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  • egot24 13:45 am 14. November 2012 Permalink | Antworten
    Tags: Antholz, Biathlon, Brauhaus Kneitinger, Erzählung, Regensburg,   

    Antholz, Axel und der Müll – eine exotische Reise in den Wintersport 

    Es war wohl im Jahre 1990, ganz sicher aber im Winter, als ich eine Postkarte von Axel erhielt. Axel, ein sehr eigener Mensch, der es sogar fertigbrachte, mit frisch gekauften Turnschuhen einen Marathon zu versuchen, der mit einer Fackel nachts um dir Krumme Lanke in Berlin lief, dieser Axel hatte mir in seiner nicht sehr alltäglichen Art eine Postkarte gesandt mit dem Hinweis auf den demnächst stattfindenden Biathlon in Antholz (landessprachlich Anterselva, Norditalien) und seinen Wunsch geäußert, dort doch einmal in seinem Leben dabei sein zu können.
    Es gelang mir, aus Frankfurt am Main ihn in Regensburg telefonisch zu erreichen und wir machten aus, dass wir gemeinsam nach Antholz fahren wollten. Er solle sich dann und dann bereithalten, gepackt haben, denn ich wollte ihn für drei Tage Antholz einladen. (Er war derzeit joblos – also auch zeitlos abkömmlich).
    Ich hatte in der Pension Gruber in Antholz-Niedertal zwei Einzelzimmer bestellt, meinen Mercedes gesattelt und brauste früh nach Regensburg. Abends wollten wir in Antholz sein. Zum ersten Male sah ich seine Einzimmerwohnung in einem Hochhauskomplex. Karg eingerichtet. Er  meinte, er müsse noch etwas erledigen, er wäre erst abends fertig und wir könnten ja die Nacht noch bei ihm übernachten und am nächsten  Morgen fahren. Meine Erwähnung, ich hätte bereits das Hotel bestellt, überging er mit seinem Lächeln. Ich wartete im Kneitinger, dem berühmten Brauhaus mit riesigem, bayrischem Gasthof, bis er seine Erledigung vollbracht hatte. Wir tranken noch ein Bier, spielten eine Partie Schach und dann durfte ich auf einer Gästematratze schlafen.
    Am nächsten Morgen hatte er wieder eine Erledigung vor und ich frühstückte in einem Café.
    Als er dann endlich kam, luden wir seine Sachen ein. Etwas ungewöhnlich – wie alles bei unserem Freund – hatte er statt eines Koffers zwei blaue Müllsäcke bereit, in der seine Dinge verwahrt waren. Die verstauten wir im Kofferraum. Etwas wunderte mich, dass er zu einem dünnen hellblauen Hemd, einem Jackett und einer Stoffhose lediglich normale Straßenschuhe anhatte – fuhren wir doch in ein Wintersportgebiet.
    Schnell waren wir in Antholz. Dort herrschte tiefer Winter, die Straßen waren zwar schneebefreit, doch es war mächtig kalt. Wir checkten spät nachmittags in der Pension ein, die ich vorher von unserer verspäteten Ankunft unterrichtet hatte. Wir bezogen unsere Zimmer, er mit seinen beiden Müllsäcken, ich mit einer Sporttasche, worin ich weitere kälteschützende Klamotten hatte. Wir speisten fürstlich, an Bier fehlte es nicht und auch die Schachpartien, die wir uns immer schon geliefert hatten, waren köstlich.
    Am nächsten Morgen wollten wir nun endlich die Pisten besuchen, die höher gelegen bis an die Grenze zu Österreich führten. Es gab einen Shuttlebus nach oben.
    Beim Frühstück sah ich Axel wie am Tage zuvor in Hemd, Jackett, Hose und Straßenschuhen. Willst du nochmal hochgehen, dich umziehen? Nein, ich bleibe so. Wie bitte?
    Es stellte sich heraus, dass er wirklich nichts mitgenommen hatte außer der Kleidung, die er trug. Und was ist in den Mülltüten? Ja, die habe ich gerade eben in den Müllcontainer vor der Pension geschmissen. Und was war da drin? Mein Müll aus Regensburg . . .
    Typisch Axel! Dazu sein Lächeln.
    Da ich noch Kleidung hatte, gab ich ihm Schuhe und eine Winterjacke. Eine weitere Hose hatte ich nicht dabei.
    Und so fuhren wir mit dem Shuttlebus zum Biathlon.
    Dort suchte sich Axel einen Stehplatz auf einem Plateau mit Sicht auf die Schießstände, unweit des Zieles. Ich wollte beweglich bleiben und mir Stellen suchen, an denen man mal dieses und jenes sehen kann. Während ich mal das Schießen beobachtete, mich dann durch den Schnee zum Zieleinlauf machte, wo Béla Réthy die Sportler interviewte, dann mal auf die Strecke ging, höher hinaus, wo ein Gasthaus an der Strecke stand und man essen und trinken konnte, stand Axel wie angewurzelt an seiner angestammten Stelle. Ich versuchte ihn zu bewegen, einmal davon herunter zu kommen, um ihn auf einen Glühwein und eine Bratwurst einzuladen, nein, er ließ sich nicht beirren. Er stand und fror und schaute.
    Nach Beendigung des Biathlon an diesem Tage stakste er offensichtlich verfroren neben mir her und als ich in den Bus talabwärts fahren wollte, sagte er, er würde das kleine Stück laufen. Gewiss angeregt durch die Leistungen der deutschen Damen im Biathlon wollte er sich nicht lumpen lassen und auch eine Leistung erbringen.
    Ich stieg auch eine Station vor der Pension aus und schaute mir die überwältigende Ansicht am Antholzer See an und spazierte mir die Füße warm. Nach einer Stunde kam Axel in der Pension an. Er ging duschen – ich nehme an, ziemlich heiß.
    Es war Nachmittag. Nach einer weiteren Stunde kam Axel herunter in die Wirtsstube. Nun tranken wir mal ein Bier gemeinsam. Wir ließen uns das Schachbrett geben und spielten hingebungsvoll einige Partien. Der Gastraum füllte sich und es begann nach Abendessen zu duften. Also nahmen auch wir unser Abendmahl ein. Axel hatte besonders großen Hunger. Dann noch ein paar Partien Schach, einige Biere und ins Bett.

    Der nächste Tag verlief wie der erste. Axel auf seinem Stellplatz, ich unterwegs. Der einzige Unterschied: Er fuhr diesmal auch mit dem Shuttlebus abwärts.

    Ergebnis: Axel hatte erfolgreich seinen Müll erstmals in Antholz versorgt.

    © Toge Schenck 2012

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  • egot24 13:26 am 14. November 2012 Permalink | Antworten
    Tags: Erzählung, Kulturpalast Dresden   

    Harry Belafonte – eine kleine Erinnerung an einen großen schwarzen Amerikaner 

    Wir hatten im September 1992 ein tolles Erlebnis:
    Mich (meine Agentur) hatte die Werbeagentur der Telekom angerufen (welche damals von einer staatlichen Institution zur GmbH gewandelt wurde) mit der Frage, ob ich ihnen Harry Belafonte mit Band und noch andere Künstler für einen Gastauftritt in Dresden besorgen könnte, wohin sie ihre Top-Geschäftskunden einladen wollten. Er sollte singen (was sonst). 15 Minuten. Ich sagte ja, kann ich versuchen.
    Jetzt begann ein Marathon an Telefonaten. Schließlich sprach ich mit Steven Jones (Ohio), der nicht der Manager, aber sein technischer Leiter war. Wochenlange Verhandlungen, wer, was, wie, warum, wohin, etc. etc.
    Dann kam die Zusage von Belafonte. Grandios!
    $ 125 000 mit Band. Telekom sagte sofort zu.
    Dann kam die Nachforderung: $ 25 000, weil sie vorher nicht proben konnten. Der Kunde stimmte notgedrungen auch dem zu.
    Das war 1/2 Jahr vor der Veranstaltung.
    Immer wieder Telefonate mit Steven Jones wegen Einzelheiten, Flügen, Hotel etc. (Ein Anruf muss einem in Erinnerung bleiben, weil Steven sagte, das Bett des Keyboarders müsse verstärkt werden, da er sattes Übergewicht hätte). Kein Problem, sagte das Hotel.
    Das Problem (aber unseres) war: Das Geld für den Auftritt muss 4 Wochen im Voraus vor Auftritt in den USA eintreffen. Glücklicherweise zahlte uns der Kunde auch entsprechend im Voraus.
    Ankunft Technik: sechs Tage vor Ankunft von Harry und der Band. Steven Jones und ein Begleiter – heißt, mit einem Schwarzen im Ossiland:
    In jedem Lokal, das wir betraten, begann betretenes Schweigen. Wie sollte das werden, wenn dann 20 Schwarze in Dresden einfallen!? Wir unter uns verstanden uns prächtig, gingen gemeinsam aus und lächelten über die Reaktionen um uns herum.
    Drei Tage später: Eintreffen von Harry und Band.
    Einen Tag zuvor saß ich mit dem Leiter des Flughafens zusammen und wir besprachen, wie man die Ankunft dieses Superstars geeignet regeln kann. Ich wollte, dass wir Belafonte direkt vom Flugzeug abholen könnten, ohne Check-In, ohne Formalitäten. Es waren keine schwerwiegenden Verhandlungen, im Gegenteil, ganz locker, man wusste noch, wie es zu Zeiten Honeckers zuging. Der Chef, begeistert, einen Weltstar zu empfangen, sagte OK und regelte alles.
    Apropos regeln: Gegen 04:00 nachts klingelte mein Handy. Los Angeles war dran: Management von Harry Belafonte. Sie bestehen darauf, dass ich dafür sorge, dass Harry ab Ankunft Personenschutz bekäme. In Wismar seien zwei seiner Brüder zusammengeschlagen worden. (Brüder der Hautfarbe). Tief nachts, in einem Hotel in Dresden Wachschutz besorgen für den nächsten Morgen!
    (Und was ist mit der Band? – Es waren immerhin 20 teils farbige Personen! – Die sollen sich wohl selber schützen. Aber die Managements kümmern sich ausschließlich um den Star – der davon keine Ahnung hatte (!!) und, als er es erfuhr darüber smart lächelte).
    Am nächsten Tag standen wir am Flughafen bereit mit einem Mercedes 600 (mit Fahrer), einem Mercedes-Van für die Security, einem Bus für die Band und einem Wagen fürs Gepäck und die Instrumente. Vor uns standen zwei Fahrzeuge vom Flughafen mit blinkendem Rotlicht. Einer setzte sich vor uns, einer hinter uns. Dann ging’s aufs Rollfeld. Die Maschine war gelandet. Leute stiegen aus und gingen durch unsere Karawane hindurch zum Bus, der sie zum Schalter brachte.
    Dann kam Harry Belafonte mit seinen Leuten. Ich begrüßte ihn, und er und seine „Rechte Hand“ bestiegen den 600er. Meine Frau kümmerte sich um die Musiker und die Gepäckverladung. Als alles OK war, fuhren wir los: Der vordere Flughafenwagen mit Rotlicht, der Mercedes 600 mit Harry, der Van mit der Security, der Bus mit den Musikern, der Gepäckwagen und der hintere Flughafenwagen mit Rotlicht. Die Karawane schoss mit ungebremster Geschwindigkeit zum Hotel, nicht achtend der Ampeln – nach alter Gewohnheit der DDR bei prominenten Besuchern.
    Während der Fahrt erzählte ich Mr. Belafonte davon, dass weder die Beatles noch die Stones die musikalischen Lieblinge meiner Frau in ihrer Jugend waren, sondern er, Harry Belafonte, seine Musik und im Besonderen „Try to remember“. Das sollte noch Folgen haben!
    Im Hotel, nach atemberaubender Fahrt, standen alle (ich betone alle!) Bediensteten des Hotels in einer Reihe, um Harry Belafonte zu begrüßen.
    Mir zeigte man das extra befestigte Bett für den Keyboarder.
    Dann kam ein Tiefschlag. Harry sagte, er müsse heute noch nach München, um jemanden zu besuchen. Ich wusste, wen er besuchen wollte: Seinen Manager in Deutschland. Übermorgen Abend ist die Veranstaltung und Harry ist mal eben nach München geflogen. Meine Frau und ich hielten die Luft an. Was, wenn ihm irgendetwas passiert? Übermorgen steht der Kunde da und will die Performance.
    Wir wussten die Rückkunftszeit und waren am Flughafen. Der Flug kam verfrüht und war bereits gelandet, als wir auf dem Rollfeld ankamen. Mit dem 600er mit Fahrer. Der Flughafenbus war bereits voller Passagiere. Wir hielten direkt hinter dem Bus. Da winkte mir eine Hand aus dem Rückfenster des Busses zu. Nix wie hin. Es war nicht die Hand Harry Belafontes, sondern die eines ostdeutschen Promis (unter uns, es war Gunther Emmerlich), an dem ich glatt vorbei lief und vorne im Bus unseren Harry bescheiden sitzen sah.

