überaus sozialen Gewissen nach, täterbezogen, den Täterschutz voranstellten und nicht, wie es manches Mal wünschenswert erschien, mit ihrer Spruchpraxis die Gesetzesmöglichkeiten ausschöpften. So kam es, dass einige Täter über kurz oder lang wieder in Handschellen dieses Haus betraten und wieder neue Opfer zu beklagen waren.

    Zoller dachte an das Gespräch mit Katharina und wischte diese Gedanken weg. Er klopfte an die Türe, hinter der die Organisierte Kriminalität die Aktenordner füllte.

    Weißmüller war ein alter Hase. Sie hatten gemeinsam schon so manche Fälle gelöst. Er hatte tiefschwarze Haare, die er heute zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Sein ebenso schwarzer Oberlippenbart unter einer hakenförmigen Nase sprang den Betrachter an. Blendend weiße Zähne zeugten von gutem Biß. Er war sehr stark gebaut, ob nun vom ständigen Training oder unterstützt von manchem Bier, war nicht auszumachen. Er hatte furchteinflößend große Hände, auf denen sich spinnenbeinartig lange Haare schlängelten. Seine freundlichen, dunklen Augen unterstrichen den Verdacht, dass es sich um den Abkömmling einer Zigeunerfamilie handeln könnte. Seine volle Stimme heischte Aufmerksamkeit und Respekt. Er saß hinter seinem Schreibtisch wie der Fürst des gesamten LKA. Vor ihm eine noch zusammengelegte Zeitung, daneben dampfte eine Tasse Kaffee.

    „Zapperlott, Hartwig!“, donnerte er, „Komm näher und erzähle mir von einem saftigen Mord! Kaffee gibt’s gratis.“ Er bückte sich, holte aus seinem Schreibtisch eine Tasse, stellte sie vor Zoller, der sich einen Stuhl nahm und sich seitlich an den Tisch setzte. Weißmüller zauberte eine silberne Thermoskanne mit Kaffee hervor und goss ihm ein.

    „Schwarz wie die Nacht  wird er getrunken, wir sind doch keine Memmen!“ Sein Ton ließ keinen Widerspruch zu.

    Zoller lächelte. „Immer noch der alte Haudegen. Mitten rein und volles Rohr.“

    „Mein lieber Hartwig,“ begann Weißmüller, verschränkte die Arme und schaute Zoller von oben herab an, „du wirst mir doch meine angeborene magyarische Sensibilität nicht absprechen wollen?“ Dabei blickte er Zoller wie ein waidwundes Tier an.

    „Ich weiß zwar nicht, mein lieber Bela, wo diese sich all die Zeit über versteckt haben mag, aber selbst ein Steppenwolf wie du muss wohl irgendwo eine empfindliche Seele haben.“ Zoller nippte am heißen Kaffee.

    Weißmüller beobachtete ihn mit unveränderter Haltung. „Dies Kompliment nehme ich als Anzahlung für die Fragen, mit denen du mich zu belästigen gekommen bist.“ Er lehnte sich vor, legte die Ellenbogen auf den Schreibtisch und blickte Zoller erwartungsvoll an.

    Ohne große Einleitung kam Zoller auf den Punkt: „Was sagt dir der Name Woronzeff?“

    „Margot von Simpson.“

    „Wie bitte?“

    „Margot von Simpson. Die Autorin des Romans Fürst Woronzeff. Übrigens verfilmt mit Adele Sandrock, Willi Birgel und Albrecht Schoenhals, warte, das muss so in den Dreißigern gewesen sein. Im alten Jahrhundert, versteht sich.“ Weißmüller lächelte breit, indem das Weiß seiner Augen mit dem seiner Zähne um die Wette blitzte.

    „Du solltest bei Jauch auftreten. Aber mal im Ernst.“

    „Du meinst den Russen, der in Hamburg aufgefallen ist und nun hier sein Unwesen treibt, ist mir klar!“

    „Und?“

    „Und nichts. Wir haben hier keine speziellen Erkenntnisse. Der Fall kam erst vor kurzem rein. In Berlin ist der Name unbekannt, vorerst. Haben allerdings schon unsere Fühler ausgestreckt.“ Er griff zum Telefon und wählte zwei Nummern. Zoller hörte das Klingeln im Nebenzimmer.

    „Hallo ihr Murmeltiere, wenn ihr endlich wach seid, könnt ihr mal schauen, ob es etwas Neues gibt in Sachen Woronzeff.“ Er blickte beim Sprechen Zoller in die Augen und sein stacheliger Oberlippenbart bewegte sich wie eine lebendige Bürste. „Informanten, ja, Pension am Ostbahnhof, ja, Beschreibung, ja, bring das Ganze doch mal herein, unser Besucher ist ganz wild darauf!“

    Weißmüller nickte Zoller zu und in diesem Moment kam ein junger Kollege aus dem Nebenzimmer und übergab mit kurzem „Tag allerseits!“ einen schmalen Aktenordner an seinen Vorgesetzten. „Bleib mal einen Augenblick“ sagte dieser und blätterte hinein. „Wer ist unser Informant?“

    „Zett“, antwortete der junge Kollege. „Ah ja, Zett“ wiederholte Weißmüller, „haben wir schon direkten Kontakt gehabt?“

    „Nein, bisher noch nicht, doch gibt es Hinweise, dass er in der nächsten Zeit wieder in Berlin sein wird. Das steht auch in den Akten.“

    „Ah danke.“ Der junge Kollege ging wieder ins Nebenzimmer. „Ja, hier haben wir eine frische Zeichnung und hier eine Beschreibung unseres Informanten vom bösen Russen.“ Er gab die Akte aufgeschlagen an Zoller weiter. Der überflog die Beschreibung, die von einem schlanken, drahtigen Mann im Alter von etwa fünfundzwanzig oder mehr Jahren sprach, ganz in schwarz gekleidet, Lederjacke, Stiefel, mit langem, braunen Haar und einem Oberlippenbart. Der Mann soll zwar recht gut Deutsch sprechen, aber mit für Russen erkennbarem deutlich weißrussischen Einschlag.

    „Übrigens ist Zett auch ein Russe“, sagte Weißmüller, „er arbeitet schon eine ganze Weile für uns. Wir halten ihn für zuverlässig.“

    „Weißt du, wo er verkehrt?“

    „In einer Bar in Lichtenberg, wo sich ständig Russen treffen. Dort hatte er auch in einer Pension gewohnt. Da steht der Name. Nun sag mir, was er mit einem Mord zu tun hat.“

    „Vielleicht sogar mit zwei Morden.“

    „Zapperlott!“

    Zoller ließ sich die bislang fragmentarischen Erkenntnisse aus dem Munde Weißmüllers berichten, die mit dem offensichtlichen Schlepper Woronzeff zu tun hatten. Im Gegenzug berichtete er von seinen Mordfällen.

    • * *

    Kreuzberger Frühstück

    Katharina hatte an diesem Vormittag die Fortsetzung der Verhandlung am Gericht besucht, des Falles, in dem die vierzehnjährige Stieftochter angeklagt war, ihren Stiefvater nach dem Leben getrachtet zu haben, indem sie absichtlich eine Flasche mit Reinigungsmittel zwischen seinen Schnapsvorrat gestellt haben sollte.

    Heute war nun Manuela vernommen worden, die engste Freundin des angeklagten Mädchens. Sie war sechzehn Jahre alt, bereits sehr fraulich und machte einen sehr erwachsenen und sachlichen Eindruck. Sie gab an, am Tage ihres Besuches, nämlich genau einen Tag vor der Vergiftung, hätte die Mutter der Freundin auf ihr Klingeln in Kittelschürze und langen Gummihandschuhen die Türe geöffnet. Sie hätte dabei einen hochroten Kopf gehabt, ob vom Alkohol oder von der Arbeit, wisse sie nicht zu sagen. Ja, auch die Mutter spräche dem Alkohol zu. Ihre Freundin sei gerade dabei gewesen, die Toilette zu putzen. Ja, das sei das Putzmittel, was am Boden neben der Toilette gestanden habe. Nein, sie habe nicht gesehen, wie ihre Freundin das Mittel weggestellt hätte, sie seien gleich in ihr Zimmer gegangen. Einige Male sei die Mutter vor der Türe schimpfend gehört worden, unter anderem mit aufgebrachten Rufen wie: „Alles muss man dir hinterher tragen!“ und: „Nichts kannst du richtig machen!“. Der Vater sei die ganze Zeit nicht in der Wohnung gewesen, erst abends gegen neunzehn Uhr haben ihre Eltern sie mit dem Wagen abgeholt.

    Bevor sie gegangen sei, habe sie die Toilette aufgesucht und das Putzmittel habe nicht mehr dort gestanden. Sie sei der Auffassung, die Mutter habe es weggeräumt und könne sich wegen des Alkohols nur nicht mehr erinnern, worauf ein Aufschrei der Mutter durch den Gerichtssaal ging: „Was? Ich soll jetzt meinen Manni vergiftet haben! Die Göre war’s! Und diese Schlampe hält zu ihr!“ Darauf  brach sie in hysterisches Heulen aus.

    Das Gericht hielt es für erwiesen, dass die angeklagte Tochter nichts mit den Vorwürfen zu tun hätte und dass es an der Zeit sei, sie der Obhut des Jugendamtes anzuvertrauen. Dem Stiefvater drohte nun eine eigene Verhandlung wegen mehrfacher Nötigung und Missbrauchs Schutzempfohlener, der Mutter eine Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung. In Bezug auf ihre mangelnde Erziehungsfähigkeit konnte man ihr nur eine Ermahnung aussprechen und sie dem Urteil des öffentlichen Rechtsempfindens überlassen. Der Selbstmord ihrer älteren Tochter war nicht sühnbar.

    Auch dieser Teil der Verhandlung hatte nachhaltig auf Katharina eingewirkt, die auch heute, beim Verlassen des Gerichtsgebäudes keinen Sensus hatte für den herrlichen Sonnenschein. Kaum auf der Straße, zündete sie sich eine Zigarette an, ohne sie zu genießen.

    Sie ging das Hallesche Ufer am Landwehrkanal entlang zu ihrer nächsten Verabredung. Sie hatte den Wirt der Zyankali-Bar angerufen und mit ihm einen Termin im Café Lebensart in der Yorckstraße Ecke Mehringdamm vereinbart. Er hatte sie gebeten, kurz vorher noch einmal bei ihm anzurufen. Dies tat sie im Gehen. Als er sich meldete, war sie gerade beim Hochhaus der Postbank angelangt und sie blieb sonnenbadend stehen. Er klang, als ob sie ihn gerade geweckt hätte. Sie schaute auf die Uhr, es war viertel nach eins. Es fiel ihr ein, er arbeitet ja nachts manchmal bis vier oder fünf. Er versprach, in fünfzehn Minuten am Treffpunkt zu sein.

    Ihr Weg führte sie zum Mehringdamm, in dessen Nummer zwölf der deutsche Arzt und Dichter Gottfried Benn zeitweise Patienten kurierte und seine Stücke schrieb, vorbei am Finanzamt Kreuzberg, einem eindrucksvollen steinernen Trutzbau der ehemaligen Kaserne, wo heute mehr oder weniger dem Steuerzahler freundlich gesonnene Damen und Herren in den ehemaligen engen Schlafzimmern der Soldaten das heutige Finanzdesaster der Stadt verwalteten, vorbei an der weithin bekannten, mit lauter leuchtenden Lämpchen erhellten Currywurstbude Curry 36, deren Warteschlange sie zwang, den Radweg zu nehmen, zur Kreuzung Mehringdamm Yorckstraße, wo gegenüber, von einem bekuppelten Erkerturm beherrschten Gründerzeithaus, das Café Lebensart residierte.

    Katharina erinnerte sich gerne daran zurück, als sie das erste Mal Berlin besuchte, sie von einer Freundin hierher geführt wurde zum Frühstück auf die schmale, einige Stufen erhöhte Terrasse.

    Leider waren diese wenigen Plätze alle belegt und so ging sie in den Gastraum, wo sie in der Ecke noch einen Tisch fand. Sie ließ sich die Karte geben und bestellte erst mal einen Kaffee. Hinter der Kellnerin, die ihren Kaffee brachte, erkannte Katharina die Goldrandbrille aus der Zyankali-Bar.

    Er beugte sich zu ihr herunter und gab ihr die Hand, deutete einen Handkuss an und sagte: „Guten Morgen, schöne Frau.“

    Überrascht und erstaunt, eine solche Geste zu erfahren, grüßte Katharina: „Guten Morgen, Herr . . .“

    „Sagen Sie Tom, einfach Tom.“

    „Hallo, Tom, ausgeschlafen?“ Jetzt sah sie den Motorradhelm in der Linken von ihm, der gar nicht zu seinem sonstigen Outfit passen wollte: Jackett und Stoffhose. Er legte den Helm kopfüber auf den Boden und warf ein paar Lederhandschuhe hinein. Ohne auf ihre Bemerkung einzugehen, sagte er: „Heute in Zivil, muss noch meine Mutter besuchen.“

    „Wollen Sie etwas frühstücken?“

    Er schaute auf ihre Tasse und sagte: „Ich brauche heute ein Kreuzberger Frühstück.“

    „Kreuzberger Frühstück?“

    „Tasse Kaffee, Zigarette und Aspirin“, klärte er sie auf.

    „Wurde es so spät?“ fragte Katharina.

    „Es wurde eher früh und zum Ende hin herbizid bis toxisch. Mein Kaktus im Schlafzimmer war heute morgen von meiner Atemluft verdorrt.“ Listig blickte er sie über seine Brille an, zog ein Heftchen Aspirin und eine Schachtel Zigaretten einer schwarzen Tabaksorte aus der Tasche und sortierte es vor sich auf den Tisch. „Griechische Ware“, sagte er und deutete auf die Aspirin, „kostet ein Drittel des deutschstämmigen Pharmakons.“

    „Und das kann man hier kaufen?“

    „Manche Apotheker bieten es alternativ an, andere behaupten, das billigere, griechische Produkt habe nicht die Qualität wie das deutsche.“

    „Und?“

    „Die chemische Zusammensetzung ist identisch. Die Ignoranz dieser Apotheker zwingt sie zu dieser Lüge über die mangelnde Qualität.“

    Tom bestellte sich einen doppelten Mokka.

    „Aber die immensen Entwicklungskosten?“

    „Lassen wir uns oft genug einreden.“ Sein Mokka kam und er legte eine Aspirintablette auf den Kaffeelöffel, tauchte ihn in den heißen Mokka und schluckte das Ganze herunter.

    „Schauen Sie, der Herr Hoffmann, der aus der seit Jahrtausenden bekannten, ätzenden und magen-unverträglichen Salicylsäure mit dem einfachen Schritt  der Acetylisierung ein verträgliches Mittel herstellte, übrigens eigentlich, um für seinen Vater ein Rheumamittel zu finden, war Ende des neunzehnten Jahrhunderts bei Bayer beschäftigt. Selbst wenn man die ganzen Jahresgehälter von Herrn Hoffmann zusammennähme und sie auf heutige Einkommen hochrechnet, würden diese Kosten nicht den Bruchteil eines Cent ausmachen. Die Herstellungskosten und der Vertrieb sind äußerst minimal, es bräuchte nicht einmal Werbung für das Präparat gemacht zu werden, alle Welt kennt es und kauft es.“

    Katharina war erstaunt, von einem Kneipier in die Welt der Wissenschaft entführt worden zu sein. „Woher wissen Sie das alles?“

    „Berlin ist voller Akademiker ohne entsprechenden Job. Nicht jeder kann Taxifahrer werden, einige machen einen Copy-Shop auf oder arbeiten in einer Werbeagentur, ich, als Chemiker und Pharmakologe betreibe eben ein Institut für Unterhaltungschemie.“

    „Sie sprachen vom Kreuzberger Frühstück. Wo bleibt die angekündigte Zigarette?“

    „Um die Zeit? So früh rauche ich nicht.“ Katharina lächelte, kannte sie diese Genussverzögerung eigentlich nur beim Alkohol, den einige nur nach achtzehn Uhr oder nach Einbrechen der Dunkelheit nahmen und meinten, auf diese Art dem Alkoholismus zu entkommen.

    „Sie wollten sich aber nicht mit mir treffen, um einen Lehrgang in Pharmakologie zu machen – stimmt’s?“ Er nahm einen kleinen Schluck Mokka und schaute seiner Begleiterin in die Augen.

    „Nein. Ich wollte Sie über den Toten in der Pension befragen, ob er bei Ihnen verkehrte und mit wem.“

    „Sie meinen den wasserstoffsuperoxydblonden Lackaffen, den blauäugigen, arroganten, sogenannten Doktor? Sind Sie von der Polizei?“

    „Nein, von der Presse.“

    „Sie sind also nicht rein zufällig mit Ihrer Freundin in meiner Bar aufgetaucht?“

    „Nö.“ Katharina schaute ihn geradewegs an.

    „Ihnen geht es also nicht um einen Bericht über die Bar? Schade.“

    „Nein, obwohl diese sicher einen Bericht wert wäre. Aber sie fällt nicht in mein Genre. Ich bin sozusagen Gerichts- und Polizeijournalistin und berichte über Gesetzesübertretungen und deren Folgen. Wollen Sie mir dennoch einige Fragen beantworten?“

    „Wenn es der Wahrheitsfindung dient!“

    An dieser Stelle läutete ihr Handy. Sie bat Tom um Entschuldigung und hörte eine Weile in ihr Handy hinein. Dann sprach sie zum Handy: „Danke Franky, ich rufe Dich später noch einmal zurück. Sehr hilfreich. Bis dann!“ Dann wandte sie sich wieder Tom zu, der sie aufmerksam durch seine Goldrandbrille beobachtet hatte.

    „Sie kennen also den Herrn Mandelstein?“

    „Mit Namen nicht, sie nannten ihn alle Doktor. Einige Male war er schon bei mir.“

    „Alleine?“

    „Nein, ein paar Mal mit seinem Freund, dem Benny und ein, zwei Mal mit dem Mafia-Typ.“

    „Was meinen Sie mit Mafia-Typ?“

    „Nun, man kennt so seine Pappenheimer. Bei mir verkehren die unterschiedlichsten Typen und so mit der Zeit bekommt man einen Blick dafür. Schlagring in der Tasche oder Hasch im Beutel und so. Außerdem hörte man den Russen heraus. Würde mich nicht wundern, wenn ich Recht hätte.“

    „Möglicherweise haben Sie sogar Recht. Können Sie mir über ihn Näheres erzählen?“

    Tom zeigte der Bedienung, dass er noch so einen Mokka haben wollte und Katharina nickte ebenfalls der Bedienung zu. Tom stützte beide Ellenbogen auf den Tisch und begann an seinem Ring zu drehen. Dann sah er auf und sagte: „Das erste Mal kamen sie zusammen. Dieser Boris, wie er sich nannte und der lange Blonde. Später einmal hat unser schöner Doktor auf seinen Russenfreund gewartet.“

    Die Kaffees kamen und beide waren einen Augenblick abgelenkt.

    Dann fragte Katharina: „Tom, Sie sagten gerade Russenfreund. Meinten Sie, die beiden hatten etwas miteinander?“

    „Gott behüte! Beim ersten Mal zackerten die beiden ganz schön miteinander, anders als es ein Pärchen tut. Da gab es wohl eher geschäftliche Schwierigkeiten, bis unser Blondie ihm etwas übergab, in Zeitung gewickelt.“

    „Geld?“

    Tom zuckte die Schultern und sagte: „Oder Stoff?“

    „Sie meinen – “

    „Genau.“

    Katharina kam ins Grübeln: „Das wäre allerdings ein Anhaltspunkt.“

    „Für meine Begriffe haben die etwas vorgehabt.“ Tom lehnte sich zurück und verschränkte die Arme, als ob er etwas mitzuteilen hätte, was erst nach reiflicher Überlegung über seine Lippen kommen sollte.

    Katharina blickte ihn an, fragte aber nicht weiter.

    Tom sagte wie nebenbei: „Warum hat er sonst den Benny vorher öfter nach Berlin geschickt?“

    „Was? Benny war schon früher in Berlin?“

    „Der war doch alle Nase lang mal hier. Der galt doch schon als Stammgast bei mir.“ Als Tom den ungläubigen Blick Katharinas wahrnahm, fragte er: „Wussten Sie das nicht?“

    „Nein. Das einzige, was ich weiß ist, dass die beiden hier eine Physiotherapie aufmachen wollten.“

    „Und dazu brauchten sie den Russen?“ Toms Augbrauen hoben sich fragend und sein Mund wurde zum Strich. Dann zuckte er mit den Schultern. Nach einer Weile fügte er hinzu: „Ich schätze, dieser Benny fungierte die ganze Zeit, also bald ein dreiviertel Jahr als Bote, und das bestimmt nicht für Liebesbriefe. Manches Mal, wenn er hier nachts in Hochform einlief, ließ er seltsame Bemerkungen fallen.“

    „Der Benny?“

    „Der Benny. Von wegen big deal und so. Dann, vor ein paar Tagen, erschienen sie hier plötzlich zu zweit, der Benny und der blonde Doktor und ich merkte gleich, die sind ein Paar und wer von den beiden die Hosen anhatte. Der Doktor nahm den Benny einmal auch ganz schön ins Gebet. Da ging es aber nur um die ständige Rumflipperei von Benny und irgendwie um Unzuverlässigkeit.“

    „Und das weitere Treffen des Doktors mit dem Russen?“

    „Das verlief ganz ruhig, als ob sie sich einig geworden sind.“

    „Tom, Sie haben vieles gewusst, was sonst vielleicht niemand weiß. Würden Sie das auch der Polizei erzählen?“

    Tom änderte seine Haltung nicht im geringsten und antwortete ruhig: „Klar, sofern sie nicht bei mir in der Bar auftaucht.“

    „Und der Benny war wirklich schon früher in Berlin?“

    „Wenn ich es Ihnen sage!“

    Kapitel 17

    Die Privatklinik Sankt Annen lag versteckt hinter hohen Kiefern im Wald an einer wenig befahrenen Strecke am Schwielowsee. Von der Hauptstraße war nichts von ihr zu sehen, nur ein Hinweisschild an der Straße deutete einen frisch geteerten Weg entlang, die Strecke war als Privatweg ausgewiesen und das unbefugte Befahren bei Strafe verboten. Nach einigen hundert Metern durch schönsten Kiefernwald nahm das Unterholz zu, hatten sich einige niedrige Büsche und Laubbäume angesiedelt, zwischen denen eine Backsteinmauer erkennbar wurde, die ihre Arme offensichtlich um ein beträchtliches Areal zu legen schien. Nur an wenigen Stellen hatte das Efeu begonnen, die Mauer für sich zu gewinnen.

