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  • egot24 13:46 am 9. March 2016 Permalink | Antworten
    Tags: Bucht von Palma, Can Pastilla, , , ,   

    Ca’n Pastilla, Mallorca 2016 

    2016-04-02 bis 18-02 Mallorca Can Pastilla

    Do. 04.02.16 Mallorca 1

    Drauf auf die Insel der Deutschen!
    10 Jahre Entzug waren genug!
    Vor 37 Jahren zum ersten Male den Duft der Insel genossen, die Sonne im Winter, später öfter sogar für 3 Monate genossen, Hotelgästen die Insel gezeigt für Autokosten und Essen.
    Also zum Flieger. Mit dem Taxi. Scheißwetter hier.
    Zum Abschied eine Currywurst im Flieger.
    Bei Marseille verschwand die weiße Watte unter uns und das Mittelmeer zog uns zur Insel. Flugkapitän Becker machte viele witzige Ansagen, z.B.: „Die Passagiere auf der rechten Seite werden einen tollen Ausblick nach rechts auf Palma haben. Wenn die Passagiere der linken Seite nach rechts schauen, sehen sie die Mitpassagiere, die rechts raus schauen.“
    Taxi nach Can Pastilla (3 km, also knapp über Kurzstrecke). Einheitspreis EUR 15. Dafür verpasste er unser Apartmenthaus und musste nochmal zurück. Er hatte uns nicht geglaubt, dass wir das Haus kannten. Dafür hat er uns erzählt, dass es wundervolle Fahrradwege nach Palma gibt, neu angelegt, immer direkt am Strand entlang.
    Apartment: 2 Zimmer, Küche, Bad, 47 qm mit Balkon im 8. Stock mit wundervoller Aussicht auf die Bucht von Palma, auf die Bergkette von Alfabia. Und Sonne!
    Blick auf die Buchten
    Spaziergang, Drink, Einkauf, Essen gehen im Fischrestaurant der kleinen Bucht.
    Dann holte uns nicht der Jetlag, aber doch die Klimazonenveränderung ein, Müdigkeit machte sich breit und das Apartment rief laut nach uns. Ich schaffte gerade noch diese Zeilen.

     

    Fr. 05.02.16 Mallorca 2

    Englisches Frühstück im britischen Cafe am Fuße unseres Hauses an der kleinen Bucht. Spanische Zigaretten in mallorquinischer Tabaccheria. Deutscher Spaziergang durch mallorquinische Landschaft, holländisches Bier kauften wir beim Senegalesen. Multikulti hat auch hier schon längst Einzug gehalten.
    Buchtausgang
    Die mir altbekannten Gebäude stehen noch, nur sind andere Geschäfte und Bars darinnen.
    Neu waren die Geräusche: Das überlaute Piepsen bei Rückwärtsfahrt von Bobcats – kleinen Bauschauflern für Straßenbau. Gut, Hunde haben auch früher schon gebellt, was das Zeug hielt, doch dachte ich, die wären schon im Himmel. Nein, sie sind wieder auferstanden und tönen wie eh und je. Dann: Wenn man in der Vorsaison verreist, muss man mit Bautätigkeiten jeglicher Art rechnen, die naturgemäß mit Geräusch verbunden sind.
    Doch statt dass alle gleichzeitig tönen, haben sie sich abgesprochen: Entweder piepst die Rückwärtsfahrt oder, wenn dies verstummt ist, bellen die Hunde wie verrückt; sind diese heiser, fangen die Bauarbeiter an zu hämmern bis ihnen die Arme schwer werden, dann lösen sie die rückwärtsfahrenden, laut piependen Baufahrzeuge an. In dieser oder ähnlicher Reihenfolge geht es weiter. Egal, wo du auch bist.

    Dann kommt der Punkt, an dem du entweder die Hunde, die Bauarbeiter oder das Piepen vermisst. Entzug ist angesagt.

    Gut, geht man nach Hause oder doch erst mal ins Restaurant an der kleinen Bucht Cala Estancia und bestellt aus Frust erst mal ein Bier und dann ein frugales Mahl, dann noch einen Cientotres, der hier aus der Flasche am Tisch eingeschenkt wird, bis du STOP sagst. Danach gehst du beschwingt in dein Apartment, schaltest das TV ein und schaust sogar noch genüsslich DSDS.

    Ob es genauso war, weißt du am nächsten Tag nicht mehr.

     

    Sa. 06.02. Mallorca 3

    Was war gestern noch? Mein Gott, habe ich gut geschlafen!
    Neuer Tag, neue Erlebnisse und vielleicht neue Erkenntnisse.
    Rennt mir was im Kopf rum mit DSDS, beim riesigen Frühstück an der Cala Estancia. Wieso habe ich einen solchen Appetit?
    Heute mal Palma.
    Palma
    Kenne ich von vor dreißig Jahren. Heute mal neu kennenlernen. Die liebste aller Ehefrauen fand sich bereit, mich zu begleiten. Nein, nicht sie hat sich dort Schuhe gekauft, ich war es!
    Vor dreißig Jahren war das Cafe Lirico ständig voller Einheimischer, die bezahlten Bons mussten und wurden auf den Boden geworfen werden, der weiß von den Zetteln strotzte. Reden, Lachen, Gelaber drinnen und draußen. Heute strotzte nur die Leere. Der Cortado schmeckte wie damals.
    Das Wetter war grandios: Kein Wind, Sonne hinter leichtem Dunst, 20 Grad, Wohlfühlwetter.
    Die Kathedrale war wie meist geschlossen, so dass man nach den gefühlten 120 Stufen aus Enttäuschung diese grandiose Kirche links liegen ließ, um den Ausblich von der Aussichtsterrasse zu genießen.
    Wo zum Teufel ist die Bushaltestelle? Die Gassen wurden immer enger, die Orientierung ließ nach, auch die von einem mitfühlenden Ober geschenkte Straßenkarte half so richtig. Füße finden ihren Weg und so ging es auch wieder nach Hause.
    Appartmenthaus
    Dort herrschte schon Abendstimmung. Wind kam auf und trieb Wellen in die kleine Bucht, die Landungsscheinwerfer der ankommenden Flieger wiederholten sich, um hinter immer demselben Gebäude zu verschwinden, im 5-Minuten Takt. Jetzt war es schon richtig dunkel und ich sah sie wieder, die Taschenlampen, die keine sein können bei der Helligkeit, die sie verstrahlen. Eine auf hiesiger Seite der Bucht, eine auf der anderen. Was machten, was suchten sie? Für mich ein Rätsel: Sie strahlten ins Wasser, meist aber am steinig befestigten Ufer entlang, als ob man verlorenes Kleingeld suchte. Entzieht sich meiner Vorstellungskraft.
    Von wo ich das beobachtet habe? Von meiner selbst erwählten Tonne auf unserem Balkon im 8. Stock.
    Diese Tonne hat zwar einen Vorteil zu meiner Berliner Tonne: Hier härt man Meeresrauschen, schaut weit aufs Mittelmeer und auf unzählbare Segel, doch wen soll ich im 8. Stock neu kennenlernen?
    Von der hiesigen Tonne sehe ich Lichter unten (Land und See) und oben (Sterne und Flugverkehr). Sogar links und rechts; denn dort haben die Inhaber der Apartments auf den Balkonen sogar bewegte Lichter installiert, um vorzutäuschen, dass dieses Apartment bewohnt ist.
    Nun ist auch dieser Tag zuende. Morgen, denke ich, gibt es neue Glanzlichter.

     

    So. 07.02. Mallorca 4

    Es stellte sich heute heraus, dass meine hiesige Tonne gar keine echte Biertonne ist; eher eine Sitztonne, heißt, man kann an ihr sitzen und sie ist auch gar keine Tonne, sondern ein banaler Balkontisch, auf den man jedenfalls stehenderweise sein Bierglas abstellen kann. Will man aber nicht bei Regen und Wind.
    Rainy day heißt auf Mauritius: Man bleibt zu Hause und suckelt an den Vorräten.
    Rainy day auf Mallorca heißt: Ist gleich vorüber, außer es kommt noch schlimmer. Sturm hat die Sonne weggeblasen, die See schäumt, der Balkontisch, sorry, die Tonne wackelt. Plötzlich Sonne. Wolken ziehen ab, Windstille bricht lautlos ein. Jetzt kann man raus, alles friedlich.
    Ausblick
    Denkste. Warst gerade mal eine Stunde Frühstücken und Einkaufen, gingst mit den Tüten nach Hause, schon flog dir der Hut vom Kopf und die Einkaufstüten aus der Hand, besonders die mit den Eiern, denn die gibt es hier nicht in Pappschachteln, sondern lose und wenn die kleine Tüte dir ans Knie schlägt, haste ein oder zwei Eier weniger.
    Halbe Stunde später war schönstes Frühlingswetter, Sonne, kaum Wind aber: Hohe Wellen, davon viele, weshalb nun auch Unmengen von Wind- und Keitsurfern in den Buchten ihren Tanz aufführten.
    An meiner Balkontonne haben wir Lorenzo (de Mancor del Valle) nicht kennengelernt, sondern im Restaurant, welches wir von unserer Tonne jeden Tag und Abend sehen. Er ist die Seele des Lokals, nicht der Inhaber!
    Lorenzo ist 75 Jahre alt und ein Kellner, wie man ihn sich nur wünschen kann.
    Spürt er, dass man ihn nicht nur als Kellner „benutzt“, bekommst du seine ganze Zuwendung. Dann kriegste auch aufs Haus einen sechsfachen Cientotres.

     

    Mo. 08.02. Mallorca 5 (Rosenmontag)

    Knalliger kann Sonne nicht sein. Daheim werden die Fastnachtsumzüge wegen Sturm abgesagt.
    Hier bei bestem Wetter eine neue Erfahrung:
    Die Pieper sind nicht nur Rückwärtsfahrer. Endlich habe ich den manchmal zehnminütigen Piepton ausgemacht: Wir wohnen in einem Hause dem Yachthafen gegenüber. Dort gibt es naturgemäß auch einen Hebe- und Transportkran für die Umsetzung von Booten vom Trockendock ins Wasser. Dieser piept solange er in Aktion ist.
    Nun kann ich den Piepton zuordnen und kann ihn überhören.
    Ein zweiter Erfolg begab sich, als ich mir den Parkplatz vor dem Hafen ansah, um zu checken, ob wir unseren noch zu mietenden Leihwagen dort kostenfrei parken können. Lehnte ein Einheimischer an seinem Auto auf dem Parkplatz. Sprach ihn an, ja, aparcar es libre. Und ich erwähnte, dass wir uns einen Wagen mieten wollten. Ja, dort drüben bei Señora Maria gibt es Mietwagen und dieser Parkplatz wird regelmäßig von Polizei angefahren. Der ist sicher.
    Maria machte es möglich, dass wir morgen einen Wagen bekommen.
    Nach diesem dritten Erfolg dachte ich, jetzt müsse mal was Negatives kommen. Zuviel Gutes verheißt Schlechtes.
    Ich sollte mich irren.
    Aber zunächst beobachteten wir die Surfer und Segler in der großen Bucht und den Typ, welcher in der kleinen (ruhigen) Bucht versuchte, seiner Partnerin diese offenbar neue Sportart beizubringen (stehend auf einem Brett mit einem Paddel). Nach ihrem zweiten Fall ins Wasser legte sie sich rücklings aufs Brett und ließ Sportart Sportart sein.
    Jetzt zur ewigen Hauptsache: Was essen wir?
    Nun gibt es unzählige Imbisse, Bistrots, Restaurants hier. Von denen hat derzeit Zweidrittel geschlossen. Doch auf unserem Informationsgang hatten wir zwei (sogar offene) deutsche Lokale gefunden. Eines leuchtete mit dem Angebot Rindsroulade. Da ich gestern rein zufällig in Rosins Restaurants gesehen hatte, wie er Roulade machte, war für mich klar: Heute Roulade.
    Dabei war es keine deutsche Roulade. Nach spanischem Smalltalk kam heraus, dass Christiane Österreicherin ist.
    Die Roulade war perfekt. Noch ein Erfolg!
    Jetzt werde ich skeptisch. Was kommt als nächstes?
    Endlich mal ein Misserfolg: Der Käse entsprach nicht den Anforderungen der liebsten aller meiner Ehefrauen.
    Dafür hatte unser Laden noch auf, in welchem wir noch das Restliche zum Glücklichsein kaufen konnten.
    Appartement war schön warm (nenne ich jetzt nicht Erfolg). TV war interessant, besonders dadurch, dass die Sender des Satellitenfernsehens immer an anderem Sendeplatz waren und man schön zappen darf, bis man seinen Wunschsender fand. Wieder mal Misserfolg. Endlich!

     

    Di. 09.02. Mallorca 6

    Kein Rainy Day, ein Stormy Day. Sonne knallt hinter leichtem Dunst, Meer war noch ziemlich ruhig.
    Stormy Day ein Autotag. Mit Auto sollte man fahren können. Konnten wir nicht – doch, die ersten zwei Kilometer. Tank war leer (wir müssen es genauso abgeben!). Kannte eine Tankstelle in der Nähe. Die Zapfsäulen waren versperrt, der Tankwart erklärte, die Software spinne, sie warten auf Wartung. Kann 15 Minuten dauern. Oder 30.
    Wir entschieden uns zu warten. 26 Autos fuhren unbetankt weiter. Nach 33 Minuten der Ausruf, jetzt sei es soweit.

    Eines der ruhigsten, beschaulichsten Orte vor 30 Jahren war Porto Colom an der Ostküste, ein Fischerdorf, weit ab vom Tourismus. Eine Kneipe am Hafen. Zwei, drei Segler im Hafen. Damals hatte ich diesen Ort als ersten Punkt ausgewählt, als ich mit Hotelgästen Rundfahrten machte. Natürlich gegen Bezahlung, Essen frei.
    Porto Colom
    Heute ist die Beschaulichkeit eingeholt von heutigem Tourismus.
    Dafür sind die Straßen sehr gut ausgebaut. Wetter lässt sich nicht ausbauen, es kommt wie es will.
    Sturm mit Sonne auf herrlichen Straßen in herrlicher Umgebung.
    Zu Hause dann ordentliches Wetter: Sturm blies die Wellen über die Wellenbrecher, auch die Gischt über unser geparktes Auto, der Sturmwind zog uns fast die Jacken aus, draußen auf dem Meer zogen riesige Schaumteppiche entlang, die Trennscheiben zwischen den Balkonen erzitterten.
    Selbst unsere ruhige Innenbucht wurde meschugge und zeigte Schaumkronen.
    Jetzt dachten wir an die abgesagten Rosenmontagszüge und retteten uns nach Hause.
    Aus dem warmen Appartement im 8. Stock schaut man gerne hinaus in stürmische See.
    Wehe, wer jetzt den Naturgewalten ungeschützt ausgesetzt ist.
    Wie wir heute Vormittag der Naturgewalt, kein Benzin zu haben.

    Mi. 10.02. Mallorca 7

    Gestern hat sich der Wind aufgebaut, der heute Morgen dicke Brecher liefert. Gestern war Sturm, heute früh nur leichte Brise. Deshalb sind auch keine Wind- oder Keitsurfer unterwegs, sondern jede Menge Wellenreiter. Grandiose schaumgekrönte Wellen. In der „großen“ Bucht hunderte dunkler Punkte, die plötzlich, wie von Geisterhand von den Schaumkronen in heiklem Tempo vorangetrieben wurden. Bedauerlicherweise immer wieder zurück zum Strand, dann müssen sie immer wieder rausschwimmen. Nix für mich!
    Wir setzten uns ins Automobil und ließen erst mal die Scheibenwaschanlage mit Wasser auffüllen. Das Salzwasser, welches auf unserem vorgelagerten Parkplatz in großen Duschen aufgeschlagen war, hatte jede Sicht hinter Salzschicht verdammt. Wir hatten zwei Liter Wasser dabei. Mit diesen zwei Litern Trinkwasser bekamen wir die Scheiben nicht frei, kurz drauf war die Salzschmiere schön überall verteilt.
    Jetzt aber konnte es losgehen: Die Insel erkunden.
    Da fiel uns ein, große Lust zu weiten Fahrten, ein bisschen die nahe Gegend erkunden, mal sehen, ob das, was wir von Früher kannten, entweder noch da und wenn ja, wie es noch da ist.
    Dort oben, bergauf hinter El Arenal gab es freie Pampa, Sträucher, Gebüsch und wildes Rosmarin.
    Heute touristisch überbaut, Reihenhäuser billig und Villen teuer, nur die Abrisskante zum Meer hin blieb wie sie war: unberührt.
    In unserem Apartment unter dem Dach bekommen wir immer hautnah mit, wenn der Wind eine gewisse Stärke annimmt, dann klackert oben auf dem Dach irgend eine lose Tonne und rumpelt mehr oder weniger stark.
    Hier, an der Abrisskante vom Fels zum Meer erfuhren wir die Wetteränderung beim Aussteigen aus dem Auto: Keine Knallsonne, sondern Knallwind, der meine Türe zuzuhalten versuchte. Dennoch stiegen wir aus und kämpften uns vorbei an den Villen und Reihenhäusern zu eben dieser Kante mit einem tollen, insularen Ausblick. Links Afrika, vor uns in der Ferne unser Appartementhaus.
    Na ja, wenn wir heute 20 km gefahren sind, war es viel. Aber bei dem Wind . . .
    Eine große Aufgabe stand mir noch bevor: Den Karton voller Lebensmittel (und Bier!) aus dem Auto nach oben bringen. Zum Glück ging der Aufzug.
    Wir haben jeden Tag eine neue Überraschung: Das erste und zweite deutsche Fernsehprogramm sind beim SAT-TV jeden Tag auf derselben Taste auf der Fernbedienung. Alle anderen wanderten von Tag zu Tag auf einen anderen Platz. Sicherlich schrieben wir uns die Kanäle auf, doch immer lagen sie woanders. Zwei Tage konnten wir SAT1 empfangen, danach war der Sender verschwunden – wir zappten bis 680.