    Am Abend – er hatte mit seinen Musikern gespeist – trafen wir uns noch und er wollte mehr über deutsche Armbanduhren in der Auslage des Hotels wissen – natürlich bei der Verkäuferin, die ihm ihre Telefonnummer gab und ihm anbot, sie auch nachts noch aus dem Bett zu klingeln.
    Tief in der Nacht ging bei mir das Telefon. Nicht die Verkäuferin, nein, Steven war dran, man wolle ihn nicht proben lassen!
    Raus aus dem Bett und hin in den hässlichen „Kulturpalast“ (den die Telekom schon Tage vorher für einen gewaltigen Umbau ausgekauft hatte). Dort war heilloses Missverständnis. Die aufgebrachten Techniker Belafontes glaubten, sie würden benachteiligt, weil sie schwarz wären, der deutsche Techniker sagte, er sei einfach zeitlich noch nicht so weit mit der technischen Einrichtung. Wogen langsam geglättet – alles OK.
    Der nächste Abend:
    Der Auftritt war ursprünglich für 15 Min. konzipiert, wurde dann auf „normale“ 45 Min. erweitert, fand aber den Zuspruch der Gäste derart, dass, obwohl sie auf ihr Abendessen warten mussten, sie lieber Harry Belafontes Musik und – ganz besonders – seiner zehnminütigen Ansprache lauschen wollten, allein seinen Auftritt auf 90 Minuten ausdehnten (plus lang anhaltendem, donnernden Applaus!).
    Es waren noch andere Künstler dort (u.a. Desirée Nosbusch, Viktor Laszlo etc.). Kurz, ein toller Abend, mit Musik, TV-Schaltungen der Telekom rund um die Welt zu Auslandsjournalisten in Moskau, Paris und Los Angeles (was bei der Probe überhaupt nicht geklappt hatte) und manchen Überraschungen. Die Telekom wollte sich eben darstellen.
    Der Heimweg zum Hotel gestaltete sich wegen der Wegkürze so, dass wir gemeinsam die Strecke zu Fuß gingen, doch gab es eine Besonderheit: Da ich Mr. Belafonte verraten hatte, welches der Lieblingssong meiner Frau war, schlich er sich auf dem Heimweg hinterrücks an sie heran und sang ihr diesen Song ins Ohr („Try to remember“ mit Wiederholung!). Unvergesslich!
    Dann traf man sich später gemeinsam im für uns reservierten Restaurant. Künstler, Sänger, Moderatoren, Musiker und eben wir. Neben den genannten Künstlern waren außerdem Nina Corti, die Gipsy Kings und das Fernsehballett im Saal. Wir saßen über den Raum verteilt.
    Als man gegessen hatte, klimperte einer der Musiker mit der Gabel (oder war es das Messer?) an seinen Teller. Sofort kam die Antwort von einem anderen Tisch. Dann klimperte an unserem Tisch Harry Belafonte Antwort. Viktor Laszlos Musiker stimmten ein und es begann eine Session durch den ganzen Saal hindurch. Die Bedienungen standen mit offenem Mund und wussten nicht, was das zu bedeuten hatte. Harry Belafonte begann zu singen, andere fielen ein, es war ein gemeinsames Konzert im Speisesaal, welches die Öffentlichkeit nicht hörte, niemals würde hören können.
    Die Stimmung war unbeschreiblich, unwiederholbar. So glücklich können nur Künstler unter sich sein.
    Harry war zugetragen worden, dass Viktor (übrigens eine Frau) heute Geburtstag hätte. Harry ging zu ihr an den Tisch und im nu waren sie verschwunden . . .

    Im Keller gab es eine Disco.
    Dort trafen wir die Band wieder, die tanzte, was das Zeug hielt, besonders einer und der äußerst gekonnt, so wie es nur Neger können: Der überschwere Keyboarder mit dem verstärkten Bett. Fasziniert schauten wir zu. Als Harry Belafonte dann später zu uns stieß, nahm keiner groß Achtung davon. Steven allerdings kam zu mir und bat mich nach draußen. Dort bat er mich um eine Zigarette für sich und seine Kollegen, die schon dort warteten und bat mich dringend darum, dies nicht Harry zu erzählen, denn der sei militanter Nichtraucher und alle hatten geschworen, nicht zu rauchen. So standen wir zu fünft und rauchten meine Zigaretten.

    Die Abreise war unspektakulär. Man checkte ein, wir umarmten noch einmal Harry Belafonte, er besonders meine Frau und dann war das Ereignis gelaufen.
    Einmal sahen wir uns noch wieder, Jahre später, in Frankfurt am Main in der Messehalle, anlässlich eines seiner Konzerte. Wir hatten Gästekarten, saßen hervorragend, hatten noch einmal Kontakt zu Steven und Harry.

    Das war’s mit Harry Belafonte – genug für ein Leben!

     
  • egot24 02:16 am 22. June 2011 Permalink | Antworten
    Tags: , Erzählung,   

    Wo ist der Sepp? 

    Der verschwundene Sepp

    Bis heute ein Geheimnis:

    Es war im September 1989. Ort: Timmendorfer Strand an der Ostsee. Wetter hervorragend. Stimmung blendend.
    Aber alles ist veränderlich.
    Am Vortage hatte ich mit dem Auto die Sportler Klaus-Peter Thaler (Rad) und den weit bekannten Sepp Maier vom Flughafen Hamburg abgeholt und ins Hotel gebracht, von wo sie am nächsten Morgen um 08:00 mit der Belegschaft der feiernden Firma einen Dauerlauf zur Eissporthalle anführen sollten, um dann dort auf verschiedenen vorbereiteten Parcours Wettkämpfe durchzuführen.
    Am Abend besichtigten wir mit dem Kunden zusammen die Eissporthalle, es wurden die Anregungen der Sportler in den Parcours umgesetzt. Alle waren zufrieden. Die Künstler waren auch bereits angereist, so der Moderator, die Tanzgruppe, die Band und eben auch drei Sportler, zu denen auch Wilbert Olinde, als Basketballer, gehörte. Wir gingen alle gemeinsam zum Abendessen, nur Sepp Maier meinte, er sei zu müde, er wolle schon auf sein Zimmer gehen. Angesichts der hübschen Tänzerinnen glaubten wir ihm die Müdigkeit.
    Ich sah ihn zum Aufzug gehen und fort war er.
    Wir hatten mit den Künstlern und Sportlern einen interessanten, spannenden Abend, es wurde viel gelacht und gegen 23:00 ging man zu Bett.

    Morgens um 07:00 trafen wir uns alle zum Frühstück. Sepp Maier war nicht dabei, wir dachten, er zöge es vor, alleine auf seinem Zimmer zu frühstücken, um sich dann erst den Blicken seines Publikums zu zeigen.
    Fünf vor acht klopfte ich an seine Tür. Mehrfach. Nichts.
    Leicht nervös fragte ich an der Rezeption, ob man dort etwas wüsste. Nein, sein Schlüssel hing dort nicht, er musste auf seinem Zimmer sein.
    Um im Zeitplan zu bleiben, liefen nun Wilbert Olinde und Klaus-Peter Thaler mit der Belegschaft zur Eissporthalle. Der Kunde war leicht vergrätzt.
    Um 10:00 sollten die Wettspiele beginnen, bis dahin würde ich den Sepp doch wach kriegen!
    Ich bat den Geschäftsführer des Hotels mit mir und dem Hauptschlüssel zum Zimmer von Sepp. Wir klopften abwechselnd, zunehmend erfolglos. War ihm vielleicht etwas passiert?
    Dann die Entscheidung: Aufschließen!
    Auf dem unbenutzten Bett der offene Koffer, das Handy oben drauf, sonst nichts. Nanu?
    Was tun? Der Geschäftsführer zuckte mit den Achseln.

    In solchen Momenten schießen einem wilde Ideen durch den Kopf: Ist er in eine Schlägerei verwickelt worden und nun im Krankenhaus? Hat ihn jemand am Abend aus dem Zimmer gelockt und umgebracht? Hatte er keine Lust und war abgereist? Was aber mit dem Koffer?
    Er hätte doch wenigstens sein Handy mitgenommen!
    Also zuerst die Polizei angerufen. Der war nichts bekannt. Auch die Wasserschutzpolizei schüttelte den Kopf.
    Die Krankenhäuser waren auch nicht von Sepp aufgesucht worden.
    In der Spielbank war ein Sepp Maier nicht gesehen worden.
    Was blieb?
    Restaurants und Kneipen.
    Nach einstündigem Telefonieren bekam ich den ersten Hinweis und bald wusste ich, mit welcher Rothaarigen in welchen Lokalen er um welche Uhrzeiten gesichtet wurde.
    Leider war die Dame unbekannt.

    Der Kunde war stinksauer – hätte er den Sepp nicht selbst am Abend vorher gesehen, er hätte geglaubt, wir hätten keinen Sepp Maier engagiert.

    Gegen 13:00 (die Vormittagsveranstaltung mit dem Wettkampf war um 12:00 beendet worden) schlich ein übermüdeter Sepp Maier unbemerkt von uns in sein Zimmer, krallte seine Sachen und verschwand (schon wieder).

    Auch wenn alle weiteren Akte perfekt abliefen, die Künstler sich donnernden Applaus abholten, der Kunde würdigte uns keines Blickes mehr.
    Bis auf Sepp Maier war die Veranstaltung sehr gelungen, der Kunde zahlte (bis auf das Honorar für Sepp) die Rechnung – ließ allerdings danach nie wieder etwas von sich hören.

    Wer ebenfalls nichts von sich hören ließ, war Sepp.
    Ich ging zunächst davon aus, dass es ihm sehr peinlich war und wollte ihm ein paar Tage Zeit geben.
    Nach einer Woche ohne Meldung entschloss ich mich, Sepp einen Brief zu schreiben.
    Schließlich hatte ich Verluste durch sein Verhalten erlitten, zum einen die Provision auf sein Honorar, zum anderen den Kunden selbst.

    Zwei Tage später rief mich ein aufgelöster Sepp Maier an: Teufel noch eins, die ganzen Tage habe er die Post in Empfang genommen, gerade heute aber hätte seine Frau diesen Brief in die Hände bekommen und geöffnet – sie wusste doch nichts vom Fehlen von Sepp auf der Veranstaltung und hatte sofort geschlossen, dass er bei einer anderen – ach du dicke Scheiße – und sie wolle sich nun endgültig scheiden lassen – – Tja, hätt’ste dich bei mir gemeldet, hätte ich nicht geschrieben!

    Ergebnis: Scheidung. Weiteres Ergebnis: Er trat für mich mal ohne Honorar auf!

    Mehr vom Autor: Hier klicken

     
  • egot24 17:32 am 10. December 2010 Permalink | Antworten
    Tags: Erzählung, Hunde, Indischer Ozean, , Mauritius,   

    MAURITIUS 1 + 2 

    MAURITIUS 1

    • Erzählung (Eine ziemlich wahre Geschichte, Teil 1) © Toge Schenck 2002

    Weit ab, im Indischen Ozean liegt eine kleine Insel. Einst hatte sie einen arabischen Namen, dann einen holländischen, dann französisch „Ile de France“. Heute leben hier Tamilen, Chinesen, Mohammedaner aus aller Welt, Anglikaner, Katholiken, Hindus und was nicht sonst noch.

    Mit den streunenden Hunden, die bei uns im Garten ihre Schattenplätze gefunden haben, sind wir inzwischen befreundet, mit dem Mischmasch der verschiedenen Küchen haben wir uns vertraut gemacht, die stechende Sonne haben wir achten gelernt, den Sprachwirrwarr mit Englisch und Französisch in den Griff bekommen.