    Die Einfahrt war durch ein riesiges, hölzernes Tor geschützt, bewacht durch einige Videokameras auf den Mauervorsprüngen. Anstelle eines Portiers war eine zweifache Gegensprechanlage derart angebracht, dass man die eine von einem Pkw, die andere von einem höher gelegenen Rettungswagen aus ohne Verrenkungen bedienen konnte. Gespenstisch leuchtend blickte aus dieser Anlage ein gläsernes Zyklopenauge starr auf die Besucher.

    Hatte sich dann die Holztür geöffnet, führte ein Kiesweg durch eine gepflegte Rasenfläche auf das weiße Haupthaus zu, ein Abzweig führte zu dem Parkplatz der Angestellten und Ärzte, rechts am Seitenflügel entlang. Die Front und besonders das Eingangsportal des Haupthaus mutete wie das eines Schlosses aus dem achtzehnten Jahrhundert an. Der Industrielle August Borsig, der die ersten Eisengießereien in Berlin gegründet hatte und 1875 zu einem der größten Lokomotivfabrikanten wurde, hatte dieses Anwesen einem in Notlage geratenen, preußischen Adligen abgekauft und zu seiner Sommerresidenz gemacht. Man erzählte sich, dass später  auch Hitler mit seinen engsten Vertrauten hier Wochenenden verbracht hatten.

    Zwei Seitenflügel begrenzten einen Innenhof, an dessen Ende ein blitzweißer Pavillon auf den See hinausblickte, in den ein verlassener Bootssteg hinausreichte. Die Wiese zum See hin war bestanden mit hölzernen Liegestühlen und gab einen schmalen Streifen sandigen Strandes frei. Von dort konnte man rechter Hand im Hintergrund ein kleines backsteinernes Wohngebäude mit einem weiteren Pavillon erkennen. Dahinter leuchtete wieder das Rot der Backsteinumfassung.

    „Sehr idyllisch.“ Wanzke hatte ein Bein auf den Bootssteg gestellt und lehnte, den Oberkörper vorgebeugt, auf seinem Ellenbogen und sah einem Segler zu, dem sehr weit draußen die Segel killten. Zoller stand neben ihm, die Hände in den Hosentaschen und schaute auf dasselbe Boot, das einzige Segelboot weit und breit. Beide beobachteten, wie der Skipper versuchte, das Boot wieder in den Wind zu bekommen und wie sich bald darauf die Segel im Winde blähten und das Boot krängte und die typische Schräglage annahm. Professor Heber war gerade mit einer Geburt beschäftigt gewesen und hatte sie gebeten, eine Viertelstunde zu warten. Da hatten sie seiner Oberschwester gesagt, das würden sie im Garten tun.

    Nur wenige der im Garten verteilten Liegen waren belegt, die meisten von schlafenden Patienten. Einige hatten sich unter den Ästen von Bäumen postiert, andere lagen unter freiem Himmel, dessen Glanz einem leichten Schleier gewichen war. So war auch die Stimmung Zollers, der die Geschehnisse irgendwie nicht zusammengesetzt bekam.

    „Ja, ein schöner Ort zum entspannen.“

    „Wohl kaum für dich!“ Wanzke grinste. „Außer du würdest schwanger, doch steht das wohl nicht zu erwarten. Oder?“

    Ein zweiter Segler war in ihren Gesichtskreis eingezogen, die beiden Boote schienen aufeinander zuzufahren.

    Zoller hatte nicht zugehört und fragte: „Wie?“

    „Ach nichts.“

    Zoller dachte daran, dass sie hier einen Mord aufklären wollten und nicht den Anzeichen nach Menschen- und Kinderhandel nachforschen sollten, da es ein anderes Dezernat betraf. Vielleicht hingen die beiden Delikte ja zusammen? Er müsste sehr vorsichtig bei der Befragung vorgehen.

    Als er wieder auf den See schaute, sah Zoller nur noch den zweiten Segler rasch nach rechts entschwinden. Wanzke hatte den Fuß vom Steg genommen und lockerte sich kurz auf.

    „Der Professor!“, sagte Wanzke plötzlich.

    Lautlos, vom weichen Rasen gedämpft, war der Professor fast bei Ihnen.

    „Entschuldigen Sie, wenn ich Sie warten ließ“, drang eine dunkle, kräftige Stimme zu ihnen. Zoller hatte sich umgedreht und sah einen Mann in den späten Fünfzigern, das Grau der Haare fand sich wieder in seinen wachen Augen und sein markantes Gesicht deutete auf Entschlossenheit und Verantwortungsbewusstsein. In der Brusttasche seines blitzsauberen, weißen Kittels leuchteten die farbigen Köpfe von Kugelschreibern und einigen silbernen Haltern wie eine gerade verpasste Ordensspange bei hohen Militärs. Seine Haltung war tadellos, der ganze Habitus sprach von selbstbewusster Verantwortung und geschultem Durchsetzungsvermögen.

    Er hatte seine Hände hinter dem Rücken verschränkt, was darauf hinwies, dass er es vermeiden wollte, die Hand zu reichen und was ihm dazu ein gebieterisches Aussehen verlieh. Als Direktor dieser Klinik verzichtete er auf ein Namensschild. Man hatte ihn zu kennen und gewiss kannte ihn auch jeder in dieser Klinik.

    „Was darf ich für Sie tun?“, begann er, „Mir ist bewusst, dass Sie in der schmerzlichen Angelegenheit des Todes eines unserer besten Ärzte gekommen sind. Doktor Ammerschläger ist schier unersetzbar für uns, ein grausiger Vorfall und ein schwerer Verlust!“ Er dachte gar nicht daran, sich vorzustellen oder die Vorstellung der beiden Besucher abzuwarten. Er wollte medias in res, die beiden gleich dahin bringen, ihre belanglosen Fragen zu stellen, um sich wieder seinen wichtigen Angelegenheiten widmen zu können.

    Zoller unterbrach dieses Vorhaben, indem er auf ihn zuging, ihm die Hand hinstreckte und sich vorstellte. „Gestatten, Zoller, Hauptkommissar der Mordkommission, dies hier ist mein Kollege Wanzke.“ Der Arzt schaute auf die hingehaltene Hand von Zoller und schien abzuwägen, welche Nachteile ihm bei Verweigerung der Hand entstehen könnten. Er entschied sich, diesen Gruß zu erwidern, nickte allerdings Wanzke nur kurz zu. Er wandte sich zum Gehen und dachte, Zoller würde ihm wie selbstverständlich folgen. Zoller kannte die psychologischen Tricks, es gab besondere Seminare dafür, wo Manager von Welt lernten, ‚richtig’ mit Untergebenen umzugehen. Und richtig bedeutete, dass sie, die Untergebenen, nicht bemerkten, wie und wozu sie manipuliert werden, sei es durch Gesten, Auftreten und Gehabe, sei es verbal, mit Fangfragen, geschickt formulierten Redewendungen oder gezielten Anwürfen, direkt auf den Kopf zu. Zoller blieb also stehen und sprach dem Professor in den Rücken. „Herr Professor, sagen Sie, wie lange arbeitete Doktor Ammerschläger bei Ihnen?“ Der Professor blieb stehen und wandte sich zurück zu Zoller. So standen sie sich gegenüber, einige Schritte voneinander entfernt, wie zwei Westernhelden vor der Entscheidung.

    „Seit anderthalb Jahren zirka. Genaueres kann Ihnen unsere Oberschwester sagen.“ Es klang unwirsch, so als ob er ausdrücken wollte, diese Frage hätte Zoller auch anderweitig klären können, warum ihn, den Professor, den Direktor mit einer derart belanglosen Frage belästigen. Er hatte recht damit, Zoller wusste es bereits, nur wollte er der Befragung seinen Stempel aufdrücken, sein Tempo vorgeben.

    „Hatte Dr. Ammerschläger Ihres Wissens Feinde?“

    „Dazu kannte ich ihn zu wenig.“

    „Ich meine auch zum Beispiel hier, in ihrem Hause? Gab es Neider?“

    „Worauf? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.“

    Entweder wusste der Arzt wirklich nichts oder er sperrte sich.

    „Kommen wir auf ein anderes Thema. Litt Doktor Ammerschläger an irgend einer Krankheit?“

    „Nicht dass ich wüsste. Jeder Arzt unterzieht sich regelmäßigen Untersuchungen. Wir haben ja die Mittel, wenn Sie verstehen.“

    „Könnte es sein, dass er an Herzinsuffizienz litt, ohne dass Sie davon wissen konnten, oder an einer Kreislaufschwäche?“

    Nach kurzem Nachdenken antwortete der Professor: „Vielleicht, wenn die Diagnose frisch ist. Warum fragen Sie?“

    „Wir fanden das Herzmittel Digitoxin bei ihm zu Hause.“

    „Nun, ein sehr gebräuchliches Mittel, wird auch bei gestörter Nierenfunktion verwendet.“

    Zoller setzte sich in Bewegung. Wanzke und der Arzt schlossen sich ihm an.

    „Hatten Sie Anlass zur Vermutung, dass seine Nierenfunktion gestört war? Sprach Doktor Ammerschläger mit Ihnen darüber?“

    „Es könnte sein, dass er es kurz erwähnt hat, ja, ja, doch!“

    „Gut, das wären die wichtigsten Fragen gewesen. Ach übrigens, waren Sie möglicherweise gestern verabredet mit ihrem Assistenzarzt?“

    „Nein“ und nach kurzer Pause „nicht dass ich wüsste.“

    „Waren Sie vor kurzer Zeit in der Wohnung der Ammerschlägers?“

    „Dazu gab es keinen Anlass, tut mir leid.“

    Sie gingen einige Schritte schweigend, bis Zoller bemerkte: „Ein wundervolles Grundstück. Und Sie behandeln nur Frauen?“

    „Und Kinder.“

    „Hier sind aber keine Kinder zu sehen.“

    „Die haben derzeit Mittagsschlaf. Wir haben hier unsere Regeln.“ Hierbei schaute er wieder auf seine Armbanduhr, als ob er andeuten wollte, die Zeit verrinne ihm bei unnützem Gespräch.

    Da fragte Zoller: „Kenne Sie einen Woronzeff?“

    Es war ein kaum merkliches Zucken, welches durch den Körper des beherrschten Professors ging, doch Zoller nahm es auf.

    Der Arzt blieb stehen, überlegte einen Augenblick und sagte dann sehr überzeugend: „Irgendwie kommt mir der Name bekannt vor, ich bringe ihn aber nicht unter. Es könnte sein, dass eine meiner russischen Patientinnen so hieß oder ein Angehöriger. Ich könnte einmal nachschauen lassen. Ich sage in der Verwaltung Bescheid. Man ruft Sie dann an. Haben Sie noch weitere Fragen?“ Für ihn schien das Gespräch beendet und er fühlte sich sichtlich gestört, als Zoller weiter in ihn drang: „Professor Heber, wie kommt es, dass Sie so viele russische Frauen hier behandeln?“

    Diese Frage schien nicht so unangenehm gewesen zu sein, wie die nach dem Namen von Woronzeff und der Arzt antwortete prompt: „Wissen Sie, wir arbeiten mit verschiedenen karitativen, kirchlichen und allgemeinen Wohltätigkeitsvereinen zusammen, die sich besonders um Frauen aus ehemaligen Sowjetrepubliken kümmern. Diese bieten Schwangeren einen Urlaub zur Entbindung in einer westlichen Klinik an. Und so kommen die Frauen hierher, machen ein paar Tage Ferien und genießen die überragende westliche Technik unserer Klinik, die gute Versorgung und das gesunde Klima.“

    „Und danach?“

    „Danach werden sie wieder zurückgebracht.“

    „Mit ihren Kindern.“ Zoller sagte es als Feststellung.

    „Mit ihren Kindern“, wiederholte der Professor.

    „Und wer zahlt das alles?“

    „Diese Wohlfahrtsorganisationen.“

    Zoller drehte sich dem Professor frontal zu und reichte ihm die Hand: „Schön, dass es solche Einrichtungen gibt!“, wobei er offen ließ, meinte er nun diese Wohlfahrtsverbände oder die Klinik des Professors. „Vielen Dank und auf Wiedersehen, Herr Professor!“

    Professor Heber nahm nolens volens die dargebotene Hand: „Auf Wiedersehen, Herr Kommissar. Und wenn Sie Fragen haben, rufen Sie einfach an.“

    „Werde ich tun. Vielen Dank!“ Zoller wandte sich Wanzke zu, der vom Professor mit einem wohlwollenden Nicken bedacht wurde. Dann drehte sich Zoller noch einmal um und fragte: „Ach, noch eine abschließende Frage. Wo waren Sie gestern Abend ab zweiundzwanzig Uhr?“

    „Zu Hause!“

    „Zeugen?“

    „Ja, meine Frau.“

    „Danke!“

    Auf dem Weg um den Hauptbau zu ihrem Wagen sagte Wanzke: „Er hat gelogen!“

    „So ist es!“ antwortete Zoller.

    Kapitel 18

    Katharina konnte diese Kneipe nicht ausstehen. Sie hatte sie früher schon nicht gemocht, als sie mit Franky eine Zeit lang liiert war. Er nannte sie sein anonymes Zimmer und hatte schon damals gesagt, dass es genau diese Umgebung sei, die ihn animierte und die er zum unerkannten Denken benötigte. Hier fühlte er sich anonym, hier war er inkognito, ein Gesicht unter Gesichtern, ein Niemand unter Namenlosen. Er besaß in dieser namenlosen Kneipe einen unschätzbaren Vorzug, er war mit einem Spitznamen ausgezeichnet worden, den er nirgends sonst führte und sein wahrer Name war hier niemandem bekannt. Hier hieß er Major, weil er vor Jahren, als er das erste Mal einen Fuß in diese Kaschemme gesetzt hatte, eine grüne Mütze trug, die denen der Fremdenlegion nachempfunden war, mit einer Kokarde in der Mitte und er sich einfach als Major vorgestellt hatte. Er genoss hier eine gesicherte Achtung, da keiner weder seinen Namen noch seine Geschichte kannte, wo sie doch alle alles über jeden wussten, ständig sich mit sich selbst beschäftigt, auf sich selbst reflektierend, hier, wo jeder Gast ein verlässlicher Stammgast war, seit Jahren arbeitslos, sich wieder und wieder mit den anderen Stammgästen ausgetauscht hatte über sein Scheiß-Leben, das einen hin und hergerüttelt und schließlich aus der Bahn geworfen, obwohl man die besten Absichten und alles richtig gemacht hatte, den undankbaren Ehepartner, der einen verlassen oder aufgegeben hatte, obgleich nie hintergangen oder betrogen, den Chef, der einen entlassen hatte und nicht sehen wollte, welch großartigem Mitarbeiter er verlustig ging, und überhaupt die Ämter, die den wahren Hintergrund für die Saumseligkeiten unerbittlich missdeutend diese erbarmungslos geahndet hatten, weshalb man nun hier, verkannt und auf die ungeliebte Stütze angewiesen, was heißt hier leben, dahinvegetieren musste. Hier war der Major König.

    Und nun saß Katharina neben dem Major, der heute eine rote Mütze ohne Kokarde trug aber noch denselben Spitznamen.

    „Das klingt ja recht fantastisch“, sagte sie und trank einen Schluck Bier aus dem schlecht gespülten Glas.

    „Nicht wahr?“ Franky, der Major, trank aus seinem eigens ihm vorbehaltenen Glas, das ständig hinter Verschluss gehalten wurde, bis er eines Tages, und sei es nach Monaten, wieder einmal auftauchte.

    „Bist du denn sicher, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt?“

    „Jedenfalls war mein Informant sicher und er hat, wie er sagt, Belege dafür.“

    „Dass Doktor Mommsen, der Jurist, früher etwas mit dem Mandelstein zu tun hatte?“

    „Genauso ist es.“

    „Nun ja, der Mandelstein lebte früher hier. Aber ich benötige schon genauere Daten. So einfach auf deine Aussage kann ich das nicht verwerten.“

    „Die sollst du kriegen. Sobald ich sie habe, hast du sie auch!“ Er zog sich die Mütze ins Gesicht, hielt den Kopf schief und blinzelte sie an: „Ich könnte dir auch etwas Interessantes über deinen Kommissar erzählen, vielmehr über seine Ehe. Oder Nicht-Ehe und wie es dazu kam.“

    Entschieden entgegnete Katharina: „Bitte nicht, verschone mich mit deinen Geschichten, außer sie sind echt, dienen der Wahrheitsfindung und scheuen das Tageslicht nicht.“

    Franky lachte. „Jede Geschichte ist echt. Manchmal echter als die Wirklichkeit. Und dass sich die Wirklichkeit oft von der Wahrheit unterscheidet, ist wohl auch bis in die intellektuellen Kreise des Journalismus gedrungen.“

    „Und wie war das mit der Fremdenlegion?“

    „Ich war wirklich bei der Fremdenlegion. Die Wahrheit ist nur, sie haben mich wieder rausgeschmissen.“

    „Bist du jetzt wirklich Agent des BKA, BND oder des Verfassungsschutzes gewesen oder steckt da auch eine andere Wahrheit dahinter?“

    „Die Wahrheit darf ich dir nicht sagen. Fahneneid. Und übrigens, du würdest sie eh nicht glauben, wie du mir nie geglaubt hast.“

    „Und wie war das mit der Liebe?“

    „Ich habe dich wirklich geliebt! Die Wahrheit ist nur, du hast mich nicht geliebt.“

    „Die Wahrheit ist, du kannst gar nicht lieben.“

    „Das ist deine Wahrheit. Meine sieht anders aus.“

    „Wie uns die Wirklichkeit des Lebens gelehrt hat.“

    „Die Wahrheit ist, unsere Wirklichkeiten unterscheiden sich eben.“

    „Wie unsere Wahrheiten?“

    „Könnte es nicht sein, dass die Wirklichkeiten in Wahrheit unwirklich sind?“

    „Fängst du schon wieder mit den Unfassbarkeiten deiner, wie nennst du es gleich, Unschärferelation an? Mit diesem paradoxen Kätzchen, wie heißt es noch?“

    „Schrödingers Kätzchen.“

    „Welches lebt oder tot ist oder halb lebendig oder halb tot?“

    „Verschmiert wäre hier der Fachausdruck.“

    „Auf jeden Fall unlogisch.“

    „Darum geht es ja gerade. Dass unsere Logik nicht der Weisheit letzter Schluss ist, sondern dass sogar die Physik, die nach scheinbar logisch erfassbaren Gesetzen abläuft, zuweilen unlogisch ist, sich zu widersprechen scheint, ja sich wirklich widerspricht. Wir halten das für paradox, dabei ist das Paradoxe normal, die Welt besteht aus Paradoxien!“

    Katharina sah ihn scharf an. „Das ist mir für den Moment zu unlogisch und zu paradox!“

    „Du meinst, wir sollten lieber bei den banalen Dingen bleiben.“

    „Jedenfalls bei fassbaren, realen Dingen!“ Katharina wusste um die liebenswerte Marotte, die Dinge spielerisch zu verkomplizieren und mit tausend unerheblichen, vielleicht moral-ästhetischen aber einfach störenden Elementen zu verbinden. Franky flog wie ein bunt gescheckter Schmetterling durch die Welt und so hüpften auch seine Gedanken. Doch hier und heute wollte sie Realitäten, Klarheiten, Gewissheiten.

    „Banal und real.“ Franky warf ihr einen Blick zu, den sie kannte und der nichts Gutes verhieß. „Gut, so etwas Banal-Reales wollte ich dir gerade erzählen, über deinen Kommissar, aber du hast ja nicht gewollt“ sagte er trotzig, trank einen Schluck und lauschte mit hellem Gesicht dem Lied aus der Musikbox, in die jemand ein Geldstück geworfen hatte. Es lief das „Morning has broken“ von Cat Stevens.