    Abendessen aus dem Karton selbst gezaubert. Meine hiesige Tonne vernachlässige ich nicht, denn dort nehme ich Wetter hautnah wahr mit einem Bier in der Hand, also das da unten, wo die Wellen nach wie vor blöde auf Felsen platschen.

     

    Do. 11.02. Mallorca 8

    Grelle und heiße Sonne empfing uns am Morgen, grell, weil das Mittelmeer die Strahlung wie ein Spiegel verdoppelte.
    Nun hatten wir die Automiete verlängert, also war Fahrt angesagt. Porto Pollenca war eigentliches Ziel, doch eine Heimfahrt am Nachmittag gegen die tiefstehende Sonne wollte ich vermeiden. Neuer Plan: Valdemosa, Stadt von Chopin und George Sand. Dass Valdemosa einen eigenen Hafen 450 Meter tiefer unten hatte, war mir unbekannt, doch die liebste aller Ehefrauen hatte die Idee, diesen vortrefflichen Hafen zu besuchen. Hätte sie den Schwindel erahnt, wäre sie locker über ihre Eingebung hinweggegangen. Nach wenigen hundert Metern begann das schwindelerregende Ereignis: Immer am Abgrund entlang, 6 km abwärts. Wie lang 6 km sein können, erfährt man erst, wenn man diese 6 km in steilsten Serpentinen mit oft nur einspuriger Fahrmöglichkeit absolviert und die unterdrückten Angstschreie der liebsten aller Ehefrauen immer wieder erahnt. In jeder der engen Serpentine kommt naturgemäß ein Auto entgegen oder an den Schmalstellen. 112 Kurven, die meisten mit Blick in den Abgrund wollten überwunden werden. Mein Lenkrad hatte schon Muskelkater, die Lenkung wollte auch schon den Dienst verweigern.
    Da waren wir unten.
    Die letzte Engstelle, eine Brücke zum Hafen mit einem einzigen Cafe, ca. 20 Häuser, an die Felsen geklebt, scheinbar unbewohnt; die acht Boote alle an Land, abgedeckt. Der Parkplatz größer als der Hafen (50 mal 20 m), die Tische vor dem Cafe fas alle belegt von den sieben Leuten, die sich hierher verirrt hatten. Hinter uns 450 m hohe Felsen, vor uns das Mittelmeer, Richtung Barcelona. Etwas weiter rechts liegt Marseille, ganz rechts stößt man auf Korsika. Was für ein grandioser Hafen, dem die ganze Welt offen steht.
    Port de Valldemosa
    Nach Cortado und Tee (Erholung tat not) wieder die 112 Kurven, diesmal aufwärts, du siehst den entgegenkommenden Verkehr nicht, weil so steil; und wieder, just in Serpentinen und an Engpässen kommt der Gegenverkehr – richtig, es gibt ja auch nichts anderes, wo man sich treffen könnte.
    Endlich wieder oben, erst mal einen Parkplatz gesucht für eine Entspannungszigarette. Der Schwindel forderte seinen Tribut.
    Mindestens alle 10 km triffst du auf Gruppen von Rennradlern. Triffst du auf einzelne, sind die entweder abgehängt oder fahren dem Tour de France Sieg entgegen.
    Dass die Landschaft superschön ist, brauche ich hier nicht zu erwähnen.
    Auf dieser Bergpartie nach Andraitx geben Kurven sich die Hand. Genau gesagt: eine 40-er Strecke; biste mal auf 50, kannste gleich wieder abbremsen. Doch diese Ausblicke! Natürlich nur für den Beifahrer!
    Habe früher mal auf ähnlicher Strecke unzählige Unfallwagen in den Schluchten gesehen.
    Da ich dieses noch schreiben kann, liegt unser Mietwagen nicht zerquetscht in einer solchen.
    Schrecklich schön, diese Gegend, vor allem viel Natur, und man kommt sich so klein vor, wie man ja auch ist.
    Zurück in unserer nicht so schrecklich-schönen Welt genossen wir den Ausblick auf was Flaches, unspektakuläres, eben Meer, Buchten und aus den schrecklichen Bergen geschnittene Steine, zu Häusern zusammengesetzt.
    Keine Serpentinen mit fürchterlichen Abgründen. Die Segelschule war wieder mit neun Schülern auf der beruhigten See, die Wellenreiter hatten wieder mal die Surfer abgelöst, da Wind kaum wehte, jetzt konnten wir in Ruhe auf unerem Balkon im 8. Stock unser Essen einnehmen und die wechselnden Lichtstimmungen wahrnehmen.
    Dann kam die Meldung, dass man die von Einstein vorausgesagten Gravitationswellen entdeckt hatte.
    Nun erinnerte ich mich an den Roman von Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“, als der Endcomputer auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und den Rest die Antwort gab: „42“
    Diese Wellen machen nichts anderes, als bei ihrem Eintreffen alles zu dehnen oder zu stauchen. Keiner merkt was davon. Das ist 42. Vielleicht auch 42,5.
    Jetzt schlafe ich beruhigt ein.
    Nein, unberuhigt, da wir beide (die liebste aller meiner Ehefrauen und ich) zusammen 120 Euro für Datenübermittlung verbraucht haben und sie (1&1) uns die Verbindung vorsichtshalber sperren.
    Dabei hatten wir gestern mit 1&1 telefoniert und offenbar nichts klargestellt . . .
    Später stand ich an meiner Mallorca-Tonne, freute mich über den nächtlichen Anblick der Buchten und der Lichter drumherum bei meiner heutig vorletzten Zigarette und wusste, dass wir von diesem Rotwein, den wir gestern gekauft und heute geschlürft haben, morgen noch eine Flasche kaufen werden (Monologo, Rioja, crianza 2013).
    Er hatte eine Halsbinde, die die Kassiererin mit besonderem Schlüssel entfernen musste.
    Sie wird sich morgen wieder an uns erinnern müssen.
    Wann komme ich endlich ins Bett?

     

    Fr. 12.02. Mallorca 9

    Glücklicherweise fuhren wir in den Norden der Insel. Der Süden war eingetaucht in graues, stürmisches Wetter. Die Strecke Alcudia – Port de Pollenca bot sich wie immer wunderschön, der kleine Abstecher nach Formentor mit den herrlichen Aussichten erhellte die Seele.
    Port de Pollenca
    Dann quer durch die Insel, teilweise auf Nebenstraßen in die graue Südhälfte mit Starkwind.
    Unser neuer Italiener schuf uns wohle Gefühle (er kommt aus Palermo, sie aus Peru).
    Nun, mehr war heute nicht drin. Doch: Ein exzellentes Steak und Spaghetti Carbonara, angerichtet von einem Sizilianischen Koch.

     

    Sa. 13.02. Mallorca 10

    Heute noch mal Auto. Wohin? Banal, mal um die Ecke, Port de Andraitx.
    Andraitx
    Hochtourismus, sprich reichste Leute. Die haben heute gefehlt, dafür waren wahnsinnige Böen angesagt. Diese zogen mir, statt des Hutes, fast meine Basecap aus Leder aus.
    Jetzt fuhren wir in die Umgebung, herrlich ursprünglich oder gar urig.
    Calvia ist der Ort, wo Klaus Ludwig (ehemaliger Rennfahrer „König Klaus“) eine Dependance unterhält. Oft, wenn ich ihn anrief, sagte er, er wäre eben dort und lässt sich den Bauch bei 22 Grad bescheinen. Wenn es bei uns minus Grade hat. Ein Ort mit viel Historie.
    Calvia
    Dort am Ort einen Cortado, Fotos, dann heim nach Can Pastilla.
    Wetter: 21 Grad, bewölkt.
    Daheim: Can Pastilla düster und wieder sonnig.
    Die Möven überflogen sich gegenseitig. Die schwarzen Taucher überboten sich, im Schlamm zu suchen, die Sonne unterlag dem weltlichen Wetter.
    Hertha verlor 0:2 gegen Stuttgart.
    Da kam hier gerade die Sonne raus und beschien die Küste.
    19:00 hatte ich genug und ging in die britische Kneipe am Rand der Bucht.
    Das war ein witziger Griff: Der Chef (Sir Allen) ein Schotte, Gäste sozusagen Einheimische, aber Briten, die hier schon lange leben. Alle aus dem Norden Englands. Schalk in den Augen, doch sehr reserviert. Habe mich eingebracht, wie ich mich einbringe, also normal fragend und fordernd. Meine Neugier treibt mich. Was denn sonst?

    Ich fand den Abend schön. Die hiesig Lebenden finden es na ja, könnte besser sein, nehme an, die pekuniäre Lage spielt eine Rolle. Im Winter verdienste nicht das wie im Sommer. Kann man wissen, sollte es aber auch. Hier sind viele gescheitert! Habe das in alten Jahren erfahren, die ich mal hier war und dieselben Leute aus der Branche sprach.
    Und wisst ihr was? Es geht immer weiter.
    Warum auch nicht? Leben geht ja auch immer weiter, ob auf Mallorca oder im sonnigen Germany.
    So wie die Wissenschaft auch immer weiter geht und nun offenbar die fast nicht erkundbaren Gravitationswellen entdeckt hat!
    Mir gegenüber steht ein Teller mit Mandarinen, Äpfeln und einer Zitrone.
    Draußen rauscht das Meer. Die Nacht ist da. Und das Meer rauscht ununterbrochen.
    Das haben wir Menschen nicht drauf.
    Jetzt gehe ich schlafen.

     

    So. 14.02. Mallorca 11

    Es gab so manchen Windtage. Heute hatten wir einen Wellentag, kaum Wind, dafür sich überschlagende Wellen, die mit donnernder Wucht auf die Wellenbrecher schlugen und alles weiß verquirlten.
    Wir schoben eine ruhige Welle, wir erholten uns vom Urlaub, genossen den Ausblick auf immer neue Wellenkonstellationen, saßen und aßen und schauten und lasen, hoch über der kochenden See.
    Hinzu kam, dass der Rest der Insel unter dunklen Wolken schlummerte, nur bei uns war Sonne und unter ihr fiel das Schwitzen nicht schwer. Hinten, in der großen Bucht, schossen die Wellenreiter auf den Strand zu. Heute fehlten alle windabhängigen Wassersportler, kein Segelboot zu sehen, keine Windsurfer.
    Sie machten Pause wie wir.
    Diese machten wir mit dem süffigen Rotwein „Monólogo“, frischen Tapas und süßen Mandarinen.
    Schon dämmert es, die weißen Lichter um den Hafen gehen an, es folgen später die gelben Lichter der Uferstraße.
    Sir Allen hatte auch Licht an und ich tauschte mal meine hiesige Tonne mit seiner. Nun, die Briten gluckten zusammen, sprechen ihren eigenen Dialekt. Ein Pint und ein 103 (Cientotres = spanischer Weinbrand), drauf eine Zigarette draußen an der Fremdtonne. Jetzt windete es immer mehr, Allen sagte, Sturm steht bevor, ich verifizierte dies mit der Wetter-App, und siehe da, hinter unserem Hochhaus gab‘s den ersten Blitz – und was für einen.
    Nun lebte der Cientotres nicht mehr lange, Regentropfen platschten in die kleine Bucht und auf mehr hatte ich keine Lust. Die liebst aller meiner Ehefrauen empfing mich im warmen Apartment. Jetzt kann der TV-Abend beginnen.
    Draußen begann der Sturm: Blitze überholten sich, Regen freute sich am Fallen und klatschte an unserem Fenster unter dem überdachten Balkon. Dann war auch der Sturm müde wie ich.

     

    Mo. 15.02. Mallorca 12

    Was für ein Wetter? Was für ein Wetter! Kein Wind, dafür aber Sonne und ein paar Wolken.
    Wir machten trotzdem Pause. Ruhepause vor allem und jedem.
    Erst am Nachmittag ließen wir uns überreden, einen Spaziergang zu machen, einen kleinen Einkauf sowie eine einstündige Einkehr in ein witziges Lokal „Flip Flop“ am Hafen mit Blick auf die Wellenreiterphalanx, einige mit Paddeln, also stehend, die meisten ohne Paddel, also liegend in die Wellen hinein. Kaum waren sie draußen, waren sie schon wieder am Strand. Und dies immer in Wiederholung.
    Zwei junge Frauen beherrschten das Lokal (Inhaber?) und so war der ganze Vorraum mit Deutschen besetzt, die lautstark ihre Mallorca-Erlebnisse kundtaten. Besonders fiel uns eine alte Dame (wohl in unserem Alter) auf, die mit einem jüngeren Mann am Nebentisch saß und die Zügel in der Hand hielt, wie auch ein Laptop der Marke ASUS.
    Dass der jüngere Mann nicht ihr Sohn sein konnte, fiel uns dadurch auf, da er offenbar kein Deutscher war.
    Die überdrehte Gruppe aus Münster verließ die Terrasse und es war wieder einmal beschaulich, bis auf die Sechsergruppe Deutscher, die nicht immer laut ihre Mallorca-Erlebnisse kommunizierte.
    Ah, es gibt hier auch schöne Kleinigkeiten zu essen – vielleicht sieht man sich wieder in diesem FlipFlop.

    Jetzt galt es noch die restlichen Trinkbedürfnisse für den Abend zu erfüllen, bei unserem Senegalesen gegenüber, der immer jede einzelne Dose Bier eintippte, um am Ende noch einmal alles nachzuzählen. Er wünscht sich so sehr einen Lottogewinn.
    Nun hatte mich meine hiesige Tonne wieder und ich den Blick aufs Meer, auf die große Bucht und die kleine vor unserer Nase. Keine schäumende Gischt, ruhiges Wasser und trotzdem lange Wellen in der großen Bucht und die kleinen schwarzen Punkte der Wellenreiter.
    Nach diesem optischen Genuss noch ein selbstkomponiertes Abendessen und ein wenig TV.
    Jetzt noch eine Zigarette an meiner Tonne und schon ist wieder ein Tag vorbei.

     

    Di. 16.02. Mallorca 13

    Wir haben vor: Bus zur Estacion, Bimmelbahn nach Soller, Straßenbahn nach Port de Soller und zurück.
    Was kommt raus?
    Das kam raus: An der Estacion griff eine Übelkeit um sich. Woher eine solche kommt, weiß kein Wissenschaftler.
    Blauer Himmel, strahlende Sonne, Windstille, 16 Grad im Schatten, in der Sonne 28 Grad. Dennoch bekäme man einen Sonnenbrand.
    Placa d’Espana unter Palmen. Nach einer Stunde dreißig unter vierzig Palmen war die Übelkeit verdampft und das Cafe Lirico an der Placa de la Reina zog uns an mit herrlichen Tapas, Cortados und seiner Einzigartigkeit.
    Cafe Lirico
    Dann hatte der Passeig de Maritimo seine Anziehungskraft, den Yachthafen mit unendlich vielen Segel- und Motorbooten, ganz hinten lagen heute zwei große Aida-Schlachtschiffe und der Passeig war voller Kreuzschifffahrer.
    Als kleine Schäfchenwolken aufzogen, ließen wir uns vor Schreck mit dem Taxi heimfahren. Nicht, weil wir heim wollten, sondern in der Nähe des Heimes noch ein bisschen mallorquinisches Wetter aufzusaugen.
    Terrasse hinterm Hafen, jetzt schattige Plätze in der Sonne mit Blick auf die geparkten Segelyachten, einen Tee, ein Stück Torte oder ein Bier vor Augen. Die Masten der Segelyachten blieben ständig vorhanden, was mit dem Bier nicht so geschah. Auch nicht mit der Zeit und der Helligkeit.
    Yachthafen
    Dann freuten wir uns, im Piso Ocho zu sein und uns auszudenken, welche Speisen wir uns heute Abend zukommen lassen wollten.
    Aber erst mal an meine hiesige Tonne mit Blick von oben auf den Hafen, die kleine und die große Bucht. Natürlich mit einem Bier in der Hand. Heute: Heineken.
    Essen gab‘s vom Sizilianer para llevar und so saßen wir oben und verspeisten genüsslich unser Abendmahl mit Blick auf die erleuchtete Bucht.

     

    Mi. 17.02. Mallorca 14

    Nichts vor.
    Mal sehen, was kommt.
    Was kam?
    Wie immer anders, als man es sich vorstellte. Eigentlich mit dem E-Bike an der Küste entlang.
    Oder fahren wir doch unsere restlichen 4 Fahrten mit dem Bus noch ab? Ja, nach Portixol. Einem kleinen Hafen kurz vor Palma. Wunderschön Mit Blick auf die Kathedrale. Aber auch im kleinen Hafen an der Bucht gab es Cafés. Dort aßen wir Tapas, um uns auf den Rückweg vorzubereiten.
    Portixol
    Der Rückweg ist der Passeig de Baja, ein umführender Weg von Arenal nach Palma. Grandios gestaltet mit Schattenflächen und Bänken, in unterschiedlicher Richtung ausgerichtet, einem umfassend ausgebauten Radweg. Irgendwann war mal Schluss mit der Wanderung, jemand von uns musste mal Pipi.
    Kneipe an der Seite und Bushaltestelle nah.
    Die Haltestelle gewählt, die uns zur Kneipe Flip-Flop brachte, mit Blick auf den Hundestrand und die große Bucht, wo die Keit- und Windsurfer agieren.
    Abend: Abendessen vom Sizilianer. Na ja.
    Dann hatte ich Lust auf einen letzten Cientotres. Lorenzo de Mancor de Valle war dort. Man erkannte sich. Ich sagte, wolle nur am letzten Abend ein letztes Getränk. Ich saß natürlich in der Raucher-Lounge. Lorenzo schoss mir einen Cientotres ein ohne Limit. Es quoll nur so. Ich bestellte mir noch eine Cana und da sagte Lorenzo, er würde mir am Ende noch einen „Pfiff“ erteilen. „despues“, also später, heißt das. Als er dann kam, um mir meinen Pfiff zu geben, liefen uns fast die Tränen, denn den Alten mochte ich, Lorenzo de Mancor del Valle, wir fielen uns um den Hals.
    Wenn das kein Abschied ist.
    La Alma del Restaurante! Die Seele des Restaurants.