    Isabella war eine Woche vor mir auf der Insel und ich habe auch schon zehn Tage hinter mir, die Strände tragen unsere Fußabdrücke, die exotischen Vögel hier haben wir ins Herz geschlossen, ebenso die Tonbandstimme des Imam, die nach unserem Zeitgefühl sehr unregelmäßig ertönt.

    Weit ab, im Indischen Ozean genießen wir Mauritius.

    Jürgen und Melinda haben hier zwei Häuser, im „großen“ leben sie und Gerd und Marina aus Berlin, das kleine ist zur Zeit vermietet an eine Mauritianerin, die -mit einem reichen Engländer verheiratet- den Bau ihres Hauses gegenüber beaufsichtigt. Wir haben ein Haus am Strand gemietet, nur eine Straße ist zu überqueren, um ins blaugrüne Wasser zu springen. Das Ganze liegt im Norden der Insel an der GRAND BAIE und so heißt auch der Ort.

    Aus den Lautsprechern der buntbemalten Eiswagen, die den ganzen Tag bis spät in den Abend herumfahren, tönt lautstark immer dieselbe kurze Melodie, z.B. „Bruder Jakob“ alles in Glockenspiel endlos laufend und einer dieser grellen Wagen ist immer in deiner Nähe.

    Die dritte Welt kann nicht ganz verborgen werden, außer in den Hotelanlagen der Spitzenklasse, wo die Gäste den Klingelknopf am Sonnenschirm betätigen und khakifarben gekleidete, weiße Kniestrümpfe tragende Diener den Reichen ihr Getränk reichen. Auch Boris Becker verkehrte hier im ROYAL PALM, abgeschottet von der sonst recht ärmlichen Bevölkerung.

    Was in Spanien die TAPAS, sind hier die CATSCHAKS, kleine Happen für zwischendurch, auch halbe oder ganze geschälte kleine Ananas, in Teig gebackene Shrimps oder einfach nur gewürzter Teig, Crepes mit Orange etc. Bei der andauernden Hitze reichen eigentlich diese Speisen über den Tag. Ansonsten gibt es Lamm bei den Indern, Chinesenspeisen wie bei uns, kreolische Gerichte, fremdartige, farbenfrohe Salate, Litschisaft, Papaya und Guavensaft und ein deutschstämmiges Bier PHOENIX.

    Auffallend die besondere Freundlichkeit, die alle hier ausstrahlen und die Farbenpracht der PAREOS, der indischen Saris, der südländischen Hemden und der dunklen Kleidung der Moslems, wenn sie damit baden gehen.

    Knallrote, safrangelbe Vögel singen andere Lieder, als wir sie kennen, die hiesige Amsel ist der MATIN, ein kurzschwänziger, langschnäbeliger und überaus frecher und vorlauter Vogel.

    Am Abend hört man die Geckos kreischen, bevor sie auf die Jagd nach Mücken gehen an der Decke über den Köpfen der Touristen, die gelangweilt auf der Terrasse ihr Tonicwater trinken oder auch im Schlafzimmer, wo sie wieselflink die Beute schnappen.

    Während der Muezzin aus den Lautsprechern heult, kurz mal: Was wir heute Anstrengendes erlebt haben:

    Morgen ist der 23.12., Montag, und voll verplant: Einkauf und Bootsfahrt zu siebt, den Skipper Louis eingeschlossen.

    Heute war total ungeplant, am Vormittag kam Louis Guten Tag sagen, es war neun und ich hatte mich gerade von meiner Matratze auf der Terrasse erhoben, Isabella hatte uns ein Frühstück bereitet: Baguette mit Butter, LeTartare und Orangenmarmelade.

    Statt Kaffee gibt es hier Tonicwater. Das Schattenstückchen in unserem ansonst großen Garten begann schon zu schmelzen und wir rückten immer enger in die Schattenecke, selbst (oder gerade) Louis, indischer Herkunft.

    Er ist weltgereist und spricht so an die acht Sprachen, u.a. Deutsch, aber wir kauderwelschen ein Gemisch von Deutsch-Englisch-Französisch und tauschen Neuigkeiten (?) aus. Schwätzen heißt hier „BLABLABLA“. Dann setzte er seinen Sturzhelm auf, bestieg sein Moped und düste zum nächsten BLABLABLA.

    Schon sehr mitgenommen von dem Akt des Frühstückens und dem des Sonne-Ausweichens, hupt es am Tor. Marina und Gerd im blauen MINI-MOKE, das Allround-Fahrzeug ohne Federung, dafür mit Aircondition: Es hat nämlich keine Türen und das Leinendach flattert nach Belieben. Der rote MINIMOKE von gestern hatte auf der Fahrt zum schönsten Strand in Raten seinen Geist aufgegeben, schließlich bockte er genau am Strand und genau vor dem Lokal, in dem wir dann speisten.

    Also heute mit dem blauen. Es sollte eigentlich der weisse sein, aber der ist wohl auch malade.

    Heute ist der Tag der Regatta. Seit langem allen bekannt. Vor unserer Haustür. Aber die Damen wollten noch einkaufen und so ging es den einen Kilometer mit Auto. In der Knallsonne Läden abgeklappert, wir Männer standen und schauten sehnsüchtig zum Strand und auf das Meer, das vor den knallbunten Farben der Segel nur so brillierte. Nach dieser wiederum sehr anstrengenden Tour endlich ein Platz auf einer Bank am Strand im Schatten. Ab und zu die Schläppchen aus und bis zum Knie ins warme Wasser. Gerd holt uns Tonicwater und für jeden eine halbe kleine Ananas, natürlich geschält im Korkenzieherstil.

    Nach einer anstrengenden Stunde sitzend verbracht, ab und an ins Wasser gehend, essend und trinkend, machten wir uns auf: Den Strand weiter entlang, durch unzählige Gruppen gemischtfarbener Leute, die blablablaen, hin zu einem Festzelt. Dort spielt es SEGA, typisch mauritianische Klänge. Alle Plätze im Schatten waren belegt. Bald war der gesamte Platz voll. Wir hatten glücklicherweise ein Plätzchen am Wasser und so begann die nächste Tortur: CATCHAKS und Bier, MARI-GLACEE und so litten wir, was das Zeug hielt unter der herrlich beschwingten Musik und den furchtbar fremden Gestalten, die Füße im Wasser und vor uns die grauenhaft bunten Boote. Glücklicherweise hatten wenigstens die Segler alle einheitliches Weiß an.

    Gegenüber auf der anderen Buchseite machten wir unser Haus aus und meinten, wir hätten auch zu Hause bleiben können.

    Nach beschwerlichen zwei Stunden mußte eine Besserung herbei. Sie musste aber auch schwer errungen werden: Langer Weg unter Bäumen mit Luftwurzeln und Halbschatten, durch die bunte Herde der Anwohner. Endlich war die Besserung in Sicht, ein Lokal, in dem es Eis zu essen gab, auch noch mit Blick auf die Bucht und die Segler. Der auf den ich gesetzt hatte, war anfangs sehr gut weggekommen, letztlich aber von sechs Betrügern überholt worden. Da schmeckte mir auch der Pfirsich-Melba nicht mehr so recht. Anstrengend waren dann auch die drei Minuten Heimfahrt im völlig offenen(!) Auto. Glaubt Ihr, daß wir uns alle danach erst mal hinlegen und eine Runde schlafen mussten? Sonst wäre ich so fertig, daß ich nicht im Stande gewesen wäre Euch diese Zeilen zu schreiben.

    Auch das war anstrengend genug, weshalb ich mich jetzt in den Garten setze und ausruhen werde. Weil dann kommt noch der beschwerliche Weg zum Restaurant, 4 Minuten zu Fuß!!!

    Dies Geschreibsel ist schon ein paar Tage alt, am Neuen sitze ich.

    Wir werden bald viel Zeit haben, ein Zyklon hat sich angesagt und dies Windspiel nimmt wohl drei Tage in Anspruch mit nachfolgendem Regen. Heute Abend soll das Unwetter Klasse B hier eintreffen. Derzeit ist es schwül mit leichten Böen, man möchte laufend duschen oder bei uns gegenüber ins Meer hüpfen. Einkauf für Zyklonzeit ist getätigt: Essen, Trinken und Rauchen gewährleistet. Das Haus werden wir gegen Abend sturmsicher machen und dann zusehen, wie die Palmen ausgerissen durch die Lüfte donnern. Bericht folgt – so wir überleben.

    DER ZYKLON

    Januar bis März ist die Zeit der Zyklone auf  Mauritius. Die Insel liegt unter dem südlichen Wendekreis der Sonne und in dieser Zeit ist hier Hochsommer, das Wasser wird mehr als 26°C warm, wobei es sehr gut verdunstet. Die steil am Himmel stehende Sonne zieht Wolken aus dem warmen Meer, die Schwaden werden immer mehr erhitzt, steigen auf und die Erdumdrehung bewirkt die Wirbelbildung.

    Aus dem Nordosten kommend, saugt er sich zur Insel vorwärts, der frisch gebackene Zyklon.

    Zunächst verändert sich der Himmel: Die Wolken sind verschwunden und der Himmel wird bleich und bleicher, eine bedrückende Stimmung. Die ersten Sturmwarnungen werden übertragen mit genauen Angaben über den derzeitigen Standpunkt des Zyklons in Längen- und Breitengraden, sowie der Marschgeschwindigkeit und Richtung. Eine Brise kommt auf, wird stärker. Die Menschen verschließen ihre Fenster, manche nageln sie zu. Wir haben im Wohnzimmer 32 Luftklappen rings um das Haus. Jede einzelne muß mit einer langen Stange verschlossen werden, damit der Sturm nicht unter das Dach greifen kann. Dicke Holztüren verriegeln die Fenster und Türen. Die Menschen, die kein Steinhaus besitzen, verrammeln ihre Habe und machen sich auf den Weg in öffentliche Gebäude wie Schulen, Postämter, Büros und Kirchen.

    Wir machen uns auf den Weg zu Freunden, die sich bereits mit Lebensmitteln, Zigaretten und Getränken eingedeckt haben, denn oft folgt auf einen Zyklon eine Reihe von Regentagen und die Kanalisation –sofern es welche gibt – ist maßlos überfordert, alles ist überschwemmt, man sitzt fest, die Einkaufsläden bleiben geschlossen. Gut, wer einen Generator besitzt, dem vergammeln nicht die Lebensmittel im Kühlschrank, denn an Strom ist bei einem Zyklon nicht zu denken, Kerzen stehen in jedem Raume bereit und alle funktionsfähigen Feuerzeuge sind auf einem Haufen versammelt.

    Wir sitzen noch auf der Terrasse und harren, was da kommen mag. Auch den alteingesessenen Mauritianern  sitzt ein Kloß im Hals, Beklommenheit greift um sich, kein Vogel ist zu hören.

    Die Kokosnüsse sind vorsorglich von den Palmen geschlagen worden, damit sie nicht zu zusätzlichen tödlichen Geschossen werden.

    Das Zuckerrohr, derzeit nur halbhoch, liegt schon flach am Boden, der Wind nimmt zu und peitscht auf die Palmen los, einzelne Blätter fliegen durch die Luft.

    Die Hunde der Nachbarschaft rotten sich zu aggressiven Meuten zusammen, bellen und beißen um sich. Ein letzter Kontrollgang, ist alles vom flachen Dach heruntergeholt, sind die Fenster verschlossen, auch die kleinen von Bad und Toilette? Ist der Wasserspeicher voll? Noch ist der Kühlschrank kalt ebenso das Gefrierfach; schnell noch soviel Bier kaltgestellt, wie in den Schrank passt. Weitere Sturmwarnungen kommen durch den Äther, aufgeregter, so scheint es, es wird deutlich gemacht, dass der Zyklon direkt auf Mauritius zukommt, kein Entkommen. Er ist noch zwei Stunden entfernt doch die Ravinal biegt sich schon gefährlich weit, die Palmen stehen sehr schräg, die Blätter steil nach Westen gereckt.

    Wir ziehen es vor, ins Haus zu gehen und die Glastüre zu schließen. Wir setzen uns aufgereiht hinter die Glastüre und starren ängstlich hinaus. Die Hunde kommen zurück, lautlos, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, suchen sie sich jeder ein geschütztes Plätzchen. Vögel sind lange keine mehr zu sehen gewesen (Ob sie vor dem Sturm auf eine andere Insel fliehen?).