    „Vielleicht hätte ich schon lange konvertieren sollen,“ sagte er verträumt, „man sollte mindestens einmal im Leben konvertieren, wenn nicht öfter, sonst ist es, als ob man zeitlebens nur einem einzigen Arbeitgeber gehorchte, nur eine einzige Frau zeitlebens liebte, immer nur ein einziges Lieblingsbuch hätte und sich nur von Pommes-Majo ernährte. Und die Welt ist doch so bunt!“

    Das war wieder der alte Franky, wie sie ihn kannte. „Er hat es gewagt zu konvertieren und seine Musik ist um keinen Deut muslimischer geworden, auch die alten Lieder haben nicht darunter gelitten. Die einzigen, die darunter zu leiden haben sind seine Fans in den USA, die ihn nicht hören dürfen, weil man ihn nicht einreisen lässt, da er als Muslim ein potentieller Terrorist sein könnte.“

    „Von wem sprichst du?“

    „Von dem großen Cat Stevens und dem Kleingeist George Double U.“

    Katharina wusste zur Genüge, wohin die Gespräche führen würden, ginge sie darauf ein. Sie fragte statt dessen: „Woher bekommst du eigentlich deine Informationen?“

    „Sagte ich jetzt, von meinen Informanten, wärest du beleidigt. Sagte ich, ich dürfte dir das nicht sagen, wärest du ebenfalls beleidigt. Also sage ich einen Namen. Peter Schuster. Vielleicht heißt er ja wirklich Peter Schuster, vielleicht heißt er auch Hans Bechtold. Ist es nicht wichtiger, dass die Informationen stimmen, die ich dir gebe, als dass du deren Quelle, die Namen, die dahinter stecken kennst und dann womöglich recherchierst und vielleicht feststellst, dass es den Peter Schuster, den ich meine, gar nicht gibt und dann die Information selbst bezweifelst? Wer Verräter verrät, ist auch ein Verräter. Ich gebe nur weiter. Und bis jetzt bist du immer gut gefahren, oder?“

    „Du hast recht, lassen wir das! Wie geht es deinem Vater?“ Katharina wusste, dass die beiden Männer sich abgrundtief hassten, aber nicht voneinander lassen konnten. Die Jukebox brachte nun das Honky-Tonk-Woman von den Rolling Stones.

    Franky sang einige Zeilen mit, bevor er antwortete: „Du wirst es nicht glauben, aber ich habe ihn zu mir genommen. Nehmen müssen!“ Er nahm sein fast leeres Bierglas in die Hand und schüttelte es wie verrückt, so dass einige Spritzer sich auf dem Tresen verteilten und der gelangweilte Wirt die Augenlider hob.

    „Alois!“ Franky sah Katharina groß an.

    „Wie bitte?“

    „Alois Alzheimer!“ Er gab dem Wirt ein Zeichen, ihm das Glas neu zu füllen. „Der Alte kann nicht mehr alleine leben. Er braucht mich.“

    „Und du ihn“ antwortete Katharina.

    „Nun ja. Ich bin an ihn gefesselt, wie Prometheus an seinen Felsen und kein Herakles in Sicht, der mich befreit.“

    „Und statt des täglichen Adlers setzt du täglichen Alkohol ein, dir die Leber zu zerstören.“

    Franky sang den Text mit.

    Katharina erinnerte sich, wie die beiden ungleichen Männer früher oft im Streit mit den Fäusten aufeinander losgegangen waren. Franky hatte seiner Mutter am Sterbebett versprechen müssen, sich um seinen Vater zu kümmern.

    „Wir siezen uns.“

    „Wie meinst du das?“

    „Wir haben vor anderthalb Jahren unsere letzte Schlägerei mit einem Wahnsinnsbesäufnis beendet. Danach haben wir beschlossen, wenn es mit uns weiter gehen sollte, dass wir Sie zu einander sagen.“

    „Und das funktioniert?“

    „Hol’s der Teufel!“ Sein Blick verdüsterte sich und ging in eine ferne, unsägliche Tiefe, in die zu folgen sie keine Lust hatte. Franky’s Bier kam, und Katharina entschloss sich, ihn mit seinen Gedanken alleine zu lassen.

    Mein paradoxer Prometheus, dachte sie, legte einen Schein auf den Tresen und ging. Drinnen heulte Honky-Tonk-Woman.

    • Ganz Kreuzberg war mit den Vorbereitungen des bedeutendsten kulturellen Ereignissen beschäftigt, mit dem alljährlichen Kreuzberger Umzug des Karnevals der Kulturen. Junge Leute aus der ganzen Welt kamen in die Stadt, in das Viertel um den Kreuzberg, um an einem weltweit einmaligen Fest mitzuwirken, das dieses Jahr zum neunten Male stattfinden sollte. Alle günstigen Hotels bis weit nach Mitte hinein, nach Friedrichshain und Schöneberg waren belegt von Tausenden junger Menschen, die am Fest aktiv teilnehmen oder es nur besuchen wollten. In manchen Hotelzimmern dröhnten Trommeln, wurden Kostüme ausgepackt, geflickt, geändert und schon Tage vor dem Ereignis summte die Luft und war mit einem freudigen Duft versetzt, der ansteckend wirkte und die anderen Hotelgäste das Trommelgeräusch überhören ließ, überall war Lachen und gute Laune zu spüren, der Wind wisperte leise in jedes Ohr in musikalischer Vorfreude auf den Tag des Umzuges, selbst den chronisch Missmutigen waren die Mundwinkel nach oben gerutscht und sie wunderten sich selbst über das fremde Gesicht, das ihnen aus den Schaufenstern entgegenspiegelte. Aus den Höfen drang Gesang auf die Straßen und beschwingte die Schritte der Passanten, die unmerklich dem zunehmenden Rhythmus der Klänge folgten. Da zerschmetterte ein hartes Krachen, schrilles Quietschen, ein dumpfer Knall, das Splittern von Glas und die Schreie von Passanten die freudige Stimmung.

    Als Zoller zu sich kam, meinte er, er hörte das Echo seiner Schreie. Sein Mund war staubtrocken und in seinem Kopf waberte eine dunkle Masse wie nach einem Albtraum von einem Absturz aus unendlicher Höhe. Er meinte, im Morast zu stecken. Seine Glieder schienen sich nur mit äußerster Gewaltanstrengung bewegen zu lassen. Er versuchte, seine Augen zu öffnen. Irgendwie wollte das nicht gelingen. Er kannte diesen Zustand, wollte sich erinnern, woher. Plötzlich riss ein Schleier weg und er sah in die zerborstene Windschutzscheibe. Hellgleißende Blitze zerrissen das Glas und brachen das Licht kaleidoskopartig in tausend splittrige, langfingrige Spinnfäden. Es roch nach verbranntem Kabel. Es dauerte Minuten, bis er seinen Kopf zum Beifahrersitz gewendet hatte. Da lag sie. Sie schien zu schlafen. Er sah, dass sie ruhig atmete. Ein Glück, dachte er, ihr ist nichts passiert, nur mir ist was passiert, ich kann meine Arme nicht bewegen, bin unfähig, mich und sie aus dieser hilflosen Lage zu befreien. Er schloss kurz die Augen und atmete einige Male tief durch. Als er sie wieder öffnete, sah er, wie Wanzke im Beifahrersitz hing und versuchte, sich von dem Sicherheitsgurt zu befreien. Zoller hörte, wie Wanzke seinen Namen rief und fühlte, wie er geschüttelt wurde.

    Wo war sie? Eva. Eben war sie noch neben ihm gewesen.

    „Wo ist sie!“ Schrie Zoller aus vollen Lungen. Er spürte nicht, wie Wanzke ihm eine Ohrfeige verpasste und ihn von seinem Gurt löste. Er spürte wieder, wie seine Türe aufging und er von starken Händen aus dem Wagen gezogen wurde. Plötzlich war er hellwach und blickte um sich. Wanzke hatte ihn regelrecht am Schlafittchen und lehnte ihn an den Wagen.

    „Ist alles OK?“

    „Ja doch!“ Zoller bewegte die Schultern und schüttelte den Kopf, wie um von einem Traum freizukommen. „Alles OK!“ Er fing an, sich zu orientieren, dann sagte er: „Es war wie beim letzten Mal.“ Zoller sah ihren zerstörten Dienstwagen. Er musste sich durch das Herumreißen des Steuers gedreht haben, dann in das Gebüsch und in die darin verborgene Leitplanke gerammt sein, die zwar den Wagen demoliert, sie aber vor Schlimmerem bewahrt hatte. Wanzke hatte in der Zwischenzeit das Warndreieck aufgestellt und musste sich durch eine Traube Neugieriger Passanten quälen. Einer fragte, er wäre Arzt, ob er behilflich sein könnte.

    „Danke“, sagte Zoller, „nicht nötig. Mir geht es gut.“

    „Und dem Kollegen?“ Wanzke winkte ab.

    Der Arzt machte Wanze ein Zeichen, dass er in der Nähe bliebe. Wanzke nickte und nahm Zoller unter dem Arm und führte ihn zu einer nahen Parkbank auf dem Grünstreifen.

    „Da haben wir noch einmal Glück gehabt!“, sagte Wanzke. „Bist du sicher, dass dir nichts fehlt?“

    „Ganz sicher. Er hat uns geschnitten.“ Aus der Entfernung hörte man ein Martinshorn näher kommen. „Weiß oder grün?“, fragte Zoller.

    „Wie, weiß oder grün?“

    „Wer ist zuerst da, die Ärzte oder die Polizei?“

    „Egal, uns fehlt ja nichts.“

    Die Traube war ihnen gefolgt, stand aber nun in gehörigem Abstand, teilweise auch vom Gebüsch getrennt, und sah zu ihnen herüber.

    „Was hast du vorhin gemeint mit ‚wie das erste Mal’?“

    „Später, jetzt kommt die Obrigkeit.“

    Ohrenbetäubend hielt das erste Martinshorn nahe bei ihnen. Die in orangefarbigen Leuchtjacken und weißen Hosen bekleideten Sanitäter kamen auf sie zu und noch während sie versicherten, sie benötigten keine medizinische Hilfe, näherte sich das zweite Martinshorn aus der anderen Richtung. Zoller und Wanzke wiesen sich den zwei Uniformierten aus, von denen einer mit den Sanitätern verhandelte und sie zurückschickte.

    Es fanden sich drei Zeugen, die gesehen haben wollten, wie es zu dem Unfall gekommen war. Alle drei waren sich sicher, dass ein Wagen von der rechten Spur den Wagen von Zoller und Wanzke, die links von ihm gefahren waren, derart geschnitten hatte, dass die Fahrzeuge sich berührten und Zoller und Wanzke nichts übrig blieb, als voll zu bremsen. Durch den Anprall des anderen Fahrzeuges wurden gedreht und in die Hecke geschleudert. Bei der Beschreibung des Täterfahrzeugs waren sich die Zeugen uneinig. Der eine meinte steif und fest, es habe sich um einen beigen Ford Taunus älteren Baujahres gehandelt, die beiden anderen schworen Stein und Bein, dass es ein Mercedes in dunkelblau war. Kennzeichen? Nein, dazu war es zu schnell gegangen. Der eine Zeuge mit dem beigen Ford gab nach einiger Zeit zu, es könnte doch ein Mercedes gewesen sein, aber beige wäre er gewesen, das nähme er auf seinen Eid. Von hinten sagte eine ältere Frau ganz leise, sie meinte auch, es wäre ein Mercedes, die Farbe aber sei gelblich fahl gewesen und das Kennzeichen B-DE, die folgende Nummer mit dem Datum ihrer Eheschließung vor fünfundvierzig Jahren identisch, der vierzehnte September. Die Beamten notierten dies.

    Der eine Polizist bot Zoller und Wanzke eine Zigarette an. Wanzke lehnte dankend ab. Zum größten Erstaunen Wanzke’s, nahm Zoller die Zigarette wie selbstverständlich an, ließ sich Feuer geben und stieß den Rauch geübt, halb über die Nase, halb über den Mund aus.

    Wanzke beäugte seinen Vorgesetzten skeptisch. Er schien zu ahnen, dass mit dem Unfall eine Änderung einherging, deren Auswirkung noch nicht klar abzusehen war. Sie waren mit den Uniformierten übereingekommen, dass sie eine schriftliche Meldung über den Unfall vom Büro nachreichen wollten. Wanzke übernahm den Anruf an die Dienststelle, damit der zerschundene Wagen in die polizeieigenen Werkstätten zur Untersuchung gebracht würde. Zoller ließ sich kurz die Dienststelle geben und sprach selbst einige Worte, die Wanzke nicht mitbekam.

    Als alles geregelt war, ging Zoller auf Wanzke zu.

    „Du bist sicher, dass du OK bist?“

    „So sicher, wie du bist, dass mit dir noch alles stimmt.“

    Zoller bemerkte den seltsamen Blick seines Kollegen nicht.

    „Na dann! Wir haben heute für den Rest des Tages frei. Was allerdings nicht besagen will, dass ich auf dich verzichten könnte in den nächsten zwei Stunden.“

    Wanzke verstand nun ganz und gar nicht, was diese pythischen Andeutungen besagen könnten, ihm schwante nichts Gutes.

    Zoller griff seinem Kollegen unter den Arm, was diesem bisher noch nicht geschehen war und zog ihn mit sich auf die andere Straßenseite. Hinter ihnen sicherten die Beamten die Unfallstelle und warteten auf die Kollegen des technischen Dienstes.

    Wanzke fand sich an der Seite von Zoller im Garten des Yorckschlösschens wieder. Es war wundervoll warm, so dass, auch wenn die Sonne am Nachmittag den Garten nicht mehr erreichte, eine fast sommerliche Stimmung unter den Kastanien herrschte. Zoller hatte einen Tisch etwas abseits gewählt.

    „Hätten wir gestern den Unfall erlebt, hätten wir jetzt hier Live-Musik“, sagte Zoller nebenhin.

    „Woher weißt du das?“

    „Es steht hier hinten auf der Speisekarte.“

    Auch Wanzke griff sich eine und gemeinsam lasen sie still, welche Genüsse auf sie warteten, wenn ihnen nach Essen gestanden hätte.

    Eine freundliche, weibliche Bedienung in einer Art norddeutschem Dirndl fragte nach ihren Wünschen. Beide schauten sich an, dann sagte Zoller zwei Cognac und zwei Bier. Nach kurzer Zeit standen zwei doppelte Napoleon und zwei große, lächelnde, gelbreife Jever vor ihnen.

    Wanzke kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie hatten ihre Jacken ausgezogen und sie über die hölzernen Stuhllehnen gehängt und beiden kam es wie Sonntag vor.

    Es gab keine Instanz, die mit Sicherheit hätte sagen können, wie viele Cognacs und Biere im Verlauf der nächsten zwei Stunden an diesen Tisch gekommen waren.

    Dafür hatte Wanzke Einblicke in das Innenleben seines vorgesetzten Kollegen erhalten, die er sich nie hätte träumen lassen und eine haarsträubende Geschichte, die ihm das Wesen seines Kollegen deutlich machte. Wanzke hatte Eva ein- zweimal gesehen, bevor der Unfall geschehen war und seitdem war Zoller nichts mehr seine Frau betreffend über die Lippen gekommen.

    Hartwig Zoller hatte vor Jahren, kurz bevor Wanzke in seine Abteilung versetzt wurde, einen Totschlag aufgeklärt. Daraufhin wurde der Sohn eines Kroaten verurteilt. Es fiel in die Zeit, da Zoller sich in Eva verliebt hatte und sie bereits dabei waren Zukunftspläne zu schmieden und auszuschmücken. Bald darauf waren sie verheiratet und mitten in der Familienplanung begriffen, Eva im fünften Monat schwanger, als sie sich kurzfristig entschlossen hatten, Evas Eltern in Ungarn zu besuchen. Zoller fuhr damals privat einen gebrauchten Mercedes. Der war bepackt und bestückt mit alledem, was man für eine knapp zweiwöchige Urlaubsreise benötigte und mit ausgewählten Geschenken für die Schwiegereltern.

    Hinterher hatte sich Zoller an einen Wagen erinnert, der sie längere Zeit in gleichmäßigem Abstand verfolgt hatte, nichts Ungewöhnliches eigentlich auf Urlaubsrouten, weshalb es ihm nicht aufgefallen war.

    Sie hatten sich viel Zeit genommen, sich einen ganzen Tag Aufenthalt in Salzburg gegönnt, in einem bezaubernden Hotel am noch bezaubernderen Fuschl-See verbracht, von wo man über den tiefgrünen See am anderen Ende die gewaltige, ehemalige Villa des Sängers Rudolf Schock erblickte, waren der Nase nach durch die Steiermark gefahren, durch den Nordostzipfel Sloweniens, durch Marburg an der Drau, das lange schon Maribor hieß. Ihren letzten Aufenthalt hatten sie in Varazdin genommen, der Stadt, die mit dem Lied ‚Komm mit nach Varazdin, solange noch die Rosen blühn’ aus der Operette Maritza von Emmerich Kálmán weltbekannt wurde.

    Es war Sonntag Nachmittag und die Straßen waren wenig befahren. In knapp vierzig Kilometern würden sie an die Grenze nach Ungarn kommen und dann noch einmal soviel zum Plattensee, zum Ort, wo ihre Eltern lebten. Sie hatten das Schiebedach und die Fenster geöffnet und sangen beide lauthals das Lied von Varazdin. Eva war gerade dabei gewesen, sich eines Kleidungsstückes zu entledigen und hatte sich dafür kurz abgeschnallt. Sie bemerkten den Wagen erst, als er seitlich von ihnen war und sie mit einem gewaltigen Schlenker von der Straße wischte. Noch während der Gesang sich zu Schreien wandelte, wurde Zoller bewusst, dass dies der Wagen war, der ihnen schon seit Maribor gefolgt war. Sie hatten keine Chance. Der Wagen verfehlte zwar die Chausseebäume, traf aber auf einen Baumstumpf und überschlug sich. Als Zoller die Augen öffnete, hing seine Frau wie schlafend auf dem Beifahrersitz und er war zunächst unfähig gewesen, seine Arme zu bewegen. Nach schier endloser Zeit war es ihm gelungen, sich von dem Gurt zu befreien, auszusteigen und auf die Seite zu seiner Frau zu laufen. Die Türe klemmte und er entsann sich seines Handys. Im selben Moment fiel ihm ein, dass er nicht in Deutschland war und nicht wusste, wem er was zu sagen hätte, welche Nummer er wählen und in welcher Sprache er den Unfall melden sollte. Deutsch? Englisch? Mehr Sprachen beherrschte er nicht. Er war zur Straße gelaufen und hatte den nächsten Wagen angehalten.

    Es zeigte sich, dass seine Frau querschnittsgelähmt bleiben sollte. In der Klinik eröffnete sich zudem, dass sie ihr gemeinsames Kind verloren hatte. Hartwig Zoller hatte die nächsten Tage wie in Trance erlebt, nur wie im Träume mitbekommen, wie ihre Eltern vom Plattensee Eva in eine ungarische Klinik verlegen ließen, alle Formalitäten mit der kroatischen Polizei, dem Abschleppdienst und allen Ämtern erledigten. Er hatte Tage an Evas Bett verbracht, die inzwischen aus ihrer Ohnmacht erwacht war und er war dabei, als der Chefarzt ihr die grausame Nachricht über ihr Schicksal mitteilte. Die Eltern hatten ihm klar gemacht, dass es zunächst besser für Eva wäre, sich in ihrer Obhut aufzuhalten, alles Weitere würde sich finden.

    Als die restlichen, mit Trauer und Wut erfüllten Urlaubstage zuende gingen, brachten die Eltern Zoller nach Budapest und setzten ihn in einen Flieger nach Berlin. Sie hatten ihm einen Business-Class Flug zukommen lassen, doch er hatte von den Vorzügen nichts wahrgenommen und den Flug verschlafen.

    Zurück in Berlin hatte er sich gleich tief in die Arbeit gestürzt, mit Inbrunst an ungeklärten Fällen gearbeitet, hatte darüber seine Gesundheit, ja Mahlzeiten vergessen, bis ihn der Kollege Weißmüller aus alter Freundschaft nicht nur darauf aufmerksam gemacht, sondern sich tagelang um ihn gekümmert hatte. Nachdem sich Zoller wieder gefangen hatte, war der nächste Schlag gekommen. Seine Schwiegereltern hatten ihm eröffnet, dass es im Sinne von Eva und dem ihren wäre, sie würde in Ungarn bleiben. Sie wäre zeitlebens an den Rollstuhl gefesselt und dort, wo sie jetzt lebte, gäbe es keine Treppen, man habe ihr alles rollstuhlgerecht eingerichtet und sie hätte in der Zwischenzeit auch angefangen in ihrem Beruf als Anwältin zu arbeiten. Die Eltern könnten sich ständig um sie kümmern, alles Punkte, die in Berlin nicht gegeben seien.

    Sie hatten Hartwig Zoller diese Mitteilung nicht als Frage, als zu erörternde Möglichkeit unterbreitet, sondern ihn wissen lassen, dass sie seinen Segen zu dieser Handhabung voraussetzten.

    Auch die Telefonate mit seiner Frau und folgende Besuche konnten Eva nicht zur Rückkehr nach Berlin bewegen. Eva war zur Auffassung gelangt, dass es das Beste für sie beide sei, dass sie ihm keine richtige Frau sein könnte und ihm ein Leben im Rollstuhl an seiner Seite nicht zumuten wollte. So war sie in Ungarn geblieben und er in Berlin.

    Am Ende dieser Rückblende saß Zoller traurig den Kopf hängen lassend auf der Bank. Wanzke saß ihm gegenüber und kämpfte mit den Tränen.

    Die Gläser zwischen ihnen waren leer.