     

    Heimreise 18.02.16:

    Knallsonne, kein Wind. Packen und aufräumen im Nu.
    Die liebste aller meiner Ehefrauen hatte ihren Schlüssel bereits am Vorabend auf den Abreisetisch gelegt. Wir sollten beide Schlüsselpaare in den Briefkasten werfen.
    Der stand die ganze Zeit offen, mit unseren Schlüsseln nicht abschließbar.
    Immer, immer befand sich mein Schlüssel in meiner rechten Hosentasche.
    Jetzt nicht mehr.
    Ungläubig suchte ich alle Taschen durch. Nix.
    Na ja, wenn der Briefkasten eh offen steht . . .
    Die liebste aller meiner Ehefrauen feixte. War es sie doch, die immer ihre Schlüssel suchen musste und nun ich, am Abreisetag hatte den Schlüssel nicht mehr.

    Nun ja, die Sonne schien und wir suchten das kleine Lokal an der kleinen Bucht auf, von dem man auf den Hundestrand schauen konnte und die Wellenreiter beobachten.
    letzter Blick
    Wir hatten vier Stunden Zeit. Drei davon kosteten uns je 10 Euro an Verzehr. Die vierte war frei. Und die Sonne lief beobachtbar ihre Bahn und wir beobachteten sie – eigentlich waren es die Schatten, die liefen. Zeit haben wir ja alle bis zum Abwinken. Oder bis zum Abflug.

    Wir genossen die Sonnenwärme, den Duft der Küste Mallorcas, die Bilder wellenreitender und inzwischen auch keitsurfender Punkte, die Personen waren. Wind war aufgekommen. Leider Wind vom Norden, weshalb wir auch gen Norden starten mussten und unsere Buchte nicht mehr von oben sehen konnten. Wir ließen sie sozusagen hinter uns und stiegen in ein neues Leben auf in den Himmel. Oder in das alte? Nun, dazu hatten wir vom Bordrechner errechnete 2 Stunden und zehn Minuten.

    Gerade hatte man sich an die neuen Abläufe gewöhnt, die Stellung der Möbel im Apartment, die Küche, die Toilette etc. und nun? Wieder umlernen, zurück lernen an ehemals alt bekanntes. In den zwei Stunden Heimflug gelang es nur schwerlich.

    Zu Hause brauchte ich nicht mehr alles ins Spanische zu übersetzen, was mir anfangs schwer fiel, obwohl einer unserer Ladenbesitzer, bei dem wir unser täglich Wasser und Bier holten, Senegalese war, an dem ich mein verstaubtes Französisch ausprobieren konnte und er mich lobte, denn er kannte keinen Deutschen, der seine Sprache sprach – dieser Senegalese hielt mich vor Abreise auf und gab uns zwei Heineken und eine Flasche Sprudelwasser als Geschenk auf den Weg.
    Sowas ist mehr als die Sonne, die man empfing.
    Was speist man lieber in einem Air Berlin Flug auf der Heimreise als Currywurst. Die kommt aus Sylt, vom Koch der „Sansibar“. Mit extra Curry. Hervorragend! Bier ist Bitburger, dann freut man sich doch auf ein Berliner Kindl!
    Der migrationsbehaftete Taxifahrer lenkte sein Fahrzeug (Mercedes) genau so souverän wie der von Can Pastilla zum Flughafen von Palma (3 km).
    Daheim ist daheim, meint man. Es war kalt in der Wohnung. Zu essen gab‘s auch nichts. Für heute muss die Sansibar-Currywurst reichen.
    Übrigens: In dieser Soße sind Zwiebeln. Grandios! Müsste mal einer drauf kommen!

     

    Der Tag danach:

    Immer, wenn ich aus dem Fenster schaute, erwartete ich die beiden Buchten zu sehen. Was sah ich? Die U-Bahn-Treppenbaustelle gegenüber. Bierexpress im Lichterglanz, davor meine Tonne und ich dachte sehnsüchtig an die Tonne in der Sonne auf Mallorca. Auf dem Balkon in der achten Etage, in dessen Fenstern sich die Segler spiegelten und von dem wir auf ein Kunstwerk schauen konnten, was da war: Vier Buchstaben auf die Wellenbrecher genagelt, beides aus Eisen, also rostend, die ich zunächst nicht verstand: VENA. Allerdings war das A ein umgekipptes T, wie ich später sah. VENT ist das mallorquinische Wort für WIND.
    In den zwei Tagen Sturm, die wir hatten, hatte sich das A, was eigentlich ein T war, zu einem I verformt, es waren Seiten abgefressen und abgebrochen vom Wasser und vom Wind.
    VENT
    Was sagt uns das? Alles ist in Veränderung begriffen, ob es will oder nicht.

     

    Nun sind wir wieder zu Hause und verändern uns langsam und leise, bis wir . . .
    uns zuende verändert haben.
    Reisen kann bilden.
    Jeder bringt Bilder mit sich nach Hause, im Innern oder auf den Medien.
    Die inneren vergisst man nicht.

    -Ende-

     
  • egot24 22:21 am 15. January 2011 Permalink | Antworten
    Tags: brauhaus, deutschland, merzig, , saar, vernissage   

    Merzig – wer kennt Merzig? 

    Merzig, wer kennt in Berlin schon Merzig?
    Doch, eventuell vom auffälligen Kennzeichen: MZG
    Das klingt Berlinern nach einem Ministerium: Ministerium für Zentrale Gewaltenteilung, Ministerium Zukünftigen Gehorsams, Ministerium Zahlreicher Günstlinge oder Ministerium für Zugereiste etc.?
    Merzig im Saarland hat etwas, was auch Berlin nicht verheimlichen kann: Einen Kreuzberg. Leider hat dies reizende Städtchen keinen Stadtteil mit diesem Namen. Es heißt überall Merzig. Außerhalb heißt es Wadern. Überhaupt zeigt es sich durchaus übersichtlich, allerdings mit eigener Brauerei, kein Wunder, gehörte Merzig doch ab 1816 zu Preußen. Womit der Bogen nach Berlin geschlossen ist.
    Und so reisten vier Berliner nach Merzig, wobei man wissen muss, dass Berliner meist Zugezogene sind (und man lasse sich durch den erübten Tonfall nicht täuschen!). Das war schon zu Kaiser’s und vormals König’s Zeiten so („Berlin besteht zum größten Teil aus Breslauern“, hieß es um 1700, die beigeholten, weil verfolgten Hugenotten und die aus aller Herren Ländern hergelockten Söldnerscharen des „Soldatenkönigs“ taten das ihre, um Berlin zu „vergrößern“).

    Nun also reisten die vier zugezogenen Berliner nach dem schönen Städtchen Merzig, welches vor Jahrhunderten schon unter dem Namen Marciacum den Römern höchst bekannt war, denn diese gründeten es, die Vandalen verwüsteten, die Österreicher verteidigten es vergeblich, die Franken besetzten und die Preußen befreiten es. Kurz gesagt: Wir besuchten also preußisches Land. Mit Brauerei.
    Diese war aber nicht Hauptzweck und Ziel! Vielleicht nach der Vernissage. Ja, die bezaubernde Stadt Merzig machte eine Vernissage für einen verstorbenen Hamburger Künstler, der Berliner war. Mit dessen Bruder erschlossen wir drei als Entourage die Räumlichkeiten der Stadthalle, sahen, wie vortrefflich die Grafiken gehängt, die Lichter ausgerichtet und letztlich alles vorbereitet war für den Abend, da Oberbürgermeister und gar selbst ein Bundestagsabgeordneter aus Berlin die Eröffnungsreden halten sollten.

    Anstrengend war die Fahrt und dann die Besichtigung, so dass wir danach geradeswegs ins nächste Gasthaus schlurften. Endlich Erholung, Trank und Speise. Denkste. Hier ist Merzig. Und in Merzig ist es wie in allen kleineren Städtchen: Essen erst ab 18:00 Uhr! Und es war erst 17:30. Nein, die Speisekarte gibt es noch nicht, erst ab 18:00 Uhr!
    Könnte man denn vorher etwas trinken? Das gehauchte „Ja“ klang wie „Wenn es denn sein muss!“ Immerhin. Allerdings war das Essen dann Spitze.

    Wie Eröffnungsreden sind, muss ich Ihnen nicht erklären. Das weiß Jeder. Aber nett waren sie doch, hat zum Beispiel der Berliner Abgeordnete neben seiner Erklärung, er wolle nicht verraten, welcher Partei er angehörte, aber es sei die einzig soziale, dann sich doch noch durchgerungen den Namen des Künstlers zu nennen. Dieser ist zwar schon tot, aber den Namen hat er immer noch. Nach 30 Minuten und drei Reden, wobei die letzte die würzigste war, da von einem persönlichen Freund des Künstlers gehalten, war die Eröffnung vollzogen.
    Mindestens 286 Blitze waren den Kameras entschlüpft, 184 Räusperer waren getätigt und 122 Hände hatten sich schließlich rhythmisch zueinander bewegt. Jetzt gab es Wein und Wasser. Die warm gesessenen Stühle dampften ab, die höheren Persönlichkeiten ebenfalls, die Gäste sahen sich noch etwas um, bevor sie auch abdampften.
    Dies nahmen wir zum Anlass, es ihnen gleich zu tun. Richtung war vorgegeben: Brauhaus.
    Hier stieß der Berliner Abgeordnete noch einmal zu uns, um Merziger Braubier dem altgewohnten Berliner Schultheiß und Berliner Kindl entgegenzuhalten.

    Es war Nacht, den Merziger Kreuzberg bekamen wir nicht mehr zu Gesicht.
    Das wäre doch ein triftiger Grund, dies schöne Städtchen (samt Brauhaus) noch einmal zu besuchen, dies herrliche Örtchen an der Saar, wie hieß es noch – richtig: Merzig.

    © *Toge*

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  • egot24 17:31 am 15. January 2011 Permalink | Antworten
    Tags: Abazia Floris, Agrigent, Ätna, Baglio Azienda Agricola Fontanasalsa, Colessano, Erice, Fontanasalsa, Hotel „La Pensiona Svizzera“, Hotel Gutkowski, , Ortygia, , Rundreise, Segesta, Selinunt, Sizilien, Syrakus, Taormina, Villa Athena,   

    Rundreise Sizilien 

    Rundreise „Archaisches Sizilien“ – 26.08.-07.09.2010

    Veranstalter: Umfulana – individuelles Reisen GmbH

    Orte:

    1)      Syrakus, Hotel Gutkowski

    2)      Agrigent, Hotel Villa Athena

    3)      Erice, Baglio Fontanasalsa

    4)      Cefalù, Abazia Floris

    5)      Taormina, Hotel La Pensione Svizzera

    1. Tag: Berlin-Catania-

    Siracusa ( Do.26.-28.08.10)

    Alexas Fahrer war überpünktlich. Er schwätzte viel aber mit Humor. Es regnete.

    Leider hatte er nicht realisiert, dass wir Gate C62 abflogen und so setzte er uns natürlich ganz vorne ab. Im Regen. Wir mussten das gesamte Gelände bis ganz hinten mit dem Gepäck ablaufen. Training für die Wirbelsäule.

    Boardingcards besaßen wir bereits, dank der elektronischen Anmeldung, also viel Zeit zum Frühstücken, auch wenn man das morgens um 06:15 noch nicht so recht mag. Dann noch durch den Regen zum Flieger. Noch ein Frühstück im Flieger: Pappbrot mit Käse, Kaffee, Wasser. Die liebste aller Ehefrauen meckerte über den Mittelsitz, war sie nicht dabei gewesen, als ich die Sitzplätze OK gab.

    Gelandet, zu AVIS, Mietwagen holen. „Der steht auf Platz 37“. Dort standen zwei Wagen, aber nicht unser Punto. Hilfe geholt, die mir auch das Lenkradsperrschloss erklärte und mir zeigte, es anzubringen. Lenkradschloss für Mafialand?

    Schlimmer als die Mafia war jedenfalls die Ausschilderung der Strecken und die Sperrungen einiger Straßen, die unsere weibliche Stimme im Navi in Weißglut brachten, die auf die liebste Ehefrau überschlug und mich vor die Wahl stellte: entweder die oder ich.

    Still entschied ich mich fürs Navi.

    Dieses wiederum entschied sich dafür, mich in Weißglut zu versetzen. Immer im Kreis, immer im Kreis. Apropos: Es sagte einen Kreisverkehr voraus, der nachweislich nicht mehr da war, bestand aber darauf, dass man die zweite Ausfahrt nehmen sollte. Nachdem es meine Sturheit bemerkt hatte und bestimmt acht Mal „Neue Berechnung“ gesagt hatte, ergab es sich und sagte freiwillig ab nun den richtigen Weg an.

    Syrakus, endlich Syrakus. Für die 60 km hatte wir drei Stunden gebraucht, auch die Hilfe eines Truckers half nichts, denn der wusste nicht den Weg, sondern wollte mich –wie das Navi- immer wieder auf die gesperrte Straße schicken.

    Ortygia, die Altstadt von Syrakus erlebten wir verschwitzt (von der gegenseitigen Weißglut) aber doch mit einem Rest guter Laune.

    Zunächst alles bestens. Hotel schön, toll gelegen mit Blick aufs Meer, fußläufig zu allen wichtigen Sehenswürdigkeiten. Aber Parken ist nicht vor dem Hotel. 100 m rechts ein öffentlicher überdachter Parkplatz, 1€ die Nacht, tags kostenlos. Das nenne ich touristenfreundlich.

    Hotel Gutkowski

    Hotel Gutkowski, Nebenhaus

    Hotel Gutkowski, Nebenhaus

    Nach einer angemessenen Erholungsphase machten wir uns schlendernd auf die Suche nach Sehenswertem. Was dem einen sein Schmuck, Handtaschen, Schuhe etc. pp. ist dem anderen was anderes. Tolle Lokale gab es in Fülle, die unser Magen nicht mehr aufzuweisen hatte. Mangare aber erst ab frühestens halb acht – jetzt war es sechs. Nun dann schauen wir noch ein bisschen Läden und Häuser (und was für welche – ich meine die Altbauten der Innenstadt, wirklich prächtig – zumindest einmal gewesen).

    Nach einstündigem Besichtigen aller Läden und Bauten entschlossen sich unsere Mägen, jetzt doch auf Fastfood an der Piazza Archimede zurückzugreifen. Ein Laden lockte mit Spaghetti und Pizza. Uns war nach Spaghetti.

    Ortygia

    Ortygia, Blick aus dem Fenster

    Nein, heute nur Pizza. Da wir schon Getränke bestellt hatten, saßen wir fest. Da kam der Cameriere und brachte Kartoffelchips und Erdnüsse. Grandios. Die Mägen knurrten ein leises Danke. Und so überwanden sie die restliche Zeit.

    Nichts wie auf die Piazza del Duomo, einem herrlichen Platz, natürlich am Dom und einer andren Kirche gelegen, wo das altsyrakuser Leben nur so brummte. Das Restaurant machte einen erstklassigen Eindruck: Der Obercameriere in schwarzem Cut, die Untercamerieres wenigstens in weißem Hemd und schwarzer Weste, die Preise ebenso erstklassig wie die Ausstattung der Ober.

    Wir hatten Glück, der Obercameriere war Österreicher, schon seit dreißig Jahren in Syrakus und machte seine Sache so gut wie seine Kollegen in Wien.

    Der Koch schien nicht zur selben Riege zu gehören. Die drei jungen, dürren Katzen, die uns umschwirrten, hatten den leckersten Abend ihres Lebens. Uns blieb die Zeche. Und der Heimweg.

    Dort hatten wir noch eine vergnügte Stunde auf der Dachterrasse neben unserem Zimmer, mit Bier und Wein aus der Minibar zum drittel Preis.

    Der Abend klang aus auf unserem kleinen Balkon, beobachtet vom Vollmond und der Venus.

    Die Lichter der Stadt links und rechts von uns flirrten auf dem Meer, dann flirrten uns die Augen. Das war der erste Tag. (Hat Letzteres nicht schon jemand Bedeutendes gesagt?)

    2. Tag: SIRACUSA ( Freitag, 27.08.)

    Italienisches Frühstück. Drinnen airconditiongekühlt, draußen ca. 30°.

    Schattige Gassen bis zum Apollotempel, dort eine Piazza mit Taxen, Pferdekutschen und Bimmelbahn. Kutsche viermal so teuer wie Taxi, dafür ist das Taxi airconditioniert und zeigte frühe 35,8°. Es brachte uns zum Parco de Archeologico. Warteschlangen an der Biglietti-Ausgabe.

    Das Ohr des Dionysos

    Das Ohr des Dionysos

    Erst das römische Amphitheater, dann das Ohr des Dionysos, schließlich das griechische Theater, alles unter der wahrhaft gleißenden Sonne Siziliens. Drei Flaschen Wasser, ein freddo thé con limone plus eine Tüte Chips.

    Kleine Rast am Taxiplatz auf Ortigia. Heim ins gekühlte Zimmer. Siesta.

    Siesta war nötig bei 37°. Im Schatten auf Balkon gelesen, bisschen warmen aber dennoch kühlenden Wind um die nackte Taille.

    Schiff oder Zug?