    Jetzt wird es ernst. Riesige Brecher gehen an Land und zeugen von dem was da kommen wird, der Himmel wird metallisch rosa, wechselt plötzlich in giftgrün, jetzt stehen die Palmen im 45°-Winkel und von der mächtigen Ravinal reißt der Sturm die ersten Blätter ab, dann ein Knall: Eine Palme fliegt vom Sturm entwurzelt gegen eine andere und kracht schließlich auf den Zaun der unter der Last zusammenbricht. Der Zyklon rüttelt an den Türen und Fenstern, zischt durch die Ritzen, lässt das Haus erzittern. Wir schauen uns beklommen an, glauben uns aber in Sicherheit. Der Hausherr macht die erste Flasche Bier auf: MARIGLACÈE. Der Sturm heult, Blitze zucken, noch geht elektrisch Licht. Wir rauchen eine Zigarette nach der anderen und starren gebannt auf das Schauspiel draußen. Blumen , abgerissene Palmblätter fliegen durch die Luft (und sie hatte sich solche Mühe mit der Aufzucht dieser Blumen gemacht). Plötzlich geht das Licht aus. Somit auch der Kühlschrank. Dann, nach wie vielen Stunden?, Windstille. Das Auge hat uns erreicht. Wir hören menschliche Stimmen und wagen uns vorsichtig hinaus. Eine Frau ruft etwas ihrem Mann zu, der gegenüber eine Kiste aufsammelt, ein Hasenstall, zerdeppert, ohne Hasen. Ob wir den weißen Hasen gesehen hätten. Nein, haben wir nicht. Er ruft das seiner Frau zu, die schlägt sich die Hände vors Gesicht und heult.

    Einer ruft, wir sollen wieder reinkommen. Der zweite Akt würde bald beginnen.

    Dann geht der Vorhang auf und die Bäume, die sich zuerst gen Westen verbeugten werden jetzt vom Wind nach Osten gebogen, wieder fliegen Äste durch die Gegend, Kokosnusspalmen werden enthauptet, große Mangobäume entwurzelt. Das Ganze noch einmal, als ob das erste Mal nicht schon genug verwüstet hatte.

    Irgendwann war der Sturm vorbei.

    Jetzt die Inspektion: Eine entwurzelte Palme, ein Mangobaum liegt flach, Rabatten ohne Blumen, die Ravinal musste einige ihrer schönsten Federn lassen, ein Fensterladen auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Langsam kommen die Hunde aus ihren Verstecken, schwanzwedelnd und erschöpft.

    Der Kühlschrank geht wieder.

    Am Strand, wo die Boote an Land festgemacht wurden, sind einige Boote vom Wind gepackt und auf andere draufgeschleudert worden, die Fischer basteln bereits aus den Resten ein neues Boot.

    Den (glücklicherweise) kurzen Regen danach verbringen wir aufatmend mit frisch gekühltem Bier und jeder Menge Zigaretten auf der Terrasse und beglückwünschen uns zu dem überstandenen Erlebnis.

    So oder so ähnlich müsste es sich zugetragen haben, hätte nicht der Zyklon plötzlich seine Meinung und damit seine Richtung geändert.

    Stattdessen verlief es so, dass wir gerade unser Haus wetterfest gemacht hatten (man erinnere sich an die 36 Kippfenster einzeln mit langer Stange) und gerade uns auf den Weg zu unseren Freunden machen wollten, als diese uns mit der Entwarnung entgegen kamen.

    Der Sturmbericht basiert auf der Beschreibung eines arabischen Journalisten, der den Zyklon CLAUDETTE 1979 in Port Louis erlebte.

    Allerdings streifte uns der Zyklon und die Ravinal entbehrt seitdem eines ihrer Blätter.

    Außerdem feierten wir dennoch mit kaltem Bier und Zigaretten.

    CHIEN MAURICIEN 1

    Vom Strand zum Indischen Ozean trennte unser Haus nur eine Straße. Hinter einem weiß gestrichenen Lattenzaun mit Einfahrt streckte sich ein langes Handtuch von Rasenfläche, dann endlich gelangte man auf die terrakotta-geflieste Terrasse mit anschließendem Haus, das wir für einige Wochen gemietet hatten. Dieses Rasenstück samt Terrasse hatten sich zwei Straßenköter zur Heimat gemacht. Ein mittelgroßer Brauner mit einer größeren Schwarzen. Dort tollten sie und tobten oder gruben sich an der Seite des Rasens in die sandige Erde eine Schlafkuhle.

    Anfangs waren sie wild und mieden den direkten Kontakt mit uns. Uns, das waren meine Frau Isabella und ich. Die Hunde hatten keine Namen und keine Halsbänder. Langsam, ganz langsam näherten sie sich uns. Isabella hatte eine besondere Affinität [T1] zu Hunden, da sie selbst Inhaberin einer langjährigen Liebe zu einer Hündin war.

    Sie, die Schwarze, hatte einen Blick und einen Habitus wie eine Dobermännin (gibt es das Wort?) er, der kleine Braune war eine beliebige Mixtur mauritianischer Straßen. Das Sagen hatte Sie. Auch im Zusammenkommen mit uns. Sie gab das Tempo und die Qualität an, er folgte still und schweigend. Es war kein Ehepaar, eher eine Nutz-Gemeinschaft, sie trank, fraß und lief zuerst, er durfte folgen. Sie verbot ihm den ersten Kontakt mit uns, den Sie stolz erreichte. Er war der kleine Nichtsnutz, sie die erste Dame der Straße und begrüßte uns scheu, nachdem sie sich die wichtigen ersten Kontakteinheiten geholt hatte. Wir mochten ihn eigentlich mehr.

    Dann begann der Streit.

    Isabella wollte ihnen, gleich nach der ersten Bekannt­schafts­schließung etwas zu essen holen. Ich sagte, nein, die haben bis jetzt ohne uns gelebt, das sollen sie weiterhin auch.  Aber man kann diese armen Tiere doch nicht dahin­vegetieren lassen.

    Doch, vielleicht gehören sie Jemandem, denn sie vegetierten bis jetzt auch ganz gut, irgendwoher bekamen sie bisher auch ihr Futter und vielleicht ist das hier nur ihre adoptierte Spielwiese.

    Aber morgen hole ich Ihnen was.

    Die Nacht war heiß und die Moskitos stachen.

    Beim Frühstück waren die Hunde bei uns. Wie aus dem Nichts. Sie kannten wohl meine Frau, denn die reichte ihnen was vom Frühstückstisch, was sie mit ihrem eigenen Hund strikt vermieden hatte. Brav den Kopf gesenkt, nahmen sie was ihnen dargeboten wurde, schlangen es hinunter und kotzten es zehn Minuten später aus.

    Siehste, das haste nun davon.

    Konnte ich doch nicht ahnen, hätte ihnen wohl besser Hundefutter gekauft.

    Das kennen die womöglich gar nicht.

    Dann werden sie es eben kennen lernen, die Wohltaten der westlichen Welt.

    Ach. Die wollen doch lieber in Abfalltonnen stöbern und sich die besten Brocken holen.

    Nein, das sind gesittete Hunde, das sieht man doch, wie bescheiden sie an uns herankommen.

    Von Sitte haben die noch nie was gehört, sonst würden sie nicht vor uns auskotzen.

    Das ist nur, weil der Schinken ihnen neu war.

    Mach doch, was Du willst.

    Als wir mittags in einem Restaurant saßen und ich meine mauritianische Portion nicht schaffte, kam das unvermeidliche: Das nehmen wir jetzt mit für die Hunde.

    Die Hunde sind versorgt.

    Ja, wenn wir ihnen das mitbringen.

    Was sagt ein anständiger Mitteleuropäer auf solch eine Erwiderung?

    Daß meine Frau schlau war, hatte sich früher schon gezeigt.

    Als es mir im Leben einmal finanziell gut ging, hatte sie sofort ihre Liebe zu mir entdeckt. Nichts mehr von ablehnendem Verhalten bei einer Einladung zum Essen – und man weiß, wohin eine solche Einladung zwischen Mann und Frau führt; nein, sie lud mich geschickt ein, einen Schluck bei ihr zu trinken, obwohl es nicht meine Tageszeit war und mein Sinn nach anderem strebte. Diesen Sinn muß sie als kluge und auch besonders schlaue Frau sofort erspürt haben. Das war’s dann. Hochzeit folgte.

    Heute will sie unbedingt meinen Reichtum unter Hunde verteilen.

    Dabei ist mein Reichtum nur temporärer Art, vielmehr virtuell und weniger virulent. Aber das scheint sie nicht zu stören, weshalb sie mir wieder kam mit der hilfreichen Geste den Hunden gegenüber, meinen Reichtum zu zerstören: Ich hole den Hunden, nachdem sie Deine Reste gegessen haben, endlich mal Hundefutter.

    Damit der geneigte Leser nicht glauben möge, meine Beziehungen zu Hunden sei gestört, will ich nur vermerken, dass ich bereits in der Kindheit Hunde hatte, die mir aufs Wort folgten, die ich liebte, mit denen ich spielte. Aber es waren meine. Und diese hier waren es nur auf Zeit. Ich konnte keine Verantwortung für sie aufbauen, die ich dann wieder hinschmeißen muß, wenn ich abfliege.

    Wir haben nun mal für jeden Moment des Lebens Verantwortung, philosophierte Isabella.

    Da hat sie Recht, antwortete ich in Gedanken, sagte aber: Ich kann nicht für jeden Hund, dem ich einmal kurz begegne, Verantwortung übernehmen. Vielleicht auch noch zeitlebens!

    Nein, aber für die Zeit, in der man zusammen ist.

    Sie hatte schon wieder Recht. Das ärgerte mich so, dass ich sagte: Aber für diese beiden will ich keine übernehmen.

    Das ist Dein gutes Recht, aber lass mich sie doch übernehmen.

    Was antwortet ein gesitteter Mitteleuropäer wie ich auf solche Erwiderung?

    Bitte! Aber lass mich außen vor.

    Der Abend war gelaufen.

    Auf dem Weg nach Hause, am Strand entlang, begegneten uns unsere beiden Hunde.

    Sie begrüßten uns mit gesenkten Köpfen, leckten uns nicht die Hand, weil es ihnen von anderen Menschen bereits abgewöhnt war und liefen, nachdem sie ihre Empfangsstreicheleinheiten empfangen hatten, voraus, den Weg zeigend und entgegenkommende Feine anbellend. Alle Entgegenkommenden waren Feinde.

    Zu Hause bekamen sie – der Leser wird es vermuten – meinen verschmähten Rest des Essens.

    Ach, wie sie sich freuten. Sie ließen sich sogar herab, einen kleinen Lecker auf eines Jeden Hand abzusondern.

    Ich dachte im Stillen: Wohin wird das führen? Werden sie uns bald auflecken?

    Meine Frau Isabella freute sich über ihren Appetit und es frohlockte möglicherweise ihr pfadfinderischer Geist, eine gute Tat begangen zu haben.

    Nach einer Woche hatte meine Frau die beiden Hunde adoptiert.

    Sie bekamen menschliche Liebe, menschliches Fressen (die Portionen, die wir nicht schafften), menschliche Zuwendung, Streicheleinheiten, wann immer sie diese anforderten, kurz, ein menschenwürdiges Leben.

    Weil im Haus so stickig und heiß (trotz Ventilator, der bekannterweise nur ventiliert, was er um sich hat – nämlich warme Luft), hatten wir uns entschlossen, draußen, auf der Veranda zu schlafen, auf den häuslichen Matratzen mit Leinendecke gegen die innen und außen quälenden Moskitos. (Nebenbei: Auch Autan hilft nicht). Diese Marginalie verschaffte uns einen längeren Diskurs über hilfreiche Mittel gegen Mücken und sonstige Plagegeister der südlichen Hemisphäre. Als geeignetestes Mittel schälte sich Natron, zu Brei gemischt, heraus. Daß wir dieses nicht mehr benötigen würden, wussten weder unsere Gesprächspartner noch wir.

    Doch langsam in der Geschichte der Chiens Mauritiens 1.