    Kapitel 19

    Katharina trat mit einem heißen Becher Kaffee bewaffnet in Ihren Erker im zweiten Stock und beobachtete die endlose, bunte Reihe von Autos, die, vorbei am türkischen Einkaufszentrum Denziz, über die Kottbusser Brücke fast direkt auf ihr Haus zugefahren kam. Auf der Gegenfahrbahn floss der Verkehr etwas zügiger. Auf der anderen Seite des Landwehrkanals, am Maybachufer, standen schon die Buden für den allwöchentlichen Türkenmarkt mit unzählbaren Ständen bestückt für Gewürze, Gemüse, Teppiche, Wasserpfeifen, Handys und allem überflüssigen Kleinkram und buntigem Nippes, der unweigerlich auf allen solchen Märkten feilgeboten wurde.

    Kreuzberg war schon lange erwacht und auf den schmalen Fußsteigen durch den Markt, zum Markt hin und von ihm fort drängelten sich dünne und dicke Frauen in gepunkteten, gestreiften, geblümten Kleidern, mit Turmfrisuren, fettigen, herabbaumelnden Haaren, dazwischen die sauber gebundenen, ein- und mehrfarbigen Kopftücher der muslimischen Bevölkerung. Drunten an der Kreuzung zum Planufer tummelten sich lachende Kinder, die in einer Bäckerei ihre Frühstückstörtchen auf dem Weg zur Schule besorgt hatten, gegenüber trug Adnan, der türkische Gemüsehändler, überquellende Kisten vor seinen Laden und drapierte sie lautstark für den Verkauf.

    Katharina schaute auf ihre Armbanduhr, setzte sich beruhigt auf einen Stuhl im Erker und schaute weiter auf das Treiben unter ihr.

    Sie hatte gerade ihren Laptop angeworfen und das Mail-Programm geöffnet, als ihr auch schon die bekannte Stimme den Erhalt von Post mitteilte.

    Franky hatte Wort gehalten und ihr Informationen zukommen lassen in Form von Kopien von Unterlagen, die belegten, dass ein Stefan Mündel in verschiedenen Kliniken in Berlin gearbeitet hatte, schließlich in einer bekannten Privatklinik. Dort war er im Jahre 1993 plötzlich verschwunden, einfach nicht mehr in den Büchern geführt worden.

    Ebenso fand Katharina die Kopie des Krankenberichtes einer gewissen Lea Ranstad aus dem Jahre 1993. Daraus ging hervor, dass diese junge Frau mit einem Blinddarmdurchbruch in diese Privatklinik eingeliefert worden war. Nach der gewöhnlichen Routine-Operation klagte die Frau am nächsten Morgen über starke Schmerzen. Nachdem man ihr ein gängiges Schmerzmittel verabreicht hatte, fand man sie am Mittag leblos vor. Diagnose Herzstillstand, plötzlicher Herztod.

    Dann fand Katharina zwei Versionen eines Dienstplanes für den Tag des Ablebens der Lea Randstad. Auf dem einen Blatt waren die Namen zweier Krankenschwestern und der eines Krankenpflegers für den Vormittag des Todestages eingeteilt.  Der Name des Pflegers war Stefan Mündel. Das andere Blatt enthielt nur die Namen der Krankenschwestern, die des Hilfspflegers fehlte. Am Rande des zweiten Blattes hatte Franky notiert ‚scheinbares Original’.

    Ebenfalls war noch ein Zeitungsartikel beigelegt. Dieser berichtete von der durch die Eltern veranlasste Obduktion und dem von dem Obduktionsarzt geäußerten Verdacht auf überhöhte Medikation des Schmerzmittels. Im Artikel wurde vermutet, dass das Schmerzmittel durch einen nicht zur Medikamentengabe durch Spritzen befugten Hilfspfleger verabreicht worden war, dessen Name mit Stephan M. angegeben war. Außerdem berichtete der Zeitungsartikel von dem Verlobten der Lea Ranstad, einem Juristen mit Namen Dr. Wolfgang M., der gegen die Leitung der Klinik vorgehen wollte.

    Dick waren die beiden abgekürzten ‚M.’ mit Filzstift eingekreist und am Rande mit Frankys Handschrift durch ‚Mündel’ und ‚Mommsen’ ergänzt.

    Katharina sah das alles und verstand nur die Hälfte. Sie entschloss sich, damit sofort zu Zoller zu fahren. Draußen hupten die Autos.

    Die erste halbe Stunde hatte Zoller damit verbracht, mit Wanzke einen Bericht zu formulieren über den gestrigen Verkehrsunfall. Beide waren sich mit müden Augen begegnet und trugen jeder seinen dicken Kopf unter dem Arm, sie taten aber gegenseitig, als ob sie die Frische in Person wären, als wären sie abgebrühte Kämpfer, party- und saufgelage-erprobt, eben harte Männer, vom prallen Leben gehärtet.

    In beiden wirkte noch die Spannung des Unfallschocks und natürlich der tückisch anregende Restalkohol nach, dazu ein besonderes Gemeinsamkeitsgefühl, das sich gern durch einschneidende, gemeinschaftliche Erlebnisse einstellte, wie zum Beispiel eine gemeinsam durchzechte Nacht nach gemeinsam erlittenem Schock, vielleicht noch durch die bereitwillige Öffnung Zollers unterstrichen, der das erste Mal überhaupt über die Geschichte seiner Ehe gesprochen hatte. So saßen sie, zwei durch die Ereignisse verbündet, im sonnendurchstrahlten Büro und versuchten, den Unfallhergang vom Vortage nachzustellen. Der rechte Ernst wollte sich nicht einstellen, jede Formulierung verursachte beim einen oder anderen ein Glucksen, irgendwie drang die klare Wirklichkeit noch nicht durch die Wolken der bier- und cognacseligen Nacht in diesen klaren Morgen durch.

    Dass sie miteinander mehr als sonst lachten und über jede Formulierung ins Gickeln kamen, fiel ihnen selbst nicht auf, doch dem Kollegen Schneider im Nebenbüro, der sich nicht erklären konnte, woher die überaus vergnügliche Stimmung im Büro seines Vorgesetzten kam und der sich fragte, welchen Anlass ein Autounfall hergeben könnte, derartige Lächerlichkeit nach sich zu ziehen, kam das Ganze recht verdächtig vor. Als er nach einiger Zeit in Zollers Büro ging und die beiden Lachhälse die Fassungslosigkeit in seinen Augen sahen, erzählten sie ihm, immer noch unter seltsamer Heiterkeit, von ihrem gestrigen Unfall. Schneider fragte sich, ob der Totalschaden am Fahrzeug wirklich die einzige Blessur war, die der Unfall verursacht hatte.

    Doch es ließ nicht lange auf sich warten, dann war auch Schneider von der allgemeinen Heiterkeit angesteckt und sie stellten, mit Radiergummis, Zigarettenschachteln, Feuerzeugen und einer Heftzange den Unfallhergang nach, worauf Schneider einen eigenen Unfall zum Besten gab, Wanzke wiederum den seinen, einmalig katastrophalen. Und sie lachten um die Wette über die purzelnden Zigarettenschachteln, die Crashs der Heftzange mit dem Feuerzeug und besonders über die Flut von Konfetti, die sich über den Schreibtisch ergoss nach einem infernalischen Zusammenstoß der Zigarettenschachtel mit dem Locher.

    In diese ausgefallene Stimmung kam der Chef des Hauses, Direktor Hammann mit dem Hamburger Gast ins Zimmer und bald standen und saßen fünf ausgewachsene Männer um einen freigelegten Schreibtisch und spielten mit Zigarettenschachteln, Feuerzeugen und der Heftzange diesen und andere erlittene oder bekannte Unfälle nach, bis Hammann, der erst zurückhaltend dann schließlich doch mit Emphase einen eigenen Unfall zum Besten gegeben hatte, in Richtung Zoller und Wanzke sagte: „Das nächste Mal lassen Sie sich gefälligst im Krankenhaus untersuchen! Ich kann mir nicht nachsagen lassen, die Fürsorgepflicht für meine Beamten verletzt zu haben.“

    Dann nahm er den Hamburger Gast beim Arm und sagte: „Wir gehen jetzt lieber zum Kollegen Haller in das K neun, da wird hoffentlich ernsthaft gearbeitet!“

    Als die verbleibenden drei Beamten die Türe zugehen sahen, wussten sie immer noch nicht, was Hammann eigentlich von Ihnen gewollt haben könnte. Doch war nun die heitere Luft raus, man konnte sich gewichtigeren Dingen zuwenden.

    Schneider holte eine Mappe hervor, legte sie vor Zoller auf den Schreibtisch und sagte: „Dies ist der Bericht über den Unfallverursacher und das Fahrzeug. Es handelt sich um einen älteren Mercedes zweihundert, Farbe beige-braun, offiziell Impala-metallic. Wie die Antilope; obwohl ich nicht glaube, dass es metallicfarbene Antilopen gibt.“

    „Ich kenne Impala nur als Cheverolet“ warf Wanzke wissend ein.

    „Und?“, fragte Zoller, den Einwurf Wanzke’s umgehend.

    „Der Wage war gestohlen gemeldet.“

    „Hm“ machte Zoller und trommelte mit den Fingern auf der Schreibtischplatte, „Weiß man was über den Fahrer?“

    „Bis jetzt nicht. Vielleicht findet die PTU ja Fingerspuren und vielleicht lassen die sich dann noch zuordnen.“

    „Ein Unfall mit einem geklauten Wagen!“ Wanzke lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück, dass es knackte. „Meinst du, da steckt was dahinter?“ Er blickte Zoller erwartungsvoll an.

    „Kann, muss nicht. Entweder war der Dieb saublöd, mit einem gestohlenen Wagen gleich einen Unfall zu bauen, oder der Unfall war beabsichtigt. Was hätte das aber für einen Sinn? Zwei Kriminalbeamte auszuschalten, wenn man weiß, dass dann andere kommen, mit denselben Untersuchungsergebnissen und Wut im Bauch!“

    „Außer, man will Zeit gewinnen“ warf Schneider ein, „um Spuren zu verwischen.“

    „Warten wir ab, was die Untersuchungen bringen. Wer ist der Besitzer des Wagens?“

    „Ein kleiner türkischer Obsthändler aus Kreuzberg.“

    „Nichtsdestotrotz sollte man ihn schon befragen.“

    Schneider nickte.

    Mit dem Klopfen an die Tür kam Katharina auch schon herein. Ihr rotblonder Pferdeschwanz wippte nur so, als sie geschwind auf die Männer zuging und Zoller eine Mappe zureichte. Ihr „Morgen allerseits!“ wurde durch gemurmeltes „Morgen!“ beantwortet.

    „Neuigkeiten, Neuigkeiten! Die werden Euch interessieren!“ Katharinas Augen strahlten.

    „Was ist das?“ fragte Zoller und nahm zögerlich die Mappe in Empfang.

    „Brisant bis explosiv!“ Katharinas Augen leuchteten. „Ganz habe ich es auch nicht verstanden, aber soweit ich durchblicke, war unser toter Doktor Mandelstein am Tode einer Frau beteiligt. Und das Tollste: Die Frau scheint die Verlobte von einem Dr. Mommsen gewesen zu sein. Ich glaube, du hast diesen Namen im Zusammenhang mit dem Fall schon einmal erwähnt.“

    „Das wäre wirklich brisant!“ Zoller öffnete die Mappe und besah sich die Blätter. „Woher hast du das?“

    Alle Augen richteten sich auf Katharina. „Aus einer geheimen Quelle.“

    „Du weißt, dass das nicht ausreicht.“

    Nach einer Weile des Überlegens sagte sie: „Er war früher beim BND und beim Verfassungsschutz – sagt er.“

    „Den Namen!“ sagte Zoller ruhig und blickte Katharina gerade in die Augen. Die schürzte die Lippen, dann sagte sie: „Also ich kenne ihn hauptsächlich unter seinem Vornamen Franky, aber er heißt Frank von Hagen. Wenn das sein richtiger Name ist, denn er war auch bei der Fremdenlegion.“

    „Und woher hat er das?“ Zoller deutete auf die Mappe.

    „Das musst du ihn fragen. Ich dachte, Ihr wäret froh, solche Informationen zu bekommen und nun zickt Ihr!“

    „Niemand zickt, wir müssen nur sicher gehen können, dass die Informationen sauber sind und nicht gefälscht!“

    „Na dann prüft sie doch!“ schnaubte Katharina.

    Wanzke war aufgestanden und hatte seinen Sitz für Katharina frei gemacht. Diese aber wollte jetzt keinen Gebrauch davon machen und stand unschlüssig, ob sie bleiben oder gehen sollte.

    „Bitte, Katharina, setz dich doch erst einmal hin und lass mich diese Informationen einmal überfliegen.“

    Zoller vertiefte sich in die Akte, Schneider kratzte sich am Kopf und Wanzke lächelte Katharina zu und schob ihr den Stuhl unter. „Er ist noch etwas durcheinander von dem Unfall“ sagte er leise zu Katharina.

    „Was für ein Unfall?“

    Wanzke schilderte ihr in kurzen Worten, was gestern geschehen war.

    „Warum sagt mir das denn keiner?“ rief Katharina, so dass Zoller von seiner Lektüre aufblickte.

    „Aber ich habe es dir doch gerade erzählt“ stammelte Wanzke hilflos.

    „Ach der Unfall gestern, halb so schlimm, nur meinen Wagen hat’s schwer erwischt. Ich bin vollkommen in Ordnung. Bei Fritz bin ich mir nicht so sicher.“

    Dieser schaute einen Augenblick auf Zoller und sagte dann: „Gut Chef, dann habe ich ab sofort Narrenfreiheit.“

    „Bevor du diese auskostest, möchte ich allerdings, dass du einmal klärst, wer damals in dieser Privatklinik das Sagen hatte.“ Damit reichte er ihm den Ordner. „Ralf, hilf ihm und achte darauf, dass unser Narr sich nicht zuviel der Freiheit nimmt! Und prüft einmal, ob die Abkürzungen mit den mutmaßlichen Namen, die dieser Franky dazu geschrieben hat, übereinstimmen. Besonders achtet auf den Juristen Wolfgang M. aus dem Zeitungsartikel.“

    Die beiden Angesprochenen gingen ins Nebenbüro. Zoller wandte sich zu Katharina. „Also wenn das stimmt, was ich überflogen habe, müssen wir heute noch weitere Befragungen machen. Erstaunlich, an welche Informationen deine Leute herankommen. Erst dieser Martin in München, jetzt der Franky aus Berlin, bin gespannt, wen du noch aus dem Hut zauberst.“

    „Hauptsache, es hilft zur Aufklärung, oder? Namen sind Schall und Rauch.“

    „In diesem Fall sind Namen, ich meine die Namen der Tatbeteiligten und des Opfers sehr wichtig, denke an den Herrn, der zunächst Mandelstein heißt und dann plötzlich als Mündel auftaucht. Aber darf ich dir etwas anbieten? Kaffee?“

    Katharina verneinte.

    Plötzlich ging die Türe auf und Wanzke stand im Raum. Er hielt einen Zettel in der Hand und sagte: „Ein dicker Hund!“

    Zoller schaute ihn entgeistert an.

    „Hier, schwarz auf weiß: Ein Doktor Horst Heber war damals Chefarzt in der Privatklinik eines Professor Hennemann, dort, wo die junge Frau durch eine Überdosis Schmerzmittel ums Leben kam!“ Er zog sich einen Stuhl herbei und setzte sich schnaufend an den Schreibtisch. Zoller las den Zettel.

    „Heber! Was hat Professor Heber mit dem toten Mandelstein zu tun? Außer, dass sie sich von früher kannten?“

    „Da ist Woronzeff das Bindeglied“ sagte Wanzke.

    „Und Mommsen!“ rief Schneider aus dem Nebenraum. Schon stand er in der Tür und berichtete: „Ganz eindeutig ist der besagte Dr. Wolfgang M. unser Anwalt Doktor Mommsen. Die tote Patientin war seine Verlobte.“

    „Jetzt einmal zum Mitschreiben“ Zoller nahm wirklich ein leeres Blatt und schrieb die Namen auf. „Wir haben den einen Toten, den Mandelstein. Dieser kannte von früher den Dr. Heber und den Dr. Mommsen.“

    „Halt, den Dr. Mommsen muss er nicht persönlich kennen und Mommsen muss dem Mandelstein nicht unbedingt begegnet sein“ überlegte Schneider laut.

    Katharina saß in der Mitte und verfolgte die Gedankengänge der Kriminalbeamten.

    „Aber heute kennen sie sich“, konstatierte Zoller.

    „Allerdings als Mandelstein und Mommsen, nicht als Mündel, wie der Mandelstein früher hieß.“ Wanzke hatte den Stuhl gedreht, so dass er seine Arme auf der Lehne verschränken konnte.

    „Wenn der Anwalt Mommsen weiß, wer sich hinter dem Mandelstein verbirgt, nämlich der Verantwortliche für den Tod seiner damaligen Verlobten, warum macht er heute Geschäfte mit ihm und wirft ihn nicht einfach hinaus?“ Zoller überlegte.

    „Vielleicht plante er Rache und hat ihn umgebracht?“

    „Mit vergiftetem Konfekt?“

    „Warum nicht?“

    „Mommsen scheint mir vielmehr wie einer, der den Gegner eher bankrott macht, anstatt ihn umzubringen.“

    „Und wer hat den Doktor Ammerschläger auf dem Gewissen? Auch Mommsen?“

    „Ein Mord nach dem anderen, bitte!“

    „Also der Mandelstein ist die zentrale Figur. Schön. Er kennt Mommsen, kennt diesen Russen, den Woronzeff, kennt den Doktor Heber von früher, jetzt Professor Heber. Ist doch naheliegend, dass einer davon der Täter ist.“

    „Der Mandelstein kannte aber auch den Hauser, diese undurchsichtige Figur. Kannte den Benny aus München, die Pensionswirtin und deren Vertretung, die Olga, die wir aber zunächst mehr oder weniger vernachlässigen können, weil sie eher kein Motiv haben.“

    „Und es keine Tat im Affekt war.“

    „Richtig.“

    „Wer hat ein ausreichend starkes Motiv und wer hatte Gelegenheit, diese Mozartkugeln mit Digitoxin zu vergiften und sie in die Pension zu schleusen?“

    „Hat der Mord an Mandelstein etwas mit dem Mord an Dr. Ammerschläger zu tun?“

    „Gut, sprechen wir von Ammerschläger. Seine Frau war in Hamburg und hat ein klares Alibi.“

    „Woronzeff?“

    „Kannte Ammerschläger den Russen?“

    „Professor Heber kannte den Russen, Ammerschläger arbeitete bei Heber, also könnte Ammerschläger auch Woronzeff gekannt haben.“

    „Dafür gibt es keinen Anhaltspunkt.“

    „Doch, den Zettel mit seinem Namen.“

    „Das bedeutet nicht, dass er ihn persönlich kannte.“

    „Und was hätte Woronzeff für ein Motiv, den Ammerschläger umzubringen?“

    „Vielleicht ist Ammerschläger ihm auf die Spur gekommen?“

    In die kurze Gedankenpause fiel schließlich der Name: „Heber?“

    „Heber ist ebenfalls eine Schlüsselfigur. Er hatte Kontakt zu Woronzeff, dieser zu Mandelstein. Und seit heute wissen wir, dass Mandelstein und Heber sich aus alten Zeiten kannten. Heber hatte damals den jungen Mündel, alias Mandelstein, sagen wir gedeckt.“

    „Dadurch war Mandelstein dem Professor noch etwas schuldig, dieser hat es eingefordert, Mandelstein war das zu heiß, er hat abgelehnt und musste sterben. Das hat wiederum Ammerschläger erfahren und erpresste Heber, der dann wiederum ihn umbringen ließ.“

    „Könnte sein.“

    „Oder auch nicht“

    „So kommen wir nicht weiter.“

    „Ganz recht.“

    „Und nun?“

    „Wir müssen versuchen festzustellen, ob eine Verbindung Woronzeff-Heber nachweisbar ist. Wie kommuniziert man heute? Telefon, Handy, Email. Schneider, hier bist du gefragt!“

    „Also Telefonliste, Provider befragen und und.“

    „Eine schöne, zeitgemäße Aufgabe.“

    In diesem Moment schrillte das Telefon auf Zollers Schreibtisch. Alle schauten auf den Apparat. Zoller meldete sich mit Namen. Nachdem er viermal „Ja“ in die Muschel gesagt hatte, legte er auf und blickte hoch.

    „Benny kommt.“ Es klang, als ob er auf die Frage, wie spät es sei, die Uhrzeit genannt hätte.

    Katharina wollte ansetzen: „Apropos Benny -“ Zoller achtete nicht auf sie und sagte, ohne auf die Frage zu warten: „Morgen. Um halb zwei. Hat gerade das Ticket gekauft.“

    Katharina startete einen weiteren Versuch: „Der Benny ist schon öfter -“ Auch dieser Versuch wurde durch die Frage unterbrochen: „Bahnhof Zoo oder Ostbahnhof?“

    „Ich hätte da noch etwas zu Benny – “

    Zoller überging sie ein weiteres Mal. „Samstag, also morgen um halb zwei kommt er an. Wir teilen uns auf. Das heißt, ihr teilt euch auf. Nehmt noch jemanden mit. Per Handy halten wir Kontakt.“

    Katharina schnippte mit dem Finger und meldete sich wie in der Schule. Das wirkte. „Darf ich mal kurz? Apropos Benny. Mir hat Tom erzählt, der Wirt vom Zyankali, dass der Benny schon öfter in Berlin war und das seit einem dreiviertel Jahr und irgendwie als Bote fungiert haben soll.“

    „Was sagst du?“

    „Ja. Und immer hat er in der Pension Am Kreuzberg gewohnt und die Zyankali-Bar besucht!“

    Zoller verschränkte die Arme hinter dem Kopf und sagte: „Das wirft ein neues Licht auf die Sache.“

    Wanzke ließ es sich nicht nehmen: „Und auf unsere Pensionswirtin.“ Dann fügte er hinzu: „Sie hat uns angelogen!“

    „Sie hat uns etwas vorenthalten!“ korrigierte Zoller, „Wir werden sie noch einmal befragen müssen.“

    „Benny beschatten, Wirtin befragen.“ Wanzke machte sich Notizen.

