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  • egot24 15:35 am 10. December 2010 Permalink | Antworten
    Tags: , Kommissar, , Zehlendorf, Zehlendorfer Witwen   

    Zehlendorfer Witwen 

    Kriminalroman (C) Toge Schenck

    Kurzversion:
    Ein Detektivroman im Berlin der heutigen Zeit.
    In Zehlendorf gibt es ein Haus, in dem sich regelmäßig Frauen unterschiedlichen Alters und verschiedenster Herkunft treffen. Sie alle sind Witwen. Manchmal nehmen an den Treffen Frauen teil, die noch nicht Witwen sind, aber bald auch diesem Club angehören. Ellen ist eine solche Frau, die von ihrer verwitweten Nachbarin Erika dazu ermuntert wird, ihre Probleme dem Club zu offenbaren.

    Acht Witwen und eine Neue im Club, ihr Mann Harry wird zum Tode verurteilt. Bevor die Witwen seiner habhaft werden können, ist Harry verschwunden.

    Die Polizei findet Harry tödlich verletzt in einem Kellerraum eines stillgelegten Werkes, von einer Handgranate zerfetzt. War das die Tat der Witwen?

    Anfang

    ZEHLENDORFER WITWEN

    PROLOG

    Kidane Kiptou war schon zehn Jahre alt. Er war klug, klüger als seine Mitschüler und er wusste, er konnte es mit den Zwölfjährigen in seiner Klasse aufnehmen. Sie hatten heute, am Mittwoch, nur zwei Stunden Unterricht gehabt, Landeskunde und Rechnen. In beiden Fächern war er unschlagbar und wusste jede Antwort. Seine Lehrerin nahm ihn schon gar nicht mehr dran, weil sie wusste, dass er das Ergebnis schon bereit hatte. Es war wieder sehr heiß gewesen im Klassenraum. In diesem Raum trafen sich jeden Morgen zwanzig Kinder. Der Raum hatte nur eine Türe und auf der anderen Seite ein Fenster. Die Kinder saßen auf dem Boden. An den Wänden wucherten die Schweißflecken vom Anlehnen der kleinen Körper wie Wolkengebilde und bildeten eine Schutzschicht, auch wenn sie die gelbe Farbe verdunkelten. Weiter oben an den Wänden war die Farbe teilweise abgefallen, ausgekratzt und abgeschabt von Reißzwecken und Nägeln, die einmal Bilder oder Zettel gehalten hatten. Die Schule, genauer gesagt, der eine Schulraum war weit und breit das einzige, aus Stein gebaute Haus in der näheren Umgebung und alle waren stolz auf ihre Schule. Die Wände waren einmal ordentlich verputzt gewesen, am Anfang, doch das hatte Kidane nicht gefallen. So sauber und glatt, wiesen sie die Augen ab. Zerkratzt und verschmutzt, wie sie jetzt waren, boten sie seiner Fantasie eine riesige Spielfläche und er entdeckte jeden Tag neue Formen, sah Tiere im Kampf miteinander, Gebirge und Wälder und seltsame Gestalten. Er hatte sich seinen Platz erobert, hinten, in der Ecke, wo man sich gut anlehnen konnte, wenn es lang wurde oder er einmal müde war. Kidane war stolz, Afrikaner zu sein. Zuerst hatten sie ihn gehänselt, weil er keinen Vater hatte, doch als zunehmend mehr Schüler kamen, deren Väter auch im Krieg gefallen waren, war er einer unter vielen ohne Vater. Seine Familie brauchte auch keinen Vater. Kidane ersetzte ihn. Seine Mutter war stolz auf ihn, weil er so viel wusste und sich für die Familie einsetzte. Er hatte einmal ein Gedicht gehört von einem Afrikaner, welches von Wolken erzählte, die wie Antilopen den Himmel bevölkern, von der ewigen Wanderschaft von Wasserstelle zu Wasserstelle, vom Blitz, der wie ein Speer in die Wolken zuckt und eine der Antilopen erlegt, ihr Blut dann als Regen zur Erde tropft und die Menschen und Tiere erfrischt und ihnen Leben einhaucht. Er wollte Dichter werden und solche Verse verfassen über Afrika. In diesem Gedicht war auch von einem Vogel die Rede, der Botschaften zwischen Himmel und Erde austauschte, dessen Gefieder in unglaublichen Farben schillern konnte, aber eigentlich schwarz erschien. Die Farben konnten nur von besonderen, auserwählten Menschen gesehen werden. Zu diesen sprach der Vogel von der Weisheit des Gottes, der die Welt gemalt hatte.

    Die Schule war für heute zu Ende und Kidane hielt sich bei einer Gruppe seiner Mitschüler auf. Eigentlich hätten sie eine Stunde länger Unterricht haben sollen, doch die Lehrerin musste zu einem wichtigen Termin und so standen sie vor der Schule und wussten nicht recht, was zu tun.

    Als sich herausstellte, dass ein Mitschüler einen aus Lumpen gebundenen Ball mit sich führte, war bald klar, was mit der fehlenden Stunde zu geschehen hätte. Kidane stand der Sinn nicht nach Fußball. Er hatte in letzter Zeit an einem Baume einen Vogel entdeckt. Er war zwar nicht schwarz, sondern tiefbraun und trieb an dem Baume seltsame Verrenkungen als ob er Tänze einstudierte, dabei flötete er in äußerst melodischer Art. Als Kidane seiner das erste Mal ansichtig wurde, blieb er stehen und der Vogel beäugte ihn abwechselnd mit seinen beiden schwarzen Knopfaugen, hielt kurz inne, fuhr aber dann fort, seine Tänze aufzuführen. Kidane hatte sich auf den Boden auf sein Bücherbündel gesetzt und ihm gebannt zugesehen, wie er von Ast zu Ast, an dem Stamm entlang, sich überschlagend hin und her hüpfte, ab und an einen Blick zu Kidane werfend, als ob er ihn fragen wollte, ob ihm dieser Tanz gefiele.

    Fast jeden Tag hatte Kidane den Baum besucht, manchmal vergeblich, immer erfreut, wenn er seinen kleinen Tänzer und Sänger wieder entdeckte.

    Seine Mutter erwartete ihn erst später und so verabschiedete er sich von den Mitschülern und ging seines Weges.

    Es gab zwei Möglichkeiten, zu seinem Haus zu gelangen. Die eine führte die Straße entlang nach Osten, durch eine hässliche Gegend, wo die Händler Unrat und Abfälle am Straßenrand häuften, wo Tausende Fliegen ihre Nistplätze inmitten der Hitze und dem Gestank im Müll der Straße hatten, wo die Baracken mit den Kneipen standen und sich die Betrunkenen schlugen; oder den weiteren Weg nach Westen, einen unbefestigten Pfad, der durch Gestrüpp und steiniges Gebiet quer durch den Busch führte und nicht verlassen werden durfte, wollte man nicht in vermintes Gebiet gelangen. Manches Mal in der Nacht waren sie in ihrer Siedlung von Explosionen hochgeschreckt und sie wussten, wieder war eine entwichene Ziege oder ein Schakal auf eine Landmine gestoßen. Manchmal hörte man die verletzte Ziege stundenlang schreien, bis sie verendete. Der gefährliche Weg führte um eine Anhöhe und ein flaches Buschland herum zur Siedlung, wo Kidane mit seiner Mutter und seinen drei kleinen Geschwistern lebte. Der Weg war alle fünfzig Meter mit weiß angemalten Steinen markiert, wohinter die nicht von Minen geräumte Zone begann. Kidane kannte jeden einzelnen Stein, denn das hier war sein Revier, sein Lieblingsweg. Und an einer Biegung stand auch der Baum, wo er seinen Freund, den Vogel erwartete. Er setzte sich auf sein mit Bindfaden zusammengehaltenes Bündel aus Heften und Büchern. In den letzten Wochen hatte er immer mal eine kleine Zeit abgezweigt und saß hier und auch wenn der Vogel nicht da war, lauschte er in die Natur, versuchte ihr Raunen zu verstehen. Dabei hatte er eine scheckige Ziege beobachtet, die jenseits der Minenzone unberührt der Gefahr ihrer Futtersuche nachging. Jeden Tag sah er sie an einem anderen Fleck, bis sie hinten, an den Sträuchern wieder auf den begehbaren Weg kam.

    Einen kurzen Moment spielte er mit dem Gedanken, diese für ihn von der scheckigen Ziege gefundene Abkürzung durch das verbotene Gebiet zu nutzen. Doch gleich verwarf er diese Idee, als ihm das Versprechen in den Sinn kam, das er hatte seiner Mutter geben müssen, nie, niemals, unter keinen Umständen diese Todeszone zu betreten. Er hatte dieses heilige Versprechen wiederholen müssen, als ihn seine Mutter zum männlichen Vorstand der Familie ernannt hatte. Er hatte einen Schwur geleistet, einen männlichen Eid. Und ein Mann brach seinen Eid nicht.

    Das plötzliche Zwitschern riss ihn aus seinen Gedanken. Der Vogel war da. Und mehr als das, er setzte sich kaum einen halben Meter vor Kidanes Füßen hin, als ob er ihn begrüßen wollte und ihm mitteilen, die große Scheu vor Menschen überwunden zu haben. Kidane schien es, als ob der Vogel lächelte. Kidane taufte ihn auf den Namen: Der Vogel, der lächelt. Dieser wetzte seinen Schnabel auf einem Stein, als wolle er zeigen, wie wohl er sich fühlte, wie freudig er war, seinen menschlichen Freund hier anzutreffen. Frech blitzten seine schwarzen Äuglein und im Nu war er auf einen Ast gehüpft und hatte mit seinen Kapriolen begonnen, war er sich doch seines Publikums sicher. Heute schien der kleine Vogel besonders schön zu tanzen, besonders melodiös zu singen. Sein Tanz ging heute auch über eine größere Höhe in den Baum hinauf, Äste überspringend, im Wipfel jubilierend, führte der kleine Vogel den Tanz seines Lebens auf. Dann ließ er sich wie tot vom Wipfel fallen, dass Kidane schon das Herz stockte, doch fing er sich in letzter Sekunde mit keckem Pfiff wieder auf, erhob sich auf einen Ast, blickte zu seinem einzigen Beschauer hinunter und tirilierte, was das Zeug hielt. Dies ging so einige Zeit. Dann plötzlich, sah Kidane den Grund, weshalb der kleine Vogel heute derart feierte. Ein zweiter Vogel, dem kleinen Vogel sehr ähnlich, hatte sich unweit auf einem Strauch niedergelassen und tschilpte eintönig zu Kidanes Tänzer hin. Der kleine Vogel hatte sich eine Braut ersungen und ertanzt. Bald führten beide einen virtuosen Tanz auf, verfolgten einander und überboten sich in Kapriolen. Kidane wusste, was das zu bedeuten hatte. Bald würde neues Leben entstehen. Die Vögel würden Kinder bekommen. Da fiel es Kidane siedend heiß ein. Er hatte seiner Mutter versprochen, heute schnell von der Schule nach Hause zu kommen, da sie zum Arzt musste, der nur einmal die Woche seine Sprechstunde in der Siedlung abhielt und Kidane sich um seine kleineren Geschwister kümmern sollte. Kidane hatte noch nie einen Termin vergessen und wusste nicht, wie lange er schon versunken dem Treiben der Vögel zugeschaut hatte. Er sprang auf, die beiden Vögel retteten sich auf einen Ast und unterbrachen ihren Hochzeitstanz und schauten verängstigt herunter. Sie blickten auf den kleinen Menschen herab und sahen zu, wie er sich sein Bündel schnappte, ein paar Schritte dem Wege folgte, dann plötzlich umkehrte und zurück kam und an einer bestimmten Stelle über weiß angestrichene Steine stieg um dann schnell, einen Fuß vor den andern zielend, fortlief. Sie schauten kurz dem enteilenden Jungen hinterher und noch bevor sie ihren Tanz fortsetzen konnten, zerriss eine Explosion die Stille.

    „Und an diesem Mittwoch wird es still sein im Kreise, wenn man fragt, wer wohl sterben muss. Und dann werden Sie mich sagen hören: Alle! Und wenn dann der Kopf fällt, sag ich: Hoppla!“

    Nach Bert Brechts „Seeräuber-Jenny“

    01 – Der Weg

    Sie waren bereits alle versammelt, als Ellen kam. Der Kaffee dampfte, der Kuchen stand bereit und der Wodka. Seitdem Olanka der Gruppe beigetreten war, stand Wodka mit auf der Tagesordnung. Ellen wollte eigentlich zusammen mit ihrer Nachbarin Erika zu diesem für sie ersten Treffen kommen, aber Erika hatte ihr klarzumachen versucht, dass es nicht um einen netten Plausch unter älteren Damen ginge, zu dem man  einfach mal seine Freundin mitbrächte wie zu einer Häkelstunde, sondern es handele sich um eine seriöse Tagung einer ernst zu nehmenden Beratungsrunde. Jeder, der ein Anliegen hätte, müsse es freiwillig und selbstverantwortlich vortragen wie vor einem Amt, vor einem Richter und dazu gehöre es nicht, Hand in Hand mit einer Freundin anzutanzen, hinter der man sich verstecken könne, wenn es unangenehm werden sollte. Und es könnte durchaus unangenehm werden. Erika hatte sie gebeten, ja aufgefordert, sich bewusst alleine auf den Weg zu machen und somit gleich allen Damen des Rates zu verdeutlichen, dass es ihr ernst sei mit ihrem Vorhaben.

    Ellen hatte die ganze Nacht kein Auge zugemacht und sich immer und immer wieder gefragt, ob es richtig sei, was sie vorhatte, sie hatte sich wieder und wieder die Karten gelegt ob es nicht vorschnell wäre, sich der Runde zu stellen, ihr Geheimnis öffentlich zu machen. Bisher wusste nur Erika davon und auch nur, weil Erika eine Szene miterlebt hatte, für die Ellen sich heute noch schämte und die sie ihr damals irgendwie erklären musste. Sie hatte lange gedruckst und Ausreden überlegt, die ihr alle hanebüchen vorgekommen waren, bis Erika sie in einer guten Minute erwischte, sie beiseite nahm, umarmte und in ihr plötzlich etwas zum Schwingen brachte, was sie bis dahin völlig vergessen hatte. Sie sah in Erika ihre alte Schulfreundin Marianne wieder und ein warmes Band wuchs wie aus dem Nichts zum Du gegenüber, in dem sie sich spiegeln durfte. Sie hatte ihr alles, aber auch restlos alles erzählt, dreiundzwanzig Jahre Ehe in ein wüstes Knäuel gepackt, junge Tränen mit alten gemischt, Erinnerungen gestrafft, Vergessenes und Verstaubtes ans Licht gewischt, kurz, die Nachbarin zur neuen Freundin gemacht. Sie war selbst erstaunt gewesen über ihre plötzliche Offenheit und über das Verständnis, das auf sie kam vom neuen Du gegenüber.

    Erika hatte sie von da an fast jeden Tag besucht. Anfangs hatte Ellen ein schlechtes Gewissen gehabt, jemandem Fremdem, einer Nachbarin, derart intime Dinge gesagt zu haben, doch Erika hatte ihr dank ihrer Aufgeschlossenheit und Lebensbejahung jede Scham genommen und von Tag zu Tag fühlte sich Ellen freier. Dann gab es wieder Tage, an denen sie Erika anrief und sie bat, doch heute und morgen nicht zu kommen. Erika hatte diese Bitten beachtet. Und Ellen wiederum achtete seitdem den Rat der Freundin, keinen Alkohol mehr tagsüber zu trinken und sich auch ansonsten lässlicher Medikamente zu enthalten.

    Erika war vor einiger Zeit Witwe geworden, ihr Mann war im Sommer bei einer Bergwanderung abgestürzt. Trotzdem hatte sie die Kraft, sich Ellens Schicksal anzuhören und ihr mit hingebungsvollem Rat zur Seite zu stehen. Ellen fragte sich, woher ihre neue Freundin so viel Kraft schöpfte. Dieses Rätsel, sowie eine Reihe neuer Erkenntnisse sollten sich Ellen in der nächsten Zeit eröffnen. Denn Erika hatte ihr angeraten, sich einer Runde erfahrener Damen anzuschließen, die vielerlei menschliche Probleme kannten und immer einen Weg fanden und Rat wussten. Zunächst hatte sich Ellen gesträubt, sah doch ihr Harry es nicht gerne, wenn sie allzu nahen Kontakt mit Fremden, dazu noch obskuren Frauen, pflegte, doch der Hinweis von Erika, man müsse Harry ja nicht alles auf die Nase binden, versöhnte sie und sie freundete sich langsam mit dem Gedanken an.

    Der Bus holperte Richtung Zehlendorf. Noch vor einer Stunde war Ellen unschlüssig gewesen, ob sie der Einladung folgen oder lieber zu Hause bleiben sollte. Erika hatte gemeint, es mache nichts, wenn sie nicht erschiene. Keiner, auch Erika nicht, würden ihr das verübeln. Alles sei schließlich freiwillig. Da wird man fünfzig und schämt sich, für seine eigenen Wünsche, sein eigenes Recht einzutreten. Eigenes Recht? Wie würde Harry darüber denken? Harry, der Mann von Welt, der Global Player, der Herrenmensch – und fast zögerte sie, es vor ihrem eigenen Ich auszusprechen – der Macho.

    Ellen stieg aus dem Bus aus. Zwei Stationen zu früh. Sie wollte ihrem Zögern noch ein wenig Luft lassen, das Hintertürchen, das Fluchttürchen noch eine Zeit lang offen spüren. Sie suchte etwas in ihrer Handtasche, obwohl sie wusste, dass sie eigentlich nichts dabei haben würde. Mothers Little Helper. Wie hatte sie in ihrer Jugend darüber gelacht, als man ihr den Liedtext erklärte, dass die eine oder andere Pille, das eine oder andere Mittelchen den Ehefrauen über den Alltag hinweghülfe. Alltag, was hatte das als Mädchen für sie bedeutet? Sie würde einen Prinzen heiraten, der sie in die Arme schloss und sie in die Wolken der Liebe entführte, die weit über dem siebten Himmel im ewigen Sonntagsgefilde schwebten. Alltag und Pillen, das war etwas für alte, kranke Frauen, verbiesterte Hexen, die nichts vom Leben verstanden und nur ihre kleinen Wehwehchen pflegten.

    Vielleicht wäre auf dem Weg zur Villa Sagitta ja eine Kneipe, in der sie schnell einen Cognac trinken könnte. Ach was, Erika, einer kann nicht schaden! What a drag it is, getting old! Noch kann ich umkehren. Es ist alles freiwillig. Was soll ich erwachsene Frau mich dem eigentlich aussetzen? Es ging jahrelang auch so. Und nun muss ich mich an einem wunderschönen Herbsttag in einen Bus zwängen, ewig durch Berlin zotteln bis weit nach Zehlendorf hinein, zu einem Treffen von ein paar verrückten alten Damen, von denen ich nur eine einzige kenne, und soll denen meine geheimsten Dinge offenbaren? Komm, Ellen, kehre um, drüben ist die Haltestelle. Vielleicht kommt ja auch ein Taxi. Was hat dich denn wieder geritten? Das Menopausenkarussell? Trink lieber einen, damit du klar wirst. Du hast noch nie was zustande gebracht, selbst dein Sohn ist aus der Art geschlagen! Nicht einmal das hast du vermocht! Verkorkst wie du bist, hast du mir meinen Sohn verkorkst! Wer weiß, ob er überhaupt von mir ist, du Hure! Das hättest du nicht sagen sollen, Harry! Ich mag alles sein, was du mir vorwirfst, Harry, aber untreu war ich nie! Nein, das hättest du dir verkneifen sollen, wie du dir hättest vieles verkneifen sollen. Kannst du denn nur in den Dreck ziehen? Kannst du nur erniedrigen? Wie ist das bei deiner Arbeit? Bist du da auch so? Erika hat Recht, ich habe es mir zu lange gefallen lassen. Nein, mein Lieber! Jetzt gehe ich erst recht weiter! Sag mir, warum ich jetzt noch umkehren soll? Gib mir ein gültiges, überzeugendes Argument, dass ich da jetzt nicht hingehen muss! Vielleicht hülfe ja auch nur ein einziges Wort. Sag es, du weißt und kannst doch sonst auch immer alles! Oder fällt dir wieder nur eine deiner beschissenen Bemerkungen oder eines deiner tausend Schimpfworte ein? Ich will deine Demütigungen nicht mehr ertragen! Ach, mach doch was du willst, du altes Scheusal! Danke, Harry, dass du mir Mut machst. Ich kann ihn brauchen!

    Ellen sah sich in einem Schaufenster. Eigentlich keine schlechte Erscheinung, dachte sie, meine vollen Haare können sich sehen lassen, auch wenn dem Blond geringfügig nachgeholfen wurde. In dem langen Kaschmirmantel machst du eine gute Figur, dein Gang, noch federnd. Jedenfalls hast du dich schlank gehalten, ohne Pillen und Diätkuren, war wohl gentechnisch so vorbestimmt. Dennoch, für deine fünfzig nicht schlecht.

    Sie warf den Kopf zurück und nahm wieder den Weg zur Villa Sagitta auf, wo acht Damen auf sie warteten. Ihr Tritt war fester geworden, ihre Schritte schneller und gezielter. Es waren die wenigen südlicheren Tage, die den Herbst in Berlin in manchen Jahren so liebenswert machten. Sie war fest entschlossen, in die Höhle des Löwen zu gehen, koste es, was es wolle, ihre Ehre war schon mit Füßen getreten, mit Worten vernichtet, mit Bemerkungen erwürgt worden. Jahrelang. Eine Frau mit zerschlissener Ehre, mit ausgefranster Würde, besudelt von Missachtung. Ihr Mann hingegen, Harry Kröger, war geachtet, Würdenträger eines afrikanischen Staates und im Big Business tätig. Dort regierte er mit fester Hand. Vielleicht lag es daran, dass er sie zu Hause wie einen Hund trat und schikanierte. Er war es nicht anders gewohnt. Aber nicht einmal ein Hund musste unbedingt getreten werden. Sie fühlte sich besudelt, über Jahre beschmutzt. Es musste einmal ein Ende haben!

    Hast du gehört, Harry? Es muss ein Ende haben!

    02 – Das Erwachen

    Ihm war, als hörte er eine dunkle Glocke läuten. Tief in seinem Kopf. Dumpf und hohl. Ein hallendes Dröhnen. Bouum – Bouum! Dazu kam ein furchtbarer Druck in seinem Bauch. Aufwachen! Sagte ihm sein Hirn  Du musst aufwachen, deine Situation überprüfen! Noch bevor er dem Befehl folgen konnte, explodierte sein Magen und es schoss warm aus seinem Schlund und ergoss sich auf seine Brust wie eine Krake. Die Konvulsionen wiederholten sich, doch ohne den folgenden warmen Fluss, da der Magen jetzt leer war, aber das Würgegefühl ließ nicht nach. Er würgte warme Luft. Er fror. Langsam öffnete er die Augen. Er sah nur milchig-graues Dämmer um sich, ein helles Zentrum schien irgendwo links oben. Bouum-Bouum!

    Scheiße!, dachte er und noch einmal Scheiße! Was ist los mit mir? Warum ist mir kalt und wieso liege ich halb angezogen im Bett? Und warum, zum Teufel, hört die verdammte Glocke nicht auf zu läuten?

    Der zähe, nasse Brei zog langsam in sein Oberhemd ein und kühlte unangenehm schleichend bald seine gesamte Brust. Reste liefen aus der Nase und am Kinn entlang, träge und schmierig. Er spürte, dass etwas mit seiner rechten Hand nicht stimmte. Sie tat weh und lag nach hinten abgespreizt neben ihm. Er nahm die Linke und wischte sich über Nase und Mund und schmierte die Reste ins Bettuch.

    Soll die verflixte Alte doch sehen!

    Aber seine rechte Hand tat scheußlich weh und er versuchte, sie an sich zu ziehen. Er kämpfte gegen einen Muskelkater im Oberarm, zog  den Arm an, doch spürte er einen Widerstand und hörte ein metallisches Geräusch, eine Art Klirren. Er versuchte es noch einmal. Wieder der Widerstand, der seine Hand festhielt und ein Klirren, diesmal lauter und mit einem dunkleren Nachhall. Er bemerkte, dass er kalte Füße hatte, überhaupt, sein ganzer Körper war unterkühlt. Und dann noch die Kotze auf seiner Brust, die da lauwarm auf ihm lag und ihn wie ein toter Affe umklammerte. Er schaute nach rechts zu seiner Hand und erkannte im Halbdunkel nur ein mattes Glänzen an seinem Handgelenk, das schräg über ihm wie angebunden in der Luft hing.

    Hab ich die Uhr nicht ausgezogen? Wieso ist es so dunkel im Zimmer?

    Er führte seine Linke über die Brust hinweg zur rechten Bettkante, wo er die Brille auf seinem Nachttisch vermutete. Dabei presste er den toten Affen noch fester an sich und dieser sog sich schmatzend in seinen linken Ärmel ein. Er tastete und drehte sich nach rechts und erstarrte vor Schmerz in der rechten Schulter. Der Schmerz blitzte den Arm entlang bis in die Fingerspitzen. Er legte eine kleine Pause ein, bevor er weiter seine Brille suchte. Die linke Hand tastete ins Leere. Er drehte sich weiter. Der Schmerz ging gegen unerträglich. Er biss die Zähne zusammen. Das Blut schoss ihm in den Kopf, aber er fühlte keine Brille. Er tastete tiefer und griff auf kalten Beton.

    Harry, bist du schon plemplem? Nimm dich zusammen! Los, Harald, aufwachen!

    Er ließ sich zurücksinken. Der Schmerz ließ langsam nach. Er schloss die Augen, wie um ihnen die Gelegenheit zu geben, im echten Leben wieder aufzuwachen, zog den linken Arm bedächtig zurück, legte ihn neben sich und versuchte, sich zu entspannen. Das alles musste der Ausläufer eines fiesen Traumes sein. Es war bestimmt alles in Ordnung. Er musste dieser Ordnung nur die Chance geben , sich einzustellen. Hatte er gestern etwa getrunken? Er erinnerte sich nicht. Er erinnerte sich überhaupt nicht. Das Gestern schien ein leeres schwarzes Loch zu sein. Für den Schmerz in seinem rechten Arm gab es eine einfache Erklärung. Er hatte wohl zu lange auf dem Arm gelegen, das Kopfkissen war ihm weggerutscht und da war dieser blöde Arm eingeschlafen und tat jetzt weh und ließ sich nicht richtig bewegen. Also frisch auf, den neuen Tag beginnen. Er hatte viel vor. Da sollte doch dieses Gespräch mit dem angolanischen Botschafter sein. Also raus aus dem Bett und ran an den Feind!

    Ich zähle bis drei und DANN WERDE ES LICHT!

    Bei drei zog er die Beine an, holte Schwung und wollte sich mit einem Mal aus seinem Bett hochkatapultieren, wie jeden Morgen. Sein rechter Arm bremste diesen Schwung plötzlich und abrupt und riss seinen Körper nach rechts. Er kippte mit einer halben Drehung von der Matratze und schlug neben ihr auf den Betonboden. Der Fall war nicht sehr hoch, nur fünfzehn Zentimeter, doch der Schwung und das schlagartige Abstoppen des Falles verstärkten den Aufprall. Harry schrie vor Schmerz der fast ausgekugelten Schulter und vom Schock des Aufschlages auf den Betonboden. Er lag auf dem Bauch und der kalte Affe lag unter ihm begraben. Harry spürte, wie aus seiner Nase ein warmes Rinnsal lief. Seine linke Hand brannte vom Aufklatschen auf den harten Boden. Er schrie erneut. Diesmal in wildem Zorn. Die Glocken läuteten Bouum-Bouum! Dazu pochte sein Puls in den Ohren. Sein Atem ging hektisch und langsam versuchte er sich klar zu machen, in welcher Lage er sich befand.

    Plötzlich war er sich sicher: Das war nicht sein Zimmer! Er schmeckte den Staub des Betonbodens und spuckte ihn aus. Seine rechter Arm tat teuflisch weh und stand wie ein Hitlergruß von ihm ab. Er versuchte mit der schmerzenden rechten Hand die direkte Umgebung zu ertasten. Die Finger der rechten Hand waren fast gefühllos, ließen sich aber bewegen. Sie stießen an kaltes Metall. Es fühlte sich an wie – ja wie Handschellen. Er war im Knast! Das musste es sein. In der Ausnüchterungszelle! Aber wieso war er gefesselt? In der Ausnüchterungszelle wird man nicht gefesselt. Hatte er etwa randaliert? Nein, er randalierte nie. War er in eine Schlägerei verwickelt gewesen? Teufel, was war geschehen? Was war gestern? Was ist heute für ein Tag? Freitag? Er hatte keine Idee und vermochte sich immer noch an nichts zu erinnern.

    Erst mal sehen, was um mich herum ist. Dazu musst du dich umdrehen, deine Brille suchen, alter Kämpe!

    Er nannte sich gerne alter Kämpe. Er war ein Kämpfer von Kindesbeinen an, von seinem Vater zu einem harten Mann, einem Macher erzogen und er hatte nie nachgelassen, daran zu arbeiten, hart und unerbittlich zu sein. Entschlossen drehte er seinen Körper nach links, bis er an die Matratze auf dem Boden stieß. Sein rechter Arm spannte an der Fesselung und die Hand schien immer tauber zu werden. Verflucht, er musste doch nur rufen, dann würde schon jemand kommen und ihm sagen, was hier los war!

    „HALLO! HÖRT MICH JEMAND?“

    Der Raum warf den Ruf in kaltem Echo zurück, wie es kleine Räume tun, hart und kurz. Keine Antwort. „HAALLOO!!“ – Nichts.

    Wenn mein Arm nicht so verflucht weh täte! Da muss doch irgend so ein Arschloch zuständig sein! Wo sind wir denn!

    „Hey, ihr Deppen, Hintern hoch, hier will jemand was von euch!“

    Na, die sollen mir mal unterkommen! Denen blase ich einen Marsch, der sich gewaschen hat. Das ist Körperverletzung im Amt, Freiheitsberaubung, Amtsmissbrauch, unterlassene Hilfeleistung, Scheiße, mein Anwalt wird es euch genau sagen, jedem Einzelnen von euch. Alle seid ihr dran. Alle kommt ihr vor den Kadi, ihr Schweinehunde. Lasst einen hier verrecken. Na, euch wird ich was erzählen. Kommt ihr mir nur zu nah! ABER KOMMT ENDLICH! JETZT! ICH ZÄHLE BIS DREI!

    Hihi, vielleicht kann von denen keiner bis drei zählen. DANN ZÄHLE ICH EBEN BIS VIER! Wieviel Uhr haben wir eigentlich? Scheiße tut das weh!

    Harry tastete sich langsam zurück auf die Matratze, wobei sein rechter Arm einmal heiß, einmal kalt anlief und ein Reißen durch sein rechtes Handgelenk ging. Als er sich schließlich rücklings auf der Matratze befand, wollte er mit der Linken ertasten, wie es seiner rechten Hand ginge und ob er dort seine Armbanduhr lösen könnte.

    Sein mit Kotze durchtränkter Ärmel fuhr ihm dabei durch das Gesicht und der Gestank nach Erbrochenem reizte ihn, als müsse er sich jeden Augenblick neu übergeben. Er drehte den Kopf weg, hielt die Luft an und tastete sich an seinem rechten Oberarm zum Gelenk hin. Keine Uhr! Wieviel Zeit mochte er hier schon liegen? Wer hatte ihn hierher gebracht?

    Verdammt, die Uhr haben sie mir abgenommen. Könnte mich damit ja erhängen. Genauso, wie Tausende sich schon an ihren Schnürsenkeln erhängt haben. Und Zehntausende an ihrem aufgerippelten Pullover. Dass ich nicht lache! Ich will jetzt hier raus. ICH WILL JETZT HIER RAUS! MACHT VERDAMMT NOCH MAL DIE TÜR AUF!

    Nur das Echo und das Bouum-Bouum in seinem Kopf antworteten ihm. Ihm war kalt. Er spürte, dass er Socken an den kalten Füßen hatte. Er bewegte die Füße und spürte einen Druck auf der Blase.

    Nein, das nicht auch noch! Jetzt muss ich auch noch pissen. Nein, die Freude biete ich euch nicht, mich hier in Pisse aufgeweicht zu finden. DAS IST NÖTIGUNG! Sei ein Kerl und halte ein. Ist ja wie im somalischen Knast! Na, den Dreckskerlen werde ich es zeigen. Einhalten ist ein Leichtes für einen echten Mann. Man darf nur nicht dran denken. Am besten, ich erzähle mir was. Am besten einen Witz. Am besten, einen, den ich noch nicht kenne. Scheiße! Nein, Pisse!

    Langsam erhöhte sich der Druck auf seine Blase.

    Sing ein Lied! Sing ein Lied lieber Banjo-Boy. Von vorne. Sing ein Lied, sing ein Lied lieber Banjo-Boy, Banjo-Boy, Banjo-Boy –  nein, das hilft auch nicht. Wir zählen Schäfchen. Vielleicht schlafe ich ein und wache in meinem eigenen Bettchen wieder auf.

    Unberührt von diesen Versuchen, erhöhte die Blase den Druck.

    Ja, wir zählen Schäfchen. Opaschaf-eins, Omaschaf-zwei, Vatischaf-drei, Muttischaf-vier, Tochterschaf-fünf, tochterscharf-sex, tochterscharf-sex, oh Gott! Verdammich, es gelingt nicht. Doch, mein Bub, alles gelingt, du musst nur mit der entsprechenden Härte ran. Ja, Vater, Härte ist alles im Leben. Helden sind stark. Frauen sind schwach. Also sind Frauen keine Helden. Ich bin ein Held.

    In diesem Moment war das Hirn der Blase Untertan.

    IHE SCHWEINE! IHR PISSER! IHR ARSCHFICKER!

    Dieser Schrei war über fünfzig Meter im Umkreis des Kellers zu hören, in dem Harry in seinem Saft lag. Der nächste Mensch in seiner Umgebung war ein Briefbote auf dem Fahrrad, einhundert Meter entfernt.

    03 – Die Villa Sagitta

    Hedwig thronte am Kopf des Tisches wie ein Leuchtturm, hoch aufgewachsen, silbergraues, naturgewelltes Haar fiel auf ihre breiten Schultern. Kluge blaue Augen beobachteten über einer enormen Hakennase die Runde. Sie war seit neun Jahren Witwe. Gleich neben ihr saß Josy. Das Auffälligste an ihr waren die karottenroten Haare, als Pagenschnitt getragen. Darunter blitzten lustige, schwarze Stecknadelaugen Ellen entgegen. Auch sie war vor neun Jahren Witwe geworden, auf den Tag genau mit Hedwig. Hedwig und Josy waren beileibe nicht die Ältesten in der Runde, doch hatten sie eine Art Vorsitz als Gründerinnen dieses Vereines.

    Hedwig hatte die Villa Sagitta von Ihrem Mann geerbt, dazu einen gehörigen Packen Aktien und einige Felder und Wälder, denn ihr Mann war Großgrundbesitzer und Jäger gewesen, am Schluss. Vorher saß er in einigen Aufsichtsräten und war ein begehrter Berater in der Wirtschaft. Davor war er der Schulkamerad des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt. Noch früher hatte er Jura und deutsche Geschichte studiert. Seine Titel waren allesamt honoris causa. Man sagte ihm nach, er sei sein Leben lang ein Schlitzohr gewesen, aber das interessierte heute keine Katze mehr. Er war tot und das war gut so. Sein Schulkamerad, der Staatssekretär, übrigens der Ehemann, der gewesene Ehemann von Josy war schließlich auch tot, und auch ihm weinte keiner wirklich nach. Auch er war auch begeisterter Jäger gewesen und Jäger ist ein gefährlicher Beruf, wie jeder weiß, fast so gefährlich wie Soldat im Krieg Mann gegen Mann. Aber wie die beiden wirklich umgekommen waren, erfuhr Ellen erst später.

    Nach dem Tode ihres Mannes hatte Hedwig als erstes diese ekligen Jagdtrophäen aus dem Hause entfernen lassen, die bleichen Stirnplatten mit den vernarbten, daraus erwachsenden Hörnern, den Elchkopf, der sie immer aus seltsam lebendigen Augen angestarrt hatte, als ob er um Rache für seinen frühen Tod flehen wollte. Es gab genug Leute, die sich darum rissen, Köpfe toter Tiere an die Wände zu hängen und so hatte Hedwig noch einen guten Schnitt dabei gemacht. Josy, die eigentlich Josephine hieß, erging es ähnlich.

    Sie hatten den Mittwoch zu ihren Treffen festgelegt, weil der Mittwoch an sich schon eine einschneidende Funktion hatte. Er teilte die Woche in zwei Abschnitte. Wie auch diese Mittwochstreffen tiefe Einschnitte bedeuten konnten und in der näheren und ferneren Vergangenheit bereits bedeutet hatten; nicht in dem Sinne, dass die Entwicklung der Welt einen tiefschürfenden Umbruch, die politische Landschaft eine saftige Revolution, die wirtschaftliche einen furchtbaren Zusammenbruch erfahren hätten, es waren keine tiefgreifenden Wunden im sozialpolitischen Gefüge zu beklagen, es wurden keine Minister und Staatsführer aus ihrem Amte gerissen, obwohl letzteres durchaus im Bereiche des Denkbaren lag. Vielmehr wurde eine natürliche Gesundung herbeigeführt, ein gewichtemäßiger, moralischer Ausgleich zwischen dem, was war und nicht so bleiben konnte, und dem, wie es sein sollte. Die Erwägungen und Entscheidungen der Damen gründeten durchaus auf naturwissenschaftlichen wie philosophischen Überlegungen und Erkenntnissen. Merzte nicht die darwinsche Natur alles Unwerte, Unfähige und Unzeitgemäße wie selbstverständlich aus? Achtete die Evolution nicht selbst darauf, dass Rückschritte geahndet und mit Vernichtung bestraft wurden? Wo waren sie geblieben, die Dinosaurier, die Ichtiosaurier, die abertausend Spezies, die vor dem Erscheinen des homo sapiens ihr Wesen und Unwesen auf der Welt trieben? Auf der Strecke! Was war mit den selbstverherrlichenden Diktaturen geschehen, leider erst, nachdem sie sich zunächst ausgelebt hatten und ihre negative, zerstörerische Kraft voll in Erscheinung getreten war, mit der sie Andersdenkende und überhaupt alles, was sie selbst nicht zu verstehen in der Lage waren, hingerichtet, gemeuchelt hatten? Die evolutionären Kräfte hatten sie zerstört. Leider, im Großen wie im Kleinen, entstanden solche unwerten Systeme wie Unkraut immer wieder einmal. Und es musste Instanzen geben, die sie erkannten, und ihre Übertretungen gegen Sitte, Ethik, Menschenrechte und Moral ahndeten.

    So oder so ähnlich dachten die Damen der Mittwochnachmittage. Und sie nahmen die Ihnen auferlegte Bürde ernst, die Aufgabe, die ihnen zugekommen war; denn wer, wenn nicht sie, schufen einen gerechten Ausgleich zwischen dem Anachronismus des Unwerten und der Utopie der Evolution. Sie sahen sich als der verlängerte Arm Shivas, des Gottes des Werdens und Vergehens, der schöpferischen Kraft in der Natur, die Jurisdiktion und zugleich die Exekutive des lebendigen, immanenten Zeitgeistes.

    Die Sünden, die sie aufspürten und ahndeten, gelangten vor keines der normalen Strafgerichte, weil diese überbordet waren mit gewichtigeren Fällen, mit Fällen, die zur Anzeige gebracht wurden und für die ein öffentliches Interesse bestand, mit Fällen, deren Beweislage offen da lag, die mit Fakten unterfüttert und mit unerschütterlichen Belegen ausgekleidet waren. Was aber mit den Verbrechen, die unter dem Tisch geschahen, außerhalb des Gesichtsfeldes des öffentlichen Interesses, sozusagen einzig unter der Lupe des Individualinteresses, hinter den Gardinen der Wohnzimmer, in der Heimlichkeit von Schlaf- und Kinderzimmern, ohne Öffentlichkeit, ohne konkrete Beweise oder nur mit solchen Beweisen, die aus natürlichen Gründen nach einiger Zeit wieder verschwanden, wie blaue Flecken, oder gar vollkommen unsichtbare Beweise wie tiefe, klaffende Wunden der Seele, deren verschorfte Narben uns aus den tiefen Untergründen der vielen verbogenen, durch Lebensumstände oder die Rücksichtslosigkeit der lieben Mitmenschen geschlagenen Charaktere anstarren?

    04 – Der Gefangene

    Harry hörte sich keuchen. Er wusste nicht, wie lange es her war, seit ihm sich gegen seinen Willen die Blase entleert hatte. Jedenfalls spürte er es nicht mehr warm und nass. Er fühlte mit der freien Linken an der Hose entlang. Fast trocken. Nur unter ihm gärte noch unangenehme Feuchte. Der penetrante Gestank nach getrocknetem Urin stach in der Nase. Zorn brach in ihm auf. Es musste doch langsam mal jemand nach ihm sehen! Es schien etwas heller geworden zu sein, aber er war fast blind ohne seine Brille. Ihm fröstelte und er fühlte sich elend. Noch nie war er in einer solch erbärmlichen Situation gewesen. Sie gehörte einfach nicht in sein Leben. So etwas gehörte zum Leben anderer. Irgendwann musste einer kommen, und dann würde es sich aufklären. Er bäumte sich in einem Wutanfall auf und ließ sich auf die Matratze zurückfallen. Es war ihm egal, ob die Hand wehtat. Vor Schmerz keuchte er wieder. Etwas in ihm sagte, er bräuchte nur etwas Geduld zu haben, dann würde alles sich aufklären. Er hatte nur keine Lust, Geduld zu haben. Er hatte sie weder mit seiner Frau, noch mit Angestellten, noch mit irgend jemand anderem. Er war es gewohnt, dass andere mit ihm Geduld haben mussten. Sie wollten etwas von ihm, dann hatten sie zu warten, bis er sich bequemte oder bereit fand. Bei einigen Lieferanten hatte es sich ausgezahlt, die hielten sein Abwarten für Desinteresse und kamen ihm schon deswegen mit dem Preis entgegen. Wann hatte er schon einmal Geduld haben müssen? Ja, doch, bei den Verhandlungen mit den angolanischen Stammeshäuptlingen, diesen schwarzen Kakerlaken, diesem Ungeziefer. Das örtliche Stammesoberhaupt hatte ihn ausgelacht, als er ihm den Vertrag mit der Regierung zeigte. Der Bimbo hatte gelacht und alle drum herum hatten gelacht. Dann hatten sie ihn gefragt, was dieser Fetzen Papier denn sei. Er hatte ihnen gesagt, es sei die Erlaubnis von ihrem Präsidenten, hier auf ihrem Lande eine kleine Produktion zu errichten. Da hatten sie wieder alle gelacht. Dann war der Häuptling ernst geworden, hatte ihn näher gewinkt und hatte ihn sehr leise gefragt, ob diese Unterschrift von ihm, dem Häuptling sei. Verdattert hatte er gesagt: „Nein, von eurem Präsidenten in der Hauptstadt. Von eurem . . . Oberhäuptling.“

    „Diese Zeichen auf dem Papier sind also nicht von mir“ hatte der Häuptling gesagt „aber du willst auf meinem Land Hütten bauen?“

    „Ja, mit der Erlaubnis von eurem Präsidenten.“

    Darauf hatten alle sich wieder vor Lachen ausgeschüttet.

    „Was hast du ihm bezahlt, dem Präsidenten?“, kam die Frage, als alles wieder ruhig war.

    „Ich habe ihm nichts bezahlt, aber unsere Regierung hat mit ihm einen Vertrag über viel Geld abgeschlossen.“

    „Und was erhalte ich von dem Geld? Hast du darüber auch ein Papier?“

    Da Harry ahnte, dass der Häuptling weder Lesen noch Schreiben konnte, hatte er frech ein beschriebenes Stück Papier hervorgeholt und es ihm vor die Nase gehalten: „Sehr viel bekommst du von deinem Präsidenten, sehr viel.“

    Der Häuptling wurde sehr still und schaute ungläubig auf das Papier. Harry hatte ihn überlistet.

    „Lass mich prüfen, wie viel das ist.“ Er nahm Harry das Papier aus der Hand, hielt es nahe vor seine Augen, als ob er es eingehend studierte, dann zerknüllte er es plötzlich, steckte es in seinen Mund, zerkaute und schluckte es.

    „Das ist nicht viel!“

    Das Lachen schien kein Ende mehr zu nehmen.

    Dann hatte sich der Häuptling wieder zu ihm gewandt und mit großen runden Augen gefragt: „Was gibst du uns, wenn ich dich deine Hütten auf mein Land bauen lasse?“

    Unsicher geworden hatte Harry geantwortet: „Soviel, wie du für erforderlich hältst.“

    „Bis morgen will ich ein gutes Gebot von dir hören und dann erteile ich dir die Lizenz – vielleicht!“

    Lizenz! Was bildeten die sich ein? Er hatte doch die Lizenz einer höheren Stelle. Er brachte ihnen schließlich Arbeit und Geld und Wohlstand hierher in die Wildnis. Eine Fabrikation. Arbeit für alle die schwarzen Nichtstuer, die ihn ausgelacht hatten. Geld, das sie wieder in Alkohol, Cheeseburger und Coca Cola umsetzen konnten. Dass er ihnen Wohlstand brachte, das sahen sie nicht, diese Pygmäen, die nur von heute nach morgen denken konnten. Er wollte ihnen etwas geben, aber sie dachten nur ans Nehmen. Er wusste, er würde zahlen müssen und machte ein Angebot. Man hatte ihm gesagt, am Tage darauf würde er vom Häuptling hören.

    Nach einer Woche hatte er noch einmal nachgefragt. Da hatten sie ihn wissen lassen, sie hätten weitere Interessenten, deren Gebot sie erst einmal prüfen wollten, er solle vielleicht in einer Woche noch einmal anfragen. Aber er, Harry, war schlauer gewesen. Er hatte sein Gebot verdoppelt und es bis übermorgen terminiert. Da hatten sie einen Boten geschickt und in den Handel eingeschlagen. Ein fantastisches Geschäft! Die Produktion kostete hier nur ein Zwanzigstel von der in Europa und er hatte nur einen Teil des Geldes verbraten, welches er zur Verfügung hatte. Mit diesem Deal hatte er gehofft, in die Vorstandsetage einzuziehen. Und so war es auch gekommen. Er hatte den Posten des Generalbevollmächtigten für Afrika bekommen, vorbei an fachlich qualifizierteren Kollegen. Er hatte sich feiern lassen wie ein Held. Er war ein Held.

    Harry spürte einen Widerstand in seinem Rücken. Mit der freien linken Hand versuchte er, an das Ding zu kommen, was ihn störte. Er musste sich sehr verrenken, um seine linke Hand dahin zu lenken, wo er den Gegenstand fühlte.

    Er entsann sich an seinen Wutanfall. Meistens brachten ihn seine Wutanfälle weiter. Bei seiner Frau, die dann ganz still wurde und keinen Widerstand mehr leistete wie bei seinen Mitarbeitern, die den Schwanz einzogen und lautlos seinen Anweisungen folgten. Ein probates Mittel bei Halbmenschen. Er war Vollmensch und brauchte sich keinen Wutanfall eines anderen Menschen gefallen lassen. Er lächelte in sich hinein. Die Finger seiner linken Hand berührten etwas Spitzes, Metallenes, noch einen Ruck und er hatte es in der Hand. Seine Brille. Sie musste ihm vom Gesicht gerutscht sein. Er zog sie hervor. Sie war verbogen, ein Glas und ein Bügel fehlte. Er setzte sie auf und mit einem Auge erkannte er den Raum deutlicher. Es musste ein Kellerraum sein, fast quadratisch. Graues Tageslicht fiel von links in den Raum und ließen ihn nur schwach erkennen. An der oberen Kante der linken, schmucklos grauen Wand kam das Licht durch ein Verbundglasfenster und gab einen schwachen Widerschein auf dem Betonboden. Harry blickte auf die dunkelgraue Wand ihm gegenüber, die vielleicht vier Meter entfernt war. In der Mitte hob sich etwas ab, das eine Türe sein musste mit schwarzem Griff. Die Wände waren aus rohem Beton, wie auch der Fußboden. Kein weiteres Fenster. Es roch nach muffigem Keller. Er lauschte in das Dämmer hinein. Nichts. Nicht einmal Straßengeräusche, kein Vogel und keine Schritte oder Stimmen.

    Harry schaute an sich hinunter. Er sah sein verschmutztes, ehemals weißes Hemd, seine dunkelblaue, jetzt gefleckte Anzughose und schwarze Socken. Man musste ihm die Schuhe, seinen Gürtel und seinen Schlips ausgezogen haben.

    Rechts direkt neben seiner Matratze sah er die Reste seines Magenergusses und eine kleine, rote Pfütze glänzen. Eine rote Tropfenspur zog sich zu ihm auf die Matratze. Er drehte seinen Kopf nach rechts oben, wo seine schmerzende rechte Hand eisenstark umklammert wurde und sah die Handschelle, die straff um sein Gelenk geschlossen war. Die andere Schelle schloss sich um eine grobgliedrige, rostige Eisenkette. Diese war um ein dickes, einige Zentimeter vor der Wand senkrecht aufsteigendes Rohr geschlungen. Das Rohr war mit einer Manschette sechzig Zentimeter über dem Boden in der Wand befestigt. Auf dieser Manschette hingen die Glieder die Eisenkette, an der die andere Handschelle eingehakt war. Er kannte sich aus in Handschellen, wie er auf dem Gebiet der Waffen und Waffensysteme ein ausgesprochener Experte war. Er erkannte sofort, dass es sich bei den Handschellen um Markenware handelte, keine minderwertigen aus irgendwelchen Sexshops, die zu horrenden Preisen angeboten werden, dem sogenannten Perversenzuschlag. Das hier waren gediegene aus professioneller Werkstatt. Ein Blick mit seinem bebrillten Auge zeigte ihm, dass es sich um keine Handschellen mit Scharnier handelte, sondern um solche mit zwei Kettengliedern und Drehring. Ein Aufatmen ging durch seinen Körper. Da lag die Chance zu seiner Befreiung. Gleichzeitig erkannte er auch sofort die pakistanische Machart. Leider. Die Pakistani bauten sehr haltbare Fesseln. Indische wären ihm lieber gewesen.

    Jetzt schoss es ihm wieder siedend durch den Körper. Wo war er? Pakistanische Handschellen in einem deutschen Knast? Unmöglich. Er spürte, wie sein Blut wieder in Wallung geriet. Er setzte sich unter großer Anstrengung auf den Rand der Matratze, um sich die Handschellen besser ansehen zu können. Dabei rutschte er auf seiner eigenen Pfütze aus und schnickte mit dem Fuß die Kotze und das Blut von sich weg. Er spürte die Feuchtigkeit in seiner Hose die Oberschenkel entlang und ekelte sich.

    Ich kriege euch! Dafür werdet ihr zahlen! Für jede Sekunde werdet ihr zahlen! Nur ruhig jetzt. Jetzt gilt es, die Ruhe zu bewahren! Es gibt immer eine Schwachstelle und ich bin Meister im Auffinden davon. Lasst mich nur hier herauskommen! Lasst mich nur erst die Fesseln sprengen!

    Harry war vollkommen konzentriert, als er sich über die Fesseln beugte und jedes Detail in sich aufnahm. Er sah sofort, dass die Kette, die um das Rohr gelegt war, viel zu stabil war, als dass er sie hätte brechen können. Womit auch? Auch die Handschellen waren von bester Qualität. Es waren sogenannte Darbies, nach dem Darby-Stil produzierte, mit einem Schraubgewinde zu verschließende Fesseln. Es waren die Volkswagen unter den Handschellen, gediegene Qualität, unendlich haltbar und meist in der dritten Welt gebraucht, da sie erschwinglich waren. Einmal eingerastet und verschlossen, gaben sie keinen Millimeter in der Weite nach. Jede der Schellen war fest mit einer Öse verschweißt, in der eines der beiden Kettenglieder steckte. Jedes der beiden Kettenglieder war in sich verschweißt und beide begegneten einander in der Mitte in einem Drehbügel. Der bestand aus zwei steigbügelartigen Teilen, die mit einem Bolzen drehbar verbunden waren. Dieser Bolzen war der Schwachpunkt. Es stimmte, es waren pakistanische Fesseln. Vernickelter Stahl. Wenn beide Hände eines Delinquenten in solche Fesseln steckten, konnte er sich niemals davon lösen. Die Kraft, die man aufwenden musste, um die beiden Schellen voneinander zu trennen, wäre zu groß. Auch konnte man keinen Schwung holen, um die Reißkraft zu verstärken.

    Wohlgemerkt, wenn beide Hände gefesselt waren. Aber Harry hatte eine Hand frei und konnte seinen Körper als Gegengewicht benutzen. Es würde gelingen. Es würde gelingen müssen. Er überlegte, welche Methode am meisten Erfolg verspräche: Wenn er allen Körperschwung benutzte, um an der Fessel zu reißen, oder ob er mit dem Fuß gegen die Wand gestemmt, langsam den Druck auf den Bolzen erhöhen sollte, bis er aus den Drehbügeln ausriss. Er entschied sich für die zweite Methode. Er sagte sich ganz deutlich, er benötigte jetzt jede Konzentration und Kraft. Jede einzelne Bewegung wollte durchdacht und voll konzentriert ausgeführt werden. Er starrte auf den Bolzen, den Schwachpunkt im System.

    Plötzlich befand er sich in seiner Produktionshalle in seinem Betrieb in Namibia. Er schaute einem Neger über die Schulter, wie der einen Bolzen in ein mechanisches System einzusetzen versuchte, eine Arbeit, die jeder Affe imstande war, durchzuführen. Doch dieser Bimbo schien von Lemuren abzustammen. Er schrie ihn an, ob er nicht ein Gramm Hirn hätte oder seine Mutter ihm die Muttermilch vorenthalten hätte. Der Schwarze war zusammengezuckt und hatte sich untertänig geduckt, wie ein geschlagener Hund gewinselt, er sei den ersten Tag da und keiner hätte ihm gezeigt, wie das gehen sollte.