    Ram sollte man kennen, Ram ist etwa eine Heiligkeit, ein Muss für alle, die Grand Baie auf Mauritius besichtigen. Ram ist nichts weiter als eine Kneipe mit frappierender Kommunikationsmöglichkeit. Hier saßen wir auch bei dem anregenden Gespräch über Mücken, Moskitos und deren Verhinderung zu beißen. Ram ist immer rammelvoll (bei dem Namen!), wenn es einmal Randale dort gibt – und das ist nie – nennt man sie Ramdale.

    Hier saßen wir also zu acht und berieten, wie man der Mückenplage zwar keinen Einhalt, aber Linderung verschaffen könne, als Olaf eintrat. Olaf ist der König aller Maskarenen, Seychellen, der Malediven und insgesamt aller Inseln im Indischen Ozean. Er ist Barde. Die Klampfe, die er mit sich führt, hat schon so machen Weltkrieg überstanden, sein Lächeln gilt aller Welt und seine Lieder sind so kurz wie der Whisky vor dem Beischlaf.

    Darauf angesprochen, antwortete er: Meine Lieder sind so kurz, wie jemand zuhört, sollte aber jemand mitsingen, spiele ich alle Strophen. Nun gut, wir hatten Jürgen dabei in unserer Gruppe, der nun wirklich aus der Seefahrt kommt und alle Lieder der Welt verinnerlicht hat.

    Nach der ersten Strophe sagte Olaf abrupt, er müsse mal . . . Als er wiederkam, hatte er eine Idee, ein anderes Lied. Dann aber waren ihm die Akkorde entglitten oder waren es die Texte? Keiner wird es je erfahren.

    Nach diesem erfahrungsreichen Abend mit reichlich Musik und Philosophie über Androphilae Muskaris, nahmen wir einen Fußmarsch bei noch satten 30° C auf uns, der uns in 5 Minuten zu unserem Haus und unseren Hunden brachte.

    Sie begrüßten uns besonders freundlich. Deutlich wurde dies sonderlich durch die außerordentliche Liebenswürdigkeit und auffallende Bereitschaft uns abzulecken, was sie sonst nie taten. Sie leckten uns die Füße, die Hände, alles, wessen sie habhaft werden konnten, bedeckten sie mit ihren schlabberigen Küssen.

    Jetzt haben sie uns akzeptiert, raunte mir meine liebste Frau Isabella zu.

    Es geht mir auf den Geist, raunte ich zurück.

    Das darfst Du nicht so eng sehen, sie freuen sich eben, einfach so.

    Solche Freude brauche ich nicht, ich bin naß von oben bis unten.

    Laß Dir nicht anmerken, dass Du das nicht magst, es zerstört die enge Bindung, die sie zu uns aufgebaut haben.

    Eine sehr belästigende und überaus feuchte Bindung.

    Sei nicht so negativ.

    Wäre ich nur negativ gewesen, vielleicht hätte ich das Schlimmste verhindern können . . .

    Wir bezogen beide unsere Stellungen auf unseren Matratzen auf der Terrasse. Die Moskitos stachen hier wie im Hause genauso. Da die Hunde so freundlich zu uns gewesen waren, ließen wir heute mal das Gitter vor der Terrasse auf, da sie schon immer den kühlen Terrakottaboden suchten, den wir ihnen bis dahin verweigert hatten. Sollten sie einmal wie brave Hunde auf kühlenden Fliesen schlafen, sie waren ja so lieb.

    Das waren die vorletzten Worte von meiner geliebten Frau Isabella, die ich hörte.

    Irgendwann nachts griffen sie an. Zuerst mich; die Schwarze hatte einen sicheren Biß. Ich wehrte mich vergeblich – am Boden liegend, einen starken Hund über mir. Das Schlimmste war, als mich gerade die Schwarze an der Kehle gepackt hatte, dass ich meine Frau laut aufschreien hörte: Sie rief meinen Namen.

    MAURITIUS 2

    – Erzählung (Eine ziemlich wahre Geschichte, Teil 2)

    Als ich aus diesem Alptraum erwachte, rief ich als erstes nach meiner Frau.

    Isabella lag wohlbehalten auf Ihrer Matratze, sie schnarchte nicht einmal.

    Die Hunde waren nicht da. Welch ein Glück. Ich weckte Isabella. Dagegen hatte sie was. Nachdem ich sie mehrfach laut angebellt hatte, erwachte sie.

    Die Sonne scheint ja schon. Ich träumte, es wäre Nacht.

    Nein, Liebes, es ist bereits acht Uhr dreißig.

    Ach, dann kann ich ja noch eine Runde . . .

    Nein, die Hunde . . . Sagte ich vieldeutig.

    Hellwach sprang sie auf: Was ist mit den Hunden? Ist ihnen was geschehen? Wo sind sie?

    Sei ruhig, uns ist nichts geschehen, es war nur ein Traum.

    Ach du weißt, dass ich geträumt habe?

    Nein ich habe geträumt.

    Das tust du doch ständig. Hol mir lieber was zu trinken.

    Nein, ich habe was mit dir zu bereden.

    Das können wir doch auch mit einem Getränk machen.

    Diese profane Feststellung überzeugte mich und ich holte aus der Küche zwei Gläser mit Indian Tonic Water.

    Eigentlich war es was Dringendes, was ich mit dir besprechen wollte, sagte ich zaghaft.

    Ja, dann erzähle.

    Isabella lag und lauschte.

    Isabella, wir ziehen um. Ich hatte eigentlich ein Haus am Strand gebucht aber wir sind jetzt durch eine Straße vom Strand getrennt. Heute Morgen rief mich die Agentur an: Wir bekommen heute ein neues Haus direkt am Strand ohne Mehrkosten.

    Und die Hunde?

    Die werden die Nachmieter schon adoptieren.

    CHIENS MAURITIENS 2

    Das Haus war erste Klasse.

    Der Strand vor dem Haus ebenfalls.

    Nur die zwanzigtausend Hunde, die sich davor rumtrieben, störten etwas.

    Tags rumorten sie, kackten in alle Ecken und Spalten, trieben ihr Tagesspiel und weckten uns regelmäßig morgens gegen sechs Uhr durch schrilles Bellen..

    Nachts trugen sie ihre Fehden aus – genau vor unserem Haus und wir durften alles live miterleben.

    Einer von ihnen fiel mir besonders auf. Er humpelte und sein Fell war vielfarbig und voller Sand.. Beim genauerem Hinsehen meinte ich, alte Wunden und Narben zu erkennen. Er kam jeden Tag als erster und legte sich genau vor unseren Garten. Er war bunt. Alle Farben hatten sich in seinem Fell vereinigt, er war halb so groß wie ein Schäferhund und schien zu Mauritius zu gehören mit seiner indisch anmutenden Farbigkeit, seinen schlanken Bewegungen, seinen tief braunen Augen mit einem Blick in die Ewigkeit. Irgendwie erinnerte er mich an eine Frau, der ich in Spanien begegnet sein musste. Sein eines Ohr war irgendwie ocker, das andere fahl, sein Fell bestand aus einem Flickenteppich, der aus Ceylon (Sri Lanka), Bangladesch (Ost-Pakistan), Haiderabad (Indien) und Jakarta (Sumatra) hätte stammen können. Außerdem hatte er etwas von einem Gelehrten; einem Doktor oder Professor an sich. Am dritten Tag buddelte er sich ein Nest im Sand vor dem Garten im kleinen Schatten der Gartenmauer. Es war halb sieben morgens, ich war beim Frühstück, Isabella schlief noch. Ich hatte gerade das Fett vom Schinken abgerissen, um es wegzuwerfen, nahm diese Reste und ging mit schlechtem Gewissen zu dem liegenden Hund.

    Er war ein Rüde und ich nannte ihn in Gedanken –weil er wieder einmal im Sande eingegraben war- DOC SANDY. Ich beglückwünschte mich zu meinem Einfallsreichtum und ihn zu seinem kleinen Frühstück.

    Ich näherte mich ihm – wie man hier sagt- „doucemá“, das heißt, wie man weiß, wenn man kreolisch spricht: „sanft“. Meine ausgestreckte Hand mit den zappelnden Fetträndern voran, ging ich auf ihn zu. DOC SANDY sprang auf, senkte den Kopf und ging die Schritte, die ich auf ich zukam, rückwärts von mir weg. Leise sprach ich zu ihm, nannte ihn bei seinem ihm noch unbekannten Namen und versuchte, meine Stimme tief und beruhigend zu halten. Aus seinem weit geneigten Kopf blickten mich zwei verständnislose aber klugen Augen an, hinten wedelte sein Schwanz.

    Ich hockte mich in den Sand und wartete. Er setzte sich ebenfalls in den Sand und blickte mich ernst an. DOC SANDY, ich will Dir nichts Böses.

    Als hätte er es verstanden, kam er langsam näher (Ich nehme an, der Geruch des Schinkenspeckes tat sein übriges) und nahm aus meiner immer noch ausgestreckten Hand die kleinen Bissen ganz zärtlich heraus.

    So nah waren wir uns noch nie gekommen.

    Jetzt sah ich seine vernarbten Wunden von Bissen seiner Kumpane oder von was immer. Ich hielt ihm meine Hand entgegen, er schnüffelte daran, doch wagte er nicht, sie zu lecken, wie es Hunde im Allgemeinen gerne tun. Da kamen die anderen.

    Laut bellend rasten sie auf uns zu.

    Meinen neuen Freund DOC SANDY galt es nun zu schützen. Ich stand auf. Der Sand unter ihren Pfoten stob, sie rasten weiter auf uns zu und schenkten mir keinerlei Beachtung.

    Ich erinnerte mich an die Regel eins: Schreien. Ich schrie sie an: Halt! (Und damit es internationaler würde) rief ich nochmals: Stopp!

    Sie bremsten schnell und lautlos im Sand. Ich schrie sie an: Hey! Haut ab! Aber sie verstanden mich nicht. Neuer Versuch: Allez! Sie taten, als ob sie mich nicht verstünden. Jetzt musste Regel zwei greifen: Bücken. Wenn ein Mensch sich bückt, so wissen diese Hunde, macht der Mensch seine Schnürsenkel zu oder greift nach einem Stein. Und der kann weh tun! Das wissen besonders mauritianische Hunde und reagieren angemessen. Vehemente Flucht war das Einzige in den Augen und den Beinen der Köter.

    DOC SANDY hatte das alles gelassen mit angeschaut. Jetzt blickten wir uns an. Beide wussten wir, sie würden wieder kommen.

    Zunächst aber kam Isabella. Geweckt vom Gebell der Hunde, wie ich fälschlicherweise annahm. Halboffenen Auges fragte sie: Was ist hier denn los?

    Die Hunde.

    Ich habe noch nie Hunde „Haut ab!“ und „Hey!“ rufen hören!

    Das war ich. Ich habe die Hunde verjagt.

    Ist Dir aber nicht ganz gelungen, da ist ja noch einer.

    Ach der, das ist DOC SANDY.

    Doc was?

    DOC SANDY.

    Haste einen neuen Freund und dürfen wir ihn jetzt durchfüttern und alle anderen dazu?

    Die anderen habe ich gerade verjagt.

    Das habe ich gehört!

    DOC SANDY nahm seinen Sandplatz ein und wir gingen auf die Terrasse zum Frühstücken.

    Isabella fragte mich, ob man etwas gegen die Hunde und den Lärm machen könnte.

    Sollen wir es ihnen verbieten?

    Sie müssen einfach wegbleiben!

    Das war Isabella. Sie hatte wieder einmal den Punkt getroffen.

    Am nächsten Tag im Super –U (dem Einkaufszentrum von Grand Baie) waren Sonderposten ausgelegt für das bevorstehende Sylvester. Knall- und Leuchtkörper.

    Jetzt war es mir klar.

    Ich kaufte 10 rotierende Sonnen. Das sind funkensprühende Leuchtspiralen, die man an einem Stab in die Erde steckt, anzündet und – wenn man Glück hat, zünden. Isabella stellte 10 große Dosen Hundefutter in den Einkaufswagen. Als ich wagte, sie zu fragen, was denn das Hundefutter bedeuten soll, antwortete sie lakonisch: Das ist meine Sache!

    So ist sie eben!

    Dabei dachte ich, DOC SANDY sei MEIN Hund.

    Feindliche Übernahme sah ich angesagt.

    Im Auto fragte sie, was ich denn mit den Raketen wollte.