    „Stop! Die Befragung der Wirtin übernehme ich!“

    Katharina fand, dass sie hier nichts mehr verloren hatte, machte zu Zoller ein Zeichen, dass sie ihn anrufen werde und verabschiedete sich.

    Zoller wandte sich an Schneider und fragte: „Haben die Untersuchungen der Diskette von dem Ammerschläger schon irgend etwas gebracht?“

    „Sie sind gerade dabei den Code zu knacken, mit dem er die eine Datei geschützt hat, ich kümmere mich gleich darum.“

    Zoller strich sich über den Kopf. „Diesen Professor Heber möchte ich in die Zange nehmen. Allerdings nicht in seinem Reich, sondern in unserem. Seht zu, dass er morgen Vormittag hier antanzt!“

    „Morgen ist Samstag!“

    „Ja und? Er soll ruhig mitbekommen, dass wir auch am Wochenende arbeiten. Heute kümmere ich mich noch um unseren Notar, der ein knallhartes Motiv hatte.“ Dann schaute er auf die Uhr und sagte: „Aber jetzt habe ich noch einen Termin.“

    Kapitel 20

    „Schön, dass du kommst, Hartwig.“ Weißmüller saß wie ein orientalischer Pascha mit verschränkten Armen hinter seinem Schreibtisch. Hätte man nicht unter seinem Schreibtisch die Beine gesehen, man hätte vermuten können, er säße im Lotussitz dort. Die Sonne schien von hinten auf sein glänzendes schwarzes, glattgekämmtes Haar und verlieh ihm eine Art Glorienschein, so, dass nur die starken Kontraste seines Gesichtes erkennbar waren, deutliche Züge im Schlagschatten verloren gingen. Nur sein großer, hüpfender Schnauzbart verriet, woher die Worte gekommen waren. Vor ihm dampfte die obligatorische Kaffeetasse.

    „Hallo Bela! Du hast Neuigkeiten?“

    „Vielleicht recht wichtige. Möchte dir allerdings erst ein paar Einblicke geben, damit du im Bilde bist, wie brisant die ganze Angelegenheit sein kann.“ Er deutete auf einen Tisch in der Ecke des Raumes, auf dem in wohliger Unordnung Papiere, Akten und Ordner gestapelt lagen. Daneben stand eine unberührte Tasse. Weißmüller stand auf und beide begaben sich zu dem Tisch und setzten sich auf zwei Holzstühle. Weißmüller füllte die leere Tasse mit Kaffee.

    „Schwarz trinkt ihn der Kosak! Übrigens trinken die Kosaken ihn aus Gläsern. Nachdem sie sich die Zähne mit Wodka geputzt haben.“

    Weißmüller nestelte zielsicher aus dem Papierwust eine Landkarte Europas heraus, auf der bunte Striche und Pfeile offenbar Wege kennzeichnen sollten.

    „Du weißt sicher, dass zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts die ‚Schleuserei’ ein Riesengeschäft geworden ist. Sie ist genauso lukrativ wie der gesamte Drogenhandel und damit für die Mafia höchst sensibel.

    Sie hat ein regelrechtes Netzwerk geschaffen aus sogenannten Agencies, die sich spezialisiert haben, Ausreisewillige in westliche Länder zu schleusen, Syndikate wie das türkische oder die chinesischen Triaden, die langjährige Erfahrungen im Schmuggel- und Schleppergewerbe haben. Ein Großteil des Menschenhandels betrifft nach wie vor junge Frauen, die teils freiwillig, weil unter Vorspiegelungen falscher Tatsachen, teils unfreiwillig, also mit Zwang in den glückseligmachenden Westen verbracht werden.“ Er deutete mit dem Finger auf verschiedene Pfeile auf seiner Karte.

    „Bleiben wir bei unserem Woronzeff und seinem Tätigkeitsbereich. Der befindet sich im Nordosten, in den Gebieten Weißrussland, Ukraine, Russland, sogar bis Kasachstan. Die Schlepperwege gehen hier teilweise über Land zu uns, teilweise über die Ostsee nach Skandinavien. Die Schlepper sind Polen, Russen oder sogar Balten. Man schätzt, dass zirka zweieinhalb Millionen Menschen in den Ostgebieten eine Einreise in die EU anstreben. Und diese Syndikate arbeiten hochprofessionell. In den Transiträumen großer Umsteigeflughäfen, in Bahnhöfen und Häfen erfolgt nicht selten professionelle Betreuung durch Kontaktleute. Es gibt hier, wie bei legalen Reiseunternehmen die Möglichkeit, in verschiedenen Klassen zu reisen. Von der ‚Billigschleusung’ bis zur ‚Luxusschleusung’, der Komfortreise mit Einzelbetreuung und Vollservice. Die Preise bewegen sich von zirka eintausend bis zwanzigtausend Euro.“

    Weißmüller machte eine Pause und trank von seinem bitteren, schwarzen Kaffee. Zoller tat es ihm nach. Dann fuhr Weißmüller fort: „Das Gemeine an der Handlungsweise der Syndikate besteht darin, dass sie diese Menschen an sich binden, indem sie sich zunächst mit einer Anzahlung zufrieden geben, nach Ankunft im Zielland den Rest der ‚Reisekosten’

    einfordern und die illegal Eingereisten zu kriminellen Handlungen erpressen. Ebenso wird bei der Schleusung oft verlangt, dass sie Drogen oder Waffen oder Waffenteile in die Zielorte schmuggeln, womit die Geschleusten vor Ort wieder erpressbar sind, weil sie eine strafbare Handlung begangen haben. Unterstützt wird das Ganze auf der anderen Seite durch korrupte Botschaftsmitarbeiter, zum Beispiel in Kiew, die illegale Visa ausstellen und so die Einreise von Illegalen quasi legalisieren.“

    Weißmüller strich über die gewaltige Bürste seines Schnauzbartes, sein Blick zeugte vom Feuer des Ungarn in ihm.

    „Um aber jetzt auf unseren Woronzeff zurückzukommen. Der ist einem international zugehörigen Syndikat zuzuordnen mit Spezialisierung auf den Handel mit Frauen. Und wie wir seit Neuestem wissen, mit Kindern.

    Hast du mal etwas von Childrens Social Corporation gehört in Bezug auf Woronzeff?“

    Zoller schoss es heiß in den Kopf. Da war etwas. Ja, Katharina hatte ihm etwas gesagt, worauf er nicht reagiert hatte. Jetzt fiel ihm der Zettel ein, den er sich damals gemacht hatte, um die Kürzel von Mandelstein immer bei sich zu haben. Er kramte nach dem Zettel.

    „Hier, diese Abkürzung fällt mir ein.“ Er deutete auf den Zettel, Weißmüller beugte seinen Kopf, wobei sein schwarzer Pferdeschwanz fast Zollers Gesicht traf.

    „Genau!“ rief Weißmüller „CSCNS, Childrens Social Corporation Network Systems. Eine amerikanische Firma mit internationalem Internet-Auftritt, Filialen in vielen Ländern, auch muslimischen und buddhistischen. Ganz oben steht –noch- die amerikanische Leitung des ganzen.“

    „Amerikanisch? Ich denke, wir haben es mit einem russischen Syndikat zu tun!“

    „Globalisierung auf allen Gebieten. Warum nicht auch auf dem Gebiet der illegalen Schattenwirtschaft, die Umsätze macht, danach würden sich Konzerne die Hände lecken!“

    „Und alles an der Steuer vorbei.“

    „Das beherrschen legale Konzerne auch, wie wir alle wissen. Zurück zu Woronzeff. Er ist zwar kein Global Player, aber einer der äußerst wichtigen Kontaktleute. Er hat sich hochgearbeitet vom ‚Aufreißer’, der den jungen Frauen den Aufenthalt im Westen schmackhaft macht, über den Hiwi bei Schleusungen bis zu dem, was er heute macht, die Hauptorganisation im norddeutschen Bereich. Sozusagen ein Bereichsleiter, der über jedes Detail Bescheid weiß.“

    „Und was hat er mit den Kindern und den Amerikanern zu tun?“

    „Nicht direkt mit den Amerikanern. Die sitzen in ihren Büros hinter ihren Laptops und vermarkten die Frauen und Kinder. Das Ganze geht zum Beispiel wie bei ebay. Man meldet sich bei dieser als kirchlich-gemeinnützig getarnten Internetfirma an, was nicht ganz einfach ist, da ein Rück-Check erfolgt und man erst nach genauer Durchleuchtung der Person, des Personenstandes und seiner finanziellen Situation ein Passwort bekommt. So gut abgesichert arbeitet nicht einmal der CIA. Hat man das Passwort erhalten, kann man im weitläufigen Netz drauflos suchen, wo ein Kind ist, welches den eigenen Vorstellungen entspricht. Die Kinder kommen aus eigenen Kliniken oder Kinderheimen, wo sie gesammelt und nach Alter, Herkunft, Hautfarbe sortiert, ‚aufbewahrt’ werden. Diese Heime werden oft durch kirchliche und staatliche Gelder unterstützt, was dem Ganzen einen hochlöblichen und legalen Anstrich verleiht und die Händler reich macht.“

    „Ich mag dich gar nicht fragen, Bela, was man für ein Kind bezahlt.“

    „Nach unseren Erkenntnissen ab zwanzigtausend Dollar. Wozu sie allerdings bestimmt sind, als normal aufwachsende Kinder kinderloser Eltern oder sogar als Sexual- oder Versuchsobjekte, kann niemand sagen.“ Es entstand eine Pause.

    Danach fragte Zoller: „Und das Ausschleusen der Kinder wird auch von Woronzeff organisiert?“

    „Von ihm und anderen der CSCNS.“

    „Weiß man, wie die Gelder fließen?“

    „Wenn Zahlungen bargeldlos gehen müssen, gehören die Konten sogenannten ‚Hilfsorganisationen’, die meist steuerbefreit agieren können. Wo es geht, wird bar bezahlt.“

    „Habt ihr Hinweise, dass diese Klinik bei Ferch auch diesem Syndikat zuarbeitet?“

    „Da wir gerade erst angefangen haben, wissen wir noch nicht allzu viel, doch Anzeichen sind vorhanden, besonders, wenn ein Woronzeff mit der Klinik zu tun hat. Wir haben uns jetzt einmal mit den Schweden und den Italienern kurzgeschlossen, die sehr viel Erfahrung auf diesem Gebiet haben, besonders, was den Handel mit Kindern betrifft. Ach ja, die Neuigkeit: Wir haben Hinweise, dass Woronzeff sich von Hamburg auf den Weg nach Berlin macht. Ich gebe dir Bescheid.“

    So betroffen Zoller aus den Büro von Weißmüller gekommen war und je mehr er über den Menschen- und Kinderhandel nachdachte, desto mehr stieg kalte Wut in ihm auf. Wut über so viel Menschenverachtung, Wut darüber, welche Macht der Gott Mammon wieder über Menschen hatte, Wut darüber, wie viel Menschen sich bereit fanden, um seinetwillen jede Menschlichkeit in sich zu töten. Der Tanz um das goldene Kalb hatte nie aufgehört. Die goldene Regel, dass das eigene Glück vom Glück der anderen abhängt geriet mehr und mehr in Vergessenheit.

    Dann gab es noch die Wut in ihm, dass die Verbrecher immer einen Schritt im Voraus waren, die besten technischen, innovativsten Mittel einsetzen konnten und von der Rechtsstaatlichkeit profitierten, zum Beispiel, indem das Abhören von Telefonaten politisch auf zu großen Widerstand stieß, im Volksmund schon ‚Lauschangriff’ genannt wurde, obwohl ‚Lauschabwehr’ gemeint war. Die Wut über die unzureichende, unmoderne Ausstattung nicht nur der Polizei, auch der übergeordneten Stellen, des Bundesnachrichtendienstes, des Verfassungsschutzes. Die neueste Technik fand sich immer zuerst in den Händen und auf den Schreibtischen der Täter. Kein Mensch will den totalen Überwachungsstaat, keiner in einer Welt wie im Orwell’schen Roman ‚1984’ leben. Nur, so lange Syndikate nach Belieben in der Gesellschaft agieren, Firmen gründen und sich noch hinter der Maske der Wohltätigkeit verstecken können, die Ermittler dagegen Angst haben müssen ihnen auf den Schlips zu treten, wenn sie einen ihrer Protagonisten harsch anfassen, um Leben zu retten, so lange blüht das Verbrechen und es lacht der Syndikatboss über die Geschenke und der Terrorist freut sich über die Freizügigkeit, die ihm die wehrlose Gesellschaft beschert.

    In dieser Stimmung griff Zoller sich sein Jackett, ging in den Hof und suchte vergeblich seinen Wagen und seinen Zündschlüssel in der Hosentasche, als ihm sein Unfall einfiel.

    Mit einem Wagen der Fahrbereitschaft fuhr er an den kleinen Wannsee.

    Langsam zog sich der Himmel zu und das frische Grün der Bäume verschmuddelte zu einem grün-grau und die Schlagschatten verloren an Tiefe. Aber vielleicht lag es auch nur an seiner Stimmung.

    Als Zoller vor dem Grundstück ausstieg, spürte er die Windstille wie warme Watte um sich. Ihm fiel auf, dass kein Vogel zwitscherte.

    In der Einfahrt stand der Mercedes von Doktor Mommsen, die Beifahrertüre stand offen, als ob gerade jemand ausgestiegen war, die Haustüre stand ebenfalls weit offen. Zoller ging langsam darauf zu, der Kies knirschte unter seinen Schritten. Als er sich in der Höhe des Wagens befand, hörte er die Stimme der Sekretärin und versuchte, sich an ihren Namen zu erinnern. Da erschien sie auch schon in der offenen Türe. Sie trug einen Aktenordner unter jedem Arm und ihr folgte, sein Jackett und eine Aktentasche in den Händen, ihr Arbeitgeber.

    „Ah, der Kommissar!“ rief sie, als sie ihn erblickte.

    „Guten Tag, Frau Demmler, guten Tag, Herr Doktor Mommsen.“

    „Sie kommen ungelegen. Sie hätten sich von Frau Demmler einen Termin geben lassen sollen.“ Mommsen legte seinen Koffer auf die Sitzfläche des Rücksitzes und darauf sein Jackett.

    Frau Demmler lächelte verlegen und hielt Mommsen die Ordner hin, die er im Kofferraum verstaute. „Im Moment geht es ganz und gar nicht.“

    „Wir sind es gewohnt, ungelegen zu kommen“ sagte Zoller ruhig. Wobei das ‚wir’ nicht den Pluralis Majestatis verkörpern sollte, mit dem der letzte deutsche Kaiser ‚Wir benötigen Sonne!’ seinen Hofmarschällen zurief, wenn er sich dem Volke zeigen wollte, sondern Zoller zielte auf den bescheidenen Pluralis Modestiae ab, der die eigene Person hinter die Funktion zurücktreten lässt.

    Ob Mommsen in diesem Augenblick in der Laune war diese Unterscheidung zu machen, war aus seiner Antwort nicht ersichtlich. Während er sprach, schlug er die Heckklappe zu, ging zur Fahrertür und öffnete diese. „Ich kann auf Ihre Gewohnheiten keine Rücksicht nehmen, und wenn Sie der Kaiser von China wären! Den Herrn Minister (und hier nannte er einen bekannten Namen) lässt man nicht warten und ich bin eh etwas knapp!“ Er setzte sich hinters Steuer und drückte auf die Hupe, wie um jemanden zu rufen. Zoller blieb, wo er stand und erhob nur seine Stimme: „Und wir können bei Mordverdacht die Geduld eines jeden Ministers auf die Probe stellen.“

    Mommsen fuhr hoch und stieg aus. „Mordverdacht?“

    „Mordverdacht. Sie haben uns etwas verschwiegen.“

    In diesem Moment kam Frau Mommsen aus dem Hause und blieb auf den Stufen stehen, als sie Zoller erblickte.

    „Moment,“ meinte Mommsen irritiert, „Schatz, steig’ doch schon mal ein, ich habe einige Worte mit dem Kommissar zu wechseln!“ Er half ihr beim Einsteigen und warf den Schlag zu. Zoller sah, wie Frau Demmler in der Türe stehen blieb und sie einen Spalt offen hielt, um die weiteren Geschehnisse zu beobachten.

    Mommsen ging auf Zoller zu und sagte: „Lassen Sie uns ein paar Schritte gehen. Meine Frau muss nicht alles mitbekommen. Was soll ich Ihnen verheimlicht haben?“

    „Sie kannten Mandelstein.“

    „Ja, das heiß nein, ich kannte Mandelstein nicht, bis zu dem Moment, da ich seine Unterlagen vor Augen hatte.“

    „Da sahen sie, dass er früher Stefan Mündel geheißen hatte.“

    „Richtig.“

    „Und da kam Ihnen die Geschichte mit Ihrer ehemaligen Verlobten wieder hoch.“

    „Ja. Aber Sie glauben doch nicht, dass ich als Anwalt einen Mord plane oder ihn gar ausführe?“

    „Warum haben Sie uns die Tatsache verschwiegen, dass Sie ihn kannten?“

    „Eben um nicht in diesen Verdacht zu geraten!“

    „Sie wissen, wie er gestorben ist?“

    „Mandelstein? Vergiftet, nehme ich an.“

    „Aber durch was?“

    „Was heißt durch was? Durch Gift!“

    „Ein Herzmittel in tödlicher Dosis. In Mozartkugeln. Genau solchen Mozartkugeln, wie Sie sie in Ihrem Büro haben.“

    „Absurd! Ich und Gift in Mozartkugeln! Herr Kommissar!“

    „Sie hatten ein starkes Motiv!“

    Mommsen blieb stehen und nahm Zoller beim Ärmel.

    „Natürlich gingen in mir die Emotionen hoch, doch schauen Sie, es entspricht nicht meinem Wesen, noch meiner Reputation, zu morden. Es gibt diffizilere Methoden, Rache, wenn Sie es so wollen, auszuüben.“ Er schaute Zoller klaren Blickes ins Gesicht. „Wir hatten ein gutes, ein sehr gutes Honorar ausgehandelt und ich hätte an allen seinen Transaktionen nicht unmaßgeblich finanziell partizipiert. Und im Übrigen bin ich sicher, es gibt noch mehr Leute mit starkem, vielleicht noch stärkerem Motiv.“ Es klang wie ein Plädoyer aus dem Stegreif, klang in Zollers Ohren aber recht schlüssig.

    „Da mögen Sie recht haben. Dennoch gehören Sie zum Kreis der Tatverdächtigen und ich muss Sie bitten, die nächste Zeit nicht zu verreisen.“

    Daraufhin hatten sie sich verabschiedet. Ein Satz blieb in Zollers Gedächtnis. Wie konnte Mommsen so sicher sein, dass es noch andere mit starkem Motiv geben könnte, wenn er doch so wenig über den Mandelstein wusste?

    Zoller setzte sich in seinen Wagen und überdachte die Situation. Mommsens Wagen rauschte mit einem kurzen Hupen vorbei.

    Zoller hatte den Motor angelassen und fuhr gerade an, als sein Handy musizierte. Die starken Akkorde der Toccata und Fuge von Bach, piepsig und flach als Handyton, sagten ihm, seine Mitarbeiter wollten ihn sprechen. Er stoppte sofort, denn der Wagen der Fahrbereitschaft besaß keine Sprechanlage, würgte dabei den Motor ab, fluchte ein paar Mal und nahm dann endlich ab.

    Schneider war dran und teilte ihm mit, dass sich ein Herr Vanzow telefonisch gemeldet hätte, um eine Aussage zu machen. Zoller fiel sofort ein, woher er den Namen kannte. Er hatte ihn auf dem Namensschild gelesen, als sie Frau Dehm, die Zugehfrau von Doktor Ammerschläger, besucht hatten. Schneider berichtete in kurzen Worten, dass Vanzow in der Tatnacht eine Person beobachtet hätte, die offensichtlich bei Ammerschläger geklingelt hätte und eingelassen worden sei. Da es Nacht gewesen wäre, täte er sich mit einer Beschreibung schwer, meinte aber, er könnte diesen Mann wiedererkennen.

    Zoller nahm diesen Wink des Schicksals sofort auf und befahl, Herrn Vanzow für den morgigen Vormittag vorzuladen und zwar so, dass er dem Professor Heber begegnen musste. Solange man des Russen Woronzeff noch nicht habhaft geworden war, musste man jede andere mögliche Spur verfolgen.

    Wenn nun auch noch Woronzeff unter Beobachtung stand und man ihn bald von Angesicht zu Angesicht sprechen könnte, würde sich Vieles ergeben, hoffte Zoller.

    Er war gerade zehn Meter gefahren, als sein Handy wieder ausschlug. Er hielt brav am Straßenrand, nicht ohne deftige Verwünschungen.

    Diesmal war es Wanzke, der ihm die Mitteilung machte, man habe den Code von Ammerschlägers Diskettensperre geknackt. Es wäre unglaublich, Zoller müsste sich dies selbst ansehen, bevor man es dem Kollegen Weißmüller zeigte. Zoller beeilte sich nun kräftig, ins Büro zurückzukehren. Die Reifen konnte anschließend ein Lied davon singen.