    Sie hatten aus wirtschaftspolitischen Erwägungen heraus die Herstellung und Verarbeitung von ‚mechanischen Ersatzteilen’ und ‚Feuerwerkskörpern’ als offizielles Produktionsziel angegeben, um damit die Einfuhr und den Verbrauch an Explosivstoffen zu rechtfertigen und nicht bei der Bevölkerung unangenehm aufzufallen. Ihr Werk war eine Tochter der Weltfirma Crimeler, dem Hersteller von speziellen Nobelkarossen, doch durfte dieser Name nirgends auftauchen. Denn das, was sie herstellten, durfte niemals mit dem Namen und dem guten Ruf des Weltkonzerns in Zusammenhang gebracht werden. Überhaupt hatte die Produktion auf der Kippe gestanden, als 1999 der ‚Ottawa-Vertrag’ unterzeichnet wurde, der die Produktion und den Handel mit Landminen ächtete und sich die Unterzeichner verpflichteten, weder Minen herzustellen, noch mit ihnen zu handeln. Das hatte im Vorfeld einige Irritationen auch bei Crimeler hervorgerufen, konnte die bisherige Tochterfirma doch einen erklecklichen Teil des Konzerngewinnes erwirtschaften und das bei äußerst niedrigen Produktionskosten.

    Es  hatte eine heimliche Krisensitzung stattgefunden unter Teilnahme aller weltweit wichtigen Entscheider der Rüstungsindustrie und man hatte sich intern geeinigt, die Bezeichnung ‚Landminen’ oder ‚Personenminen’, besser ‚Antipersonenminen’ umzuwandeln in die harmlosen Begriffe ’Flächenverteidigungs-Systeme’ oder ‚Rückzugssicherungssyteme’. Die Lobby hatte ganze Arbeit geleistet und dieser Begrifflichkeit den Unbedenklichkeitsstempel der Politik verschafft. Wollte man das Feld den Russen, den Amerikanern oder den Chinesen überlassen, die die Ottawa-Konvention nicht unterzeichnet hatten und Minen in Hülle und Füller herstellten und teuer verkauften? Harrys besonderes Verdienst war es, die Minen ‚intelligent’ zu machen.  Er schlug vor, die einfachen Versionen den Billigherstellern zu überlassen und eine neue Generation vom Minen zu entwickeln, die die innovativste Elektronik und Sensorik beinhaltete, akustische, optische und wärmesensible Zündmechanismen. Diese neue Generation wurde mit den frisch geprägten Begriffen belegt und in einer weltweiten Marketingaktion propagiert. Das bedeutete den Vorsprung zu den billigen Minen auf dem Weltmarkt.

    Die lästige Konkurrenz der Billighersteller war somit ausgeschaltet und die Ächtung richtete sich gegen diese. Leider hatte man ihn bei der Vergabe des Nobelpreises übergangen.

    Harry hatte den Schwarzen entlassen, der nicht in der Lage war, einen Bolzen einzuführen.

    Immer noch starrte Harry den Bolzen an. Da kam ihm eine andere Idee. Vielleicht müsste er das Rohr untersuchen, worum seine Fesseln geschlungen waren. Vielleicht gäbe es hier eine bessere Schwachstelle. Was war das überhaupt für ein Rohr? Für ein Heizungsrohr war es zu dick und für ein Abflussrohr zu dünn. Er rutschte so nah heran, dass er es genau unter die Lupe nehmen konnte. Lupe war schon recht, hatte er ja nur ein bebrilltes Auge. Das Rohr war zirka acht Zentimeter im Durchmesser und mit grauer Ölfarbe gestrichen, die an einigen Stellen Kratzer zeigte, besonders an der Stelle, wo die starke Eisenkette um das Rohr führte, an welcher die zweite der Handschellen eingeklinkt war. Diese Spuren rührten wohl von seinen bisherigen Bewegungen. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Die Kette besaß nur sechs oder sieben rostige Glieder und war durch ein stabiles Vorhängeschloss gesichert. Sie lag auf einer Halterung auf, deren Manschette fest das Rohr umschloss und die ebenfalls grau angestrichen war.  Die Halterung selbst ragte in die Wand und war dort einzementiert. Harry schaute nach oben. In der Höhe von zirka zwei Metern war die nächste Halterung mit Manschette angebracht. Dazwischen konnte die Kette sich frei hoch und herunter bewegen lassen. Harry konnte also aufstehen. Er musste sich das genauer ansehen, Schwachpunkte erkennen. Darin war er Meister. Er schaute auf die Stelle, wo das Rohr aus dem Boden kam. Es musste nachträglich zu irgend einem Zwecke eingebaut worden sein, er sah die Ausfransung, die entsteht, wenn man ein Loch in Beton bohrt. Diese war nur notdürftig zugegipst worden. Er schaute an die Decke. Dort sah es genauso aus. Wenn es ihm gelänge, das Rohr zu verbiegen, aus den Halterungen zu reißen, vielleicht dadurch entzwei zu kriegen, wäre er gerettet. Er klopfte mit dem Knöchel seines linken Mittelfingers an das Rohr. Es gab einen hohlen, metallischen Klang. Das Rohr war hohl, nur Luft darin. Wäre es mit Flüssigkeit gefüllt, würde es dumpfer klingen, überlegte er. Verdammt, warum bin ich nicht sofort darauf gekommen! Das leere Rohr ist ein ausgezeichneter Schallträger! Ich muss nur dagegen schlagen und das ganze Haus dröhnt von dem Geräusch. Wenn das jemand hört, wird er runterkommen!

    Er blickte sich um. Womit könnte er dagegen schlagen? Da er mit dem Gesicht zur Wand gehockt hatte, musste er seinen Körper drehen, um sich im Raum umsehen zu können. Sein eines Brillenglas schränkte seinen Sichtwinkel bedeutend ein. Er rutschte ein Stück von der Wand fort und drehte seinen Körper in den Raum. Sofort begannen die Schmerzen in seiner Schulter neu zu brennen. Der Raum war leer. Weiter hinten in der Dämmerung de Raumes sah er hinter einem Fetzen gelben Papiers so etwas wie eine Flasche stehen. Genau das brauchte er. Eine Glasflasche, mit der er gegen das Rohr hämmern konnte. Sie war zu weit weg. Er blickte sich weiter um. Außer der Matratze sah er auf der anderen Seite des Raumes nichts liegen. Er war in einem leeren Raum mit einer Matratze und einer Wasserflasche alleine.

    Was sollte das alles? Hatte sich jemand mit ihm einen Scherz erlaubt? Ihn besoffen gemacht und dann hierher verbracht? Zu welchem Zweck? Worin bestand der Witz? Er konnte darüber nicht lachen. Seine Schuhe! Mit den Schuhen könnte er gegen das Rohr trommeln. Wo waren seine Schuhe? Nicht da, nein auch jenseits der Matratze nicht. Die Kette! Die Kette war doch die Lösung! Sie hing verhältnismäßig locker um das Rohr. Er brauchte sie nur zu schütteln. Sofort begann er, mit seiner gefühllosen rechten Hand zu rütteln. Heißer Schmerz durchzuckte ihn. Das schwache Klimpern, welches diese Bewegung verursacht hatte, würde kaum ausreichen. Nachdenken, bevor du etwas tust! Er spürte, wie neue Wut in ihm aufkam und schlug mit seiner linken Faust gegen das verdammte Rohr. Das klang schon besser. Aber er hatte zu fest und zu unbedacht zugeschlagen. Die linke Hand schmerzte nun auch noch! Ruhe, Harald, Ruhe, die Unbesonnenheit bringt dich nicht weiter.

    Plötzlich spürte er, dass er am ganzen Körper schwitzte. Es war eine Hitze, die von innen kam, aus seinem Bauch, wie der Vorläufer einer Panik. Die Lunte brannte. Er wollte hier raus. Jetzt und sofort! Er drehte sich zum Rohr, stützte beide Füße an die Wand, griff mit seiner linken Hand um sein rechtes Handgelenk und riss und riss mit aller Wucht und aller Kraft mehrmals an der Kette und dem Rohr. Nichts tat sich, außer dass die Handschelle sich stärker in seine rechte Hand eingrub und einen dumpfen, quälenden Schmerz auslöste. Schweißgebadet ließ Harry ab.

    Plötzlich fühlte er sich sehr matt.

    Er dachte noch schwach daran, dass er das andere Brillenglas suchen musste, dann überkam ihn ein wohltuender Dämmerzustand.

    Beim Abgleiten ins Dunkel vermeinte er fernen Kaffeeduft zu riechen.

    05  – Ellen, die Neue

    „Langsam wird der Kaffee kalt!“, schalt Marlies, die ewige Nörglerin. Hedwig beruhigte sie: „Dann kochen wir eben neuen!“

    „Sie wagt es nicht. Wetten? Und ich war so neugierig.“ Marlies war in ihrem Element. Es begann ein allgemeines Einschätzen, ob ‚die Neue’ noch käme oder den Schwanz einzöge.

    „Es ist erst zwölf Minuten nach drei. Lassen wir ihr die akademische Viertelstunde. Wir alle wissen, dass es nicht leicht ist, den Entschluss zu fassen, seinen eigenen Ehemann . . . vorzustellen“ sagte Hedwig mit ihrer tiefen Stimmeund brachte somit Ruhe in die Runde.

    Erika meldete sich zu Wort: „Keinem von uns ist es leicht gefallen, erinnert euch an euch selbst. Hanne, sag, du hast dich doch auch geziert und brauchtest drei Anläufe.“

    „Nun, ja,“ Hanne sprach wie sie dachte, langsam und zögerlich „aber es war auch eine schwere Entscheidung. Und diese furchtbare, allerletzte Konsequenz . . .“

    Den Rest des Satzes blieb sie schuldig, doch jede machte sich so ihren Reim darauf.

    „Weshalb wir dich ja auch nie einsetzen konnten, wie jede andere von uns!“ In hohem Diskant brachte sich Josy lebhaft ein, die Mitbegründerin des Mittwochstreffs. „Entscheidungen fallen Dir immer sehr schwer!“

    Hedwig wollte keine unangenehme Diskussion aufkommen lassen und sagte: „Dafür macht uns Hanne die Protokolle, die Buchhaltung und die Pläne sehr ordentlich. Jedem seine Aufgabe. Wir sind schließlich ein Team!“

    Die Haustüre läutete. Ein allgemeines „AH!“ machte sich im Raume breit. Josy sprang auf, dass ihre roten Haare flogen und sagte beim Hinausgehen. „Vielleicht ist es nur der Postbote!“ Alle starrten zur Zimmertüre. Man hörte einen kurzen Wortwechsel, dann kam Josy alleine ins Zimmer zurück und sagte: „Erika, dein Gast ist da. Sie will erst mit dir alleine reden.“

    Erika stand auf und ging in den Flur. Alle spitzten die Ohren, konnten aber nicht mehr als zwei Stimmen flüstern hören. Dann traten Erika und ‚die Neue’, Ellen, ins Zimmer.

    Ellen sah den großen, runden Eichentisch in der Mitte des Raumes, umgeben von Damen unterschiedlichsten Alters und Aussehens. Ellen hatte einen Heidenrespekt, alleine schon von dem Anblick der Villa und nun vor der Runde, den unbekannten Damen, die um den Tisch saßen und die sie, wie sie meinte, mit Blicken durchbohrten. Sie wusste nichts Genaues, nur aus den Andeutungen von Erika ahnte sie, dass diese Damen ein Geheimnis verband. Und sie sollte diesem Bund beitreten. Der Raum war eingerichtet wie eine Bibliothek, mit wandhohen Regalen, dicht an dicht gefüllt mit Büchern, Atlanten, Folianten, die Rücken der Bücher mit und ohne Golddruck, imponierend in ihrer Masse und dem Kosmos von Wissen, mit dem sie dem Eintretenden drohten. Eine der Damen erhob sich vom Tisch und kam auf sie zu.

    „Ich bin Hedwig, ich wohne hier. Ich bin seit neun Jahren Witwe.“ Hedwig führte Ellen zu einem freien Stuhl mit hoher Lehne am Tisch und bat sie, Platz zu nehmen. Ellen schien es, als ob jede einen festen Platz in der Runde hatte, ihrem Rang oder der Zugehörigkeit entsprechend. Der ihr zugewiesene Stuhl stand genau gegenüber von Hedwigs, die zu ihr sprach: „Zunächst wollen wir Sie in unserer Runde begrüßen. Dazu wird eine jede von uns sich kurz vorstellen.“

    Ellen wurde eine Tasse Kaffee vorgesetzt und der Reihe nach begannen die Frauen ihr mit knappen Worten zu erzählen, wie sie hießen, wie lange sie Witwen waren, wo sie lebten und welchen Beruf ihre Ehemänner innegehabt hatten. Am Schluss waren die Augen auf sie geheftet, als ob sie nun sich ebenso vorstellen sollte. Ellen zögerte. Josy blickte sie mit ihren kleinen schwarzen, lebendigen Augen an und sagte lachend in das Zögern hinein: „Sie sind noch keine Witwe. Aber was nicht ist, kann ja noch werden!“

    Ellen erschrak. Konnte sie diesen Damen Vertrauen entgegenbringen?

    „Josy meint nicht, was sie sagt, es sollte einer ihrer Witze sein“, schlichtete Hedwig. „Wir wollen nur gerne Ihr Problem hören und sehen, ob wir Ihnen in irgend einer Weise behilflich sein können.“

    „Vor allen Dingen wollen wir psychologische Hilfestellung leisten,“ sagte Erika, Ellens Freundin sanft, „schau, wir alle hatten große Probleme in unseren Ehen und wir haben uns gegenseitig geholfen. Auch weiterhin, nach Lösung der Probleme, halten wir zusammen, weil wir nur gemeinsam so stark sind, dass uns auch die schwierigsten Problemstellungen keine Angst mehr machen. Wir haben uns alle miteinander von der Angst, von der ständigen, täglichen Furcht erlöst. Gemeinsam.“

    Ellen schöpfte wieder Vertrauen, blickte in die Runde und erzählte von ihrem Leben. Sie tat das erst zögerlich, dann zunehmend freier und offener, weil sie sich immer geborgener fühlte im Kreise dieser aufmerksam lauschenden Frauen mit ihren warmen Blicken und dem Verständnis, welches aus ihnen leuchtete.

    Sie erzählte von dem schönen Beginn ihrer Ehe, von ihrer Hochzeitsreise und dem Kind, das damals entstand, von der Rückkehr und der Abberufung ihres Mannes nach Afrika, von seiner Heimkehr und der Veränderung in seinem Wesen, welche sie zunehmend spürte. Dann kam sie zu dem Punkt, als er begonnen hatte, sie mehr und mehr zu beleidigen. Das war, als der Sohn eingeschult worden war und sich deutlich zeigte, dass er mehr musisch begabt wäre. Harry, ihr Ehemann schalt dies als Verweichlichung und gab ihr die Schuld an der für ihn unakzeptablen Ausrichtung ihres Sohnes.

    Manchmal, während ihrer Erzählung, hatte sie gemeint, ein erkennendes Blitzen in den Augenpaaren der einen oder anderen zu sehen.

    Ellen hatte sich mit Händen und Füßen gewehrt, als ihr Mann ihren Sohn in ein jesuitisches Internat gab, damit er dort zu einem Mann erzogen werden sollte. Ihren Trennungsschmerz tat er als weibisch ab und in dieser Zeit begannen auch die erst leichten, dann schwerer werdenden, gewalttätigen Übergriffe, von der Ohrfeige bis zur ausgewachsenen Tracht Prügel, wenn sie es wagte, sich über die Trennung zu ihrem Sohn zu beschweren. Damals hatte sie begonnen, mit Alkohol die Erniedrigungen zu ertragen, mit Pillen zum Einschlafen und zum Wachwerden. Mothers little helper.

    Sie klagte über die Kälte ihres Mannes, die ständige Rücksichtslosigkeit, mit der er über sie hinwegging, erzählte von ihren Marotten, die sich mit der Zeit eingestellt hatten, über ihre Sammelsucht und ihre Sucht nach Klarheit. Die eine befriedigte sie, indem sie zu jeder Kofferversteigerung ging, die ihr zu Ohren kam und sich einen Spaß daraus machte, vergessene, stehen gelassene, ungeöffnete Koffer für kleines Geld zu ersteigern und schließlich, voller innerer Spannung diese wie einen geheimen Schatz zu öffnen. Sie besaß inzwischen eine stattliche Sammlung werter oder unwerter Gegenstände aus diesen Gepäckstücken, deren Bedeutung sie sich nicht immer klar war. So hatte sie in einem dieser Wundertüten ein altes Kartenspiel entdeckt, welches sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Seltsame Zeichen und Bilder. Hieraus sollte sich ihre zweite Sucht ergeben, die nach Erkenntnis oder Klarheit. Sie wollte wissen, was sich hinter diesem Kartenspiel versteckte, welche Geheimnisse es zu enträtseln imstande sein würde. Sie kam darauf, dass es möglicherweise Tarotkarten sein könnten und richtig, es waren welche. Sogleich machte sie sich auf die Suche nach einer Person, die ihr die Bedeutung der Karten erläutern konnte, fand auch eine südamerikanische Dame, die sie ihr innerhalb von acht Tagen erklärte und ab sofort legte sie sich für alle wichtigen Anlässe die Karten. Sie hatte auch angefangen, Tagebuch zu führen.

    Sie hatte die wenigen Aufzeichnungen, die es kaum verdienten, Tagebuch genannt zu werden, aus ihren Schubladen zusammengesucht, eine Sammlung unterschiedlichster Zettel und Papiere, auf denen sie verschämt so manchen Schmerz, manche Erniedrigung hingekritzelt hatte, wie schnell hingesprochene Gebete, Hilfeschreie an einen Gott, der ihr nicht zur Hilfe kam, weil sie ihm zu unscheinbar war, anders konnte sie es sich nicht erklären. Sie hatte gehofft, durch das Niederschreiben die Erinnerung daran aus ihrem Gedächtnis streichen zu können, die bedrückende Last den Schubladen anzuvertrauen als eine Versteck ihres Schreckens.

    Ellen erzählte, wie ihre Trunk- und Medikamentensucht sie in die Knie gezwungen hatte, sie während einer klinischen Behandlung einer angeflogenen Lungenentzündung von beiden Süchten entzogen die Klinik nach zwölf Tagen verlassen hatte und nun das Bild, das ihr Mann ihr bot, ihr noch schrecklicher erschien, als in den Tagen ihres tranigen, betäubten Daseins.

    Am Ende ihrer Beichte atmete sie tief durch und sagte erleichtert: „Nun, das war es in Kürze!“

    Die Frauen der Runde, die durchaus wussten, dass sie nur Ohrenzeuge eines kleinen Segmentes der Leiden geworden waren, klopften leise mit ihren Handknöcheln anerkennend auf die blanke Tischplatte. Es hörte sich an, wie ein leise aufkommender Donner, der manchmal von Ferne einem furchtbaren Gewitter vorausgeht.

    06 – Wasser

    Harry schreckte aus seinem Dämmerzustand auf. Ihm war, als ob er in der Ferne ein Auto hätte hupen hören. Er lag auf dem Betonboden, den Kopf nach hinten auf die Matratze gestützt, die Beine angewinkelt. Die rechte Hand steckte nach wie vor in der Handschelle über seinem Kopf. Ihm war übel und er hatte Durst. Er versuchte, mit geschlossenen Augen sich ein Bild zu schaffen, wo er sich befand. Das erste, was er vor seinem inneren Auge sah, war eine Flasche, die an einer Wand hinter einem gelben Papierfetzen stand. Er öffnete die Augen. Ja, er war noch hier, hier in diesem Kerker. Es konnte nur ein schlimmer Traum sein. Das konnte, durfte mit seinem Leben nichts zu tun haben. Er war doch einer der Guten. Der Guten, die die Welt am rollen hielten, einer, der wichtig war, der groß war. Seine Brille war verrutscht, er schob sie mit der Linken in die richtige Position.

    Die Helligkeit im Raume hatte sich verändert. Statt grauem Licht fiel ein düsterer gelber Schimmer durch die dicken Verbundglasscheiben und bildeten auf der Gegenwand ein seltsames Abbild von verschwimmenden Quadraten, in sich gesprenkelt mit mehr oder minder hellen Lichtpunkten und Schlieren.  Das Lichterspiel auf der Wand bewegte sich langsam hin und her, manchmal auch leicht auf und ab.

    Harry schloss sofort, dass es Nacht sein musste und eine Straßenlaterne dies diffuse Licht in seinen Keller warf. Er traf damit fast die Wahrheit, es war eine im Wind schaukelnde, nackte Glühbirne, nicht auf der Straße, die weitab verlief, sondern eine baumelnde, abgerissene Glühlampe irgendwo vor dem Haus. Er horchte in die Stille. In der Nacht verbreiten sich Geräusche deutlicher, dachte er. Doch nur schrilles, lautes Nichts bohrte sich in sein Bewusstsein.

    Er stand vor dem Schreibtisch und sah seinem Chef ins Gesicht, der genauso aussah, wie man sich einen Top-Manager vorstellte, graumeliertes, perfekt geschnittenes Haar auf einem edel geschnittenen Kopf mit kalten grauen Augen und einer prägnanten Nase, ein Typ wie einem Mafia-Roman entstiegen. Aus seinen schmalen Lippen kam es: „Köhler, Sie wissen, warum ich Sie herzitiert habe?“ Ohne eine Antwort zuzulassen, fuhr er fort: „Sie haben versagt!“ Dabei trank er einen großen Schluck Wasser aus einem Kristallglas. „Ihr Kredit aus den letzten Jahren ist verspielt. Ihre Verhandlungen sind hoffnungslos gescheitert, Sie haben eine Katastrophe herbeigeführt und dazu hat sich Ihr Umsatz im letzten Jahr halbiert.“ Er trank wieder.  „Wir haben aus diesem Grunde entschieden, dass Sie ihre Generalvollmacht für Afrika an Schmidtbauer abgeben. Mit sofortiger Wirkung.“ Wieder trank er. Das Glas schien nicht leer werden zu wollen. „Sie kriegen das Ganze noch schriftlich. Danke sehr.“ Harry zog sich der Mund zusammen, er hatte Durst und wollte zum Glase seines Chefs greifen. Der schrie ihn an: „Raus! Raus hier!“

    Der quälende Durst nahm ihm jede Angst Wasser! Er kam sich vor wie einer jener Gnus in den Steppen Afrikas, die, getrieben vom großen Durst an die Tränken drängten, egal, welche Gefahr dort lauerte. Durst! Wasser! Er starrte in das Gesicht seines Vorgesetzten und griff zum Glas. Er griff ins Leere.

    Die Lampe draußen schaukelte.

    Diese verdammten Hunde sitzen dort irgendwo, saufen Bier und Wein und lassen mich hier verrecken! Was in Dreiteufelsnamen geht hier vor sich?

    Seine Zunge klebte im Mund fest. Er öffnete den Mund und mit einem zähen Schmatzen löste sich die Zunge vom Gaumen. Er erinnerte sich der Flasche, die zu seiner Rechten hinten an der Wand stehen musste. Er schaute angestrengt in die Richtung. Manchmal, wenn das Lichterspiel auf der Wand sich stärker bewegte, erreichte es für einen kurzen Augenblick die Flasche, deren Umrisse für Sekundenbruchteile sich vom Dunkel der Wand abhoben. Er musste trinken! Er musste irgendwie diese Flasche erreichen! Die, die ihn hier eingesperrt hatten, mussten ihm diese Flasche zugedacht haben, sie konnten ihn doch nicht verdursten lassen.

    Wie lange soll das hier eigentlich noch dauern? DIESE SCHWEINE WERDEN ES BEREUEN! Lassen mich in meinem eigenen Dreck hier liegen. Was wollt ihr eigentlich? Wollt ihr mich verdursten lassen? Habt ihr hier eine Nachtsichtkamera installiert und weidet euch an meinem Leiden? NICHT MIT MIR! Ich werde nicht verdursten!

    Er erinnerte sich an einen Vortrag, den ein Arzt in einem Überlebensseminar im Auftrage seiner Firma seinen Mitarbeitern über das Verdursten gehalten hatte.

    VERDURSTEN IST EINE QUÄLENDE TODESART.

    Das Blut verdickt, die Durchblutung aller Organe, auch des Gehirnes nimmt ab, man bekommt Wahnvorstellungen, scheußliche Schmerzen, schließlich vergiften die Rückstände der Niere den gesamten Organismus.

    Die Flasche! Die Flasche! Harry’s rechte Schulter tat weh vom langen Liegen auf dem Betonboden, ebenso seine Hüfte. Er lag noch so, wie er erwacht war, zusammengekrümmt neben der Matratze, den Kopf auf ihr, wie auf einem Kopfkissen. Langsam versuchte er sich lang zu machen, er legte seinen Kopf auf seine rechte Schulter und half mit dem linken Arm nach, sein linkes Bein aus der angewinkelten in eine ausgestreckte Stellung parallel zur Wand zu bringen. Als er nun versuchte, das unten liegende, rechte Bein zu strecken, stach ihn ein fürchterlicher Schmerz in die rechte Hüfte. Sofort, wie abgesprochen, brannte ihm die rechte Schulter den Arm hinauf bis ins Handgelenk in der Handschelle. Er atmete schwer und fühlte den Puls in seinen Schläfen. Einige Sekunden verharrte er bewegungslos, dann stützte er die linke Hand vor seiner Brust auf den Boden, um den Druck von seiner Hüfte zu nehmen, stemmte sich hoch und streckte gleichzeitig vorsichtig sein rechtes Bein. Schweißüberströmt sackte er zusammen und wartete, dass die Schmerzen nachließen. Er schaute auf die sich unregelmäßig auf der Wand bewegende Lichtspiegelung und konnte zu seinen Füßen die Umrisse der Flasche erkennen. Sie sah aus wie eine normale Wasserflasche. Ob sie voll oder leer war, konnte er nicht ausmachen. Aber er musste ran! Wenn er sich lang machte, könnte er die Flasche vielleicht mit seinem Fuß erreichen und sie langsam zu sich heranziehen. Nur ruhig jetzt und überlegt handeln. Lass dich nicht von den Schmerzen ablenken und vermeide jede falsche Bewegung. Probehalber fühlte er mit dem beweglichen linken Bein, ob er die Flasche schon erreichen könnte. Sein Fuß stieß ins Leere und seine Zehen knallten gegen die Wand. Er erschrak. Die Bewegung war zu ungestüm gewesen. Hätte er die Flasche erreicht, er hätte sie umgeworfen. Die Dunkelheit verlangte mehr Präzision und Behutsamkeit, weil die Entfernungen schlechter abzuschätzen waren.

    Harry brachte seinen Kopf in eine Positur, die ihm erlaubte, mit seinem linken, bebrillten Auge genau den Schattenumriss der Flasche zu fokussieren. Bei dem Gedanken an die Wasserflasche begann er zu schlucken, doch in seiner Kehle rieb sich nur der ausgetrocknete Schlund aneinander und verursachte Würgegefühle. Er überlegte für einen Moment, ob es nicht einfacher sei, mit einem Geräusch auf sich aufmerksam zu machen, als langwierig an das Wasser heran zu kommen, verwarf aber sofort den Gedanken, denn wenn jetzt Nacht ist, wer würde ihn hören? Gab es überhaupt jemanden hier im Hause über ihm? Nein, zuerst musste er sich das Wasser beschaffen, dann konnte er in Ruhe die nächsten Schritte überlegen.

    Er würde weiter nach unten gelangen, wenn er sich flach auf den Rücken legte, sich streckte und dann mit seinem rechten Fuß versuchte, die Flasche zu erreichen. Er robbte mit dem Körper so weit hinunter, bis das rechte Handgelenk in der Schelle zum Reißen gespannt war, dazu griff er mit der Linken in die Matratze, um sich weiter vorwärts zu schieben. Jetzt war der Punkt erreicht, er hob den Kopf, um zu sehen, ob sein Fuß die Flasche erreichen würde, konnte aber nichts erkennen. Er musste den Versuch blind machen. Langsam bewegte er sein rechtes Bein mit ausgestrecktem Fuß in die Richtung, wo er die Flasche vermutete. Vorsichtig tastete er sich Millimeter für Millimeter voran – da stieß er auf einen Widerstand. Sofort zog er den Fuß einen Millimeter zurück. Harry wurde bewusst, dass die Erfolgschancen größer wären, wenn er seine Socke auszog, um mit dem nackten Fuß besseren Kontakt zu haben und nicht abzurutschen. Hierzu musste er die erlangte Position erst einmal aufgeben, die Socke abziehen und dieselbe Prozedur wiederholen. Er atmete tief durch, einmal erfreut über den halben Sieg, zum anderen vor Anstrengung. Er zog sich etwas zurück, um sein Handgelenk zu entlasten und zog sich mit der Linken die rechte Socke aus. Ihm war kalt. Um sich aufzuwärmen, zog er beide Beine an und streckte sie wieder aus. Das wiederholte er ein paar Male. Dann bewegte er seinen rechten Fuß im Kreise, links herum, rechts herum; er wollte damit die Beweglichkeit steigern. Wenn es nicht so ernst wäre, würde er darüber lachen, wie er sich hier aufführte. Er versuchte sich neu zu konzentrieren für die Aufgabe, die vor ihm lag. Langsam zog er sich mit Hilfe der linken Hand in die extreme Position, die er vorher eingenommen hatte. Es würde ihm gelingen. Davon war Harry fest überzeugt. Er wollte gewinnen und er würde gewinnen. Er schloss die Augen, um höchste Konzentration zu finden und tastete sich wieder millimeterweise vor. Er machte sich so lang es ging und schob seinen Fuß nach rechts, die Zehen nach außen gebogen. Da – der Kontakt. Der Zehennagel hatte Widerstand gefunden. Harry hielt in der Bewegung inne und überlegte. Wenn er am Fuß der Flasche war, aber vor der Mitte der Flasche, konnte es passieren, dass er sie nach hinten schob.  War er schon hinter der Flaschenmitte, so musste er sich nur noch einige Zentimeter strecken, um den Zehe hinter die Flasche zu schieben und diese dann langsam zu sich heranzuziehen. Er streckte sich, die Schmerzen kamen neu und heiß aus seinem Handgelenk und schossen ihm in die Schulter. Nur ruhig jetzt! Er wusste, im Handgelenk waren viele wichtigen Nerven gebündelt. Er durfte sich dem Schmerz nicht hingeben, er musste ihn ignorieren, aushalten, ihn einfach nicht spüren.

    Ihr Schweine, ihr werdet mich nicht unterkriegen! Ich werde es euch zeigen! Und wenn ich mir die Hand ausreißen muss!

    Noch einen Zentimeter! Ein neuer Stromstoß schoss durch seinen Arm. Er schrie vor Schmerz und noch während er seinen Schrei hörte, wurde es dunkel um ihn.

    07 – Vergangenheit

    Ellen fühlte sich ausgesprochen wohl. So wohl wie lange nicht mehr und wer sie kannte, hätte ein leichtes Lächeln um ihre Mundwinkel erkennen können, als sie jetzt im Bus heimfuhr. Sie hatte sich im Doppeldecker nach oben in die erste Reihe gesetzt und blickte entspannt in die Dämmerung hinaus. Es tat gut, sich geöffnet zu haben und es tat gut, sich in einem Kreise angenehmer Menschen und im Bewusstsein befunden zu haben, gänzlich verstanden zu werden. Hedwig hatte sie gebeten, ihre Tagebuchaufzeichnungen als Beweis für ihre Schilderungen dazulassen.

    „Wir Frauen neigen zur Leichtgläubigkeit. Diese manchmal schöne Eigenschaft kann allerdings nicht Grundlage sein zu einer umfassenden Beurteilung von Schuld und Sühne. Wir können und wollen nur aufgrund von stichhaltigen Beweisen und Belegen handeln“, hatte Hedwig gesagt.

    Besonders erinnerte Ellen sich an einen Satz, den Hedwig wie nebenbei gesagt hatte: ‚Es gibt Sachen, die kann man einfach nicht mehr durchgehen lassen!’. Man hatte sie für heute entlassen, war allerdings noch beisammen geblieben, um die interne Beratung fortzusetzen und möglichst zu einer Perspektive zu kommen. Sie sollte am nächsten Nachmittag wieder erscheinen und man werde ihr dann den Beschluss mitteilen, der, wie immer, von allen Mitgliedern einstimmig getragen worden sein musste. Diesem Beschluss bräuchte sie dann nur zuzustimmen.

    In der zunehmenden Dunkelheit huschten am Busfenster die erleuchteten Fenster vorbei und strahlten für Ellen eine Wärme und Wohligkeit aus, die sie lange nicht mehr verspürt hatte. Selbst der Gedanke an ihren Ehemann Harry, der heute Abend von einer Reise zurückkehren sollte, hatte an Schrecken verloren. Sie sah dem nächsten Nachmittag mit Spannung entgegen.

    • Der Donnerstag war ein ebenso schöner Herbsttag wie der Tag zuvor. Ellen hatte ihrem Mann selbstverständlich nichts von ihrem gestrigen Ausflug erzählt. Er hatte nicht einmal gefragt, wie es ihr ergangen war, hatte sie kaum gegrüßt, etwas von ‚Arbeit’ gemurmelt und war den halben Abend in seinem Bürozimmer gewesen, den Rest hatte er auf der Couch liegend beim Fernsehen verschlafen. Heute früh hatte er gesagt, wie in der letzten Zeit immer, dass sie am Abend nicht auf sie warten solle, es würde länger werden. Was dieses ES war, das länger werden würde, hatte sie nie erfahren. Die Antwort hatte er schon bei der ersten schüchternen Anfrage von ihr rabiat vom Tisch gefegt, indem er sie angeschrieen hatte: „Was denkst Du denn! Dass ich Dir Rechenschaft geben müsste über meine Schritte? Ich ernähre Dich schließlich! Ich arbeite, im Gegensatz zu Dir! Wer bist Du, dass Du mir Vorschriften machen könntest, was ich zu tun und zu lassen habe?! Sieh lieber zu, dass Du den Haushalt auf Trab hältst und kümmere Dich um Deine beschissenen Angelegenheiten!“ Dann hatte er die Türe zugeschlagen.

    Sie hatte nie mehr nach dem ES gefragt.

    Harry war der zweite Mann in ihrem Leben gewesen. Der erste war eine Jugendliebe, Traumbild ihrer Mädchenvorstellung, ein Bonvivant, der sich mit zunehmender Zeit als ein Spieler erwies, der eines Tages mit glänzenden Augen und Taschen voller Geld mit ihr die Welt erobern wollte, am nächsten Tag zerknirscht und verheult sie um hundert Mark angefleht hatte. Dies täglich wechselnde Auf und Ab, das jubelnde Hochfliegen und entsetzliche Niederkrachen, die hochheiligen Versprechen, es das letzte Mal gewesen sein zu lassen, die Gaukelei eines Lebens in der Südsee und die Realität des geschundenen Gewissens, der bodenlosen Zerknirschtheit und die doch unstillbare Sucht, es noch einmal, ein einziges Mal zu probieren, die nervenaufreibenden Zerwürfnisse, die bei ihm in fürchterlichen Alkoholexzessen endeten, das alles hatte sie zwei Jahre lang gegen die gut gemeinten Ratschläge ihrer gesamten Umgebung bis zum Siedepunkt ertragen, dann war sie zusammengeklappt und in einer sterilen Nervenklinik aufgewacht. Nach einer Woche in dieser Klinik war ihr Freund mit einer anderen verschwunden, deren Glaube an das vorgespiegelte Paradies noch unverbraucht, deren Hoffnung, mit diesem blendend aussehenden Mann die Welt zu erobern noch nicht überschattet war und deren Schatulle möglicherweise um einiges größer gewesen war als die von Ellen.

    Zu dieser Zeit lebte sie bei ihrem Vater und versorgte ihn. Ihre Mutter war vor Jahren an einer Tropenkrankheit verstorben und so war ihr Vater der einzige Halt, neben ihrer einzigen Freundin aus der Schulzeit, Marianne, mit der sie so manches Schulmädchengeheimnis wahrte.

    Dann hatte sie, nach Jahren, in denen sie keine rechte Lust hatte, an eines Mannes Seite zu leben (alle Männer sind nur Abenteurer und Spieler), auf einem Empfang ihres Vaters ihren jetzigen Mann Harald kennen gelernt. Vom Aussehen kam er nicht im Mindesten an den Bonvivant von früher heran, er war untersetzt, mit einem Allerweltsgesicht versehen, doch strahlte er eine ruhige Männlichkeit aus. Seine Weltgewandtheit und seine Stellung hatte ihrem Vater und ihr imponiert. Er riet ihr zu, sich mit Harry zu verloben, war er jedenfalls kein Spieler, sondern ein seriöser Geschäftsmann und stand, mit den Worten ihres Vaters, mitten im Leben. Und nach einigen Treffen und Abendessen hatte auch die Verlobung stattgefunden. Nach kurzer Verlobungszeit fand ihre Hochzeit in einer wahren Turbulenz statt.

    Die Hochzeitsreise ging in die USA nach Lewiston, einem winzigen Fleck an der kanadischen Grenze und direkt an den Niagarafällen, ein bezauberndes Örtchen mit Theater- und Opernaufführungen, von denen sie einige besucht hatten, mit ständigen touristischen Attraktionen und Garagenverkäufen und hervorragenden, kleinen Restaurants. Sie fühlte sich bereits im siebten oder achten Himmel und nicht nur, weil er ihr die Niagarafälle aus einem eigens für sie gecharterten Hubschrauber zeigte. Von dort waren sie nach Chicago gereist und er hatte sie mit dem Wagen die berühmte Route 66 entlanggefahren, bis er durch einen Anruf seiner Firma Hals über Kopf nach Hause gerufen wurde.

    Zurückgekommen, überschlugen sich die Ereignisse. Harry wurde abberufen, den Standort Afrika für seine Firma zu erschließen, währenddessen starb der Vater von Ellen plötzlich an Herzversagen und die Schwangere musste die Beerdigung, die Hausauflösung und den Verkauf des Hauses ihres Vaters, ihren eigenen Umzug, die Renovierung ihres neuen Hauses, Anmeldungen, Ummeldungen und alles was dazugehörte organisieren und als sie alles aufs Beste geordnet hatte, legte sie sich ins Krankenhaus und gebar einen Sohn. Der Vater war die ganzen Monate in Afrika gewesen und hatte dort seine Firma etabliert.

    Als Harry jetzt zurückkam, sollte das Leben beginnen.

    Es begann damit, dass er eine Horde Architekten und Baumeister beauftragte, das Haus innen und außen nach seinen Ansichten umzugestalten. Sie traf es wie ein Schock. Hatte sie sich nicht Mühe gegeben, die Renovierung nach bestem Können und Geschmack durchzuführen? Hätte er es nicht wenigstens mit ihr besprechen sollen? Doch er war so überglücklich über seinen Sohn und über seine geschäftlichen Erfolge, dass er vor Glück strahlte, ihr jeden Wunsch von den Augen ablas. Es schien, als ob er gar nicht bemerkte, dass er ihre Bemühungen mit leichter Hand fortgewischt hatte. Als das Haus nun fertig war, erkannte sie es nicht wieder. Sie hatte gedacht, sie hätte es mit einigem Aufwand gemütlich gemacht. Nun strahlte das Haus innen und außen wie ein Palast, er hatte es an nichts fehlen lassen, die Holztreppe durch einen Marmoraufgang ersetzen, einen Kamin einbauen, die Wände mit den teuersten Tapeten bekleben und den Boden mit bestem Parkett auskleiden lassen. Es war wunderschön, wie aus einem Architekten-Journal, nur gemütlich fand sie es nicht mehr. Bis auf die Küche, die hatte er auf ihren Wunsch belassen, wie sie war. Und dies wurde der Raum, den sie die nächsten Jahre hauptsächlich bewohnen würde. Harry hatte nun Zeit für sie. Er hatte einen gehörigen Urlaub genommen und ein Kindermädchen eingestellt, so dass sie auch am Abend ausgehen konnten und Ellen zum ersten Mal das turbulente Nachtleben Berlins erleben konnte. Sie besuchten Oper und Theater, Kinos und Nachtbars, Clubs und Discos. Das Baby gedieh mit Hilfe seiner Nanny prächtig und Ellen fühlte sich rundherum wohl.

    08 – Der Tanz

    Als Harry wieder zu sich kam, hörte er nur ein rhythmische Pochen. Da-damm, da-damm. Er war ganz ruhig. Da-damm, da-damm, da-damm. Und schmerzfrei. Da-damm. Er atmete tief und gleichmäßig. Da-damm. Irgendwie war ihm, als wäre er einem quälenden Traum entronnen. Er hätte nicht sagen können, ob er stand, saß oder lag. Er schwebte im Raume und alles fühlte sich gut an. Er roch nichts und schmeckte nichts. Nur der Rhythmus des Pulses trug ihn durch die Dunkelheit. Er wusste nicht, ob er die Augen offen oder geschlossen hatte, er trieb auf seinem Rhythmus dahin, da-damm, da-damm, da-damm.

    Ist das der Tod? Ist danach alles ruhig und nur von dem Rhythmus getragen? War er jetzt dem Jammertal entronnen? Dem Schmerzens-Tiegel, der Welt der Pein? Seine Lippen waren zusammengepappt und fühlten sich an wie eine vergrindete Narbe.

    Da mischte sich in das Pochen ein helleres Geräusch, ein unterdrücktes Keuchen, ein verhaltenes Atmen, schnell und unregelmäßig.

    Harry riss die Augen auf. Im fahlen Dämmer sah er die Umrisse einer gebückten Gestalt links von ihm. Und war rechts nicht auch eine Gestalt, dort in der Ecke? Er wollte hochfahren, konnte sich aber nicht bewegen. Er hatte keine Gewalt mehr über seinen Körper.

    Plötzlich durchfuhr es ihn heiß und er erinnerte sich, in einem kalten Kerker gelegen zu haben. Da hörte er ein Wispern. Die rechte Gestalt schien der linken etwas zugeflüstert zu haben. Das Pochen in seinen Schläfen nahm zu, wanderte nach vorne, er spürte, wie seine Augen pulsierten, bis sich alles Pochen zwischen seine Augen verlegte und Lichtblitze verschickte. Er wollte schreien. Sein Mund ließ sich nicht öffnen, er war wie zugeklebt, verschweißt. Er schrie nach innen.

    Hilfe! Das könnt ihr nicht machen, das dürft ihr nicht machen! Ich habe Angst vor euch! Lasst mich in Ruhe.

    Er beobachtete, wie die beiden Gestalten sich ihm näherten. Als sie nahe genug waren, erkannte er, dass beide grüne Chirurgenkleidung trugen mit Kopfhaube und Gesichtsmaske. Im schmalen Augenschlitz erkannte Harry schwarze Pupillen in großen weißen Augäpfeln, Augen von Afrikanern, die ihn anstierten. Er hörte, wie sie sich etwas zuflüsterten, was er nicht verstand, weil es in einem afrikanischen Dialekt war. Er war starr vor Angst. Er wollte die Augen schließen und hoffte, dem Spuk dadurch ein Ende zu machen. Es ging nicht. Dann sagte der eine leise aber deutlich ein Wort. Und Harry wusste, was dieses Wort bedeutete, ohne es zu kennen. Es bedeutete ‚tot’. Und kaum hatten sie es ausgesprochen, öffnete sich die Tür. Und aus einem unbeschreiblich hellen Licht ergoss sich ein Strom von Menschen in den Raum, alle tanzten und lachten zu einer überirdischen Musik, die beiden Chirurgen rissen sich die Binden vom Gesicht und lachten ihn an. Da erkannte Harry in einem den Stammeshäuptling aus Angola. Der baute sich vor ihm auf und zog aus seinem Mund ein nicht enden wollendes Papier heraus und der andere rief ständig: „Nicht viel!“ Im Trubel der Besucher erkannte Harry seine Frau, die um seinen leblosen Körper herumtanzte, sich drehte und immer schneller drehte, dabei dem Häuptling das Papier entriss, das sich immer weiter aus seinem Mund herausspulte und sich damit einwickelte. Der andere griff nach einer Wasserflasche, setzte sie an und trank. Er setzte die Flasche ab, sah Harry aus großen, schwarzen Augen an und lachte und lachte.

    Harry’s Lippen klebten aufeinander und er versuchte, die Zunge zwischen die eingetrockneten Lippen zu schieben. Sie ließ sich nicht bewegen und pappte wie ein vertrockneter Klumpen in seinem ausgedörrten Mund..

    Die nächtlichen Besucher standen hinter den beiden Schwarzen, tuschelten miteinander und stimmten neues Gelächter an. Besonders ein Lachen sprang Harry aus diesem Chor an. Das Lachen seiner Frau! Er suchte sie in dem Gewimmel um ihn herum zu erkennen, doch vermischten sich plötzlich alle Farben in einen wirbelnden Sog. Abrupt wurde es still und dunkel um ihn, es kehrte der grauenhafte Schmerz in seinen rechten Arm zurück und er hörte seinen Puls wie einen Wasserfall rauschen.

    Er spürte die Hand seiner Mutter auf seinem Kopf, wie sie ihn streichelte. Sie fuhr mit den Fingern über sein Gesicht und sprach beruhigend auf ihn ein. Doch irgend etwas an ihr stimmte nicht. Sie nahm ihn auf den Arm, zwickte ihn in die Wange und lächelte, wie man ein Baby anlächelt, voller Güte und Zuneigung. Doch etwas an ihr war nicht richtig. Wohlwollen sprach aus ihren Augen und ihre Stimme war zart wie immer, wenn sie „Klein Harry“ zu ihm sagte. Ihr Körper strahlte eine wonnige Wärme aus und die Berührung mit ihr war voller Zärtlichkeit. Sie spitzte ihren Mund zu einem Kuss. Da sah er es, ihre Haut war – schwarz! Er schrie.

    09 – Tarot

    Die Endlichkeit aller Dinge wird uns schmerzlich augenfällig, wenn Schönes und Angenehmes endet. Und es hilft uns auch nicht die Erkenntnis eines großen Geistes, wenn dieser sagte: ‚Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen Tagen’.

    So wich die Phase des Wohlempfindens einer trüben Alltäglichkeit, die damit begonnen hatte, dass ihr Sohn, gegen Ellens Willen, sein Heim mit dem Internat wechseln musste. Da es Ellen untersagt war, einer Beschäftigung nachzugehen, lud sie sich zur Verkürzung der langen Nachmittage und zu ihrer geistigen Erbauung Nachbarinnen zum Plausch ein.

    Eines Tages war Harry überraschend von einer Reise zurückgekehrt, schlecht gelaunt und war in ein solches Kränzchen geplatzt.

    Er stand plötzlich in der Tür. Sein graues Gesicht und die herunterhängenden Mundwinkel sprachen Bände. Er hatte noch seinen kleinen Reisekoffer in der Hand, trat einen Schritt ins Wohnzimmer und blieb wie angewurzelt stehen.

    Die vier Frauen aus der Nachbarschaft sahen erst ihn, dann Ellen an. Einen Augenblick schien es, als ob er sich umdrehen und verschwinden wollte, doch dann kniffen sich seine Augen zusammen. Ellen ahnte, was nun geschehen würde und stand auf, um zu verhindern, was sich anbahnte. Die anderen Frauen machten ebenfalls Anstalten aufzustehen. Eine tiefschwarze Stimmung griff um sich. Dahinein sagte Harry schneidend: „Werte Damen!“ So begannen immer seine Sätze, wenn Entscheidendes folgen sollte. „Werte Damen, behalten Sie nur zunächst Platz. Auch du, Ellen, setz Dich!“ Alle taten wie geheißen und schauten ängstlich auf Ellen, die ihr Gesicht in Händen verbarg.

    Jetzt stellte er seinen Koffer ab und verschränkte die Arme. Er schaute keinen direkt an, sondern richtete seinen Blick auf den Garten, während er sprach.

    „Dies ist unzweifelhaft mein Haus. Und ich denke, die Damen stimmen mir zu, dass ich in meinem Hause nur das zu dulden haben, was mir passt. Und es passt mir nicht, was ich hier sehe. Ich will nicht, dass mein Haus zu einem Treff von Kaffeeklatschweibern wird, wo getratscht wird, was das Zeug hält, vielleicht noch emanzipatorische Reden geschwungen werden. Ich muss hart arbeiten für mein Geld und möchte ein Heim, in dem ich mich ausruhen kann und in dem ich nicht Emanzen und Suffragetten begegnen muss. Und schließlich, und dies geht an die Adresse meiner Frau, bin ich nicht gewillt, dich in den Händen dieser männerverachtenden Weiber zu sehen. Ich will keinen Emanzenaufstand, nicht einmal nur Andeutungen von den sogenannten Rechten der Frau hier in meinem Hause hören. Wehret den Anfängen!“ Er überließ sich dem Redefluß, der einem geifernden Quell aus Frust, übellauniger Anmaßung und Hass gegen alles das entsprang, was er nicht verstand und daher nicht billigen konnte. Mit unflätigen Worten verdeutlichte er den Frauen, wie unwillkommen sie seinen, ging sogar noch weiter und verstieg sich in seiner Tirade dahingehend, dass er auf unsägliche Art Frauen mit Schwarzen verglich und ihnen Dummheit, Faulheit und Ignoranz unterstellte, welche Eigenschaften sie wie ein unumstößliches Gesetz für die niederen Dienste prädestinierte. Das Denken sollten sie geflissentlich den Männern überlassen.

    Hier war der Moment gekommen, wo die Frauen wie auf ein Zeichen empört das Haus verließen. Ellen blieb heulend zurück.

    Solches Gedankengut hatte Harry immer schon verinnerlicht und in der Kennenlernphase offenbar gut verborgen, war es ihm nur um die Zeugung eines Sohnes gegangen und als dies Geschäft getätigt war, konnte er sich zeigen, wie er war und wie er dachte und machte keinen Hehl daraus. Ellen stand dieser Veränderung, oder besser der Entpuppung  seines Wesens hilflos gegenüber, nahm es aber als schicksalsgegeben hin. Er behandelte sie zunächst mit Respekt und kühler Höflichkeit, doch ohne die Wärme, die sie anfangs bei ihm gefunden hatte.  Sie hatte den Grund seines seltsamen Wandels bei sich selbst gesucht. Sie zermarterte sich den Kopf, was sie falsch gemacht haben könnte oder ob sie sich verändert hatte. Doch nach Wochen der Selbstzerfleischung entschied sie sich, seine Veränderung als gottgegeben hinzunehmen wie das Wetter, als eine naturgebundene Erscheinung, die sich nicht nach individuellen Wünschen richtete und durch nichts zu beeinflussen war. Das Einzige, woran sie sich nicht gewöhnen konnte, waren gewisse Ansichten über Weltanschauung und Erziehung. Er sprach von Disziplin, von Ordnung, als ob diese nur durch ein Übermaß an Druckausübung und von Kontrolle erreichbar seien, von zugewiesenen Rollen und meinte damit insbesondere die übergeordnete des Mannes und die Unterordnung der Frau unter den Willen ihres Angetrauten. Überhaupt schien er von Frauen nicht viel zu halten, höchstens auf den Gebieten der Fruchtbarkeit und der damit verbundenen Handlungen zur Beglückung seiner Männlichkeit.

    Ellen hatte sich manches Mal gefragt, ob denn dieses Denken noch zeitgemäß sei, hatte sie doch auch in den Medien von Frauen gehört und gelesen, die ganze Imperien beherrschten, Konzerne leiteten und manches Unternehmen besser als ihre männlichen Vorgänger voranbrachten, von Frauen, die den Gedanken der Emanzipation vorantrieben mit eigenen Zeitschriften, in Verbänden und Vereinen. Dieses Wissen rieb sich schon ein bisschen mit ihrer eigenen Erziehung, die vom tiefen Glauben an gottgegebene Unterschiede geprägt war. Doch hatte sie auch schon begonnen, an der unendlichen Weisheit des Papstes zu zweifeln. Wie konnte ein Papst angesichts der weltweiten Verbreitung von AIDS ein Kondom-Verbot aussprechen. Kondome, die vor der Verbreitung der Krankheit schützen sollten. Es konnte doch wohl schlecht angehen, dass seine Heiligkeit der Seuche Tür und Tor öffnete? Von einer gottgleichen Institution konnte man doch erwarten, dass sie für die Gesundheit ihrer Schäfchen kämpft und nicht um deren blinde, tödliche Vermehrung. Ellen fühlte sich trotzdem bei diesem Zweifel unwohl, weil es Entscheidungen einer der Männerdomänen waren, deren Hintergrund sie vielleicht nicht ganz erkannte, sie vielleicht zu ungebildet war. Doch meinte ihr gesunder Menschenverstand hier einen eklatanten Verstoß gegen alle Vernunft zu erkennen. Auch wenn sie nur eine Frau war.

    Die Begriffswelt von der Befreiung der Frau war ihr immer unzugänglich geblieben, sie hatte nichts damit verbinden können, sie hatte die Fesseln nicht sehen können, von denen sie befreit werden sollte und hatte nicht geahnt, dass man sich nicht nur von etwas befreien konnte, sondern auch für etwas. Sie selbst hatte nie den Drang verspürt, mehr Rechte haben zu wollen. Bis ihrem Mann das erste Mal die Hand ausgerutscht war, wie man es allgemein nannte, und sie die Erniedrigung körperlich schmerzhaft gespürt hatte.

    Und diesem ersten Male waren weitere gefolgt, abgesehen von den zunehmenden, unsichtbaren, deshalb nicht minder schwerwiegenden Züchtigungen, die er seitenhiebweise auf sie ablud, indem er sie in beißenden Nebensätzen beschimpfte, verächtlich machte, ihr Frausein Stück für Stück in den Dreck zog und ihr deutlich machte, dass sie ihm, nachdem sie ihm den Sohn geboren hatte, ohne weitere Bedeutung sei. Sie hatte es, wie gesagt, als gegeben hingenommen, doch war in ihr ein Keimling erwachsen, der wie eine empfindsame Antenne all die Richtungen aufspürte, von wo ihr Hilfe kommen konnte und so war sie auch bereit gewesen, ihrer Nachbarin Erika plötzlich ihr Geheimnis anzuvertrauen.