    Erst mal Schiff, das wir mittags besichtigt hatten – was heißt Schiff, Boot vielmehr – für 10 Euro um die Insel. Andere boten uns für 15€ dieselbe Tour. So saßen wir vor dem Apollotempel, tranken uns eins, um dann punkt 17:00 mit dem Boot um die Insel. Boot war nicht da. Kommt in 20 Minuten. Wir in den Schatten und tranken uns eins. 17:20 Boot nicht da, 10 Minuten. Warten im Schatten Ortigias. Boot kam nicht. Dafür weitere Fahrgäste. Es gab 2 Touren, einmal um die Insel oder zu den Grotten. Wir wollten um die Insel. Die weiteren Fahrgäste waren durch einen Schlepper (Nepper, Bauernfänger) geholt und wollten die Grotten. Daraufhin sprach der Skipper: Die Gäste wollen zu den Grotten, wollt Ihr nicht auch dorthin? Nein, sagten wir, wir wollen um die Insel. Das ist aber schade, wollen Sie nicht doch zu den Grotten?

    NEIN.

    Wir gingen, mit dem (gelogenen) Versprechen, wir kommen morgen wieder.

    Also Schiff nicht.

    Gang zur Piazza Archimede – Mann darf den Weg nicht mit Frau gehen. Tolle Läden. Tolle Preise.

    An der Piazza rauschte der Ortigia-Express ein. Eine Autolokomotive mit zwei Anhängern, mit max. 40 Plätzen. Die liebste aller Ehefrauen fuhr auf den Zug ab, nachdem sie das Boot nicht bekommen hatte. Rundfahrt ist Rundfahrt, ob auf dem Wasser oder Land. Wind weht um die Ohren und das ist schon etwas.

    Der Express fuhr zwei Runden: Einmal die eine und einmal die andere. Die beiden unterschieden sich nur marginal voneinander, wobei die zweite uns dann an der Arethusa-Quelle vorbei führte, die wir tags zuvor schon per Pedes erkämpft hatten. Enge Gassen wie auf Ortigia lassen keinen fließenden Verkehr zu, so dass man wenig vom Fahrtwind abbekam. Ende wieder an der Piazza Archimede.

    Ein kleiner Hunger stellte sich ein. Oh ja, ein Hamburger! – lange keinen mehr gegessen.

    Syrakusische Hamburger sterben an Altersschwäche, bevor sie kredenzt werden und kosten mehr, als man sich vorstellen mag. Ausländer müssen das teure Begräbnis zahlen, weil sie es bestellt haben.

    Für die drei Probebissen zahlte ich natürlich den vollen Preis; dafür war das Heineken kalt, ein winziger Trost.

    Heimweg bei 33°. – Hotelzimmer bei 24°.

    Da hatte es doch in einer Gasse einen Laden gegeben mit Obst und Lebensmitteln. Schon dreimal vorbeigekommen; Den wollten wir aufsuchen. Er war einfach verschwunden, weg, abhanden gekommen. Nein, dann ist er eben in der anderen Gasse, da sind wir doch gestern vorbei gekommen. Ach dort! – nein.

    Dass solche Geschäfte, die man einmal sah, sich plötzlich in Luft auflösen, hatten wir des Öfteren auf unseren Reisen erlebt: Ein Schuhgeschäft, in dem wir zweimal waren (ohne zu kaufen), war bei dritten Mal, als wir kaufen wollten, nicht mehr da. Ein Optiker mit der Flüssigkeit, von der man noch einen Rest hatte, war nach Aufbrauchen des Restes unangemeldet umgezogen. Ein Schirmhändler hatte sich bei nahendem Sturmschauer in Luft aufgelöst. Man mag keine Touristen, die nicht sofort kaufen.

    Und dann die Einheimischen: Sie senden einen bewusst in die falsche Richtung. Der eine beschrieb mir genau wie ich gehen sollte; er hatte verstanden, dass ich was zu essen wollte. Er sandte uns in eine Trattoria, 10 Minuten Weg. In der Trattoria kam der Chef auf mich zu und erblickte einen durchschwitzten Touri, der mit rot geränderten Augen auf ihn zu schlurfte. Er hatte Mitleid und wies mir den Weg in schnellen italienischen Sätzen. Hätte ich ihn auf Englisch oder Deutsch angesprochen, hätte er mir bestimmt ruhig, mit Händen und Füßen detailliert den Weg beschrieben. Aber ich musste ihn ja unbedingt mit meinem radebrechenden Italienischversuch kommen. Und wer Italienisch radebrecht, versteht ja auch Italienisch!

    Also dahinten bei dem weißen Auto rechts. Si, si!

    Ausnahmsweise stimmte es – fast. Es war links. Und es war fünf vor 20:00. Und er hatte mir gesagt, der Laden schließt um 20:00.

    Tante Emma auf syrakusisch, sprich italienisch. Eine junge Frau war vor mir und bestellte lediglich eine Portion gekochten Schinken. Darf es etwas mehr sein? Ja! Ich kann auch etwas wegnehmen. Lassen sie es, wie es ist. Aber ich könnte es genau auf genau dreihundert Gramm bringen. Nein, va bene! Va bene.

    Meine Uhr zeigte eine Minute vor acht.

    Möchten Sie noch etwas von dem Käse hier? Nein, va bene. Va bene – oder von den Früchten hier? No! Va bene.

    Dann war ich dran. Radebrechen, Fingerzeig, no, si, altro, grazie.

    Schinken, Salami, Äpfel, Pfirsiche, Brot und Käse (übrigens der beste Brie, wie die liebste aller Ehefrauen fand) wurde meine billige Beute (der Hamburger war genau so teuer gewesen). Alles wurde geschnitten, gewogen, eingepackt, mit Etikett versehen, welches jedes einzelne mit Tesafilm auf das Produktpäckchen geklebt wurde. Nach diesen zehn Minuten klebte alles an mir, als ob der Laden mitten im Hochsommer geheizt worden wäre. An der Kasse war es nicht besser, obwohl ich der einzige Kunde dort war. Der Chef wurde gerufen und als er endlich da war, prüfte er jedes Päckchen, den passenden Ausdruck dazu, sah mir tief in die Augen, ob ich ihn nicht hintergehen wollte, drückte endlich auf die Auslösetaste und – ließ mich stehen. Ein Bekannter oder Freund hatte weit nach acht Uhr den Laden betreten und wollte begrüßt werden. Lautstark. Lange. Dann entsann sich der Inhaber und sagte mir beiläufig den Preis. Ich erließ ihm eiskalt das Restgeld, nur raus!

    Die allerliebste aller Ehefrauen empfing mich wie Julia ihren Romeo auf dem Balkon stehend, mit einer undeutsamen Miene. Daraufhin ging ich in das Lokal bei unserem Hotel und orderte eine ganze Flasche Wein, obwohl ich vorher eher an einen viertel Liter gedacht hatte.

    Auf der Terrasse neben unserem Balkon, mit Blick über das Meer, erlebten wir einen Mondaufgang aus dem Meer heraus. Kurz danach gesellte sich die Venus rechts darunter dazu und beide sahen uns zu, wie wir die frugalen Errungenschaften auf der Terrasse mit Lust verspeisten. Der Mond nahm an Helligkeit zu in dem Maße sich die Weinflasche leerte und die Venus stieg langsam rechts vom Mond auf gleiche Höhe.

    Der zweite Tag.

    Beschreibung des Hotel Gutkowski:

    Das Hotel besteht aus zwei alten Gebäuden, in denen jahrhunderte lang Fischer und Handwerker gewohnt haben. Mit viel Respekt vor der alten Bausubstanz ist es zu einem 3-Sterne-Hotel mit 25 Zimmern umgebaut worden. Wegen seiner zentralen Lage auf der historischen Halbinsel Ortygia sind alle wichtigen Stätten zu Fuß zu erreichen. Die modern und schlicht eingerichteten Zimmer haben einen schönen Blick: entweder übers Meer oder über die Dächer der Altstadt. Von der Minibar bis zur Klimaanlage verfügen sie über sinnvollen Komfort. Das für italienische Verhältnisse gute und gesunde Frühstück wird bei gutem Wetter auf der Terrasse serviert. Eine trendige Bar hat von morgens bis Mitternacht geöffnet.

    Haupthaus

    Gutkowski, das blaue Haus ist das Haupthaus

    So war es wirklich:

    Man kann sich das Hotel bereits auf STREET VIEW von Google ansehen. Das Blaue Haus ist der Sitz des Hotels, es hat aber zwei Häuser weiter einen Komplex annektiert, in dem auch ein gutes Restaurant seinen Sitz hat.

    Lage: perfekt auf Ortygia, fußläufig zu allen wichtigen Sehenswürdigkeiten der Insel. Man kann den PKW 100m weiter überdacht und bewacht in einem städtischen Parkplatz unterstellen für €1 die Nacht, die Tage sind kostenlos.

    Die Zimmer sind sauber, geschmackvoll eingerichtet, TV nur italienisch, dafür aber eine Terrasse im ersten Stock, die gerne von den Reisenden benutzt wird, da sie einen Blick über eine alte Stadtmauer auf das Meer zulässt, wie auch die Zimmer, die im ersten Stock nach vorne gehen. Bad mit Dusche, WC, Bidet und Waschbecken. Empfehlenswert.

    Nachteile: Abwasserroste auf der Straße sind locker, so dass man jedes Fahrzeug, das durch das mittlere Tor der Stadtmauer durchfährt, an zweigeteiltem Scheppern wahrnimmt.

    3. Tag: SIRACUSA – AGRIGENTO  28.-30.08.10

    Sirakusa Samstag, 28.08.10

    Italienisches Frühstück (Kaffee und Cornetto).

    Hitze pur. 10:30 ab nach Agrigento. Denkste. Hatte das Navi versehentlich auf Taormina gestellt und es führte mich geradewegs zurück nach Catania. Als ich das am Sonnenstand bemerkte, war die erste Ausfahrt vorbei. Neu gepolt ging es in die richtige Richtung, nämlich Ragusa. In meiner Erinnerung war Ragusa im Tal gelegen, es ging auch abwärts. Aber die Serpentinen fehlten, an die ich mich genau erinnern kann. Es war damals eine hübsche Kleinstadt. Dies genau das Gegenteil. Irgendwann, kurz vor der Verzweiflung, ging mir ein Licht auf: Ich hatte mich geirrt. Es war wohl Caltanisetta – oder Caltagirone?

    Egal. Richtung Agrigento. 260 km gesamt. Kann man schaffen, außer man legt den Maßstab vom 26.08. an: 60 km in 3 Stunden ergibt demnach 13 Stunden, dann wären wir nach 24:00 am Ziel . . .

    Aber Agrigent soll auch nachts sehr schön sein.

    Concordia-Tempel

    Agrigent, Concordia-Tempel

    3. Tag: Agrigento,  Samstag, 28.08.10

    Das erlebten wir am Abend persönlich, nachdem wir eine Nachmittagssiesta gehalten hatten.

    Unser Hotel, gar kein Ausdruck, unsere Villa Athena liegt genau gegenüber dem best erhaltensten Tempel der Insel, dem Concordia-Tempel, tags als Schattenriss gegen Sonne und Himmel, abends beleuchtet. Und wir gegenüber, auf einer abendkühlen Terrasse, bei Wein und feinsten Speisen; der rechts unter uns blau beleuchtete Swimmingpool bot ein Gegenlicht zum goldgelb angestrahlten Tempel, der von unserem Tisch von zwei nahen Palmen gesäumt war. Am besten war noch, dass unter unserer Terrasse dazu eine Kapelle die schönsten Weisen spielte, weil dort eine sizilianische Hochzeit stattfand.

    Agrigent-Villa-Athena

    Agrigent-Villa-Athena

    Die Speisen und Getränke in diesem 5-Sterne-Hotel waren grandios, der Ausblick übertraf sie bei weitem, zumal noch ein zweiter beleuchteter Tempel den Anblick erhöhte.

    Mehr nicht zu diesem dritten Tag.

    4. Tag: AGRIGENTO, Sonntag, 29.08.10

    Schien ein heißer Tag zu werden, Sonne glüht, alles sieht sehr sizilianisch aus, blendende Helle, die aber auch einlädt, dies helle Land zu erkunden. Frühstücksgestärkt entschlossen, glitten wir auf den Schwingen des Hermes (also in unserem Punto) die Straßen um Agrigent, genossen die Ausblicke hierhin und dorthin und gelangten, mit dem Sinne, heute einen Lebensmittelladen für morgen zu suchen, es durfte auch ein Supermercato sein, in das an den Berg geklebte Agrigento.

    Oh, ein Aussichtspunkt – versperrt durch Einbahnstraße. Höher und höher trugen uns die Schwingen, bis wir, nach einigen Kreisverkehren und steilen Straßen an einen noch höher gelegenen Aussichtspunkt gelangten, der nun wirklich keinen Wunsch übrig ließ. Dort unten die Reihe von Tempeln, deren einer unseren gestrigen Abend hell angeleuchtet, ockergelb verschönt hatte. Und davor glaubten wir anhand der einen dunkelgrünen Zypresse und der helleren querschneidenden Pinie unsere Hotelvilla zu erkennen. Weit außen Porto Empedolke, geradeaus aber eine Marina. Und wir lieben Marinas.

    Auf dem serpentinigen Weg nach unten gelangten wir unversehens an den ersten ausgemachten Aussichtspunkt. Alles eine Frage der Perspektive. Auch toll. Oder toller?

    Jetzt glitten wir auf Puntos Flügeln wieder abwärts, an einem geschlossenen Supermarkt vorbei, hin in die uns schon bekannteren Gefilde.

    Mich aber lockte die Marina, von der wir am Abend noch hören sollten.

    Die dem Mittelmeer und den anliegenden Völkern eigene, alles in ockerfarbenem Sandstein gehaltene Bauweise, die lieblich hängenden Kabel, die bestimmt punktuell liebevoll aber meist zu selten renovierten Straßen boten den allbekannten mediterranen Charme.

    Diesem folgend, erreichten wir San Leone. Natürlich parkten wir an der Marina. Dort war eine Art Volksfest aufgebaut. Menschenleer. Natürlich. Die feiern doch erst nach 20:00. Doch die Fischlokale waren voller Gäste, der 50 m Sandstrand voller Nichtschwimmer. Das Meer war zu aufgewühlt, der Wind sehr stark, so das man die Hitze nicht mehr spürte. Wir genossen einen Augenblick (oder zwei) diese Grünwasserstimmung mit Gischt dort, wo die Felsen hoch aufragten, ließen uns den heißen Wind um die Ohren und durch die Haare sausen – und waren in Urlaub.

    Ein kleiner Hunger ließ uns zu der Trattoria fahren, die nahe am Hotel gelegen, dort die Gäste zufüttert, die die Tempel im Valle dei Templi besuchen. Pasta al forno, Cola, Wasser, Chips, Cornetti etc. Für die Weiterfahrt morgen brauchen wir keinen Supermarkt mehr.

    Siesta, dann den Garten der Villa genutzt, den Blick auf Concordia richtiggehend ausgenutzt wie nur was, zwischenzeitlich gelesen (Dr. Eckart von Hirschhausen und Einstein). Immer wieder der Blick auf den Concordiatempel. Wie doch die Einstrahlung der Sonne mit zunehmender Zeit dies Bauwerk minütlich verändert, verschönert, verbessert . . .

    Agrigent-Villa-Athena

    Villa Athena Garten und Pool

    Zweite Siesta.

    Ein fulminantes Feuerwerk erschreckte uns. Es kam aus unserer Marina!

    Dritte Siesta.

    Morgen geht’s Richtung Erice.

    So war die Villa beschrieben:

    Im 18. Jahrhundert wurde die Villa als Residenz eines Prinzen errichtet. Sie liegt unvergleichlich schön vor dem Concordia-Tempel mit Blick über ein kleines Naturreservat. Seit ihrer sorgfältigen Restauration in 2009 ist sie das schönste von allen Hotels am Valle di Templi. Trotz aller Verbesserungen bleiben die Fenster das Wichtigste an der 5-Sterne-Residenz. Das Restaurant hat einen guten Ruf und spezialisiert sich auf einheimische Küche und Weine. Ein Schwimmbad ist vorhanden.

    Die Wahrheit über die Villa:

    Es ist ein 5-Sterne Hotel mit Anspruch. Ausstattung erste Klasse, Lage: besser geht es nicht, direkt vor dem Concordiatempel (nachts angestrahlt) und man genießt das vom Zimmer oder von der Terrasse aus. Das Servicepersonal ist bemüht, genügt dem Anspruch allerdings nicht immer (wo schon?). Die Preise genügen allerdings dem Anspruch, doch weiß man vorher, wo es hingeht. In zwei Tagen zweimal schleppender Service (Nachtisch vergessen zu bringen, eine weitere Bestellung ging ins Leere aber dies sehr freundlich). Deutsch wird hier gar nicht gesprochen, also Italienisch, Englisch, Französisch. Zwei deutsche TV-Sender: ERSTES und RTL. Ein (kleiner) Nachteil: Die Klimaanlagen befinden sich genau über den Kopfteilen der Betten. Vielleicht mögen das einige Leute, aber für uns wäre es besser gewesen, sie wären irgendwo anders angebracht, damit man die kühle Luft nicht direkt auf die Nase bekommt. Trotzdem: Spitze! Essen hervorragend (man muss kein Menue, kann auch á la carte essen). Swimmingpool zwischen Haus und Tempel (leider waren nicht alle Liegen zum Hochstellen eingerichtet, obwohl sie dafür geeignet gewesen wären, es fehlte nur ein Teil). Parkplatz direkt vor dem Haus. Sehr empfehlenswert, wenn man Nachsicht mit dem Servicepersonal übt.

    5.Tag:  von Agrigent nach Erice, 30.08.10,

    Montag, 30.08. „Azienda Agricola Fontanasalsa“

    Nach dem überbordenden Frühstück in der Villa Athena (Tee, Cornetto) gings los.