    Das ist meine Sache!

    Nein! Verschwendung geht auch mich was an!

    So ist sie.

    Apropos Verschwendung. Am nächsten Tag, nachdem sie MEINEN Hund morgens gefüttert hatte, sagte sie in der ihr eigenen Art: Du hast ja nichts dagegen, dass wir Frauen heute mal Einkaufen fahren.

    Antworten Sie einmal darauf!

    Als sie weg war, begann ich meinen geheimen Plan. Was Isabella nicht gesehen hatte: ich hatte außer den 10 Sonnen auch noch Zündschnur gekauft. Basteln ist zwar nicht meine Sache, aber wenn man ein Ziel verfolgt . . .

    Also baute ich es auf.

    Ich war noch nicht fertig, kamen schon die Damen Martina und meine geliebte Frau zur Begutachtung ihrer Jagdbeute.

    Ich braute den Tee. Holte Gebäck. Dann einen Aperitif, dann einen zweiten. Dann stellte ich die Flasche auf den Tisch. Alles war eitel Freude.

    In ihrer Einkaufstasche sah ich die 20 Dosen Hundefutter und verstaute sie.

    Übrigens, sagte sie, wir machen eine Fahrt mit dem Katamaran.

    Ach ja? Wer?

    Na wir alle!

    So und wann?

    Na morgen. Und weiß Du eigentlich, wen ich im Super-U getroffen habe?

    So ist sie. Sie bringt alle Neuigkeiten gerne auf einen Schlag.

    Wen?

    Das glaubst Du nicht!

    Wenn ich es nicht glaube, brauchst Du es mir auch erst gar nicht zu erzählen.

    Doch! Es ist wahr!

    Was ist wahr? (Ich versuchte, gelangweilt zu fragen, als ob es mich nicht im Geringsten interessierte. Mußte sie immer eine solche Spannung aufbauen, statt einfach zu erzählen?)

    Schon immer hat sie die Eigenschaft gehabt, entweder alles vorher zu wissen, oder früher als ich aufzustehen und die Nachrichten abzuhören, um es mir, kaum bin ich noch unter der Dusche, frisch zu berichten, obwohl ich noch nicht so wach bin, diese monumentalen Neuigkeiten zu empfangen.

    Nils. Sagte sie.

    Wer ist Nils?

    Na ja, Nils aus Berlin.

    Wer ist gottverdammt Nils aus Berlin.

    Hab ich Dir doch erzählt. Der Liedermacher, den ich damals traf.

    Hast Du mir nicht erzählt.

    Selbstverständlich. Also pass auf: Ich kenne Nils noch nicht so lange. Jetzt denke ich, ihn im Super-U zu sehen. Glaube aber selbst nicht daran. Ich, zum ersten Mal auf Mauritius, soll einen Bekannten aus Berlin Kreuzberg hier sehen, fern ab, in einem beliebigen Supermarkt? Da nennt seine Begleiterin – die ich nicht kannte – ihn beim Namen – auf deutsch fragt sie: Nils schau mal, ist das nicht der Schinken, den wir suchen?

    Hallo Nils, was machst Du denn hier?

    Mensch, Du hier? Na Urlaub. Und Du?

    Auch.

    Wir wollten eigentlich nach Thailand, dahin gab es aber keinen Flug mehr und das Reisebüro bot uns Mauritius an.

    Toll, dass ihr hier seid. Kommt doch zu Sylvester zu Theo und mir, wir machen eine Strandparty.

    Gerne, Isabella. Meldet Euch, wir wohnen im XY-Hotel.

    So war das?

    So war das!

    Wenn ich jetzt auch mal was dazu sagen darf: (Martina ist eine sehr zurückhaltende Frau, die sich aber dann doch mal einbringen muß) Es war ein sehr schöner Einkauf und ein sehr seltsames Treffen. Isabella sagte zu mir vorher, dass für sie es nicht vorstellbar sei, Jemanden auf diesem kleinen Erdpunkt unverabredet und zufällig zu treffen, sie müsse sich geirrt haben.

    Dummerweise antwortete ich: Die Welt ist klein.

    Darauf Martina: Theo, der Welten Lauf ist unüberschaubar. Die Welt mag in Deinen Augen klein sein, doch hat die Kleinheit nichts mit der möglichen Kleinheit der Gedanken, des Vorstellungsvermögens, eventuell der Unfähigkeit, die Welt zu erkennen, zu tun, Kleinheit der heutigen Welt bedeutet nur, Logistik zu beherrschen.

    Jetzt musste ich antworten. Ich ließ mir Zeit.

    Liebe Martina. Wir wissen alle, dass die Welt groß ist. Die Klugheit der Menschen hat uns dazu gebracht, die Welt in kürzester Zeit zu umrunden. Francois Villon’s Welt zum Beispiel, drehte sich um die Besserwisser, Bessermacher und um das kleine große eigene Ich. Daraus könnte man schließen, dass seine Welt klein gewesen sein mag. Sie war groß. Selbst ein Kaiser hat ihn eingeladen und verwöhnt, seine Gedichte und Bilder sind das Abbild von jedem von uns. Jeder von uns kann heute in weniger als 80 Tagen um die Welt reisen. Jules Verne’s Utopie hat sich inzwischen überholt – oder bestätigt. Dass die Welt heute als klein bezeichnet wird, bezieht sich lediglich auf die Kürze der Wege zueinander, die unverschämte Schnelligkeit der Kommunikation. Aber das macht die heutige Welt aus. Es wird immer wieder Menschen geben, die „klein“ sind. Klein an Vernunft, an Großzügigkeit, an Bereitschaft, an Verständnisfähigkeit. Groß sind diese manchmal an Dummheit oder einfach an Einfalt.

    Martina antwortete: Genau das meinte ich.

    Bevor ich noch antworten konnte, kam DOC SANDY jaulend in den Garten gelaufen.

    Er hatte eine klaffende Wunde an der Schulter (Heißt das bei Hunden auch Schulter?)

    Wir brachten in zum Tierarzt.

    Wie heißt auf Französisch Tierarzt? Wo ist der nächste? Wessen Hund ist das? Was hat er?

    Alles Fragen ohne Antwort.

    Als der Hund versorgt war und bei uns im Garten schlief (meine liebste Frau hatte ihm schon für’s Aufwachen einen Teller mit Fressen zubereitet), kam Isabella und meinte, wir sollten DOC SANDY für die Zeit unseres Hierseins adoptieren.

    Darauf lud ich sie erst einmal zu einem Drink ein. Grundsatzgespräche sind schlecht zu Hause zu führen, besser eine neutrale Umgebung. Der Abend war warm, denke 28°C und wir spazierten gut gelaunt am gewundenen Strand entlang, grüßten die relaxenden Einheimischen und sahen in den azurblauen Himmel, in den wir alle kommen sollen. Die Bar am Strand war noch geöffnet. Bier und Campari.

    Isa, der Hund gehört nicht uns, sondern der Insel.

    Theo, der Hund ist uns jetzt anvertraut.

    Bis wir wieder wegfahren.

    Aber derzeit haben wir Verantwortung.

    Ja, bis wir wegfahren.

    Wie hast Du ihn noch genannt?

    DOC SANDY.

    Auf dieser bezaubernden Insel trafen wir zeitweilig auch seltsame Gestalten, sogar darunter einen außergewöhnlichen Europäer namens Darmstädter. Heute hatte er uns in dieser Bar angesprochen. Nachdem er bemerkt hatte, dass wir Deutsch sprachen, stellte er ganz richtig fest:

    Ach Ihr seid auch aus Deutschland.

    Ja.

    Die große deutsche Nation, überall vertreten . . .

    Wir machen hier Urlaub.

    Ja, die Sublimierung eines jeden Ichs bedarf der Wärme des Südens.

    (Oh, dachten wir, ein gebildeter Intellektueller. Übrigens hatte sein Körper Fassform, er trug am dicken Hals eine Fliege und hatte einen Strohhut auf dem runden Kopf, seine Knopfaugen blickten durch eine Hornbrille, die seine Augen tellergroß erscheinen ließen und zusätzlich trug er ein ständiges Grinsen spazieren.)

    Dann rief er unvermittelt: „Freiheit für jeden Sesselfurzer! Jedem Depp sein Mauritius!“

    (Oh, dachten wir, der Intellektuelle ist betrunken.)

    Nach einer halben Stunde, nachdem er Sätze zwar begann mit Worten wie: „Die ureigentliche Weisheitsformel . . .“ oder „Die Verfassungstreue unserer Politiker . . .“ oder „Im ureigensten Sinne entspricht – wenngleich auch nur in abgewandelter Form – die Sinnhaftigkeit . . .“ – aber keinen Satz zuende sprach, man also nicht in den Genuss kam, seine Ausführungen miterleben zu dürfen, merkten wir spontan, dass Herrn Darmstädter nur heiße Luftströme, aber keine Erkenntnisse entwichen.

    (Übrigens: Nach mehreren Treffen zeigte sich, dass Herr Darmstädter soviel Nichts zu sagen hatte und diesen Wulst aus Nichts erwartungsschwanger vor sich her schob, Jeden in Vermutung hielt, es kämen tiefe Wahrheiten und Erkenntnisse hinterher, aber dann doch nicht auf der einen Seite in der Lage war, seine Sätze zu beenden, auf der anderen auch nicht fähig war, Antworten zu geben.

    Einmal zeigte er uns ein Foto, auf dem er in einer Art Hotelhalle saß und eine blitzweiße Jacke trug, die Strippen an den Ärmeln besaß, hinter ihm zwei schwere Jungs in weißen Kitteln; er meinte, es seien seine Bodyguards.) In meinen Augen waren es seine Irrenwärter.

    Nachdem wir wieder zu Hause waren, stellten wir fest, dass DOC SANDY nicht mehr da war.

    Wir riefen nach ihm, suchten ihn in allen Räumen und kamen zu dem Schluss, er sei wohl abgehauen.

    Mitten in der Nacht kam Isabella aufgeregt zu mir und bat mich, nachzusehen, was in ihrem Schlafzimmer los sei. Es wären Kratzgeräusche zu hören und allerlei andere seltsame Geräusche.

    Männlich und wild entschlossen begab ich mich in ihr Zimmer (mein Gott, dass wir getrennt schlafen, muß Sie als Leser nicht überraschen!).

    Ich öffnete Schränke, sah hinter Türen, überwachte den Garten, schaute in Hochschränke, durchsuchte das ganze Haus – nichts; bis auf eine Kakerlake, die fleißig zu Fuß vom Bad in die Küche rennen wollte. Isa schrie. Ich sagte, dass dieses Tier nichts tut, besonders keine lauten Geräusche von sich gibt. Isa bestand auf der Finallösung. Die heißt „patsch“.

    Dann hörte ich es selber: „Kratz“. Es kam aus dem Schlafzimmer Isabellas.

    Darinnen war es dunkel und so nahm ich eine Taschenlampe. Oberflächlich war nichts zu sehen.

    Als ich schließlich unter das Bett leuchtete, sah ich zwei glühende Augen und dann den Rest von DOC SANDY. Sehr traurig sah er aus, ich rief kurz DOC SANDY, er legte sein Kinn auf den Boden und seufzte.

    Dann sah ich die aus seinem Verband eine Flüssigkeit fließen. Aber er war doch versorgt worden!

    Es war morgens um drei und wir entschieden uns, bis zum Morgen zu warten, um ihn dann zu einem anderen Arzt zu bringen. Wir ließen ausnahmsweise die Türen zum Garten offen, damit DOC SANDY wann er wollte, sein erwähltes Refugium verlassen konnte.

    Bevor ich mich zum Schlafen auf meine Matratze auf der Terrasse verfügte, legte ich die Lunte und ein Feuerzeug bereit.

    Pünktlich gegen 5 Uhr 30 (es wurde hell), kam die Meute und bellte wie aufgespießt. Feuerzeug ging es mir durch den Kopf und Lunte anzünden. Mein Körper gehorchte und das Feuerwerk ging los. Dies wilde Geschrei, nur von Angst besessen, hatte ich nie zuvor gehört. Das Schöne war, dass das wilde Geschrei sich entfernte. Sie liefen um die Wette.

    Ich sah ihnen hinterher und konnte mich nicht eines Gefühles wie Sieg über die Kreatur erwehren.