    Harry hatte heute das Haus früh verlassen, ohne Gruß, wie immer in den letzten Jahren. Ellen war nach einer bewegten, traumerfüllten Nacht dennoch frisch wie selten erwacht, hatte ihm innerlich singend, ja trällernd das Frühstück hingestellt. Alle ihre Sinne waren auf den Nachmittag ausgerichtet, der so entscheidend für ihr weiteres Leben werden sollte.

    Bereits vor zwölf Uhr ertappte sie sich dabei, ständig mit den Blicken eine Uhr zu suchen. Eine innere Unruhe und vibrierende Nervosität schlug Wellen in ihr, wie sie es nur aus der Zeit ihrer Verliebtheit kannte, als sie es nicht erwarten konnte, rechtzeitig beim tête á tête zu sein.

    Ellen nahm zum wievielten Male ihre Tarotkarten und legte sie auf den heutigen Tag hin.

    TAROT (Aber immer sagten ihr die Karten für heute eine seltsame Überraschung voraus.)

    Um dreizehn Uhr war sie zum Gehen fertig angezogen und grimmig erstaunt, dass die Zeit ausgerechnet heute so zäh dahintropfte. Wenn sie jetzt führe, wäre sie eine Stunde zu früh. Sie entschloss sich, diese Zeit bei einem Bummel über den Ku’damm aufzufangen, vielleicht noch einen Kaffee irgendwo zu nehmen, bevor sie die Villa Sagitta betrat. Gerade wollte sie das Haus verlassen, ging das Telefon. In Hut und Mantel ging sie zum Apparat und starrte ihn an. Wer sollte sie um diese Zeit anrufen? Es konnte nur Harry sein, der irgend etwas vergessen hatte, was sie ihm bereitlegen sollte oder er wollte ihr mitteilen, dass er heute nicht nach Hause kommen würde. So stand sie vor dem Gerät und wartete, dass das schrille Geläut enden würde. Nach dem zwölften Klingeln war es still. Zufrieden drehte sie sich ab und verließ das Haus.

    10 – Kambarele

    Harry spürte jeden einzelnen, fiebrigen Muskel seines Körpers. Seine Zunge klebte im Munde fest und unbeschreiblicher Durst sog an jeder Faser in ihm. Die Flasche, die Flasche! Wasser!

    Harry wusste aus Erzählungen, dass er nicht mehr viel Zeit haben würde. Wenn der Durst, wenn die Dehydrierung eine bestimmte Stufe erreicht hatte, kam er aus dem Delirium nicht mehr heraus. Er musste handeln und das sofort. Sein Körper hatte sich während seines Wachtraumes bewegt, lag seltsam verkrümmt am Boden. Er spürte seitlich die Matratze an seinem Körper, gleichzeitig roch er den eindringlichen Gestank und noch bevor er die weiche, schmierige Masse in seiner Hose spürte, wurde ihm bewusst, dass er in die Hose geschissen hatte. Er fühlte sich erbärmlich und beschmutzt, zutiefst gekränkt.

    Wenn jetzt einer hereinkäme! Nein, um Gottes Willen, jetzt nicht! In dieser beschämenden Situation soll mich keiner sehen. Scheiße noch eins!

    Es war Harry abgrundtief peinlich, er fing an zu heulen, wie ein Kleinkind, dann packte ihn die reine Wut über den erbärmlichen Zustand und Zorn auf die, welche ihn in diese unvorstellbare Lage gebracht hatten.

    IHR RATTEN! EUCH SOLLTE MAN TOTSCHLAGEN!

    Er spürte den Schmerz in seinem Körper nicht mehr, schlug wie wild um sich, trommelte mit seinen Hacken auf den Boden und schlug mit der flachen Hand auf die Matratze und schrie und schrie.

    Plötzlich wurde er ruhig. Die wenigen Tränen hatten trockene Spuren auf seinen Wangen hinterlassen. Schien ihm das nur so oder war es heller geworden? Er tastete mit der Linken an seine Stirn. Die Brille war fort. Aber er nahm auch so wahr, dass es Tageslicht sein musste, das den Raum erhellte. Irgendwie gab ihm das Mut. Es lag ein Geruch in der Luft, überlagerte den dumpfen Kellergestank und den seiner Ausscheidungen. Er erinnerte sich an diesen Geruch und auf einmal zogen verschwommene Bilder an seinem inneren Auge vorbei. Er war in seinen Wagen gestiegen, als ihm von hinten eine Hand einen Wattebausch vor Mund und Nase hielt. Harry versuchte sich zu befreien, den Kopf frei zukriegen, doch die Hände hatten seinen Kopf fest in einen Schraubstock gespannt. Er konnte gerade noch erkennen, dass die Hand mit dem Wattebausch die Hand eins Negers war. Er schlief ein. Als er wieder erwachte, war er in seinem Verließ.

    Er hob den Kopf, um zu spähen, ob er die Flasche mit dem Wasser noch erblicken könnte. Beim Aufrichten spürte er die feuchte Knatsche an seinem Hintern und ein sehr irdischer Duft zog in seine Nase. Er schaute und es traf ihn wie ein Schlag. Die Flasche war weg.

    Sollte er nicht geträumt haben, und es waren wirklich Leute hier drin? Hatten die verdammten Nigger sein Wasser weggetrunken? Oder hatte er in seinem Wutanfall die Flasche getroffen und sie fortgeschleudert?

    Er schaute noch einmal in die Richtung wo er die Flasche zuletzt gesehen hatte. Da bemerkte er, dass die Türe einen Spalt offen stand. Ganz deutlich konnte er auch ohne Brille erkennen, dass da ein dunkler Spalt zwischen Tür und Rahmen war, der vorher niemals da gewesen war. Er suchte den Boden ab, ob er irgendwo die Flasche erkennen könnte. Nichts, nur lag jetzt der gelbe Papierfetzen in Höhe seines rechten Knies. Missmutig wollte er ihn fortschnicken, da spürte er etwas Hartes in dem Papier. Neugierig geworden, bugsierte er den Gegenstand mit dem Knie zu sich hoch, so dass er ihn mit seiner linken Hand erreichen konnte. Er hielt ihn nahe vor sein Gesicht und traute seinen Augen nicht. Es sah aus wie ein übergroßes Knallbonbon, so eines, welches man Sylvester an beiden Enden packte und auseinander zog, was dann einen Knall gab und irgend so einen blöden Inhalt freigab.

    In einem Kerker, kurz vor dem Verdursten, die eine Hand gefesselt und dann ein Knallbonbon! Welches Hirn hatte sich dies ausgedacht?

    Es war ein sehr schweres Knallbonbon. Er betrachtete es näher. Es war in gelbes Seidenpapier eingewickelt, in der Mitte hatte es einen eiförmigen Körper, an den beiden Enden war das Papier mehrfach verdreht und stand ab wie Rüschen oder kleine Tutus aus Seidenpapier.

    Er drehte das Bonbon in seiner einen Hand und las plötzlich ein Wort, mehr hingekritzelt als geschrieben: KAMBARELE

    Kambarele? Kambarele? Harry kramte in seinem Gedächtnis. Er kannte das Wort irgendwoher. Es hatte eine gute Bedeutung, erinnerte er sich. Und plötzlich fiel es ihm wieder ein. Es war der Jagdruf eines Südostafrikanischen Stammes. Man rief ihn sich vor der Jagd zu, um sich Jagdglück zu wünschen und wenn man von der Jagd erfolgreich heimkehrte, rief man es jedem zu, dem man begegnete. Ein Begriff, so ähnlich wie Waidmannsheil und Waidmannsdank in einem.

    Was sollte das hier für eine Bedeutung haben?

    Er brauchte nur in das Päckchen hinein zu schauen.

    Er nahm das eine Ende des Seidenpapierpäckchens in den Mund und riss mit der Linken die andere Seite auf. Kein Knall. Es war nur das helle Reißen von Seidenpapier zu hören, aber in dem dunklen Kerker klang es wie eine kleine Detonation.

    Harry spürte etwas hart auf seine Brust plumpsen. Er spuckte das Seidenpapier aus dem Mund und schnickte die andere Hälfte fort. Das harte Ding rollte nach rechts und fiel mit einem metallischen TACK von seiner Brust, eierte einige Zentimeter und blieb direkt an seiner rechten Achsel liegen. Sein rechter Arm stand nach wie vor nutzlos von ihm ab, Harry spürte ihn kaum noch. Die rechte Hand war vollkommen taub. Er langte mit seiner Linken zu dem Gegenstand und indem er ihn ertastete und  ergriff, um ihn sich von Nahe anzusehen, begriff er auch schon, um was es sich handelte.

    11 – Vor dem Prozess

    Selten hatte eine Herbstsonne sie so erfreuen können wie heute. Ellen schwebte durch den Nachmittag auf ein Ziel hin. Ihre Füße trugen sie zwar über den Ku’damm, ihre Gedanken waren jedoch bei den acht lebenserfahrenen Frauen. Von jeder ging eine bestimmte Selbstsicherheit aus, die sie in dieser Form bisher nicht kannte. Als ob jede bewusst den ihr in der Welt zukommenden Platz einnahm, sich nie und nirgends in eine Ecke drängen ließ. Wie hatten die Frauen es geschafft, so frei zu werden? Es konnte ja wohl schlecht daran liegen, dass sie ihrer Ehemänner verlustig gegangen waren. Oder doch?

    Es konnte nicht sein, dass sie sich alle ihrer Ehemänner entledigt hatten, wie es ihr durch den Kopf geschossen war, gestern, bei der Bemerkung dieser kleinen, rothaarigen Frau, Josy hieß sie wohl, dass das, was nicht ist, noch werden könne. Nein, das waren ganz normale Frauen, verwitwet eben, die sich im Alltag beiseite standen, sich gegenseitig Mut machten und sich halfen. Andererseits waren alle diese Frauen Witwen und sie war noch keine. Noch. Da war das Wort wieder. Was nicht ist, kann noch werden. Nun ja, sollte sie wider Erwarten Witwe werden, ging es ihr durch den Kopf, wäre das nicht das Übelste, was ihr passieren könnte. Ihr Mann hatte zwar nie über Geld gesprochen, doch hatte sie nebenbei mitbekommen, dass er recht gut verdienen musste. Er war so etwas wie ein Geschäftsführer und die verdienen doch gut, oder? Und gegenseitige Lebensversicherungen gab es, das wusste sie. Allerdings hatte sie keine Ahnung, wie viel Geld auf dem Konto war. Darum hatte sie sich nie gekümmert. Plötzlich kam ihr in den Sinn, ob man denn ein Testament bräuchte, oder ob es eine rechtliche Bestimmung gäbe. Auch darüber wollte sie mit Erika sprechen. Plötzlich wurde ihr klar, wohin ihre Gedanken sich verirrt hatten. Um Gottes Willen! So etwas durfte man doch nicht denken! Oder doch? Die Gedanken sind frei. Wo hatte sie das schon gehört? Kurzentschlossen ging sie in das nächste Café und bestellte einen Kaffee und einen Cognac. Einen doppelten. Und wenn da doch etwas dran ist mit den Witwen? Nach dem Cognac sah sie das alles entspannter. Sie würde ja bald erfahren, wie die Witwen ihr helfen wollten. Und sie wollte sich gerne helfen lassen. Besonders nach dem zweiten Cognac.

    Auf einmal war sie sich ganz sicher. Es gab das Unaussprechliche. Die Witwen hatten es getan. Sie mussten es getan haben! Ellen war zu verwirrt, um die Auslagen der Geschäfte wahrzunehmen. Der Cognac hatte ihre Phantasie angeregt und regelrecht zum Wirbeln gebracht. Sie setzte sich in den nächsten Bus. Wie schafften es denn die Frauen, ihre Männer loszuwerden, ohne rechtlich belangt werden zu können? Und wenn sie alle acht ihre Männer beiseite geschafft hatten, gab es jetzt acht ungeklärte Todesfälle? Sie mussten es schon sehr geschickt angestellt haben. Oder hatten sie die Morde in Auftrag gegeben? Sie hatte noch nie von einem Auftragsmörder gehört, der gefasst wurde. Waren das nicht Leute der Mafia, aus Italien, die einreisten, töteten und sofort wieder abreisten? Was mochte solch ein Mord wohl kosten? Gott im Himmel, dachte sie, worüber denke ich denn nach? Was reitet mich denn? Es ist Sünde, was du tust, es ist Sünde, so zu denken; darüber nachzudenken, wie man seinen Ehemann los wird! Es musste der Cognac sein, der antwortete und in ihr sprach: Meinst du nicht, dass schon viele Frauen darüber nachgedacht haben? Warum sollte es Sünde sein? Ist es nicht vielmehr Sünde, was man dir, den Frauen angetan hat, sie erniedrigt bis aufs Blut, sie gedemütigt, ihre Seelen geschunden, sie gar geschlagen, gequält und vergewaltigt?

    Ellen dachte an die Male, die ihr Mann nachts im Dunkeln zu ihr ins Bett stieg, sie von ferne schon den Alkoholdunst wahrgenommen hatte und sie wusste, was ihr nun bevorstand. Glücklicherweise hatte es nie lange gedauert. Hätte er sie geliebt, er hätte sie doch nicht derart benutzt. Sie hatte es immer wieder über sich ergehen lassen, um nur nicht seinen Zorn zu wecken. Doch auch das war schon lange vorbei und schien ihr wie ein Film, den sie in einem anderen Leben gesehen hatte.

    Plötzlich wurde sie aus ihren Träumen gerissen, als sie eine Berührung spürte. Der Busführer stand neben ihr und rüttelte sie an der Schulter.

    „Hallo, gnädige Frau, aufwachen! Es ist Endstation. Der Bus fährt nicht weiter! Sie müssen aussteigen!“

    Verdattert schaute sich Ellen um. Zum Teufel, sie hatte nicht bemerkt, dass sie zu weit gefahren war. Beim Aussteigen schaute sie auf die Uhr und stellte fest, dass sie noch Zeit hatte, den Weg zur Villa Sagitta zurück zu laufen.

    • Ellen zitterte, als sie die Villa betrat. Es war das innere und äußerliche Zittern, das einen befällt vor einer lebensentscheidenden Situation, wie es den Schüler vor einer wichtigen Prüfung, den Angestellten vor dem Einstellungsgespräch, den Schauspieler vor Betreten der Bühne befällt, kurz, es war furchtbares Lampenfieber. Ellen fühlte aller Augen und Aufmerksamkeit auf sich gerichtet, obzwar zunächst nur der übliche Smalltalk geübt wurde, wo es um die neuesten Erkenntnisse aus den Boulevardblättern ging, wer mit wem wann wo gesehen wurde, sogar um Finanzanlagen, ein Thema, welches Ellen zuallerletzt in diesem Kreise erwartet hatte. Dann ging man zur Tagesordnung über. Es wurde der ‚Fall Köhler’ aufgerufen.

    Alle schauten gespannt auf Hedwig, die, hochaufgerichtet und das Kreuz durchgedrückt am Tisch den Vorsitz führte. Sie sprach mit tiefer, fast männlicher Stimme.

    „Wir haben im Vorfeld von Erika gehört, was Dich, liebe Ellen, bedrückt. Sie hat uns berichtet von all den Geschehnissen, die ihr zu Ohren gekommen sind und darüber hinaus haben wir von Dir eine höchst lebendige Schilderung Deiner Lebensumstände, besonders Dein Verhältnis zu Deinem Ehemann erhalten.“ Hedwig machte eine Pause und sah in die Runde, bevor sie fortfuhr.

    „Wie Du weißt, liebe Ellen, haben wir, damit meine ich den Club Sagitta, benannt nach dem ehrwürdigen Hause, in dem wir tagen, also wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, Frauen, die in Notsituationen sind, zu helfen. Unsere Runde besteht aus Frauen, die selbst in Notsituationen waren und vielerlei Erfahrungen mitbekommen haben, nehmen wir nur unsere Josy, die vor ihrer Ehe eine begnadete Diplomingenieurin war, oder Brigitte, deren Ehemann Richter am Oberlandesgericht, sie selbst eine blendende Gerichtsreferendarin war, bevor sie durch die Heirat aus ihrem Beruf gerissen wurde; nehmen wir Deborah, unser Finanzgenie“, hier brach allgemeine Heiterkeit aus, die Ellen nicht sofort verstand, „die einen Teil unserer Clubfinanzen durchbrachte, indem sie, ohne eigene Schuld auf das falsche Telekom-Pferd setzte, andererseits aber auch recht gute Gewinne einfuhr.“ Beifälliges Tischklopfen unterbrach Hedwigs Vortrag.

    „Doch es sind auch andere Qualitäten, die hier bei uns kumulieren, scharfer Sachverstand wie bei Marlies,  auch die Liebe zum Detail von Hanne“ auch hier Lachen und anerkennender Applaus.

    „Unsere Erbsenzählerin“, warf Marlies ein und alle lachten erneut, bis auf Ellen, die verschämt unter sich blickte. Dann fuhr Hedwig fort:

    „Auch Genauigkeit und Präzision sind filigrane Eigenschaften, deren Wert sich besonders in einer verschworenen Gemeinschaft zeigt. Erika und Olanka, unsere letzten beiden Mitglieder zeichnen sich durch besonders gutes Einfühlungsvermögen aus.“ Wieder anerkennendes Nicken und Klopfen.

    „Wir stehen heute vor der Eingliederung eines neuen Mitgliedes in unseren Club. Ellen Köhler hat uns um Hilfe gebeten und wir werden sie ihr nicht vorenthalten. Wie wir alle wissen, gehört zu unserer ungeschriebenen Ordnung, dass die Mitglieder sich durch ein Versprechen untereinander binden, dadurch, dass sie nichts an die Öffentlichkeit bringen, was einem unserer Mitglieder schaden könnte. Dieses Versprechen müssen wir Dir, Ellen Köhler, abnehmen. Willst du dies Versprechen geben?“

    Alle Augen richteten sich auf Ellen.

    Ihre Kehle war zugeschnürt, als sie leise antwortete: „Ja.“

    Alle applaudierten und lächelten ihr zu.

    „Damit bist Du eine von uns“, sagte Hedwig, „ab nun können wir Dir mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften helfen, mit erlaubten und unerlaubten, aber bewährten Methoden. Kommen wir gleich zur Erörterung des Falles. Ich gebe ab an Josy.“

    Der Karottenschopf, der wie ein Zwerg neben der turmhohen Hedwig wirkte sah Ellen durchdringend an.

    „Wir haben es uns zum Prinzip gemacht, alle Anschuldigungen zu prüfen, die uns vorgetragen werden. Sonst könnte ja jeder irgend eine, aus der Luft gegriffene Beschuldigung vortragen. Wir haben Deine Tagebucheintragungen gelesen und finden darin genügend Punkte, die gegen Deinen Mann sprechen., ja geradezu eine Verurteilung erheischen. Da Du uns nichts über seinen Beruf erzählt hast, möchten wir Dich hierüber kurz befragen. Die Befragung nimmt Marlis vor. Bitte!“

    Marlies, die Älteste der Runde, immer einen breiteren Sessel bevorzugend, blätterte umständlich in einigen Papieren, räusperte sich und sagte: „Ja, ich hatte hier doch – ach da! Entschuldigung. Ja also die Fragen: Was war der Beruf Deines Mannes?“

    Die Blicke gingen zu Ellen.

    „Geschäftsmann, Geschäftsführer, soviel ich weiß.“

    „Kannst Du es etwas genauer sagen?“ Josy hatte wieder das Heft in die Hand genommen.

    „Nun, er arbeitete in einer weltweit operierenden Firma, die in Afrika und USA Tochterfirmen hatten, irgend etwas mit Metallverarbeitung.“

    „Metall!“ echote Josy und schaute zu Marlies.

    „Womit handelt die Firma Deines Mannes?“

    „Das weiß ich nicht. Harry sprach immer von irgendwelchen Systemen, die sie herstellten und Marktführer wären oder werden wollten. Genaues hat er mir nie erzählt.“

    Marlies schaute, ob sie die nächste Frage auf ihren Zetteln fand. Josy beobachtete sie nervös und sagte dann: „Lass mal, Marlies, ich mach das schon“ und wandte sich wieder an Ellen, die nicht wusste, worauf diese Fragen abzielten und irritiert in die Runde blickte.

    „Wir sind zwar alles ältere Schachteln, bis auf Olanka, die mit ihren zweiunddreißig Jahren das Küken ist, doch leben wir nicht hinter dem Mond und nutzen modernste Errungenschaften. Wir waren nicht untätig und haben das Internet beratend herangezogen.“

    Ellen, die gerade einmal das Wort kannte und wusste, dass man dazu einen Computer benötigte, war schlichtweg platt.

    „Das Internet. Wegen meines Mannes?“

    „Ja richtig. Wir wollten, wir mussten uns rundum ein Bild von dem Manne machen, den wir hier beurteilen sollen. So half das Internet. Und was wir dort fanden, machte ihn bereits schuldig, auch ohne Deine privaten Beschuldigungen.“

    Ellen blickte in die Runde und hatte den Eindruck, dass alle von irgend etwas wussten, von dem sie selbst keinen blassen Schimmer hatte.

    „Schuldig an der Menschheit!“, sagte Josy streng.

    „An der Menschheit?“ wiederholte Ellen mechanisch.

    „Schuldig an der Menschheit. Wir wollten wissen, ob Du nicht von seinen Tätigkeiten wusstest oder sie sogar billigtest. Du hast uns glaubhaft gesagt, Du weißt nicht, was Dein Mann vertreibt, herstellt und vertreibt.“ War da ein Zweifel, den Ellen austreiben sollte? Warum so geheimnisvoll?

    „Nein, ich gebe zu, ich weiß es nicht.“

    „Ja, davon gehen wir aus. Hast Du jemals etwas vom Ottawa-Vertrag gehört?“

    „Nein.“ Für Ellen waren es böhmische Dörfer.

    „Weißt Du, dass durch die Produkte, die Dein Mann verantwortlich herstellt und vertreibt, jährlich zwanzigtausend unschuldige Menschen grausam verstümmelt werden, wenn nicht getötet, und dass hiervon ein Drittel Kinder sind? Sicherlich nicht. Dein Mann ist Geschäftsführer und Generalbevollmächtigter für Afrika, ein Kontinent, in dem es die meisten der erwähnten Opfer gibt und stellt ausgerechnet in Afrika die Waffe her, die die afrikanischen Kinder frisst!“

    „Waffen?“ rief Ellen, „Waffen stellt Harry her? Das glaube ich nicht!“

    „Es gibt keinen Zweifel, die Belege sind alle nachvollziehbar und für jeden zugänglich im Internet zu besichtigen. Und es sind keine Waffen im herkömmlichen Sinne für den Kampf Mann gegen Mann . . .“

    „Um Gottes Willen, was ist es denn?“ Ellen schlug die Hände vors Gesicht.

    „Minen. Landminen.“

    12 – Die Entscheidung

    Die Handgranate wog schwer in seiner Hand und Harry spürte die Riffelung der Oberfläche, die Kühle des Metalls, berührte den Zünder und konnte sie genau dem Herstellerland zuordnen, konnte die einzelnen Herstellungsschritte nachvollziehen, kannte alle möglichen Zünder, die hierzu verwendet wurden und wäre in der Lage gewesen, eine DINA4-Seite Details über Typ, Herstellung, Explosivkraft und Zerstörungsformat herunterzurasseln. Was sollte er mit einer solchen Handgranate? Dazu wie ein Geschenk, ein Überraschungsbonbon eingewickelt. Wollten sie, dass er -?

    Heillose Panik ergriff ihn. Wollte man das von ihm? Sein Puls rauschte und in seinem Hirn wiederholten sich ständig vier Silben. Kem-ba-re-le. KAMBARELE!

    Ich muss überleben, pochte sein Blut, ich muss es überleben und es ihnen zeigen!

    Er erinnerte sich plötzlich einer speziellen Situation. Sie waren über die Grenze nach Angola zum Jagen gewesen. Harry und sein Kumpel sowie zwei Schwarze als Führer. Sie hatten ihr Lager unweit der verminten Zone in der Nähe eines urzeitlich anmutenden, von einer dreißigköpfigen Sippe bewohnten Krals aufgeschlagen. Am Abend, Harry löffelte gerade seinen Nachtisch, hatten sie in der Ferne eine Detonation gehört, die Schwarzen waren unruhig aus ihrem Zelt gekommen. Da hatte Harry ihnen leichthin zugerufen: Kambarele! Es war doch nur eine Ziege im Minenfeld hochgegangen. Und Harry hatte seinen Kumpel angelacht. Kurze Zeit später hatte ein großes Geschrei angehoben unter der Sippe. Die Mine hatte keine Ziege zerrissen, sondern einen vierzehnjährigen Jungen, der als Bote zwischen befreundeten Krals unterwegs war und der sich bei zunehmender Dunkelheit in das Minengebiet verirrt hatte.

    Panik stieg in ihm hoch, wie Eiseskälte.

    Kambarele! Kambarele! KAMBARELE!

    Da schrillten die Glocken. Sie schrillten in einem ungewöhnlich hohen Ton. Alarm! Ein kreischender Ton, wie tausend Kreißsägen. Himmel, das konnte ja keiner aushalten! Harry war, als ob man ihm gellende elektrische Schellen an jedes seiner Ohren gebunden hatte, die unentwegt schrillten und schrillten. Er ließ das schwere Bonbon fallen und hielt sich mit seiner Linken sein linkes Ohr zu. Die Klingeltöne wurden um keinen Deut leiser, im Gegenteil, sie stiegen an zu einem unerträglichen Pfeifen. Trillerpfeifen in beiden Ohren! Unentwegt, immer weiter, ohne Pause.

    Harry hatte einen Hörsturz erlitten und hörte nun den Tinnitus. Dauerhaft, schrill und nervenzerreißend.

    Ihm war, als müsse er nur hier raus, um diesem schrillen Pfeifen zu entkommen. Raus, nichts wie raus und Wasser!

    Diese Scheißhand, die da hinter ihm gefühllos hing, war Schuld, dass er hier nicht wegkam! Er brauchte sich nur von der Hand zu lösen. Die Tür war offen! Draußen gab es Wasser, draußen war das Überleben. Und er wollte überleben. Es mussten die Schwarzen sein, die verdammten Schwarzen, die ihn hier eingesperrt hatten. Sie wollten sich rächen.

    Es war so ungerecht. Er hatte ihnen Waffen und Arbeit gebracht und sie wollten ihn töten! Er sollte verdursten oder sich in die Luft sprengen. Er würde ihnen ein Schnippchen schlagen. Er würde überleben! Wie ein Räderwerk arbeitete es in seinem Gehirn, sein Puls donnerte, überlagert von dem grauenhaften Pfeifen in seinen Ohren, dazwischen schrie es KAMBARELE, KAMBARELE!

    Es gab eine Lösung und er würde sie finden. Den Schwachpunkt erkennen! Der Schwachpunkt war seine verdammte, in Handschellen eingeklemmte rechte Hand. Gepeinigt von den fürchterlichen Geräuschen in seinem Kopf, sprang ihn die Lösung an. Er kicherte unwillkürlich. Das war’s! Hihi, wie einfach, wie himmelabgrundtief einfach! Sein Kichern hörte sich diabolisch an. Die Lösung war auch diabolisch. Diabolisch einfach, hihi. Er grabbelte nach der Granate, die zwischen seinen Bauch und die Matratze gerutscht war. Es fehlte nicht viel und er hätte sie geküsst!

    Scheiß doch auf die rechte Hand! Wenn ich nur hier raus komme! Raus hier! Wenn es die Hand nicht mehr gibt, kann ich mein Handgelenk aus der tödlichen Umklammerung ziehen. Hihi!

    In einer wundersam fröhlichen Stimmung, untermalt von gellendem Pfeifen und seinem absonderlichen Kichern überlegte er die nächsten Schritte. Lächelnd führte er die linke Hand spielerisch mit der Granate zu seiner rechten, gefühllosen Hand und prüfte, ob diese das Gewicht der Handgranate halten konnte. Sie war zwar taub, konnte sich trotzdem sicher um dies tödliche Ei schließen. Hihi! Die Hände überreichten einander die explosive Fracht. Hihi! Schritt eins.

    Schritt zwei: Er zog den Sicherungsstift aus der Handgranate und hielt seinen Daumen auf dem Auslöser fest.

    Halte schön! Halte still! Tu es so, wie ich es will!

    Er spürte nicht sein blödes Grinsen im Gesicht mit leichtem Irrsinn im Blick. Für ihn war es wie ein Spiel, ein irrwitziges Spiel mit dem Tod. Er wollte es, er würde es gewinnen.

    We are the champions, you are the looser!

    Harry sang. Nicht mit seinem Mund und mit Stimme. Diese war von seinem Durst verschluckt und seine Zunge war ein Klumpen, fest mit dem Gaumen verklebt. Er sang gegen das verfluchte Pfeifen in seinem Ohr und aus Gründen, weshalb ein Kind im dunklen Walde singt und pfeift, auch wenn er sich selbst gegenüber das nicht zugegeben hätte. Er sang, weil er gewinnen wollte und weil ihm so war. Er wusste instinktiv, dass er seine letzte Kraft in die nächsten Handlungen legen musste. Und sein angestrengtes Singen half ihm dabei.

    Trinke, Täubchen, trinke schnell, Trinken macht die Äuglein hell!

    Halte Däumchen, halte still, wie es Harry nun mal will!

    Für den nächsten Schritt benötigte Harry seine freie Linke. Damit und unter Mithilfe der Beine zog er die Matratze so weit über seinen Körper und Kopf, dass nur noch sein rechter Arm vom Ellenbogen aufwärts frei lag. Harry wunderte sich, dass er plötzlich sein Summen so laut hören konnte, da doch das durchdringende Schrillen in den Ohren so ungeheuer laut war. Er sang dagegen an.

    Alles war bereit, zum letzten Streich. Die rechte Hand war um die Handgranate gekrampft, der Daumen hielt. Die Matratze lag schützend auf seinem Körper und Harry hoffte, dass die Granate nicht die höchste Explosionskraft besaß. Er war bereit, breit grinsend und dachte an Rache.

    Da öffnete er den Daumen und sang bis fünf.

    Auf in den Kampf, To-re-he-he-he-ro!

    Das Letzte, was er vernahm, war das schrille, tödliche Pfeifen in seinem Ohr, dazu schrie es aus tausend Kehlen: KAMBARELE!

    Mit dem Echo eines unerhört lauten Knalles fiel er in einen tiefen dunkel Schacht.

    13 – Der Tatort

    Der kleine rote Lieferwagen fuhr langsamer, setzte den Blinker und fuhr in die Einfahrt. Vor dem Tor, das mit Maschendraht bespannt war, hielt der Lieferwagen an. Behäbig stieg ein Mann aus, ließ die Türe seines Fahrzeuges offen und ging auf das Tor zu. Er griff in seine Jackentasche und holte ein Schlüsselbund heraus, griff an die Kette mit dem Schloss daran, um es zu öffnen und stellte fest, dass es nur eingesteckt, aber nicht verschlossen war, dann stieß er die beiden Flügel auf und während diese zitternd an den Anschlag stießen und in sich schwingend offen stehen blieben, setzte er mit dem Wagen auf das Gelände und parkte vor einem flachen Gebäude. Neben anderen, verfallenen flachen Gebäuden gab es noch so etwas wie ein zweigeschossiges Haupthaus. Wie tote Augen blickten die scheibenlosen Fenster gespenstig auf den großen Innenhof.

    Der Mann schloss die Türe zum Gebäude auf, ließ die Tür offen stehen und ging hinein. Nach wenigen Minuten kam er mit einem Karton in der Hand wieder heraus, ging zum Wagen und öffnete die Ladetür. In dem Moment er sich hineinbeugte, um den Karton abzustellen, hörte er einen lauten, dumpfen Knall aus dem Haupthaus, als ob etwas im Innern detoniert wäre. Ruckartig fuhr der Mann herum und wäre fast gestolpert. Er blickte zum Haupthaus, von wo aus er den Knall gehört hatte, blickte aber nur in lauter tote Fensteraugen. Er ging ein paar Schritte ratlos auf das Gebäude zu, griff dann in seine Hosentasche und telefonierte mit einem Handy, legte bald wieder auf und wählte erneut, diesmal eine kurze Nummer.

    Als die Polizei kam, saß er auf der Ladefläche und rauchte eine Zigarette. Der Streifenwagen hielt neben ihm und die Beamten kamen auf ihn zu. Der eine Beamte hielt sich im Hintergrund, schaute auf seine Uhr, während der andere sich dem Mann näherte, der erst aufstand, als der Polizist knapp vor ihm war.

    Der Polizist legte einen Finger an den Mützenschirm.

    „Sie haben eine Explosion gemeldet?“

    „Ja.“

    „Wie heißen Sie?“ Sorgsam nahm der Polizist die Daten auf. „Und wo soll diese Explosion stattgefunden haben?“

    Der Mann deutete auf das größere Gebäude.

    „Und das war, kurz bevor Sie bei uns anriefen?“

    „Ja.“

    „Und Sie waren auch erst kurz vorher hier eingetroffen? Ist Ihnen irgend etwas aufgefallen? Haben Sie irgend jemanden gesehen?“

    Der Mann verneinte. Er vergaß sogar mitzuteilen, dass das Tor nicht verschlossen war, als er es aufschließen wollte. Doch das sollte er später nachholen. Jetzt schaute er zu, wie die beiden Polizisten zum Hauptgebäude gingen und in der offen stehenden Türe verschwanden. Er setzte sich wieder auf seine Ladefläche und zündete sich eine neue Zigarette an.

    Die beiden Polizisten erschienen wieder, als er fast aufgeraucht hatte. Der eine rannte zum Polizeifahrzeug, der andere kam schnellen Schrittes auf den Mann zu.

    „Was ist los?“, fragte der Mann.

    „Sie müssen hier bleiben, bis die Kripo mit Ihnen gesprochen hat!“

    „Ja, was ist denn?“

    „Herr Schirmberg, das werden Ihnen andere mitteilen. Bleiben Sie, wo Sie sind!“

    „Ja, aber -“

    „Nichts aber!“ Der Polizist ging zu seinem Kollegen, der bereits telefonierte.

    Herr Schirmbach holte sein Handy hervor und sprach hinein: „Ich kann jetzt nicht kommen. Ja, die Polizei braucht mich noch. Hier muss etwas Schreckliches passiert sein!“

    • Als Hauptkommissar Zoller den Ort erreichte, waren die Untersuchungen noch im Gange. Er ließ sich zunächst im Groben von den Beamten des Funkwagens schildern, was sie entdeckt hatten, bevor er sich dem immer noch rauchenden Zeugen zuwandte. Der saß auf seiner Ladefläche und schaute zu, wie Zoller auf ihn zukam. Er sah einen gutgebauten Mann mit kurzgeschorenen grauen Haaren, schwarzem Pullover unter einem beigen Jackett und schwarzer Hose. Elegant bis sportlich, dachte Herr Schirmbach, genau so sahen die Kriminalkommissare im Fernsehen immer aus. Dass sie wirklich so aussehen konnten, erstaunte ihn.

    Kurz bevor Zoller vor ihm stand, erhob er sich.

    Zoller sah ihm in die Augen. „Sie sind Herr Schirmberg? Mein Name ist Zoller, ich untersuche den Fall.“

    Sein Gegenüber nickte. „Was ist denn eigentlich geschehen? Mir sagt keiner was.“

    „Darf ich sie zunächst fragen, was Sie hier taten und was Sie hörten?“

    „Na ja, ich habe hier noch ein Lager und wollte noch Reste herausholen. Das Gelände hier wird ja demnächst planiert und es soll ein neues Gewerbegebiet entstehen. Ja und da hörte ich einen Knall, wie von einer Explosion. Er kam aus diesem Gebäude.“ Er wies mit der Hand auf das verfallene Haupthaus, vor dessen Eingang inzwischen diverse Fahrzeuge standen. „Aber gesehen habe ich nichts und niemanden.“

    „Sie waren also alleine auf dem Parkplatz, sie haben kein anderes Fahrzeug gesehen?“

    „Nein, ich bin eigentlich der Letzte, der hier noch auf das Gelände kommt, alle sind schon längst raus. Und ich will die Tage auch räumen.“

    „Können Sie mir über die Mieter im Keller des Haupthauses etwas sagen?“

    „Nun, da war die Reifenfirma, aber die sind schon lange weg. Und dann waren einige Räume als Probenräume für eine Band und eine Beratungsstelle für Südafrikaner. Aber die haben auch längst geräumt. Was ist denn passiert?“

    „Sie haben es richtig erkannt, es hat eine Explosion stattgefunden, in einem der Kellerräume. Sie selbst waren nicht zufällig heute in dem Gebäude?“

    „Ich? Nein, was sollte ich denn da drin? Ist doch nur Schrott!“

    „Also wussten Sie, wie es darinnen aussah?“

    „Ja, ich war vor Wochen einmal dort, die Neugier, Sie wissen?“

    „Und? Ist Ihnen damals oder in der Zwischenzeit irgend etwas aufgefallen?“

    „Nö, hat mich nicht interessiert.“

    Zoller blinzelte in die warme Herbstsonne. „Gut, Ihre Daten haben wir ja. Und falls Ihnen doch noch etwas einfallen sollte, melden Sie sich.“ Damit gab er ihm eine Visitenkarte und wandte sich zum Gehen.

    „Aber was ist denn passiert?“, rief ihm Herr Schirmberg nach.

    „Etwas Scheußliches!“, rief Zoller zurück.

    Herr Schirmberg verzog das Gesicht, trat die Zigarette aus, schlug die Ladetür zu und fuhr langsam dem Ausgang entgegen. Da er mit einem Auge die Aktivitäten vor dem Haupthaus verfolgte und den Kopf danach verrenkte, bemerkte er nicht, dass er die Ausfahrt deutlich mittig nahm. Ein plötzliches Hupen ließ ihn so abrupt auf die Bremse treten, so dass er den Wagen abwürgte. In dem Pkw, der schräg vor ihm in der Einfahrt stand, sah er hinter der Windschutzscheibe zwei Gesichter leuchten. Nervös ließ er den Wagen wieder an und rauschte fort.

    In dem Wagen, der nun die Einfahrt hinauffuhr, saß der schwergewichtige Fritz Wanzke, Oberkommissar und Assistent von Zoller sowie eine junge, kindlich wirkende Frau, eine schwarze Wollmütze über ihren Kopf gezogen, der zur Gänze die Haare verbarg. Nur die hellblonden Augenbrauen und der Flaum an ihrem Hals ließen schließen, welche Haarfarbe sich unter dem schwarzen Turban verbergen mochte.

    „Volltrottel!“, rief Wanzke dem Lieferwagen hinterher.

    „Kann doch jedem mal passieren“, sagte seine Beifahrerin.

    „Hast du überhaupt schon einen Führerschein?“, fragte Wanzke.

    „Sicher, seit ich achtzehn bin.“

    „Und seit wann bist du achtzehn?“

    „Seitdem ich mein siebzehntes vollendet habe“, kam es schnippisch zurück.

    „Fräulein Radka! Etwas mehr Respekt, bitte!“, zwinkerte Wanzke ihr zu.

    „Respekt kann man nicht einfordern, Respekt muss man sich verdienen!“, zitierte Radka kess.

    Wanzke musste zugeben, dass er hierauf keine Antwort hatte.

    Als sie vor dem Haus hielten, wollte Zoller gerade im Haus verschwinden. Wanzke hupte. Zoller drehte sich zu ihnen und empfing sie lächelnd mit: „Ah, unsere Praktikantin mit ihrem Assistenten. Aber bitte Fritz, lass mich erst einmal alleine schauen gehen. Nach dem, was ich gehört habe, ist es nichts für junge Damen. Sei so gut, und passe noch ein Weilchen auf unseren Schützling auf.“

    Radka machte einen Schmollmund und suchte sich ein Plätzchen in der Sonne und hielt ihr junges Gesicht den Strahlen entgegen, Wanzke ging zu einem uniformierten Kollegen und ließ sich über den Sachstand informieren.

    Als nach einiger Zeit Zoller wieder auf dem Parkplatz auftauchte, hatte er Sorgenfalten um die Augen, ging auf Wanzke zu und sagte: „Das ist nichts für eine Praktikantin. Das ist schon ein harter Brocken für unsereins. Komm, lass uns ins Büro fahren und auf die Untersuchungsergebnisse warten, hier gibt es nichts zu tun.“

    „So schlimm?“

    „Schlimmer.“

    14 – Nach dem Urteil

    Hätte Harry ihr erzählt, er stelle Kinderspielzeug her oder Damenstrümpfe, Ellen hätte es genauso hingenommen, wie den Begriff ‚feinmechanische Teile’ für das, was er wirklich herstellte und was nur eine Art bösartiger Täuschung darstellte, um nicht gegen die Ächtung der Ottawa-Konvention zu verstoßen, die Personenminen ächtete und deren Herstellung und Vertrieb verbot. Doch da sich Großmächte wie die USA, Russland und China nicht dieser Konvention angeschlossen hatten, kleinere Länder wie Pakistan und Indien die Führung auf dieser Industrie zu übernehmen angetreten waren, mussten die deutschen Hersteller von Personenminen zusehen, wie sie in dem außerordentlich lukrativen Geschäft blieben, ohne gegen die unterzeichneten Verträge zu verstoßen. Einfache Minen ließen sich für ein paar Dollar herstellen, Hitec-Minen für wenige Dollars mehr. Also fanden sie Fantasiebegriffe für hochgezüchtete Minen, die genauso auf einen Panzer wie auf einen Schulbus, auf einen Soldaten ebenso wie auf eine Ziege oder ein Schulkind reagierten.

    Sie hatte es nicht gewusst. Oder nicht wissen wollen. Aber woher hätte sie es erfahren sollen? Die Kollegen, die ab und zu bei ihnen zu Besuch waren, sprachen über alles andere als darüber, eher über die Hitze in Afrika und die Safaris und die Minderwertigkeit der Bevölkerung, aber niemals über dies brisante Thema.

    Sie hatte es nicht wissen können. Und hätte sie es gewusst, was hätte sie getan? Was hätte sie tun können? Sie wäre nicht imstande gewesen zu erkennen, dass es unrecht wäre. Harry hätte ihr erklärt, dass alle Welt Minen herstellt und dass sie benötigt würden und sie hätte es geglaubt. Was wusste sie, Ellen, schon von der Welt, von der großen Schuld, von der großen Ungerechtigkeit. Sie hatte genug zu tun mit der eigenen Unzulänglichkeit, mit dem Unrecht, welches sie direkt umgab. Die großen Probleme der Welt waren zu viel für ihre Schultern, zu viel für ihren kleinen Kopf. Und doch war sie vor Scham fast vergangen, als man ihr die Schuld ihres Mannes aufgezeigt hatte. Sie hatte sich übergeben müssen, als sie diese unfassbare Wahrheit erfahren hatte.

    Ellen war froh, als sie im Dunkeln heimkam und ihr Mann noch nicht da war. Sie wusste nicht, wie sie ihm jetzt, mit diesem Wissen begegnen sollte. Sie wusste nur, dass sein Handeln zu verurteilen war und er verurteilt wurde. Sie hatte gehofft, frei und erlöst nach Hause zurückzukehren, stattdessen war sie beschwert mit einer für sie zu großen Last.

    Die Frauen hatten sich rührend um sie gekümmert, allen voran Erika, die sie nach Hause begleitet hatte wo sie noch zusammen einen Kaffee tranken. Dann bat Ellen, sie alleine zu lassen. Ja, sie würde anrufen, wenn sie sie benötigte.

    Als Erika gegangen war, legte sie sich die Karten.

    Die Karten sagten, dass die unangenehme Überraschung weiter gehen würde. Ellen war fest davon überzeugt.

    Am nächsten Tag wachte sie auf und war sicher, dass etwas Furchtbares geschehen sei. Ihr Mann war nicht gekommen, das Bett war unberührt, die Garage leer.

    Obwohl dieser Herbsttag an Glanz und Wärme den vorangegangenen bei weitem übertraf, schienen Ellen dunkle Wolken am blauen Himmel zu ziehen und die Sonne fahl am Himmel zu stehen. Sie fröstelte. Noch während sie Kaffee kochte, rief sie Erika an und bat sie zu kommen. Erika kam sofort.

    Es war nicht sosehr die Abwesenheit ihres Mannes, die Ellen verunsicherte, als dieses Bauchgefühl, welches sie auch nach einem kleinen Frühstück nicht verließ. Es war durchaus etwas geschehen, wovon aber beide Frauen, die in der Küche beisammen saßen, nichts ahnen konnten.

    Als es zehn Uhr war, rief Ellen in der Firma ihres Mannes an und wollte mit ihm verbunden werden. Es war nicht das erste Mal, dass er nachts nicht nach Hause gekommen war und das war es ja auch nicht in erster Linie, was sie verunsicherte. Die Sekretärin sagte, ihr Mann sei bisher noch nicht erschienen und es stünden einige Termine an, die er wahrnehmen wollte. Gut, dachte Ellen, dann wird er noch auftauchen.

    Erikas Anwesenheit wirkte erfrischend auf sie und die beiden Frauen entschieden sich, den Tag miteinander in der Stadt zu verbringen, etwas Bummeln, vielleicht einen Film ansehen, einfach relaxen.

    Ellen legte sich etwas beklommen die Karten.

    Sie verhießen nichts Gutes.

    15 – Erste Überlegungen

    Wäre ein Fremder in das Büro Zollers gekommen, er hätte vermuten können, dass eine allgemeine Lese-Epidemie ausgebrochen sei. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Alle Nasen waren über Akten gebeugt, die Mienen waren ernst, bei Zoller deutete eine senkrechte Falte über der Nasenwurzel wie ein Ausrufezeichen auf die volle Konzentration, bei Fritz Wanzke wölbten sich im Gegensatz dazu Querfalten über die Stirn. Kommissar Ralf Schneider stand lässig in der Tür, las aber mit starrem Blick gebannt seinen Bericht. Auf dem Besuchersessel räkelte sich Radka und schien von einem Vorgang auf ihrem Handy voll in Besitz genommen. Einzig die Tastenklicks unterbrachen die Stille des Momentes.

    Zoller schlug seinen Aktendeckel zu und sagte: „Unfassbar!“ Er blickte zu Wanzke, der ihm gegenüber auf einem Stuhl saß und immer noch vertieft seinen Bericht las. Zoller drückte seinen Rücken durch und machte einige Lockerungsbewegungen mit den Armen.

    Schneider stieß sich von der Türe ab, ging zu Zollers Schreibtisch und legte mit einem bedeutsamem „Hm!“ seine Berichtsmappe offen vor Zoller hin. Zoller warf einen kurzen Blick darauf, erhob sich, ging zum Fenster und machte es auf.

    „Ihr habt doch nichts dagegen?“ Auf diese rhetorische Frage kam natürlich keine Antwort. Es war Zollers Büro, er konnte hier schalten wie er wollte, andererseits hatte niemand etwas gegen frische Herbstluft und die Sonne schien so freundlich in den Raum hinein, möglicherweise wollte sie die Anspannung dadurch etwas lösen.

    Als auch Wanzke seine Mappe schloss und aufstand, blickten sich die drei Männer an und sahen auf die im Sessel eingerollte Radka. Sie hatten alle den gleichen Gedanken.

    Als ob sie eben diesen hätte lesen können, fragte Radka, die immer noch ihre Wollmütze über dem Kopf trug: „Ihr wollt mich schonen, stimmts? Der übliche Vaterkomplex.“ Damit drehte sie sich zu den Männern um. Die drei schauten sich ertappt an, dann sagte Zoller: „Ja, du hast recht. Schließlich bist du in der Ausbildung, eine Praktikantin, und keine voll belastbare Kollegin.“

    „Woraus schließt du das? Nicht voll belastbar!“ Keckheit war nun einmal eine ihrer hervorstechenden Charaktereigenschaften, das hatten die Männer bald mitbekommen. „Immerhin war ich schon beim Brand und habe verkohlte Leichen gesehen!“, schmollte sie. Sie meinte damit, dass sie als Praktikantin bereits sechs Wochen im Dezernat für Branddelikte mitarbeiten durfte und abgehärtet genug sei für alle Härten des Kriminalalltags.

    „Also gut,“ sagte Zoller, „Du darfst bleiben.“

    „Das ist ja wie früher daheim, wenn Vater sagte, ist gut, du darfst noch eine halbe Stunde Fernsehen.“

    Zoller überhörte den Satz und rief:

    „Auf, Männer, dann wollen wir einmal!“

    Die Männer standen auf und ein jeder schien seine Handgriffe zu wissen.

    Radka hatte sich durchaus angeboten, bei den Vorbereitungen zu helfen, aber alle hatten dankbar abgelehnt und so schaute sie zu, wie die Männer eine Flip-Chart aufstellten, Stühle und Tische bereit rückten, das Epidiaskop einrichteten. Sie hatte sich besonders klein gemacht, die Beine angezogen und mit den Armen umschlungen auf ihrem Sessel, und so verkleinert, beobachtete sie als kleines verschnürtes Päckchen, das Kinn ihres wollmützenbedeckten Kopfes auf die Knie gestützt, die Aktivitäten um sie herum und ihre Mimikry funktionierte, denn keiner der Männer nahm sie offensichtlich wahr.

    „Was haben wir vorgefunden?“, stellte Schneider die Aufmerksamkeitsfrage. Während er weitersprach, warf er mit Hilfe des Episkops entsprechende Fotos aus verschiedenen Blickwinkeln auf die aufgespannte Leinwand. „Eine männliche Leiche, Ende vierzig, Anfang fünfzig in einem Kellerraum, mit einer Verstümmelung der rechten Hand. Der Mann war nur mit Hose und Hemd bekleidet und hatte sich sehr verschmutzt. Offenbar wurde er längere Zeit in diesem Raum gefangen gehalten. Genaueres erfahren wir, wenn die KTU die Spuren ausgewertet hat. Am besten schildert Hartwig mal, was er mit eigenen Augen gesehen hat.“

    „Als wir ihn auffanden“, schaltete sich Zoller ein, „lag er auf dem Rücken, von seiner Matratze verdeckt, als ob er sich verstecken oder man ihn darunter verbergen wollte. Seine rechte Hand war vom Arm abgetrennt, es scheint so, als ob diese Abtrennung von einer Explosion verursacht wurde. Hier erwarte ich von der Pathologie genauen Aufschluss. An einer Wand hingen an einem Heizungsrohr Handschellen, mit denen das Opfer wohl gefesselt war. Diese Wand war von Explosionsspuren und Blut bespritzt. Der Raum war ohne Lüftung und es stank erbärmlich, besonders nach verbranntem Fleisch und nach Fäkalien. Man hatte den Mann aller persönlichen Dinge entledigt, also auch Uhr und Ehering waren abgezogen, es gab keine Schuhe, kein Gürtel, keine Decke.“

    „Sieht aus wie verschärfte Einzelhaft“, warf Wanzke ein.

    „Richtig“, sagte Zoller, „wir fanden auch nur eine leere Wasserflasche aus Plastik in einer Ecke. Seine Brille war zerbrochen und lag unter ihm, dann fanden wir noch zwei gelbe Papierschnipsel mit Buchstaben darauf. Die KTU setzt sie gerade zusammen.“

    „Woraus schließt ihr, dass er längere Zeit in dem Raum war?“ kam es keineswegs zaghaft aus der Richtung des Sessels mit dem verschnürten Päckchen. Alle drei hatten ihre Praktikantin vergessen und blickten sie nun verdutzt an.

    „Anhand des Verschmutzungsgrades, genauer gesagt, Stuhl- und Blasenentleerung kann man schon auf die Verweildauer schließen“, antwortete Zoller ruhig.

    „Sind denn Lebensmittel, sprich Essensreste gefunden worden?“ Wie selbstverständlich hatte Radka sich eingebracht und mit dieser Frage sogar Spürsinn bewiesen. Hierauf konnte keiner antworten. Zoller sagte schließlich: „Die genaue Spurenanalyse ist noch im Gange. Aber guter Hinweis.“

    „Andererseits kann man diese Reste auch entsorgt haben, bei jedem Besuch“, überlegte Wanzke, „immerhin, alle Anzeichen deuten auf eine Entführung mit anschließender Hinrichtung.“

    Schneider warf ein: „Die genaue Todesursache wird uns noch mitgeteilt. Die pyrotechnische Untersuchung ergab, dass die Explosion nicht allzu heftig war, also unterhalb der Zerstörungskraft dieses Typs Handgranate lag. Worum es sich genau handelte, wird die genaue Analyse zeigen müssen.“ Schneider hatte die Mappe mit den Untersuchungsergebnissen zu Rate gezogen und klappte sie wieder zu.

    „Also zunächst müssen wir erst einmal herausfinden, wer das Opfer ist. Gibt es eine Vermisstenmeldung, die mit ihm übereinstimmt? Erst dann können wir uns Gedanken um das Motiv machen. Dann wäre es wichtig herauszufinden, wer Zugang zu diesem Keller hatte. Laut dem einzigen Zeugen gab es nämlich keine legitimen Nutzer, alle Mieter waren bereits ausgezogen. Doch genau da müssen wir ansetzen.“

    „Warum hat man ihm die Schuhe ausgezogen?“ kam die Stimme aus dem Sessel. Zoller drehte sich zu ihr, sah sie einen Augenblick ruhig an, bevor er sagte: „Liebe Frau Tschechowa, wir wissen ihr fruchtbares, eigeninitiatives Mitdenken durchaus zu schätzen, wir sind keiner Kreativität abgeneigt, die uns hilft, die Folgerichtigkeit verbrecherischen Denkens und Handelns aufzuklären und die nicht immer leicht zu findenden Verwicklungen in einem Falle aufzulösen; doch hilft die intuitivste Kreativität nicht, wenn sie nur dazu dient, einen sich in Ordnungswillen befindlichen Geist in seinem Gedankenablauf zu stören.“ Zoller blickte ernst auf Radka, die immer kleiner in ihrem Sessel geworden war. Schneider und Wanzke schauten sich an. Noch nie hatten sie ihren Chef derartige Worte absondern hören. Was, bitte schön,  war in ihn gefahren, und was, um Gottes willen, wollte er nur damit sagen?