    Das tolle Navi hatte sich erholt und war bereit, uns neue Wege zu zeigen. Zuerst Einkauf: 2 Cornetti Marmeleta/Crema. Das Klima hatte sich verändert, es war angenehm kühler geworden trotz heißer Sonne. Navi gab die Richtung, alles OK, 88 km Schnellstraße geradeaus. Va bene. Nach der Hälfte hatte das Navi genug und ging schlafen, gerade als ich sehen wollte, wie weit es noch war. Nun gut, es hat vorausgesehen, dass wir sowieso nicht Kurs halten, sondern einen Abstecher nach Selinunt, der Ausgrabungsstätte altgriechischer Tempel- und Wohnstätten machen wollten. Da hätte es immer neu berechnen müssen und das wollte es sich ersparen.

    Selinunt, Selinunte, wie auch immer. Vor 30 Jahren gab es einen Parkplatz (bewacht, zumindest bezahlt), dann konnte man sich frei bewegen. Jetzt alles geregelt. Man kann zwar noch zu Fuß, doch die stundenlange Wanderschaft kann man heute in einer Art E-Zug gefahren werden. E-Mobil plus Anhänger für die Touristen. Erster Stopp Tempel X. In 20 Minuten soll es weitergehen. Nach 10 Minuten wären wir gerne weitergefahren, da sahen wir unser E-Mobil abrauschen. Gut, 10 Minuten später kam das nächste. Ich hatte eine Nummer auf dem Hemd kleben, die dem Fahrer sagte: Gruppe 35 fährt jetzt von X nach Y. Dies vermittelte er dank Funksprechanlage der Zentrale. Auf zum nächsten Punkt: Tempel Y.

    Jetzt kannten wir den Ablauf. Blick über Meer und Tempelanlage, Marinella mit Badestrand und uraltes Gemäuer. Kein Verkaufsstand störte die Idylle.

    Unter schattenspendenden Olivenbäumen blickten wir auf die jahrtausendalten Trümmer und harrten des nächsten Trosses, nicht ohne den Errungenschaften des Heute zu entgehen: Erst nur ein motorbetriebener Handgrasmäher, dann dazu die erste Autoalarmanlage, dann schloss sich dem Chor eine zweite, ja dritte an. Jetzt verschmolz akustisch Altertum mit Neuzeit.

    Die Elektrobahn fuhr uns nicht an den Ausgangspunkt, sondern präzise an die Quelle der Erfrischung, den Getränkeverkauf, dafür direkt am Parkplatz.

    Früher war das anders. Man zahlte nur den Parkwächter fürs Aufpassen. Als wir damals zum Auto zurückkehrten, bückte sich gerade ein Mensch über unsere Fahrertür. Als er bemerkte, dass wir zu dem Fahrzeug gehörten (damals deutsches Kennzeichen), beschrieb er in dramatischen Worten, wie toll doch unser Auto sei und dass er sich immer schon so einen gewünscht hätte (VW Golf Rabbit) und wie viele PS er denn hätte? Schnell war der Mensch verschwunden. Als ich dann aufschließen wollte, war die Tür bereits geöffnet!

    Heute, bei absehbarer Besichtigungszeit, wäre ihm der Lapsus nicht passiert.

    Soviel zu damals.

    Das nächste Ziel: SEGESTA.

    Segesta, Tempel

    Segesta, Tempel

    Noch mal zu damals: Wie gesagt, war es vor 30 Jahren, waren wir die einzigen, die diesen Ort zurzeit besuchten. Ein Wagen hielt gerade am Tempel, zwei Leute gingen mit uns um ihn herum.

    Am wesentlich höher gelegenen Amphitheater waren wir  damals die einzigen Besucher. Es lag einsam und verlassen auf der Anhöhe, vergessen von Jahrtausenden.

    Heute ist am Tempel ein Tourismuscenter entstanden, Eintritt wird genommen und dazu extra Tickets für den Bus zum Amphitheater. Eine asphaltierte Straße führt die Serpentinen hoch zur Spitze des Berges.

    Segesta, Amphitheater

    Segesta, Amphitheater

    Damals hatte ich ein Panoramafoto geschossen, auf dem nichts als leere Berglandschaft war. Heute ziehen Autobahnviadukte durch die immer noch karge Landschaft, Haziendas mit breiten Zugangsstraßen entheben die Landschaft jeder Einsamkeit. Die Theaterfläche war im Begriff abgebaut zu werden, da bis gestern ein Sommerfestival stattgefunden hatte, Euripides’ und andere Stücke waren aufgeführt worden auf der in meinem Kopf seit damals einsamsten und verlassensten Bühne. Die gebirgige Landschaft, auf die das Theater herunterblickt wird nach wie vor von einer Jahrtausende alten Urigkeit bestimmt.

    Noch wenige Kilometer bis zur Hazienda, die für die beiden nächsten Nächte uns ein Zuhause bieten wird. In der Beschreibung des Veranstalters las es sich etwa so: Nehmen sie die Ausfahrt Marsala/Fontanasalsa. In Fontanasalsa fahren Sie an der ersten Ampel rechts, kein Hinweis auf die Hazienda. Nach gut einem Kilometer folgen Sie dem Schild „Agriturismo“, gehen Sie aber nicht zum Nachbarn, der so ähnlich heißt.

    Oh Gott, was geschieht, wenn mir das passiert? Werde ich durch ein Sieb passiert?

    Azienda Agricola

    Fontanasalsa, Azienda Agricola

    Sehr, sehr vorsichtig näherten wir uns der Stelle. Da, ein Schild: Azienda Fontanasalsa. Zwei riesige Mühlsteine an der Einfahrt – und ein Parkplatz, genügend weit weg vom Anwesen. Ich steige aus mit der Vorlage des Veranstalters und frage zaghaft an dem Tor eine Dame, die nicht menschenfressend aussah, ob wir hier richtig seien. Si, correcto. Dann überwies sie mich an eine weitere Dame, auch nicht menschenfressend erscheinend, die mir mit den Worten entgegenkam: Sind Sie Herr Schenck? Glück gehabt! (Übrigens hieß sie Angela und war aus Füssen, der Vater aus Trapani).

    Das erste was mir auffiel, war der mit schmalen, hochgestülpten Steinen gepflasterte große Innenhof (Achtung Stolpersteine). Vom Hof gingen überall Türen in die umliegenden Gebäude.

    Azienda Agricola

    Azienda Agricola Innenhof

    Sofort nach dem Check-In bekamen wir Getränke und einen kleinen Imbiss.

    Siesta.

    Abendessen sollte ab 19:30 sein. Gegen 20:00 liefen wir auf. Im Hof waren die Tische eingedeckt, Kleinigkeiten, die noch fehlten, tat eine junge Frau munter auf, von Tisch zu Tisch, ohne uns zu fragen, ob wir schon etwas trinken wollten. Wir sahen uns im überdachten Gasthof um. Da lagen bereits die Menuezettel. Aha, das also gibt es demnächst.

    Nach einer halben Stunde, die wir damit verbrachten, der jungen Frau auf ihrem tänzelnden Weg zuzusehen, wie sie mal hier mal da ein fehlendes Stück des Gedeckes nachlieferte, reichte ich der liebsten aller Ehefrauen meine endglimmende Kippe und ging zum Gasthof, in dem ich den Koch und seinen Helfer sitzen sah. Es war abgesperrt. Der Koch öffnete und ich bat ihn um einen Aschenbecher. Da mir der italienische Begriff fehlte, zeigte ich ihm, wie man die Asche einer virtuellen Zigarette über der geöffneten Hand abklopft. AH Possacena!

    Da jetzt die Schranken gefallen waren, fragte ich ihn, ob wir nicht auch schon ein Bier und Wasser bekommen könnten (die anderen wartenden Gäste saßen bisher wie wir leer da). Va bene!

    Die Speisen waren rustikal aber gut! Die Bedienung schwirrte zielsicher von Tisch zu Tisch; dies alles und kühlender Wind ließ den Abend zu einer schönen Erinnerung werden.

    Das war Tag 5.

    6. Tag: ERICE, Dienstag, 31.08.10 (Azienda Agricola Fontanasalsa)

    Am Vortag hatte uns Angela empfohlen, nach Trapani zu fahren, das Auto auf einem Parkplatz abzustellen und mit der Seilbahn hoch nach Erice zu gondeln.

    La funivia, Erice

    Nach ernüchterndem Frühstück auf nach Trápani. 9km immer gen Norden, dann eine Ampel, rechts nach Erice. Kein Wort von der Seilbahn. Nach einigen Kilometern ein kleines braunes Schild mit Seilbahn. Schon waren wir dort. €6 pro Person hin und zurück. 700 m steil bergan. 15 Minuten schaukelndes Schweben. Trapani wurde immer kleiner, dafür das Meer immer größer. Oben in Erice pfiff ein Wind, zum Glück hatten wir unsere Jacken dabei.

    Örtchen des grande turismo. Ein bisschen steile Straße mit Andenkenläden, ein bisschen Kirchturm, ein Blick über die Niederungen, die uns bald wieder hatten. Abwärts wurde die Stadt immer größer, der Meerblick verschwand, der Wind ließ nach, angenehme Wärme (ca. 26°C), der Boden hatte uns wieder – und der Verkehr. Wo war der Supermarkt noch mal? Irgendwie fanden wir ihn. Einkauf: Schinken, Käse, Brötchen, Wasser, Bananen etc.

    Nach einem kleinen Verfahren war es kein großes Verfahren, den richtigen Weg zu finden.

    Im Führer stand: Der wichtigste Satz, den Sie auf Sizilien kennen müssen ist „Dové posso trovare la strada a . . . ?“, oder man verlässt sich auf den Sonnenstand und das eigene Orientierungsgefühl oder sogar auf die liebste Ehefrau der Welt, die einem, nach kurzem Blick auf die Karte den richtige Weg nennt. Das Navi schlummerte indes immer noch selig und verweigerte jede Reaktion. In Agrigent war es nach zwei Tagen bereit gewesen, wieder mit uns zu sprechen. Also warten wir ab. Sollte es sich melden, dann werden wir es erst auf den letzten Kilometern einschalten, da diese zur Auffindung des genauen Ortes (die Koordinaten waren bereits eingegeben) behilflich sein kann – außer es verpennt oder streikt.

    Die Wegbeschreibung unseres Veranstalters (Umfulana – ansonsten sehr zu empfehlen) hinkte den Tatsächlichkeiten hinterher. An der ersten Ampel rechts ab standen 2 Schilder: das erste wies nach MARAUSA, das zweite OLEIFICIO, dem folge man den besagten km geradeaus, dann, an der Kreuzung, steht auch OLEIFICIO und wenn man dort abbiegt ist es die erste Einfahrt links (ebenfalls OLEIFICIO) und man muss sich nicht beim falschen Nachbarn entschuldigen. Übrigens stehen an der Einfahrt zwei große (Oliven-) Mühlsteine!

    Wie verbringt man einen Nachmittag auf einer Hazienda mit Swimmingpool?

    Natürlich am Swimmingpool. Wasser, Bierchen, das neueste Buch von Eckart von Hirschhausen, Schatten, einen bequemen Stuhl, Tisch und dann nix wie relaxed.

    Azienda

    Garten der Azienda Agricola mit Pool

    Die liebste aller Ehefrauen hatte ihren Roman zuende gelesen und nahm nun MEINEN Hirschhausen. Ich durfte mich somit mit Einstein und Pointcaré abfinden und deren gemeinsamen wissenschaftlichen Aufgaben. Doch gerade unter azzurrenem Himmel im Halbschatten eines Olivenbaumes las es sich auch ganz flott.

    Die liebste aller Ehefrauen schwamm sogar eine gewaltige Runde und beschwerte sich dann, dass die Liege nass geworden sei. Ich konnte das anhand Einstein zwar erklären, aber ihre Tendenzen standen anders. Rings um uns eine bunte Mischung aus Oliven- und Zitronenbäumchen (kennst du das Land . . .), dazwischen über Kopfhöhe Wasserschläuche, gewitzt durchstochen, so dass jedes Bäumchen ohne Ansehen der Herkunft genug des feuchten Nasses abbekam. Wenn man nicht aufpasste, bekam man auch selber was ab.

    So vergossen wir Stunden des Nichtstuns – eben Urlaub.

    Zum Abendessen noch zu früh, begaben wir uns auf eine der erprobten Siestas (Fiestas?).

    Da man hier ab 19:30 Abendessen bekommen kann – so steht es zumindest auf dem Zettel im Zimmer – und wir gestern um 20:00 Uhr unten waren und unser Essen erst um 21:00 bekamen, gingen wir heute erst um 20:30 in den eingedeckten Hof. Unsere Signorina verteilte immer noch fröhlich die Accessoires.

    In der Zwischenzeit näherte sich die Donna des Hauses (Maria). Überrascht stellte ich fest, dass die gestern noch so ach sizilianisch zurückhaltende Dame gut Englisch sprach und wir uns locker unterhalten konnten über Sizilien (Schischilia). (Ich konnte später am Abend die Gunst des Kennengelernthabens ausnutzen, als unsere Signorina von einem Gästetisch voll in Beschlag genommen war: Ich bat die Donna, mir über die Signorina, die so beansprucht war, ein Bier bringen zu lassen. So schnell hatte ich noch NIE ein Bier bekommen.)

    Wir wollten beide die Vorspeise Lasagne, die gestern so hervorragend geschmeckt hatte.

    Nachdem die Flasche Bier, die alsbald gekommen war, schon fast zuende war, kam Signorina und überreichte uns das Menue des Tages. Keine Lasagne. Wir entschieden uns für Lamm, einmal gegrillt und einmal gebraten, dazu EINMAL Insalata Pomodoro und EINMAL Patate al Forno. Signorina blickte überrascht. Ich teilte ihr mit, dass wir normalerweise „portione al pensionisti“ bestellen. Lachend ging sie davon. Der Vino bianco, den die liebste aller Ehefrauen bestellte, bestärkte uns in der Erkenntnis, warum die Einheimischen weniger bis gar nicht von den ebenfalls einheimischen Mücken gestochen wurden: Er zog einem den Rüssel zusammen. Hätte man das der liebsten  aller Ehefrauen früher gesagt, wäre sie schon länger unbeschadet geblieben.

    Nach dem zweiten Vino (er zog nun nicht mehr so arg am Rüssel), einem Café latte und einem Grappa (der zog nun wirklich am Rüssel!), begaben wir uns beschwingt aufs Zimmer, nachdem wir den heutigen rückblickend und den zukünftigen Tag gickelnd und gackernd besprochen hatten.

    Das war Tag 6.

    Wie das Baglio beschrieben war:

    Baglios sind die traditionellen sizilianischen Güter mit meist langer Geschichte und historischen Gebäuden. Der Hof bei Erice bietet elegante Zimmer, die entweder auf den weinberankten Innenhof, das Haupthaus oder den Orangengarten blicken. Vom Olivenhain schaut man bis nach Erice, zum Meer oder zu den Egadi-Inseln. Gäste werden mit Wein aus eigener Herstellung bewirtet. Der altehrwürdige Hof ist ein idealer Platz, um die Schönheit Westsiziliens zu erkunden oder einfach nur auszuspannen. Wandern, schwimmen, Fahrradfahren oder Exkursionen zu bedeutenden archäologischen Städten sind möglich

    Die Wahrheit über das Baglio:

    Anfahrt einfach, wenn sie gut beschrieben wird: Von der Autobahn Richtung Süden nach Fontanasalsa, dort die erste Ampel rechts, immer geradeaus, dann kommt auf der rechten Seite ein Schild nach rechts weisend: blaue Schrift auf weißem Grund „Oleificio“, dem folgen, gerade aus, bis bald auf der linken Seite genau so ein Schild steht und der Name des Gehöftes „Azienda Agricola Fontanasalsa“.

    Vor dem Gehöft ein Parkplatz. 5 Generationen Olivenbauern. Ein Gehöft mit großem Innenhof, Nordseite mit Pergola mit (echtem) Wein. 7 große Tische darin verteilt, an denen man sein Abendessen (ab 19:30, heißt es) einnehmen kann. Essen kommt für alle erst gegen 21:00, vorher trinkt man eben Wein oder Bier (Nastro Azurro, €5,00, dafür 0,66 Liter). Die Chefin Maria isst abends an ihrem reservierten Tisch und spricht freundlich die Gäste auch auf Englisch an.

    Angela, nur vormittags bis nachmittags vor Ort, spricht deutsch.

    Die Zimmer sind rundum verteilt, Erdgeschoss und erster Stock, schlicht, wie es sich für ein Baglio gehört, vielleicht geht auch mal die eine oder andere Lampe nicht. Badezimmer mit Wanne/Dusche, Waschbecken, Bidet. TV gibt es, aber nur italienische Sender.

    Drei absolut zahme Hunde streichen im und vor dem Gehöft umher.

    Natürlich hört man nachts die Autobahn, die ca. 1km entfernt ist.

    Schnell ist man in TRAPANI und ERICE (Seilbahn, €6,00 hoch + runter, Parkplatz kostenlos davor).

    7. Tag: ERICE – CEFALÙ, 01.-03.09.10

    Mittwoch, 01.09.10 (Abazia Floris, Collesano)

    Wer hat je bewusst einen Maulbeerbaum gesehen?

    Mir und der liebsten aller Ehefrauen ist noch keiner wissentlich begegnet. Aber nun sitzen wir unter einem Prachtexemplar. Mario, der Chef hier, erklärte mir, es gäbe zwei Arten: den weißen (unter dem wir sitzen) und den roten. Zufällig lag da ein Baumbuch auf unserem Zimmer, das sagte, es gibt weiße (weiß, rosa bis rot blühende) und schwarze Maulbeerbäume.

    Egal, wir sitzen darunter und schauen auf das Meer und nach Palermo, welches unter leichten Wolken als grau-rote Bergesmasse am Horizont den äußersten Zipfel unserer Sicht bildet. Rechts davon nur Wasser und viel Horizont.