    Kapitel 21

    Zu den Pfeilern der Polizeiarbeit gehören nicht nur die verschiedenen Dezernate, sondern auch weitere nationale und internationale Einrichtungen wie Inpol, ein nationales innerpolizeiliches Netzwerk, das Bundeskriminalamt als übergeordnete Koordinierungseinheit, Europol, Interpol und der GASP der Europäischen Union, die Institution der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Sie alle bilden die Basis zur Koordination des Handelns zur Bekämpfung des Terrorismus, der Kriminalität, besonders des grenzübergreifenden organisierten Verbrechens, die Grundlage zur abgestimmten Fokussierung und Zusammenarbeit zwischen den einzelnen nationalen Organen wie Polizei, Zoll und Grenzschutz. Nach der Wende 1989/1990 und der damit verbundenen Öffnung der Grenzen, nach Schengen II und dem freien Personen- und Warenverkehr innerhalb der verschiedenen Staaten verstärkte sich automatisch die grenzüberschreitende Kriminalität. Hauptursache dabei ist das Wohlstandsgefälle zwischen der EU und Osteuropa. Zur Verhinderung der Einschleppung unliebsamer Kriminalität wurden verbesserte Abschiebungsmöglichkeiten europaweit eingeführt, doch die erhofften ‚Geschäftseinbußen’ der Schlepper blieben aus, das Gegenteil war der Fall. Kein anderer illegaler Wirtschaftszweig wurde bei ähnlich geringem Risiko so profitabel wie der organisierte Menschenschmuggel. Mit der ‚Ware Mensch’ ließen sich locker zweistellige Milliardenerträge erzielen, was Wunder, dass sich die gebündelte kriminelle Energie auf diesen Markt stürzte, Schwachstellen ausspähte, sich professionell vernetzte und Investitionen in Millionenhöhe nicht scheute, um diese Geldquellen auszubauen und am Fließen zu erhalten und wen sollte es verwundern, wenn man für den Schutz dieses Systems über Leichen ging.

    Gegen diese brachiale, finanzielle und professionell technische Aufrüstung hatten die staatlichen Exekutivkräfte in Form von Polizei, Grenzschutz und Zoll zunächst keine Chance. Sie mussten gegenrüsten, mindestens ebenso leistungsfähige Rechner anschaffen und effektive Netzwerke errichten. Dies grenz- und sprachübergreifend einzurichten, die eigenen Leute zu schulen und gleichzeitig der Fahndungsarbeit nachzugehen glich einer Herkulesarbeit an Koordinierung und Logistik. Und war die eine Arbeit geschafft, stellten sich neue Ziele, hatten die Verbrecher neue Wege gefunden und bessere Techniken installiert. Sie hatten den Vorteil, dass sie bewährte Netzwerke des Drogenhandels nutzen konnten, ständig neue Köpfe einsetzten, Standorte wechselten, die innovativste Technik anwandten, auf die Camouflage von Scheinfirmen zurückgreifen konnten und somit der Polizei immer einen Schritt voraus waren, um nicht zu sagen ihr ständig ein Schnippchen schlugen. Besonders hilfreich waren den international tätigen Verbrecherorganisationen ihr ausgesprochen großes Beziehungsnetz, das supranational oft bis in die höchsten Kreise reichte.

    So gut die Fahnder sich den ständig wechselnden Gegebenheiten auch anpassten, verhindern konnten sie meist nichts. Doch stellten sich Erfolge ein, so auch bei der Fahndung im Internet, da die offiziellen Provider, die Veranstalter und Verwalter der Internetauftritte, sich auf die Seite des Rechts schlugen und der Polizei die Zugangscodes und PIN’s von mutmaßlich verbrecherischen Internetseiten ermöglichten.

    Doch oft war die Ermittlung von Geheimcodes immer noch der Professionalität von Polizeiinformatikern oder der filigranen Findigkeit von einfachen Kriminalbeamten überlassen.

    Genau so einer hatte auch den sechsstelligen Zugangscode zur Diskette des ermordeten Doktor Ammerschläger geknackt.

    Die harmloseren Dateien waren unverschlüsselt: Auf der Diskette fanden sich in Textdateien der gesamte Briefverkehr zwischen Berliner Jugendämtern und Doktor Ammerschläger, allgemein die Adoption eines Kindes betreffend. Dieser Briefverkehr zog sich über zehn Monate hin. Es waren die einzelnen Dokumente separat auf der Diskette gespeichert mit jeweils einem Hinweis auf das betreffende Antwortschreiben. Diese Antworten waren in gescannter Form ebenfalls auf der Diskette vorhanden. Die endgültige abschlägige Entscheidung mit fadenscheiniger Begründung und den Bezug auf allerlei Rechtsvorschriften, Paragraphen und Durchführungsverordnungen lag ebenfalls bei.

    Aus einer Notiz ging hervor, dass Ammerschläger sich nun an andere Institutionen richten wollte.

    Die dazugehörigen Dateien hatte er mit einem diffizilen Code verschlüsselt.

    Es fanden sich Namen Adressen, Telefonnummern und Ansprechpartner verschiedener Institute zur Vermittlung von Kindern zum Zwecke der Adoption. Schließlich gab es Notizen zu Internetseiten, die aus aller Herren Länder Kinder jeden Alters für ungenannte Zwecke anboten. Hier war eine Domain besonders markiert, die den Namen ‚CSCNS.net’ trug.

    Dorthin hatte sich Doktor Ammerschläger in seiner Verzweiflung gewandt, das Unternehmen schien auf ihn einen seriösen Eindruck gemacht zu haben, war auch die Aufmachung des Internetportals durchaus angetan, durch seine Professionalität des Auftrittes Rückschlüsse auf die Achtbarkeit seiner Inhaber zuzulassen. Dies Institut wies sich aus als ein dem Wohl der Kinder der Welt gewidmete Einrichtung mit Kinderheimen in allen Ländern, verbunden dem Gedanken, Kinder vor den Unbillen des Lebens, vor Kriegen, Hungersnöten, Überschwemmungen zu schützen und ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Es zeugte von internationaler Reputation, wies auf namhafte Personen hin, Hochschulprofessoren, Doktoren, Schauspieler, Kinderärzte und Kirchenleute aus aller Welt, die dem Institut höchstes Lob aussprachen und geneigte Interessenten baten, dieser Einrichtung in Form von Spenden, Mitgliedsbeiträgen und sonstigen Zuwendungen beiseite zu stehen. Es wurde auch auf die Möglichkeit hingewiesen, für einen kleinen monatlichen Beitrag eine Patenschaft für eines oder mehrere Kinder der Welt zu übernehmen.

    Darüber hinaus wies das Portal noch einen Link auf, der mit Specials, Adoptionen etc. betitelt war. Klickte man diesen Link an, wurde man aufgefordert, sich einzuloggen, die Mitgliedschaft bekannt zu geben, beziehungsweise, eine neue einzugehen, denn diese Seite mit ihren sensiblen Daten war nur für eingeschriebene, geprüfte Mitglieder zugänglich.

    Doktor Ammerschläger hatte vor einem Monat eine solche Mitgliedschaft angefordert. Es fand sich ein Fragebogen sowie eine Antwort, die drei Wochen nach der Bewerbung per Mail einging. In dieser Antwort wurde für die Dauer der Bearbeitung um Entschuldigung gebeten und kundgetan, der Check auf Seriosität sowie auf Bonität des zukünftigen Mitgliedes sei notwendig, um Schaden von dem Institut und nicht zuletzt von den ihm anvertrauten Kindern fernzuhalten.

    Beigefügt war eine Bescheinigung, dass Doktor Ammerschläger mit Eingang seines Mitgliedsbeitrages von zweitausend Euro und mit Zustimmung des Vorstandes in den Kreis der Förderer des Institutes geführt werde und man ihm hiermit seine persönliche PIN-Nummer übermittle. Es folgte eine Liste mit Namen von Mitgliedern, die alle sehr zu ihrer Zufriedenheit sich hatten von diesem Institut bedienen lassen und sprachen ihr Lob über diese kinderfreundliche Einrichtung aus, die ohne lange Verhandlungswege, ohne schwierige Bewilligungsprozesse, ohne staatliche Eingriffe und Verzögerungstaktiken und ganz legal mit einem internationalen Zertifikat den Kinderwunsch in kürzester Zeit erfüllt hatte. Dann stand da etwas über Listen, die Ammerschläger jetzt per Email abrufen konnte.

    Dies waren die Informationen, die Zoller nach seiner Rückkehr in sein Kommissariat vorfand. Die grundsätzlichen Informationen stammten aus dem Dezernat von Weißmüller, die aktuellen, den Fall Ammerschläger betreffenden, waren vom Kollegen Schneider zusammengefasst. Mit diesen beiden Kollegen befand er sich in seinem Büro.

    Er wandte sich an Schneider: „Was hat es mit den Listen auf sich?“

    „Ich habe hier“ sagte Schneider und legte Zoller ein Papier vor, „die Anfrage von Ammerschläger an die Kindervermittler, die er wohl ohne Wissen seiner Frau abgesandt hatte.“ Es handelte sich um den Ausdruck eines ‚Anforderungsbogens’, in dem Ammerschläger auf einer Eingabemaske verschiedene Punkte angekreuzt hatte zum gewünschten Geschlecht, Alter, Hautfarbe eines zur Adoption ersehnten Babys. „Daraufhin bekam Ammerschläger per Mail diese Blätter.“ Schneider legte zwei Seiten in Farbe ausgedruckt vor, auf denen auf der linken Seite Farbfotos von mehr oder weniger entzückenden Babys und auf der rechten Seite die dazugehörigen ‚Steckbriefe’ abgedruckt waren. Es handelte sich um insgesamt zehn Fotos. Zwei davon waren mit rotem Filzstift markiert. Weißmüller schien diese Listen bereits gesehen zu haben, er saß mit verschränkten Armen da und versuchte, mit der Unterlippe widerborstige Spitzen seines Schnauzbartes zu erwischen.

    „Was sind das für Markierungen?“ fragte Zoller.

    „Die habe ich angebracht,“ antwortete Schneider „weil diese zwei Fotos auch auf einer anderen Liste auftauchen, nämlich auf dieser.“

    Hiermit legte er eine weitere ausgedruckte Liste vor Zoller auf den Schreibtisch. Diese war anders aufgegliedert, enthielt aber auch Fotos von Babys und Kleinkindern, auch Fotos von Kindern im Kindergartenalter mit allen Angaben über Name, Herkunft, Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand, Impfungen.

    „Handelsware!“ sagte Weißmüller und rollte seine braunen Augen.

    „Vielleicht sind es nur Kinder für Patenschaften?“ wandte Zoller ein.

    „Dein Glaube in Ehren!“ Weißmüller schmollte. Zoller wandte sich wieder Schneider zu: „Und woher ist diese zweite Liste?“

    „Gestohlen.“

    „Gestohlen?“

    „Ammerschläger hat sie vom Computer seines Arbeitgebers gestohlen.“

    „Das musst du mir erklären.“

    „Ammerschläger hat in seinen geheimen Aufzeichnungen beschrieben, dass er einige Tage vor seinem Tod im Büro von Heber war, um von ihm etwas über die Therapie einer Problempatientin zu erfragen. Der Professor war nicht da und Ammerschläger wollte im Computer des Professors nachschauen. Wohl per Zufall geriet er in das Email-Programm und entdeckte versendete Listen.“

    „Und das ist solch eine Liste vom Professor?“

    „Genau!“

    Hier schaltete sich Weißmüller ein: „Der Haken ist, wir können nicht belegen, dass diese Liste von Professor Heber stammt. Wir haben nur die schriftliche Aufzeichnung von Ammerschläger.“

    „Also benötigten wir entweder die Original-Fotos oder den Inhalt des Computers vom Professor“ überlegte Schneider.

    „Gut.“ Zoller dachte nach und wandte sich an Weißmüller: „Bela, kannst du morgen früh, wenn der Professor hier antanzt, mit Schneider den Computer in dessen Büro genauer untersuchen?“

    Weißmüller atmete schwer durch. „Hartwig,“ fing er an, „es gibt hier ein Problem. Ich habe heute klare Anweisung von Hammann bekommen. Das Bundeskriminalamt ist an dem Fall dicht dran, ich habe mich bedeckt zu halten, was diesen Fall betrifft.“

    „Was heißt das?“

    „Das heißt, es ist bereits jemand vom BKA angesetzt, wie Hamman mir sagte, und wir sollen nicht durch wildes Gestochere in dem Fall die Pferde scheu machen und ihnen nicht in die Quere kommen.“

    „Was heißt wir? Ich arbeite an einem Mord, genau gesagt, an zwei Morden. Und wenn Heber darin verstrickt ist, kann ich ihn nicht auslassen, nur weil er noch anderweitig in der Scheiße steckt!“

    „Habt ihr denn einen Beweis, dass er ein Mörder ist, oder einen Mord in Auftrag gegeben hat?“

    „Bela, wir sind gerade dabei, herauszuposamentieren, wer, wie, mit welchem Mord zusammenhängt. Und vieles spricht für deinen Professor! Er war Arbeitgeber der beiden Toten, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten. Dazwischen steht ein Herr Woronzeff. Die Zusammenhänge sind schier greifbar!“

    „Das glaube ich dir ja. Nur ich darf selbst nicht in Erscheinung treten. Hammann würde mich in die Ablage versetzen.“ Nach einer Pause sagte er: „Ich werde einige Tage Urlaub machen!“ Weißmüller blickte Zoller an, der sofort verstanden hatte.

    „Wo steckt eigentlich Wanzke?“ fragte Zoller plötzlich.

    „Der wollte noch die Telefonlisten von Heber besorgen und durchgehen.“ Schneider blickte auf die Uhr. „Teufel! Ich muss mich ja sputen! Braucht ihr mich noch?“

    Zoller schüttelte den Kopf und Schneider verzog sich.

    „Kinder als Handelsware! Wie weit soll das noch gehen?“ Zoller blickte sein Gegenüber an. Weißmüller machte ein trübes Gesicht, dann sagte er: „Vielleicht geht es schon weiter als wir glauben.“

    „Wie meinst du das?“

    „Wenn es ja so wäre, dass nur kinderlose Ehepaare sich über diese sogenannten Institute Waisenkinder zur Adoption besorgten. Die Sachlage scheint aber weitaus bedrückender zu sein. Nicht nur, dass derart verschobene Kinder für den Kinderstrich gehandelt werden, es gibt schon Hinweise, dass diese Kinder nach Blutgruppen aufgelistet werden, zu welchem Zwecke, kann man sich leicht denken.“

    „Du meinst -“

    Weißmüller atmete tief durch, dann sagte er: „Mir wäre es sehr recht, wenn ihr ihn wegen Mordes, am liebsten wegen Doppelmordes herankriegen könntet. Dann wäre er wenigstens für längere Zeit aus dem schmutzigen Geschäft. Die Beweislage im Menschenhandel ist sehr schwierig zu führen, weil einer den anderen deckt, weil die Betroffenen eingeschüchtert werden, weil die Verschiebewege sehr lang und undurchsichtig sind und weil oft sehr gute Anwälte an Schlüsselpositionen sitzen. In dieser Branche wird man eher bei der kleinsten Unachtsamkeit von der Mafia umgebracht, als dass diese es zuließe, dass einer vor Gericht aussagen könnte.“

    „Du meinst, dass die Morde darauf hinweisen -“

    „Dass man ihnen auf die Spur gekommen ist, oder man vielleicht mit dem Wissen erpressen wollte. Es geht hier um Milliarden. Auch ein Woronzeff lebt gefährlich.“

    „Ihr habt ja auch keine Hinweise, dass Woronzeff mit dem Professor Heber in direktem Kontakt steht, oder?“

    „Nein, wir hoffen, durch eure Ermittlungen hier selbst auch weiterzukommen. Andererseits nützt uns ein Woronzeff wenig, er ist ein verhältnismäßig kleiner Fisch. Wir wissen nicht, wer in der Sache die Führungsarbeit für Deutschland übernommen hat. Das Netzwerk ist äußerst klug eingerichtet, Firmen hintereinander geschaltet. Wir tappen noch im Dunkeln.“

    „Könnte Heber einer der Köpfe sein?“

    „Eher nicht. Die ausgeklügelte Hierarchie in den Verbrecherkreisen schreibt vor, dass ein Dienstleister, wie es Heber ist, so wichtig er sein mag, keinen verantwortungsvollen Spitzenposten innehaben darf. Die Personen, die aktiv an einer Tat beteiligt sind, dürfen nicht der Führungsriege angehören. Hinter Heber verbirgt sich sicher noch ein administrativer Kopf. In Ungarn ist es ein Botschafter, in Russland vermutet man einen Staatssekretär, in Schweden einen Rechtsanwalt.“

    „Könnte Heber diesen Administrator kennen?“

    „Wenn das ein kluger Kopf ist, bestimmt nicht.“

    Kapitel 22

    Dieser Samstag sollte für die meisten Berliner zu einem der schönsten Samstage in diesem Jahr werden. Die Sonne hatte schon früh die ersten Bürger aus dem Hause gelockt, und wer am Vorabend nicht gepackt hatte, tat es jetzt, um mit S-Bahn, Auto oder Fahrrad an die umliegendes Seen zu fahren oder in den Spreewald, zum Baden, Radfahren und Bootsfahren im Grünen.

    Mindestens einer fuhr in die entgegengesetzte Richtung, vom Grünen in die Stadt. Professor Heber war für diesem Samstagmorgen in das Gebäude der LKA einbestellt worden.

    Zoller war erst gegen zehn Uhr im Büro aufgetaucht, hatte sich einen Kaffee am Automaten gezogen und die Auswertungen der bisherigen Ermittlungen durchgesehen. Um halb elf war Wanzke gekommen, zusammen mit  Herrn Vanzow, dem nächtlichen Beobachter, der den Besucher von Doktor Ammerschläger in dessen letzter Nacht beobachtet hatte. Man hatte ihm einen Kaffee in die Hand gedrückt und ihn im Nebenraum warten lassen, derart, dass er von dort den geladenen Professor Heber ansehen konnte.

    Inzwischen hatten Schneider und Weißmüller sich mit einer Handvoll Spezialisten und einem Durchsuchungsbeschluss vor der Klinik auf die Lauer gelegt, um nach deren Verlassen von Professor Heber, dessen Büros und besonders dessen Computer unter die Lupe zu nehmen.

    Alles war bestens vorbereitet.

    Pünktlich um elf erschien Professor Heber. Er verbarg seine Ungehaltenheit schlecht, setzte sich aber höflich vor Zollers Schreibtisch, biss aber unverkennbar die Zähne aufeinander.

    „Herr Professor Heber,“ begann Zoller, „vorgestern waren Sie so freundlich, uns ein paar Fragen zu beantworten. Heute haben wir einige ergänzende Fragen zu dem Mord an Ihrem Assistenzarzt. Entschuldigen Sie, dass wir Sie an einem Samstag zu uns bitten mussten, aber die Ermittlungsarbeit ließ nichts anderes zu. Bevor wir fortfahren, lassen Sie mich kurz unterbrechen. Herr Wanzke wird Ihnen gerne einen Kaffee bringen.“ Zoller winkte Wanzke, der sich um Herrn Vanzow im Nebenraum gekümmert hatte und ging zu Herrn Vanzow, verschloss die Türe und fragte: „Haben Sie ihn erkannt? War das der Mann, den Sie nachts bei Doktor Ammerschlägers Haus gesehen haben?“

    Vanzow saß in sich zusammengesunken auf dem Stuhl und schüttelte den Kopf und stotterte: „Wie ich schon zu ihrem Kollegen gesagt habe – er könnte es gewesen sein – oder auch nicht – es war so dunkel – sein Gesicht sagt mir nichts – die Statur ja, vielleicht. Es war zu dunkel.“

    „Gut, vielen Dank, Herr Vanzow. Gehen Sie nach Hause!“

    „Danke schön – und es tut mir leid!“ Zitternd stellte er den leeren Becher ab und ging. Zoller benötigte einen Moment, um seine Enttäuschung wegzustecken, fuhr sich mit beiden Händen über die Wangen, dann trat er wieder in sein Büro, setzte sich derart wortlos hinter seinen Schreibtisch, dass Heber nicht daran denken konnte, ihn anzusprechen, öffnete einer Mappe und las darin. In Wirklichkeit suchte er einen Weg, den überheblich da sitzenden Professor außer Fassung und zu Fall zu bringen.

    Wanzke trat ein und stellte ebenso wortlos einen Becher Kaffee vor den Professor auf den Schreibtisch.

    „Wollen Sie mich den Vormittag lang anschweigen?“, fragte Heber ungehalten.

    „Sie dürfen gerne rauchen!“ sagte Zoller freundlich, holte einen Aschenbecher aus einer Schublade und stellte ihn vor den Arzt.

    „Sie rauchen doch? Zigarren, wenn ich mich nicht täusche?“

    Irritiert schaute Heber auf den Aschenbecher.

    „Die Marke Panama Obligado, eine teure und seltene Marke?“ Zoller tat so, als lese er aus der Mappe vor, ohne Heber anzuschauen.

    Heber antwortete nicht. Sein Brustkorb hob und senkte sich und er schnaufte. Zoller las weiter und sagte nach einer Weile: „Die Untersuchungen an ihrem Assistenzarzt ergaben, dass er absolut gesund war, weder an Herzleiden noch anderen organischen Krankheiten litt. Auch nicht an Niereninsuffizienz, die er Ihnen gegenüber erwähnt haben soll.“

    Heber schwieg.