    „So oder ähnlich hätte es unser Kriminaldirektor ausgedrückt“, lächelte Zoller Radka an, „was ich damit sagen wollte ist, du hast eine prima Frage zur falschen Zeit gestellt. Wir waren gerade dabei, einen Ablauf für die nächsten Schritte zu finden, uns zu organisieren. Nichtsdestotrotz sind solche Fragen wichtig und müssen gestellt und beantwortet werden. Schreib sie dir auf!“

    Dann wandte er sich seinen Kollegen zu. „Ralf, du wirst den derzeitigen Besitzer des Grundstückes nach den ehemaligen Mietern befragen, wer noch Zutritt auf das Gelände hatte und wie das mit den Schlüsseln steht. Fritz, schnapp dir unsere bezaubernde Radka und versucht herauszufinden, wer in den letzten Wochen als vermisst gemeldet wurde und auf wen die Beschreibung passen könnte. Und jetzt will ich euch die nächste Stunde nicht sehen!“

    16 – Ellen macht sich Sorgen

    Am Freitag Nachmittag, Erika und Ellen waren gerade an der Friedrichstrasse und dort in den touristischen Läden in den Stadtbahn-Bögen, wo Durchgänge von Laden zu Laden führen, ohne dass man die Straße benutzen musste. Herrliche Antiquitäten, Bronzen, Kristallgläser, Kirschbaummöbel, Statuetten standen zum Verkauf und verlockten die Augen zum Schwelgen. Als sie wieder auf die Straße traten, kam ein junger, leicht abgerissener, bärtiger Mann auf sie zu und fragte, ob sie ihm nicht etwas Geld geben könnten, er hätte Hunger. Erika wandte sich brüsk ab, doch Ellen hielt sie fest, und sagte zu dem Mann: „Sie haben Hunger? Ja, gerne gebe ich Ihnen etwas. Etwas zu Essen, kommen Sie, ich lade sie ein, hier gleich in dieses Lokal, wenn’s recht ist. Suchen Sie sich etwas aus, ich werde bezahlen und sie können in Ruhe essen!“

    Überrascht ging der Mann einige Schritte mit Ellen auf das Restaurant zu, blieb dann abrupt stehen und sagte: „Liebe Frau, ich habe es mir durch den Kopf gehen lassen. Wenn ich mich jetzt da hinein setze und esse, entgeht mir für diese Zeit mein Gewinn hier draußen. Es tut mir leid, aber ich muss so geschäftsmäßig denken.“ Er verbeugte sich leicht und zog ab. Er ließ die verblüffte Ellen zurück, die ihr Portemonnaie wieder einsteckte und irritiert zu Erika schaute. „Hast du das gehört?“ Erika nickte und sagte: „Ja, Betteln ist wohl ein harter Beruf, man kommt nicht einmal zu Essen.“

    Ein Stückchen weiter des Weges stießen sie auf den Kupfergraben, hinter dessen Kanalbrüstung das Pergamonmuseum hoch aufschoss, daneben das Neue Museum, gerade in Renovierung begriffen. Sie wandten sich nach rechts, wo ein weitflächiger Kunstmarkt die Straße an der Spree bevölkerte. Erika fiel die Nervosität bei Ellen auf, die ständig heimlich auf ihre Uhr schaute und mit ihren Gedanken woanders zu sein schien. Es war später Nachmittag. Plötzlich blieb Ellen stehen und sagte: „Ich mache mir Sorgen!“ Sie blieb stehen, holte ihr Handy aus der Tasche und sagte knapp zu Erika: „Das Büro.“

    Sie erfuhr von der Sekretärin, dass ihr Mann bis jetzt nicht erschienen sei, man habe alle Termine verlegt, ob sie, seine Ehefrau nichts näheres wüsste. Ellen bedauerte, steckte ihr Handy weg und sah Erika ernst an. „Hat es schon begonnen?“

    Erika schaute sie verständnislos an und fragte: „Was?“ „Na, die Bestrafung.“

    „Aber Ellen! Wir haben doch erst gestern das Urteil gesprochen. Was denkst du denn?“

    „Dass ihr ihn schon -“

    „Aber nein! So schnell schießen die Preußen nicht!“

    „Aber er ist verschwunden!“

    „Du hast doch selbst gesagt, dass er manchmal ein paar Tage lang verschwunden war.“

    „Aber nicht nach so einem Urteil!“

    „Liebes, was sollten wir den in der kurzen Zeit unternommen haben? Also nein, da überschätzt du uns. Meinst du nicht, dass er sich einfach eine Auszeit genommen hat?“

    „Er ist Geschäftsmann. Er würde nie einen Termin sausen lassen, wenn es um Geld geht.“

    „Wie unser hungriger Freund eben?“

    Nach einer Pause fragte Ellen verschämt: „Meinst du, ich soll zur Polizei gehen?“

    Erika dachte nach. „Es ist noch zu früh. Ich glaube, die Polizei nimmt erst eine Anzeige nach vierundzwanzig Stunden auf.“

    „Aber das ist ja bald.“

    „Also ich würde noch ein, zwei Tage warten damit. Vielleicht ist er mit Freunden unterwegs.“

    „Sollen wir vielleicht doch einmal Hedwig anrufen, ob sie nicht doch -“

    „Quatsch! Du warst doch dabei, als wir überlegten, wie wir ihn zu bestrafen denken. Das geht doch nicht sofort! Komm, lass uns in ein Kino gehen!“

    Ellen folgte Erikas Vorschlag und sie sahen sich eine furchtbar Schnulze an, ohne großen Inhalt, dafür reichten aber ihre Papiertaschentücher nicht hin.

    Nach dem Kino gingen sie in eine Bar Unter den Linden. Da fragte Ellen schüchtern: „Wie war das mit deinem Ehemann, habt ihr ihn auch -?“

    Erika musste lachen, über die zarte Frage und den ängstlichen Blick aus Ellens verweinten Augen.

    „Alles zu seiner Zeit“, sagte sie und blickte in eine weite Ferne. Als der Blick wieder zurückkam, fragte sie: „Soll ich heute Nacht bei Dir bleiben?“ Ellen schnupfte ein leises „Ja.“

    Am nächsten Tag, es war Samstag, hatte Ellen die Geduld verloren und rief in der Villa Sagitta an. Hedwig war am Apparat. Verunsichert sagte Ellen: „Ja, hallo Hedwig, hier ist Ellen. Bitte sei nicht böse, wenn ich dir eine Frage stellen muss, aber ich bin so in Sorge um Harald, Harry, meinen Mann.“ Nach kurzer Pause sprach sie weiter: „Er ist verschwunden! Ich wollte nur fragen, ob ihr vielleicht -“ Hier wurde sie offenbar unterbrochen und sagte nur noch: „Ja, ja. Ach so. Ja.“

    Erika fragte Ellen, was Hedwig gesagt hätte.

    „Sie wusste auch nichts. Sie sagte, ich solle ihn ausfindig machen, zur Not die Polizei einschalten, sie müssten schließlich auch erfahren, wo er sei, um – nun, du weißt schon.“

    „Ellen, du sorgst dich ja derart um deinen Mann, als ob du ihn nicht mehr loswerden wolltest. Was ist los?“

    Nach einigen Sekunden des Nachdenkens antwortete Ellen: „Es ist nur die Ungewissheit.“

    Den Sonntag verbrachten die beiden Frauen gemeinsam in Ellens Haus. Am Montag begleitete Erika Ellen auf dem Weg zur Polizei. Ellen gab eine Vermisstenanzeige auf. Die Beamten der Polizeiwache taten sehr ernsthaft, doch war ihnen anzumerken, dass sie das Verschwinden eines Geschäftsmannes über ein Wochenende auf andere Gründe zurückführten, als von der Ehefrau angenommen. Sie musste alle möglichen Fragen beantworten wie die, ob sie Streit gehabt hätten, ob sie von einer Freundin ihres Mannes wüsste und ähnliche mehr. Sie überzeugte den Beamten, dass er selbst im Büro von Harry anrufen sollte. Der tat es und erhielt dieselbe Antwort wie Ellen am frühen Morgen.

    Harry blieb verschollen.

    17 – Zoller

    Wanzke trat zu Zoller ins Büro. Er atmete schwer, da er einige Treppen hatte steigen müssen,.

    „Hier ist die Liste der vermisst gemeldeten Personen der letzten vierzehn Tage, einmal aus Berlin und einmal bundesweit“, schnaufte Wanzke.

    Zoller schaute ihn scharf an. Wanzke glaubte schon, er hätte irgend etwas falsch gemacht, als sein Vorgesetzter ihn fragte: „Wo ist Deine Chefin?“

    Die aufziehenden Wolken auf der Stirn von Wanzke glätteten sich schlagartig, er setzte gerade zu einer Antwort an, da ging mit lautem Knall die Türe auf und Radka erschien.

    „Schon da, hab ich was verpasst?“

    „Nur die Frage an Deinen Assistenten, wo seine Chefin bleibt.“

    „War nur kurz bei Sascha in der Pyro. Habe den Bericht über den Knallkörper, diese Eierbombe.“ Sie wedelte mit einem Blatt Papier.

    „Handgranate, Eierhandgranate.“ Wanzke berichtigte sie.

    „Jawoll!“ Radka stand stramm.

    „Und?“, fragte Zoller.

    „Noch nicht gelesen.“ Damit reichte sie den Bericht an Zoller weiter, der ihn überflog und kurz nickte. „Also zuerst die Vermissten. Wie sieht es aus?“

    „Bundesweit gibt es in den letzten zwölf Tagen vierunddreißig Vermisstenanzeigen“ begann Wanzke. „In Berlin haben wir es in dieser Zeit mit sieben zu tun. Die Frauen kann ich ja weglassen, bleiben vier Männer in Berlin. Einer, fünfzehn Jahre, kommt nicht in Frage, der andere ebenso wenig, der ist zweiundsiebzig und aus Bonnies Ranch entflohen.“

    „Bonnies Ranch?“ fragte Radka.

    „Die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Wittenau“, half Wanzke nach.

    „Ne Klapse?“

    „Richtig.“

    „Da gehört eher der hin, der unserem Opfer das angetan hat“, richtete Radka altklug. Schneider trat leise aus dem Nebenbüro dazu.

    „Dann bleiben zwei vermisste Männer aus Berlin, die in Frage kämen. Der eine ist allerdings erst gestern vermisst gemeldet worden, der andere vor vierzehn Tagen, beide Ende vierzig, Anfang fünfzig.“

    „Das passt schon eher. Laut Gerichtsmedizin muss er das Alter gehabt haben. Wer sind die beiden?“

    Wanzke schaute in die Papiere. „Der gestern vermisste ist Geschäftsmann, der andere ein frühpensionierter Staatsanwalt.“

    „Angehörige?“

    „Beide sind verheiratet.“

    „Hallo! Ein Staatsanwalt. Ein ideales Opfer! Da geht es bestimmt um Rache.“ Radka, die bemerkt hatte, dass sie wieder einmal vorlaut war, zupfte verlegen an ihrer Wollmütze.

    Hier schaltete sich Schneider ein: „Nicht übel, es liegen nämlich keinerlei Erpressungsschreiben vor. Derzeit“, konzedierte er.

    „Gut,“ sagte Zoller und sah Schneider an „und was brachten Deine Ermittlungen?“

    „Nichts. Alle Mieter des Geländes haben rechtzeitig geräumt, alle Schlüssel wurden abgegeben, nur der letzte, der Herr Schirmberg, hatte noch Zugang. Das Haus stand schon vier Wochen oder länger leer.“

    Keiner bemerkte, wie Radka sich aus dem Raume schlich. Zoller hatte gerade das Fenster geöffnet, um Herbstluft einzulassen und blickte hinaus.

    „Dann fassen wir noch einmal zusammen: Einer hatte Zugang zum Gelände, das ist Herr Schirmbach. Hätte er etwas mit dem grausigen Mord zu tun, hätte er ihn wohl nicht gemeldet.“

    „Außer, er fühlte sich beobachtet und hat uns deshalb informiert.“

    Zoller blickte weiterhin zum Fenster hinaus, während er redete, wandte sich nur ab und zu in den Raum: „In dieser Abgelegenheit, am äußersten Rande der Stadt, auf einem Abrissgelände – wer sollte ihn da beobachten. Die Straße ist weit weg, nur wenige bewohnte Gartenhäuschen in der Nähe und wenn er es darauf angelegt hätte, nicht gesehen zu werden, warum sollte er tagsüber die Explosion auslösen? Er scheint mir sehr unverdächtig. Also was haben wir? Einen Raum im Souterrain eines verlassenen Gebäudes. Darin befindet sich ein Toter, der nicht an den Verletzungen durch die Detonation ums Leben kam, sondern, wie ich hier lese, an Herzschlag. Die Explosion hat ihm lediglich die rechte Hand zerfetzt. Allerdings litt er unter außerordentlicher Dehydrierung, also Wasserverlust. Dem entspricht nicht die umgefallene, leere Wasserflasche aus Plastik, die wir fanden, allerdings ohne jede Fingerspuren. Dann gab es zwei gelbe Zettel, die einmal zusammengehörten mit einer Aufschrift, die jetzt entziffert wurde, aber deren Bedeutung noch unklar ist: KAMBARELE. Sagt einem von euch dies Wort etwas?“ Als Zoller in den Raum blickte, bemerkte er das Fehlen ihrer vorlauten Praktikantin.

    „Wo ist unser Fräulein Tschechowa eigentlich? – Nun gut, zunächst müssen wir die Identität des Opfers klären. Schneider kommt mit mir zur Frau des Staatsanwaltes, Wanzke, du nimmst dir deine Expertin, wenn du sie findest und ihr besucht die Frau des Geschäftsmannes. Vergesst nicht das Foto des Toten.“

    Lautlos öffnete sich die Türe im Hintergrund.

    „Hab ich was verpasst?“ Radka machte einen Schmollmund.

    „Nein, nur meine Frage, wo du steckst?“

    „Kurz mal den Entsafter aufgesucht.“

    Die Männer schauten sie fragend an.

    Sie nahm eine kindlich-verlegene Stellung an und berlinerte: „Na ja, ick war mal kurz für kleene Meechen.“

    18 – Ellen bekommt Besuch

    Nachdem Ellen gestern die Anzeige bei der Polizei aufgegeben hatte, fühlte sie sich besser und hatte Erika nach Hause geschickt. Sie überlegte und kam zu dem Schluss, dass ihr Mann durchaus Gelegenheit hatte, Zeit mit anderer Frauen zu verbringen. Wie oft kam er nicht wie üblich nach Hause, wie oft hatte er angerufen, er käme später oder müsse noch da und dorthin. Sie hatte sich daran gewöhnt, alleine zu sein. Ihr Sohn war, sobald er das Internat mit summa cum laude bestandenem Abitur verlassen hatte, von Harry in die USA nach Boston auf die Universität geschickt, natürlich nicht ohne achtwöchige Ferien in Florida, von denen Ellen drei Wochen ihren Sohn begleitet hatte. Sie war das erste Mal in den USA gewesen und hatte sich ungeheuer gefreut, diese Zeit mit ihrem Sohn verbringen zu können. Das war vor vier Jahren. Ihr Sohn war ihr sehr erwachsen vorgekommen, beherrschte die englische Sprache, wie sie es nie können würde, war entscheidungsfreudig und kommunikativ. Manchmal dachte sie, das könne nicht ihr Sohn sein, der junge Mann, gewandt und mit einem ihr Angst machenden Intellekt ausgestattet. Er hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er dies Studium allein für seinen Vater mache und um selbst so viel wie möglich zu lernen, seine Ziele lägen auf anderem Gebiet als auf dem Anhäufen von Wissen in Internationalem Recht. Er hatte neben Jura auch andere Fächer belegt, Medienwissenschaft zum Beispiel, sie müsse es seinem Vater ja nicht auf die Nase binden.

    Ellen war gerade dabei, die Reste ihres Frühstücks wegzuräumen, als die Türglocke ging.

    Harry, zuckte es durch ihren Kopf. Es wurde ihr heiß und sie lief zur Haustüre. Noch in der Küche kam ihr eine Stimme Das ist doch ausgemachter Blödsinn, warum sollte ich klingeln? Ich habe doch einen Schlüssel! So dumm kann doch niemand sein! Vielleicht hast du ihn ja vergessen oder verlegt. Sei doch nicht immer so triefend sarkastisch!

    Sie riss die Tür auf und sah einen dicken Mann im Trenchcoat, daneben ein zierliches Mädchen mit schwarzer Wollmütze bis zu den Augenbrauen und dazu ganz in Schwarz gekleidet.

    Sie erschrak, hatte sie doch eher ihren Mann oder vielleicht Erika erwartet.

    „Ja?“

    „Sind Sie Frau Köhler?“, fragte es aus dem Trenchcoat.

    „Ja.“

    „Wir sind von der Kripo.“ Wanzke hielt einen Ausweis hoch. „Sie hatten eine Vermisstenmeldung gemacht?“

    „Ja. Haben sie ihn gefunden? Wo ist er?“

    „Wir wollten Sie zunächst etwas befragen. Können wir das drinnen machen?“

    „Entschuldigen Sie, aber sicher, kommen Sie! Gehen Sie links in das Wohnzimmer.“

    Hättest du nicht deine Schürze ausziehen können? Wie siehst du überhaupt aus, nicht einmal richtig gekämmt bist du! Ach lass mich doch in Ruhe!

    „Haben Sie etwas gesagt?“ Wanzke sah sich im Wohnzimmer um.

    „Ich? Nein.“ Ellen folgte den beiden und fuhr sich vor dem Garderobenspiegel kurz durch die Haare, riss sich die Schürze vom Leib und warf sie in die Küche.

    „Entschuldigen Sie, aber ich hatte Sie nicht erwartet.“ Ellen zeigte auf die Sitzgarnitur.

    „Wie wir aus Ihrer Reaktion schließen, hat sich Ihr Mann noch nicht gemeldet.“

    „Nein, ich hatte gehofft,  er sei an der Tür, er sei es, der geklingelt hat.“ Schon wieder dieser Irrsinn! Das glaubt Dir doch keiner, dass dein Mann klingeln würde.

    „Wieso, hatte er keinen Schlüssel?“ Wanzke setzte sich. Radka blieb stehen und sah sich im Zimmer um.

    „Doch, doch. Aber ich dachte -“

    „Ist das Afrika?“, fragte Radka und deutete auf eine übergroße Panorama-Fotografie an der Wand.

    „Ja, mein Mann leitet dort eine Firma. Aber sagen Sie, wissen Sie etwas von ihm, oder warum sind sie hier?“

    Sei doch nicht so vorwitzig! Die Beamten werden schon wissen, was sie dir zu sagen haben!

    Ellen hatte sich neben Wanzke auf einen Sessel gesetzt und schaute ihn fragend an.

    Der räusperte sich. „Frau Köhler, wir sind am Ermitteln. Radka, könntest du dich bitte auch hinsetzen, es macht mich nervös.“

    Radka klimperte mit ihren Augen und setzte sich neben Ellen auf einen separaten Sessel und streckte die Beine aus.

    „Also Frau Köhler, wir haben zunächst eine Frage an Sie. Sie haben gestern eine Vermisstenanzeige aufgegeben, worin steht, dass sie Ihren Mann am letzten Donnerstag früh noch gesehen haben. Wie und unter welchen Umständen?“

    „Donnerstag früh, nach dem Frühstück hat er wie immer das Haus verlassen.“

    „Sie gaben an, dass er mit seinem Wagen wegfuhr. Wissen Sie wohin er fahren wollte?“

    „Nun, ich nehme an, wie immer, in seine Firma.“

    „Dort ist er nicht angekommen. Könnten Sie sagen, wohin er gefahren sein könnte?“

    Ellen dachte nach. „Nein.“

    „Und danach haben sie nichts mehr von ihm gehört?“

    Ellen schüttelte den Kopf.

    Radka wollte sich nun auch einschalten: „Wie sah ihr Mann denn aus? Haben Sie ein Foto?“

    „Ein Foto, ein Foto“ überlegte Ellen, „Doch, in seinem Büro. Aus Afrika.“

    Ellen stand auf und ging voran in das häusliche Büro ihres Mannes. Wanzke und Radka folgten. Waren im Wohnzimmer schon einige afrikanischen Skulpturen zu sehen, so war dieser Raum angefüllt mit Utensilien, Andenken und Geschenken aus Afrika: Holzgeschnitzte Elefanten, Menschen mit Speeren in den Händen, Masken, Pfeile und zahlreiche Fotos von Safaris an den Wänden. Wer hat dir eigentlich erlaubt, wildfremde Menschen in mein Büro zu führen? Das geht niemanden etwas an. Das ist mein Reich! Du hast nicht das Recht, dort einzudringen!

    Wanzke unterbrach ihre Stimmen. „Dort, das Foto! Ist das ihr Mann?“

    „Ja sicher, der in der Mitte, das ist Harry!“

    „Lassen Sie uns bitte zurück ins Wohnzimmer gehen.“

    Er sagte das in einem Ton, der Ellen seltsam vorkam, als ob er etwas wüsste, was sie nicht wusste.

    Es ist doch kein Wunder, dass er mehr weiß als du, er ist schließlich von der Polizei.

    Als sie wieder saßen, fragte Wanzke: „Radka, wie heißt das Wort, das wir bei dem – Mann fanden? Kamarale?“

    „Kambarele.“

    „Genau, Kambarele. Sagt Ihnen das etwas?“

    „Nein, aber sagen Sie doch bitte, was Sie wissen! Von welchem Mann sprechen Sie?“ Vor Spannung sprach sie gepresst und ihr Atem ging schneller.

    „Wanzke zog ein Foto aus der Tasche. „Wir haben einen Mann gefunden, tot. Er hat eine sehr große Ähnlichkeit mit den Fotos, die Sie uns eben gezeigt haben. Ich habe hier ein Foto. Könnte das Ihr Mann sein?“ Hiermit hielt er ihr das Foto vor.

    Es war still im Raum. Ellen starrte auf das Foto, auf dem das verzerrte Gesicht ihres Mannes zu sehen war. Die sekundenlange Stille kam Ellen wie eine halbe Stunde vor. Sie konnte es nicht fassen. Sie erkannte ihren Mann sofort, trotz der entstellten Fratze, die ihr entgegenblickte. Dann ging ein Ruck durch ihren Körper, alle Nervosität schien von ihr abzufallen. Sie nahm den Kopf hoch, schaute Wanzke ins Gesicht und sagte leise, aber bestimmt: „Ja.“

    Es flossen, ohne dass Ellen es bemerkte Tränen langsam über ihre Wangen und tropften auf ihren Rock.

    Keiner hatte nach ihrer Bestätigung ein Wort gesprochen und in der Stille, nur von Tropfen der Tränen unterbrochen, sahen sich Wanzke und Radka an. Dann sagte Wanzke: „Frau Köhler, wir wissen dass es ein Schock für Sie sein muss. Wir lassen Sie jetzt alleine. Haben Sie jemanden, an den Sie sich wenden könnten?“

    Ellen nickte langsam und wischte sich eine Träne weg.

    „Dann gehen wir jetzt“, wiederholte sich Wanzke und wollte ihr schon eine Hand auf die Schulter legen, zog sie aber wieder zurück. “Wir melden uns noch einmal bei Ihnen.“

    Ellen nickte wortlos und sah aus den Augenwinkeln, wie die beiden Beamten ihr Haus verließen. Sie nahm von weit her das Klicken, als die Türe ins Schloss schlug. Dann griff sie zum Telefonhörer und rief Erika an.

    19 – Im Kommissariat

    Für den nächsten Tag war Ellen ins Kommissariat gebeten worden. Erika begleitete sie. Erika war gestern, nach ihrem Anruf, sofort zu Ellen hinübergelaufen und hatte sie getröstet.

    „Er war so furchtbar entstellt“ hatte Ellen geschluchzt und sich an der Schulter von Erika ausgeweint. Überhaupt, Ellen war an diesem Tag zu einem Häuflein Elend geschrumpft. Heulend hatte sie ihr erzählt, dass sie diesen Mann doch geliebt hätte. Nur kennen gelernt hätte sie ihn wohl nie so recht. Er war doch sehr eigen und hätte keinen sehr nahe an sich ran gelassen. Sie hatte sich gefügt, alles als gegeben hingenommen. Sie war einfach eine brave Hausfrau.

    Erika saß auf der Bank vor dem Raum, in dem Ellen noch einmal befragt wurde. Später sollte sie ihren Mann noch einmal in der Pathologie identifizieren, eine Prozedur, bei der sie Erika dabei haben wollte.

    Ellen saß auf einem Stuhl vor Zollers Schreibtisch. Sie hatte ihren Mantel anbehalten und zupfte an ihm nervös herum. Ein schaler Geschmack hatte sich in ihrem Mund breit gemacht. Sie hatte Angst. Angst vor der Befragung, Angst davor, das Foto von ihrem Mann noch einmal zu sehen. Sie wollte möglichst schnell fort von hier. Es stand ihr bevor, die Leiche ihres Mannes noch einmal sehen zu müssen, ob rechts- oder linksrelevant, war ihr Schnuppe, sie hatte ihn ja schon auf dem Foto identifiziert, sie wollte nur weg von hier. Hinter ihr hörte sie das Mädchen mit der Wollmütze sich in den Besuchersessel räkeln und sah durch die offene Tür im Nebenraum den dicken Polizisten von gestern in Papieren kramen.

    Zoller hatte sie begrüßt und ihr Beileid gewünscht und ihr erklärt, sie wollten sie nicht quälen, doch sie müssten einige Fragen beantwortet haben, hier, wegen des Protokolls. Zoller blätterte in den Akten. Sie harrte der Dinge.

    „Frau Köhler, sie sahen Ihren Mann letzten Donnerstag zu letzten Male, wie er mit seinem Wagen ins Büro fuhr. So dachten Sie wenigstens. Warum sind Sie erst am Montag zur Polizei gegangen?“

    Auf diese Frage war sie gefasst. „Nun, wir dachten, er taucht vielleicht noch auf“ und als sie den fragenden Blick bemerkte, setzte sie hinzu: „Wir, das sind meine Freundin Erika und ich.“

    Zoller sah vor sich eine gut erhaltene, gepflegte Frau Ende vierzig, teuer, aber nicht auffällig gekleidet, mit einem Chic, den man hausfraulich nennen konnte. Er spürte bei ihr eine leichte Nervosität, die er natürlich der Situation nach einem solch gräulichen Vorfall zuschrieb. Er wusste, dass sie noch einer Belastungsprobe ausgesetzt sein würde, die der Identifizierung des Leichnams. Andererseits hatte er seinen Job zu erfüllen und musste Fragen stellen, auch wenn diese momentan als unangenehm empfunden würden. Es waren solche Fragen, wie nach ihrer Ehe, ob es Streit gegeben hätte, wen sie sich als Feind ihres Mannes vorstellen könnte. Aber die Antworten kannte er schon im Voraus, es war alles normal in der Ehe, wie es in allen Ehen eben „normal“ zugeht.

    Er eröffnete der verschüchtert wirkenden Frau, dass sie, die Polizei, in den  Unterlagen seines Büros in seiner Firma, wie auch im Büro zu Hause nach Informationen suchen müssten, die auf den oder die möglichen Täter hinweisen könnten.

    Auch die Prozedur der Identifizierung ging wie zu erwarten war vor sich, die Frau sah sich länger das Gesicht ihres Toten Mannes an und lehnte sich dann, Tränen verdrückend, an die Schulter der Nachbarin, Erika Rohde, eine Witwe, die man ebenfalls kurz verhört hatte, ob sie nicht eventuell etwas gesehen hätte, was auf die Täterschaft hinweisen könnte. Natürlich vergeblich.

    Zoller hatte die beiden Frauen nach Hause geschickt und wandte sich den weiteren Erkenntnissen zu.

    Zum Beispiel war herausgekommen, dass der Tote Reste von Äther und eines überall käuflichen Beruhigungsmittels im Körper hatte und man hatte inzwischen die Bedeutung des Wortes KAMBARELE gefunden. Es war ein Gruß, den die Jäger eines bestimmten Kulturraumes in Afrika sich zuriefen. Das kurze Wort war in Versalien mit Bleistift wie von ungeübter Kinderhand auf das gelbe Seidenpapier gebracht worden. Das Papier selbst war ein handelsübliches Seidenpapier zum Verpacken und Einwickeln von Waren. Fingerspuren waren nicht entdeckt worden. Natürlich hatten die Fachleute der KPU auch das Ursprungsland der Handschellen gefunden, doch waren diese überall in der Welt im einschlägigen Handel zu kaufen, selbst im Internet konnte sich jedermann solche Fesselungsgeräte bestellen. Auch hier kein Hinweis auf eine eindeutige Täterschaft.

    Der einzige Hinweis war der Begriff KAMBARELE, der ihn nötigte, eine Täterschaft aus dem Umkreis des Toten zu vermuten, der, wie sich gezeigt hatte, Geschäftsführer einer Vertriebsfirma in Berlin und einer Produktion in Namibia war. Die Sekretärin erläuterte die Produkte dahingehend, dass es mechanische Teile zur Weiterverarbeitung wären, auch Spreng- und Zündkapseln, wie sie im Abrissgewerbe gebräuchlich seien, weiterhin Schaltelemente für Elektronik zum Beispiel im Maschinen- und Autobau genutzt. Also alles recht harmlos. Ja, Konkurrenz gäbe es in jedem Bereich, aber doch keine, die derartige Gewalt einsetzte.

    Sicher, es sah auch mehr nach einer Racheaktion aus, als nach einem Streich innerhalb der Industrie. Ging es doch eindeutig auf die Person des Toten. Was hatte diese mit dem Begriff KAMBARELE zu tun? Hatte er im Busch von Namibia gewildert? Dafür war die Strafe unangemessen. Zoller kam immer mehr zur Überzeugung, dass eine private Angelegenheit hinter dem Mord, der Tötung standen.

    Die Ärzte hatten einstimmig gesagt, der Tod sei eindeutig nicht die Folge der schlimmen Verletzung, die durch die Abtrennung der Hand entstanden sei, sondern vielmehr durch Herzinsuffizienz eingetreten.

    Die Abteilung hatte sich zusammengesetzt und verschiedene Abläufe versucht durchzuspielen: Der Mann wurde betäubt und in den Keller verbracht. Dort hatte man ihn mit den Handschellen an das Rohr gefesselt. Die erste Version ging dahinaus, dass man seine Frau oder seine Firma erpressen wollte, doch als eine Handgranate zufällig hochging und das Opfer verletzt hatte, habe man es mit der Angst bekommen und sei kopflos geflüchtet. Andererseits, warum hatte man dann tagelang gewartet, bevor man einen Erpressungsversuch gestartet hatte. Bei der Frau und in der Firma war, nach deren Vermelden, weder ein Anruf noch ein Brief mit einer Erpressung eingegangen. Und wenn es Erpresserschreiben gegeben hätte, warum hätte man das verheimlichen sollen?

    Sie durchdachten jetzt die erste Version, wonach die Ehefrau hätte erpresst werden können. Wenn sie einen Anruf oder ein Schreiben erhalten hätte, was hätte sie gemacht? Wäre sie gleich zur Polizei gerannt? Oder hätte sie erst ihre Freundin angerufen? Was hätte sie davon abhalten können, die Polizei zu benachrichtigen?

    Das war der Punkt, an dem sich Radka voller Eifer einschaltete. „Klar, wäre das denkbar. Stellt euch vor, die Ehe ist absolut schiefgelaufen, die hassen sich inzwischen oder schlagen sich die Köpfe ein. Was läge näher für die Frau, als die Erpressung einfach zu ignorieren. Besonders, wenn mit dem Tod des Ehemannes gedroht wird und sie nichts zu tun braucht, einfach nur abwarten, bis sie ihn umbringen. Kostet sie nichts und bringt vollen Erfolg!“

    „Das ist doch absurd!“ Wanzke schüttelte den Kopf.

    „Aber denkbar“, warf Zoller ein, „und schon vorgekommen. Nur hätte ich nicht gedacht, dass gerade unser Nesthäkchen auf diese extremen Überlegungen kommt.“

    „Weil ich vielleicht kein Nesthäkchen mehr bin?“

    „Nur macht mir diese Ellen Köhler nicht den Eindruck, als ob sie von solchen Motiven geleitet wäre“, sagte Zoller.

    „Erzähl mir was von Frauen.“ Altklug beharrte Radka auf ihrer Version.

    Schneider gab seinen Teil dazu: „Die normale Reaktion ist das nicht bei einer normalen Ehe. Also meines Erachtens wäre die Frau schon zur Polizei gegangen, zumindest hätte sie nach dem Geschehnis davon erzählt.“

    „Das denke ich auch, warum hätte sie uns das nicht mitteilen sollen? Auch das hätte sie“, mit einem Seitenblick Zollers auf Radka, „nichts gekostet.“

    „Bis auf unterlassene Hilfeleistung und um diesem Vorwurf zu entgehen, meldet sie es erst gar nicht“, beharrte Radka.

    „Du hast vielleicht ein Bild von deinen Geschlechtsgenossinnen!“, schnaufte Wanzke.

    „Genug davon! Wir untersuchen alle Räume im Hause Köhler und alle eingegangenen Anrufe. So machen wir das auch mit seiner Firma.“

    „Und warum sollte die Firma eine Erpressung nicht anzeigen?“, fragte Radka und strich sich einen blonden Haarstrang, der sich verselbständigt hatte, unter die schwarze Mütze.

    „Da gibt es eine Reihe von Gründen“ begann Zoller. „Zunächst, wollen Firmen eine Erpressung nicht an die große Glocke hängen und zahlen einfach. Keiner weiß, wie viele Fälle so unter den Teppich gekehrt werden. Dann gibt es auch manchmal das Problem, dass ein Nachfolger des Entführten sich profilieren will, oder schlimmer, dass er die Nachfolge antreten will. Dann gibt es in der Regel einen Toten, aber kein Motiv. Aber diese Fälle hängen auch davon ab, wie viele Mitarbeiter davon Kenntnis haben und von der Struktur des Unternehmens.“

    „Also sieht es doch bisher so aus, als ob es gar keine Erpressung gab?“ sagte Radka und erheischte damit allgemeines Kopfnicken.

    „Und wenn es keine Erpressung war, war es geplanter, sauber durchgeführter Mord.“ Diesmal erhielt Radka keine Zustimmung.

    Zoller ergriff das Wort: „Der Fall sieht seltsam aus. Als ob irgend etwas schief gelaufen wäre. Hätte man ihn einfach nur umbringen wollen, man hätte ihn banal erschießen können, irgendwo auf der Straße. Nein, er wurde entführt. Entführt und in einem Keller an ein Rohr gefesselt. Er sollte dort einige Zeit verbringen. Das zeigen uns die wenigen Gegenstände, die es dort gab: Die Matratze, die Flasche Wasser. Mich beschäftigt die Frage, was sollte er dort? Vielleicht sollte er irgend etwas gestehen, ein Vergehen oder Verbrechen.“

    „Vielleicht wollte man seine Unterschrift erpressen?“

    „Nicht schlecht.“

    „Er war teilweise entkleidet, wie man es mit Gefangenen tut, die keine Gegenstände behalten dürfen, womit sie sich oder andere verletzen könnten. Keine Schuhe, kein Gürtel, nicht einmal eine Armbanduhr. Es war alles sehr genau geplant.“

    „Aber was tut diese Handgranate dort?“

    „Vielleicht zur Warnung oder Drohung?“

    „Vielleicht hat man ihn gezwungen, sich in die Luft zu jagen?“

    „Alles gute Fragen. Aber die Handgranate war nur mit einem Viertel ihrer Sprengkraft versehen. Sie war manipuliert. Und unser Opfer musste sie in der Hand gehalten haben, als sie explodierte.“

    „Man hat ihn gezwungen, sie in die Hand zu nehmen.“

    „Davon ist auszugehen. Er hat sich vielleicht nicht zu einer Unterschrift erpressen lassen und hat lieber in Kauf genommen, die Granate zur Explosion zu bringen, womit er sich und die anderen in die Luft gesprengt hätte.“

    „Da er nicht wusste, wie sozusagen schwach die Granate war, hat er sich nur selbst verstümmelt und die anderen konnten fliehen.“

    „Das klingt plausibel. Allerdings hat unser Zeuge, der bei der Explosion vor Ort war, niemanden fliehen sehen.“

    „Könnten die sich irgendwo im Hause versteckt haben, bis die Polizei wieder weg war?“

    „Man hat zwar das gesamte Gebäude untersucht, doch vielleicht nicht mit gebührender Aufmerksamkeit, weil man mit der Anwesenheit von Tätern nicht gerechnet hatte, nicht rechnen konnte.“

    „Und wenn der Zeuge, der Herr Schirmbach, dieser Täter auf der Flucht war?“ Radka traf den Nagel auf den Kopf.

    Doch gingen die Überlegungen wieder hin und her.

    Schließlich einigte man sich darauf, den Zeugen noch einmal  wie auch das Gebäude genauer unter diesem Gesichtspunkt unter die Lupe zu nehmen und auf die Untersuchungen im Hause Köhler sowie in seiner Firma zu warten. Und dann war da noch die Überlegung mit einer anderen Frau, mit der der Tote möglicherweise eine Beziehung unterhalten hatte.

    Alles war unklar wie zuvor.

    20 – Mittwochstreff

    Nachdem Ellen mit Erika bei der Polizei waren, hatten sie den Dienstag gemeinsam verbracht, waren Essen gegangen, etwas, das Ellen jahrelang nicht mehr getan hatte. Sie suchten sich ein Steakhaus und schlemmten nach allen argentinischen Regeln. Für den nächsten Tag, den Mittwoch hatten sie sich verabredet, gemeinsam zur Villa Sagitta zu fahren. Es war Erika, die den Vorschlag machte, ein Taxi zu nehmen. Pünktlich um drei Uhr stiegen sie aus dem Wagen. Die kleine Josy stand schon in der Tür und erwartete sie zitternd. Alle waren bereits versammelt, denn die Kunde vom Verschwinden des Herrn Köhler hatte wie nichts die Runde gemacht. Sensationen und Skandale bewegen sich mit eigener Geschwindigkeit, sind nicht von Raum und Zeit abhängig, fast ein Beweis gegen Einstein’s Unüberwindlichkeit der Lichtgeschwindigkeit. Es gibt Vorgänge, die entziehen sich den Gesetzmäßigkeiten. So wurden die beiden Frauen von glühenden Augen empfangen, quellend vor Neugier, vor Erwartung ging allen der Atem flach und schnell, sie waren begierig zu hören, was vorgefallen, was der Polizei bekannt und was die beiden Frauen ansonsten zu berichten hatten. Vielerlei Mutmaßungen waren schon durchgehechelt, viele Varianten durchgespielt, das Vorstellungsvermögen der Damen hielt allen Fantasien von Kriminologen, ja von  Kriminalautoren stand und übertraf sie teilweise bei weitem. Theoretiker und Utopisten gelangen zuweilen zu den unglaublichsten Ergebnissen, die nur noch von der Wirklichkeit übertroffen werden.

    Voll angeregt übergingen die Damen die Bitterkeit des Kaffees und bei Erzählungen und Erläuterungen, Fragen und Bewertungen entglitt ihnen jedes Gefühl für die Zeit, die auf sie natürlich keine Rücksicht nahm. Nach Kaffee ging man über zu Sekt, dann zu härteren Kleinigkeiten wie Olanka, die den Wodka in diesen Kreis eingeführt hatte. Liebe und Alkohol löst die Zunge und so erging man sich in den wahnwitzigsten Ausführungen über Entführungen, Morde und Bestrafungen aller Art, von den Qualen der Inquisition bis hin nach Guantanamo, der Strafanstalt einer Weltmacht, off-limits für Menschenrechte, weltliche Verbrechen wurden mit göttlichen vermischt, Zeus stieg vom Himmel herab und vergewaltigte zuhauf Frauen und Tiere, die Gebrüder Grimm erschienen in der Villa Sagitta und verbrannten Hexen im Feuer zur Freude von Hänsel und Gretel, der Londoner Nebel breitete sich in der Villa aus und Jack The Ripper verbrach seine Taten. Es war ein Schwelgen in Gewalt und Verbrechen unter dem Lachen und Gekichere der Damen, ausnahmslos alle angetörnt durch den Fall Köhler und manchen Schluck aus den bunten, bauchigen Karaffen der Hausherrin Hedwig. Sie war die Einzige, die noch einen gewissen Überblick behalten hatte und um zehn Uhr abends ein Machtwort sprach.

    In dieser erregten Atmosphäre waren sich zwei Frauen näher gekommen. Die jüngere Olanka und Ellen Köhler. Ein wenig eifersüchtig hatte Erika die Angelegenheit beobachtet, doch ohne Arg verbucht. Was sie nicht mitbekommen hatte, war die Verabredung der beiden für den nächsten Tag. Hätte sie es, es hätte sie ein klein wenig gestört, dass sie nicht mit von der Partie sein sollte.

    Und so trafen sich am nächsten Tag Olanka und Ellen am Ku’damm in einem Café, wie es viele Damen um die Kaffeezeit herum tun.

    Ellen war sehr angetan von den schmalen, schrägstehenden Kirgisenaugen der Russin und von deren einnehmenden, russisch gefärbten Redeweise. Besonders aufmerksam wurde sie, als Olanka von der Angewohnheit ihres  Mannes sprach, vor wichtigen Entscheidungen zu einer Wahrsagerin mit Tarotkarten zu gehen.

    So saßen die beiden Frauen harmlos in dem Café und sprachen über Gott und die Welt und nebenbei erzählte Olanka von ihrem Mann, der ebenfalls ein Russe, genauer Kasache mit russischem Vater gewesen war. Stark war er gewesen, mit seltenen, blauen Augen und dem liebevollsten Blick, dem Olankas Augen begegnet waren. Er war zu Besuch gewesen in Bischkek, unweit der kirgisisch-kasachstanischen Grenze gelegen, um sich, wie er damals sagte, Land und Leute anzuschauen. Dass diese sich nicht viel von denen Kasachstans unterschieden und welches Motiv Kairat, so hieß ihr Mann, wirklich hatte, erfuhr sie erst Monate später, als sie bereits in Deutschland war. Auch ihr Vater war Russe gewesen, hatte sich als kleiner Händler in der Hauptstadt Kirgisiens niedergelassen, weil man dort weit ab von der -damals noch sowjetischen-  Überwachung befunden hatte, ein freieres Leben führen konnte. Ihr Vater hatte es sehr bedauert, dass dieser Kalmuck, wie er ihn nannte, seine Tochter entführte, doch diese war ihm bald, von unstillbarer Liebe entbrannt, eingenommen von seinem Geld und der Weltläufigkeit, die er an den Tag legte, verfallen und folgte ihm ins reiche Deutschland. Zuerst hatte er sie vergöttert, auf Händen getragen, hatte sie sogar geheiratet. Dies hatte sie ihm im Nachhinein hoch angerechnet, als sie merkte, welchen Geschäften er in Deutschland nachging. Er hatte ihr ein für kirgisische Verhältnisse unbeschreibliches Zuhause geboten. Eine Penthousewohnung in Berlin mit Blick über die Stadt, im Winter geheizt, im Sommer klimatisiert, ein Himmelbett, eine Sauna und mit einer stillen russische Köchin, die sich um alles in der Wohnung kümmerte. Olanka lebte im sprichwörtlichen Garten Eden, von dem man heute weiß, dass der echte, historische, sich im Norden Irans befunden hatte, dort wo heute die Hochhauswüste von Täbris das Tal ausfüllt.

    Einige Male hatte er sie zu Empfängen mitgenommen, bei denen er in seltsamer Weise hofiert wurde von gestylten Männern mit offenen Hemden, goldenen Halsketten und goldenen Uhren und Unmengen von Frauen in verführerischen Kleidern oder weniger am Leibe.

    Da hatte sie begriffen, wo sie gelandet war. Doch ihre Liebe hatte nicht abgenommen. Sie blieb verschont von all dem Treiben in den Kreisen. Nur machte sie sich so ihre Gedanken. Er war selten da, doch zeigte er ihr seine Liebe nach wie vor. Ein Zufall trieb sie dazu, genauer hinzuschauen, was ihr Mann so tat. Als sie eines Tages einkaufen war, wurde sie von einer Frau angesprochen. Auf Russisch. Erst entschuldigte diese sich, dass sie sie so einfach auf der Straße anspräche. Sie fragte, ob sie nicht eine russische Köchin namens Natalja hätte. Überrascht antwortete Olanka, ja sicher, sie hätte eine russische Köchin, die Natalja hieße. Ob ihr an ihr nichts aufgefallen wäre? Nein, hatte Olanka geantwortet, sollte mir etwas auffallen? Wer sie denn überhaupt sei. „Eine Freundin“, sagte sie und verschwand in der Menge. Ja, es stimmte, seit einigen Wochen war Natalja etwas verhuschter als sonst, entzog sich ihr bei jeder Gelegenheit und war noch wortkarger geworden, als sie vorher schon war.

    Bei nächster Gelegenheit hatte Olanka sie angesprochen. Doch Natalja wollte nicht reden. Sie druckste herum, bis Olanka auf die Idee kam, sich mit ihr an einem anderen Ort zu verabreden. Die verhärmte Frau ließ sich überreden und Olanka traf sie ein paar Tage später in der Wohnung der Frau. Sie war nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Natalja kochte einen Tee und bot Olanka von einem selbstgebackenen Kuchen an. Dann kam Olanka zum Punkt. „Was ist mit Ihnen? Sie sind die letzte Zeit sehr still und besonders zurückhaltend geworden.“

    Die Alte blickte in den Tee und rührte ihn lange um, bevor sie sprach. Sie sprach langsam und monoton. Sie sagte: „Sie kennen mich nur als ihre Haushälterin. Ich bin aber auch Mutter. Sehen Sie mich an, ich bin zweiundvierzig und schon eine alte Frau.“ Olanka war bestürzt, sie hatte die Alte eher auf fünfzig Jahre geschätzt.

    „Wie gesagt, habe ich eine Tochter, Seymara. Ich habe nur noch meine Tochter, nachdem mein Mann und mein Sohn in einem Bergwerkstollen verschüttet wurden und ums Leben kamen. Ich hatte kein Geld und bekam keine Rente. Es schien alles aussichtslos. Da erschien Kairat auf der Bildfläche. Fast wie ein Retter oder Prinz. Er verliebte sich in Seymara und sie in ihn und nach einigen Besuchen wollte er sie heiraten. Seymara war damals fünfzehn und ich wollte ihre Hochzeit noch nicht. Doch er hat sie mitgenommen und sie haben heimlich in Kasachstan geheiratet. Als sie zurückkamen, bot er mir an, mich mit nach Deutschland zu nehmen, die Visa hätte er bereits besorgt. Da meine Tochter mich dringend bat, folgte ich ihm und so kam ich hierher.“ Sie machte beim Sprechen große Pausen, in denen sie das Geschehene wie ein Film vor ihrem inneren Auge ablaufen ließ. Olanka war wie vor den Kopf geschlagen. Kairat war bereits verheiratet. Mit einer anderen. Die Alte erzählte Olanka von der Reise nach Berlin, von der Hinterhauswohnung, die sie von Kairat gestellt bekam und die sie jetzt noch bewohnte, von dem anfänglichen Glück, in welchem Seymara glühte, bis sie eines Tages zu ihrer Mutter kam und ihr heulend erzählte, Kairat hätte sie gezwungen, mit fremden Männern zu schlafen, sonst würde er sie und ihre Mutter wieder nach Hause schicken. Kairat hatte alle Macht über sie beide, er hatte ihre Pässe und war ein mächtiger Mann in den Kreisen. Sie hatten sich in ihr Schicksal ergeben. Hier machte die Alte eine längere Pause, als ob sie nicht weiter reden wollte. Dann kam es doch aus ihr heraus. Kairat hatte ihre Tochter auch schon vorher grün und blau geschlagen, wenn sie ihm nicht gehorchen wollte. Als sie ihm vor einem Monat von einem Freier berichtete, der sie loskaufen wollte, hatte er sie fast totgeschlagen.

    Olanka fasste es nicht, ihr Kairat sollte ein solcher Schläger sein, brutal und gewissenlos? So kannte sie ihn nicht. Ja, er setzte schon seinen Kopf mit aller Macht durch. Doch plötzlich erinnerte sie sich an eine Party, die er gegeben hatte und wo sie von einer sehr hübschen Tänzerin angesprochen wurde, ob sie seine Frau sei. Sie hatte lächelnd bejaht. Die Kleine hatte sich erschrocken zurückgezogen. Olanka hatte diesem Zwischenfall keine Bedeutung beigelegt und ihn vergessen.

    Die Alte fuhr fort und wurde noch bleicher, als sie sagte, ihre Tochter sei vor einigen Tagen plötzlich verschwunden.  Keiner wusste etwas oder waren etwa alle angehalten, nichts verlauten zu lassen? Sie hatte auch Kairat angesprochen. „Vielleicht ist sie ein bisschen verreist“ hatte er mit Unschuldsblick gesagt. Dann hatte sich seine Miene verdüstert als er sagte: „Seymara bringt mir jetzt kein Geld mehr. Ich weiß nicht, wie lange ich dich noch unterstützen kann.“

    Natalja wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Mit niedergeschlagenen Augen hatte die Alte sich noch einmal bei Olanka entschuldigt. Sie wollte sie nicht belästigen. Sie sei doch die Frau von Kairat. Aber da sie angesprochen worden und sie doch auch Russin sei, möchte sie sie fragen, ob sie ihr nicht helfen könne.

    Es war einer dieser Momente im Leben, in denen man eine Lebenssituation scharf und glasklar erkennt und diese Erkenntnis unweigerlich eine Entscheidung nach sich zieht. Entweder man verschließt die Augen oder man schaut hin, entweder verharrt man in Stillstand oder man schreitet vorwärts zur Tat.

    Olanka hatte sich entschieden. Sie wollte die Sache anpacken. Dazu fasste sie einen Plan, zu dem nur Frauen in der Lage sind. Weibliche Strategien sind oft effektiver, da die Waffen einer Frau andere sind und sie sich nicht, wie die Männer, auf einen Waffengang einigen. Sie wählte die stärkste Waffe, die eine Frau zu bieten hat, sie wählte die Intrige.

    Sie machte einen Termin mit der Wahrsagerin von Kairat für den nächsten Mittwoch Vormittag.

    Auch diese Wahrsagerin, wie konnte es anders sein, war Russin. Sie nannte sich Eugena, hatte pechschwarze Haare, sah aus wie Mitte zwanzig und sprach mit tiefer Altstimme. Olanka hatte sich nur mit ihrem Vornamen vorgestellt und die Hoffnung, Eugena würde sie nicht sofort als Ehefrau von Kairat erkennen, ging auf. Eugena war auch als Hellseherin bekannt und nutzte hierfür Tarotkarten und die Kugel. Der Raum war nicht, wie üblich, mit einschlägigem Krimskrams, mit Kerzen und sonstigem Brimborium ausgestattet, sondern ein heller Raum in der weitläufig geschnittenen Hinterhauswohnung, mit Geschmach eingerichtet, nur hier und da erinnerte eines der Einrichtungsgegenstände an die Herkunft der Bewohnerin. Besonders ins Auge fiel ein riesiger, silberner Samowar, von dem ein leises Summen ausging. Er sah aus, als ob er in einem russischen Herrscherhaus gestanden hätte. Ein angenehmer Wohnraum, dachte Olanka und fühlte sich augenblicklich wohl.

    Al sie sich an einem schwarzen Ebenholztisch gegenübersaßen, schaute Eugena sie lange aus tiefdunklen Augen an, als ob sie die Seele in Olankas Augen erkennen wollte. Dann lächelte sie und sagte auf Russich: „Du gefälltst mir.“ Sie sagte das ganz nebenbei und ging gleich über, nach dem Begehr von Olanka zu fragen. Olanka schilderte ihr den Fall einer Freundin, die plötzlich verschwunden war. Eugena bat um einen Gegenstand, etwas Privates, das der Freundin gehörte. Olanka musste verneinen, sie hätte nichts bei sich. Nach einigem Besinnen meinte Eugena, man könne es auch ohne versuchen. Sie legte die Karten.

    Olanka hatte noch nie etwas mit Kartenlegen zu tun gehabt, bei ihr zu Hause las man aus Kaffeesatz oder begutachtete den Flug der Vögel. Sie war hingerissen von der Geschicklichkeit und Geschwindigkeit wie Eugena die Karten mischte und sie dann in einem bestimmten Schema auflegte. Eugena erklärte den ersten Versuch für gescheitert. Sie lehnte sich zurück, schaute Olanka wieder tief an und bat sie, etwas über die Verschwundene zu erzählen. Was war sie für ein Mensch? Woher stammte sie? Olanka nahm alles zusammen, was sie von der Mutter des Mädchens aufgeschnappt hatte. Eugena zwinkerte mit den Augen und begann erneut, nach einem unergründlichen Muster die Karten zu legen. Als sie fertig war, schaute sie lange auf ihr Werk, sagte aber nur, sie müsse die Kugel zur Hilfe nehmen. Olanka hatte sich eine solche Kugel viel mächtiger vorgestellt als die, die Eugena aus einem Schrank holte und vor sich platzierte. Dazu zuo sei einen Teil des Vorhanges zu, der, aus weißem Leinen, nur die irritierendsten Lichtreflexe verhinderte. Es war mucksmäuschenstill im Raum. Olanka betrachtete das Gesicht von Eugena und bemerkte, wie ein Schatten über ihre weit offenen Augen zu gleiten schien.