    Wie wir dahin kamen?

    Morgens noch in Fontanasalsa gefrühstückt. Angela war so freundlich und rief bei unserem nächsten Stützpunkt an, weil da stand, man solle AM VORTAG anrufen und sagen, wann man ankommt. Wie kann ich wissen, wann ich morgen ankomme? Zumal die Wegbeschreibung äußerst kompliziert erscheint. Niemand meldete sich. Na denn!

    Angela hatte mir verraten, wo man schnell einen Tabakladen findet. Marausa war das Stichwort. Nicht weit, nur ein bisschen auf dem kleinen Weg weiter. Erstens war schon „bisschen“ gelogen, zweitens gilt das nur für die, die sich auskennen, denn Hinweisschilder sind in Italien Mangelware, in Deutschland gibt es eine Lobby, die aber auch dann wenigstens verirrten Touristen mitteilt, wohin sie fahren. Keine Kreuzung mit Beschilderung, und wenn, dann unlesbar, weil der Zahn der Zeit . . .

    Irgendwie fand ich irgendeine Tabaccheria am Straßenrand.

    Wie kommen wir nun weiter? Navi tot, keine Hinweisschilder.

    Dann plötzlich in der Pampa: Ein Schild mit Autobahnhinweis. Grazie Sicilia!

    Schnell waren wir an Segesta (dem geliebten) vorbei, schnell vor Palarmo. Langsam durch Palermo, sehr langsam. Irgendwie hat die italienische Fahrweise etwas für sich: Wer vorne ist, ist vorne, ob mit oder ohne Blinken, ich bin da, wo ich bin. Und jeder macht mit, kein Rechthabergehupe – übrigens habe ich hier wesentlich weniger Hupen gehört als bei uns – vor allen Dingen in brenzligen Situationen. Man schickt sich in die Situation: wenn die Schnauze eines Fahrzeugs so weit aus der Einfahrt rausguckt, dass du nicht vorbei kannst, dann ist ER eben VORNE. Wenn du auf der Straße Abstand hältst und einer schiebt sich langsam hinein, dann ist er eben vorne. Das Schöne ist, du darfst das auch! Keiner hupt.

    So ging es bis nach Palermo der Hauptstadt der Insel, von der es damals es hieß, die Stadt sei so dreckig, weil die Mafia die Straßenreinigung und Müllabfuhr in Händen hatte, sich die öffentlichen Gelder einverleibte, aber keinen Dienst versah . . .

    Jetzt kam einer der schönsten Abschnitte der Nordküste, den wir eigentlich per Uferstraße erleben wollten. Es war allerdings nach 12:30 und keine Tankstelle hat auf den „Bundesstraßen“ geöffnet, bis auf die auf der Autobahn. Ich wollte, bevor wir in die Wildnis kamen, gerne noch den Tank voll haben.

    Die Tankstelle war längst angezeigt, nur änderte sich zunehmend die Entfernung zu ihr. Kurz bevor wir abfahren mussten, war sie endlich da.

    Weiter auf dem Wege.

    Jetzt trat die liebste aller Ehefrauen auf den Plan. Sie hatte nämlich den Reiseplan des Veranstalters auf den Knien und bestand darauf, die erst genannte Ausfahrt zu nehmen, „Agglomerato industriale“ genannt, die andere heißt „Buonfornello“ und ist einfacher als die erstgenannte. Das wird einem aber nicht mitgeteilt.

    Wir fuhren also die erste, kurvig, ohne Hinweisschild und von LKW-Betonmischern reichlich bestückt und verdreckt. Obwohl ansonsten alles trocken war, diese Straße war nass, sie stand unter Wasser, Dreckwasser. Und als ich einmal anhielt, um auf der Karte nachzuschlagen, kam uns ein Betonmischer entgegen und PLATSCH, war das gesamte Auto mit Matsch besudelt. Der Scheibenwischer schaffte es nicht ganz, so dass ich an der nächsten Tankstelle diese und die Scheinwerfer reinigen musste.

    Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, bei der komplizierten Zufahrt zum Gehöft.

    Wir sollten Richtung Colessano fahren, aber eigentlich auch nicht, sondern dem Schild zum Golfplatz folgen, aber auch nicht ganz, denn irgendwo vorher sollen wir links abbiegen. Ja, am Friedhof, einem unbeschrifteten, schmalen Weg aufwärts folgen, dann (nicht zum Golfplatz) aber am Golfplatz vorbei, an der Gabelung links (in Wirklichkeit waren es zwei Gabelungen), ca. 700 m dem Weg folgen, an einem Schild „A3 SP 129“ links einbiegen, obwohl man darauf hinwies, dieses Schild gäbe es nicht mehr, nur noch den Pfahl (!), also irgendwann links in einen feldwegartigen Weg. Danke, das genügt.

    Wenn man im Urlaub ist, fröhlich ausgerichtet, abenteuerlustig, nicht gestresst, ist das gar kein Problem!

    Da Angela (und wir) vergeblich versucht hatten, die Gastgeber telefonisch zu erreichen, wusste ich nicht, wo wir im Notfall die nächsten drei Nächte schlafen sollten, sollten wir dieses diffizile Ziel nicht finden.

    Da las ich zufällig auf der steilen und unbefestigten Straße ein Schild an einer Einfahrt „abazia“ (10 mal 10 cm groß, also winzig!) und dachte mir nichts Schlimmes dabei, erzählte es aber der liebsten aller Ehefrauen, welche die Beschreibung unseres Quartiers auf den Knien jonglierte. Einige zwanzig Meter weiter fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Das muss es gewesen sein! Irgendwie hieß doch unser neuer Schuppen so oder so ähnlich; das kam auch der liebsten aller Ehefrauen im Nachhinein so vor.

    Eine Volldrehung auf einem zwei Meter breiten Weg mit Abhang nach einer Seite weiß jeder Autofahrer zu schätzen.

    Wir waren richtig. Die angekündigten Hunde waren da, ein Gutshof war da, sogar zwei liebe Sizilianer bestätigten, wir seien richtig.

    Sizilianer sprechen natürlich: Italienisch – und sonst nix. Was hilft mir mein Spanisch? Gunnix! Die Kenntnisse in Italienisch hatten sich wohl bei mir in dem Moment verflüchtigt, als ich mich aufs Spanische fixiert hatte. Ähnlichkeiten zwischen den Sprachen gut und schön, aber es sind immer nur Ähnlichkeiten und zwischen mucho und molto kann das italienische Ohr keine Einheit schaffen, und mir rutschen immer zuerst die spanischen Laute aus dem Sprechorgan.

    Abazia

    Abazia Floris, Colessano

    Zur Sache: Dieser Gutshof ist, wie man schon bemerkt haben kann, weit ab jeder Zivilisation. Womit ich nicht die Zivilisation als solche meine, sondern eher metaphorisch, also weit ab vom Schuss. Aber vieles gab mir zu bedenken: Der liebe Empfang, gut und schön; keiner fragte nach unserem Namen, keiner wollte einen Ausweis, dann gab es hier einen Kampfhund und einen Schäferhund, die beide sehr verschlafen taten. Dann gibt es hier eine Großfamilie, Opa, Oma, Mutter und vier Kinder, wir werden in einem „small Appartement“ untergebracht, welches weiß Gott nicht small ist, die Dame die sagte, sie sei nicht die Eignerin, reichte uns Kekse und Orangensaft am Abend, dann gibt es neben der Eingangstüre zum Appartement ein Loch von 10 cm Durchmesser in Höhe der Scheuerleis

    Blick

    Abazia Floris, Blick aufs Meer

    te, also wenn ich weiter suchte, fände ich noch mehr Eigenheiten, die mich dahin denken lassen (könnten), dass wir hier des Nachts mit Giftgas (über die Scheuerleiste) umgebracht, unsere Organe teuer ins Ausland (wohl noch Deutschland) verkauft werden und diese Mafiafamilie sich bereichert an unseren Lebern (eher noch an der der liebsten Ehefrau der Welt), an dem bisschen Bargeld, und das ganze ihren Kindern gutschreiben. Teufel, wo sind wir hineingeraten! Und es gibt hier keinen Internetan­schluss, über den ich das EUCH ALLEN als Hilferuf senden könnte.

    Heute jedenfalls haben wir eine kurze Fahrt nach Cefalù unternommen, gerade so weit, dass man den Ort am Felsen kleben sehen konnte (eine Bahnschranke war geschlossen und wir wollten noch Lebensmittel einkaufen für 2-3 Tage) (die letztlich auch diesen Mördern zugute kommen!).

    Und dann sitzen wir nachmittags vorbehaltlos im Garten, essen und trinken und lassen uns von der Dame des Hauses (falsche Schlange?) mit sizilianischen Kräckern und Orangensaft bewirten. Drinnen juchzte schon das Mördervolk und wir Opfer saßen harmlos im Garten und beschauten den beschaulichen Sonnenuntergang – der nicht, wie erwartet, über dem Meer, nein noch weit vor den grauen Bergen Palermos stattfand. Manchmal glimpste die Sonne hochrot zwischen den schmalen Wolken durch, bis ihr Verschwinden dann eine Kühle hervorrief, die uns ins Innere des Hauses zu gehen bewog.

    Drinnen ging das hexenhafte Spiel weiter: Das elektrische Licht wurde dunkler, dann wieder heller, von Vino und Birra angetan, achteten wir nicht mehr darauf, dass es plötzlich kühler wurde. Ich entsann mich des Odysseus, der zig Jahre zwischen Zyklopen, Hexen, Skylla und Charybdis und weiteren mediterranen Erscheinungen hin und her zog. Er hat sie alle überlebt. Aber sind wir Odysseus und Penelope?

    Ich entschloss mich – wie Odysseus, diese Nacht durchzuwachen (einmal im Leben ein Held!).

    Man wird sehen.

    Das war der siebte Tag (da hatte Gott die Welt erschaffen, mal sehen ob ich diese noch weiter erleben darf).

    Hier endet der Bericht . . . doch nicht.

    8. Tag CEFALÙ, Abazia, Donnerstag, 02.09.10

    Und es ward Tag, der 8. der Reise und wir freuten uns, noch zu leben.

    Dünne Wolken beschatteten die Sonne – fein!, nicht immer diese pieksenden sizilianischen Sonnenstrahlen.

    Und es war 08:00 an diesem 8. Tag und wir waren frisch und munter (22:30 abends ins Bett, kein TV, weil nicht vorhanden, beim Durchwachen hatte mich der Schlaf überrascht, die einzige Überraschung in der Nacht, dafür sehr angenehm).

    Diese tägliche und nächtliche Totenstille ist nervend. Ständig wartet man auf ein Geräusch, welches nicht kommt. Vogelzwitschern? Denkste! Wenn mal ein Windstoß kommt, dann knarrt mal die Tür verdächtig. Und ganz selten Hundegebell, da freut man sich: man ist noch nicht taub. Nachts konnte man aus den Fenstern, die nach Westen gingen, die Lichterkette bis Palermo sehen und obwohl durchaus nahe zwei Autobahnen verlaufen – kein Ton.

    Hoffentlich gewöhne ich mich wieder an den Mehringdamm.

    Erstes Frühstück selbstgemacht: Rührei mit krossem Schinken, Tee mit original Limone, Käse, Butter, Brot.

    Cefalù

    Cefalù

    15 km nach Cefalù. Halb Sonne halb Wolken, angenehm warm bis fast heiß. Nirgends findet man ein Thermometer. Aber einen Parkplatz, direkt am Strand, ein Polizist wies mich ein und daraufhin, dass ich nun Geld in einen Automaten stecken sollte.

    An den Strand. Dieser natürlich voller Badender, auch wenn sie dies nur in der Sonnte taten.

    Ein Aqua minerale con gas, kurz aqua frizzante, in die Hand und ab in die Gassen der Altstadt, die an einem Gibraltar-großen Felsen klebt, der sie teilweise zu erschlagen droht.

    Aber Menschen lieben offenbar große Gefahren, sie leben gerne an Vulkanhängen, auf Erdspalten, in Überschwemmungsgebieten und an Tsunamiküsten. Wehe, es passiert was, dann sind entweder die Götter oder die Politiker schuld.

    Dom

    Cefalù, Dom

    Touristiktrubel auch am Dom (Kathedrale, Basilika). Drin war gerade die Messe zuende und die schamhaften Touristen durften nach vorne kommen, um das Jesus-Mosaik in der Apsis zu bewundern (11. bis 13. Jhd.). Kühl war es in der Basilika.

    Davor, in einer Cafeteria den obligatorischen Cappuccino sowie ein Cornetto di Crema eingenommen. Nach genügender Andacht der Stätte, wandten wir uns nun der mediterranen Einkaufsstraße zu, deren jedes zweite Geschäft Schmuck, zugegeben besonders schönen, anbot. Ein triftiger Grund für die liebste aller Ehefrauen, die Gehwegsteine vor den Schaufenstern abzuwetzen. Glücklicherweise nicht die Klinken. Wer allerdings etwas kaufte, war ICH. Natürlich auf Geheiß der liebsten aller Ehefrauen, die plötzlich ausrief: Ist das nicht ein schönes Hemd? Und 50% herabgesetzt! Da konnte ich nicht anders, zumal, wenn ich als erster etwas kaufte, stand ihr die Möglichkeit dazu jetzt erst recht zu.

    Sie vertröstete mich, erst in Taormina wolle sie zuschlagen. Na, denn!

    Plötzlich war unsere Parkzeit abgelaufen, was wir zum Anlass nahmen, den Wagen Richtung Palermo zu lenken, die als besonders schön ausgezeichnete Küstenstraße SS 113 entlang.

    Ja, die Landschaft! Wenn nur die Menschen nicht wären, die ihren Abfall links und rechts am Straßenrand irgendwie verlören. Kann mir das nicht ganz vorstellen, aber die Einstein’sche Relativitätstheorie auch nicht, doch beides trifft zu. Nur dort, wo viele Touristen zu erwarten sind, da scheint die Straßenreinigung zu funktionieren. Nun, in Berlin ist das, genau besehen, auch nicht anders. Weiter die Spazierfahrt:

    In einem Ort namens Termini Imerese hatte ich wohl eines der nicht vorhandenen Hinweisschilder übersehen und so landete, fast strandete ich im Gassengeflecht dieser mittelgroßen Stadt, in der die Fußgänger absolutes Vorrecht zu haben schienen. Sie gingen in Dreierreihen nebeneinander, nur als wir fast ihre Hacken berührten und sie hinter sich ein surrendes Geräusch vernahmen, wandte sich erst einer, dann der andere, vielleicht auch noch der letzte dem –zugegeben schmalen- Bürgersteig zu. Irgendwie fand ich einen Weg zum Hafen und die Straße führte uns wirklich weiter, serpentinig aufwärts, immer Höher, an blühenden Parks vorbei, auf eine Anhöhe, was sage ich: Überhöhe mit grandiosem Blick zu beiden Seiten: Ganz weit hinten der Felsen, unter dem man Cefalù vermuten durfte, zur anderen nach der Bucht von Palermo.

    Auf einer Bank ein alter Sizilianer. Blickte freundlich. Ich winkte ihm mit Zigaretten zu, er winkte mich zu sich. Ich bot ihm eine Zigarette er mit Feuer. Signora, rief er in Richtung der liebsten aller Ehefrauen, die am Auto stand, Signora! und machte ein Zeichen zu kommen. Er umarmte die liebste aller Ehefrauen mit Inbrunst.

    Ja, er lebt hier, wo wir herkämen, was wir schon gesehen hätten. Ich stolperte ihm die Orte vor, Siracusa, Agrigento, Erice, nun Colessano. Und immer machte er: Aah, molto bene!

    Er fragte uns allerlei, ich hustete einige Brocken Italienisch oder was ich dafür hielt. Er schien uns nicht mehr gehen lassen zu wollen, waren wir vielleicht mal eine erwünschte Abwechs­lung, trotz schlechter Kommunikation unsererseits. Er sprach und sprach, vielleicht hatte er uns ja inzwischen die Kurzfassung seines Lebens erzählt, ich weiß es nicht, ich sagte immer Si! Dann rissen wir uns mit einem ARRIVEDERCI los und fuhren weiter unter den aufkommenden Wolken.

    Nicht weit, sahen wir eine Straße zu einer Marina führend. Hin. Parkplatz.

    Was uns seit Syrakus „verfolgte“, war eine Aneinanderreihung von Hochzeiten. In Syrakus mindestens drei, vor dem Hotel, auf der Piazza Archimede und noch irgendwo, in Agrigent am Ankunftsabend auf dem Platz vor der Restaurantterrasse, in Fontanasalsa war es zu abgelegen, aber hier in San Nicola nun wieder. Was will uns der Reiseveranstalter damit sagen?

    Wir jedenfalls sahen deutlich, dass die weißen Schleppen, die hier wohl Standard sind, unterhalb tiefschwarz waren. Die kann man ungereinigt nicht mehr per Ebay verkaufen.

    Palermo war um ein paar Kilometer näher gerückt, wir aber nicht scharf auf ihre Nähe, so dass wir nach Cappuccino und Pasta al forno das Weite suchten. Diesmal nahmen wir die andere Abfahrt von der Autobahn, die im Führer „Buonfornello“ genannt wurde.

    ZACK, waren wir zu Hause.

    Siesta.