    „Somit hatte er auch keinen Anlass, Digitoxin zu sich zu nehmen, geschweige denn in seiner Hausapotheke aufzubewahren.“

    Von hinten kam die Stimme Wanzke’s: „Wir haben Ihre Frau befragt, wo Sie sich am Tatabend befanden. Wissen Sie, was sie gesagt hat?“

    Heber drehte sich um. „Nein, wie sollte ich!“

    Wanzke schritt hinter dem Arzt auf und ab und sprach mit gut gesetzten Pausen. „Hat sie es Ihnen nicht erzählt? Sie sagte aus, dass sie gegen zweiundzwanzig Uhr dreißig ins Bett gegangen sei, Sie aber im Wohnzimmer zurückließ und nicht weiß, wann Sie ihr ins Bett gefolgt sind.“

    Heber veränderte seine Sitzposition und schlug das andere Bein über und schaute aus dem Fenster.

    „Wozu ist das wichtig?“

    „Sie haben kein Alibi für den Tatabend, die Tatnacht.“

    „Brauche ich ein solches?“ Er lief rot an und blickte auf Zoller.

    Der schaltete sich wieder ein: „Vielleicht, wir werden sehen.“

    Heber sagte sehr gefasst: „Sie werden doch nicht mir einen Mord unterstellen wollen? Ich bin leidenschaftlicher Arzt, leite eine angesehene Klinik. Was sollte ich für ein Motiv haben, meine Klinik, meine Position und mein Einkommen zu gefährden?“

    „Vielleicht sahen Sie gerade dies gefährdet?“

    „Von Doktor Ammerschläger? Dass ich nicht lache!“

    „Den Sie auch nicht besucht haben wollen, vorgestern Abend.“

    „Nein!“

    „Und die Asche?“

    „Welche Asche?“

    „Die Asche in einem Aschenbecher, der sehr gründlich gesäubert worden ist und an einem ungewohnten Platz stand. Ihre Asche!“

    „Es gibt in Berlin vielleicht einige Raucher mehr, die diese Marke rauchen. Und übrigens, was sollte ich für ein Motiv haben, meinen besten Mann umzubringen?“

    „Möglicherweise wusste Ammerschläger etwas über Sie und versuchte, Sie zu erpressen?“

    „Hirngespinste!“ Die Erregung Hebers nahm zu.

    „Genau so ein Hirngespinst wie der Herr Woronzeff, den sie nicht kennen, mit dem Sie allerdings Telefonkontakt hatten, wie sich belegen lässt. Sie haben schön darauf geachtet, dass Sie nur per Pre-Paid-Handy verkehrten, das auf einen falschen Namen lief. Nur einmal hatten Sie in aller Eile zum Festnetzhörer gegriffen. Vorgestern, als wir Sie befragt hatten. Ein Fehler.“

    Zollers Handy ging. „Ja?“ meldete sich Zoller. Er hörte eine Weile zu, machte sich Notizen, dann sagte er: „Schön! Sauber! Bis gleich!“ und legte auf. Dann stand er auf und ging zu Wanzke, der sich immer noch im Rücken von Heber befand, und flüsterte ihm einige Worte zu. Mit zwei Schritten stand er seitlich neben den Professor.

    „Mittlerweile hat man Ihr Büro durchsucht.“

    Heber brauste auf: „Wie kommen Sie dazu? – Haben Sie einen Durchsuchungsbeschluss? – Sie können nicht die sensiblen Akten meiner Patienten – und überhaupt!“

    „Bleiben Sie sitzen!“

    „Was unterstehen Sie sich, so mit mir zu reden, überhaupt mit mir umzugehen!“

    „Setzen Sie sich! Sie sagten, Sie dienen karitativen Zwecken mit Ihrer Klinik?“

    „Ich habe mir nichts vorzuwerfen!“

    „Aber wir! Sie handeln mit Kindern!“

    „Das ist eine Unverschämtheit!“

    „Richtig, das finden wir auch! Mehr noch, es ist menschenverachtend und in höchstem Maße verwerflich und unsittlich. Auf Ihrem Rechner wurden alle relevanten Daten gefunden und sichergestellt. Sie sorgen für elternlose Babys und Kinder und bieten diese der Organisation CSCNS zum Verkauf. Ich weiß nicht, was verwerflicher ist, mit Kindern zu handeln oder einen Mord zu begehen. Jedenfalls gibt es für Mord die höhere Strafe.“

    „Was wollen Sie immer mit ihrem Mord?“

    „Sie täuschen sich, es ist Ihr Mord, denn wir haben den Beweis.“

    „Einen Beweis? Was für einen Beweis?“

    „Auch die besten Ärzte machen Fehler!“

    „Mir ist nie ein Fehler unterlaufen!“

    „Nein?“ Zoller machte eine kurze Pause. „Zum Beispiel mit dem Aschenbecher.“

    Irritiert schaute Heber in Zollers Gesicht. „Aschenbecher? Ich verstehe nicht.“

    „Es geht um Ihre DNA.“

    „DNA! DNA! Was wollen Sie mir nachweisen? DNA in der Asche? Das ich nicht lache!“

    „Der Aschenbecher stand nicht auf seinem angestammten Platz.“

    „Was soll denn das schon wieder heißen?“

    „Übrigens dieselbe DNA wie auf dem frisch weggeworfenen Stummel, den wir in vor Ammerschlägers Haus fanden! Das war der Fehler!“

    Ein fratzenhaftes Grinsen verzog Hebers Gesicht: „Nein, das stimmt nicht! Was wollen Sie von mir? Ich habe genau darauf geachtet -“ Und hier bemerkte er seinen Fehler.

    „Sprechen Sie ruhig weiter, das Band läuft noch!“ Zoller wies auf den Apparat.

    Heber war einige Sekunden still, dann giftete es aus ihm heraus: „Ammerschläger! Ich hätte es wissen müssen! Ein brillanter Arzt, aber ein Moralfanatiker. Aus diesem Grunde wollte ich ihn fernhalten von allen sensiblen Bereichen. Aber er hatte nichts besseres zu tun, als mir zu drohen, meine Existenz zu bedrohen, mein Lebenswerk, für das ich über fünfzehn Jahre gebraucht hatte, es aufzubauen! Ich konnte das doch alles nicht zerstören lassen! Und als er meinen Vorschlag ablehnte – ich wollte ihn zum Chefarzt machen, ihm ein Baby seiner Wahl schenken! – Ich sah keine andere Möglichkeit.“ Er brach zusammen.

    „Und Sie hatten zufällig Digitoxin bei sich?“

    „Ich habe immer Digitoxin bei mir. Ich leide an Herzrhythmusstörung.“

    „Und Sie haben ihm Digitoxin in sein Whiskyglas gegeben?“

    Heber schwieg zunächst, den Blick auf den Boden gerichtet, dann schrie er: „Ja! Ja! Ja!“ Zuletzt klang es, als ob er schluchzte.

    Nach einer Weile begann Zoller erneut: „Da wir gerade dabei sind: Was sagt Ihnen der Name Mandelstein, oder sollte ich besser sagen Mündel?“

    Gefasst richtete Heber sich auf seinem Stuhl auf. „Halt! Auch wenn ich ihn gekannt habe – ich habe mit seinem Tod nichts zu tun! Ich war am Montag, seinem Todestag nachweislich auf einem Ärztekongress in München. Auch wenn Sie es mir nicht glauben wollen, es gibt fünfhundert Zeugen. Ich habe dort gesprochen.“ Er griff wie nebensächlich in seine Jackentasche und entstöpselte ein Fläschchen. Wanzke sprang herbei und entriss es ihm.

    „Das wäre zu einfach“ sagte Zoller und las die Aufschrift: Digitoxin.

    Kurze Zeit später befanden sich Wanzke und Zoller in einer Kneipe am Tresen. Wanzke schlürfte einen Milchkaffee und nippte dazu an einem Cointreau. „Wann ist Dir das mit dem Stummel eingefallen?“

    Zoller sah von seinem Bier hoch und antwortete: „Als mir Schneider erzählte, er habe in der Klinik jede Menge Zigarrenstummel gefunden. Unser Zeuge Vanzow konnte ihn nicht eindeutig erkennen und der Aschenrest im Aschenbecher besagte gar nichts. Entweder – oder.“

    „Jetzt stehen wir noch vor dem ersten Mord, den am Mandelstein. Wie willst du vorgehen?“

    „Die Hauptfrage ist, wer hat ihm die Mozartkugeln vergiftet?“

    „Die Wirtin Isabel?“

    „Sie hat sie ihm gebracht, aber nicht vergiftet das wäre zu offensichtlich. Und sie hatte eigentlich kein Motiv.“

    „Die Putzfrau, Ursula heißt sie, glaube ich, hat nun wirklich gar kein Motiv. Und die Nachforschungen um diese Polin Olga hat auch nichts ergeben. Bleibt noch Benny und Hauser -“

    „Und Mommsen. Und Woronzeff.“ Zoller nippte an seinem Bier und sah durch die Schaufensterscheibe nach draußen.

    „Morgen! Morgen zeigt es sich.“

    Kapitel 23

    Schon von weitem drang ein Summen ans Ohr, tief und geheimnisvoll, wie eine ferne Ankündigung von etwas Ungeheurem. Es war ein Wispern und Wabern wie bei der Annäherung an einen fernen Ozean, dessen Duft man schon wahrnimmt, das entfernte Rauschen und Rollen wie von einem Vulkan vor dem Ausbruch, eine zitternde Spannung in der Luft wie vor einem Zyklon, mehr Ahnung, wie die Tiere sie spüren, mehr eine dunstige Wahrnehmung, ein Knistern und Flüstern von Ungeahntem, das sich leise mehr und mehr näherte. Keiner der Gäste im Straßencafe unterbrach sein Gespräch, der Zeitungslesende fuhr fort zu Lesen, nur der eine oder andere Hund spitzte ein Ohr, fuhr aber gleich fort, in den Ecken zu schnüffeln. Auch die Wellensittiche auf dem Balkon hatten für kurze Zeit ihr Geschnatter unterbrochen. Langsam und unmerklich wie eine Wolke näherte sich das Summen, bald konnte man dumpfe Rhythmen unterscheiden und die Hunde wurden nervöser und zogen an den Leinen, die Sittiche blieben still und der Lesende blickte auf, als ob man ihn angesprochen hätte, wandte dann seine Aufmerksamkeit wieder den schwarzen Zeilen zu. Uniformierte Polizisten unterbrachen ihre Unterhaltung, die Funksprüche mehrten sich und sie schauten in die Richtung, aus der das jetzt zunehmendere Grummeln kam, spannten noch ohne Hektik rotweiße Plastikbänder an metallene Ständer und beobachteten den sehr verhaltenen Verkehr deutlicher und nahmen eine Obachthaltung ein, die den Passanten verdeutlichte, dass die Obrigkeit im Begriffe stand, ihre hoheitlichen Aufgaben wahrzunehmen zu wollen. Als der Zeitungsleser seine Zeitung zusammenklappte, aufstand und sich der Straße näherte, liefen ihm schon einige Jugendliche über den Weg, die juchzend geöffnete Bierdosen schwenkten und sich dem näherkommenden Geräusch entgegenschwangen. Die Passanten, die sich eben noch mitten auf der Straße tummelten, bildeten schwätzend und lachend unter der Aufsicht der Polizei eine breite Gasse und ließen die Straße frei. Tausende von Blicken richteten sich in die Ferne und sogen erwartungsvoll an ihr, als ob damit das Annähern des Zuges beschleunigt werden könnte. Man versuchte zu erkennen, was noch im matten Dunst lag und so vielversprechend rumorte. Die Straßen füllten sich mehr und mehr mit buntem Volk. Manch einer versprach sich von der anderen Straßenseite einen besseren Blick und wechselte dorthin, andere liefen herüber, weil es auf dieser Seite eine Currybude gab oder weil ihnen der Brennstoff ausgegangen war. Viele trugen Strohhüte und Baseballmützen gegen die Sonne, aber alle ein Frühlingslächeln in den warmen Tag hinein. Je näher die nun unterscheidbaren Rhythmen kamen, desto enger wurde das Gedränge am Straßenrand, jeder versuchte ein Plätzchen zu ergattern und dies zu verteidigen. Dann kamen die ersten, ungeschmückten Begleitwagen des Umzuges und wurden mit lauten Hallo, Klatschen und Rufen begrüßt.

    Zoller und Wanzke hatten es gerade noch geschafft, vor der totalen Sperre durchzukommen und berieten sich, des nahenden Lärmes wegen im Auto.

    Wanzke berichtete von der Observierung Bennys, die ergeben hatte, dass er sich ein Taxi gegriffen hatte, mit dem er folgende Wege gefahren sei: Zuerst in den Lustgarten, vor dem Berliner Dom, dort offenbar mit jemandem verabredet, der nicht gekommen war, dann zur Pension, wo er einige Minuten verschwunden wäre. Von dort sei er in eine Kneipe gefahren, aus der er mit einer Sporttasche wieder erschien. Diese hatte er zu einem Bekannten gebracht und sei ohne diese schließlich in die Pension zurückgekehrt.

    Die Befragung des Wirtes der Kneipe hatte ergeben, dass Benny seit längerer Zeit durch diese Kneipe hindurch in den Hinterhof gegangen sei, wo er einen Keller aufsuchte. Recherchen hatten ergeben, der Keller sei vor langer Zeit von einer Isabel Hartmann als Unterstellplatz angemietet worden und stehe ihr immer noch zur Verfügung.

    Die Sporttasche hatte man sichergestellt. Der Inhalt: Heroin, Medikamente und eine erkleckliche Menge Geldes. Der Bekannte, zu dem Benny die Tasche gebrachte hatte,  wusste natürlich von nichts, dafür wartete er in Untersuchungshaft.

    Zoller und Wanzke gingen unter dem Schild ZYANKALI vorbei und verschwanden im Eingang zur Pension. Von oben drangen ihnen schwere Samba-Rhythmen entgegen, als ob die Pension ein zweites Zentrum für den Karneval wäre. Vor der Rezeption bewegte sich Isabel Hartmann zu den südamerikanischen Klängen wie eine Tänzerin.

    „Ah, der angekündigte hohe Besuch! Will der Herr Graf ein Tänzchen wagen?“ Mit diesem Mozart-Zitat nahm Sie Zollers Arm und zog ihn zu sich. Noch vor wenigen Tagen wäre ihm diese Annäherung angenehm gewesen, ja er hätte sie sich gewünscht. Heute stand es anders. Er machte sich vorsichtig frei und sagte ruhig und bestimmt: „Können wir den Karneval auf später verschieben?“

    „So ernst an diesem herrlichen Tag?“

    „Für wen er herrlich wird, wird sich noch zeigen. Wir müssen zunächst dringend in Ruhe mit Ihnen sprechen!“

    Isabel ging zum Rekorder und schaltete ihn ab. „Bitte!“ sagte sie und bat die beiden Polizisten in das Frühstückszimmer, auf dessen Boden Konfetti verstreut lag.

    „Meine Gäste sind begeistert“, sagte sie wie entschuldigend und bot den beiden Beamten Sitzplätze an.

    „Frau Hartmann, zunächst die Frage, wo befindet sich Benny?“

    „Noch auf seinem Zimmer. Benny und Herr Hauser. Beide sind noch auf ihrem Zimmer. Alle anderen sind auf der Party draußen.“

    „Sie hatten uns verschwiegen, dass Benny schon sehr oft bei Ihnen Gast war.“

    „Ich hielt das nicht für relevant.“

    Zoller blickte zu Wanzke, der sich räusperte und sagte: „Wir halten es für sehr relevant, dass Sie den beiden, ich meine Mandelstein und Benny, über Monate ihren Keller zur Verfügung stellten, damit sie dort ihre ‚Ware’ aufbewahren konnten.“

    Isabel schwieg, errötete und schaute zu Boden.

    „Sie haben sich der Hehlerei schuldig gemacht.“

    „Aber ich wusste doch nicht, was die beiden dort lagerten!“

    „Sie haben Geld dafür bekommen?“

    Nach einer Pause schaute sie auf und sagte: „Ja. Aber Sie wissen ja nicht, wie wenig eine Pension in dieser Gegend abwirft und ich wollte es meinen Gästen eben schön machen.“

    Zoller sagte kühl: „Was Sie tun ist, die Sache schön zu reden. Wie viel haben sie bekommen?“

    „Fünfhundert.“

    „Im Monat?“

    Sie nickte.

    „Gut, das interessiert höchstens den Fiskus.“

    „Ich habe ihm auch gestern sofort gekündigt und gesagt, ich mache das alles nicht mehr mit! Er hat mir abends die Schlüssel zurückgegeben.“

    Hauser erschien in der Tür und klopfte an den Türrahmen.

    „Entschuldigen Sie, störe ich?“

    Wanzke stand auf. „Nein, aber die Befragung ist erst in einer halben Stunde.“

    „Ich weiß, doch dürfte ich den Herrn Hauptkommissar Zoller für einige Minuten sprechen? Alleine. Es ist durchaus wichtig.“

    Zoller stand auf und verschwand mit Hauser in dessen Zimmer.

    Wanzke bat Isabel, Zoller auszurichten, er warte unten vor dem Haus.

    Dort wollte Wanzke  den Trubel des Karnevals der Kulturen aus interessierter Distanz beobachten. In der Toreinfahrt begegnete er

    Ursula Maschke, der Haushälterin der Pension, in beiden Händen pralle Tüten und unter dem Arm ein in weißes Papier geschlagenes Paket.

    „Junger Mann!“, rief sie ihm zu „Sind se mal so nett, könnten se mal die Türe zum Hof aufhalten?“ Wanzke tat, worum sie ihn bat, und da er grundsätzlich ein hilfsbereiter Typ war, fragte er sie, ob er ihr etwas abnehmen könnte. Sie waren sich vorher nie begegnet, doch ein Beobachter hätte sie für ein eingespieltes Ehepaar halten können, wie er sich anschickte, ihr das Paket unter dem Arm abzunehmen und ihr die Türe aufhielt. Beide wohlgenährt und gut im Saft. „Det is aber grenzenlos charmant wie se det machen!“, sagte sie glucksend.

    „Ick muss nur schnell die Sachen in die Kammer legen, bin schon spät dran, wissense, so ne Pension macht schon Arbeit.“ Bei Wanzke fiel der Groschen, der ihm sagte, es müsse sich bei der lustigen Person sicherlich um Ursula, die gute Seele der Pension, handeln.

    Während sie eine Türe im Hof aufschloss, in die Kammer ging und die Tüten abstellte, berichtete sie: „So ne Pension läuft nich alleene, hab den janzen Vormittag jebügelt, aber die Taxe konnte nicht vorfahren wegen des Karnevals. Aber was halten Sie die ganze Zeit das Paket mit der Wäsche in die Luft, legen Sie sie hier ab!“

    Sie wandte sich wie mit einem Geheimnis an Wanzke. „Heute will der Kommissar die Sache mit dem Mord aufklären. Haben Sie auch gehört, was? So’n feiner Dokter, hinjerafft von giftigem Konfekt. Laufe seit Tagen echauffiert herum und denke nach und ventiliere, wer es gewesen sein könnte. Ick hab ja so einen Verdacht auseruiert. Det muss mit dem Russen zu tun haben, der ist auch öfter im Zyankali verkehrt. Na, bald wissen wir mehr und ick kann mir endlich abechauffieren.“

    Kapitel 24

    Zoller saß auf der Fensterbank mit dem Rücken zum geschlossenen Fenster des Frühstücksraumes und schaute in die Runde vor ihm. Von draußen drang das dumpfe Pochen von Pauken- und Trommelschlägen herein, fast wie zu einer Hinrichtung, wäre es nicht von ferne durch brasilianische Klänge überlagert.

    In einem der beiden roten Fauteuils saß Isabel Hartmann, in ihrem exzentrischen, farbklecksigen Kostüm und rauchte eine Zigarette nach der anderen aus einer langen Spitze. Ab und zu klopfte sie diese auf einem kristallnen Aschenbecher ab. Ihr Haar hatte sie locker zu einem dunklen Knoten zusammengewurschtelt, aus dem lange, farbige Federn in die Luft ragten und bei jeder kleinsten Kopfbewegung durch die Luft peitschten. Sie sah aus wie eine Sambakönigin. Der Sessel ihr gegenüber war frei geblieben. Neben ihr auf der roten Couch saß Olga Wolaniska und zupfte an ihrem eng sitzenden, schwarzen Kostüm. Benny saß abseits an einem Tisch und nippte an einer Cola. Er schien wie in Gedanken, die zusammen mit seinen Blicken von Tupfen zu Tupfen der Konfettispur am Boden folgten.

    Im Türrahmen gelehnt stand Hauser in grauem Anzug und schaute gelangweilt von der Rezeption zu Zoller und zum Eingang hin, wo Schneider den fehlenden Gast erwartete. Aus der Küche vernahm man Geschirrklappern. Wanzke hatte sich an einem Tisch in der Nähe von Zoller niedergelassen und hütete ein Aktenbündel, in das er immer wieder Einblick nahm, wie um sich zu vergewissern, dass das, was dort geschrieben war, nicht abhanden kommen konnte.

    „Worauf warten wir?“ fragte Isabel, sich eine neue Zigarette anzündend. Alle schauten auf Zoller.