    Nach einiger Zeit blickte Eugena auf und sagte in ruhigem Ton: „Ich kann nur Splitter erkennen. Es ist, als ob ein Seidenvorhang das Wichtigste verbirgt. Aber -“, und hier hielt sie einen Augenblick inne, bevor sie sagte: „Kannst du mir beim nächsten Mal einen persönlichen Gegenstand mitbringen?“

    „Ja, sicher“, antwortete Olanka, „doch du hattest gerade angesetzt noch etwas zu sagen.“

    Eugena fuhr sich über die Stirn. „Es ist so unklar. Eine Auslegung scheint mir nicht möglich.“

    „Versuche es doch, bitte!“

    Zuerst langsam, wie in Trance, sprach Eugena: „Hinter einem Spiegel steht etwas still, was sich bewegen sollte. Ich habe Harz gerochen und Metall geschmeckt. Aus.“

    Ellen hatte Olanka gespannt zugehört. „Und was geschah dann?“, fragte Ellen.

    „Ich brauchte nicht noch einmal Eugena aufzusuchen. Zwei Tage später las ich  in der Zeitung, dass man einen Wagen gefunden hatte, versenkt in der Havel. Zwei Leichen waren darin, Seymara’s und die von einem Zuhälter aus Werder. Beide waren in einem Fichtenwäldchen erschossen worden und in dem Wagen des Zuhälters in die Havel versenkt. Etikettiert wurde das Ganze unter Krieg in der Unterwelt. Vermutungen ließen auf Kairat als Hintermann schließen. Beweise gab es keine.“

    „Und, hast du deinen Mann darauf angesprochen?“

    „Ja. Er hat kalt gelächelt und gesagt, sie hätten gegen die Regeln verstoßen und seien bestraft worden.“ Dann habe sie sich hinter seinem Rücken erkundigt und herausgefunden, was in den Kreisen lange kein Geheimnis war, dass Kairat neben seinen Bordellen auch noch mit Rauschgift handelte und neuerdings einen blühenden Handel mit Kindern begonnen hätte.

    „Das war der Zeitpunkt, als ich mich fragte, was unsere bestehenden Regeln und Gesetze für einen Sinn machten, wenn man sie nicht anwenden konnte, wenn die Tatbestände zwar offen zu Tage lägen, Polizei, Staatsanwaltschaft und Richter von allem wussten, aber kein ausreichendes Beweismaterial vorhanden sei. Das makaberste an allem war, dass die Verbrecher ihre selbst aufgestellten Regeln einhalten konnten, aber, bei gut geplantem Ablauf, nicht zu packen waren. Ausgerechnet ich als Ehefrau eines Verbrechers, was Kairat seitdem in meinen Augen war, ausgerechnet ich wollte nun gegen ihn vorgehen. Gut, Bordelle gab es immer und wird es immer geben, besser oder schlechter geführt. Aber da ihre Existenz der Unterwelt überlassen wird, ist eine Qualitätsprüfung und deren Sicherung nicht möglich. Warum, fragte ich mich, warum gibt es keine von öffentlicher Hand geführten Bordelle? Bordelle, von denen die Mädchen gut leben könnten, sozial eingebunden, unter voller gesundheitlicher Kontrolle und Alterssicherung. Hier spielt wohl die überkommene öffentliche Moral ein böses Spiel. Gut, entschuldige, das führt jetzt zu weit. Nur ging mir das alles zusammen durch den Kopf, zusammen mit der Frage, wie man den Verbrechern ihre Grundlage entziehen könnte, genauer gesagt, wie ich meinem Mann die verbrecherische Grundlage nehmen könnte. Glaube mir, ich habe Nächte mir um die Ohren gehauen, nachgedacht und gegrübelt. Was könnte ich der Polizei erzählen, was sie nicht längst schon wusste? Also suchte ich meinen Weg. Und der führte mich zur Villa Sagitta.“

    Ellen schluckte. Sie konnte das Ganze gut nachvollziehen. Letztlich war sie ja auch in der Villa gelandet. Sie wagte nicht, die entscheidende Frage zu stellen. Olanka schien dies zu spüren und sagte: „Er ist an dem gestorben, was er vielen anderen angetan hat. Am Goldenen Schuss.“ Olanka sah Ellen an, dass diese begierig auf weitere Details wartete. Nach kurzem Zögern sagte sie:  „Wie sie es gemacht haben, weiß ich nicht. Ich war verreist mit Hedwig und Deborah, der schrillen Nudel. Wir hatten eine heftige Woche auf Teneriffa. Jedenfalls sah die Presse es als Gegenschlag der anderen Seite an.“

    Zufrieden lehnte sich Ellen zurück. Ihr Blick ging an Olanka vorbei und fiel auf die Theke des Cafés, in dem sie saßen. Sie schaute auf eine Pralinenschachtel, auf der ein fahnenschwingender, ausschreitender, rot-blau gekleideter Mohr lächelnd zu ihr  zurückblickte. „Aber die Telefonnummer der Wahrsagerin deines Mannes, die gibst du mir doch, oder?“

    21 – Die Untersuchungen

    Da den Komissaren noch jeder Anhaltspunkt fehlte, ermittelten sie in guter Manier in alle denkbaren Richtungen. Herr Schirmberg wurde ebenso wie Ellen observiert, obwohl man sich hier nicht viel ausrechnete. Doch weiß man ja nie. Was den Zeugen Schirmberg betraf, lief sein Tagesablauf völlig normal ab. Er ging jeden Morgen in seinen Laden,, wo er Zeitungen, Zigaretten und Geschenke aller Art verhökerte, machte keine Mittagspause und schloss jeden Abend um halb sieben den Laden ab, ging gegenüber in eine Bar ein Bier trinken, nie länger als zwanzig Minuten und saß gegen halb acht zu Hause beim Abendbrot. Da er allerlei Krimskrams vertickte, prüfte man auch, ob er vielleicht Zugriff auf gelbes Seidenpapier hatte, vergeblich.

    Bei der Ehefrau des Opfers lief es ähnlich. Harmloser konnte eine Frau kaum sein. Sie erhielt häufig Besuch von ihrer Nachbarin, einer Erika Rohde, verwitwet. Ihr Mann, Ernst Rohde war ein in Fachkreisen anerkannter Staatsanwalt gewesen, der vor einiger Zeit bei einem ungeklärten Unfall in den Bergen ums Leben gekommen war. Die Beobachtungen von Ellen Köhler ergaben nichts Außergewöhnliches. Einmal die Woche traf sie sich in einer Villa mit einer Handvoll Damen ihres Alters, sie ging nicht aus, außer mit ihrer Nachbarin, traf sich mit niemandem und auch die wenigen Telefonate waren harmlos.

    Man hatte ihre Wohnung durchsucht, so auch das Büro des Opfers auf den Kopf gestellt, den Rechner auf Hinweise gescannt, ob in der geschäftlichen Ebene irgend ein Anhaltspunkt zu finden sei. Ebenso hatte man sein Büro in der Firma durchleuchtet, seine Sekretärin befragt, kein Hinweis auf eine Motivlage für ein solches Verbrechen. Man war allerdings auf eine Frau gestoßen, mit der Harald Köhler des öfteren sexuellen Kontakt gesucht hatte, doch schien auch diese Fährte ins Nichts zu führen. Es verstärkte für den Moment den Verdacht gegen seine Ehefrau, nur sprachen alle Erkenntnisse der Kriminologie gegen eine solche Verzwickung, es war eine Tat, die eigentlich nicht einer Frau zuzuordnen war. Dennoch hielt man die Sinne auf allen Ebenen wach.

    Zollers Kommissariat hatte sich mit den Dezernaten für Rauschgift, Klein- und Wirtschaftskriminalität kurzgeschlossen, man hatte alle möglichen Verbindungen zu den entsprechenden Szenen abgeglichen. Der Rauschgifthandel war längst aus den Händen der Afrikaner in die der Russen-Mafia übergegangen, ein paar kleinere Dealer mochte es noch geben, doch fand man hier auch keinen Zusammenhang, man untersuchte politische Verbindungen, nahm mit den Stellen des Auswärtigen Amtes Kontakt auf, doch auch hier stellten sich keine Motivlagen ein.

    Allerdings hatte man ja schon herausgefiltert, dass die Firma des Opfers Zündmechanismen und Personenminen herstellte und vertrieb. Hier konnte ein möglicher Ansatzpunkt gefunden werden. Entweder war in Sachen Minenproduktion und  -Handel ein erbarmungsloser Konkurrenzkampf im Gange und man wollte Harald Köhler zwingen, nur an bestimmte Kunden zu liefern oder Gebiete aufzuteilen, oder es gab eine andere Begründung. Gab es vielleicht eine Gruppierung von Afrikanern, die sich gegen die Herstellung dieser grauenvollen Tötungsmechanismen richteten, die auf dem ganzen Kontinent verstreut herumlagen und ihre eigenen Brüder und Kinder töteten? Landminen mit dem Aufdruck Made in Africa, eingesetzt in Afrika. Hergestellt von westlichen Industrienationen und verkauft für teures Geld an alle Machthaber, Despoten, Tyrannen, Diktatoren und an die vielen Untergrundgruppen, die gegen diese Tyrannei kämpften. Ein absurder Gedanke. Doch nichts kann absurder sein als die Wirklichkeit. Man schaltete den BND ein und den MAD, doch waren keine bekannten Vereinigungen bekannt, was natürlich nicht bedeuten musste, dass es keine gab.

    So standen Zoller und seine Leute vor einem schier unlösbaren Problem, bis eines Tages ein Brief auf ihren Tisch flatterte. Er war von einem Polizeirevier in Erkner, einer kleinen Stadt im Südosten Berlins über viele Umwege auf seinen Schreibtisch gekommen. Die Kollegen in Erkner wussten mit dem Fetzen Papier nichts anzufangen und er wäre fast in der Ablage oder im Papierkorb verschütt gegangen, wenn nicht einem Beamten das Wort, das auf dem Briefbogen als Überschrift stand, bekannt vorgekommen wäre und er es an die Kriminalpolizei weitergereicht hätte. Das Wort war KAMBARELE.

    Es war mit Bleistift auf gelbes Seidenpapier geschrieben, in einer Art Kinderschrift in Großbuchstaben. Darunter stand ein Text in Deutsch, ebenfalls versal geschrieben von gleicher Kinderhand, etwas krakelig und mit Schreibfehlern.

    Der Text hieß: Tote Kinder jagen ihre Henker. Vernichtet Personenminen, sonst werden Personen vernichtet, die  herstellen und verkaufen. Dann standen noch drei Sätze darunter, die wie Unterschriften wirkten: TEU POU FA und UFAMBE ZVAKANAKA MUKUVHIMA KWAKO und schließlich KAMBARELE.

    Die Untersuchung des Briefes ergab, dass es sich um dasselbe Papier wie beim Anschlag handelte, ebenso um dieselbe Handschrift und weiter, dass beide, Umschlag und Briefbogen von einer Unzahl von Fingerspuren gesättigt waren. Höchstwahrscheinlich hatten die Polizisten, die zunächst mit dem Schreiben nichts anzufangen wussten, diese hin und her gereicht. Andererseits war nicht anzunehmen, dass die Täter ausgerechnet hier Fingerspuren hinterlassen hatten, da sie es bei dem ersten Papier auch sorglich vermieden hatten. Doch war es endlich einmal ein Hinweis.

    Die semantische Untersuchung ergab, dass alle drei Ausdrücke dieselbe Bedeutung hatten, nur aus verschiedenen Bereichen Afrikas stammten, so einer aus Ruanda, der andere aus der Shona-Sprache und alle Jagdglück bedeuteten.

    • Gelegentlich einer der dezernatsübergreifenden Besprechungen war es einem Kollegen aufgefallen, dass von einer Olanka die Rede war und es zeigte sich, nach Abklärung des Nachnamens, dass diese Olanka die Frau eines ehemaligen Bosses der Russen-Mafia war. Der Tod an diesem Kairat Wybowski, in den Kreisen nur Wybbo gerufenen Bordellbetreibers und Rauschgiftdealers war nie gänzlich aufgeklärt worden. Er war mit einer Überdosis Heroin aufgefunden worden, obwohl er niemals selbst das Rauschgift genommen hatte, was anhand der fehlenden Einstiche offensichtlich war. Alle infrage kommenden, einschlägigen Freunde und Feinde hatten ein lupenreines Alibi vorweisen können, was zwar in diesen Kreisen nicht viel zu bedeuten hatte, doch die Sachlage war völlig klar.

    Was hatte diese Olanka mit der Frau eines gewaltsam umgekommenen Mannes zu tun? Das war die Frage, die plötzlich im Raume stand. Als diese Frage Hauptkommissar Zoller vorgetragen wurde, machte es ihn im ersten Moment hellhörig, wie es die vordringlichste Gepflogenheit von Kriminalisten zu sein hat, doch hielt er es für einen Zufall, legte allerdings die Beantwortung auf dieses kleine Fragezeichen seinem Kollegen Schneider als Aufgabe auf den Schreibtisch. Der wiederum war beauftragt gewesen, Ellen Köhler zu überwachen und so konnte er seinem Vorgesetzten bald eine plausible Erklärung bieten. Ein Damentreff. Jeden Mittwoch Nachmittag in Zehlendorf, in der Villa Sagitta. Dort trafen sich ältere und jüngere Damen zum Kaffeeplausch. Dazu gehörte auch Olanka Wybowskaja, die Witwe des Mafia-Bosses. Und Erika Rohde, die Witwe des Staatsanwaltes.

    Radka hielt die Akte mit diesen Ausführungen in Händen. Sie saß wieder einmal in den Besuchersessel eingerollt und las, dann wedelte mit dem Papier, als ob sie einen Gedanken verscheuchen oder, im Gegenteil, ihn herbeilocken wollte und las wieder ein Stück. Zoller war gerade aus dem Zimmer gegangen und Oberkommissar Wanzke wartete, die Augen halb geschlossen auf seine Rückkehr. Radka las leise vor sich hin. Plötzlich sprang sie hoch.

    „Ein Witwentreff!“, rief Radka entzückt und zog die Augenbrauen fast bis an den Rand ihrer schwarzen Wollmütze hoch.

    „Ein Kaffeeklatsch älterer Damen, wie überall auf der ganzen Welt“, wiegelte Wanzke ab. Er wollte den Augenblick Ruhe genießen.

    „Und wenn diese Damen alle Witwen sind?“

    „Dann ist es eben ein Witwentreff! Na und?“

    „Vielleicht wissen sie, warum sie Witwen sind.“

    „Das weiß doch jede Witwe. Weil ihr Mann gestorben ist.“

    „Vielleicht wissen diese Witwen, warum ihre Männer gestorben sind.“

    Gelangweilt reagierte Wanzke: „Der eine an Krebs, der andere an Überarbeitung, der dritte, weil er eine aufsässige kleine Tochter wie dich besessen hat und sich deshalb das Leben nahm.“

    „Nein, ehrlich! Sag selbst, das wäre ja cool! Diese Witwen wollten vielleicht Witwen werden!“

    „Du liest doch wohl in deiner Freizeit keine Kriminalromane?“

    „Niemals! Ich habe meine eigene Fantasie.“

    „Die ist sicherlich sehr, sehr eigen!“ Wanzke gluckste.

    „Du wirst schon sehen, ich schaffe es noch zur Kriminaldirektorin!“

    „Da hörst du doch nicht auf, du willst doch Innensenatorin werden.“

    „Wenn du das schon sagst.“ Radka wälzte sich wieder in ihrem Sessel.

    „Ich würde dich höchstens zur Kultursenatorin wählen, da könntest du deine abstrusen Fantasien der Filmindustrie verkaufen.“

    „Sag nichts über meine fantastische Fantasie!“ beschwerte sich Radka.

    „Das ist schon keine Fantasie mehr, das sind Hirngespinste, Einbildungen, Verfehlungen eines kranken Hirnes!“

    In diesem Moment betrat Zoller das Büro. Er hatte den letzten Satz aufgeschnappt und fragte: „Wer hat hier ein krankes Hirn verfehlt?“

    „Ich glaube, die Arbeit in der Mordkommission bekommt unserer Praktikantin nicht. Sie sieht schon in einem Club alter Damen eine Vereinigung abgefeimte Mörder.“

    „Wenn ich mir unsere Radka so anschaue, kann ich mir gut vorstellen, zu welchen Taten manche Frauen fähig sind. Einbrecherkluft trägt sie ja schon. Nein, aber im Ernst, Radka, traust du das den alten Damen zu?“

    „Ich denke nur an Arsen und Spitzenhäubchen und so manch andere scharfe Krimis mit alten Damen. Überhaupt sind Frauen in vielerlei Hinsicht nicht zu verachten“ dozierte Radka und setzte schnell hinzu „besonders, was ihr Denkvermögen betrifft!“

    22 – Ellen und Radka

    Ellen spürte seltsamerweise keine Trauer um ihren Mann. Der größte Schock war sein letzter, bleicher Gesichtsausdruck gewesen, der den Kampf gegen das Unausweichliche deutlich veranschaulichte. In seinen weit aufgerissenen Augen erkannte sie die schiere Angst, ein Gefühl, das er zu Lebzeiten niemals gezeigt hatte. Heute stellte sich bei ihr eine Art Genugtuung ein darüber, dass dieser  so kalte wie lebensgierige Mann, der alle Gefühlsäußerungen bei Menschen verachtet hatte, mit einem der stärksten Empfindungen in den Augen diese Welt verlassen musste. Er tat ihr leid. Er musste sehr gelitten haben, bevor er gestorben war, sehr lange und sehr tief, wie die Ärzte sagten, ein Tod durch Verdursten. Jede einzelne Zelle musste nach Wasser, nach Feuchtigkeit gegiert haben, bis die Zellen eindickten, die Abfallstoffe nicht mehr ausgeschwemmt werden konnten, sie sich und den gesamten Körper langsam vergifteten. Harry hatte gewusst, wie Verdursten physiologisch vonstatten geht, er wusste, was ihm bei Wassermangel bevorstand, von den Krämpfen, von den Wahnvorstellungen, vom schließlichen Delirium, aus dem keiner mehr aufwacht. Aber er hatte sich um das Delirium gebracht, bevor es ihn in den Griff bekam. Er musste in einer unmenschlichen Gewaltanstrengung wach gehalten haben und hatte nach einem Ausweg gesucht, nach der Schwachstelle, wie er immer sagte. Alles hat eine Schwachstelle, alle Menschen und alle Dinge und findet man diese und nutzt sie, ist man Herr über die Dinge und die Menschen. Er hatte offenbar eine Schwachstelle gefunden. Da lag ja wohl eine Handgranate, wie man ihr erzählt hatte. Er musste sie genommen haben, um sich aus der Fessel zu befreien. Er wollte seine Hand opfern, um sein Leben zu gewinnen. Nun, er hatte sich getäuscht, er war dennoch gestorben, an Herzversagen, wie die Ärzte ihr mitgeteilt hatten. Herzversagen, dachte sie, wie kann etwas versagen, das man nicht hat. Herz hat er nie gezeigt. Die Liebe? Das war bei ihm nur eine spastische Entleerung seines Erregungsspiegels, ein Schaumschlägerei kleiner hormonaler Ausbrüche zur Entlastung eines momentanen Juckreizes. Was er Liebe nannte, war profane Geilheit. Geilheit war kein Gefühl, es war ein durch Hormone provozierter Zustand, den durfte man zeigen. Liebe zeigen war nicht seine Sache. Vielleicht war Liebe insgesamt nicht seine Sache gewesen, so dass er sie auch nie hatte zeigen können. Das war es auch, was Ellen vermisst hatte, all die Jahre.

    Nein, sie trauerte nicht und hatte auch nicht vor, nach außen hin so zu tun. Sie war ja auch einverstanden gewesen mit dem Urteil, welches feierlich in der Villa Sagitta gemeinsam gefunden wurde und dessen Vollstreckung durch den Vorfall vereitelt wurde. Aber so oder so. Er war nicht mehr.

    Sie hatte mit einem Bestattungsunternehmen gesprochen, um sich vorzubereiten auf die notwendigen Dinge. Die freundlichen Angestellten dort hatten ihr versprochen, alle wichtigen Dinge für sie zu erledigen. Das würde ihr sehr helfen. Die Leiche war noch nicht freigegeben worden. Was die Polizei wohl noch zu finden hoffte? Sie benötigte den Totenschein für das Testament.

    Sie schreckte hoch, als die Türglocke ging. Sie schreckte in letzter Zeit immer hoch. Sie stellte sich vor, ihr Mann stünde plötzlich vor der Türe, von einem Afrika-Aufenthalt zurückgekehrt. Auch abends im Bett durchzuckte sie der Gedanke, ihr Mann könnte jeden Moment die Türe herein kommen und sie ansprechen. Jedes mal aufs Neue musste sie sich klar machen, dass er tot im Kühlraum der Pathologie lag. So auch jetzt, als sie zur Türe ging, um diese zu öffnen. Und doch war ein seltsam flaues Gefühl in ihrem Magen.

    Es war das junge Mädchen, das vor einigen Tagen mit dem dicken Polizisten bei ihr gewesen war. Das flaue Gefühl nahm zu. Was wollten die noch von ihr? Hatten sie nicht schon genug herumgeschnüffelt, alles auf den Kopf gestellt, selbst das allerheiligste Büro ihres Mannes von unten nach oben gekrempelt. Wonach suchten diese Polizisten noch? Konnten sie sie nicht in Ruhe lassen? Ihr Mann war einem Verbrechen zum Opfer gefallen, das war schon scheußlich genug, mussten sie sie jetzt noch ständig belästigen?

    Die tun nur ihre Pflicht! Sie sollen ja rausbekommen, wer an meinem Tode verantwortlich ist. Oder ist dir daran nicht gelegen? Du bist für Schwamm drüber und Ende, was?

    Ellen lächelte gequält.

    „Entschuldigen Sie bitte die Störung, ich wollte Sie nicht belästigen. Aber man hat mich geschickt, ich soll Ihnen noch einige kleine unbedeutende Fragen stellen, es dauert auch nicht lange, dann bin ich wieder fort.“

    Radka sagte dies in einer so hilflosen und  bedauernswerten Art, dass Ellen fast lächeln musste. Ihre Züge entspannten sich und sie ließ Radka ein. „Kommen Sie. Wenn es nicht lange dauert . . .“

    Radka ging wie selbstverständlich in das Wohnzimmer, welches sie schon kannte und knautschte sich auf ihre Weise auf das Sofa. Allerdings unterließ sie es, sich einzurollen und die Füße hoch zu nehmen. Sie wartete geduldig bis die ältere Dame sich gesetzt hatte.

    „Also zunächst soll ich Ihnen mitteilen, dass die Leiche Ihres Mannes freigegeben wurde. Sie können ihn also bald beerdigen.“

    „Na, das ist ja mal eine gute Nachricht.“

    Das freut dich, mich unter die Erde zu bringen, was? Kannst es wohl nicht erwarten? Halte doch die Klappe!

    „Wollen Sie nicht wissen, ob wir eine Spur der Täter haben?“ Radkas Gesicht strotzte nur so vor Unschuld.

    „Doch, natürlich, nur haben Sie mich mit der Freigabe meines – mit der Freigabe der Leiche überrascht.“

    Radka zog etwas aus dem Inneren ihres schwarzen Blousons. „Wir haben einen Hinweis bekommen. Er kam per Post. Sagen Ihnen die fremden Worte und Sätze etwas?“ Sie reichte eine leicht zerknüllte Plastikfolie zu Ellen hinüber. Ellen nahm die Folie und sah das Geschreibsel auf dem gelben Papier, auf der Rückseite war das Couvert beigefügt. Ellen las den Text und sagte erschrocken: „Oh Gott!“, dann las sie weiter und schaute Radka an. „Sie meinen die drei letzten Zeilen, das KAMBARELE und so weiter? Nein, nie gehört.“

    Natürlich kennst du diese Ausdrücke, ich habe sie wieder und wieder erwähnt, als ich von meinen Reisen zurückkam. Du musst sie doch wiedererkennen! So blöd kann doch keiner sein, Du Legasthenikerin! Danke, Harald, es reicht! Du hast mir nichts mehr vorzuhalten.

    Sie reichte die Folie an Radka zurück.

    „Waren Sie nicht einmal oder zweimal mit in Afrika?“

    „Doch, sicher, aber ich bin diesen Begriffen nie begegnet. Wissen Sie denn, was sie bedeuten?“

    „Ja“, sagte Radka und vergaß, wer denn die Befragung durchzuführen hatte, „wir haben herausgefunden, sie bedeuten alle drei so etwas wie Waidmannsheil. Jedes in einem anderen afrikanischen Dialekt.“

    „Und?“

    „Wir können uns schon vorstellen, dass die Täter aus diesem Umfeld kommen.“ Jetzt merkte Radka, dass es an ihr war, Fragen zu stellen. „Nun haben wir noch ein paar Fragen zu Ihnen. Sie kennen niemanden -“ und als sie merkte, dass sie die Frage falsch herum aufgesattelt hatte, korrigierte sie sich „besser gefragt, kennen Sie jemanden, der mit Namibia oder Afrika Kontakt hat oder hatte – außer Ihrem Mann, natürlich?“

    Klar und deutlich antwortete Ellen: „Nein, dazu hat mein Mann mich zu wenig in seine Geschäftsbeziehungen einbezogen.“

    „Also auch nicht privat?“

    „Nein, auch nicht privat.“

    „Das war’s auch schon, Frau Köhler, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben.“ Radka erhob sich. Dann sagte sie ganz nebenbei: „Ach, mal etwas anderes würde mich interessieren. Als Frau. Sie besuchen regelmäßig eine Art Frauenclub, haben mir meine Kollegen gesagt. Ich finde so etwas cool. Kann man sich da einfach anmelden?“

    Ellen musste lächeln über diese naive Frage. Sie antwortete mütterlich „Aber nein, Sie sind viel zu jung für so etwas. Wir sind alles ältere Damen.“

    „Und was machen die Männer in der Zwischenzeit? Spielen die Golf, oder so?“

    „Nein, in unserem Falle nicht. Wir sind durchweg Witwen, wir haben keine Männer mehr.“

    Als Ellen an der Türe Radka nachschaute, dachte sie, was für ein gewitztes Biest diese Kleine war. Sie hatte zuerst fast lachen müssen, als dieses kleine Püppchen von sich als Frau sprach und den Club cool fand. Dann wurde ihr doch etwas heiß, als ihr aufging, dass die Polizei alle ihre Schritte verfolgte, sogar bis zu Villa. Ihr kam in den Sinn, was ihr Mann ihr erzählt hatte: Die giftigsten Schlangen sind die, welche am harmlosesten erschienen.

    Ellen war sich sicher, die Kleine würde es weit bringen und wenn sie sich verbissen hätte, ihr Ziel erreichen.

    23 –  Radka und die Witwen

    „Die waren es! Ganz bestimmt.“

    „Von wem sprichst du?“ Wanzke tunkte gerade sein halbes Brötchen in den Kakao.

    „Na von den Witwen!“

    „Na, dann raus mit der Sprache, was hat unsere Superkriminologin herausgefunden?“

    „Um den Ergebnissen meiner Recherchen gerecht zu werden,  sehe ich dich eigentlich in der Pflicht, mich jetzt und hier zu etwas einzuladen“, konstatierte Radka und wunderte sich selbst über den gedrechselten Satz, der sich ihr entwunden hatte.

    Fritz Wanzke blickte seine junge Kollegin mit großen Augen an. Ihm fiel nichts passendes ein und so fragte er lakonisch: „Eis?“

    „Ja, gerne!“ Sie zeigte auf den größten Eisbecher, der abgebildet war. „Den, und einen heißen Kaffee hinterher und – und“

    „Erst mal das Eis! Du bist ja gierig wie ein Kind!“

    „Na und? Wenn ich Leistungen erbringe wie zwei Erwachsene?“

    Wanzke bestellte den Eisbecher und sah dann Radka an. „Hast du ihr mitgeteilt, dass die Leiche freigegeben ist?“

    „Ja, natürlich, deswegen sind wir ja hier herausgefahren.“

    „Und?“

    „Nichts und. Sie hat es registriert und wohl gleich an die weiteren Schritte gedacht.“

    Das Eis kam und Radka machte sich gleich daran, mit dem langen Löffel das Eis von unten zu probieren, statt sich von oben nach unten durchzuarbeiten. Kleine, mehrfarbige Rinnsale geschmolzenen Eises flossen langsam ihre Lippen hinunter als Folge ihrer Hast beim Schlemmen.

    Wanzke fühlte sich angetan, ihr mit einer Serviette diese kleinen Gletscherflüsse wegzuwischen, unterließ es jedoch und hielt ihr die Serviette demonstrativ hin. Sie schaute ihn fragend an, drehte dabei ihren Kopf ihrem Kollegen zu und, hastenichgesehn, fiel einer dieser klebrigen Tropfen auf ihr tiefschwarzes Blouson.

    „Scheiße!“

    „Nein, Eis.“

    „Dass aber auch jeder Genuss seine Achillesferse hat! Oder wie man da sagt.“ Wanzke fand es trefflich gesagt, doch behielt er dieses Lob vorsichtshalber bei sich.

    In Radkas Augen war das Blouson unrettbar verloren, schlimmer, sie konnte sich mit dem Flecken nirgends mehr sehen lassen, noch schlimmer, der Tag war der dunkelste des ganzen Lebens.

    Wanzkes massiger Körper hüpfte vor unterdrücktem Lachen. Er wollte schon sagen, dass auch Eisessen gelernt sein wollte, blieb aber seiner Linie treu und behielt auch diese Bemerkung ein.

    Als Radka nach fünf Minuten aus der Damentoilette wieder erschien, war das Eis geschmolzen. Dafür sah Radka wieder wie aus dem Ei gepellt aus.

    Sie stolzierte an den Tisch zurück, setzte sich und rührte in der warmen Brühe herum, als ob Sie Suppe bestellt hätte. Wanzke machte der Bedienung ein Zeichen und im Nu hatte Radka ein neues Eis vor sich stehen.

    „Fritz Wanzke ist ein Schatz!“, rief Radka in den Raum, und ungeachtet der Blicke die ihr Ausruf auf sich zog, gab sie dem verdutzten Wanzke einen fetten Kuss auf die Wange.

    Jetzt begann sie sehr vornehm, das Eis von oben nach unten in gesitteten Portionen abzuschaben und steckte sich jeden Löffel mit einem Seitenblick auf ihren Kollegen lustvoll in den Mund, als ob sie für diese Werbung bezahlt würde.

    Unvermittelt sagte sie: „Ich wette, dass die Weiber es waren. Sie hat zugegeben, dass alles Witwen sind in dem Club!“

    „Bist du schon wieder bei deinen Witwen!“

    „Ich bin im Dienst und denke ständig an den Fall, den wir zu klären haben. Übrigens“, sie hob den langen Löffel wie einen Zeigestab in die Luft, „ich habe ihr ganz nebenbei den Brief gezeigt und sie danach befragt.“

    „Was hast du? Den Brief -?“

    „Wenn schon, denn schon, dachte ich. Wenn wir schon bei ihr sind, sollte man sie zu dem Brief befragen.“

    „Den wollte Zoller noch nicht bekannt machen, wegen der Schrift und so.“

    „Sie kennt niemanden, das heißt, keinen Afrikaner und kennt nicht das Jägerlatein auf den Briefen.“

    „Bist du da sicher?“

    „Ganz sicher.“

    „Aber du glaubst, dass die Witwen damit zu tun haben?“

    „Ja. Wir sollten die alle einmal überprüfen.“

    „Na, das sag mal dem Chef selber.“

    „Tu ich auch.“

    24 – Der neue Fall

    Es gingen Tage ins Land, der Goldene Berliner Herbst wurde zum trüben, schmuddeligen Herbst, was die Stadt nicht aufhielt zu pulsieren. Die Lehrer lehrten, die Schüler lernten, die Politiker regierten, die Polizisten ermittelten, die Verbrecher verbrachen, die Süchte suchten sich ihre Opfer, die Taten ihre Täter und die Untaten ihre Untäter, alles ging wie immer seinen eingespielten, altgewohnten Gang.  Die Gewohnheit ist eine Hure, sie treibt es mit allen und allen ist sie lieb und teuer. Doch es gibt auch einem selbst teure Angewohnheiten, die nicht allen gemein sind, solche, die von der Allgemeinheit als verabscheuenswürdig angesehen werden, die auf der Liste der Ahndungen und Ächtungen erscheinen und die den lauten Ruf nach Sühne schreien.

    Es war wieder einmal Mittwoch, die Damen redeten vergnügt durcheinander, die Villa Sagitta erzitterte unter den Lachtiraden und Rufen des Erstaunens und da sie eine Seele besaß, wunderte sie sich, dass so wenig Mensch so viel Geräusch hervorbringen konnte.

    Die Damen waren nicht komplett, es fehlte eine bislang unentschuldigt, Brigitte Stahn, eine der jüngeren der Damen, ihres Zeichens Witwe eines Richters, der, solange sie verheiratet waren, jedem Rock hinterher geschaut hatte, seine Vorliebe für kleine Mädchen, je zarter, je lieber, auf Dauer nicht hatte verheimlichen können. Man hatte ihn gefunden mit einem vergifteten Schnuller im Mund in der Mädchentoilette einer Schule.

    Deborah Sarazin hatte in unnachahmlicher Art Francois Villon’s Erdbeermund zum allgemeinen Ergötzen der Damen rezitiert, nur Hanne Walser, mit vierundsechzig Jahren die Älteste in der Runde schien wohl nicht zu verstehen, worum es gehen mochte und hatte vorsichtshalber ihr pikiertes Gesicht aufgesetzt. Sie war auch nicht in den allgemeinen Jubel eingefallen. Sie schien allen seit jeher schwer von Begriff und keiner wusste, ob sie jemals verstanden hatte, was die Welt antreibt; bei allen Themen, die nur die Nähe erogener Zonen streiften, verschloss sie sich. So saß sie kerzengerade und blickte gelangweilt in eine obere Ecke des Raumes, womit sie geschickt überspielte, wie sehr sie insgeheim ihre Ohren spitzte, als die schrille Nudel Deborah ansetzte, einige Zoten zum besten zu geben. Hanne’s strenge Erziehung –der Eltern wie des Ehemannes- verbot ihr, jemals über Anzüglichkeiten nur zu lächeln. Ihr Mund war verkniffen und nur eine Spinne hoch oben an der Wand hätte ihr Blitzen in den Augen wahrnehmen können.

    Deborah erzählte: „Da treffen sich zwei Freundinnen nach Jahren zum ersten Male wieder und die eine sagt zur anderen ‚Ich habe gehört, es geht euch blendend, Villa, Pferde, Swimmingpool, mehrere Autos, doch hieß es, ihr beide habt getrennte Schlafzimmer.’ ‚Ja’, sagte die andere, alles ist bestens’, ‚Aber,’ fragt die eine wieder ‚mit den getrennten Schlafzimmern, wenn deinem Mann einmal so ist, du weißt schon, was ich meine, was tut ihr denn da?’ ‚Nichts einfacher als das: Er flötet dann eine bestimmte Melodie und dann weiß ich Bescheid.’ Fragt die eine wieder: ‚Ja, schön, aber wenn dir einmal danach ist, was tut ihr denn dann?’ ‚Nichts einfacher als das, ich frage einfach -’ Alle Augen waren auf Deborah gerichtet, die die Spannung vor der Pointe zum kochen gebracht hatte, als die Türglocke ging.

    „Das ist die pure Niedertracht, jetzt zu läuten!“, rief Josy. Innerlich stimmte ihr die stille Hanne vollkommen zu, nach außen hin sagte sie kühl: „Will denn keine öffnen gehen?“

    „Erzähl weiter, erzähl weiter!“, erklang es rundherum.

    Josy war schon zur Türe geeilt und bekam den Rest nicht mehr mit. Sie öffnete der unentschuldigt ferngebliebenen Brigitte, die recht atemlos durch die Türe trat. Drinnen kreischte es vor Vergnügen.

    „Es ist unglaublich, mit was ich euch komme. Wir müssen sofort einen Rat einberufen’, sagte Brigitte ernst und zog ihren Pelzmantel aus. Drinnen kreischten einige Stimmen vor Heiterkeit. Josy hatte nicht genau hingehört, was Brigitte sagte, sie war viel zu gespannt auf die Auflösung des Witzes von Deborah. Sie wollte schnellstens wieder zurück, aber Brigitte hielt sie an der Hand fest. „Kindes missbrauch, stell Dir vor! Kindesmissbrauch!“, wiederholte sie, „Wir müssen dringend etwas tun!“

    Hin und her gerissen stand Josy zwischen der aufgebrachten Brigitte und der harrenden Auflösung. Sie entschied sich für den Ernst der Lage und ging mit Brigitte in den Raum, wo die anderen Frauen noch gickerten und gackerten.

    „Ruhe!“, rief Josy, „Brigitte hat etwas wichtiges zu sagen.“

    „Wir müssen sofort den Rat einberufen.“ Brigitte zitterte am ganzen Körper.

    Hedwig übernahm die Regie: „Nun setz dich erst einmal hin und nehme ein Glas Champagner. Josy hatte gerade die fünfte geöffnet – damit du in etwa abschätzen kannst, in welcher Laune wir uns befinden.“ Und zu den anderen Damen gewandt: „Und ihr, meine Lieben, nehmt euch etwas zusammen, es ist immer noch Mittwoch und wir sind sozusagen noch im Dienst.“

    Während Brigitte sich bei einem Glas Champagner beruhigte, gingen einige Frauen zum Frischmachen hinaus, andere wischten sich die Tränen aus den Augenwinkeln und zupften sich ihre Haare oder Kleidung zurecht,

    Einmal noch ging ein leises Kichern um die Runde, dann war es still und Brigitte berichtete von ihrem neuen Fall.

    Einmal nur versuchte Josy ganz leise von der neben ihr sitzenden Erika den Rest des verpassten Witzes zu erfahren, doch die aufmerksame Hedwig vereitelte das Vorhaben mit strengem Blick. Wie die Schulmädchen saßen die beiden augenblicklich getadelten Frauen und lauschten den Erläuterungen von Brigitte.

    Nachdem Brigitte geendet hatte und der Fall sozusagen in die Akten aufgenommen worden war, löste sich auch langsam die Runde auf. Hedwig hatte allen aufgegeben, sich Gedanken zur Sühne der Schuld zu machen, über einen Plan nachzudenken, wie man dem Kinderschänder das Handwerk legen konnte. Wenn ein akuter Fall vorlag, war damit zu rechnen, dass jeden Tag eine Sitzung einberufen werden konnte.

    Die Stimmung war im Laufe des Nachmittages total umgeschlagen, von überbordender Fröhlichkeit in bedrückende Nachdenklichkeit und Besonnenheit.

    An der Tür hielt Josy Erika auf. „Wie war denn das mit den getrennten Schlafzimmern?“, fragte Josy und nahm Erika beiseite. Die musste sich erst erinnern, grinste dann und erklärte: „Also die Freundin hat alles, absolut alles, nur haben sie getrennte Schlafzimmer und er flötet, wenn ihm -hm-danach ist.“ „Ich weiß“, gierte Josy, „Und was tut sie, wenn sie einmal möchte?“ Erika überkam das Lachen, sie unterbrach es fast gewaltsam und sagte: „Sie fragt: ‚Liebling, hast du geflötet?’“

    25 – Ellens Zwiesprache

    Ellens Leben hatte sich von Grund auf geändert. Sie hätte nie damit gerechnet, dass es ein Geschehnis geben könnte, welches vollbringen kann, dass sie die Welt mit neuen Augen sehen, dass sie Freundinnen haben und wieder richtige Freude am Leben empfinden könnte.

    Die Leiche ihres Mannes  war vor zwölf Tagen freigegeben worden und sie hatte – den Wünschen ihres Mannes entsprechend – eine Seebestattung veranlasst. Das hatte bedeutet, sie musste die Leiche zuerst einäschern lassen, und einen Termin beantragen zur Bestattung auf der Ostsee. Dieser Termin kam nun näher, es war der letzte in dieser Saison. Ellen hatte eine Cousine ihres Mannes ausfindig gemacht. Sie hatten nie zuvor Kontakt gepflegt, da Harrys Schwester sich schon lange von ihm losgesagt hatte und so hatte die Tochter ihren Onkel nie zu Gesicht bekommen. Die Schwester war verstorben und Ellen hatte es als ihre Pflicht gesehen, wenigstens der einzigen Verwandten ihres Mannes Bescheid über den Tod ihres Onkels zu geben. Sie hieß Susanne, war fünfundzwanzig, verheiratet und erfreut, dass Ellen sich, trotz der Entfremdung, gemeldet hatte. Vielleicht dachte sie auch, es gäbe vielleicht etwas zu erben.

    Was das Erbe anbelangte, traf es Ellen wie ein Schock. Sie hatte nie gewusst, was ihr Mann verdiente, wusste sie ja nicht einmal recht, was er eigentlich tat. Gut, als Geschäftsführer musste er wohl ein gutes Einkommen haben, doch als die Testamentseröffnung stattfand, war sie geplättet. Soviel Geld sollte ihr gehören? Geld aus Anlagen und Anteilscheinen, Geld auf verschiedenen Konten in Deutschland und in Afrika, sogar auf einem Schweizer Konto, Geld, wohin sie schaute. Doch war der Schock nur von kurzer Dauer gewesen, dann stellte sich die Hilflosigkeit ein. Was tun, mit soviel Geld? Nach einigen Tagen der Besinnung stellte sich ein anderes Gefühl ein.  Eine Art Dankbarkeit. Sie war bereit, einen gewissen Betrag einer Wohltätigkeitseinrichtung zu stiften, die sie noch näher bestimmen wollte. Weiterhin wollte sie in die Kasse der Villa Sagitta einen erklecklichen Betrag zahlen. Mit diesen beiden Spenden dachte sie, der Wohltätigkeit genug getan zu haben, bis auf eine Hilfe für Susanne, die Cousine, der einzigen Verwandten. Sie hatte auch mit Erika nicht über die Höhe des Erbes gesprochen. Irgend eine Stimme sagte ihr, sie solle Stillschweigen bewahren, jedermann gegenüber. Es waren schon für kleinere Beträge Verbrechen begangen worden – wenn sie es sich genau überlegte, sogar ohne den Gedanken an Geld.

    Ellen hatte in der letzten Zeit alle Konten aufgelöst bis auf das Schweizer Konto, alle Anlagen verflüssigt, ohne Ansehen der Verluste. Den Hinweis auf das Schweizer Konto hatte sie sogar von der Polizei bekommen, die in den Unterlagen ihres Mannes alle Hinweise gefunden und ihr mitgeteilt hatten.

    Sie hatte sogar den Hauptkommissar Zoller angerufen und gefragt, ob sie einige Tage zur Bestattung verreisen dürfte. Der hatte es ihr erlaubt mit dem lachenden Hinweis, sie käme ja wohl wieder zurück. Da war ihr eine Idee gekommen. Diese trug sie jetzt mit sich herum und wartete darauf, dass sie gedieh und geburtsreif wurde.

    Sie wusste, dass die Ermittlungen noch liefen, man hatte bisher ja keinen Täter gefasst und sie ahnte, dass sie selbst noch immer nicht ganz aus dem Focus geraten war. Das machte ihr ein wenig Sorge. Ihr wäre lieber, der eine oder andere Täter wurde gefunden.

    Das schert dich doch eh nicht! Dir ist es doch egal, wer deinen Mann umgebracht hat. Hauptsache er ist fort und du sitzt auf dem Geld. Da ist mehr dran, als du glaubst. Nur gehen mir deine profanen Sprüche langsam auf den Geist. Noch zu deinen Lebzeiten konntest du nur durch Geistlosigkeit glänzen, willst du dich nach deinem Tode selbst an Plattheit überbieten? Bald bist du unter der Erde, nein, unter dem Meeresspiegel. Dann kannst du mit den Fischen streiten.

    Was? Du lässt mich seebestatten? Mich? Ich hasse die See und das weißt du genau! Du gewissenloses Dreckstück! Niemals habe ich gesagt, dass ich ins Meer will. Ich habe Angst vor dem Wasser. Das darfst du nicht tun! Du tust, was ich sage und änderst den Plan! Habe ich ein BITTE gehört?HahhhhhhhHHHHHäpoijälkjäoihHHHHHHHHHHH

    Sofort! Habe ich ein „Bitte“ gehört? Ich habe nie ein Bitte gehört. Deshalb kann ich auch keiner Bitte entsprechen. Ist das nicht logisch? – Da bist du sprachlos, was?

    Ich bitte dich, ich bitte dich inständig, mich nicht zu den Fischen zu schütten. Es ekelt mich, es ist mir ein Graus. Nicht ins Meer zu den Fischen und Krabben! Das habe ich nicht verdient! Nein, verdient hast du, in die Hölle zu kommen. Sollen doch die Fische und Krabben und Seeigel und Aale deine Hölle werden. Schade, dass die Aale dich nicht verspeisen können, du bist schon Asche. Allein die Vorstellung dass Aale sich durch dich durchfressen könnten, lässt mich bedauern, dich schon verbrannt zu haben.

    Ich wollte nie verbrannt werden. Ich wollte ein anständiges Grab, neben meiner Mutter mit Blumen und Efeu und einem Stein, der mich ewig beschützt. Nichts ist ewig, weder das Leben, wie der Stein, auch der härteste Stein dauert nicht an. Der härteste Mann und der härteste Stein haben das gleiche Schicksal.

    Ich will nicht! Diesmal hast du zu wollen!

    Sie hörte die Türglocke. Ellen legte die Sachen beiseite, die sie gerade in den Koffer packen wollte. Diesmal schreckte sie nicht zusammen. Diesmal war sie sich ziemlich sicher, dass nicht Harry, ihr Mann Harry vor der Türe stehen würde. Diesmal nicht.

    Das erste, was sie sah, als sie die Tür öffnete, war Harrys Mantel. Und seine Schuhe. Ellen zuckte unwillkürlich zusammen und wollte schon die Türe zuschlagen. Da erkannte sie den jungen Mann aus dem Kommissariat. Er trug den Mantel über dem Arm, die Schuhe hatte er auf den Boden gestellt.

    Ralf Schneider sagte: „Entschuldigen Sie, ich hatte schon einige Male geklingelt, aber Sie hatte nicht aufgemacht. Ich bringe Ihnen die Sachen Ihres Mannes.“

    Ellen hatte sich schnell gefasst und wollte nach den Sachen greifen, da sagte Schneider: „Wollen Sie nicht wissen, wo wir die Sachen gefunden haben? Lassen Sie mich bitte kurz hinein? Wir haben noch einige Fragen.“

    Es zeigte sich, dass alles komplett war, der Mantel, die Schuhe, sein Jackett, Gürtel und die Armbanduhr, alles, was man Harry in seinem Verlies abgenommen hatte.

    „Wir fanden sie Sachen in seinem Auto. Auch einen Wattebausch. Der war wohl mit Äther getränkt. Das Auto wurde in einem Waldstück entdeckt, außerhalb Berlins, aber nur wenige Kilometer von der Stelle, wo Ihr Mann versteckt gehalten wurde.“ Unvermittelt schloss Schneider an: „Haben Sie einen Führerschein?“

    „Nein.“ Ellen wunderte sich über diese Frage, die Polizei hätte doch nur im Computer nachsehen können, um dies festzustellen. Vielleicht hatten sie ja auch geprüft, ob die Freundin von Harry einen Führerschein besaß?

    „Und wie kommt es, dass wir Ihre Fingerspuren in dem Wagen und nicht nur das, sondern auch am Lenkrad fanden?“ Schneider sprach, wie es oft jüngere Polizisten tun, in einem scharfen Ton, der eine Autorität vortäuschen sollte, die man sich erst erwerben musste.

    Ellen hatte die Situation im Griff und antwortete: „Junger Mann, Sie müssen mich nicht so anfahren! Ich antworte auch, wenn Sie in normalem Ton fragen.“ Sie machte eine Pause und bedauerte, nicht zu rauchen, denn jetzt wäre eine Situation, in der sie gerne das Ritual des Anzündens einer Zigarette ihrer Antwort vorausgestellt hätte. Stattdessen erhob sie sich, ging ein paar Schritte auf das Fenster zu, sah kurz hinaus und wandte sich dem jungen Beamten zu.

    „Nun, die eine Sache ist die, dass ich natürlich als Beifahrerin Spuren hinterlassen haben werde. Das andere ist mir etwas peinlich.“ Sie bedauerte, dass nicht wenigstens die junge Beamtin ihr diese Frage gestellt hatte, die sie als Frau vielleicht eher verstehen konnte. „Peinlich deshalb, mich vor einem jungen Menschen entblößen zu müssen.“

    Schneider saß mit hochrotem Kopf da und hörte zu.

    „Sie müssen wissen, mein Mann hatte einige, sagen wir, seltsame Eigenschaften, besser Eigenheiten. Mit seinem Auto hatte er sich besonders. Also, kurz gesagt, ich musste immer das Innere seines Wagens putzen. Ich weiß, es sieht seltsam aus, bei seinem Gehalt, aber er ließ keinen anderen an seinen Wagen ran und ich hatte mich zu fügen.“ Diesmal war sie es, die einen roten Kopf bekam.

    „Und sie hatten den Wagen gerade gesäubert?“ Schneider war es doch recht peinlich geworden. Ellen nickte und Schneider ließ es gut sein damit und verschwand.

    Ellen wandte sich wieder ihrem Koffer zu.

    Was stellst du dich so an? Wieso peinlich? Was sollte daran peinlich sein, wenn eine Frau den Wagen ihres Mannes putzt? Die Frau sei dem Manne untertan, so steht es schon in der Bibel.In der Bibel steht sogar, dass der Mensch sich die Welt untertan machen soll. Das heiß aber noch lange nicht, dass er sie ausbeuten und vernichten soll. Aber so etwas ging in deinen platten Schädel ja noch nie hinein! Geschäftlich mochtest du ja eine Koryphäe sein, jedenfalls nach deinen Einnahmen zu schließen. Als Mensch warst du ein Neandertaler und vielleicht waren diese Vormenschen noch sozialer zu ihren Frauen eingestellt als du.

    Du sollst mir nicht immer widersprechen! Ich dachte, das wäre ein für alle Mal zwischen uns geklärt. Ich gebe den Ton an und du tanzt nach meiner Pfeife! Du hast wohl noch nicht bemerkt, dass du, Pfeife, nichts mehr zu melden hast? Dein letztes Konzert ist gelaufen und, wie ich hörte, waren das Töne, die du verstehst, eine herrliche Disharmonie in h-dur, H für Handgranate, dur für hart. Es muss doch ein Fest für dich gewesen sein, endlich einmal ganz nah dran zu sein an den Produkten, mit denen du die Welt eingenebelt hast. Da muss dein Herz vor Freude doch glatt zersprungen sein! Oh, entschuldige, es ist ja auch zersprungen und hat dich gleich mitgerissen. Konnte ja keiner ahnen, dass du ein so schwaches Herz hattest und beim ersten Sylvesterkracher dir in die Hosen scheißt. Aber bald bist du ja eingebettet in reinigendem Wasser, in Meerwasser und wenn noch irgend etwas organisches an dir erhalten geblieben sein sollte, die Krabben werden es fressen.

    DU DARFST MICH NICHT ZU DEN KRABBEN LASSEN!

    Mein Freund, ruhig! Es ist nicht mehr an dir, zu bestimmen. Hast du nicht bemerkt, dass dein Schicksal schon lange nicht mehr in deinen Händen liegt? Man hat sich erlaubt, in deine intimsten Belange einzugreifen, dir die Weisungsbefugnis ungefragt zu entziehen. Diesmal warst du es, der gehorchen musste. Es muss schlimm gewesen sein, so einer unbekannten Macht ausgeliefert zu sein. Ich verstehe durchaus, dass du jetzt aufgebracht bist. Aber es nützt nichts, da musst du jetzt durch. Nenne es Karma oder Schicksal. Erinnerst du dich an Lewiston, an den kleinen Ort kurz nach der Grenze von Kanada in den USA, wo wir unsere Flitterwochen verbrachten? Wir haben dort Beethoven gehört, die Fünfte in c-moll, da-da-da-daaa! So etwas nenne ich einen harmonischen Abgang. Was deinen Abgang betrifft, kann man ihn nur als mörderische Kakophonie bezeichnen, passend zu deinem Leben und Handeln.

    Es entstand eine längere Pause, in der Ellen den Koffer fertig packte.

    Ellilein, bitte, hab doch ein Einsehen mit mir. Wir haben uns doch schließlich geliebt! Gerade hast du von Lewiston erzählt. Es war doch eine wunderbare Zeit. Ich habe dich wirklich geliebt. Wenn du Liebe nennst, dass du mich als Zeugungsmatratze benutzt hast, weil du einen Sohn wolltest? Und war das Liebe, als der Sohn da war, du mich nur noch verachtet hast? Und war das Liebe, wie du deinem Sohn begegnet bist, als der sich anders entwickelte, als du dir in deinem kranken Geist vorgestellt hast? Übrigens, er kommt nicht zu deiner Bestattung. Wir halten es nicht für notwendig, er hält es nicht für notwendig. Er hat Besseres zu tun, als dich absaufen zu sehen. Du hast ihn als Weichling beschimpft. Dabei war er stärker, als du glaubst, denn er musste sich gegen dich durchsetzen. Das verlangt Härte, charakterliche Stärke, nicht das blinde Gehorchen, wozu ich mich gezwungen fühlte. Du hieltest dich für Gott, weil alle das taten, was du wolltest und allen, die sich wehrten, hast du versucht ihr Rückgrat zu brechen oder sie ganz zu vernichten. Du großer Gott. Weißt du eigentlich, wie jämmerlich du jetzt aussiehst, das halbe Pfund schmutziger Asche? Wenn ich wollte, könnte ich aus dir einen Diamanten machen, der bis ans Ende dieser Welt Bestand hätte. Es gibt eine Methode, die Asche eines Menschen zu einem Diamanten zu verwandeln.

    Blödsinn! Das hast du aus einem Frauenmagazin dummer Ratschläge für noch dümmere Frauen. So lockt man den faulen, übersättigten Frauen das Geld aus der Tasche.