    Ich zog mein neu erstandenes Hemd an (etwas eng um den Bauch) und wollte einen Spaziergang machen, die lange Einfahrt hinauf, dann ein wenig den Berg hoch. Mitten in dem Einfahrtsbereich, der durch einen Olivenhain führte, zog mich magisch ein hervorgehobener Platz an, in dessen Mitte ein Felsen gelb-weiß aufleuchtete. Da musste ich hin, Spaziergang hin oder her. Auf meinem Sitz für wenige Minuten, erkannte ich das Innerste des Seins, des Weltalls, der Natur. Der Stein war hart, das Weltall weit weg, mein Sein gerade hier und ich erkannte, dass von links von den Bergen dunkle Wolken aufzogen in Richtung Meer. Warmer Wind zerzauste meinen Mecki-Schnitt und blähte das neue Hemd, wo es noch blähbar war. Die liebste Ehefrau der Welt sollte auch an diesen schönen klimatischen Bedingungen teilhaben – sofern sie Ihre Siesta beendet hatte.

    Ich kam nicht in unser Appartement. Da es sehr gewindet hatte und die Tür zu unserem Appartement in den Angeln wackelte, hatte ich ihr versehentlich gezeigt, wie man den Ventilator davor stellt, damit sich die Türen nicht bewegen. Das hatte sie prompt befolgt.

    Klingel gab es nicht, nur die Aussicht, gehört zu werden – ich wollte ja einen längeren Spaziergang machen . . . Leise rief ich sie beim Namen. Nix. Sollte ich lauter rufen, könnte ich sie in ihrer Siesta stören und der Abend wäre gelaufen. Heldenhaft ging ich das Risiko ein.

    Und hatte Erfolg: „Was, jetzt schon zurück? Ich hatte gehofft . . .“

    Schließlich gingen wir bestückt mit den Dingen, die man im Garten braucht, Buch, Getränk, Autan, in den Garten auf die Liegestühle unter dem Maulbeerbaum. Über dem Meer, weitab von uns, bildete sich ein Gewitter und bald zuckten wie wild die Blitze, weit weg von uns. Wir kamen n

    icht zum Lesen. Die Wolken, die Blitze faszinierten uns. Da entdeckte uns der Sohn (Enkel?) der Familia sagrada, der Hausleute. Sofort verbreitete er drinnen, da sind die Fremden.

    Und schon bekamen wir einen Teller Minitomaten, kirschengroß. Zunächst dachte die liebste aller Ehefrauen, es wären Maulbeeren, da wir wieder unter dem besagten Baume saßen. Doch diese Minitomaten übertrafen alle Tomaten, die wir je gegessen.

    Dabei hatten wir gerade vorher Tomaten gekauft!

    Nun, Minitomaten im Mund stellten wir uns an die Mauer, die den Garten vom Olivenhain trennt und sahen: Einen Schimmel. Oben wolkendunkelster Himmel, unten der Schimmel.

    Bevor ich mein Handy aufnahmebereit machen konnte, war die vordere Hälfte des weißen Pferdes hinter einem Baum verschwunden. Dann sah die liebste Ehefrau der Welt etwas ihre

    Aufmerksamkeit erregendes: HIER, SCHAU MAL. Ich schaute. Eine Gans, auch weiß, die mit ihrem einen Auge uns zu fixieren schien. Foto/Handy bereit machen, knips. Die Gans ist im Kasten. Ich bewegte mich zehn Zentimeter in Richtung der liebsten aller Ehefrauen und sah: Eine zweite Gans. Ich sagte: Da ist ja eine zweite Gans neben der ersten. Sagte sie ja, du hast sie ja aufgenommen. Hatte ich nicht, da die zweite aus meinem Blickwinkel hinter einem Busch verborgen war.

    Das ist ein Beispiel dafür, wie der Blickwinkel verschieden platzierter Leute diese täuschen kann, wenn der eine meint, der andere sieht dasselbe. Teufel auch! ist diese Welt kompliziert. Aber das wusste schon Einstein, denn der hat alles relativiert. Vielleicht sollten wir das auch mal versuchen.

    Apropos Blickwinkel: Das Gewitter war über dem Meer. Dahin zogen auch alle Wolken, was jeder sehen konnte. Kaum hatte ich die Fotos der Gänse beendet und wir saßen noch so rum, mit

    Abazia Floris

    Blick auf jede Menge heißer Blitze überm Meer, da bemerkte ich, dass die dunkle Schicht über dem Meer nachließ. Dachte mir nichts Schlimmes dabei und versuchte die liebste Ehefrau von allen nett zu unterhalten, da kam eine Bö. Ein Brillenetui hob vom Tisch ab, der Maulbeerbaum ächzte, die Zigarettenschachtel flog vom Tisch. Nanu? Gewitter ist doch da draußen!

    Pah, sagte das Gewitter, ich werde doch sein dürfen wo ich will. Ich gebe euch zwei Minuten!

    Oh, sagten wir, wir sollten hinein.

    Eine Bö bescheinigte uns die Erkenntnis.

    Die ersten Tropfen erreichten uns ca. einen Meter vor der Türe, die fast wie von selbst aufflog. Wir schnell hinein, Türe zu!

    Wir mussten noch in den ersten Stock und hörten auf der Treppe ein Heulen. Kein Hund, kein Wolf, nein das Gewitter verlustierte sich. Oben, die klappenden Türen durchschritten, der erste Weg zum vorher geöffneten Fenster. Schnell zu. Aber das geht hier anders.

    Nicht einfach Griff nehmen und umdrehen, nein, erst Nippel durch Lasche, umdrehen und zwei Schritte links, einen rechts, bis das Fenster wirklich geschlossen ist.

    Jetzt kam das Gewitter. Ich konnte zuschauen, wie die Olivenbäume sich wanden und drehten, ihren Schopf den Winden auslieferten, fast wie ein Korkenzieher aus dem Boden gewunden wurden, sich dem Regen beugten. Am anderen Fenster sah ich, dass die uns umgebenden Berge verschwunden waren, am dritten, dass das Meer eine Einheit mit dem Himmel geschlossen hatte und es prasselte und der Sturm heulte durch unseren Kamin, dass man meinen konnte, er erzählte Geschichten über die stürmische Vergangenheit dieser gebeutelten Insel.

    Da fiel das Licht aus.

    Die liebste aller Ehefrauen rief nach Kerzen.

    Ich sah dem Inferno zu, von Fenster zu Fenster hüpfend.

    Was interessierte mich jetzt Licht, da ich dem Inferno so nahe war.

    Dann sah ich, dass die Wolken, die vorher vom Land aufs Meer schoben, nun in die entgegengesetzte Richtung stoben!

    Das Licht ging wieder an.

    Aus. An.

    Dann hatte alles draußen eine andere Farbe. Deutlicher, intensiver.

    Die liebste aller Ehefrauen hatte inzwischen die Jagd nach Kerzen aufgegeben.

    Statt Kerzen, leuchtete am Berge ein rotes Licht im Himmel, breit wie eine untergehende Sonne (nur hatte dieselbe sich schon vor Stunden verabschiedet), unvorstellbar wieso oder woher. Wir teilten uns den Rest der Schokolade und zogen uns zurück zur nächtlichen Siesta.

    9. Tag CEFALÙ, Freitag, 03.09.10, Abazia Floris

    Das Gewitter und der Sturm hielten die Nacht über an und uns in Atem, da es hier winselte, da verdächtig knackte und heulte und durch den Kamin brummte wie eine Irrer an einer Orgel. Endlich einmal Töne an dem verlassenen Ort!

    Um 09:00 war es 25°, drinnen wie draußen, draußen etwas feuchter, es hatte ja geregnet. Himmel bedeckt bis freundlich, ab und zu sah die Sonne nach uns. Eigentlich ein Reisetag. Also kutschierten wir in die Wildnis der Madonie-Berge. Schmale, asphaltierte Straßen, manchmal auch nur Gassen zu nennen, oftmals durch Verwerfungen verbeult zu Achterbahnen, aufgerissen, als ob die Seismik in dem Gebiet sagen wollte, sie wäre noch da und aktiv und was der Mensch baut, sei nicht von Dauer.

    Berg

    in den Madoniebergen

    Angesichts der Berge, der teils mit Oliven bebauten, teils brachliegenden Hänge blieb einem eh die Spucke weg, weil man nur mit offenem Mund durch das Gelände fuhr. Gelb leuchtende Hänge, manchmal grün gepunktet, oben an den Bergen Koniferenwälder. Jedes Feld eingezäunt, nichts für eingefleischte Wanderer, die müssen die Straßen benutzen. Serpentinen auf, Serpentinen ab. Kaum Verkehr. Dann auf die Autobahn Richtung ENNA / CALTANI­SETTA. Kurzfassung: Schneller Trip 65 km weit, hoffte, noch meinen Anblick von damals zu finden . . . teils Regenfahrt, auf jeden Fall die rhythmischste Fahrt bisher: Dah demm, dah demm, dah demm, etc., etc. etc. Grund: Weil diese Autobahn über große Teile auf Stelzen daherkommt und dahin führt, sind die Verbindungen zwischen den Asphaltschichten wegen Wärmeausdehnung und Kältereduzierung mit Rinnen aneinander gefügt. Irgendwie haben die Deutschen eine andere, weniger holprige und leisere Version erfunden. Nun Caltanisetta, Großstadtgetriebe, nee, bei der ersten Bar Stopp und Cappuccino plus Cornetto, dann wieder ab, selbe Ausfahrt, aber anderen Heimweg – serpentinig wie selten, bergig, kluftig, schönig. Immer mal kurz Halt, um OH! zu sagen (manchmal habe ich nach dem OH! noch eine Zigarette geraucht).

    Morgen 220 km über Messina nach Taormina.

    Was über die Unterkunft in der Voraussage stand:

    Das allein stehende Haus liegt 15 km westlich von Cefalù mit herrlichem Blick aufs Meer. Das Naturreservat der Madonieberge, das Wanderern viele Möglichkeiten bietet, endet hier. Das alte Bauernhaus ist vollständig renoviert und mit den antiken Möbeln der Familie ausgestattet. Unter dem Fußboden ist noch die Jahrhunderte alte Olivenpresse zu sehen. Frühstück wird in der Bauernküche und in wärmeren Zeiten unter einem Maulbeerbaum im Garten serviert. Alternativ kann man in einem voll ausgestatteten Appartement unterkommen, was sich besonders für längere Aufenthalte empfiehlt.

    Die Wahrheit über die Unterkunft:

    Abgelegener Gutshof, absolut ruhig, es gibt neben den im Führer erwähnten zwei Hunden: Schäferhundmischung und Staffordshire noch einen Schäferhund, der wohl den Haushältern gehört. Die Inhaber waren wohl verreist. Es gibt ein Haupthaus mit rechtwinklig angebautem Nebenhaus. Im Haupthaus wohnten die Haushälter (Vater Mario, Mutter Maria und drei (bis vier) Kinder. Das Einfahrtstor an der Straße ist immer offen, es steht ein winzigen Schild dort „abazia“ (nur von einer Seite kommend zu lesen), bis zum Haus geht ein Feldweg (bitte nur den linken „unteren“ benutzen, beim oberen setzt das Auto mehrfach deutlich auf). Ein Unterstand für drei Kfz. ist hinter dem Haus.

    Das Nebenhaus hat eine Eingangstür (besser –Tor) mit mittelalterlich großem Schlüssel. Da durch gelangt man in das „Foyer“, in welchem ein Künstler aus Ton gebackene Brüste ausstellt. Links vom Foyer geht es in die ehemalige Olivenpresse – sehenswert. Treppauf gelangt man (auch auf mittelalterlich hohen Stufen) in das Appartement: Ein neues Foyer eröffnet sich einem, links ging es zu unserem, rechts wohl zu einem zweiten Appartement. Unseres war am Ende des Nebenhauses: Ein großes Wohnzimmer (ohne TV) Fenster nach Westen (Abendsonne). Das ebenfalls große Schlafzimmer hat sein Fenster (mit Fliegengitter) nach Süden. Nach Osten geht die Küche und das Bad mit Dusche, WC, Bidet und Waschbecken.

    Die Küche hat einen Gasherd mit 4 Flammen, einen großen Kühlschrank, Doppelspüle und einen Tisch für 4 Personen. Alle Gebrauchsgegenstände vorhanden, leider kein Wasserkocher.

    Die Ausstattung ist rustikal, aber ausgesucht schön. Wenn der Strom ausfällt, geht er in wenigen Minuten wieder an. Der Blick geht auf die umliegenden Berge und Olivenhaine, vom Garten sieht man auch das Meer und die Küste nach Palma. Der Garten befindet sich vor dem Nebenhaus, mit Stühlen (auch Liegestühlen) und Tisch mit besagtem Blick auf das Meer.

    Wir wurden, dort sitzend, täglich mit Kleinigkeiten beglückt: Orangensaft und einheimische Kekse, ausgezeichnet schmeckenden Minitomaten etc.

    Dann gibt es vor dem Tor zum Haupt- und Nebenhaus ein kleines Haus, in dem sich offenbar zwei weitere Appartements befinden. Hatte mich mal verlaufen . . . Die haben eine eigene, zweigeteilte Terrasse, die Zimmer scheinen mir aber wesentlich kleiner zu sein als unsere.

    10. Tag: CEFALÙ – TAORMINA (04.-07.09.10)

    Samstag, 04.08.10 Abazis Floris

    Die Nacht gab es wieder Gewitter, merkten wir abends, als wir uns in den Garten setzten und nach einiger Zeit erst der Wind, dann die Kühle zunahm. Abend im Appartement verbracht, Lesen, Schreiben, Urlauben.

    So früh im Bett, so früh auf, Sonne, warm. Für die 220 km auf der Landstraße SS113 hatte man 4 Stunden veranschlagt, Landstraße wurde empfohlen, da unglaublich schön. Endlich der Blick beim Vorbeifahren auf Cefalù, den ich von damals kannte, von oben, hinten. Mehrere Stopps auf der Küstenstrecke, oft serpentinisch, und die Liparischen/Äolischen Inseln wurden  immer klarer am Horizont. Städtchen mit unaussprechlich langen Namen, immer wieder Serpentinen und zunächst gegen die Sonne – trotzdem unglaublich schön, weil mediterran, sonnig, warm und voller Blüten überall an den Straßen. Bei einem Stopp bei einer kleinen Bar an einer Kreuzung in Capo d´Orlando, dessen Barmann auch den Lebensmittelladen zu versorgen hatte, wurde uns klar, dass die restliche Strecke nach Messina – so schön sie auch sein mochte – besser per Autobahn zurückzulegen wäre. Als der Barmann seine einzige Kundin bedient und ihre Familiengeschichte in sich aufgenommen hatte, hatte er sich uns zugewandt und einen kleinen Snack, ein Cola und –das ist immer ein großer Aufwand- einen Cappuccino gefertigt. Ja, die nächste Auffahrt auf die Autobahn. Maut-Billett. Bei Abfahrt zu zahlen (€4,50 Messina Boccetta). Diese Ausfahrt hatte ich mir ausgesucht, weil sie direkt zum Hafen führt, dort, wo die Entfernung zum italienischen Festland am kürzesten ist. Übrigens befinden sich hier auch die menschenfressende Skylla und der verschlingende Strudel Charybdis aus Homers Odyssee. Ein Städtchen auf dem Festland heißt heute noch Scilla und die Charybdis ist der riesige Strudel an der Engstelle zwischen Festland und Sizilien, weil dort ein Sog entsteht, der so manchen Schiffer hinabzog. Und wer dem Sog ausweichen wollte, wurde von Skylla gefressen. Diese beiden muss man doch gesehen haben, wenn man schon im Messina ist!

    Uns leuchtete eine goldene (Else würde man in Berlin sagen), also ein güldenes Frauenzimmer als Eingangsfigur zum Hafen entgegen. Ansonsten war Hafengegend und wie in allen Hafenstädten nicht sehr erhebend. Die Straße (SS114) nach Taormina war leicht zu finden und wir genossen die etwas schäbigen Vororte von Messina. Dann eine formidable Küstenstraße, dem heutigen Tourismus angepasst. Wieder ein Stopp am grauen Kieselstrand, gegenüber Reggio di Calabria, die italienische Stiefelspitze in voller Größe. Fußspitze in die Straße von Messina getupft (natürlich nicht, ohne eine Zigarette zu verqualmen). Weiter, denn bald sollte Taormina auftauchen (ca. 50 km). Schöne Küstenstraße – die sind überall auf der Welt schön, da die meisten Menschen Wasser, Strand und eine gut asphaltierte Straße schätzen.

    Samstag, 04.08.10 Taormina
    Steil, serpentinig und überaus verquer ging es hoch nach Taormina.

    Vor lauter fußgehenden Touristen kommst du in Taormina kaum vorwärts, auch Autos halten mitten auf der Kreuzung, laden ein oder lassen einsteigen, oder warten erst einmal, ob sich jemand zum Einsteigen findet. Geduld ist gefragt, die wir Deutschen offenbar zu wenig haben. Das Hotel (Hotel La Pensione Svizzera) lag in einer engen Einbahnstraße, keine Chance zu parken, wenn man nicht schon die italienische Eigenschaft kannte oder übernommen hatte, wer zuerst da ist, ist eben zuerst da. Und da wo ein anderer ist, kann ich nicht hin. Wir parkten also notgedrungen falsch (deutsch: verboten, italienisch: lasciare).

    Hotel sauber, im TV drei deutsche Sender, keine Minibar. Bad alles da.

    Der Spaziergang über den CORSO UMBERTO I, dauerte länger als gedacht, da die liebste Aller Ehefrauen alle 76 Schmuckgeschäfte des Corsos eigenäugig begutachten wollte. Gut nur, dass wir vorher an der PORTA MESSINA, der geschäftigsten Kreuzung Taorminas, im TROCADERO Abendessen hatten. Wir begegneten 3 Hochzeitspaaren auf dem Corso. Auf dem Rückweg riss es die liebste aller Ehefrauen in die Kirche Sta. Catarina. Sie zündete eine Kerze an. Das geht heute so, dass man in den Schlitz „Offerta“ eine Münze wirft, woraufhin eine der elektrischen Kerzen blinkt, damit man erkennt, welches die seine ist, bevor sie anbleibt – wie lange, weiß keiner, höchstwahrscheinlich ist ein Sensor eingearbeitet, der genau mitteilt, wann man die Kirche verlässt. Kurz nach der Münzvernichtung geschah Wunderbares: Als wir uns der momentanen Stimmung hingaben, begann ein Pianist zu spielen. Es mag etwas von Schubert gewesen sein. Mag es an uns, dem ausgezeichneten Pianisten, an der Madonna, an der Stimmung des Tages oder an allem gelegen haben: Es war so schön, dass einem hätten die Tränen kommen können (oder sind?).