    „Wir warten auf Herrn Doktor Mommsen.“

    „Was hat Mommsen denn mit dem Tod von Mandelstein zu tun?“ Isabel blies gekonnt den Rauch in den Raum.

    „Diese Zusammenhänge wollen wir hier gerade klären.“

    Zollers Handy ging. Er hörte kurz hinein und sagte: „Doktor Mommsen hat sich im Karneval der Kulturen verfangen, kommt aber jeden Moment.“

    „Eigentlich wollte ich den Umzug sehen und mittanzen! Und nun sitze ich hier nutzlos herum!“, beschwerte sich Isabel.

    „Ganz nutzlos sind Sie hier sicher nicht und der Umzug dauert doch noch Stunden“ beruhigte sie Zoller.

    Zollers Handy tanzte schon wieder, diesmal zum Forellenquintett. Er hörte einen Augenblick hinein, sagte „Ah, sehr gut“ und schließlich „Du weißt ja, wo es ist. Aber denke an den Karneval, die Straßen sind zu!“

    Geräusche an der Eingangstür zogen die Aufmerksamkeit aller in diese Richtung. In der Tür erschien Doktor Mommsen in silbergrauem Sommeranzug noch schwer atmend vom Treppensteigen, grüßte allgemein in den Raum, blieb in der Türe stehen und sah sich um.

    Zoller wies auf einen freien Sessel. Mommsen setzte sich und zog die Falten seiner Hose glatt.

    „Frau Maschke, würden Sie bitte auch zu uns kommen?“ Aus der Küche kam Ursula, verschwitzt, ein Handtuch in Händen knäulend und setzte sich auf den zunächst stehenden Stuhl. Zoller stand auf und sprach: „Ich nehme an, dass die meisten der Anwesenden sich bereits kennen. Wie Sie alle wissen, sind wir hier, um den Mord an Herrn Mandelstein zu klären.“ Er machte eine Pause, verschränkte die Hände hinter seinem Rücken und ging, während er sprach, ein paar Schritte auf und ab.

    „Herr Mandelstein starb an einer Mozartkugel, die mit Digitoxin vergiftet war. Digitoxin ist ein handelsübliches Herzmittel. Eine Überdosis ist tödlich. Aber eine Tötungsart, die nicht aus einem Affekt geschieht, sondern geplant sein musste. Wer hatte Motive, ihn umzubringen? Wer profitiert von seinem Tod, oder wie es so schön in der Sprache der Mediziner und Anwälte heißt: cui bono?“ Er machte eine Pause.

    „Fangen wir bei Mandelsteins nächsten Umgebung an. Die liegt in München und so machten wir uns Gedanken, wer aus München denn ein Motiv haben könnte, den allgemein recht unbeliebten Herrn Mandelstein um die Ecke zu bringen.“

    „Benny!“ Zoller wandte sich ihm zu. Benny schreckte leicht auf, als er seinen Namen hörte. „Ich darf Sie doch weiterhin so nennen?“ Der Angesprochene nickte.

    „Sie sind – sie waren der engste Vertraute und ein Bindeglied zwischen München und Berlin. Sie wussten, dass Ihr Freund unheilbar an Krebs erkrankt war. Sie waren sein, wie sagt man heute, sein Lebensabschnittsgefährte? Ihr Geliebter und Sie waren dabei, sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Mit viel Geld. Ihr Freund war Geschäftsmann, wenn man auch die Art der Geschäfte verurteilen mag und muss. Aber als klar denkender Geschäftsmann dachte er auch an seinen Tod und die Geschäfte danach. Er dachte an Sie. Und deswegen verfasste er ein Testament bei Doktor Mommsen. Doch plötzlich fühlte er sich veranlasst, sein Testament dahingehend zu verändern, indem er die Geschäftsanteile nicht mehr Ihnen alleine übertragen wollte, sondern einen Geschäftsführer als Treuhänder dazwischen schalten wollte. Herr Hauser hatte ihren Streit mitbekommen, währenddessen Sie sich ereiferten, er würde sie ‚enterben’. Und Sie hatten gedroht, sich das nicht gefallen zu lassen. Sie hatten das eigentliche Motiv. Doch Sie reisten ab, waren zur Tatzeit nicht mehr in Berlin!“

    Zoller schaute sich im Raume um.

    „Jeder hat in irgend einer Form mitgewirkt, dass es zum Tode von Herrn Mandelstein kam. Sie Isabel, haben die tödlichen Mozartkugeln überreicht. Sie, Olga, haben sie besorgt und verwahrt, doch auch Ursula hatte sie in der Hand und hätte sie mit dem Gift versetzen können.“

    Zoller setzte sich wieder auf die Fensterbank. „Aber die Motive? Was sollte Frau Hartmann für ein Motiv haben? Olga Wolaniska? Oder die gute Seele des Hauses, die Zugehfrau Ursula Maschke? Kannten Sie den Toten von früher? Hatte sich hier und jetzt eine Motivlage aufbauen lassen, die eine von ihnen zum Mord anregen konnte? So viel wir auch ermittelten, wir fanden bisher keinen Zusammenhang. Eine Sekunde bitte!“

    Katharina erschien in der Rezeption. Zoller ging schnell zu ihr hin und sie wechselten einige Worte. Sie zeigte ihm eine Mail, die er kurz überflog, dann ging er wieder in den Raum hinein.

    „Allerdings Sie, Herr Mommsen, hatten ein ausreichendes Motiv. Sie kannten Herrn Mandelstein, noch bevor er diesen Namen angenommen hatte. Sie machten ihn verantwortlich für den Tod Ihrer Verlobten, als Herr Mandelstein damals unter dem Namen Mündel hier in Berlin als Krankenpfleger in einer Privatklinik eines Doktor Heber tätig war. Dieser Doktor Heber hatte damals den Krankenpfleger Mündel gedeckt, als dieser Ihrer Verlobten Schmerzmittel spritzte, die er in seiner Stellung nicht verabreichen durfte und sich prompt in der Dosis vergriff. Sie konnten damals gegen die gefälschten Aussagen nichts ausrichten. Aber jetzt! Als er jetzt nach elf Jahren wieder in Berlin auftauchte, und Ihnen von Frau Hartmann als neuer Klient empfohlen wurde, stellten Sie fest, es handelte sich um den damaligen Mörder Ihrer Verlobten. In Ihrem Hause gab es Mozartkugeln, wie ich selbst mitbekam. Was liegt näher, als aus Rache diesen Mann zu beseitigen? Sie waren am Mordtag bei ihm, hätten ohne weiteres die Möglichkeit gehabt, vergiftete Mozartkugel zu hinterlassen, die ihre Frau noch mittags gekauft hatte und die nur noch von Ihnen präpariert werden mussten. War Ihr Hass noch so groß nach elf Jahren? – Oder war es doch Benny?“

    Der angesprochene zuckte zusammen. „Nein!“ rief er entsetzt, schaute von Zoller zu Hauser und sagte: „Was ist mit Hauser? Der ist überhaupt noch nicht erwähnt! Und der Russe? Woronzeff? Der ist nicht einmal hier! Der kann es genauso gut gewesen sein!“

    „Gut, nehmen wir Herrn Hauser unter die Lupe. Zu Woronzeff werden wir noch kommen. Auch Hauser hatte zeitweise in München gelebt, konnte durchaus den Toten von dort gekannt haben. Überhaupt! Welchen Geschäften ging der Tote nach? Benny? Wissen Sie das? Wissen Sie, was hier gespielt, was hier aufgezogen werden sollte?“

    Benny schwieg.

    „Vielleicht wissen Sie es wirklich nicht. Vielleicht nicht die ganze Wahrheit. Ihr guter Freund, Ihr ‚Doktor’, wie er sich nennen ließ, wollte sich in einen Kinderhandel einkaufen. Kinder aus dem Osten, verscherbelt in den Westen an reiche, kinderlose Familien oder an Päderasten oder an Organkliniken. Und hier haben wir auch die Verbindung zu Herrn Hauser. Nachweislich ist Hauser des öfteren in genau die Länder gereist, aus denen die Babys stammten, die verschachert werden sollten. Vielleicht sah Hauser in der Person von Mandelstein Konkurrenz und brachte ihn deswegen um? Mord in diesen Kreisen ist aus solchen Gründen durchaus üblich. Herr Hauser! Kommen Sie, sprechen Sie!“

    Alles schaute auf Hauser, der sich gerade machte und nach tiefem Durchatmen begann: „Alle hier kennen mich als den Dauergast, den Schöngeist, der sich hier das Leben gut sein lässt. In Wirklichkeit bin ich ein Undercoveragent vom BKA und genau auf das angesetzt, was Hauptkommissar Zoller eben erwähnt hat. Menschenhandel, speziell Kinderhandel. Und unser Mandelstein war gerade dabei, sich in diese Kreise einzunisten, sich mit viel Geld einzukaufen, um noch mehr Geld aus dem Handel herauszuschlagen. Ich möchte Toten nichts Schlechtes nachsagen, doch hat er in seinem Leben viel Leid gebracht. Von einem Leid hat Kommissar Zoller berichtet.“ Er wandte sich an Mommsen. „Doktor Mommsen, wartet Ihre Frau im Auto? Ja? Dann darf ich bitten, dass man sie holt!“ Zoller machte ein Zeichen zu Schneider, der sofort verschwand.

    Hauser sagte weiter: „Wir beobachteten seit genau zwei Jahren einen Russen, Boris Woronzeff. Herrn Mandelstein hatte noch in München Kontakt zu ihm aufgenommen, wir wurden hellhörig und haben alle Hintergründe dieses ‚neuen Mitglieds’ beleuchtet. Sein kriminelles Potential hatte sich bereits in Kleinigkeiten gezeigt, er hatte betrogen und intrigiert. Er hatte alte Damen um viel Geld gebracht, Freunde verraten, mit Medikamenten und Drogen gehandelt. Eine besondere Facette seiner Intrigen war die totale Zerstörung eines physiotherapeutischen Dienstes in München mitsamt allen zwanzig Angestellten, der Inhaberin und deren Ehemann. Mit Lügen, Fälschungen und Betrug und seiner Verbindung zu einem ihm hörigen homosexuellen Polizisten gelang es ihm, ein florierendes Unternehmen dicht zu machen, auszulöschen. Er hatte Unterlagen gefälscht und als Beweismittel derart eingesetzt, dass bei den Behörden kein Zweifel entstand und sie den Dienst von heute auf morgen schlossen. Die Kassen hatten sofort die Zahlungen für bereits geleistete Dienste eingestellt, so dass keine Gehälter mehr gezahlt werden konnten. Der Ehemann der Leiterin beging aus Finanznöten Selbstmord. So bereitete Herr Mandelstein die Gründung seines eigenen Dienstes vor.“ Hauser machte eine Pause. Wie auf Verabredung erschien in Begleitung von Kommissar Schneider Frau Mommsen. Ihr Mann kam ihr entgegen und setzte sie in seinen Sessel, selbst setzte er sich auf die Couch neben Olga.

    Hauser fuhr fort: „Dies ist die Frau aus München, deren damaliges Leben durch Herrn Mandelstein zerstört wurde.“

    Benny, der bei dem Bericht Hausers die Hände vors Gesicht geschlagen hatte, erkannte sie erst jetzt. „Nein!“ schrie er hysterisch, „das darf nicht wahr sein! Frau Zander!“

    „Dürfte ich jetzt fortfahren? Danke! – Frau Mommsen, ehemals Zander, hatte somit auch ein überaus starkes Motiv, sich an Mandelstein zu rächen. Sie hatte Gelegenheit, war an dem Tage hier in der Pension als Freundin von Frau Hartmann und hatte an diesem Tage vorher auch im Café Lebensart Mozartkugeln gekauft.“

    Alle schauten auf Frau Mommsen. Die sagte gefasst: „Ich weiß, weshalb ich den Verdacht auf mich ziehe, doch versichere ich ihnen, ich habe nichts mit der Angelegenheit zu tun, so befriedigend es auch für mich sein mag, den Tod eines mir abgrundtief verhassten Menschen feststellen zu können.“

    Es war mucksmäuschenstill geworden.

    In diese Stille platzte das Handy von Hauser, der es kurz an sein Ohr nahm, zuhörte und das Telefonat mit „Gut!“ beendete. Er wechselte wenige leise Worte mit Zoller, der in die Mitte des Raumes ging und zur Runde sagte.

    „Wir haben soeben erfahren, dass der letzte in der Motivreihe übrigen Tatverdächtigen umgekommen ist. Herr Woronzeff, den hier einige auch als Boris kennen mögen, wurde von einem Fahrzeug auf der Autobahn abgedrängt und starb am Unfallort. Der gegnerische Fahrer ist ebenfalls durch den Unfall ums Leben gekommen. Die Anzeichen sprechen eindeutig die Sprache des Mafia-Mordes. Aber bleiben wir bei dem Mord an dem nicht von vielen geliebten Herrn Mandelstein: Um ihn letztlich aufzuklären, ist es notwendig, die Reihe der Hände und der dazugehörigen Personen durchzugehen, die mit den Mozartkugeln zu tun hatten.

    Damit wir uns nicht alle vor der Rezeption drängeln müssen, nehmen wir den Tisch hier stellvertretend als Rezeptionstheke. Es ist Montag Nachmittag gegen vier Uhr. Oberkommissar Wanzke, wollen Sie bitte das Protokoll verlesen.“

    Wanzke las: „Übereinstimmend sagten Olga, Ursula und Hauser aus, dass der laute Streit zwischen Mandelstein und Benny kurz nach vier begann und gegen halb fünf endete. Benny packte und verließ das Haus.“

    Zoller sprach Benny an: „Sie sind also fortgegangen. Zum Bahnhof, nehme ich an?“

    Benny nickte.

    Wanzke fuhr fort: „Kurz nach halb fünf kam Doktor Mommsen in die Pension und ging zu Mandelstein.“

    Zoller schaute Mommsen an. Der sagte: „Ja, das kann hinkommen. Wir sprachen über die Veränderungen im Testament so bis gegen fünf Uhr.“

    „Und sie fuhren in ihr Büro?“ Mommsen nickte.

    Wanzke las vor: „Ihre Sekretärin bestätigte Ihr Eintreffen zwanzig Minuten später. Direkt nach Verlassen des Anwalts bestellte Mandelstein Mozartkugeln.“

    Olga meldete sich zu Wort: „Ja, ich ging kurz nach fünf, sie holen bei Café Lebensart in Yorckstrasse.“

    „Sind Sie sofort mit dem Konfekt in die Pension gegangen?“ fragte Zoller.

    „Nein, habe noch Buch gekauft und war zurick etwa halb sechs.“

    Zoller wandte sich an Ursula: „Ursula, Wann fanden Sie die Mozartkugeln auf der Rezeption?“

    Ursula rollte die Augen: „Det muss viertel sechs jewesen sind.“

    „Das heißt also viertel nach fünf. Wieso sind Sie sich so sicher?“

    „Weil Herr Hauser an die Rezeption kam und er noch fragte, wann der Bus gehen täte. Und ick hab die Schachtel dann vom Tresen nach unten jelegt. Es war ja auch ein Zettelchen drauf, für Mandelstein.“

    „Also, wir halten fest, es lag schon eine Schachtel dort, bevor Olga von ihrem Einkauf zurückkam. Ursula legte sie von oben nach unten.“ Zoller nahm ein nahestehendes Buch und legte es unter den Tisch.

    „Was machten Sie dann, Ursula?“

    „Ick ging in die Waschküche, Handtücher holen.“

    „Ab jetzt ist niemand an der Rezeption. Bis Olga kam. Was taten Sie?“

    „Habe eine Schachtel gelegt auf Tresen, andere Schachteln in Küche gebracht.“

    Zoller nahm ein weiteres Buch und legte es auf den Tisch. „Man beachte! Jetzt haben wir plötzlich zwei Schachteln an der Rezeption. Was geschah als nächstes?“

    Olga sagte: „Ich ging anderen Flur, Gast hatte geklingelt.“

    „Wieder ist die Rezeption verlassen. Was geschah dann?“

    Wanzke las vor: „Gegen halb sechs trafen sich Olga vom anderen Flur, Ursula aus der Waschküche und Frau Hartmann von der Straße kommend auf der Treppe vor dem Pensionseingang. Frau Hartmann schickte die beiden Frauen nach Hause. Ursula sagte, da läge eine Schachtel Mozartkugeln am Tresen für Mandelstein.“

    Zoller wandte sich an Isabel Hartmann: „Wieviel Schachteln fanden Sie an der Rezeption?“

    „Eine, halb versteckt unter dem Tresen, es klebte ein Zettel darauf: Mandelstein. Die brachte ich ihm.“

    Zoller stand am Tisch und nahm das oben liegende Buch in die Hand. „Diese Schachtel stammt von Olga, die sie frisch kaufte. Diese hier unten gelangte zu Mandelstein, der sie aufriss und davon aß und starb. Dies ist die tödliche Schachtel, die nicht von Olga gekauft wurde. Dafür fehlt am Schluss diese von Olga gekaufte, harmlose Schachtel. Es sieht so aus, als ob zunächst jemand eine Schachtel hingelegt und sie später wieder fortgenommen hätte. Dieser Jemand wollte Mandelstein vergiften. Anfangs! Dann bekam dieser Jemand Skrupel und hat sie wieder weggenommen. Nur waren es die harmlosen Mozartkugeln, die er wegnahm und nicht die vergifteten!“

    Zoller blickte in die Runde, allgemeine Ratlosigkeit schaute zurück.

    „Zwischen viertel nach fünf und halb sechs geschah der mysteriöse Austausch. Herr Mommsen war unterwegs in sein Büro. Frau Mommsen war zu Hause. Woronzeff war nicht in Berlin. Benny war auch schon im Zug. Oder?“

    Zoller blickte auf Benny. Die Blicke aller folgten dem seinen. Benny hatte die ganze Zeit aufmerksam die Scharade verfolgt und in der Erkenntnis, dass er die Tat gegen seinen Willen doch verübt hatte, sprang er auf, dass sein Stuhl umkippte, rannte an Katharina und dem verdutzten Schneider vorüber aus dem Raum die Treppen hinunter. Schneider nahm sofort die Verfolgung auf.

    Zoller sagte zur Runde: „Tragisch für den jungen Mann. Erst wollte er den Tod seines Freundes, dann doch nicht mehr. Aber das Schicksal hat es ihm aus der Hand genommen!“

    Es entstand ein allgemeines Raunen, einige standen auf und in das Durcheinander rief schnaufend der zurückgekommene Schneider: „Er ist im Trubel des Karneval verschwunden!“

    Zoller wandte sich ruhig an Wanzke und Schneider: „Ich ahne, wo er hin will: Seine Sporttasche mit dem Geld abholen!“ Wanzke telefonierte.

    Isabel kam auf Zoller zu und fragte: „Kann ich jetzt zum Karneval, oder verhaften Sie mich?“

    „Gehen Sie nur. Bitte!“ Zoller wusste nicht, wie ernst es ihm damit war.

    Neben Zoller tauchte Katharina auf und fragte: „Wollen wir das nicht begießen? Oder musst du ins Büro, Protokolle schreiben?“

    „Täte mir gut, ein Schluck mit dir.“

    Da hörten sie Hausers Stimme: „Halt, Herr Mommsen, Sie noch nicht!“

    Zoller und Katharina drehten sich zu Hauser um, der zu Frau Mommsen sprach, während zwei zivile Polizisten des BKA ihren Mann aufhielten: „Es tut mir außerordentlich leid, gnädige Frau, aber ich muss Ihren Mann verhaften. Er steht unter dem Verdacht, als Anwalt für das Syndikat zu arbeiten, welches scheußliche Dinge treibt. Wir haben gerade die Meldung erhalten, dass die Beweise erdrückend sind.“ Und halb zu Zoller gerichtet: „Im Computer von Heber wurden mehr Informationen herausgeholt, als wir hoffen konnten. Und den Tod von Woronzeff hat auch der noble Anwalt zu vertreten. Wir meinen wenigstens, genug in der Hand zu haben. Machen Sie sich noch einen schönen Sonntag Abend!“

    Auf der Treppe nach unten lächelte Katharina Zoller spitzbübisch an: „Mein lieber Herr Hauptkommissar. Ich habe die Wette gewonnen!“

    „Welche Wette?“

    „Giftmord durch einen Mann!“

    „Teufel, ja! Obwohl die Geschlechterrolle bei Homosexuellen aufgeteilt sein soll. Benny war bestimmt die Frau.“

    „Das ist unfair! Du willst nur aus der Nummer raus. Unser Benny ist schließlich männlich!“

    Zoller tat nicht einmal so, als ob er hierauf etwas zu antworten wusste und nahm es gerne hin, als Katharina ihn unterhakte. Ihm ging ein Bericht durch den Kopf, den er über den Freund von Katharina, den kommunikativen Franky, hatte erstellen lassen. Sollte er ihr mitteilen, dass Franky nur ein Aufschneider war, der niemals mit dem BKA, geschweige denn mit dem BND oder einer anderen staatlichen Institution zu tun hatte?

    Für den Moment entschied er sich, ihr diese grelle Wahrheit vorzuenthalten. Sie war gerade so gut gelaunt.

    Als sie beide das Haus verließen, hörten sie vor sich die Samba-Musik und sahen eine wogende Menge tanzender Pärchen, selbst die Sonne schien Samba zu tanzen.

    Sie blickten sich um und sahen neben dem Eingang zur Pension Am Kreuzberg groß und hell das Schild leuchten: Zyankali.

    Hartwig Zoller fiel zum ersten Mal auf, dass Katharina blaue Augen hatte.

    -Ende-
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