    Nein, mein Lieber. Auch hier irrst du. Deine lächerlichen paar Gramm Asche aus reinem Kohlenstoff könnten unter hohem Druck zu einem Halbkaräter zusammengepresst werden. Den tragen dann die wirklich trauernden Witwen an einem Ring oder einer Halskette als wertvolle Erinnerung mit sich herum, selbst die Nachfahren haben möglicherweise etwas von dem Wert der Vorfahren, wenn sie den Diamanten nämlich in ein Pfandhaus bringen. So macht Nachfahrenschaft Sinn. Aber ich will nicht. Ich will nicht, das so etwas wie du länger als notwendig auf der Welt ist. Du wirst in einer Urne ins Meer geworfen! Und wenn du denkst, die Urne liegt dort jahre- oder jahrzente- oder gar jahrhundertelang auf dem Meeresboden, hast du dich geschnitten. Deine Urne wird sich langsam innerhalb von vierundzwanzig Stunden auflösen und deine dreckige Asche ins kalte Meer entlassen, den Fischen und Seespinnen zum Fraß und bis sich diese Asche endgültig in Nichts aufgelöst haben wird, werden deine Moleküle von den Wellen durchgeschaukelt, von Wirbeln und Strudeln auseinandergerissen, von der Gischt zerfetzt, bis nur noch einzelne Atome übrig sind. Und das gesamte Meer und jedes einzelne Atom wird wissen, von wem dieses Scheiß-Atom ist, das in ihrer Mitte treibt und sie werden es aussperren, ächten und jedes deiner Atome wird in endgültiger Einsamkeit dahintreiben, umeinander wirbeln und sich nie mehr zu irgendwas zugehörig fühlen. Dein Ich wird zerstört sein und jedem kleinsten Bestandteil von dir wird das zukommen was du dir im Leben verdient hast, Ablehnung, Verstoßung, Verdammung.

    Woher kommt nur der Hass gegen mich? Was habe ich dir denn getan? Ich habe dir ein tolles Leben in Luxus geboten. Du hattest Alles. Andere hätten sich die Finger nach dem geleckt, was ich dir geboten habe!  Ein Haus, keine Geldsorgen. Was wirfst du mir eigentlich vor? Mich wird es kaum stören, was du dir in deinem Hirn für absurde Vorstellungen machst. Ich habe gelebt, wie ich leben musste. Nach den Regeln der Väter und nach meinen Erkenntnissen. Ich habe nichts zu bereuen, weshalb ich verdammt werden sollte! Ich bin genau so ein Wesen wie jedes andere gewesen, mit Träumen und Vorstellungen, mit Zielen und ich habe diese Ziele mit meinen Mitteln verfolgt. Meine Mittel sind die, die auf der ganzen Welt angewandt werden. Sie können also nicht schlecht sein. Was habe ich dir getan? Ich habe die Alles geboten!

    Alles ist nichts, wenn es nicht von Liebe getragen wird. Aber das wirst du nicht verstehen können, du hast nie verstanden, was Liebe eigentlich ist,  warum heute? Überhaupt, ich habe keine Lust mehr, mit dir zu diskutieren. Es hat noch nie etwas gebracht.

    Elli!!! Hör mir zu!

    „Schnauze!“

    Ellen hatte das Wort geschrieen. Sie hörte noch ihr eigenes Echo und darin den Ton der Türglocke.

    Jetzt war sie sich ganz sicher, niemals mehr ihren Mann an der Türe zu erwarten. Erika stand davor und sagte: „Wo warst du? Im Keller? Ich habe fünfmal geklingelt! Ich bin schon ums Haus gelaufen und habe an der Verandatür geklopft. Ich war drauf und dran, die Polizei zu holen. Ich wusste ja, dass du hier warst.“

    „Entschuldige, ich habe dich nicht gehört, ich hatte ein . . . längeres Gespräch.“

    „Ach, du hast telefoniert?“

    „Ja, so kann man das sagen.“

    „Hast du alles für die Reise gepackt?“

    „Ja, ich habe es gepackt!“

    26 – Radkas Alleingang

    Der Fall Köhler war inzwischen als gescheiterter Erpressungsversuch und Entführung mit Todesfolge kategorisiert, also auch aus der Mordkommission ausgemustert worden. Mit dem Dezernatswechsel war auch der Untersuchungseifer gesunken und die Akte lag geschlossen und gut verstaut unter ähnlichen Akten. Offiziell suchte man eine Gruppierung von Afrikanern, die einen Rachefeldzug gegen den Minenhersteller geführt hatte. Dass sich solche Täter nicht mit einem Aushängeschild schmücken war ebenso klar, wie die Aussichtslosigkeit, jeden Afrikaner auf jedwede Zugehörigkeit irgend einer obskuren Gruppierung zu untersuchen.

    Doch Radka hatte, wie wir schon hörten, einen weiteren Verdacht, der von ihren Kollegen weit abgewiesen wurde. Diese machten sich insgeheim und manchmal auch direkt über die kleine Kriminologin und ihre abstrusen Ideen lustig. Da kein akuter neuer Fall vorlag, ließ man Radka ziemlich freie Hand und dies gewitzte Persönchen fing mit all ihrer kindlichen Verbohrtheit an, auf ihre Art Ermittlungen anzustellen. Was sie nicht in alten Aufzeichnungen und Akten fand, suchte sie mit Hilfe der neuzeitlichen Mittel ausfindig zu machen, sie schaute auf die Internetseiten von Inpol, suchte, natürlich nur auf kostenlosen Archivseiten, bei Zeitschriften und Magazinen im Internet, selbst die unangenehme, weil staubige Suche in alten Papierarchiven hielt sie nicht ab, ihrem Verdacht penibel zu folgen.

    Ihre Kollegen belächelten Sie, wenn sie wieder auf die Todesursache eines Ehemannes gestoßen war und neckten sie mit Aussprüchen wie: „Das hätten wir dir gleich sagen können, dass der tot ist, seine Frau ist nämlich Witwe!“ oder „Was, der ist ertrunken? Vielleicht war er Nichtschwimmer?“

    Was Radka für sich behalten hatte und auch nie an die große Glocke hängen würde, war der Umstand, dass sie bereits eigene Erfahrungen mit dem Tod hatte, besser mit dem Sterben ihres Großvaters. Dieser war an Darmkrebs erkrankt und lag schon auf dem Sterbebett. Er bekam hohe Dosen eines Schmerzmittels, von dem der Arzt gewarnt hatte, es nicht zu hoch zu dosieren. Die Familie Radkas hatte sich beim Großvater und dessen Frau eingefunden, um, wie sie dachten, das baldige Ableben zu begleiten. Doch der alte Körper oder dessen Seele tat sich schwer mit dem Abschiednehmen von der Welt und sie hielten reihum Wache am Bett. Sobald die Schmerzen kamen, stöhnte der Greis und es wurde ihm das Mittel verabreicht, welches ihn die unsäglichen Schmerzen besser ertragen ließen. Radka hatte in einem solchen Moment der Gedanke durchzuckt, dass man ihm, verdammt noch mal, eine anständig hohe Dosis verabreichen sollte, die, sei’s drum, letzte Dosis. Sofort war sie zusammengeschreckt vor der Brisanz ihres Gedankens. Der alte Mann litt weiter. Alle litten mit. Sie erinnerte sich an einen lichten Moment des Greises, der plötzlich die Augen aufschlug und fragte: „Warum dauert das so lange mit dem Sterben?“. Keiner wusste eine Antwort. War das ein Hilferuf? Eher eine allgemeine Frage an Lebende, die es nicht wissen konnten.  Dann endlich war er gestorben. Und Radka hatte insgeheim vermutet, dass möglicherweise nicht nur sie alleine diesen furchtbaren, erlösenden Gedanken hatte. Die moralische Verwerflichkeit ihres Gedankens  war auf die allzu menschliche Empörung über schier unzumutbares Leiden gestoßen und dieser Konflikt hatte sie wie ein Schlag getroffen. Sie hatte in einem Moment daran gedacht, einen Menschen vor seiner Zeit zu töten, zumindest dies Sterben zu erleichtern. Eine hilflose Person heimtückisch und gewaltsam um die Ecke zu bringen, war Mord. In Gedanken war sie zur Mörderin geworden. Die Entstehung des Lebens und der Tod waren aber Bereiche, die Gott, der Natur überlassen werden sollten, kein Mensch hatte das Recht, hier einzugreifen. So war es ihr beigebracht worden. Andererseits dachte sie, ihr Großvater hatte ja keine Möglichkeit gehabt, sich zu äußern. Vielleicht hätte er, wenn er bei Sinnen gewesen wäre, geschrieen, gebettelt, gefleht, dass man ihm die Qual des Sterbens erleichtern sollte. Vielleicht. Vielleicht war ja auch der Zustand des Sterbens ein schöner, wenn er schmerzfrei verlief, vielleicht ein langsames, verträumtes Abschiednehmen. Durfte man da einfach eingreifen, zum einen wie zum anderen? Warum war der Eingriff erlaubt, ihm die naturgemäßen, vielleicht gottgewollten Schmerzen zu nehmen und nicht, das ganze wohlwollend zu beenden? Warum wurde jedwede Art, Leben technisch zu verlängern mit einem Pluszeichen versehen und Sterbenlassen mit einem Minus? Sie fand für sich keine Lösung der Frage.

    Und so war bei ihr die verbotene Problemstellung der Euthanasie in ihr junges Leben eingebrochen. Mit ihr aber auch eine Relativierung von Moral und Gesetz. Sie nahm nicht mehr alle moralischen Grundsätze als gottgegeben hin, wie sie auch die Regeln und Gesetze des menschlichen Zusammenseins nicht mehr als unzweifelhaft hinnahm.

    Radka hatte bald herausgefunden, dass unter den toten Ehemännern der ehrbaren Witwen hochangesehene Bürger der Stadt waren. Ein Staatsanwalt Rohde, angetrunken vom fünften Stock eines Rohbaues in die Tiefe gestürzt. Mit wem sich der Mann dort verabredet haben mochte, wurde nie herausgefunden, es konnte sich um eine Dame gehandelt haben, denn man fand einen unbenutzten Lippenstift in seiner Jackentasche. Dann war da der Richter Stahn, der in einer Mädchentoilette offenbar an Gift verstorben war, das man ihm in einen Schnuller gefüllt hatte. Es gab auch den Bauherrn Sarazin, der im Heizungskeller seines Bürohauses an Kohlenmonoxydvergiftung umgekommen war. Niemals war eine der Ehefrauen in der Nähe gewesen. Sie waren entweder verreist oder mit anderen Damen zusammengewesen. Es gab nie einen direkten Zusammenhang. Auch bei dem Fall nicht, den Radka in der ausländischen Presse im Internet fand. In Spanien waren zwei Herren, beides Jäger, der eine Staatssekretär, der andere Wirtschaftsberater,  bei der Explosion ihres Bootes aus dem Leben gerissen worden. Die Frauen hatten währenddessen mit anderen Urlaubern am Strand gefeiert. Der einzige, der im Bett gestorben war, war ein Herr Walser, ein pensionierter Redakteur mit schwachem Herzen. Aber auch hier war die Ehefrau nicht anwesend.

    Auffällig waren die schon etwas seltsamen Todesarten mancher der Ehemänner. Vor allen Dingen kannten sich die Witwen. Hatten sie sich schon vorher gekannt? Das zu untersuchen, war selbst für die findige Radka unmöglich. Sie konnte sich ja schlecht einschleichen, um sie zu befragen. Bald glaubte auch Radka, sie sei einem Hirngespinst aufgesessen.

    Nur der Fall Köhler beschäftigte sie noch. Könnte es nicht sein, dass die Frauen den Ehemann entführt und durch irgend einen Fehler in der Planung die Granate zur Unzeit hochgegangen war? Vielleicht war sie nicht zur Unzeit hochgegangen, vielleicht war eine bestimmte Absicht hinter allem?

    Köhler war an einem Donnerstag verschwunden. Das sagte seine Frau und die Sekretärin bestätigte es. Am Montag hatte die Frau erst die Suchanzeige aufgegeben. Es bestünde schon die Möglichkeit, dachte Radka, dass die alten Damen die Entführung organisiert hatten, ihn in das Versteck gebracht, ausgezogen und gefesselt hatten. Vielleicht sollte er für irgend etwas büßen, sühnen für eine Schuld, ähnlich wie bei der Annahme, dass es eine Gruppe Schwarzer getan hätte. Schwarz oder weiß, jede Farbe kennt Rachegedanken. Während diese Erika der Ehefrau ein Alibi verschaffte, hätten die anderen sehr gut den Plan durchführen können. Die Frage war nur, was wollten sie erreichen? Es gab schließlich diese Handgranate. Wie waren die Frauen an die Handgranate gekommen? Nun gut, Herr Köhler selbst kam an solche Waffen, also möglicherweise auch seine Frau. Wenn sie wollten, dass er von der Granate zerrissen wurde, warum war sie nur zum Teil mit Sprengstoff gefüllt? Ein Versehen? Und wie konnten sie annehmen, dass er sich in die Luft jagt?

    Da schoss ihr plötzlich der Gedanke durch den Kopf: Wenn er vor Durst fast irrsinnig wurde, alles in ihm nur noch danach gierte, an Wasser zu kommen. Es gab ja eine Flasche im Raum, zugegeben leer. Aber die konnte er umgeworfen haben.

    Das war’s! Radka erstarrte vor der Grausamkeit, die ihr aufging. Er sollte sich selbst die Hand zerfetzen, um an Wasser zu kommen. Was für eine Tortur musste der arme Mann durchgemacht haben, bis er sich zum Letzten entschloss!

    Gleichzeitig wusste sie, dass das keine weibliche Methode wäre, den eigenen Ehemann bestrafen zu lassen. Das würden die Frauen niemals mitgemacht haben. Das war bestialisch. Sie hatte auch Ellen erlebt. Diese Frau hätte das böse Spiel niemals mitgemacht!

    Die Täter mussten doch woanders gesucht werden.

    Je länger sie nachdachte und zu keiner Lösung kam, desto unsicherer wurde sie und desto mehr glaubte sie nun auch, einem Spleen gefolgt zu sein.

    Die Frauen waren allesamt harmlos.

    27 – Travemünde

    „Die Frage ist, auf welche Weise wollen wir ihn töten?“, fragte Erika. Ellen saß ihr am Tisch im Speisewagen gegenüber. Jede hatte ein Kännchen Kaffee vor sich, ihr kleines Handgepäck mit Utensilien für eine Übernachtung in Travemünde hatten sie zu ihren Füßen verstaut. Am Tisch hinter Ellen saß ein grauhaariger Herr und las Zeitung. Die dreieinhalb Stunden von Berlin nach Travemünde würden sie angenehm im Speisewagen verbringen. Hätte Ellen dies vorher gewusst, sie hätte nicht erster Klasse Tickets besorgt, da die zweite Klasse ebenso den Speisewagen benutzen durfte. Sie ertappte sich bei diesem Gedanken und versuchte ihn fortzuwischen wie eine lästige Fliege. Doch die Fliege näherte sich immer wieder. Ich bin doch jetzt reich, ich muss nicht auf jeden Pfennig sehen, sagte sie sich. Doch letztlich ärgerte sie sich, der Bahn ohne besondere Leistung Geld in den Rachen geworfen zu haben.

    „Wir sollten dabei nach der Schwere der Schuld vorgehen und eine Methode wählen, die dieser gerecht wird“, warf Ellen ein.

    „Wir haben das bisher immer so gemacht. Der Rauschgifthändler wurde mit einer Überdosis zur Strecke gebracht, der ewige Vergewaltiger wurde eben unter Strom gesetzt, etwas zuviel Strom eben.“

    Der zeitungslesende Herr am Nebentisch rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her.

    „Ist denn auch einmal einer erschossen worden?“

    „Das war uns bisher zu profan. Wir suchen uns immer extraordinäre Hinrichtungen aus. Solche mit Pfiff, weißt du? Ein Mord muss pfiffig sein.“

    Der Herr am Nebentisch ließ seine Zeitung sinken und drehte sich den Damen zu: „Entschuldigen die Damen, ich bin ungewollt Zeuge Ihrer Unterhaltung geworden. Man könnte fast annehmen, Sie planten einen Mord“, sagte er und zog die ebenfalls grauen Augenbrauen hoch.

    Erika sah ihn mit Unschuldmiene an: „Ich bin Kriminalautorin und dies ist meine Lektorin. Wir spinnen uns einen Fall zusammen, besprechen die Einzelheiten.“

    „Ach so.“

    Der Herr hielt zwar seine Zeitung noch hoch, als ob er läse, doch schien den beiden Frauen, als ob seine Ohren immer länger würden.

    „Bei unserem neuen Fall handelt es sich um einen Kinderschänder. Ich habe mit seiner Frau gesprochen, also ich als ermittelnde Kommissarin“ Erika warf einen Blick auf den Hinterkopf des Herrn am Nebentisch, „und habe herausgefunden, dass er vor der Ehe mit seiner Frau, bereits liiert war, und zwar mit einer Frau, die bereits ein Mädchen mit acht Jahren hatte. Dies muss er einige Male angetatscht haben. Sie hatte ihn angezeigt, aber es gab keine Beweise und er wurde freigesprochen. Dann hatte er seine jetzige Frau kennen gelernt. Die hatte –oh Wunder- ebenfalls eine vierjährige Tochter. Zusammen bekamen sie eine weitere Tochter, an der er abgöttisch hängt. Die ist jetzt vier Jahre. Im letzten Jahr hatte die ältere Tochter, die jetzt achtjährige, die also nicht von ihm war, ein seltsames, unerklärliches Verhalten an den Tag gelegt. Die Mutter erzählte mir, also der Kommissarin, sie sei verschlossen geworden und sei mit verschiedenen Gegenständen seltsam umgegangen. Sie habe zum Beispiel Bleistifte in den Mund gesteckt und an ihnen auf abartige Weise herumgelutscht, was sie nie vorher getan hätte. Auch die Lehrerin habe eine Veränderung an ihrer Tochter gemacht. Auch sei sie manchmal mit kleinen Geschenken nach Hause gekommen und habe immer erzählt, sie habe sie eingetauscht. Dann hatte die Mutter die Kleine beiseite genommen und nachgefragt, was es denn mit den Geschenken auf sich hätte. Doch das Mädchen hat sich nur abgewandt und geschwiegen. Kurz und gut, sie ertappte ihren Mann, als er abends am Bett der Älteren gesessen hatte und seine Hand unter der Decke verschwunden war. Sie stellte ihn zur Rede. Er stritt alles ab und stellte es als einen Irrtum ihrerseits dar. Sie gab sich zufrieden. Doch sie war hellhörig geworden und stöberte in seiner Vergangenheit. Sie fand die Anklage und den Freispruch, suchte die alte Freundin auf und ließ sich den Fall schildern. Da wurde es ihr klar, mit wem sie zusammenlebte. Doch aus ihrer Tochter war auch mit Psychologen und allen sonstigen Mitteln nichts herauszuholen. Sie schwieg, als ob sie Angst hätte.

    Da überfiel auch die Mutter eine Wahnsinnsangst um das Wohl ihres Kindes. Und sie wandte sich an uns, ich meine an Brigitte von der psychologischen Betreuung.“

    Der Zug lief in Hamburg ein.Der Herr vom Nebentisch verließ mit einem letzten Blick auf die beiden Damen den Speisewagen.

    Erika erzählte Ellen, man hätte den gesamten Damenclub auf diese neuen Fall angesetzt. Jede schnüffelte und spürte dort, wo sie es konnte, herum. So erfuhr man von den Angewohnheiten des nächsten Klienten, der bald von der Rolle des Täters in die des Opfer zu schlüpfen hätte. Wenn man genug Tatsachen und Hinweise hätte, die Lebensgewohnheiten bis ins Kleinste untersucht und alle wichtigen und unwichtigen Kleinigkeiten zusammengetragen hätte, würde man einen Plan ausarbeiten, nach welchem der Täter bestraft werden sollte. Jeder Fantasie sei dabei Tür und Tor geöffnet, selbst die abstrusesten Ideen fänden Eingang und würden auf Tauglichkeit überprüft. Dem angemessenen Tod des Delinquenten würde jede Sorgfalt gelten und ein Plan müsse in jedem Detail stimmen, sonst würde er womöglich auffliegen und die Polizei auf den Plan rufen, die dann alle alten Morde untersuchen und –furchtbare Vorstellung- aufdecken könnte. Der Club musste sich in erster Linie selbst schützen. Dazu gehörten Verschwiegenheit wie professionelles Handeln. Mord sei ein ungeheuer diffiziles Geschäft, weshalb man auch genau prüfen würde, ob sich ein Neuzugang auch eigne.

    In Travemünde angekommen, bezogen sie gleich ihre Zimmer im Maritim Strandhotel, dem hässlichen Kasten, der aber den besten Überblick bot. Ellen hatte, ohne Ansehen der Kosten zwei der teuersten Zimmer gebucht, Klasse Superior, mit berauschendem Blick über die Ostsee, auf der einen Seite hin nach Timmendorfer Strand, zur anderen nach Priwall, wo sich einst die Grenze hinzog zwischen den beiden deutschen Staaten. Dazwischen stach die Nordermole mit dem Leuchtturm in die See. Unter ihnen, der Stadt zugewandt, schillerte die Trave in der Nachmittagssonne, dort boten gegenüber das Segelschulschiff Passat im Passathafen, auf der hiesigen Seite der Lotsenhafen, die Ozeanbrücke, der Yachthafen und die verschiedenen anderen Anlegestellen und die Autofähre ein maritim-buntes Treiben, ganz hinten lockte der Skandinavienkai zur Fahrt nach Schweden und Norwegen. Einige schräg im Wind stehende Segel zeugten vom Segelspaß einiger Unentwegter, die die Herbstwinde nicht fürchteten.

    Dann machten die beiden Freundinnen einen Bummel die Travepromenade und die Vorderreihe entlang, schauten in die Auslagen der Geschäfte und fanden die Stelle, wo morgen Vormittag das Schiff der Seebestattung ablegen sollte. Sie ließen sich von einem Fischrestaurant anlocken, das vorwitzig halb über das Wasser gebaut schien, saßen bei Fisch und Wein und sahen zu, wie ein Überseeschiff entladen wurde und die Fähre zwischen Priwall und dem hiesigen Ufer hin und her pendelte. Sie sprachen wenig und ließen ihren Augen freie Fahrt, hinauf und hinunter, die Trave entlang. Langsam gingen die Lichter an, viele Lichter, auf den großen Pötten wie auf den kleinen Booten, auf der Touristenmeile und gegenüber auf Priwall. Plötzlich war es Abend geworden.

    Das Essen und der Wein waren gut und so beendeten die beiden Frauen, äußerlich müde, innerlich angeregt, den Tag.

    Der nächste Tag war ebenfalls von Sonne beglückt, nur der Wind fuhr steif in die Bucht. Gegen Mittag nahm er ab und die Frauen konnten ihre und die Schals Mäntel öffnen. An der Ablegestelle wartete ihr Schiff, der Maat wischte noch einmal über das Deck, der Kapitän erschien mit Papieren unter dem Arm und ging auf die vier Personen zu, die seine nächsten Passagiere sein sollten.

    Susanne, die Cousine von Harry war mit ihrem Mann erschienen. Sie war sehr zart gebaut und hatte Rehaugen. Er war ein Seebär und hatte den weiten Blick. Man hatte sich auf Anhieb verstanden und sah dem Kapitän erwartungsvoll entgegen.

    „Scheunes Wedder woll!“, sagte der und gab jedem der vier Personen ein in Vierfarbendruck geprägtes Heft, in dem die genaue Stelle mit Längen- und Breitengrad angegeben war, das Ziel der Reise, dort, wo die Urne ins Wasser gelassen werden sollte.

    „Damit sie wissen, wo der Verblichene zu Wasser gelassen wird. Kommen Sie nur an Deck.“

    Sie erfuhren von dem Skipper, dass sie zirka zwanzig Minuten rausschippern würden, bis die bezeichnete Stelle erreicht sei. Sie könnten sich bis dahin gerne unter Deck aufhalten, dort gäbe es auch etwas zum Aufwärmen, denn op See, so sagte er, ginge doch eine steife Brise, auch wenn es nicht allzu weit draußen wäre. Ja, es gäbe nur die eine Stelle, wo die Urnen abgelassen werden. Vorschrift. Aber man müsse sich nicht vorstellen, dass dort auf dem Meeresgrunde sich ein Berg von Urnen häufte. Die würden sich in Salzwasser auflösen und ihren gesegneten Inhalt der See überlassen. Ob sie noch einen besonderen Wunsch hätten, eine bestimmte Musik, ein Seefahrerlied oder ob sie Blumen hätten, die man hinterherwerfen wollte? Er stutzte etwas, als Ellen sagte, nein, auf keinen Fall Blumen. Er hasste Blumen. Eine einfache, simple Bestattung käme ihrem verblichenen Mann zu, er hätte nie großen Wert auf Brimborium gelegt, er war zeitlebens bescheiden.

    Plumps und weg, waren die Worte, die sie bei sich fand, aber nicht laut sagte. Harry, plumps und weg!

    „Und was machen wir mit denen?“, fragte Susanne, die natürlich Blumen mitgebracht hatte. „Nimm sie mit nach Hause oder schenke sie jemandem, aber wirf sie nicht ins Wasser“, bat Ellen sie.

    Das Schaukeln an Bord spürten sie kaum, denn unten, in der holzgetäfelten Kajüte mit Rundumblick, gab es Schnaps. Der Maat bediente sie und stieß gleich auf den Toten mit an. Ihm schien der Tote viel zu bedeuten, denn er trauerte beim Trinken und die halbe Flasche ging auf sein Konto. Der Wind draußen war auch ziemlich kalt. Er wusste, er würde zurückfahren müssen und so tat ihm die Trauer gut.

    Die Schiffsglocke ging und rief sie an Bord. Der Maat beeilte sich, aus einer Transporturne die eigentliche Urne zu holen und sie auf ein rotes Samtkissen zu stellen, an dem goldene Trotteln herabhingen, die im Seegang schaukelten.

    An Bord stand der Kapitän und  übernahm die Urne. Der Maat ging ans Steuer, um das Boot an der Stelle zu halten. Der Kapitän sagte nun: „Ich werde nun vier Glasen schlagen, das bedeutet Wachablösung.“

    Ein Glasen waren zwei kurze Glockenzeichen, so dass er acht Schläge abgeben musste.

    Elli, das darfst du nicht tun.

    Die Stimme kam leise aus dem Hintergrund, zagend und ängstlich. Ellen blickte auf die Urne.

    Elli, bei unserer Liebe, bei unserem gemeinsamen Sohn! Lass es. Tu es nicht.

    Ellen hörte wie von weitem die ersten beiden Glockenschläge.

    Es ist mein letzter Wille. Mein allerletzter Wille, hör auf, unterbrich doch die Prozedur! Nicht zu den Fischen, bitte! Ich verspreche dir auch von hier, wo ich jetzt bin, alles für dich zu tun, was ich kann. Und das ist einiges. Was willst du noch für mich tun? Jetzt kannst du plötzlich bitten. Hast du jemals mich um irgend etwas gebeten? Einmal bitte gesagt? Harry, es ist aus. Du hast keine Ansprüche mehr. Weder an mich, noch an das Leben.

    Vor ferne hörte Ellen zwei Glockenschläge. Die Stimme wurde schärfer.

    Ellen, es ist noch nicht zu spät! Lass nicht zu, dass ich ins Meer geworfen werde. Ich hasse das Meer. Sag dem Kapitän, du hast es dir überlegt, du willst es nicht, dass ich hierher komme zwischen die Seespinnen und Aale. Ich will in die Erde! Hörst du! Noch kannst du mir gehorchen. Tust du es nicht, werde ich alles dransetzen, die zu schaden. Das kann ich, auch von hier. Du willst mir drohen, jetzt noch? Bit du noch zu retten? Selbst wenn ich glauben könnte, dass du etwas gegen mich tun kannst, glaubst du ich würde dir noch einmal einen Gefallen tun?

    Drei Glasen.

    Teufel auf dich! Ich hätte dich nie heiraten dürfen! Irrtum, mein Lieber, ich hätte dich nicht heiraten dürfen. Du bist das Allerletzte! Wirfst deinen Mann den Fischen vor. Aus dem Meer sind wir entstanden. Ich werde dich vernichten! DU DRECKSAU!

    In diesem Moment rief Ellen laut: „Schnauze!“ und schlug dem Kapitän die Urne aus den Händen, nicht fest, sondern sie tippte nur an die Urne. Diese kippte kopfüber vom Samtkissen, der Deckel öffnete sich und graue Asche stäubte aus dem Behältnis und bildete hässliche Schlieren auf dem Wasser.

    Vier Glasen.

    Die Urne schwamm noch eine Zeitlang auf dem Wasser und tauchte dann langsam und unanständig blubbernd unter Wasser.

    Ellens Handlung war schnell gegangen und hatte angemutet wie ein Versehen, wie eine fahrige, vom Seegang verursachte Bewegung. Doch schauten alle auf Ellen. Die zog ihren Ehering vom Finger und warf ihn voller Wucht der gurgelnden Urne hinterher.

    „War’s das?“, fragte Ellen.

    Verdutzt sagte der Kapitän: „Ja.“

    „Feiern!“ rief Ellen und hakte den Kapitän unter. „Jetzt feiern Sie mit! Es ist geschafft, der Mann ist weg. Plumps und weg!“

    Die nächsten Stunden erlebte Ellen wie im Film. Alles war bunt und schön und sie dachte an gar nichts. Sie hörte sich lachen und weinen zugleich, trank von dem Schnaps und tanzte unter Deck einen Freudentanz. Die anderen, angesteckt von dem Überschwang des Momentes, freuten sich mit und wussten nicht warum.

    28 – Radkas neue Spur

    „Sie haben schon wieder einen Mord vor!“ Radka war kaum in den Raum eingetreten, als dieser Ruf die Anwesenden wachrüttelte. Sie waren alle frisch ausgeschlafen, nur Fritz Wanzke machte wie immer einen eher lethargischen Eindruck. Er saß vor dem Schreibtisch von Hauptkommissar Zoller und schnaufte: „Radix Radieschen, unser Würzelchen, hat eine Meldung für die Bildzeitung.“

    Zoller sah von seinen Akten auf und fuhr sich über seinen Stoppelkopf.

    „Nur kein Neid, lieber Fritz, unsere Radka ermittelt mit jugendlichem Elan. Du pflegst deinen Bauch und denkst vielleicht auch schon mit ihm“, sagte Zoller.

    „Danke“ tönte Radka und zog sich die schwarze Wollmütze vom Kopf. Sie hatte ihre blonden Haare hochgesteckt und wirkte nun wesentlich erwachsener, als mit ihrem Lieblingsstück, der Mütze. Sie holte sich einen Stuhl und setzte sich neben Wanzke.

    „Nun, seid Ihr nicht gespannt darauf, was ich zu berichten habe?“

    „Nö“, sagte Wanzke.

    „Erzähl schon!“, sagte Zoller. „Soll ich noch Herrn Schneider dazubitten, damit die Gruppe vollständig ist?“

    „Passt schon“, bayerte Radka.

    „Hartwig, schalte am besten Dein Diktiergerät ein, sonst verpassen wir was.“

    „Ach Fritze, wenn ich Dich nicht hätte“, sagte Radka und tätschelte seinen Bauch.

    Wanzke schnurrte: „Nun erzähl schon!“

    „Also: Eigentlich hattet ihr  mich ja schon überzeugt, dass die Damen unschuldig und harmlos sind. Aber ich hatte das Ganze mit meinem Verdacht meinem Großonkel erzählt. Ich weiß, ich darf das eigentlich nicht, aber ihr habt selbst gesagt, es wäre nur eine Schnapsidee von mir und da dachte ich, die könnte ich meinem Großonkel – nun gut. Ihr wisst, er ist Rentner und hat nichts zu tun, als auf seine monatliche Rente zu warten. Die Idee mit den Damen fand er dufte und hat sich gegen meinen Willen an die beiden Damen gehängt, die gemeinsam zur Seebestattung unseres damaligen Opfers Herrn Köhler fuhren. Im Zug – er hatte einen Sitzplatz in ihrer Nähe ergattert, nämlich im Speisewagen – konnte er ein Gespräch erlauschen. Da ging es um einen Kinderschänder, den sie jetzt um die Ecke bringen wollen.“

    Sie berichtete mehr oder weniger genau das, was der ältere Herr im Zuge den beiden Frauen auf der Fahrt nach Hamburg hatte ablauschen dürfen. Das sei zwar nicht viel, aber vielleicht genüge es, die Damen hochzunehmen.

    „Langsam Radka, langsam. Rein auf Hörensagen können, dürfen wir nichts geben. Du weißt selbst genau, auch wenn wir ein Gespräch von Gangstern zufällig belauschen, können wir sie nicht einfach festnehmen. Es bedarf der Beweise.“

    „Ja, das weiß ich doch alles, doch vielleicht kann man den Damenclub abhören, unter irgend einem Vorwand ein Mikrofon dort installieren, dann wüsste man, was die Damen im Schilde führten.“

    „Was haben sie noch zu deinem Onkel gesagt?“, fragte Zoller.

    „Großonkel. Ja, sie sagten, sie seien Autorinnen oder so ähnlich.“

    „Vielleicht sind die Damen ja so etwas. Witwen ist so Manches zuzutrauen. Meinst du“, fragte Wanzke und blickte von oben herab auf Radka, „echte Mörder würden ihre Taten in einem öffentlichen Zugabteil besprechen?“

    „Warum nicht. Witwe zu sein, ist doch die beste Verkleidung für einen Mörder.“

    „Schnickschnack, Radieschen, dein Spleen hat dich wieder eingeholt. Du hast doch selbst zugeben müssen, dass Deine Untersuchungen im Sande verlaufen sind.“

    „Aber die neuen Anhaltspunkte!“ Radka sank enttäuscht in sich zusammen. „Ich dachte, mit den neuen Erkenntnissen, könnten wir den Fall gemeinsam weiterverfolgen.“

    „Radka“, schaltete sich Zoller ein, „die neuen Anhaltspunkte, wie du sie nennst, sind keine. Es ist eine schöne Geschichte, mehr nicht. Und halte deinen Großonkel aus der Sache heraus. Das gibt nur Ärger und schlimmstenfalls eine Zivilklage wegen Verleumdung. Davon hat der Rentner auch nichts.“

    „Ja, aber er wollte doch -“

    „Nichts darf er wollen und noch weniger tun!“

    „Und wenn nun dieser Kinderschänder umgebracht wird?“

    „Dann untersuchen wir den Fall und finden den oder die Mörder.“

    „Dann ist aber schon wieder jemand ums Leben gekommen und wir haben zugesehen und sind an dessen Tod mitschuldig, weil wir davon wussten.“

    „Wir wissen nichts, außer dass zwei Damen sich irgend etwas ausdenken. Wir können nicht jedem potenziellen Mörder einen Beamten zur Begleitung schicken.“

    Radka war zu einem Häuflein Elend zusammengesunken. Jetzt zog sie sich ihre Mütze wieder langsam auf den Kopf.

    „Wir können nichts machen?“

    „Wir können nichts machen.“

    „Und wenn es passiert?“

    „Dann passiert es.“

    Schweigend schaute Radka vor sich hin, dann stand sie auf, ging zur Tür und sagte ernst und ruhig und überzeugt: „Es wird passieren!“

    Zu Hause setzte sie sich an den Küchentisch, stützte die Ellenbogen darauf und legte ihr Kinn in beide Hände. Sie musste nachdenken. Ihre Eltern waren noch beide auf der Arbeit und ihr Großonkel, der bei ihnen wohnte, schlief in seinem Zimmer.

    Wieder war eine Spur aufgetaucht. Es musste etwas daran sein, sonst würde es nicht so viele Hinweise geben, dachte sie. Und diese letzten Hinweise waren wie ein Beweis. Sie müsste nur an der Sache dranbleiben. Sie würde die Damen schon entlarven, ihre geschickte Tarnung aufdecken. Sie wusste, wozu Frauen in der Lage sein können. Sie war ja selbst eine.  Wie Männer nur so kurz denken können. Dabei glauben sie, sie hätten die Weisheit gepachtet. Sie würde es den Männern schon zeigen. Nicht weil sie etwas gegen diese Männer hatte, beileibe nicht, es waren bisher durchweg liebe und achtenswerte Männer, die ihr begegnet waren. Starke und selbstbewusste Männer, manchmal auch arrogante und anmaßende Jungs. Aber mit denen hatte sie ja eh nichts am Hut. Sie war stärker und selbstbewusster als ihre Alterskollegen, von denen sie nichts weiter zu erwarten hatte, als grinsende Einladungen zur Disco und abgedroschene Bemerkungen und nach der Disco feuchte Hände und den alkoholgeschwängerten Wunsch zum Knutschen und zu mehr. Zoller, der konnte ihr gefallen, er war zwar viel zu alt, doch vom Typ her ähnlich ihrem Großonkel Dusan. Ihr fiel das Schlagwort ‚Gestandene Männer’ ein. Sie wollte eine gestandene Frau sein, dank ihres Kopfes und ihres Fleißes nicht ihren Mann stehen, wie man es noch nannte.

    Ihr Großonkel erschien in der Tür.

    „Du bist schon da?“

    „Hatte heute keine Lust mehr?“

    „Haben sie dich geärgert, kleine Raduschka?“

    „Ja, Onkel Dusan, sehr. Und dir verbieten sie, weiterzumachen.“

    „Mir kann keiner was verbieten. Nicht mehr, dazu bin ich zu alt!“

    „Du bist nicht alt, du bist jung!“

    „Das muss mir gerade ein Hüpfer wie du sagen.“

    „Ja, du bist einer der jüngsten, frischesten Männer, die ich kenne – im Geiste, ich meine -“

    „Ist gut, Raduschka, ich weiß, was du meinst.“

    „Und wie soll es weitergehen?“

    „Ich mache mich an Brigitte ran, das hatten wir doch besprochen.“

    „Ach ja, diese Brigitte, wie hieß sie noch mit Nachnamen – Stahn? Willst du das wirklich tun? Auch gegen das Gesetz?“

    „Welches Gesetz? Es gibt keines, was mir verbieten könnte, privat mit einer Witwe Kontakt zu pflegen.“

    „Ich darf davon nichts wissen!“

    „Du weißt davon ja auch nichts.“

    „Stimmt, ich weiß gar nichts.“

    29 – Neue Pläne

    Fast war Ellen bereit, alles, was sie zu Hause an ihren Mann erinnerte, einfach wegzuwerfen. Sie wollte sich frei machen von einer Vergangenheit, die sie nicht mehr wissen wollte, radikal einen Strich ziehen, endgültig den Alten vergessen mit Stumpf und Stiel. Ganz brachte sie es nicht fertig. Sie behielt einige Hochzeitsfotos, einige Gegenstände von ihr guter Erinnerung. Ansonsten flog alles auf den Müll, bis auf den Computer und so manche hilfreichen Teile. Sie warf mit besonderem Eifer all die Dinge fort, die ihm am Herzen lagen, die ihm bewiesen hatten, was für ein toller Hecht er war. Jagdandenken aus Afrika gehörten dazu, wie seine sporadischen Tagebuchaufzeichnungen, in denen er sich selbst beweihräucherte. Bald besaß sie kaum noch etwas, was an ihn erinnerte. Zum Glück gab es auch keinen Grabstein, den sie pflegen musste. Das einzige, was sie noch von ihm besaß und wozu er auch eine große Beziehung hatte, war sein Geld. Dies machte sie nun unabhängig.

    So befreit von allen Bürden, konnte sie sich neuen Aufgaben und Zielen widmen.

    Wenige Tage nach ihrer Rückkehr aus Travemünde verabredeten Erika und sie sich mit Brigitte Stahn, der Dame aus ihrem Club, die den neuen Fall des Kinderschänders angebracht hatte.

    Sie trafen sich in einem Café am Wannsee, das eine Freundin von Brigitte führte und bekamen Zugang zu dem separaten Raum, der teils privat, teils für Gespräche unter wenigen, abgezählten Augen gedacht war.

    Bevor sie zu dem eigentlichen Fall kamen, erzählte Brigitte ihnen schwärmerisch von einem sehr gesetzten Mann, den sie zufällig kennen gelernt hatte. Er war Tscheche und hieß Dusan, mit ganz weichem sch gesprochen. Er hätte graue Haare und ein Kopf von der Einprägsamkeit eines Jean Gabin oder Spencer Tracy. Er sei von der alten Schule, gäbe etwas auf Umgangsformen und Stil, wäre also genau ihr Typ. Und es wäre einer, den man bestimmt nicht umzubringen brauchte, ein wirklicher Ehrenmann. Sie würden ihn bestimmt bald kennen lernen, sie würde schon dafür sorgen. Und wenn Brigitte das sagte, war davon auszugehen, dass sie es auch einrichten würde.

    Dann kamen sie zum Grund des Treffens.

    Brigitte hatte einen Plan.

    Sie ging davon aus, dass der Kinderschänder mit Namen Roland Farner schuldig sei, aber nicht beweiskräftig überführt werden könne. Es müsse ein Urteil geben, die Damen würden es schon sprechen.

    Die Noch-Ehefrau von ihm, die ihren alten Namen behalten hatte, nämlich Maria von Senden, sei völlig einverstanden, dass die Damen das Szepter übernähmen und ihn womöglich zum Tode verurteilten. Für sie wäre ihr Roland vogelfrei, sie könnten mit ihm machen, was sie wollten, es müsse das Leben der beiden Mädchen geschützt werden, koste es, was es wolle. Man befragte sie nach Eigenheiten ihres Mannes und erfuhr, dass er überhaupt einen Hang zum Aberglauben habe, nie ohne sein Horoskop gelesen zu haben außer Haus ginge und sein Leben nach ganz nach Horoskopen und Vorhersagen ausgerichtet habe. Bis vor kurzem war er gelegentlich zu einer Wahrsagerin gegangen, um sich mit Pendel und Karten, mit Kugel und Kaffeesatz die Zukunft voraussagen zu lassen.

    Überhaupt hätte er eine Vorliebe für dunkelhaarige, am liebsten schwarzhaarige Frauen und triebe sich auch fast täglich in einer Kneipe namens Gypsy herum, in der die Wirtin tiefschwarze Haare und dunklen Teint hatte. Diese sei allerdings mit einem blonden Riesen verheiratet und es war kaum anzunehmen, dass ihr Mann Gelegenheit bekäme, mit dieser Zigeunerin fremd zu gehen. Auch hielt sie es für unwahrscheinlich, dass er mit der Wahrsagerin ein Verhältnis hätte.

    Diese Dame war allerdings vor einiger Zeit nach Mallorca ausgewandert und er hatte noch keine neue Pythia gefunden. Die Hälfte seines Gehaltes hätte er bei dieser schwarzhaarigen Schlampe gelassen, so sagte Maria, öfter sei es zum Streit um diese Vergeudung gekommen, aber er konnte davon nicht ablassen.

    Was ihm neben seiner Spökenkiekerei noch am Herzen läge, sei seine eigene Tochter Sarah, die bald fünf Jahre würde. Sarah vorne, Sarah hinten. Nur möchte sich Maria nicht vorstellen, was geschähe, wenn diese, seine eigene Tochter älter würde, ob sich seine perverse Neigung nicht auch ihr zuwenden würde, nicht auszudenken.

    Ellen hörte dem Ganzen gespannt zu und es begann sich in ihr ein Keim zu regen, von dem sie selbst noch nicht wusste, zu welcher Blüte er gelangen könnte.

    Man wollte diese ganze Geschichte am kommenden Mittwoch dem Rat der Damen vorlegen und dann würde sich zeigen, welcher Beschluss gefasst würde.

    Wieder zu Hause, sichtete Ellen im Keller ihren Schatz an ersteigerten Koffern und deren Inhalten. Sie ging ganz planlos vor, wusste selbst nicht, wozu diese Räumerei gut wäre, tat es aus einem Impetus, der in dem Keim zu finden war, der ihr bei dem Treffen mit Brigitte erwachsen war. Sie sortierte hier, griff dieses und jenes, warf Unwertes fort und fand sich schließlich mit einem dunkelblauen wallenden Seidenkleid in der einen und einer tiefschwarzen Perücke in der anderen Hand wieder, nahm diese Teile mit nach oben, um sie gelegentlich aufzubereiten. Am nächsten Tag entdeckte sie in anderen Koffern hochhackige schwarze Schuhe und einen weiten, bauschigen Staubmantel aus grün-beiger Fallschirmseide und eine Schatulle mit auffälligem Modeschmuck. In einer Ecke fand sie einen von außen nicht als solchen erkennbaren Schminkkoffer mit endlos vielen Tiegeln Make-up, Döschen mit Mastix, Kästchen mit falschen Wimpern, Maskara, Lidschatten, dann waren da noch Cajalstifte, Rouges in allen Tönungen, unterschiedlichste Lippenstifte und falsche Fingernägel sowie Nagellacke in jeder erdenkbaren Farbe. Ein wahres Freudenfest für einen Maskenbildner. Sie schleppte alles nach oben und bemerkte selbst nicht, wie sie bei allem, was sie tat, ein Lied auf den Lippen hatte.

    Seit Travemünde war die Stimme ihres Mannes verschwunden und ihre innere Freiheit machte sie gelöst und heiter.

    Auf einer anderen Ebene ihres Bewusstseins hatte sich ein Plan entwickelt, ein Zukunftsplan, noch im Entwurfsstadium, doch mit realen Fixpunkten. Sie würde Deutschland verlassen. Irgendwann in absehbarer Zukunft. Endlich könnte sie bei ihrem Sohn sein, in Boston. Sie würde das Haus noch einige Zeit behalten, als Sicherheit, als Rückzugsmöglichkeit, falls sie in der Neuen Welt sich nicht zurechtfände. Doch ging sie davon aus, dass sie sich arrangieren würde im Lande von MacDonald’s und der ewigen Aircondition. Vielleicht würde sie sich ein Domizil in Florida oder Kalifornien einrichten, wo sie den Winter verbringen würde. Außerdem hatte sie Reisepläne. Nicht als Touristin, nein, sie wollte einem guten Zweck dienen, hier war sie noch auf der Suche, hatte aber etwas im Sinn.

    Doch zunächst galt es, den anstehenden Fall des Kinderschänders durchzuziehen und sie glaubte, ihr würde, als neuestes Mitglied, eine besondere Aufgabe zuteil werden, sie müsse sich bewähren und sie war fest entschlossen, diese Probe mit Bravour zu bestehen. Sie würde alles geben.

    30 – Immer wieder mittwochs

    Es war ein Rundruf eingegangen, dass man sich an dieses Mittwoch schon eine Stunde früher treffen wollte und so waren gegen zwei Uhr am Nachmittag die Damen in der Villa Sagitta versammelt. Wie üblich, war die erste Zeit dem allgemeinen Smalltalk gewidmet und so saßen und standen die Witwen in Grüppchen umher und erzählten von diesem und jenem. Eine dieser Gruppen bildeten die etwas schwerfällige Hanne, Brigitte, Erika und Ellen. Ein alter Spruch sagt Wes das Herz voll ist, des fließt der Mund über und Brigittes Herz war ausgefüllt und eingenommen von dem tschechischen Herrn mit dem schönen Namen Dusan, mit weichem sch, der sie nach allen Regeln der Herzensbrecherei gewonnen hatte. Hanne, die Älteste, hörte mit schweigendem Gesicht zu. Ihr ging so etwas nicht mehr nah, sie hatte mit dem Firlefanz gebrochen, Herzenstöne waren aus ihrem Spektrum ausgelöscht, die Liebe eine alte, schöne Erinnerung und sie wollte nicht mehr teilhaben an den kosmischen Flügen, den Träumen, die oft nur in fürchterlichem Aufschlag enden. Eine Kraftvergeudung, zu der sie keine Lust mehr hatte und sie wusste, dass sie schließlich, nach kurzer Zeit, mit einer Wanne bereitstehen musste um das Blut der Wunden aufzufangen, die die Liebe schlagen konnte. Auch dazu verspürte sie keine Lust mehr und vergrub sich deshalb hinter einem leeren Gesicht. Erika und Ellen hingegen, deren Sinne noch nicht abgenutzt und verbraucht, deren Hoffnungsstrom noch Hochwasser führte, freuten sich mit Brigitte, die von kleinen Höflichkeiten berichtete, die ihr Herz zum Hüpfen brachten, von der Achtung, die aus dem Verhalten ihres Verehrers sprach, der Bildung, die ihre Seele streichelte und von den kleinen Schmetterlingen im Bauch, die sie verspürte, wenn sie ihn treffen sollte.

    Sie hatte ihn eines Mittwochs kennen gelernt, als sie mit ihrem Wagen von der Villa Sagitta nach Hause fuhr. Er war ihr an einer Ampel leicht aufgefahren, hatte sich sofort erboten, allen Schaden zu bezahlen, obwohl gar nichts zu erkennen war, hatte sie nicht fahren lassen, ohne ihre Adresse und Telefonnummer und sie hatte seine Karte bekommen. Er war zwar Rentner, doch es stand immer noch als Berufsbezeichnung Redakteur darauf, ein weitgereister und herzensguter Mann. Er hatte sie am nächsten Tag sofort angerufen und angeregt, ihren Wagen zur Prüfung in eine Werkstatt geben zu lassen. Stattdessen hatten sie sich zum Kaffee getroffen. Er konnte so schön über Rilke und andere Dichter erzählen, kannte auch das Leben der Agathe Christie in- und auswendig. Er sei ein Krimi-Fan, das durfte er in seinem wahren Leben nie erwähnen, weil Krimis zur Trivialliteratur gehörten, doch strotzten sie vor Fantasie und das sei es, was das Leben schön mache, oder wie er sich ausdrückte, die Fantasie sei die Musik die Seele.

    „Ach!“, schwärmte Brigitte, und sah dabei wie ein junges Mädchen aus, „Ach, vielleicht gibt es noch ein zweites Leben.“ Dann fügte sie hinzu: „Schade, dass es am Montag nicht geklappt hat. Ich wollte ihn Euch doch unbedingt vorstellen. Doch gerade als ich ihm erzählte, dass wir Euch beiden dort treffen wollte, fiel ihm ein, er hätte eine wichtige Angelegenheit vergessen. Er könne nicht mitkommen und müsse augenblicklich einen Termin wahrnehmen.“

    „Das macht doch nichts, wir werden ihn schon kennen lernen.“ Und nach einem Blick in Brigittes verträumten Augen „Du wirst ihm doch nichts von uns erzählt haben?“, fragte Erika streng, und alle wussten, was sie damit meinte.

    „Nicht direkt“, zögerte Brigitte, „nur erwähnt, dass ich zwei Damen aus meinem Club treffen wollte und ihm vorstellen und dass ich in einem Damenclub bin. Aber er kann mittwochs nicht, er hat mittwochs auch immer seinen Treff.“ Mit dieser halb entschuldigenden Antwort konnte keiner etwas anfangen, nur sprach daraus, dass sie vielleicht mehr erzählt haben könnte, als sie sollte.

    „Hast du nun, oder hast du ihm nicht erzählt, was wir hier machen?“

    „Aber er ist doch Redakteur, kriminalistisch interessierter Redakteur, er sieht das doch auch wissenschaftlich, wie wir!“

    Die drei Frauen blickten sie scharf an.

    „Nein, ich habe nur so Andeutungen gemacht, dass wir uns mit Kriminalfällen befassen. Rein theoretisch, versteht sich. Nichts Genaues.“

    In diesem Moment rief Hedwig zur Tagesordnung.

    Sie zählten der Reihe nach noch einmal alle relevanten Punkte auf, die dafür sprachen, dass der Herr Roland Farner in früherer Zeit bereits Schändliches einem Kind angetan hatte, alle Zeitungsberichte wurden erörtert und die frisch gemachten Aussagen seiner damaligen Lebensgefährtin, die beschworen hatte, er habe sich an dem Kind vergriffen, nur fehlte damals dem Gericht der eindeutige Beweis, da das Kind alle Aussagen verweigert hatte. Der neue Fall mit seiner Frau Maria war ähnlich gelagert, auch diese Mutter, so wusste Brigitte zu berichten, war fest von der Schuld ihres Mannes überzeugt. Die gestörten Verhaltensweisen der Stieftochter seien eindeutig auf einen Missbrauch zurückzuführen, nur leider sei auch dieses Kind nicht zu einer Aussage zu bewegen, sondern zöge sich in ihr Schneckenhaus zurück und bliebe stumm.

    „Schwanz ab!“, rief Hanne mit bewegungslosen Gesicht lautstark in die Runde.

    „Rübe ab!“, klang es aus Richtung Deborah.

    „Nicht so schnell“, sagte Hedwig, „Wir sind erst bei der Beweiserhebung. Will denn diese Maria hierher kommen und hier aussagen?“

    „Ja“, sagte Brigitte, die mit ihr persönlich gesprochen hatte, „Sie ist diese Woche mit den Kindern bei ihren Eltern. Sie suchen gemeinsam eine Lösung, die Kinder dort unterzubringen. Morgen will sie wieder nach Berlin kommen.“

    „Wird sie morgen hier vorsprechen?“

    „Sie hat zugesagt.“

    „Und der Ehemann?“

    „Der weiß von nichts. Sie ist einfach weggefahren. Hat ihm aber einen Zettel hinterlassen.“

    „Der Arme! Jetzt hat man ihm sein Spielzeug, weggenommen!“, lästerte Marlies von hinten, „Er wird sich doch nichts antun?“

    „Das wollen wir nicht hoffen! Sonst haben wir nichts mehr zu tun!“ Josy lächelte spitz.

    Brigitte schaltete sich noch einmal ein: „Sie hat eine Heidenangst, dass Roland wieder ohne eine Strafe davonkommt, wenn sie ihn anzeigt.“

    „Da sei Gott vor!“

    „Da sind wir vor!“

    „Wir werden ihn richten!“, rief es.