    Im Palmenhof unseres Hotels noch einen Drink (ehrlich: zwei!).

    Taormina

    Taormina, Blick aus Hotelfenster

    Blick aufs Meer, genauer aus großer Höhe auf zwei Küsten mit nächtlich frappierender Beleuchtung: Die Küste Richtung Messina und gegenüber die Küste des Festlandes Kalabriens! Dann mal das TV-Gerät an. Es konnte besser nicht sein, versehentlich RAI UNO eingeschaltet und Verdi´s RIGOLETTO erhalten. Live-Übertragung aus Mantua, mit Placido Domingo als Rigoletto (Domingo, früher Tenor, heute Bariton) Leider nur den ersten Akt. Später ZDF eingeschaltet, da lief es zeitversetzt wieder, mit dem Hinweis, dass es zeitversetzt live sei und der zweite Teil morgen kommt, 23:50.

    Schöner Abschluss eines schönen Tages Nummer 10.

    11. Tag: TAORMINA, Sonntag, 05.09.10

    Zu früh für die Urlaubsbusse, die ab 10:00 beim Griechischen Theater eintreffen, waren wir ihnen zuvor gekommen. Ein deutliches Eintrittsgeld spricht aber auch für die fiskalische Unterhaltung dieses Ortes. Stufe für Stufe und Schritt für Schritt genossen wir die verschiedensten Panoramen. Im Hintergrund unweigerlich der unvergleichliche Ätna, der immer, auch heute (und morgen) eine wolkige Leuchtspur in die Höhe entlässt, am Tage als leichte bräunliche Zuglinie, an anderer Stelle, dem zweiten Austrittsloch, als Dampfwolke, die kaum, ob der Höhe, von anderen Wolken unterscheidbar scheint. Doch wenn es ansonsten keine Wolken gibt und dort ist eine, ist sie garantiert von diesem Riesen, der den ganzen Horizont einnimmt.

    Taormina

    Taormina, Amphitheater

    Nach langem Genuss kam der Entschluss: Mit Taxi zu S. Madonna di Rocca zu fahren (eine Anhöhe über Taormina), mit Blick auf die Stadt und das Theater weit unten.

    Taormina

    Blick von San Rocca auf Amphitheater

    Ist man schon soweit, muss man unbedingt weiter nach Castelmola, (die nächste Anhöhe mit Blick auf  die beiden darunter!).

    Unser Taxifahrer war lieb. Und gewinnsüchtig. Er setzte uns bei der Rückfahrt am Excelsior ab, weit weg vom Ausgangspunkt, weil er da einen Kunden hatte, so dass wir noch einmal den Corso Umberto durchlaufen mussten. An der Porta Messina nahmen wir einen Imbiss, um dann im Hotel ein bisschen unter Palmen zu genießen.

    Während der Siesta: Aus dem Fenster Richtung Norden erblickte ich nicht nur die beiden Ufer (Siziliens und Kalabriens) sondern auch ein unter dem am Hang liegenden Hotel befindliches Fußballfeld, über das die Funivia, der Aufzug, bzw. die Seilbahn von Mazzaro nach Taormina hochkommt. Hier wird professionell Fußball gespielt! Italienisch, lautstark.

    Als wir  um 17:30 das bestellte Foto und die Sonnenbrille für die liebste aller Ehefrauen abholen wollten, war der Laden geschlossen (Öffnungszeiten 09:00-20:00).

    Nun, die Inhaberin ist wohl mal für große Tiger oder Liebhaberin eines Quickies. Nach einer halben Stunde im Café gegenüber, mit absolut unerwartetem Publikum und seltsamen Leuten auf der Gasse (Via Theatro Greco), verließ uns die Lust am Warten. Soll die Verkäuferin doch machen, was sie will. Das tat sie auch, wie sie uns am nächsten Tage erzählte.

    Wir gingen kurzentschlossen zu Nino auf die Terrasse. Er soll gute Scaloppine haben. Hatte er. Den Rest des Abends: Teils unter Palmen im Giardino des Hotels, teils auf dem Zimmer mit Rigoletto. Bei Rai Uno nicht gefunden, dafür später im ZDF. Alles bestens, bis 01:05 ein heftiger Schlag an unsere Tür geschah, Rigoletto ausgemacht; 01:15 wäre eh zuende gewesen.

    Diese Banausen. Die hellhörigen Wände.

    Gut, dafür noch ein bisschen Küstenlichter von Sizilien links und Küstenlichter von Kalabrien rechts zur Zigarette und Aqua minerale.

    12. Tag: Montag 06.09. Taormina Hotel „La Pensiona Svizzera“

    Früh auf und –stück. Noch einmal (gerne) Eintritt für das Griechische Theater, weil so schön!

    Wir saßen (wie immer schon) auf der obersten Reihe im Schatten und überblickten und genossen still alles.

    Punkt zehn Uhr kamen die Touristenbusse mit Führern, die jeder eine andere Nummer in die Luft hielten, zum Glück etwas zeitversetzt, so dass nicht alle gleichzeitig quatschten (Ende der Stille).

    Die ersten hatten das Plätzchen im Schatten, die anderen mussten (trotz Zeitversetzung) Plätze in der Sonne einnehmen. Ein Fotograf nahm schnell die letzten Stühle von den Vorstellungen der Abende zuvor von der Bühne, da sie ihm genau im Visier zum Ätna standen, ästhetisch –auch von uns aus- korrekt.

    Die ältere Dame in rosa Kleid und weißem Hut, die wir am Eingang überholt hatten, lehnte sich an die Bühne und blickte auf den entfernten Ätna. Jungfrauengleich schlang sie die Beine umeinander und schien sehr verzückt. Vielleicht war sie auch schon einmal dort und erinnerte sich . . .

    Wir gingen noch einmal zum Sitz der liebsten aller Ehefrauen, auf dem man halb liegend auf der Mauer, an den Handlauf vor dem Abgrund gelehnt, den grandiosen Blick auf die Stadt und den Ätna genießen kann, verweilten, nachdem wir die grässliche Wasserflasche entfernt hatten, die einer der Besucher missachtend auf der Brüstung stehen gelassen hatte und deren Anblick die Ästhetik seit unserer Ankunft irritiert hatte.

    Nachdem sich das Theater gefüllt hatte, wie es sich die alten Griechen sicher gewünscht hätten (sie hatten ja keine Touristikbusse mit Leuten, die sich aufführten), wurde es uns ohne Aufführung langweilig und wir kämpften uns durch die aufstrebenden Massen nach unten. Es war elf Uhr und wir dankbar, dass wir gehen durften.

    Jetzt Frustkauf? Nein, Freudenkauf. Wir waren entkommen und nun begann bei uns die gewonnene Freiheit, ihren Tribut zu fordern: Erst die Sonnenbrille von gestern und das Foto vom Ätna mit dem Excelsior Palace, darf es vielleicht noch ein Hemd sein? Darauf Verschnaufpause vor der Kirche S. Catarina, in der gestern für die liebste aller Ehefrauen Piano gespielt wurde, heute war jemand anders dran. Davon später.

    Siesta im Hotel. Sonja aus Reutlingen gefragt, ja, mit dem Bus alle halbe Stunde für €1 runter nach Letojanni, dort kann man am Gestade spazieren gehen.

    Jetzt der Abend:

    Bus für €1 verpasst, weil eine Email nicht rauswollte (weil Outlook sich aufgehängt hatte).

    Taxi nach Letojanni. €15.

    Letojanni

    Bucht von Letojanni

    Dort gab es jedenfalls eine lange Strandpromenade im Schatten zum Spazierengehen. Etwas Laufen, ohne hoch und runter, einfach nur geradeaus und zurück mit Unterbrechungen. Die erste war ein Café wie für Einheimische. Eis, Cremeschnitte, Bier. €7, überreizt. Bisschen gehen, bis an die Stelle, wo die Promenade aufhörte und ein Fischer sein Boot mit Hilfe anderer einrichtete, Fischernetz der eine, der andere schaufelte den Steinstrand weg, der dritte war wohl nur für die Konversation da. Ein vierter und fünfter riefen von hinten den dreien zu, was sie zu tun hätten, eingespielte Vorbereitungen zum Fischfang eben.

    Der Strand war teilweise noch von einigen Badenden besucht, die nach der Stunde, die wir dort verbrachten, einhellig das Gefilde verließen, wie auf ein Geheiß: jetzt gibt es Futter.

    Es war punkt 18:00.

    Ehrlich gesagt, war uns auch nach Futter.

    Ein Kioskbetreiber verkaufte sich uns als Taxifahrer und nahm sogar den gleichen Tarif wie seine hauptamtlichen Kollegen. Hinauf! Er wunderte sich sehr, wie jemand schon vor 30 Jahren hier gewesen sein will, da er diese Zahl in seinem Alter nicht wiederfindet.

    An alter Stelle genachtmahlt (Trocadero). Ausführlich, Pasta, Vino, Birra, Grappa, Caffé latte.

    Dann wollte die liebste aller Ehefrauen sich endlich einmal ins Nachtleben von Taormina stürzen. Leider war ich auch gut drauf, weshalb ich sie auf dem Weg ins Nachtleben auf eine Gemme aufmerksam machte, die mir gefiel. Jetzt war das Tor zur Hölle geöffnet. Dies wurde angeschaut, das begutachtet, jenes erwägt, und dann doch das andere in den Fokus genommen. Schließlich war es ein Ring, der –zugegebenermaßen- toll ist.

    Mehr sage ich nicht.

    Jetzt, zum Beruhigen noch ein wenig den Corso entlang, an der Piazza del Duomo erklang ergreifende Musik, erst Mandolina italiana, dann Piano internationale, ach wie schön in der Sommernacht – noch einen Drink? Naturalmente. Bedienung und Aufmachung der Drinks war viersternig, die Preise siebensternig. Aber dafür hatte man das Gefühl, einmal am gehobenen Nightlife Taorminas teilgehabt zu haben.

    Von warmer Nacht vollgesogen ins Hotel.

    Was über das Hotel im Führer stand:

    Das charmante, kleine Hotel ist seit 1925 im Familienbesitz und besticht durch seine Lage an der Via Pirandello, einer der schönsten Aussichtsstraßen von Taormina. Ins Zentrum, zur Seilbahn und zum Griechischen Theater kann man zu Fuß gehen. In den von Palmen beschatteten Garten gelangt man durch ein schmiedeeisernes Tor. Das Frühstücksbuffet wird im Garten oder im Aussichtspavillion serviert.

    Die Wahrheit über das Hotel:

    Die Beschreibung stimmt perfekt. Angenehmes, sauberes Hotel, leider keine Minibar, eine Dame der Rezeption sowie der Inhaber sprechen Deutsch. Ebenfalls Sonja, die im Frühstücksraum tätig ist. TV mit drei deutschen Sendern (ZDF, 3Sat, VOX).

    Bier: Heineken, €3,00. Parkgebühr €12,00/Tag.

    NACHTEIL: Wir wurden im 4. Obergeschoss untergebracht, ohne Aufzug und ohne jemanden, der den einen schweren Koffer hoch tragen konnte. Das sollte man Leuten über 60 Jahren nicht antun!

    13. Tag: Taormina – Catania – Berlin, Dienstag, 07.09.2010

    Heute fliegen wir heim – eigentlich auch eine schöne Vorstellung. Über das Kofferpacken ist es müßig, Gedanken auszutauschen. Ein sonniger Morgen versuchte uns über die Heimreise hinwegzutäuschen, doch im tiefsten Innern, wie eine Glaubensgewissheit herrscht das Wissen vom Abschied einer Reise. Sonja bedachte uns wohl beim Frühstück, man erinnert sich, die Dame aus Reutlingen, die unten in Giardini Naxos mit italienischem Mann und Sohn lebt. Sie will unbedingt mal nach Berlin.

    Kurzes Gespräch mit ihr über die italienische Fahrweise aller Verkehrsteilnehmer: Dem auslandsungeübten Deutschen erscheint die italienisch Fahrweise wie ein einziges Chaos. Das ist es auch, aber ein ungemein geordnetes: Wer aus einer untergeordneten Straße in eine übergeordnete fährt, weiß das, fährt aber trotzdem hinein, besonders wenn er vor dem anderen ist, der natürlichermaßen das Nachsehen hat, es aber hinnimmt, denn er hat Adrenalin, Schweiß und Hupe gespart, da er eh nichts ändern kann. Der deutsche Übergeordnete hätte gehupt, Adrenalin verprasst, Zornesschweiß vergossen und sich sofort – und später seine Frau geärgert.

    Wir hatten Stunden an einer der unübersichtlichsten Kreuzungen der Welt verbracht, wo fünf Straßen zusammenkamen, am steilen Berg, die übliche italienische Mischung aus Motorrollern (auch Damen über siebzig – ohne Helm), PKW´s allen Alters, den witzigen Dreiradlieferwagen und aufgeblasenen Touristenbussen sowie öffentlichem Busverkehr. Erfreuliches Chaos, vor allen Dingen, wenn Einheimische die Mitte der Kreuzung nutzten, um einzukaufen, oder ihre Verwandten auszuladen. Polizia stand daneben, aber die kennt ja den Zustand – und die Leute. Ein Chaos folgte aufs andere, gehupt wurde selten, meistens von Touristenbussen, doch die Betroffenen scherten sich den Deibel, sondern hielten als Zugabe noch ein Schwätzchen, wenn es sein musste, auch noch mit der Polizia. Grundsatz: Erlaubt ist, was machbar ist, keiner will einen Unfall, weil der sehr komplizierte Folgen hat, aber jeder will auch vorteilhaft fahren. Die italienische Mentalität sorgt für die notwendige Gelassenheit, die deutsche hätte da ihre Schwierigkeiten, da bei uns das angeborene Rechthaben Gaspedale, Adrenalin und Hupen befördert.

    Unzählbare haben uns während der Reise rein rechtlich die Vorfahrt genommen, haben uns ausgebremst und in vermeintliche Weißglut gebracht. Man nimmt das hier mediterran hin und freut sich, zurück in Deutschland dann mal so richtig auf die Hupe gehen zu können.

    Man könnte schon was von den Italienern lernen. Aber muss man das?

    Um den Tunneln zu entgehen, fuhren wir über Giardini Naxos auf die Autobahn.

    Im Golf von Taormina sahen wir einen weißen (Pseudo-)Segler mit 4 Segeln vor Anker. Welcher Segler hat vor Anker liegend alle Segel geheisst? Die zögen ihm den Anker aus dem Grund. Es waren auch nur Fake-Segel, also optische, zu keinerlei Sinn, außer im Hafen zu protzen.

    50 km gut ausgebauter Autobahn bis Catania. Bald wären wir da.  „Bald“ ist ein Wort, das man sich auf den sizilianischen Autobahnen angewöhnt. Denn ganz, ganz selten steht einmal ein Schild mit der Kilometerangabe zu weiteren Orten als der nächsten Ausfahrt und dann kann es passieren, dass genau das Schild mit der Angabe über den gesuchten Ort überwuchert ist von den schnell wachsenden Pflanzen des Mittelstreifens. Übrigens sind die Zahlen so klein, dass man sie beim raschen Vorbeifahren eh nicht erkennt.

    Oh Germania, was hast du doch für eine tolle (Autobahn-)Organisation!

    Na ja, und dahin soll es jetzt ja gehen.

    Autobahn bis fast an den Flughafen. Jetzt galt es zunächst unseren Hermes, den lieblichen Punto abzugeben. Ich erinnerte mich so etwa an die Stelle, wo wir ihn abholten, 3 Minuten zu Fuß zum Flughafen. Abgabe problemlos. Dann auf zum Flieger, der uns Heim bringen sollte: Allerdings erst in 2½ Stunden. Warten ist eines der häufigsten Ereignisse im Leben: An Ampeln, Bahnübergängen, auf den Bus, das bestellte Essen, die liebste Ehefrau der Welt, den Ober, den Arzt, das Aufhören von Schmerzen, auf Beförderung und Begnadigung. Leben ist Warten. Als ich die Überlegungen beendet hatte, mussten wir durch die Sperre, unser Flug ging bald. Irgendetwas piepste beim Durchgang durch das elektronische Tor immer wieder. Ich wurde abgeführt. Ein Schuh piepste nicht, dafür der andere. Jetzt musste ich beide ausziehen, sie wurden gescannt. NIX. Dafür durfte die liebste aller Ehefrauen unser beider Sammelsurien aus den Körbchen sowie das Handgepäck organisieren. Schweißgebadet suchten wir das Weite, besser das Gate des Abfluges. Da saßen sie schon alle, die nach Berlin wollten. Ich hoffte vergebens, einen deutschen, vielleicht sogar berlinerischen Laut zu hören. Ganz Sizilien reiste nach Berlin!

    Start über das Meer, eine große Schleife, und was soll ich sagen, doch wirklich über die Bucht mit dem Pseudosegler und hinweg über Taormina, das ich alleine schon an dem Fußballplatz wieder erkannte, der unter unserem Hotel lag.

    Air Berlin bietet Berliner Currywurst an (€ 6,50) die musste ich einfach probieren. Sie war ausgezeichnet! So hat man sich wieder auf die Heimatstadt eingepegelt.

    Jetzt freu ich mich auf ein Bier in Vogt’s Bierexpress auf dem Mehringdamm.

    – ENDE –
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