    Kommen sie wieder? Im Super-U gibt es noch viele der Sonnenfeuer und auch gefährlichere Feuerwerke.

    Ich setzte mich mit einem Bitter Lemon auf die Terrasse. Dort standen, in Terracotta-Gefäßen verschiedene südliche Pflanzen. Hinter mir stand ein 1-Meter hoher Farn. Dieser gab plötzlich Geräusche von sich. Als ob er mit seinen langen Blättern über den Boden schleifte, sanft, leicht, als ob eine Brise ihn bewegte. Es war windstill. Ich schaute mich verwundert um und sah ein Schauspiel, dass ich niemals zuvor gesehen hatte. DOC SANDY stand unter dem Farn. Nein, bei genauerem Hinsehen stand er nicht, sondern bewegte sich in Zeitlupentempo vor und zurück, so dass die Farnblätter ihm den Rücken schubberten, ganz langsam, hin und zurück. Etwas befremdet sprach ich DOC SANDY an: Was ist denn mit Dir? Er schubberte sich weiter. Gespannt verfolgte ich die Prozedur über zehn Minuten lang. Dann legte sich DOC SANDY in die Ecke unter den Farn und wollte seine Ruhe. Ich überlegte, ob das ein normales Verhalten sei. Dabei fiel mir ein, dass Wildschweine sich an Eichen reiben, wie Oliver Kahn es richtigerweise zitierte mit dem Zusatz, das es die Eiche nicht schert.

    Ich versuchte zu erkennen, wie es der Wunde ging und sah, sie war trocken. Vorsichtshalber wollte ich den Veterinär befragen. Unsere Nachbarin war mit diesem gut bekannt und ich bat sie, herauszufinden, was mit DOC SANDY letzte Nacht geschehen war. Sie sagte, sie werde sich melden, sobald sie ihn erreicht hatte.

    Guten Morgen.

    Isabella, so früh schon.

    Habe schlecht geträumt.

    Von mir?

    Nein, von den Hunden – als ob sie verbrannt wären.

    Hunde verbrennen nicht so einfach und nicht von alleine.

    War heute Nacht nicht eine Art Feuerwerk vorm Hause?

    Hm. Nicht, dass ich wüsste.

    PLATINI

    Genau im richtigen Moment kam Platini am Strand vorbei. Platini, das erfährt man nach wenigen Tagen Anwesenheit, ist in Grand Baie ein Original. Abstammend aus einer vor zig Jahrzehnten eingereisten indischen Familie, die zunächst mit dem Handel von Gewürzen viel Geld machen konnte, dessen Oberhaupt mit Namen Patma Hama Gambal nach einem Unfall auf einem Schiff (man sagt, er hätte sich mit einem Fuß in der ablaufenden Seilrolle verfangen und unglücklich auf die Reling gestürzt), an den Rollstuhl gefesselt war und nicht seinen Geschäften mehr nachgehen konnte, ging es der Familie Gambal schlechter. Jeder wusste, dass der angesehene Mr. Gambal viel Reichtum erworben hatte. Nachdem man daraufhin sein Haus mehrfach ausgeraubt hatte – und Gambal dies wehrlos im Rollstuhl sitzend mit ansehen musste, erkennend, dass sein Reichtum dadurch inzwischen furchtbar dezimiert worden war, hatte er sich eines Tages an einer Schnur mit Gebetsfahnen erhängt.

    Die Kinder waren noch klein gewesen und die Mutter versuchte als Wäscherin und Tagelöhnerin die Familie zu erhalten. Einige Werte waren noch erhalten geblieben, welche die Diebe nicht entwendet hatten oder stehlen wollten oder konnten, unter anderem einige Bücher in Sanskrit und auch einige modernere über europäische Philosophie und Geschichte sowie ein einbetoniertes Aquarium mit seltenen Fischen.

    Der kleine Platini (eigentlich hieß er Rama Harihara Platin Gambal) spielte nicht nur leidenschaftlich Fußball in seiner Jugend, sondern las ständig in den ihm von seinem Vater überlieferten Büchern.

    Von diesen Büchern konnte er sich nicht trennen. Als er, heranwachsend, von seiner Mutter zum Einkaufen geschickt wurde, nahm er bereits einige Lieblingslektüre in Plastiktüten mit und ging, nach dem Einkauf zusätzlich zu den seinen mit gewaltigen Mengen an gefüllten Plastiktüten mit Nahrung belastet, nach Hause. Dann wurde er Fischer, verkaufte zunächst an einem mit anderen Fischern gemeinsamen Verkaufsstand, doch bald konnte er sich seinen eigenen Stand am heimischen Markt leisten. Er verdiente gut, konnte seine Mutter, Geschwister und das kleine Haus, in dem sie wohnten gut unterhalten. Aus unerklärlichen Gründen starb bald seine kleinere Schwester Sinhe. Sein Bruder, gerade hatte er den Mopedführerschein gemacht, kam bei einem grässlichen Unfall mit Touristen ums Leben, woraufhin die Mutter alle Kräfte verließen und sie auch das irdische Reich in Richtung Nirwana verließ.

    Unser Platini – wie ihn alle gerne nannten, nahm er doch an örtlichen Fußballspielen immer erfolgreich teil – fischte die nächsten Monate, verkaufte und hielt die roten Gebetswimpel im Garten in Ordnung.

    Dann hatte er eines Tages einen Unfall auf See, bei dem er sich einen komplizierten Bruch des rechten Knöchels zuzog. Was war geschehen? Immer darauf bedacht, nicht in eine Schlinge der aufgerollten Taue zu treten, wenn die Netze ausgeworfen wurden und die Spiralen der ablaufenden Taue sich verengten und mit zunehmendem Druck alles erfassten, was ihnen im Wege war, hatte er an diesem Morgen, nach seinem Morgengebet für Vater, Mutter, Bruder und Schwester eine Kerze zu entzünden vergessen, die er – nachdem er die Netze freigelassen hatte – im Vorderschiff sah. Noch vor dem Fang sollte die Kerze wie die anderen im Wasser schwimmen. Da kam der Fehltritt, der es ihm seitdem nicht mehr ermöglichte zur See zu fahren, heißt zu fischen, heißt Einnahmen zu machen. Ohne Fisch kein Einkommen.

    Er hatte seitdem einen Gehfehler, der niemandem wie ihm selbst besonders auffiel. Eine kleine seitliche Drehung begleitete seitdem jeden Schritt. Nur wenn man genauer hinsah, fiel einem die Eigentümlichkeit des Ganges auf. Dennoch sah man ihn jeden Tag mit seinen literarisch gefüllten Plastiktüten auf den Straßen von Grand Baie beim Einkauf oder in einer Bar.

    Die aufwendigen Begräbnisse der letzten Zeit hatten an dem Familienvermögen gezehrt. Die neueren Verluste hatten ihn gezwungen, alle Habseligkeiten zu veräußern. Dann kam der Punkt, da war das Ersparte zuende.

    Freunde versuchten ihm zu helfen, er bekam hier und dort einige Rupies zugesteckt, durfte bei Sengh immer wieder ein Essen zu sich nehmen, doch seine zunehmende Armut belastete ihn sehr.

    Drei Dinge besaß er noch: Das Haus, die Büchersammlung seines Vaters und ein kleines Aquarium mit bunten Fischen aus dem Indischen Ozean, besondere Zierfische von den Malediven.

    Da begegnete ihm ein indischer Kaufmann und sah die Schätze, die Platini in seinen Plastiktüten mit sich herumtrug.

    Warum tust Du das?

    Weil ich sie liebe.

    Du trägst sie mit Dir, weil Du sie liebst, die Bücher?

    Ja.

    Warum lässt Du sie nicht zu Hause? Da sind sie sicherer.

    Nein.

    Was sind sie Dir Wert?

    Das Andenken an meinen Vater.

    Mehr nicht?

    Doch. Das Erkennen der Zukunft.

    Würdest Du sie verkaufen?

    Nein.

    Um keinen Preis?

    Um keinen Preis.

    Ich biete Dir 100.000 Rupies.

    Damit Du sie für das Dreifache in Indien verkaufst?

    Einen kleinen Gewinn muß ich doch haben.

    Schau, ich habe 150.000 Rupies Schulden; die Hypothek auf mein Haus beträgt ebensoviel, wovon bitte soll ich leben?

    Laß mich Deine Bücher noch einmal anschauen. – Können wir uns morgen um die gleiche Zeit hier wieder treffen?

    Ja.

    Der Kaufmann zahlte die Zeche, grüßte Platini mit einem Kopfnicken und ging.

    Platini holte jedes einzelne Buch aus seiner Tüte, sah auf den Titel, blätterte in jedes hinein und es rollten ihm Tränen übers Gesicht.

    Ja, es ist wahr, er konnte die 1.500 Dollar gut gebrauchen. Aber sein Herz sagte nein.

    Er nahm seine zwei Tüten und ging nach Hause. Er schlief sehr lange.

    Am nächsten tag fuhr er nach Mon Choisy mit dem Bus. Er fuhr eine halbe Stunde. Mon Choisy war ein langer gebogener Strand an der nordwestlichen Küste von Mauritius, wo man jeden Abend bei gutem Werter den Sonnenuntergang über dem Meere beobachten konnte. Seine Tüten hatte er dabei. Er hängte sie, wie gewohnt, mit einem Schritt auf einen abgeholzten Ast, hoch über sich an einen langen Ast eines bestimmten, der vielen tausend Philarous, die den Strand bevölkerten, nachdem man alle Palmen abgeholzt hatte.

    Unbeobachtet von Platini fuhr ein Fahrzeug der höheren Klasse vor.

    Alle freuten sich des Lebens.

    Er auch.

    Du bist Platini?

    Ja. Und Du ?

    Josef.

    Ja und?

    Du hast Sanskrit und andere Bücher, welche wir gerne Dir abkaufen wollten.

    Nein!

    Hast Du sie nicht, oder willst Du nicht verkaufen?

    Nein; eigentlich wollte ich schwimmen gehen, aber Sie haben es mir verleidet.

    Wir wollen dir 300.000 Rupies bieten.

    Klingt gut.

    Also machen wir das Geschäft!

    Nein. Mein Vater.

    Der ist tot und du brauchst das Geld.

    Nein.

    Auf dem Heimweg, Platini hatte seine dem Ast des Baumes anvertrauten Plastiktüten in den Bus geschleppt und war an seiner Haltestelle ausgestiegen, sah plötzlich auf dem Bürgersteig ein Moped auf sich zukommen. Hinter sich ein Dröhnen. Dann fühlte er nur noch, wie beide Hände von der Schwere der Plastiktüten befreit wurden. Er drehte sich und fiel hin. Er erinnerte sich, dass auf Sizilien, besonders in Palermo eine solche Art des Raubes stattfand. Dort sind es zugegebenermaßen Vespas, welche die Räuber benutzten, hier, auf Mauritius, waren es eben Mopeds einer indischen Billigmarke. Jedenfalls: die Bücher waren weg, er lag im Staub und sah keine Zukunft.

    Jetzt kommt die erfreuliche Wendung seines Schicksals: Zu Hause angekommen, legte er sich auf sein Bett und wollte nichts als Ruhe. Er griff wie immer unter sein Kopfkissen und zog einen Band handschriftlicher Veden auf Sanskrit hervor. Als er am nächsten Morgen sein Kopfkissen ausschüttelte, fand er eine weitere Schrift unter dem Kissen. Wenn man, so dachte er, alte Bücher so hoch schätzt, werden diese beiden auch hoch geschätzt werden. Er hatte Recht. Nachdem er sie öffentlich angeboten hatte, fand sich eine indische Universität, die sie ihm für ein kleines Vermögen abkaufte.

    Jetzt hatte er keine Schulden mehr und das Haus für sich und konnte Geld in einen Fischstand am Hafen investieren. Er war doch Fischer gewesen. Alle seine vom Vater ererbten Bücher waren weg. Vom Vater blieben nur noch die Zierfische von zu Hause. Und wie er die Bücher geliebt hatte, so liebte er jetzt die Zierfische.

    Seitdem sieht man ihn mit einer durchsichtigen Plastiktüte über die Straßen gehen, in denen er die Fische mit sich führt. Jeden Arbeitstag bringt er die Tüte zu seinem Stand, entlässt die Fische wohlwollend in ein Aquarium, das den Stand ziert und verkauft angelandeten Fisch gebraten am Hafen von Grand Baie.