    Hedwig klopfte auf den Tisch. „Wir  wollen nicht vorverurteilen. Das habe wir nie gemacht und werden es auch in diesem Falle nicht tun. Wir benötigen hier die persönliche Aussage dieser Maria und werden dann beraten. Sollte der Spruch jedoch schuldig lauten, müssten wir auch gleich eine Vollstreckungsart parat haben. Wir haben hier kein Gefängnis und auch keine Guillotine. Aus diesem Grunde bitte ich um Vorschläge, welche Strafe im Falle einer Verurteilung ansteht und welche geeignete Vollstreckungsmaßnahmen sich anbieten.“ Hedwigs Brauen zogen sich zusammen und ihr Mund wurde zu einem Strich, und die Stimme immer lauter, während sie fortfuhr: „Unter geeignet verstehe ich, eine der Tat, besser der Wiederholungstat angemessene, deutliche Bestrafung. Sie sollte allen, die davon hören, eine Gänsehaut hervorrufen und potenziellen Tätern einen Schrecken einjagen und knallhart vor Augen führen, dass solche Untaten unter keinen Umständen geduldet und äußerst unnachgiebig geahndet werden, mögen die Täter diese armen Kinder auch noch so unter Druck setzen, sie mit dem Tode der Mutter bedrohen oder anderweitig zum Schweigen zwingen, um der Strafe zu entgehen. Sie sollen wissen, dass sie uns nie entkommen werden. Wie brauchen eine abschreckende Strafe, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Wir brauchen ein Exempel!“ Die Rede wurde zum Fanal. Alle schwiegen. Dann sagte Hedwig in normalem Ton: „Ich unterbreche jetzt die Sitzung und bitte alle, sich in der nächsten Stunde geeignete Vorschläge auszudenken und sie hier vorzutragen. Wir können es wie die letzten Male handhaben, es können sich Arbeitsgruppen bilden. Ich schlage drei Gruppen á drei Damen vor.“ Dann blickte sie auf Ellen und sagte ruhig und ernst: „ Ellen, du solltest dich darauf vorbereiten, für diesen Fall als besonderes Organ bei der Ausführung der zu erwartenden Strafe tätig zu werden. Die Sitzung ist unterbrochen.“

    Ellen war es schon bei der flammenden Rede von Hedwig in kalten Wellen den Rücken heruntergelaufen, wie eine eisige Brise über einen See. Als sie dann persönlich angesprochen wurde, durchzuckte es sie heiß. Es war ein richtiges Wechselbad, dem sie sich ausgesetzt gesehen hatte. Alle waren still gewesen und diese ernste Stimmung zog sich durch die nächste Zeit. Sie saßen und berieten, erst ernst und gefasst, dann heißer redend und jede versuchte glühend, eine der Rede entsprechende Ausführung der Bestrafung und Vollstreckung zu finden.

    Man spielte an jedem Tisch die unterschiedlichsten Todesarten durch, die der Mann verdient hätte der die kleinen Mädchen geschändet hatte. Die Luft schwirrte von Erhängen, Erschießen, Erdolchen, Vergiften, Erdrosseln, Erschlagen. Hier war schwer eine Einigung zu finden. Und als nach sechzig Minuten keine Gruppe sich bereit fand, ein Ergebnis vorzulegen, wurde darüber diskutiert, wie man seiner habhaft werden könnte. Als Ellen in ihrer Gruppe eine Entführung vorschlug, stieß sie auf Widerwillen. Eine Entführung sei Männersache, einen Menschen niederstrecken, ihn dann zu packen und zu schleppen und zu verfrachten, zu hieven, zu tragen, zu heben, zu wenden, dazu seien Frauenhände nicht gemacht. Besser sei es, den Delinquenten an den Ort zu locken, wo er hingerichtet werden sollte. Dort konnte man ihn eher für kurze Stücke schleppen, ihn aufknüpfen oder ihn vor Ort vergiften oder auch erschlagen. Für diesen Fall wolle man aber etwas Besonderes, es sollte den geschändeten Mädchen gerecht werden und nicht nur den billigen Tod des Schänders herbeiführen.

    Ellen wurde belehrt, dass die Beratungen dazu dienten, sich in der Fantasie auszutauschen, dass jede von der anderen dies oder das aufnehmen könnte, dass aber zuletzt jede der Frauen eine eigene Vollstreckungsvariante auf eine Karte schreiben müsste, vielleicht nur in Andeutungen oder Stichworten, sie müsse aber in der Lage sein, alle Details zu schildern. Diese Karten würden dann dem Gericht vorgelegt werden. Das Gericht alleine entschiede dann, welche Vollstreckungsform schließlich durchgeführt werden sollte. Es entschiede auch, wer in den jeweiligen Fall eingeweiht würde und wer nicht. Niemals wussten alle alles. Und Verschwiegenheit war Ehrensache.

    Nach der Einschätzung der Damen würde, nach der morgigen Vernehmung von Maria, vorausgesetzt, sie bestätige das bisher Bekannte, eine Verurteilung stattfinden. Es sei gängiges Gesetz, dass man Maria nicht mitteilte, wie oder wann es ihren Mann träfe. Man hatte immer einen Weg gefunden, die direkt Beteiligte weit weg vom Ort des Geschehnisses zu halten, entweder hatte man sie auf einen Urlaub begleitet oder anderweitig dafür gesorgt, dass die Angehörige niemals unter Verdacht kommen konnte.

    Ellen musste an ihren eigenen Fall denken und konnte sich gut vorstellen, wie das zu bewerkstelligen gewesen wäre. Hier eine falsche Fährte, dort ein Alibi. Zwei Frauen hätten schon genügt, ihren Mann zu entführen. Sicher, sie konnte es sich gut vorstellen. Doch ganz hatte sie nicht hinter alles blicken können. Die Frauen waren schlau und gewieft und ließen sich nicht so leicht in die Karten schauen. Das merkte sie nun selbst. Sie war fasziniert von den bizarren Vorgängen in der Villa Sagitta, auch ein wenig irritiert, doch das würde sich geben, wenn sie erst einmal einen Fall selbst miterlebt hätte. Von Anfang bis zum Ende. Alle hier hatten dies schließlich gemusst.

    Es war bereits dunkel geworden und Josy hatte das Licht angeknipst, welches die Bücherwände in gelben Glanz legte und den gesamten Raum indirekt erleuchtete.

    Josy hatte die Karten ausgeteilt, linierte Pappkarten in der Größe eined Briefumschlages. Die Vornamen waren bereits aufgebracht worden und jeder schrieb nun seine Variante einer Vollstreckung darauf. Josy sammelte sie wieder ein und brachte sie Hedwig, die, wie immer gerade aufgerichtet auf ihrem Vorstandsplatz thronte. „Die Sitzung wird weitergeführt“, sagte sie lakonisch.Kein Zweifel, Hedwig war die Richterin. Man erkannte es nicht nur an ihrer Haltung. Jeder Muskel, jede Falte, ja jede Pore ihres Gesichtes waren von der Erhabenheit einer Richterin durchdrungen. Unnahbar, unantastbar saß sie und nahm die Karten in Empfang. Alle setzten sich auf ihre angestammten Plätze und schauten auf Hedwig. Auch Josy mit ihrem Karottenkopf wirkte kleiner als sonst neben Hedwig und blickte mit großer Achtung auf ihre Freundin.

    Hedwig blätterte langsam die Karten durch. Ihre Miene verriet kaum eine Regung, als sie die einzelnen Vorschläge durchlas. Es war mucksmäuschenstill und alle Augen ruhten auf der erhabenen Gestalt von Hedwig.

    Dann blickte sie auf.

    „Für den Fall einer Verurteilung“, sie hielt inne und wiederholte „für den Fall einer Verurteilung wählt das Gericht die Vollstreckung nach Maßgabe von“ hier machte Hedwig wieder eine Kunstpause „von Ellen.“

    Josy begann und alle fielen ein, mit den Fingerknochen auf die Tischplatte zu pochen, bis auf Ellen, die nicht wusste, ob sie hocherfreut oder voller Angst sein sollte. Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss und wäre in diesem Moment am liebsten im Boden versunken. Doch ein Blick von Hedwig ließ sie sich aufrichten und sie atmete tief durch. Ihr Vorschlag war auserwählt worden, sie würde ihn durchführen. Sie bekam in diesem Moment nicht mit, wie Hedwig die Sitzung offiziell abschloss. Sie war mit sich selbst beschäftigt.

    „Ellen“, sagte Hedwig, „du bleibst noch, wenn die anderen gehen. Wir haben noch etwas zu besprechen.“ Ellen nickte.

    Dann flogen die Korken, es gab Champagner und der Abend wurde länger, als erwartet. Ellen blieb noch als Letzte.

    31 – Vorbereitungen

    Maria hatte zu den Damen gefunden und ausgesagt. Alles, was sie tränenverheult vortrug, unterstrich und vertiefte die Punkte, die bereits vorlagen und gab der Anklage durch die persönliche Betroffenheit der Zeugin eine besondere Charakteristik und Eindringlichkeit. Maria schilderte fast tonlos noch einmal ihr Gespräch mit der ehemaligen Lebensgefährtin ihres Mannes, deren Tochter ihr nach Jahren erst, in einer stillen Stunde, eröffnet hatte, was Roland mit ihr angestellt und wie er ihr gedroht hatte. Er hatte dem jungen Mädchen mit aller Schärfe eingeprägt, dass, sobald sie nur ein Sterbenswörtchen verlauten lasse über ihre ‚Spiele’, ihre Mutter eines qualvollen Todes sterben würde, wann auch immer und zu wem sie auch immer darüber sprechen sollte.

    Diese Drohung gäbe Maria die Überzeugung, dass auch Ihre Tochter in dieser Art bedroht worden wäre, weshalb diese, auch vor den erfahrensten Psychologen sich verschließe und in Weinkrämpfe verfiele.

    Maria wurde Hilfe zugesagt. Dankbar verließ sie die Villa.

    So kurz der Beschluss und die Verurteilung ausfielen, so lang war die Beratung der Damen, die schließlich in einer vierköpfigen Klausur mündete, wo die Details des Planes ausgeheckt und minutiös abgestimmt wurden. Neben Hedwig nahmen noch Ellen, Deborah und Josy teil.

    Da Ellen’s Plan ausgewählt worden war, durfte sie ihn in allen Details schildern. Er war wohl überlegt und schloss alle Eventualitäten ein sowie solche Fehler aus, die die vorzeitige Entdeckung und Vereitelung verhindern könnten. Josy, als technisch versierte Diplomingenieurin, sollte alle technischen Aufgaben übernehmen, unterstützt von Deborah. Ellen hatte sich die heikle Obliegenheit ausgesucht, des Opfers habhaft zu werden und ihn zum Ort der Hinrichtung zu bringen, mit welchen Mitteln auch immer. Der Rest der Damen, die mit der eigentlichen Vollstreckung nichts zu tun hatten, waren mit anderen Aufgaben betraut worden.

    So geschah es, dass man in einer Seitenstraße in Friedenau beobachten konnte, dass fünf Frauen, mal zu zweit, mal zu dritt, selten gemeinsam, mit Tüten und Paketen bepackt, wiederholt in einem Hauseingang verschwanden, nach einiger Zeit die eine oder andere Frau wieder herauskam, um nach einer Stunde wieder mit Tüten beladen, denselben Eingang zu betreten. Eine dieser Frauen trug ein Kopftuch nach Piratenart, die andere eine lustige Strickmütze, die dritte einen braunen Hut, die vierte ihren strahlend roten Karrottenkopf zur Schau. Allen gemeinsam war ein seltsam freudiges Lächeln auf dem Gesicht. Nachbarn beobachteten, wie ein Transporter vorfuhr und ein Mahagonitisch mit einigen passenden Stühlen ausgeladen und ins Haus getragen wurde. Die Nachbarn, die wussten, dass eine Zweizimmerwohnung frei geworden war wunderten sich, dass nicht mehr Möbel angeliefert wurden, aber vielleicht hatten sie auch nicht alles beobachtet. Nach zwei Tagen eifrigen Schaffens verschwanden die Frauen, wie sie gekommen waren.

    In Reinickendorf, in der Kneipe mit dem Namen Gypsy lief alles wie gewohnt. Man machte gegen elf Uhr vormittags auf, die ersten Gäste erschienen, meist Stammgäste der Art, wie sie in vielen Berliner Kneipen auftauchten, Arbeitslose oder Rentner, die hier ihren ersten Trunk von vielen einläuteten. Die Wirtin, eine Frau mittleren Alters mit blauschwarzen Haaren stand hinter dem Tresen und las die BZ wie jeden Tag, polierte ab und zu einen Fleck auf dem Tresen und zapfte zwischendurch die bestellten Biere. Seit zwei Tagen hatte sie eine Frau beobachtet, die jeweils am Nachmittag erschienen war, sich an einen Tisch gesetzt und zu einer Tasse Kaffee Zeitung gelesen hatte. Sie hatte schwarze Haare blauen Augen, eine seltene Mischung und mochte eine gute Mittvierzigerin sein. Sie war elegant gekleidet und hatte gepflegte Fingernägel, die davon zeugten, dass sie nicht schwer mit den Händen arbeiten musste, überhaupt machte sie den Eindruck, nicht ganz hierher zu gehören. Sie hatte höflich ihren Kaffee bestellt und gelächelt, doch die Wirtin hatte beschlossen, sie nicht zu mögen. Stammgäste, die zu ihr traten und sie angesprochen hatten, hatte sie höflich aber bestimmt abgewiesen.

    Diese Frau war auch heute wieder da. Bei einem Kaffee saß sie in einer Ecke und las in einem Buch.

    Dann war Roland gekommen. Er hatte sich umgeschaut, wie man es beim Eintritt in ein Lokal unwillkürlich tut, seine Augen waren einen kurzen Moment an der Dame in der Ecke hängen geblieben, dann hatte er sich an die Theke gesetzt und gesagt: „Wie immer.“

    Das wie immer bestand aus einem kleinen Bier und einem Schnaps der Hausmarke. Er hatte mit der Wirtin ein Gespräch begonnen. Er schien schlechter Stimmung zu sein. Doch nach dem zweiten Gedeck lockerte er sich bereits und schielte über die Schulter zu der Leserin in der Ecke.

    „Da kannste nischt landen“, sagte die Wirtin zu ihm, „die hat schon janz andere abblitzen lassen.“

    „Na denn nicht“, sagte Roland und unterhielt sich weiter mit der Wirtin. Während der nächsten zwei Gedecke wurde er munterer und wagte wiederholt einen längeren Blick auf die Fremde mit dem Buch.

    „Lasset!“, sagte die Wirtin. Nur wenige Gäste waren in der Kneipe.

    „Wer nich wagt, der nich jewinnt“, antwortete Roland, nahm sein Bier, stand auf und ging langsam, Schritt für Schritt auf die Fremde zu. Als er vor ihrem Tisch stand, erhob sie die Augen zu ihm und schaute ihn an. Er nahm allen Mut und all sein Hochdeutsch zusammen und sagte: „Darf man sich zu Ihnen setzen?“

    Die Fremde sah ihn lange an und er erwartete schon die angekündigte Abfuhr, als die Dame sagte: „Ja, bitte. Nehmen Sie Platz.“

    Roland traute seinen Ohren nicht, aber fühlte sich höchst geehrt und zog einen Stuhl vom Tisch und setzte sich ihr gegenüber. Er fühlte sich noch nicht betrunken, im Gegenteil, durch ihre Aufforderung stark und männlich.

    „Was lesen sie da?“, fragte er. Die Dame antwortete: „Das wir Sie nicht interessieren.“

    „Literatur interessiert mich ungemein. Man kann nicht genug lesen.“

    Überrascht und konsterniert, dass ihre Vorhersage nicht eingetroffen war, kam die Wirtin an den Tisch und fragte, ob alles in Ordnung sei, ob sie noch einen Wunsch erfüllen dürfte.

    „Ja“, sagte die Dame, „bringen Sie mir eine Weinschorle.“

    „Weiß oder rot?“

    „Weiß, bitte!“

    „Det schreibste aber uff meine Rechnung!“ Roland hing den Weltmann raus.

    „Das ist nicht notwendig. Ich will das schon selbst bezahlen.“ Das kam in einem Ton, der freundlich war, aber keine Widerrede duldete.

    Nach einer Pause fragte Roland: „Wohnen Sie hier? Ich habe Sie noch nie hier gesehen?“

    „Vorübergehend“, antwortete die Dame.

    „Ziehen sie schon wieder um?“

    „Ja, nach Friedenau, dort habe ich meine Praxis.“

    „Feine Gegend. Was haben Sie denn für eine Praxis?“

    Die Wirtin brachte eine Weinschorle und zugleich ein Bier für Roland, dessen Glas leer war. Beide schwiegen, während die Gläser ausgetauscht wurden. Als die Wirtin wieder am Tresen war, begann die Dame: „Welche Art Praxis ich führe, fragen Sie? Das hat viel mit dem Buch hier zu tun. Ihnen sagt doch der Begriff Astrologie etwas?“

    Rolands Aufmerksamkeit war geweckt. „Aber sicher sagt mir das was. Sagen Sie nur, Sie machen so etwas, Wahrsagen und so?“

    „Richtig. Wahrsagen und so.“

    „Da hat mich ja die Vorsehung an ihren Tisch geschickt! Ich glaube nämlich an so was!“

    „Nun, da gibt es große Unterschiede. Ich lege zwar auch Karten, aber meine Spezialität ist Hellsehen.“

    „Hellsehen?“

    „Ja, Voraussagen,  Dinge vorhersehen, Verschwundenes auffinden und dergleichen.“

    „Dann können Sie ja für die Polizei arbeiten.“

    „Das könnte ich. Wenn sie mich braucht.“

    „Aber das andere können Sie auch? Kartenlegen, Pendeln und so?“

    „Wie gesagt, das beherrsche ich auch.“

    „Könnten Sie mir auch -?“

    „Sicherlich, wenn Sie dafür bezahlen.“

    „Mara! Ick hab ne neue Tusse für meen Jeschick!“, rief Roland plötzlich quer durchs Lokal.

    „Aber nicht gleich hier und jetzt!“ Die Dame griff in ihre Handtasche als ob sie etwas suchte. „Ach, nun habe ich keine dabei. Sind Sie morgen auch wieder hier?“

    „Ich bin jeden Tag hier von halb sechs bis mindestens halb sieben.“

    „Ich gebe Ihnen morgen meine Karte. Aber Sie könnte mir gerne schon von Ihnen erzählen, wer Sie sind, was Sie so tun und warum Sie sich die Karten legen lassen wollen.“

    Roland war fasziniert von dieser Frau, die trotz ihres fortgeschrittenen Alters sehr attraktiv wirkte, erfahren und stilvoll. Eigentlich hatte er immer Angst vor solchen starken Frauen gehabt. Und eine solche Frau interessierte sich für ihn! Für ihn kleines Würstchen. Obwohl sie schwarze Haare hatte und ganz sein Typ war, er hatte zuviel Respekt vor einer solchen Frau, als dass er an irgend etwas Verbotenes dachte. Und dennoch, es zog ihn hin. Und schließlich wusste ja keiner, wohin das noch führen konnte. Es gab immer ein Vielleicht. Er würde schon sehen, was daraus erwachsen würde. Und wie sie ihn anblickte, aus ihren hellen, wissenden Augen, aus Augen, die in die Zukunft sehen konnten, die die Dinge der Welt durchschauten, die Wahrheiten kannten, die er nie kennen lernen würde. Kurz durchzuckte es ihn. Wenn sie in die Zukunft blicken konnte, warum nicht in seine Vergangenheit? Egal, die andere hatte ja auch nicht sein Geheimnis gelüftet. Soweit reichten ihre Fähigkeiten nun doch nicht. Und die Zukunft war etwas ganz anderes als die Vergangenheit, die von einem schwarzen Mantel verdeckt war. Die Zukunft leuchtete, wie die Augen der Seherin, sie war voller neuer Farben, voller Hoffnung. Die Vergangenheit war schwarz, dunkel und abgenutzt.

    Roland saß mit der Dame noch eine Stunde am Tisch und erzählte von sich, von seiner Frau, die die Kinder aus unerfindlichen Gründen weggeschafft hätte, zu den Schwiegereltern, davon, dass er nicht wüsste, warum er immer nur Pech mit den Frauen hätte und allgemein, was er alles in seinem Leben versucht hätte und nichts sei gelungen und so hoffte er, von Wahrsagerinnen wie sie eine war, einen Weg aufgezeigt zu bekommen, der ihm Glück brächte. Er sprach von seiner vierjährigen Tochter, seinem Ein und Alles, dem Einzigen auf der Welt, das ihm ein Gefühl von  Glück empfangen ließe,  seinem Herzblatt, seinem Sonnenschein, seiner Susi.

    Die fremde Frau hatte sein Herz geöffnet und damit zugleich seinen Mund.

    Und sie hatte schwarze Haare.

    32 – Das Furchtbare nimmt seinen Lauf

    Roland war an diesem Abend aufgedreht, besonders, als die tolle Frau, seine neue Pythia verschwunden war. Es gab noch Gerechtigkeit auf dieser Welt. Sie war genau zur rechten Zeit in sein Leben getreten, er hatte schon die Zeitungen von oben nach unten durchgesehen, alle, die dort eine Anzeige laufen hatten, schienen ihm zu ungreifbar, zu fremd. Hier war eine auf ihn zugekommen, so musste es im Leben sein, dass der Zufall einem in die Hände spielt, das Leben es einmal gut mit einem meint und sich von der Sonnenseite zeigt.

    Diese und ähnliche Gedanken waren in seinem Kopf wirr umeinander geschossen, er hatte sie mit immer mehr Alkohol verschönt und war seit langem nicht mehr so froh. Als er vor lauter Freude Mara umarmt hatte, war allerdings ihr breitschultriger Ehemann aufgetaucht, hatte ein drohendes Brummen ausgestoßen und ihm seine Faust gezeigt. Er nahm diesen Dämpfer seines Glücksgefühl zum Anlass und ging heim.

    Am nächsten Tag konnte er es kaum erwarten, seine neue Fee zu sehen. Sofort nach der Arbeit war Roland ins Gypsy gefahren. Doch sie war noch nicht da. Als sie eine halbe Stunde später immer noch nicht erschienen war, wurde er ungeduldig, bekämpfte dies Gefühl mit einem weiteren Schnaps, was aber nicht viel nützte.

    „Na“, sagte Mara, „deine neue Flamme lässt dich aber schmoren, was?“

    „Sie ist nicht meine Flamme, sie ist mein -“ er suchte nach einem passenden Wort.

    „Engel“, half Mara aus.

    „Ja, mein Engel, mein Schutzengel!“, verstärkte er den Begriff.

    „Wenn dein Schutzengel sich nicht als Todesengel entpuppt!“  War die Zigeunerin Mara vielleicht doch eine Wahrsagerin? Doch solche Gedanken kamen ihm nicht, er war voll fokussiert auf das Erscheinen seiner neuen Bekanntschaft.  Als sie dann endlich kam, war er schon ein wenig angeschickert. Sie kam gleich auf ihn zu, schaute ihm in die Augen und hielt ihm eine Visitenkarte hin.

    „Dort können Sie mich morgen treffen. Ich warte um sechs Uhr auf Sie. Nüchtern!“ Damit drehte sie sich um und verließ das Lokal. Verdattert ließ sie ihn zurück. Als er die Türe öffnete, um sie zurück zu holen, war sie bereits verschwunden.

    „Ein wahrer Rauscheengel“, sagte Mara, „rauscht rein und wieder raus! Was sagte sie, nüchtern? Ist sie Ärztin? Na das ist ja ein bezauberndes Engelchen. So würde ich mit mir aber nicht umspringen lassen. Nüchtern!“

    Auf der Karte war nur ein Name, Jenny, ein Straßennamen mit Nummer und das Stockwerk angegeben. Keine Telefonnummer. Und der Name klang erfunden, wie der aller Wahrsagerinnen.

    „Ach lass mal, Mara, die weiß schon, was sie will.“

    „Das scheint mir auch so, Roland.“

    Pünktlich um sechs Uhr am Nachmittag drückte Roland den Zeigefinger auf die Klingel vor dem Namensschild, auf dem Jenny stand. Gleich darauf ging der Summer und die Türe öffnete sich. Er hatte bei Mara ein kleines Bier getrunken und sich eine Ermahnung eingehandelt, die er mit dem Spruch Eines ist Keines weggewischt hatte. Er spürte eine leichte Aufregung im Bauch, während er die Stufen hoch ging. Dann stand er vor der Tür. Noch bevor er klingeln oder klopfen konnte, wurde ihm aufgemacht.

    Roland sah in das Gesicht einer älteren Frau, die ihn um einen halben Kopf überragte. Sie hatte eine auffallende Hakennase und zwei streng blickende blaue Augen. Sie hätte ebenso Hütein des Grals als auch der Hölle sein können.

    „Bitte, treten Sie nur näher!“, sagte sie mit tiefer Stimme. Das Lächeln von ihr ließ etwas in ihm schockgefrieren.

    Als er eingetreten war, kam die Gralshüterin mit einem Silbertablett auf ihn zu und sagte: „Wir nehmen kein Honorar, sondern nur Geschenke. Geben Sie, was Ihnen der Besuch wert ist.“

    „Im Voraus?“, fragte Roland eingeschüchtert.

    „Im Voraus!“

    Roland griff in die Tasche und holte zwei Scheine zu fünfzig heraus. Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass er mit einem Schein hinkommen würde, doch er scheute sich, nur einen der beiden Scheine hinzulegen und den anderen wieder einzustecken. So gab er beide.

    Die Dame verneigte sich leicht und sagte mit einem Lächeln, welches einem die Hosen ausziehen konnte: „Danke.“ Dann verschwand sie in einer der drei Türen, die von dem ansonsten leeren Flur ausgingen. Kaum hatte sich die Türe geschlossen, ging eine andere auf und die Wahrsagerin, seine Fee, lächelte ihn an. Sie trug ein dunkelblaues, wallendes Kleid und einen großen roten Stein an einer Kette um den Hals. Mit ihren tiefschwarzen Haaren und den blauen Augen sah sie aus, wie aus einem Märchen.

    „Kommen Sie, Roland“, sagte sie. Er trat in den Raum und erblickte einen großen Tisch aus Mahagoni, davor und dahinter ein Stuhl. Weitere zwei Stühle standen an der Wand. Dunkelblaue Vorhänge, die der Farbe ihres Kleides glichen, hingen wohldrapiert am Fenster. Ein kleines Sideboard stand an der Wand. Das war alles, was diesen Raum ausfüllte.

    In der Nähe seiner Jenny fühlte sich Roland wieder pudelwohl. Sie reichte ihm ihre warme Hand und schaute ihm tief in die Augen und bat ihn, Platz zu nehmen.

    „Jenny ist aber ein ungewöhnlicher Name für eine Wahrsagerin“, sagte er forsch.

    „Finden Sie?“

    „Ja, ich habe mich schon gefragt, woher der Name kommt. Es gab mal eine Sendung mit der Zauberin aus der Flasche.“

    „Sie meinen Bezaubernde Jeanie mit Barbara Eden. Nein, damit habe ich nicht zu tun. Wenn Sie es wissen wollen, der Name ist von Bertold Brecht. Spelunken-Jenny.“

    „Spelunken-Jenny ist gut. Wenn ich daran denke, wo wir uns kennen lernten.“

    „Wollen wir beginnen? Worauf soll ich Karten legen?“ Jenny ging zum Sideboard und holte ein Kartendeck hervor. Während sie mischte, sagte Roland: „Ich habe Ihnen doch von meiner Frau und einer dummen Situation erzählt, in der ich gerade stecke. Wollen wir erst einmal darauf legen?“ Er hatte vor, sie zu testen, indem er nach dem Verbleib seiner Kinder fragen wollte. Das hatte er ihr nicht erzählt. Dabei würde er erkennen können, ob sie ihr Handwerk verstünde.

    „Ich schlage vor, wir legen erst einmal auf Sie persönlich, dann können wir immer noch weitersehen.“ Sie sagte es in einer Art, die ihn überzeugte und schließlich musste sie wissen, wie sie vorgehen wollte.

    Jenny begann zu legen. Gespannt verfolgte er, wie sie die Karten auflegte.

    Sie schaute die Karten eine Weile an, bevor sie zu sprechen begann.

    „Ich sehe, sie waren schon einmal in einer eheähnlichen Beziehung. Dort gab es ein Kind.“ Roland war verblüfft. Er antwortete nicht sondern schaute starr auf die Karten.

    „Frauen werden in ihrem Leben eine zunehmende Rolle spielen.“ Wie war denn das zu verstehen? Wäre ja schön, wenn er mehr Glück bei Frauen hätte!

    „Hier sehe ich, dass Ihnen etwas Bedeutendes bevorsteht.“ Roland spitzte die Ohren. Was würde da kommen? „Nur ist es in diesem Zusammenhang nicht genau zu erkennen, ich muss speziell darauf legen.“ Dann tippte Jenny auf eine Karte. „Diese Konstellation gibt mir zu denken – warten Sie.“ Sie fuhr mit dem Finger streichelnd über zwei Karten. „Zwei Kinder. Unter Palmen? In Urlaub? Kann es sein, dass Ihre Kinder in Urlaub sind?“

    Verdutzt sagte er: „Ja. Sozusagen.“ Jetzt trat Schweiß auf seine Stirn. Woher konnte sie das wissen? Stand das in den Karten?

    „Können Sie denn sagen, wo sie sich befinden?“

    „Lassen Sie mich sehen, ich werde neu legen.“ Flink gingen ihre Hände und bearbeiteten die Karten und schon lagen sie in neuer Konstellation.

    „In einem Haus, wohlbehütet. Bei älteren Personen. Sagen Sie nichts. Ich kann Ihnen mit der Kugel genau sagen, wo sie sich befinden. Wollen Sie das?“

    „Ja!“ Und ob er das wollte. Er wusste ja, wo die Kinder sich befanden, ob sie das auch herausfinden würde?

    Jenny hatte die Kugel geholt und stellte sie neben die Karten, nahm eine Kerze, zündete sie an und stellte sie in einiger Entfernung auf den Mahagonitisch.

    „Ich bitte Sie jetzt, ganz still zu sein.“ Er nickte. Sie schaute in die Kugel, in der er nichts sah, als ein seltsam verzogenes Abbild des Fensters, vermischt mit einigen Farben und der Kerzenflamme.

    Jenny sprach sehr leise und ließ zwischen den einzelnen Sätzen Pausen unterschiedlicher Länge: „Sie sind im Norden. Nicht sehr weit. Die Straße hat ein Tier im Namen. Ein Tier aus dem Wald. Dann sehe ich einen Krebs. Nein, das Zeichen des Krebses. Nummer neunundsechzig. Rehstrasse neunundsechzig. Stimmt das?“

    „Ja, bei meinen Schwiegereltern, das ist die Adresse.“ Er war aufs Äußerste beeindruckt. „Wie machen Sie das nur?“, rief er.

    „Die Kugel kann nicht lügen.“ Sagte sie und lächelte entwaffnend. Er war einen Augenblick lang sprachlos. Dann wagte er die Frage: „Und was ist das Bedeutende, was auf mich zukommt?“

    Jenny sah ihn durchdringend an, während sie die Karten vor ihnen wegwischte und die Kugel in die Mitte schob.

    „Wollen Sie das wirklich wissen?“

    „Und ob!“

    Jenny nahm die Kugel in die Hand, dann polierte sie sie mit einem Tuch, das sie irgend woher gezogen hatte.

    Roland wurde heiß. Er verstand nicht, was hier vor sich ging. Er hatte noch nie eine solche Sitzung erlebt. Bisher war alles immer sehr vage gewesen, was ihm erzählt wurde. Welche besondere Kraft besaß diese Frau? Was hatte er für ein Glück, an eine solche Frau zu geraten!

    „Legen Sie ihre Hände auf den Tisch. Spreizen Sie die Finger und führen sie beide Daumen aneinander. Sie müssen sich berühren.“

    Er tat wie geheißen und war froh, sich die Fingernägel gereinigt zu haben.

    Er sah, wie sie in die Kugel blickte, ihren Kopf näher an die Kugel brachte, um deutlicher zu sehen und wie sie die Augen schloss.

    Dann sagte sie mit geschlossenen Augen: „Es kommt eine Zeit, sehr bald, da werden Sie gefordert werden. Sie brauchen alle Ihre Nerven. Sie dürfen nicht schwanken. Sie werden ganz sicher Beratung brauchen. Dann, nur dann wird sich ganz plötzlich für Sie ein Paradies auftun.“ Er hatte bei jedem der Worte an ihren Lippen gehangen wie ein Spieler an der Roulettekugel. Er wusste einfach, dass sie die Wahrheit sagte, nichts als die Wahrheit. Jenny stöhnte. Dann öffnete sie langsam die Augen und sah ihn an.

    „Bitte gehen Sie. Für die nächste Sitzung erwarten wir kein Geschenk mehr. Entschuldigen Sie mich.“

    Jenny stand auf und ging ohne einen Blick zu ihm zurück zur Tür, die zum Nebenraum führte und indem sie verschwand, trat die Gralshüterin auf und begleitete ihn wortlos zum Ausgang.

    „Man sieht sich!“, war alles was sie sagte.

    33 – Dusan und das Geheimnis der Frauen

    „Hallo, guten Tag, mein Name ist Zoller.“ Er gab dem Besucher die Hand und bot ihm einen Sitzplatz an. „Es freut mich, den Großonkel unserer bezaubernden Radka kennen zu lernen. Wie ich sehe, hat unsere Praktikantin bereits ihren Platz und ihre Grundstellung eingenommen.“ Radka räkelte sich im Besuchersessel, wohingegen ihr Großonkel auf einen normalen Stuhl vor Zollers Schreibtisch saß.

    „Unsere Radka ist ja sehr rührig. Wir wissen ihre geistige Agilität zu schätzen, wenn sie auch etwas aus dem Rahmen fällt.“ Zoller machte eine Pause. „Wir hatten Radka gebeten, nicht auf eigene Faust tätig zu werden in der Angelegenheit  der Damen, aber sie hatte es wohl für notwendig gehalten, weiter zu ermitteln und hatte dazu auch Sie eingeschaltet.“

    „Bevor Sie weitersprechen, möchte ich etwas klarstellen.“ Dusan richtete sich in seinem Stuhl auf und sprach mit all der Autorität seines Alters. „Meine Großnichte hat mich nicht eingeschaltet. Das muss ich weit von mir weisen. Radka hat mir lediglich von einem Damenclub erzählt, von dem sie vermutet, dass die Damen, die diesem Club angehören, Dinge tun, die vielleicht nicht gesetzeskonform sein mögen. Sie hatte, wenn Sie so wollen, mir lediglich eine Idee mitgeteilt.“

    „Gut. Wir wollen hier auch nicht über Radka richten. Sie sind gekommen, weil Radka keine Ruhe gegeben hatte und wohl auch nicht geben würde, bevor Sie uns nicht die Verdachtsmomente erläutern, die Sie gefunden haben.“

    „Ich teile die Ansicht meiner Großnichte und denke, Sie sollten zumindest Kenntnis davon erhalten, dass sich dort etwas anzubahnen droht, was zu einem Fall führen könnte, dem Sie dann, wenn es dazu führt, was wir vermuten, als Mordkommission gegenüberstehen. Kurz, wir vermuten dass sich ein Verbrechen anbahnt.“

    „Welche Anhaltspunkte haben Sie denn?“

    „Wenn Sie erlauben, würde ich gerne von Anfang beginnen, damit sie meinen Schlussfolgerungen folgen können.“

    Statt einer Antwort, machte Zoller eine Geste mit der Hand und nickte dazu. Dann setzte er sich in eine Positur, von der er wusste, dass sie uneingeschränkte Aufmerksamkeit signalisierte und lauschte.

    „Nehmen wir an, ich hatte Lust, eine Reise zu machen. Auf dieser Reise nach Hamburg begegnete ich zwei angenehmen Damen im Zug, deren ungewollter aber direkter Nachbar ich im Speisewagen wurde. Die Damen sprachen in normaler Lautstärke, so dass ich alles gut von meinem Platz hören konnte. Sie sprachen von einem geplanten Mord.“ Hier machte Dusan eine Pause, damit sich das letzte Wort bei seinem Gegenüber sich mit gebührendem Gewicht einprägen konnte. Zoller nickte dem alten Herrn zu. Er hatte das Wort vernommen, welches er jeden Tag mehrfach benutzte, dies seit Jahren. Es hatte bei ihm die Schlagkraft verloren, die es in anderen Ohren haben mochte.

    „Wie wollen wir ihn töten? Das war die Frage, um die es im gesamten Gespräch der beiden Damen ging. Sie erwägten die verschiedensten Mordmethoden und sprachen von diesen, als ob sie sie bereits ausprobiert hatten. Ich konnte nicht so tun, als ob ich es nicht mitbekam, dazu saß ich zu nahe dran. Deshalb fragte ich einmal nach, ob sie einen Mord planen würden. Die Antwort war frappierend einfach. Sie seien Autorin und Lektorin, die einen neuen Roman besprachen. So weit so gut. Das wäre ja auch weiter nicht relevant gewesen, wenn sich nicht Weiteres ergeben hätte.“

    „Wollen Sie vielleicht einen Kaffee? Unsere liebste Radka brennt förmlich darauf, Ihnen eine Erfrischung zu besorgen.“ Zoller sah auf die eingerollte Radka, die, im Rücken ihres Großonkels lungernd, mit keiner Faser daran gedacht hatte, was Zoller ihr andichtete. Sie streckte ihm die Zunge heraus.

    „Na?“ sagte Zoller.

    „Bitte?“, fragte Dusan, der das Ganze nicht mitbekommen hatte.

    „Nein, ich meine nicht Sie, ich meine Radka. Ist sie zu Hause auch so frech?“

    „Radka und frech? Niemals!“ Dusan lachte Zoller an. Er hatte begriffen, dass eine nonverbale Kommunikation zwischen den beiden stattgefunden haben musste.

    „Wenn es denn sein muss! Was darf ich den Herren kredenzen?“ Radka trat näher, dabei reckte sie sich wie eine Katze, um zu zeigen, wie sehr man sie in ihrer Ruhe gestört hatte. Sie schien zu wissen, dass man ihr nur wenig übel nehmen konnte.

    „Na, alles, was so dazu gehört. Kaffee, Zucker, Milch, Löffel, Tasse – möchten Sie etwas Kuchen aus der Kantine? Also auch Kuchen. Und weil du so freundlich warst und dich anerboten hast, darfst du auch dir etwas mitbringen. Auf Kommissariatskosten.“

    Radka machte eine witzige Grimasse und verschwand.

    Dusan fuhr fort. „Wenn ich nur die Äußerungen aus dem Zug vorzuweisen hätte, säße ich nicht hier. Aber es begab sich Folgendes: Da ich von der Existenz dieses Frauen- beziehungsweise Witwenclubs wusste,  habe ich mich vor ihrer Villa auf die Lauer gelegt und eines Mittwochs mich an eine Dame, besser, an ihr Fahrzeug gehängt. Eigentlich wollte ich ihr nach Hause folgen und überlegen, wie ich an sie herankäme, doch dann passierte das mit dem Unfall. Ich habe sie an einer Ampel leicht touchiert und schon war der Kontakt geschlossen.“

    „Sie haben bei dem ‚Unfall’ nicht ein bisschen nachgeholfen?“

    „Das zu entscheiden, überlasse ich gerne Kriminalhauptkommissaren. Jedenfalls lernten wir uns kennen. Diese Dame und ich. Die Dame heißt Brigitte Stahn und ist Witwe, wie die anderen Damen des Clubs. Offenbar hatte sie sich in mich verknallt, denn sie sprach nach einigen Treffen sehr offenherzig mit mir. Sie sprach über Kriminalfälle, die im Club besprochen würden. Jede einzelne der Damen habe direkt oder indirekt etwas mit dem vorzeitigen Ableben ihres Mannes zu tun gehabt. Sie hätten sozusagen eine Sammlung angelegt von Fällen, wie man sich seines Ehemannes entledigt.“

    „Das klingt schon interessanter. Sammlung? Hat sie das Wort benutzt?“

    „Ja, Sammlung. Ob sie damit eine Aufzeichnung der Fälle meint, entzieht sich meiner Kenntnis. Denn es lag offenbar ein neuer Fall vor. Es sollte – wie ich im Zuge bereits erfahren hatte – ein weiterer Mord an einem Ehemann geplant werden.“

    „Und das alles hat sie ihnen frei und fromm erzählt?“

    „Sie weiß von meiner Tätigkeit als Zeitungsredakteur und unterstellt mir ein wissenschaftliches Interesse. Eigentlich kann ich mir ja nicht vorstellen, dass, wenn man mit einem Mord beschäftigt ist, man es anderen weitererzählt.“

    „Ja, ich halte das auch für unwahrscheinlich. Kann es nicht sein, dass die Frauen nur einen literarischen Club bilden und von irgendwelchen Hirngespinsten erzählen?“

    „Das überlegte ich auch, bis es weitere, recht deutliche Hinweise gab auf eine konkrete Person. Ein Roland Farner, der bereits als Kinderschänder in Erscheinung getreten ist, soll wieder ein Kind missbraucht haben.“

    „Ja, Radka berichtete bereits und ich habe auch die Akte hier.“ Zoller deutete auf ein dickes Schriftstück auf seinem Schreibtisch.

    „Offenbar wollen die Damen ihn zur Strecke bringen.“

    „Hat Ihnen diese Brigitte das erzählt?“

    „Weiß Gott nicht! Seit Mittwoch vor acht Tagen spricht sie gar nicht mehr mit mir darüber. Kein Wort. Und wenn ich sie frage, nur leicht antippe, weicht sie aus, wechselt das Thema. Doch ich hatte Zeit und Muße und habe diesen Roland ausfindig gemacht. Ich will nicht sagen dass ich eigentlich Ihre Arbeit tue, denn Ihr Einsatz beginnt ja erst nach dem Mord, sozusagen wenn eine Leiche bereit gestellt wurde, aber ich kam mir vor wie ein Kriminalist, der einen Mord zu verhindern sucht. Nun gut. Dieser Roland hat eine Wahrsagerin kennen gelernt und ich habe die Vermutung, dass es sich bei dieser Dame um eine Dame aus dem Club handelt.“

    „Nicht möglich! – Ich meine, das wäre ja ein Ding!“

    „Durchaus. Denn was soll ich Ihnen sagen, ich beobachtete meine Brigitte, wie sie mit anderen Frauen eine Wohnung in Friedenau einrichtete.“

    „Und was hat diese Wohnung mit der Wahrsagerin zu tun?“

    „Diese Wohnung gehört einer der Damen aus dem Club. Sie hat sie zur Verfügung gestellt als Domizil der Wahrsagerin, die sich Jenny nennt. Mir scheint, dass die Wahrsagerin in den Mordplan mit eingewebt ist, den die spinnen, eine entscheidende Funktion haben muss, als Vorbereitung zur möglichen Hinrichtung.“

    „Hab ich was verpasst?“ Radka kam mit einem Tablett und stellte es auf den Schreibtisch von Zoller.

    Keiner der beiden Herren nahm sie wahr, noch beachtete einer, wie sie den Kaffee austeilte und den Kuchen. Sie sprachen einfach weiter, ohne auf sie einzugehen.

    „Sie haben die Adresse? Gut. Schreiben Sie sie auf. Es scheint, als ob wir hier tätig werden können, immerhin ist möglicherweise Gefahr im Verzug. Obwohl mir nicht besonders gut bei der Sache ist. Aber man kann ja einmal nachsehen.“

    Radka begann zu singen: „Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich“, wobei sie das mich lang zog und lauter wurde. Doch aus das half nicht, die Herren gaben sich geschäftig. Der eine schrieb, der andere redete und sie war nur Servicepersonal, stummer Diener, Kammerzofe, schlecht bezahlt und nicht beachtet.

    „Will mir nicht mal einer erklären, was hier läuft?“

    „Radka, tu mir den Gefallen und roll dich in deinen Sessel dahinten. Zuhören ist erlaubt.“

    „Radka dankt auch recht herzlich“, sagte sie schmollend und zog sich zurück.

    Zoller wandte sich wieder an Dusan. „Ich habe mir Folgendes überlegt. Zusammen mit meiner Oberhauptkommissarin Radka werde ich gelegentlich diese Wahrsagerin Jenny aufsuchen. Falls Ihnen bei Ihrer Beobachtung etwas auffällt, hier meine Handy-Nummer. Wir werden den Damen mal auf den Zahn fühlen.“

    Im Sessel glänzten Radkas Augen. Sie hatte erreicht, dass man ihre Idee ernst nahm. Dafür würde sie hundert Mal die Kammerzofe spielen.

    Am späten Nachmittag erreichte Zoller der Anruf, dass der gewisse Roland bei besagter Adresse war, danach sei er in sein Stammlokal gefahren. Dusan war ihm gefolgt und hatte mitbekommen, wie er der Wirtin von der Wahrsagerin vorgeschwärmt hatte. Er stand am Tresen in seiner Nähe mit einem Bier und konnte alles genau verfolgen. Er hatte gehört wie Roland davon berichtet hatte, was sie alles aus Karten und Kugel herausgelesen hatte über seine Vergangenheit und dass sie sogar den Ort hatte bestimmen können, wo die Kinder derzeit untergebracht waren. Eine Superfrau. Wahnsinn. Und die nächste Sitzung sei kostenlos.

    Es bahnte sich etwas an.

    34 – der Schock

    Der Schock traf Roland wie ein Blitz. Gestern hatte ihm Jenny die Vorhersage gemacht, heute schon traf sie ein.

    Seine Frau hatte ihn auf der Arbeitstelle aufgeregt angerufen und ihn gebeten, sofort nach Hause zu kommen, es sei etwas Schreckliches passiert. Am Telefon wollte sie es ihm nicht sagen und so nahm er sich frei, ließ alles stehen und liegen, eilte nach Hause und fand seine Frau Maria völlig aufgelöst und verheult. Eine Nachbarin hielt ihr die Hand und schaute ihn trostlos an.

    Was war geschehen?

    Seine Tochter Susi, seine leibliche Tochter war verschwunden. Die Schwiegereltern waren mit den Kindern auf einem Spielplatz gewesen, plötzlich sei nur noch die ältere zu sehen gewesen und man hatte nach der Kleinen gerufen, sie gesucht, aber auch nach längerem Suchen nicht gefunden. Sofort war die Polizei eingeschaltet worden. Kaum hatte Roland dies vernommen, setzte er sich in seinen Wagen und fuhr die hundertzwanzig Kilometer zum Wohnort seiner Schwiegereltern wie ein Verrückter. Dort angekommen, schickte ihn die Polizei strikt nach Hause, er könne dort nichts tun, alles läge in den Händen der Polizei, man wolle ihn dort nicht sehen. Auch die Schwiegereltern schickten ihn kalt nach Hause zurück zu seiner Frau. Wahnsinnig vor Kummer raste er die Strecke wieder zurück.

    Dort, im Hause, wo Roland und Maria wohnten, hatte sich die Entführung wie ein Lauffeuer verbreitet. Es war eine Krankenschwester gerufen worden, die sich um Maria kümmerte. Die Nachbarn standen im Treppenhaus und vor der Haustür und zerfetzten sich die Münder. Man hörte Wortfetzen hier wie „Man müsste -“ und dort  „Man sollte -“ und wieder woanders „Wenn ich zu bestimmen hätte, dann -“, manchmal auch, „Das arme Kind“ und „Die arme Mutter“. Es tuschelte und raschelte und plapperte. Zu einer solchen Gruppe Hausfrauen kam ein ehrbar aussehender Mann über sechzig, in Hut und Mantel, der die Frauen fragte, was denn geschehen sei. Sie berichteten ihm aufgeregt von der Entführung der kleinen Susi. Der Mann zog nach alter Manier den Hut, bedankte sich und ging eilig fort.

    Als Roland zu Hause ankam, hatte seine Frau sich etwas gefasst, was ihn noch mehr aufbrachte, er geriet außer sich und zerstörte einen Teil der Wohnungseinrichtung, was natürlich nicht im Geringsten half. Er musste herausfinden, wo seine Tochter war. Bis die Polizei mit ihrem vor lauter Administration lahmen, Apparat eine Spur aufnehmen konnte, könnte schon sonst was passiert sein. Es könnte einer dieser kranken Hirne sich seine Tochter geschnappt und Unvorstellbares mit ihr angefangen haben. Allein die Vorstellung machte ihn verrückt und rasend. Er musste schnellstens herausfinden, wo seine geliebte Susi steckte. Sein Kind, seine Tochter Susi, die Fee Jenny, seine Frau Maria, ihm drehte sich alles im Kopf. Eine Übelkeit packte ihn, eine Würgegefühl, wieder und wieder. Er musste sich übergeben. Danach fühlte er sich nicht wohler, sondern furchtbar, zerknirscht, er zitterte

    Jenny!

    Genau das war der Weg! Sie würde wissen, sie müsste wissen, wo seine Tochter ist. Auf den Meter genau. Und er würde nicht gehen, bevor sie ihm nicht die Adresse gegeben hätte. Sie war so gut, so fähig. Wenn nur alle Frauen so fähig wären. Und er dachte an die Worte von Jenny. Er müsste alle seine Nerven zusammen nehmen. Er müsste ihren Rat holen. Es würde sich alles zum Guten wenden, es würde paradiesisch werden.

    Er schaute auf die Uhr. Es war vier Uhr nachmittags. Sie muss einfach dort sein. Er brauchte sie jetzt dringender, als alles andere. Er setzte sich in seinen Wagen und brauste los.

    Sie würde dort sein. Ganz sicher.

    Inzwischen hatte Zoller einen Anruf auf seinem Handy bekommen. Dusan war dran und berichtete, er habe gerade vernommen, dass die kleine Susi, die Tochter des gewissen Roland, entführt worden sei. Nein, nicht in Berlin, irgendwo außerhalb, Richtung Oranienburg. Er, Zoller, könnte das ja überprüfen lassen. Dusan war sich ganz sicher, dass es hier einen Zusammenhang mit der Wahrsagerin gäbe. Er führe jetzt zu ihr und würde sich vor ihrem Hause auf die Lauer legen.

    Es dauerte auch nicht sehr lange, als der zweite Anruf kam, der sagte, Roland sei angebraust gekommen, habe seinen Wagen blindlings in eine Einfahrt gegenüber des Hauses von Jenny gestellt und sei zu Jenny ins Haus gelaufen. Etwas spitze sich zu, da sei er ganz sicher. Vielleicht sei es angebracht, jetzt einmal die Wahrsagerin aufzusuchen. Zoller sagte zu, er käme sofort.

    Roland zitterte vor Aufregung. Es hatte sich beim ersten Klingeln nichts getan. Er würde verrückt werden, wenn sie nicht da wäre. Er presste seinen Finger auf den Klingelknopf und wartete. Da hörte er aus dem Sprechgerät eine sehr tiefe Frauenstimme. Er sah auch sofort das Gesicht vor sich. Sie fragte: „Ja, bitte?“

    Roland nahm sich sehr zusammen, um nicht die ganze Geschichte jetzt in dieses Mikrofon zu stammeln und sagte: „Farner, Roland Farner.“

    „Haben Sie einen Termin?“

    Er platzte fast vor Ungeduld und antwortete nervös: „Nein. Es ist dringend! Ich muss Jenny sprechen. Jetzt, sofort!“

    „Warten sie bitte einen kleinen Moment.“

    Es konnte nicht wahr sein, jetzt, da es ihm brannte wie nie, sollte er auf der Straße warten. Wenn sie eine gute Fee wäre, würde sie doch spüren, wie eilig er es hatte.

    „Kommen Sie!“ Der Summer ging. Roland nahm zwei, drei Treppenstufen auf einmal, dann kamen ihm zwei Frauen entgegen, die den Aufgang fast versperrten. Er bekam gerade noch mit, dass er mit einer kleinen Frau fast zusammenstieß, deren Haare in Karottenrot strahlten, dann war er vor der geöffneten Tür und trat ein. Die Gralshüterin empfing ihn mit einem untergründigen Lächeln und zeigte wortlos auf die einen Spalt offen stehende Türe zum Raume, den er schon kannte. Zitternd vor Erregung trat er ein. Der Raum war leer. War sie doch nicht da? Sollte er womöglich auf sie warten? Die Gralshüterin hatte die Türe hinter ihm zugezogen.

    Auf dem Tisch sah er, dass die Karten wie nach einer Lesung aufgelegt waren. Sie war also da. Welch ein Glück.

    Die andere Tür öffnete sich und schöner als je erschien ihm seine Fee. Sie trug wieder das strahlend blaue Kleid und ihre schwarzen Haare glänzten im Tageslich, welches durch das große Fenster fiel. Sie hatte nicht den großen leuchtend roten Stein um den Hals, heute war es ein schwarzer, matt glänzender Stein, der an einer Silberkette hing. Er Stein schien ihn anzublicken wie ein schwarzes Auge, ein teuflisches Auge. Doch von ihrem Gesicht strahle eine freundliche Milde. Mit einer Geste gebot sie ihm Platz zu nehmen. Er wollte heraussprudeln, ihr sein abgrundtiefes Leid schildern, doch schien sein Mund versiegelt von der Erhabenheit ihrer Ausstrahlung.

    „Sehen wir uns so bald wieder?“

    Roland wusste nicht, ob dies als Frage oder Feststellung gemünzt war. Doch brach es jetzt, da sie die ersten Worte gesagt hatte aus ihm heraus und er schilderte in chaotischen Worten, Sätzen und Halbsätzen sein Leid und forderte, bat und flehte sie an, ihm zu helfen, die Einzige, die ihm helfen könne, sei doch sie, die gute, die große, die einzigartige Jenny!

    Jenny hatte das alles ganz ruhig aufgenommen. Sie zuckte mit keiner Wimper. Im Gegenteil, sie genoss den wirren Strom von Worten, die wie leere Hülsen aus seinem Mund herausfielen. Sie beobachtete in aller Ruhe den verwirrten und hysterischen Mann, hörte die Hilflosigkeit, die aus ihm herausschrie, spürte das Messer, welches das Leid in sein Herz stieß und dachte an die Mädchen und deren Hilflosigkeit und deren Schmerz und seelisches Leid und sie wurde immer ruhiger. Anfangs hatte sie gedacht, sie würde diese Situation nicht durchstehen, hatte genauso gezittert wie er, hatte sich im Nebenraum das Gesicht mit kaltem Wasser gekühlt.