    Alle, alle kommen zu ihm, weil er Fische zum Essen und zum Zugucken hat. Nebenbei isst man seinen gebackenen Fisch und schaut auf seine Armada von Buntfischen.

    Platini geht auch manchmal abends aus. Da hat er die sonnendurchflutete, zierfischgefüllte Plastiktüte neben sich auf dem Tisch stehen. Man kennt und liebt ihn. Und er liebt Fische. Alle seine Fische haben einen Namen. Einer heißt sogar PLATINI.

    Isabella war süß zu mir.

    Was möchtest Du zum Frühstück?

    Was hast Du denn zu bieten? Bitte keinen Fisch!

    Ja – eigentlich nichts.

    Schön! Kannst Du mir was Schöneres anbieten?

    Was meinst Du damit?

    Einfach etwas Schöneres.

    Theo, einfach etwas Schöneres steht nicht auf der Speisekarte.

    Dann stelle es doch drauf!

    Und was gibst Du dafür?

    Mich.

    Gut, das ist ein Wort!

    Das Frühstück war wunderschön; aber nebenbei – ich will nicht wirklich in Details gehen.

    Mauritius hat so einen eigenen Gang, wie Los Angeles oder New York, oder Honolulu oder Müllheim an der Ratze.

    Dann kam DOC SANDY.

    Glauben Sie es oder nicht, er strahlte. Vielleicht hatte er die Nacht die Frau seiner Träume getroffen. So etwas soll es ja geben. Also er strahlte mich an, auch Isabella war beeindruckt und holte ihm gleich irgend eine wohlschmeckende Dose. Nach dem hastig aufgefressenen Frühstück – Sie wissen, ich hatte noch keines! – buddelte er sich an schattiger Stelle in den kühlen Sand am Ufer von Grand Baie.

    Seine Wunde war – wie ich erstaunt sehen konnte – vollkommen verschwunden (Zu was Hundefrauen fähig sind!) und er schnorchelte vor sich hin, immer mal ein Auge auf uns geworfen.

    Ich ging nach einiger Zeit zum Bäcker und holte mir das letzte Croissant und ein Bitter Lemon. Mein Frühstück. Ingrid schaute gelangweilt zu, wie ich mir diese beiden Köstlichkeiten schmecken ließ. Es wurde schon wieder heiß, eben gerade neun Uhr. DOC SANDY schälte sich aus seiner Sandkuhle und trabte zu uns auf die Veranda, ein schattiges Plätzchen suchend. Und plötzlich saß er vor mir und tat, was er nie vorher bei Einheimischen tun durfte, er leckte meine Hand leicht ab. Zwei, drei Schlecker. Da stand ich auf und holte meine Haarbürste.

    Sie können sich die wohligen Grunzgeräusche gar nicht vorstellen, die dieser Hund während des ausgiebigen Bürstens von sich gab! Nie erfahrenes Labsal. Als ich die Wohltat mit einem Klaps beendete, wie es jeder gute Masseur tut, schaute er kurz, sprang auf und lief wie ein verrückter Hund am Strand entlang, als ob er die nächtliche und die bürstliche Wohlerfahrung jedem Strandfloh mitteilen wollte.

    Gegen Mittag kam meine liebste Frau Isabella auf die zwingende Idee einzukaufen. Mittagshitze 37 Grad im Schatten. Ich ersparte mir die Frage, ob sie einen Schatten hätte und sammelte, was man bei einem Einkaufsbummel benötigt. Großgeld, Kleingeld, Kreditkarte. Sie war für die Taschen zuständig.

    Da kam DOC SANDY.

    Ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse meiner Frau schnappte er mich am Handgelenk und gab mir unmissverständlich zu verstehen, ich solle ihm jetzt und sofort folgen.

    Ich warf meiner Frau Großgeld, Kleingeld und die Karte zu und wimmerte innerlich frohlockend, ich müsse jetzt anderen Aufgaben folgen, der Hund habe schließlich auch sein Recht.

    Bis zur Grundstücksgrenze hielt er mein Handgelenk fest. Dann lief er voraus, den Strand entlang, nicht ohne mich ständig zu beobachten, ob ich ihm folgte. Kein Schatten am Strand, ich machte schlapp. DOC SANDY kam zu mir und leckte kurz meine Hand, gab einen bittenden Laut von sich, nahm mein Handgelenk sanft in seine Schnauze – und zog mich leicht mit sich. Er lief voran. Nach fünfzehn Minuten veränderte sich der Strand zu felsig schroffen Abschnitten, der Fels stieg an. Wir folgten einem offenbaren Hunde-Trampelpfad. Jetzt knickte mir noch mein Fuß um. Doch DOC SANDY machte Dampf. Er bellte in hohen Tönen, sah sich ständig nach mir um. Ich schleppte mich den Pfad entlang. Schön türkis lag der Indische Ozean unter uns. Über uns flog ein Paraglider. Ich winkte ihm zu, konnte aber nicht erkennen, ob der Ikarus mir zurück winkte.

    Da begann DOC SANDY das Bellen.

    Wir befanden uns an einer Art Höhleneingang. Diese Höhle befand sich an der äußersten Spitze einer Landzunge. Weit hinter mir konnte ich Grand Baie erkennen. Der Ikarus war weit über der ausgestreckten Bucht und strampelte mit den Beinen. Über dem Höhleneingang war ein verknorzter Baum angebracht, der seltsamerweise seine Äste nach unten, schützend über den Höhleneingang platziert hatte. Irgend welche indische Ozean- und Sturmwinde mögen ihn dazu befleißigt haben.

    Hier war Schatten. Endlich. Nur, warum bellte der Hund so überdrüssig. Auf Mauritius gibt es ja keine Schlangen und Spinnen. Kakerlaken allerdings machen einen Hund nicht kirre. Ich kam näher. Dann, als ob nichts gewesen wäre, schnuffte mich DOC SANDY an und schubste mich in Richtung Höhleneingang. Der war zum Bücken bestimmt. DOC SANDY überholte mich beim Besteigen der Höhle und ging sozusagen immer drei Schritte vor, zwei zurück, um zu schauen, ob ich ihm folgte.

    Es wurde düster. Meine lichtempfindliche indliche i Brille war tief dunkel getönt und in der Düsternis der Höhle sah ich gar nichts mehr. Ich setzte die Brille ab, sah wieder Helligkeit aber keine Konturen. DOC SANDY bellte.

    Dann hatte meine Brille sich an die Dunkelheit gewöhnt und ich sah durch sie wieder Konturen. DOC SANDY scharrte. Die Erde stob nur so. Dann hielt er einen Knochen im Maul und legte ihn vor mir nieder. Ich streichelte DOC SANDY. Das war es also, er wollte mir sein Versteck für seine Knochen zeigen! Er leckte kurz meine Hand. Da fiel mein Blick auf die Scharrstelle und ich sah etwas blinken. Es roch muffig in der Höhle, nur wenig der mauritianischen Sonne drang hier ein. Aber es blinkte. Automatisch griff ich zum blinkenden Etwas. Es war ein Verschluss, wie ihn Taschen und Koffer besitzen. DOC SANDY schaute interessiert zu, was ich dort ausgrub. Es war eine Reisetasche, schwarz, genoppt, hässlich. Sie war pralle voll. Mit was?

    Jetzt muß ich was zu meiner Entschuldigung sagen: Eigentlich war es mir nie in den Sinn gekommen, nach Mauritius zu reisen. Mauritius war immer blau und immer eine Briefmarke für mich gewesen. Aber dann hatten wir Freunde, die uns eine Reise auferlegten.

    Jetzt, drei Tage vor Abreise war ich in der Höhle gelandet. Und hatte plötzlich die Reisetasche auf den Knien. Sie war unverschlossen und ich spürte unter der Plastiktüte darin verschiedenste Gegenstände. Kantige, runde, flache.

    Ich streichelte und küsste DOC SANDY, der immer noch nicht wusste, was ich da in Händen hielt. Ehrlich gestanden: Ich auch nicht.

    Draußen steckte ich mir eine Zigarette an und setzte mich auf einen Stein. DOC SANDY tat es mir nach, mit einem Unterschied, er rauchte nicht. Hatte aber seinen Knochen dabei, an dem er nagte. Der Ikarus war weit entschwunden. Die See war immer noch türkis und es war sehr warm. Ich hatte Durst.

    Ich zog die Plastiktüte aus der Reisetasche. Sie war mit einem Aufdruck versehen: „Super U“. Der tolle Supermarkt in Grand Baie.

    Ich traute meinen Augen nicht, eine weitere Plastiktüte, überkrusteter Schmuck, schwarze Münzen und diverse, undefinierbare Gegenstände mit Schlick oder sonst was überzogen, als ob das alles auf dem Meeresboden gelegen hätte. In der zweiten Plastiktüte waren Scheine. Geldscheine, genau gesagt, US-Dollars. Na siehste, hat sich ja der mühselige Weg mit DOC SANDY gelohnt!

    Bei Dollars kenne ich mich nicht so aus, da sieht ja jeder wie der gleiche aus. Aber ein Abendessen mit Isabella würde das noch abwerfen. Den Rest wollte ich einfach wegwerfen. Doch ganz unten fand ich noch etwas Gelbes, Schweres. Oh! Das sind ja Goldbarren! Dann lade ich alle unsere Freunde zum Abendessen ein. Freibier für Alle.

    Vorsichtshalber nahm ich die Reisetasche mit Inhalt mit. Obwohl es mir in der Mittagshitze schwer fiel.

    Isabella hatte inzwischen eingekauft.

    Na, habt ihr euch gut amüsiert? Deinem Hund habe ich nichts gekauft. Und Bier musst du selbst holen.

    Wir gehen heute aus!

    Das sagst du jetzt, da ich eingekauft habe!

    Ja. Schau her!

    Willst du jetzt noch verreisen? Wir fahren doch Überübermorgen.

    DOC SANDY hat sie mir geschenkt.

    Die ist ja total verdreckt.

    Aber voll.

    Ist ja toll.

    Schau doch mal selbst.

    Hilfst du mir beim Auspacken, oder soll ich alles alleine machen?

    Ja doch.

    DOC SANDY hatte sich ein schattiges Plätzchen gesucht und seinen Knochen begutachtet.

    Nach zwei Stunden fiel mir die Reisetasche wieder ein.

    Schau mal, sind das gültige Dollars? Und hier, meinst du, das sind Goldbarren?

    Na aber hallo! Wo hast du denn das her?

    Von DOC SANDY.

    Na dann kriegt er aber eine Dose von mir persönlich geöffnet.

    Erst nachdem der Knochen restlos vertilgt war, machte sich DOC SANDY an das Dosenfutter.

    Danach bekam er eine weitere Bürstung mit meiner ausgedienten Haarbürste und grummelte.

    Wir hatten ein Herrchen in der Nachbarschaft gefunden, der DOC SANDY nach unserer Abreise übernehmen wollte.

    Natürlich zeigten wir unseren Freunden meinen Fund.

    Ahs und Ohs wechselten in ständiger Folge. Die Dollars hatte ich eingesteckt. Aber offenbar waren die verkrusteten Gegenstände nach eingehender Betrachtung von nicht geringem Wert.

    Der Abend war sehr feucht und sehr fröhlich. DOC SANDY war nicht dabei, er blieb bei uns im Strandhaus, während wir alle Grand Baie unsicher machten.

    Am Flughafen bekam ich Probleme. Der Inhalt der Tasche zusammen mit meinem normalen Gepäck überstieg gewaltig die 25 kg, die man kostenfrei mitführen darf.

    Hier halfen schon einige der Dollars.

    Zu hause stellten wir fest, dass die Dollars alle eine 100 trugen, der Schmuck gereinigt werden konnte und die Goldbarren echt waren.

    Einem neuen Besuch der wunderschönen Insel steht somit nichts im Wege.

    Das neue Herrchen von DOC SANDYsandte mir eine E-Mail des Inhaltes, dass es dem Hunde gut gehe und sie des öfteren auf den Klippen spazieren gehen, der Hund ihn ständig in eine Höhle zerren wollte, er aber claustrophob seie.

    Bis bald, DOC SANDY, bis bald Mauritius!

    Isabella meint das auch.

    ENDE

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