    Jetzt wusste sie wieder, was zu tun war.

    Sie wischte mit leichter Hand die Karten vom Tisch und holte, jede Bewegung mit gespannter Konzentration ausführend, die Kugel und die Kerze auf den Tisch. Sie hörte schon lange nicht mehr auf sein Gewimmer. Sie stellte sich gerade vor, wie die anderen Frauen die Vorbereitungen trafen.

    Als sie die Kerze angezündet hatte und ihm in die Augen sah, wurde er still. Wie ein Kind saß er vor ihr und erwartete das Unglaubliche.

    Sie wusste, was er wollte und wusste, was sie tun musste.

    Indem sie in die Kugel schaute, sah sie, wie die Frauen in der Hütte die Dinge bereitlegten, die sie benötigen würden. Den Äther, die Fesseln, die Axt. Sie sah, wie die Frauen dabei waren, sich Gummihandschuhe überzustreifen.

    Sie begann: „Ich sehe etwas.“ Sie machte eine gedehnte Pause und sprach weiter, abgehackt, wie wenn ihr die Dinge neu ins Gesichtsfeld kämen. „Ein schwaches Tageslicht. Es fällt durch ein Fenster. Es fällt auf einen Gegenstand, den ich nicht genau erkennen kann. Blau und gelb. Gelb und blau. Oben ist etwas Rotes, feuerrot unten rote Schuhe?.“

    „Sappi, die Puppe von Susi!“, rief Roland, „Wo ist sie!!“, schrie er.

    „Bitte sprechen sie nicht dazwischen. Ich tue, was ich kann!“ Jenny setzte neu an. „Ich spüre, da ist was in dem Raum. Ein lebendes Wesen. Es hat Angst, furchtbare Angst. Dann ist da noch etwas. Nein. Ich komme nicht weiter.“ Jenny unterbrach abrupt und stand auf. „Nein, ich kann das nicht. Es entzieht sich mir. Es geht nicht!“

    Roland liefen Tränen übers Gesicht. „Nein, Sie dürfen nicht aufgeben!“ Sein Gesicht verzog sich zur Fratze. „Jenny, ich zahle Ihnen, was sie wollen, nur machen Sie jetzt weiter. Bitte!“

    Jenny schaute lange auf den Mann herab, dann setzte sie sich. Sie hörte, wie er erleichtert aufstöhnte.

    Sie benötigte einige Sekunden, um wieder in den Fluss zu kommen, den sie absichtlich gestoppt hatte. Wieder sprach sie in abgehackten Sätzen.

    „Ich habe Kontakt. Sie lässt mich zu. Es ist Susi. Sie ist schweißgebadet und hat sich in die Hose gemacht. Sie wagt sich nicht zu rühren. Sie denkt, er kann jeden Augenblick wieder erscheinen. Er. Ein Mann. Ich kann nicht sagen, ob er bei ihr ist. Jedenfalls ist er nicht in ihrer direkten Nähe. Sie zittert. Etwas tut ihr weh. Furchtbar weh. Der Mann hat sie angefasst. Es hat weh getan. Sie will nicht. Sie will nicht mehr, dass der Mann wiederkommt und ihr weh tut. Sie ist doch so hilflos. Und sie hat in die Hose gemacht. Ob die Mama jetzt böse ist? Sie weint. Sie will nach Hause. Es tut ihr so weh. Weißt du, wo du bist? Nein, sie war noch nie hier.“

    Jenny blickte auf. Sie brauchte eine Pause.

    Roland sah sie aus roten Augen an und fragte: „Können Sie nicht erkennen, wo sie ist? Ich muss sie da rausholen!“

    „Gleich, gleich ist es soweit. Es kostet soviel Kraft.“ Sie blickte Roland ins Gesicht und sagte: „Wissen sie, was solche Männer erzählen? Sie sagen, das Mädchen habe es doch gewollt. Und das Mädchen hätte Spaß daran gehabt. Verstehen Sie das?“

    Er schien nicht zuzuhören.

    „Finden Sie meine Susi! Helfen Sie ihr, bevor es zu spät ist!“ rief er, hochrot im Gesicht.

    „Ich werde Ihnen helfen. Sie müssen tun, was ich Ihnen sage. Ich habe gesehen wo sie ist!“

    „Wo ist sie, sagen Sie wo sie ist!“ Roland war aufgesprungen und hatte sich über den Tisch gebeugt. In seinen Augen erkannte sie, dass er soweit war.

    „Wo, verdammt, ist sie?!!“

    „Sie werden sie nur retten können, wenn sie genau das tun, was ich Ihnen sage. Sie fahren durch Oranienburg durch, nach Löwenberg, dort biegen Sie auf die Bundesstraße nach Neuruppin. Nach genau drei Kilometern sehen Sie ein kleines, unscheinbares Schild, das in den Wald hinein zeigt, darauf steht Müllkippe. Nach zweihundert Metern geht ein schmaler Waldweg links ab, der führt zu einer Hütte. Dort ist Susi. Der Schlüssel zur Hütte hängt an dem kleinen unteren Ast der Birke, direkt neben dem Eingang. Beeilen Sie sich!“

    Er wunderte sich nicht, dass sie ihm eine so genaue Wegbeschreibung geben konnte und diese wie auswendig gelernt vortrug. Für ihn waren es Erkenntnisse, die sie aus der Kugel hatte. Sie war ja eine Seherin. Roland rannte aus der Wohnung heraus, ohne ein weiteres Wort. Jenny sah ihm hinterher. Er würde in die Hütte fahren und man würde ihn nach einiger Zeit finden. Mit gespaltenem Schädel. Er wäre hier dem vermeintlichen Entführer begegnet, hätte mit ihm einen Kampf begonnen und hinterrücks erschlagen worden. Das war ihr Plan gewesen, dem Kinderschänder die passende Sühne zukommen zu lassen.

    Jetzt war ihr Part vorbei. Die anderen würden den Rest richten und alle Spuren verwischen.

    Da hörte sie von der Straße ein Reifenquietschen und dann einen und einen weiteren dumpfen Aufprall. Sie lief zum Fenster und sah hinunter. Was sie sah, zog ihr Herz zusammen. Ein Mercedes war in ein parkendes Auto gefahren, hatte aber zuvor noch einen Menschen, der offensichtlich die Straße hatte überqueren wollen, erfasst und auf die Fahrbahn geschleudert. Sie erkannte in dem Bündel Mensch, das in einer großen Blutlache lag, Roland, den Kinderschänder.

    Tiefes Bedauern erfasste sie. Schade, dachte sie, er hatte ein anderes Ende verdient.

    Dusan hatte in seinem Wagen gesessen und die Minuten gezählt, bis Zoller erscheinen würde. Er hoffte immer noch, dass nichts von dem stimmte, was Radka sich ausgedacht und er übernommen hatte, denn es wäre makaber, wenn man sich vor einem Witwenclub in acht nehmen müsste. Das würde alle lebenden Ehemänner angehen, die irgend einen Dreck am Stecken hätten.

    Er hatte mitgespielt, weil es auf der einen Seite spannend und unterhaltsam war, auf der anderen Seite – falls es stimmen sollte – doch der Aufdeckung einer organisierten Kriminalität galt. Insgeheim traute er den Witwen das Verhalten nicht zu, doch sprach vieles dafür, dass sie sich auf eine Art und Weise betätigten, die, bei noch so viel Verständnis für die Schicksale der Frauen, nicht hinnehmbar wäre. Vielleicht würde sich bei genauem Hinschauen alles in blauen Dunst auflösen, wie auch im Zug nach Hamburg es eine einfache Erklärung für die fürchterlichen Pläne der beiden Frauen gegeben hatte.

    Dann hatte er die beiden Frauen aus dem Hause kommen sehen, von denen er glaubte, mindestens eine schon einmal gesehen zu haben. Dieses karottenfarbene Rot war ihm schon einmal untergekommen, das musste bei der Villa in Zehlendorf gewesen sein. Er versuchte, Brigitte anzurufen. Er wusste nicht, was er ihr sagen oder was er fragen sollte, doch würde es ihn beruhigen, zu wissen, sie sei hieran nicht beteiligt. Sie meldete sich nicht. Auch das Handy ließ ihn auf die Mailbox auflaufen. Die Zweifel in Dusans Kopf wurden größer. Es waren allesamt Mörderinnen.

    In diesem Moment sah er, wie Roland aus dem Hause kam, in Affentempo auf sein geparktes Auto zulief. Dann kam der Mercedes, die Reifen quietschten, der Fahrer riss das Lenkrad herum, erwischte Roland trotzdem noch, schleuderte ihn in die Höhe und der Mercedes krachte mit einem fürchterlichen Schlag in die Seite eines gegenüber parkenden Wagens.

    Dusan rief sofort per Handy die Polizei, die den Rettungsdienst verständigte.

    Gehörte vielleicht der Mercedesfahrer zu dem Mordkomplott? Was hatte die Wahrsagerin ihm erzählt? Solche und ähnliche Gedanken kreisten in seinem Kopf. Er sprang aus dem Wagen und lief zuerst zu dem auf dem Pflaster liegenden Roland. Er sah sofort, hier war nichts mehr zu machen. Dann wandte er sich dem Mercedes zu. Die Fahrerin saß immer noch in ihrem Wagen. War das nun eine der Witwen? Es war doch eher ein normaler Unfall, ging es durch Dusan’s Kopf. Nur keine falschen Verdächtigungen.

    Er öffnete die Fahrertür, die Frau saß wie versteinert hinter dem Steuer und hielt das Lenkrad fest. Heulend sagte sie immer wieder: „Ich habe ihn nicht gesehen! Ich habe ihn nicht gesehen!“ Dusan fragte sie, ob ihr irgend etwas geschehen sei. Sie antwortete ihm, sie habe ihn nicht gesehen.

    Da hielt ein Wagen neben seinem an. Radka stieg aus und lief zu Dusan. Zoller kam nach. Da tönten auch schon die Sirenen der Polizei und des Rettungswagens. Sie hielten quietschend vor dem Toten, der einige Meter hinter dem Unfallmercedes lag.

    Dusan zeigte hinter sich auf den Toten und sagte nur: „Roland, das Opfer.“

    Zoller ging zu dem Toten, wies sich den Polizisten aus und sprach kurz mit ihnen, beugte sich über das Unfallopfer und sprach mit der Besatzung des Rettungswagens.

    Einer der Polizisten war zum Mercedes gekommen und hatte die Personalien der Fahrerin aufgenommen. Sie war noch voll im Schock und einer der Rettungsärzte kam zu ihr, nachdem man den Toten in den Rettungswagen verfrachtet hatte.

    Zoller kam zu dieser Gruppe zurück und entsann sich der eigentlichen Aufgabe.

    „Nachdem die Kollegen hier alles im Griff haben, werden wir einmal diese Wahrsagerin aufsuchen. Komm Radka, lassen wir uns einmal die Karten legen!“ Und zu Dusan sagte er: „Wir sehen uns später.“

    Dusan zeigte ihnen noch, welchen Eingang sie zu nehmen hätten, als sie vor der Türe eine blonde Dame sahen. Radka sagte sofort: Das ist doch Frau Köhler!“

    Ellen entfernte sich gerade von der Tür, als sie ihren Namen rufen hörte. Sie drehte sich um und blickte in die Augen von Radka und Zoller.

    Zoller sagte: „Frau Köhler, was machen Sie denn hier?“

    Am liebsten hätte Ellen ihren Schock hinter der Gegenfrage verborgen, was die beiden Kriminalpolizisten denn hier machten. Sie zögerte kurz, bevor sie antwortete: „Oh, ich wollte gerade zu meiner Wahrsagerin. Aber sie ist nicht da.“

    „Ach, das ist auch Ihre Wahrsagerin?“ Radka merkte, dass sie das hätte nicht sagen sollen.

    „Wieso? Wessen Wahrsagerin ist es denn noch?“

    Zoller sah die einzige Möglichkeit im Frontalangriff. „Roland Farner. Kennen Sie den?“

    „Nie gehört.“

    „Na, denn guten Tag“, sagte Zoller, der wusste, das dies ein Schuss in den Ofen war. Was er nicht wusste war, dass Ellen furchtbar das Schlottern bekommen hatte, denn in der großen Einkaufstüte, die sie in der Hand hielt, steckte das blaue Kleid und oben darauf lag die schwarze Perücke, von der einzelne Haare verdächtig im Herbstwind flatterten.

    „Guten Tag“, sagte auch Ellen und ging.

    Zoller sah Radka an: „Komm, wir versuchen unser Glück trotzdem.“

    Als sie an der Türe waren und nach dem Klingelknopf mit Jenny suchten, öffnete sich die Türe und eine baumgroße Frau mit Hakennase kam ihnen entgegen. Geistesgegenwärtig fragte Zoller sie: „Wohnen Sie in diesem Haus?“ Die Dame zog eine Augenbraue nach oben und antwortete mit tiefer Stimme. „Sollte ich? Nein, ich habe nur eine Freundin im dritten Stock besucht.“

    „Oh, entschuldigen Sie bitte!“

    Zoller nutzte die offenstehende Tür um mit Radka einzutreten. Vor der Wohnungstür mit dem Namensschild Jenny blieben sie stehen und klingelten. Als sich nach dem dritten Klingeln immer noch nichts rührte, gaben sie auf.

    „Scheiße, sie muss doch da sein!“, stampfte Radka auf, „Dusan hat ihn doch hier drin gesehen und wo soll er denn sonst gewesen sein?“

    „Ich glaube, man hat uns gefoppt.“

    So unrecht hatte Zoller mit dieser Bemerkung nicht.

    35 – Unter Verdacht

    Am nächsten Tag saß Dusan Tchechow in Zollers Büro. Zoller hatte zwar einen neuen Fall bekommen, doch zu dieser Nacharbeit nahm er sich eine Stunde Zeit. Wanzke und Schneider waren am neuen Fall direkt dran, sie konnten ruhig alleine die ersten notwendigen Schritte unternehmen. Ein Bauunternehmer war offenbar von einem Gerüst gestoßen worden. Es hatte Zeugen gegeben. Nebenbei hatte man sich vorgenommen, die Witwe genau unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht war sie auch ein Mitglied des Zehlendorfer Witwenclubs.

    „Fangen wir bei dem toten Roland Farner an“, begann Zoller. „Er ist eindeutig an den Folgen des Verkehrunfalls verstorben. Keine Drogen, kein Alkohol. Auch die Fahrerin des Wagens ist eine unbescholtene, verheiratete Frau, die vielleicht zu schnell gefahren war, jedenfalls ist der Herr Farner in ihr Auto gelaufen. Sie selbst waren der beste Zeuge“ sagte er mit Blick auf Dusan.

    „Könnte die Wahrsagerin ihn hypnotisiert haben, in ein Auto zu laufen?“, fragte Radka. Sie saß heute, entgegen ihrer Gewohnheit, auf einem festen Stuhl neben ihrem Großonkel.

    „Das entzieht sich aller Kenntnis über die Hypnose. Eigentlich kann man keinen per hypnotischen Befehl dazu bringen, etwas zu tun, was er im normalen Leben nicht auch tun würde. Es sieht eher so aus, dass er höchst aufgeregt war, vielleicht sogar hysterisch, als er in den Wagen lief. Mehr als den Vorwurf, den eh schon aufgelösten Mann noch mehr in Rage gebracht zu haben, könnte man dieser Wahrsagerin nicht anlasten. Bösartig, aber lange kein Tatbestand. Übrigens, die Tochter des Verunglückten, die Susi, ist wohlbehalten zurück. Sie war nie entführt worden, so sieht es jedenfalls aus.“

    „Wie kann denn das sein?“, fragte Dusan. „Es war doch klar, dass eine Entführung vorgelegen hatte, oder nicht?“

    „Ja, nach erster Aussage der Mutter und der Großeltern sicherlich. Die Tochter war ja auch verschwunden. Nur schien ein Kommunikationsfehler an der Vermisstenmeldung Schuld gewesen zu sein. Die Kleine war bei ihrer Tante. Die hatte man nicht erreichen können, weil sie, wie ihre Nachbarn ausgesagt hatten, verreist war. Das stimmte. Dazu hatte sie die kleine am Spielplatz abgeholt und hatte sie einen Tag in Obhut. Sie waren den Tag über in einem privaten Tierpark in der Schorfheide. Die Großeltern hatten es nur vergessen. Schlicht vergessen. Alle Aufregung umsonst. Kind wieder da, Mutter glücklich, Vater tot.“

    „Wenn das mal nicht gewollt war!“ Radka ließ nicht locker.

    „Aber es gibt keine Beweise!“

    „Dann waren die Großeltern eingeweiht.“

    „Mag sein, spielt aber keine Rolle.“

    „Und welche Rolle hatte Frau Köhler, der wir an der Tür der Wahrsagerin begegnet sind, gespielt? Die Wahrsagerin?“

    „Mag sein, spielt auch keine Rolle. Erstens, können wir es nicht beweisen und zweitens wäre das nicht strafbar!“

    „Wer ist denn der Mieter der Wohnung, wo die Wahrsagerin lebt?“

    „Erstens wohnt sie nicht mehr da, zweitens, na ja, die Wohnung wurde von einer Hanne Walser vermietet, sicherlich, eine der Damen der Villa. Aber auch Vermietung ist nicht strafbar. Sie hat angegeben, an eine Dame mit russischem Pass vermietet zu haben, für einen Monat, die Miete wurde im Voraus bezahlt, bar. Für die polizeiliche Anmeldung ist die Vermieterin nicht zuständig, so dass wir von der Dame nichts weiter erfahren konnten. Die Wahrsagerin ist eine Chimäre.“

    „Gesehen hat sie allerdings die Wirtin des Gypsy“, sagte Dusan, „und gesprochen hat sie auch mit ihr.“

    „Vielleicht erfahren wir es nie, wer dahinter steckt.“

    „Aber alleine, dass es eine so seltsame Dame gab, alleine das Rätsel mit dem Verschwinden und Wiederauftauchen des Kindes, der sogenannten Entführung ist doch schon Beleg genug, dass es nicht mit rechten Dinge  zugeht!“, zürnte Radka.

    „Wir können nichts beweisen.“ Dusan nickte beifällig zu Zollers Aussage.

    Radka schäumte innerlich vor Wut, dass sie die Berechtigung ihres Verdachtes nicht hatte bestätigen können, trotz all der offensichtlichen Ungereimtheiten, beginnend mit dem mysteriösen Fall des Harry Köhler, dessen Frau diesem Witwenclub angehörte und welche auch im Fall Ferner eine Rolle gespielt haben musste. Diese verdammten Witwen! Schade, dass sie noch viel Zeit benötigen würde, um hinter die Fassaden zu schauen. Und nicht nur viel Zeit, auch einen Ehemann und der müsste tot sein. Aber daran dachte Radka in diesem Moment nicht. Sie fand nur ungerecht, dass all ihre Bemühungen und die ihres Großonkels für die Katz gewesen sein sollten. Wer hatte denn nun den Herrn Köhler auf dem Gewissen, der fünf Tage lang in dem Verlies eingesperrt war und sich dann selbst mit Hilfe einer Handgranate zu befreien suchte? Wer war wirklich Schuld am Tode des mutmaßlichen Kinderschänders Ferner? Es musste darauf eine Antwort geben. Und für Radka lag diese Antwort eindeutig in der Villa des Clubs der Zehlendorfer Witwen begraben. Auch wenn Zoller alle Zweifel beiseite geworfen hatte, sie wollte sie behalten. Sie war eine Frau. Sie hatte ihre eigene Intuition. Sollten sie doch alle zum Teufel gehen, sie wusste, wer hinter dem Ganzen stand, sie wusste, wie sich die Welt bewegte. Und in Anlehnung an die Aussage eines großen Weltgelehrten, brach es aus ihr heraus.

    „Und sie waren es doch!“

    36 – Finale

    Der Flieger würde pünktlich in Boston landen. Ellen war müde von der Reise, aber ihr Geist war ausgeschlafen, von einer Wachheit beseelt, die sich einstellt, wenn man neue Ziele vor Augen hat, wenn frische Hoffnung auf ein neues Leben aufkommt, wie eine Brise nach langer Flaute, wenn eine neue Ära beginnt. Und der Neubeginn war eingeläutet. Sie setzte sich auf, um besser aus dem kleinen Fenster sehen zu können. Die Durchsage hatte gelautet, dass man über Neufundland sei und die Sicht war hervorragend. Was sie sah, waren nichts als tiefgrüne Tannenwälder, manchmal unterbrochen von geraden Linien, wo der Mensch die Straßen wie Peitschenhiebe in die Landschaft geschlagen hatte. Dann, über Neu Braunschweig glühten ihr riesige gelbrote Flächen entgegen, dort, wo der Laubwald seinen Indian Summer zelebrierte. Nur noch kurze Zeit und Ellen würde ihren Sohn in die Arme schließen.

    Die letzten Tage in Berlin waren nicht ganz nach ihrem Geschmack verlaufen. Zuerst war die Polizei noch einmal bei ihr aufgetaucht. Sie wollten wissen, woher sie  diese mysteriöse Wahrsagerin namens Jenny kannte. Ellen war kein bisschen erschrocken, im Gegenteil beobachtete sie mit Genugtuung, wie dieser Zoller mit der kleinen, schwarzgekleideten Radka ihre Antworten abgewogen hatten und sich schwer taten, sie mit der Vermutung, die sie hegten, unter ein Dach zu bringen. Sie hatte gesagt, eine der Damen aus dem Club hätte verlauten lassen, dass sie ihre Wohnung kurzfristig an eine interessante Person aus der Ukraine vermieten wolle. Diese Frau übe die Tätigkeit einer Wahrsagerin aus und da sie einen sehr guten Eindruck auf sie, die Vermieterin, hinterlassen hätte, hätte diese sich darauf eingelassen. Sie hätte selbst eine Sitzung bei ihr durchgeführt und habe diese sehr genossen. Daraufhin haben sich einige der Damen aus dem Club bereit gefunden, auch einmal diese Wahrsagerin aufzusuchen. Das Kartenlesen sei nun mal eine Domäne der Frauen, besonders der älteren.

    Dann waren sie leider noch einmal auf das Thema Roland Ferner gekommen. Es hatte ihr ein Schnitt in die Magengegend versetzt. Besonders eine Frage setzte ihr zu, als nämlich dieser Hauptkommissar Zoller eine Visitenkarte zückte und ihr vorhielt. Sie erinnerte sich, wie sie diese Karten, zehn an der Zahl, hatte in einem Automaten am Bahnhof Zoo drucken lassen. Es war ganz einfach gegangen. Bei der Frage, wie sie sich erkläre, dass ihre Fingerabdrücke auf der Karte festgestellt wurden, wurde ihr etwas mulmig. Daran hatten sie nicht gedacht. Das war ein grober Schnitzer in den Vorbereitungen gewesen. Nur jetzt kein Fehler! Nur jetzt keine verfängliche Antwort und achte auf deine Mimik! Blitzschnell überlegte sie sich mögliche Antworten und sagte dann: „Das kann ich mir nur so vorstellen, dass ich bei Jenny eine Karte für meine Freundin Erika mitnehmen wollte, plötzlich zwei Karten gegriffen hatte und eine wieder zurücklegte.“ Dabei trug sie das unschuldigste Gesicht, was sie derzeit in der Lage war, aufzusetzen. Die beiden Polizisten hatten sich einen Blick zugeworfen und sie hatte an sich halten müssen, um nicht zu lachen. Nichts, aber auch gar nichts konnte sie mehr finden, was sie in Zusammenhang mit diesem Kinderschänder bringen könnte.

    Einen Versuch hatte man noch gestartet. „Wir haben gehört, dass sie in ihrem Damenclub über diesen Roland Farner gesprochen haben, über den Verdacht, er habe Mädchen geschändet. Können Sie das bestätigen?“

    „Es ist richtig“, hatte sie geantwortet, „dass wir über den einen oder anderen Fall von Kinderschändung gesprochen haben, vielleicht war auch der des Herrn Farner darunter. Aber an den Namen kann ich mich nicht erinnern.“

    Als die beiden Polizisten endlich gegangen waren, hatte sie die beiden vor ihrer Haustüre noch belauschen können. „Können wir nicht eine Gegenüberstellung mit der Wirtin veranlassen?“, hatte die Kleine in Schwarz gefragt. Die Antwort von Zoller war gewesen: „Das steht doch in keinem Verhältnis zum Geschehen! Es war nur ein Unfall.“

    „Und was ist mit den Bemerkung dieser Brigitte zu meinem Großonkel? Darauf muss man doch bauen können, oder?“

    „Wie du schon richtig sagtest, nur Bemerkungen, die auch dein Großonkel möglicherweise falsch verstanden oder falsch ausgelegt haben kann.“

    „Verdammt, diese Weiber halten zusammen!“ hatte Ellen die kleine Radka noch sagen hören, bevor sie in den Wagen gestiegen waren.

    Auch das war überstanden.

    Hatte Brigitte Stahn also doch gequatscht? Zu ihrem Tschechen. Und der hatte Verbindung zur Polizei gehabt. Teufel, hatten sie ein Glück, dass nicht mehr herausgekommen war. Ellen wusste nicht, ob es irgendwelche Unterlagen über die Mordfälle des Witwenclubs in der Villa gab. Dazu war sie zu kurz dabei. Es ärgerte sie immer noch, dass sie im ersten Fall, der ihr aufgetragen worden war, versagt hatte. Sie hatte zwar alles richtig gemacht, aber nicht bedacht, dass dieser Roland hysterisch auf die Straße rennen und sich überfahren lassen könnte. Aber sie hatte sich damals schon entschlossen, nach dem Fall sofort einen Urlaub zu machen und ihren Sohn zu besuchen. Sie hatte ihm einiges zu erzählen. Die Geschichte mit Harry, mit den Witwen und die mit dem Kinderschänder Roland und dessen ungewolltem Ende. Immerhin Ende. Allerdings nicht das ihm bestimmte. Irgendwie wurmte es sie noch immer.

    Erika und sie hatten sich noch einige Male getroffen, nur schien Ellen, dass Erika etwas einsilbiger geworden war, seitdem das mit Roland nicht so wie geplant geklappt hatte. Jedenfalls hatte sich ein Schatten zwischen sie geschoben und alles Fragen und Reden half nicht. Aber es kam noch schlimmer.

    Letzten Mittwoch war Ellen wieder in der Villa Sagitta gewesen, um sich für die Dauer ihres sechsmonatigen Urlaubs zu verabschieden. Die Atmosphäre hatte sich geändert. Man lachte zwar noch, erzählte sich dieses und jenes, aber sie spürte nicht mehr diese Herzlichkeit und Verbindlichkeit, die man ihr anfangs entgegengebracht hatte. Es wurde kein Wort über den Fall Roland Farner gesprochen. Jeder Ansatz wurde sofort von einem deutlichen Themenwechsel abgeschnitten, wer auch immer den Anfang machte. Das Lächeln von Hedwig erschien Ellen maskenhaft, auch die flinke Josy war lieb wie immer, doch flatterte sie immer gleich wieder weg. Ellen kam sich vor, wie ausgestoßen. Hatte sie sich so falsch verhalten? Lastete man ihr an, dass sich die Polizei eingeschaltet hatte? Dass dieser Zoller mit seiner Kleinen plötzlich in Friedenau aufgetaucht waren? Verdammt, was hatte sie denn falsch gemacht? Sie wurde an dem Nachmittag immer ratloser.

    Es gibt im Leben Situationen, da wird man mit der Nase darauf gestoßen, wo der eigene Fehler liegt. Man könnte ihn einfach erkennen. Dort lag er ganz offen. Nur reicht es manches Mal nicht aus, den Fehler zu sehen, wenn man ihn nicht erkennen will – oder kann. So wie es Hausblindheit gibt, die verhindert, dass man einfache Missstände in den eigenen vier Wänden nicht sieht, auf deren Wunde man woanders sofort den Finger legen würde, so gibt es Erkenntnisblindheit. Vor lauter Wald die Bäume nicht sehen, wäre ein Beispiel deutscher Redensarten. Ellen musste mit Nachdruck und Macht wachgerüttelt werden.

    Es begann ganz harmlos. Der Nachmittag in der Villa Sagitta neigte sich seinem Ende zu, man wünschte Ellen einen wunderbaren Urlaub. An dieser Stelle war Ellen fast wieder versöhnt mit der ihr unwirklich vorkommenden Situation. Sie hatte die seltsamen Blicke vergessen, die lächelnden Masken um sie herum wurden zu ehrlichem Lächeln und die Wünsche für sie klangen überzeugend.

    Als sie sich selbst von Josy verabschieden wollte, war diese flugs entschwunden. Gut, dachte Ellen, ich sehe sie noch an der Tür. Dann war sie zu Hedwig gegangen. Die blauen Augen über der Hakennase schauten von weit oben auf sie herab. Ellen bemerkte ein Blitzen darin. Dann sagte Hedwig: „Ellen, du bleibst bitte noch als Letzte.“ Ein Widerspruch war nicht möglich. Ellen erschauerte. Was sollte das jetzt geben? Eine besondere Verabschiedung vielleicht. Vielleicht wollte man sich bei ihr entschuldigen für das seltsame Verhalten, was ihr den ganzen Nachmittag entgegengebracht wurde? Plötzlich war Ellen sehr verunsichert. Die letzten der Witwen waren gegangen, nur Josy und Hedwig waren noch da. Sie setzten sich auf ihre angestammten Plätze am großen Tisch und baten Ellen, sich ihnen gegenüber zu setzten. Irgendwie kam Ellen die Situation lächerlich vor. Die baumhohe Hedwig, das Kinn vorgestreckt, die blauen Augen wie zwei Scheinwerfer auf sie gereichtet, daneben die hutzlige Josy mit dem witzigen Karottenkopf und den Knopfaugen.

    Widerstrebend setzte sie sich auf den Stuhl und blickte verwirrt in vier fast abweisend erscheinende Augen. Was sollte das werden? Eine Befragung? Eine Erklärung? Was zum Teufel ging hier vor?

    „Liebe Ellen“, begann Hedwig, „wir sind uns nicht sicher, wie du unsere Arbeit hier im Club einschätzt.“

    Es lag doch an ihrem Auftrag, dachte Ellen, den sie versaut hatte. Sie hatte einen Fehler gemacht und sollte nun gerade stehen dafür. Mein Gott, so schlimm war es ja nun auch nicht. Er war eben anders umgekommen, als sie es geplant hatten. Aber tot war tot. Das war doch das Ziel gewesen. Warum jetzt so ein Bohai? Sie schaute auf die Damen und hätte fast losgelacht, da saßen sie wie Pat und Pattachon und spielten die großen Richterinnen! Es war eine Farce. In was war sie hier hereingeraten?

    „Wir wissen“, fuhr Hedwig fort, „dass du erst sehr frisch bei uns bist und vielleicht nicht alle Regeln verstanden hast.“

    Mein Gott, wie lächerlich, dieses Drumrumgerede. Kommt doch endlich zu Potte und sagt mir, was ihr so beschissen fandet an meiner Arbeit!

    „Wir Witwen haben uns zusammengefunden, weil wir gemeinsam stärker sind, weil wir gemeinsam uns über die Klippen des Alleinseins helfen und anderen unsere Erfahrungen mitteilen wollen.“

    Ja, ich weiß, deshalb bin ich ja auch zu euch gekommen! Ihr habt nun mal die Erfahrungen vieler Witwen gesammelt, ich bin auch eine, habt ihr das vergessen?

    „Wir sind ein ehrbarer Club.“ Ellen hörte die Stimme von Hedwig wie von ferne.

    Durchaus! Ehrbar und ehrenwert, achtbar und seriös. Deshalb habt ihr auch so eine Latte toter Ehemänner vorzuweisen!

    Ellen mochte dem Geschwafel von Hedwig gar nicht mehr zuhören. Sie würde diese Gralshüterin reden lassen, bis sie endlich wusste, was man von ihr wollte.

    Ihr habt doch nur Schiß bekommen, weil die Polizei plötzlich aufgetaucht ist. Eure Ruhe gestört hat. Und ich soll den schwarzen Peter bekommen. Da habt ihr euch geschnitten. Eure Brigitte war es, ihr Dummköpfe!

    Sie ließ den Leuchtturm reden und reden, bis sie von einem Halbsatz hellwach wurde.

    Hedwig sagte gerade: „ . . . niemals zu Mörderinnen werden!“

    Wie? Was? Wollt ihr abstreiten . . .

    „Ellen, wach auf! Du hast ein falsches Bild von uns bekommen. Du glaubst, wir sind ein Club von schwarzen Racheengeln, die es ihren Männern heimzahlen wollen. In einer Hinsicht liegst du da schon richtig, wir verurteilen die schlimmen Taten unserer Männer wie vor einem Femegericht. Nur die Morde, die wir uns ausdenken, führen wir doch nicht wirklich aus!“

    Das konnte nicht sein, Ellen musste sich verhört haben.

    Was treibt ihr für ein Spiel mit mir, erst verurteilt ihr meinen Mann, bringt ihn um und dann wollt ihr es nicht gewesen sein! Erst stiftet ihr mich an, mir den Mord an Roland auszudenken, dann habt ihr nichts damit zu tun?

    In Wirklichkeit saß Ellen fassungslos vor den beiden Frauen und traute sich nicht zu rühren.

    Hedwig erklärte deutlich, dass alle die Morde, von denen sie gesprochen hatten, nur in ihrer Fantasie bestünden haben. Ja sicher, einige der Männer seien eines gewaltsamen Todes gestorben, aber nicht durch die Hand der Witwen selbst, sondern durch die bösartiger Kontrahenten und neidischen Widersacher in der Firma, aus dem sozialen oder unsozialen Umfeld dieser Männer. Sicherlich spielten die Witwen Fälle durch, planten furchtbare Morde, aber doch nicht um sie zu begehen, sondern um sich an ihnen zu ergötzen, an der Vorstellung daran, wie diese abartigen oder einfach nur aggressiven Männer umkamen. Sie hätten eine Sammlung aller ihrer Fälle angelegt, die sie erfunden oder nachempfunden hatten. Niemals kämen sie auf die Idee, selbst Hand anzulegen an einen Mann, was für ein schlimmer Finger er auch gewesen sein möge. Es verbiete sich eben, vertrüge sich nicht mit Moral und Ethik und Gesetz. Wie kam Ellen nur auf die Idee, dass sie wirkliche Morde verübten. Sie musste alles von Grund auf falsch verstanden haben. Aber dass sie denken könne, sie würden wirklich – nein, das müsse wohl eher an ihr, Ellen, liegen, sie müsse sich einmal fragen, ob sie einen ehrenwerten Realitätsbezug hätte, mit Verlaub, oder ob sie sich nicht krank sei.

    Der Schock war komplett.

    Damit hatte Ellen nicht gerechnet, damit konnte sie nicht gerechnet haben!

    Sie war bestürzt, über das, was sie vernommen hatte und fühlte sich gleichzeitig betrogen. Betrogen um ihren Glauben an diese Frauen, betrogen

    Nein, es konnte nicht sein!

    Und wer hat meinen Harry umgebracht? Das wart doch auch ihr! Ihr müsst es gewesen sein!

    Ihre einzige Erklärung war, dass Pat und Pattachon sie nicht mochten, aus welchen Gründen auch immer sie ablehnten, sie nicht mehr in ihrem Club haben wollten und das ganze, lächerliche Gerichtsverfahren nur aus Selbstschutz inszeniert hatten, damit man ihnen nicht auf die Schliche käme!

    Sie würde es diesen teuflischen Weibern schon zeigen. Sie bräuchte nur etwas Zeit und würde sich einen Plan ausdenken, der sich gewaschen hatte. Vielleicht würde es ja ausreichen, sie bei der Polizei anzuzeigen. Aber sie wusste ja selbst, wie geschickt, ja verschlagen diese Frauen sein konnten. Die Polizei würde nichts finden. Sie musste sich einen anderen Weg ausdenken. Sie würde ein halbes Jahr Zeit haben, sich darüber Gedanken zu machen. Niemand dürfte sie mehr so abfällig behandeln. Sie hatte gelernt. Nicht zuletzt durch die Hilfe der Witwen, die sie jetzt so schändlich behandelten.

    Sie war wortlos gegangen.

    Als Ellen jetzt hier im Flieger noch einmal diesen Schock nacherlebte, war sie schweißgebadet und hatte ein hochrotes Gesicht. Das würde sie ihrem Sohn nicht erzählen. Vorerst nicht.

    Harald, ihr Sohn, hatte sie vom Flughafen abgeholt und sie geherzt und geküsst, eine leibliche Nähe, die sie lange nicht mehr hatte spüren dürfen. Dann hatte er sie zum Abendessen ausgeführt. Sie hatte sich in einem Hotel der gehobenen Klasse einquartiert, nein, das teuerste durfte es nicht sein, doch wollte sie ab jetzt einem gewissen Luxus nicht entsagen. Ihr Schweizer Konto war prall gefüllt, daran hatten auch die Spenden und die Schenkung an Susanne, der letzten Verwandten, nichts geändert. Sie benötigte auch noch einen schönen Batzen für ein Hilfswerk, welches sie ins Leben rufen wollte und auch für andere Pläne wollte sie Geld bereit halten. Ihr Mann Harry schien einige unsaubere Geschäfte, möglicherweise illegale Waffengeschäfte durchgeführt zu haben, denn rein von seinem guten Gehalt war die Summe nicht zu erklären, die ihr nun zur Verfügung stand.

    Sie ließ es zu, dass ihr Sohn sie zum Essen einlud, sie würde genug Gelegenheit haben, es ihm anderweitig wieder zukommen zu lassen.

    Nach dem Abendessen führte er sie in eine Musikbar, in der er sehr bekannt und offenbar auch beliebt war. Sie freute sich, dass es ihm gut ging und er viele Freunde besaß. Diesen ersten Abend genoss sie, wie selten etwas, sie ließ sich mittreiben von der herrlichen Stimmung und dem warmen Gefühl, endlich bei ihrem Sohn zu sein.

    Harald hatte so gar nichts von seinem Vater. Er war musisch ausgerichtet und von tiefer Einfühlsamkeit. Das, was sie bei Harry, ihrem Mann, vermisst hatte, nämlich wirkliche Freunde, mit denen man sich traf, sich besprach, mit denen man lachen und weinen konnte, die Harry nie besessen hatte, das schien bei ihrem Sohn anders. Sein Lachen war offen und ehrlich, er sprach sofort über Dinge, die er nicht ganz verstanden hatte, um nur kein Missverständnis und daraus erfolgendes Missverhältnis aufkommen zu lassen. Leider wurde ihr Sohn hier Harry gerufen. Harald schien den Amerikanern zu umständlich, das Kürzel war auch griffiger. Ellen wurde dadurch immer nur an ihren Mann Harry erinnert. Dabei war Ihr Sohn so ganz anders.

    Sie verbrachten herrliche Wochen in und um Boston, er zeigte ihr seine Universität, ließ sie teilhaben an den unbeschwerten Parties seiner Kommilitonen, sie gingen Schwimmen, Joggen, Golfen, alles indoor, da der Winter Eizug gehalten hatte und der war im Norden der USA nicht zu verachten. Ellen hatte sich inzwischen eine Wohnung genommen, eine in der besten Gegend und hatte auch ihrem Sohn eine gekauft. Selten sah sie ihn mit einer Frau und in der ersten Zeit fragte sie ihn nicht danach. Eigentlich war er ein Frauentyp, sie sah es, wie die Blicke der jungen Frauen auf ihm haften blieben. Doch die Bedenken, er könne schwul sein, hatten sich verflüchtigt, als sie erfahren hatte, dass er doch mehr Kontakte zur Weiblichkeit hatte, als er ihr gegenüber zeigte oder zugab.

    Sie liebt ihren Harald und konnte sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Langsam hatte auch sie sich eingewöhnt und die Treffen mit ihrem Sohn nahmen ab, erreichten ein natürliches Maß. Sie hatte wie nebenbei die Sprache ihres Gastlandes angenommen und konnte sich gut verständigen. Sie hatte ein Einbürgerungsverfahren angestrengt, was in aller Regel dadurch, dass sie vermögend war, auf keine großen Widerstände treffen dürfte.

    Lange hatte sie nicht mehr zurückgedacht an Deutschland, an Berlin und ihr Mann war ihr ganz aus der Erinnerung herausgefallen wie bei einem Kartenspiel, wenn eine Karte zu Boden gefallen ist und einfach im Betrachter des Blattes keine Rolle mehr spielt.

    Als es nun März wurde, der Frühling die Stadt aufwertete, es heller und wärmer wurde, fühlte sie sich schon ganz zu Hause in Boston. Sie würde nur noch einmal nach Berlin fliegen müssen, nämlich um ihr Haus zu verkaufen. Die Welt um sie war neu geordnet, nur sie selbst suchte noch ein Betätigungsfeld und hatte auch schon einige Schritte unternommen. Bevor sie sich ganz ihrer neuen Tätigkeit widmen würde, müsste sie, für ihr Wohlbefinden, mit der alten Welt abgeschlossen haben. Dann endlich wäre sie wirklich frei und wollte sich mit aller Kraft dem Neuen, welches auf sie zukam, stellen.

    Da geschah es, dass sie mit ihrem Sohn einen Abend in seiner Wohnung verbracht hatte und mit ihm über Gott und die Welt, über Liebe, Ehe, Frauen und was die Welt ansonsten noch ausmachte, redete, als plötzlich ihr neues, schönes Weltempfinden einen empfindlichen Schlag bekam.

    Harald, ihr Sohn, richtete gerade einige Drinks am Sideboard. Eine seiner sympathischen Eigenheiten war es, wie er in manchen Situationen den Kopf schräg hielt und sein Gegenüber liebenswert anlächelte. Besonders, wenn er eine treffende Bemerkung gemacht hatte und sich vergewissern wollte, ob sie angekommen wäre.

    Wie auch immer, sie waren auf das Thema Freundin gekommen und er hatte gesagt, mit seinen knapp dreiundzwanzig Jahren wolle er sich noch nicht festlegen, lieber einmal hier und dort ausprobieren, schnuppern, testen, prüfen und experimentieren, dazu sei die Jugend ja da. Gut, wenn er meinte, dann könne er es ja auch machen, solange die Frauen mitspielten, meinte Ellen. Darüber mache er sich keine Sorgen, bisher hatte er immer Glück gehabt, und die Beziehungen waren nie von der Dauer gewesen, dass man von ernsthafter Bindung sprechen könnte. Er habe noch Zeit.  Ob denn nicht die eine oder andere darunter gewesen sei, die das Gewisse hätten, was ihn zu einer längeren Bindung bewegen könnte?

    Da hatte er aufgesehen und gesagt: „Ach weißt du, es gibt so viele Frauen an der Universität, alle wollen Karriere machen, sich als Frau bestätigen. Das ist nicht meine Welt. Ich will die Karriere machen, sei es als Musiker oder Professor der Geschichte oder der Philosophie, keine Karriere wie Vater! Gott behüte! Ich bin kein Geschäftsmann. Aber ich liebe die Welt und will sie genießen. Diese emanzipierten Frauen gehen mir ein wenig auf den Geist.“

    Da hatte sie ihn angeschaut.

    „Na ehrlich, eine Frau gehört ins Bett und hinter den Herd!“

    Und dabei hatte er mit schrägen Kopf gelächelt.

    Da war es wieder! Würde es denn nie enden?

    Er sprach in seiner lockeren Art weiter, als ob nichts gewesen wäre. Er redete und redete und Ellen hörte nicht mehr zu.

    Hab ich das alles auf mich genommen, um mir wieder dies anzuhören? Nimmt es denn kein Ende? Muss ich weiter und weiter machen?

    Was glaubst denn du, was ich durchgemacht habe, um das nicht zu hören? Glaubst du denn es fiele einem leicht, seinen eigenen Ehemann zu töten, mit dem man ein Kind gezeugt hat, mit dem man jahrelang zusammengelebt hat, seine Strümpfe und Socken gewaschen, seine Hemden gebügelt, ihm das tägliche frühstück gemacht hat?

    Was weißt du davon, was es bedeutet, wenn man herausfindet, dass der eigene Mann einen betrügt. Was glaubst du, geht in einer Frau vor sich, die erfährt, dass ihr Ehemann Waffen herstellt, dass er Personenminen herstellt, wodurch jährlich zwanzigtausend Menschen verletzt werden oder ums Leben kommen, wobei der Tod hier manchmal die bessere Lösung scheint, als mit zerfetztem Gesicht oder ohne Arme und Beine weiterleben zu müssen. Was glaubst du, was es für Überwindung kostet, den eigenen Mann mit Handschellen in ein Verlies zu ketten und zu wissen, dass er verdursten wird, wenn er sich nicht freiwillig die Hand zerfleischt?

    Allein die Anstrengung, seinen scheiß schweren Körper in den Keller zu schleppen, die Angst im Nacken, dass man mich beobachten könnte. Die ganze Zeit die Angst, dass irgendwie die Wahrheit ans Licht käme, durch einen blöden Zufall. Dass sie im Wagen etwas finden könnten, was auf mich hindeutet, dass sie darauf kämen, dass ich den Vormittag nicht beim Einkauf und im Hause zugebracht hätte. Immer diese scheiß Angst!! Und wofür? Wofür frage ich dich? Wofür? Muss es immer wieder passieren? Nimmt es kein Ende?

    Harald hatte es für einen Schwächeanfall gehalten, dass seine Mutter plötzlich zu schlaff, so zerschossen in ihrem Sessel gehangen hatte. Er hatte sie nach Hause gebracht und versorgt und war dann gegangen, als sie im Bett eingeschlafen war.

    Dann hatte er lange nichts von ihr gehört.

    Sie war verschwunden.

    37 – Epilog

    Kidane Kiptou war jetzt fast zwölf Jahre alt. Er trug ein Holzbein und sein rechter Arm war steif und stand im Winkel von ihm ab. Er stand in einem Zelt, unweit des Minenfeldes. Auf dem Zelt standen drei Buchstaben. Sie standen für Hilfe den Minenopfern. Sie waren hierher nach Angola geflogen worden, wo es neue Opfer zu beklagen galt. Der Krieg war vorbei, die Soldaten waren fort, aber die Minen hatten sie dagelassen. Keiner wusste wo und keiner wusste, wie groß die verminte Fläche wäre. Die Explosionen zeigten die Ränder an. Es war später Nachmittag und Kidane hielt seine Linke schützend über sein eines, noch funktionstüchtiges Auge und schaute über den Busch. Heute war glücklicherweise nichts passiert. Ein Tag ohne Opfer. Er freute sich, dachte aber, der Tag ist noch nicht zuende.

    Er hatte eine wichtige Aufgabe. Er leitete die Station. Mit einer Hand konnte er schreiben, auch wenn es nur die Linke war, die Rechte konnte nur das Papier fixieren, auf dem er schrieb. Er sagte, wann neues Wasser, wann neue Medikamente angefordert werden müssten, er hatte alles bestens im Griff.

    Seitdem er dabei war, hatte er täglich etwas zu essen und die Kinder warfen nicht mit Steinen nach im, denn er gehörte jetzt einer Organisation an. Er war ein kleiner Chef. Dann gab es noch die Big Mama und die große Chefin. Die Big Mama war eine von ihnen, mit ihrer Hautfarbe. Sie war Krankenschwester und hatte irgend so eine besondere Ausbildung in Prothetik. Er hatte dieses Wort auswendig gelernt, weil es so professionell klang. Er benutzte das Wort, wenn ihm einer blöd kam. Dann fragte er, ob der andere denn wüsste was Prothetik sei. Keiner wusste es. Er wusste auch, was es bedeutete, nämlich konnte Big Mama Prothesen herstellen, jedenfalls konnte sie dafür sorgen, dass sie hergestellt wurden, sie wusste, wie man alles vermessen musste, die Stümpfe und so. Dann gab sie den Auftrag an eine Schreinerei weiter.

    Er mochte Big Mama und er mochte die große Chefin. Sie kam extra aus den USA angereist, um hier zu helfen. Die drei Buchstaben auf dem Zelt gehörten ihr. Sie war die Hilfsorganisation.

    Er lebte jetzt dort, wo die Zelte standen. Mal hier, mal da. Er war schon gut herumgekommen, viele tausend Meilen gefahren und geflogen. Wer hatte das in seinem Alter schon? Zwar nur mit kleinen Flugzeugen, aber Fliegen ist Fliegen. Und darum beneideten ihn die anderen. Sie beneideten ihn auch, weil er täglich etwas zu essen hatte.

    Die Zeit, die er zur Verfügung hatte, verbrachte Kidane mit dem Lernen von Englisch und Spanisch. Er konnte sonst nicht viel tun, Fußballspielen ging nicht, und auf Bäume klettern auch nicht, nicht einmal Versteck spielen ging, weil er zu langsam und unbeholfen war. Er hatte gehört, Englisch und Spanisch seien weit verbreitet auf der Welt, allerdings auch Russisch und Chinesisch. Doch damit wollte er sich Zeit lassen. Er wollte Gelehrter werden, das konnte man im Sitzen. Oder Schriftsteller. Er hatte schon einmal versucht, auf der Tastatur eines Computers, eines Laptops, wie ihn die große Chefin immer mithatte, ein paar Zeilen zu schreiben. Doch da hatte er gesehen, wie es andere, mit zwei Händen, wesentlich schneller schafften und er war traurig geworden.

    Heute Abend sollte die große Chefin kommen. Big Mama bereitete schon alles vor. Das Feldbett und das Essen.

    Er hatte beim letzten Mal lange mit der großen Chefin gesprochen. Dann waren sie darauf gekommen, dass er keinen Vater mehr hätte. Sie hatte gesagt, den hätte sie auch nicht mehr. Er hatte sie gefragt, ob sie denn keinen Mann hätte, der sich um sie kümmerte, damit sie nicht die schwere Arbeit im Busch machen müsste. Sie hatte ihn angesehen und gesagt, nein, sie hätte keinen Mann mehr, sie sei Witwe. Ob sie nicht mehr heiraten wolle? Sie hatte ihn angesehen und gesagt: „Nein.“ Denn mit vielen anderen Witwen, die sich in Florida in einem Club zusammengetan hätten, würden sie dieses Projekt und andere Hilfsprojekte finanzieren. Er hatte sie traurig angesehen. Dann hatte sie ihn angelächelt und gesagt,  wenn er, Kidane, groß wäre, würde sie ihn zu Mann nehmen. Bestimmt.

    Darauf hin hatte er begonnen ihr, etwas zu schnitzen. Das war sehr schwierig mit nur der linken Hand und er musste das Holz mit den Knien und seiner abgestorbenen Rechten halten. Es sollte das Zeichen für die Verlobung sein, wie es in seinem Stamme üblich war. Der Mann schnitzt einen Speer, der das Zeichen für Schutz und Jagdglück war. Jagdglück in zweifacher Hinsicht. Glück bei der Beschaffung von Nahrung und Glück, die Frau erobert zu haben. Der Speer war fertig. Auf seinem Schaft stand das Wort für Jagdglück.

    Heute Abend würde er es ihr überreichen. Noch trug er es bei sich, an einer Schnur um den Hals.

    Da sah er die Ziege. Sie hatte sich losgemacht und lief in die verbotene Richtung. Er lief ihr hinterher, um sie zu retten.

    Als Big Mama kam, um ihm zu sagen, das Flugzeug käme in einer viertel Stunde mit der großen Chefin, hörte sie den Knall.

    Eine halbe Stunde später fragte die Große Chefin Big Mama nach Kidane. Big Mama zeigte auf ein Bündel, verpackt in weißes Tuch mit roten Blutflecken. Oben drauf lag ein von Kinderhand geschnitzter, leicht angeknickter Speer.

    Ellen nahm den Speer in die Hand las, Buchstaben für Buchstaben das Wort:  KAMBARELE

    -Ende-

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  • egot24 15:27 am 10. December 2010 Permalink | Antworten
    Tags: , , , , Zyankali   

    Berlin Zyankali 

    Berlin, Zyankali   – Kriminalroman (C) Toge Schenck

    Kurzversion:
    Ein Detektivroman im Berlin der heutigen Zeit.
    Es geschieht ein Mord, der keiner sein sollte, an einem von zwei Münchner Freunden, die mitten im Neubeginn in der neuen Stadt stehen. Wer ist mit der Aufklärung des Mordes beschäftigt? Wie ist die Stadt, wie die näheren Umstände beschaffen? Auf der Suche nach Antworten wird man selbstverständlich einem Team von Kriminalpolizisten begegnen dazu einer Polizei- und Gerichtsjournalistin, die eigene Wege geht und individuelle, ungewöhnliche Quellen nutzt. Ein zweiter Mord mit denselben Mitteln wirft die berechtigte Frage auf, wer will zwei Mediziner und aus welchem Grunde aus der Welt schaffen und: Haben die Morde miteinander zu tun?

    Anfang

    Kapitel 1

    Das Geraune nahm zu. Die Gruppe Polizisten geriet in Bewegung und steuerte auf ein Ziel zu. Das Stimmengewirr wurde lauter, man hörte einzelne Rufe, es entstand ein allgemeines Gejohle und Getöse, aus dem Verbund hoben sich einzelne Arme und bald hörte man den einstimmigen, skandierten Ruf: „Zoller, Zoller, Zoller!“

    Der so Gerufene ging bedächtig auf eine seltsame Gerätschaft zu. Er war einer der wenigen, der Zivil trug, schwarzes Hemd und schwarze Hose, darüber ein lockeres hellbeiges Jackett. Die Meisten hatten hier, im Hof des Berliner Polizeiausbildungsplatzes ihre Uniformjacken und Mützen abgelegt, der warme Mai-Abend und die gute Stimmung luden dazu ein. Die sich langsam senkende Sonne blitzte und reflektierte auf dem Rettungssimulator: Ein Polizeifahrzeug war derart in eine Apparatur eingespannt, dass man es 360° um die Längsachse drehen und es in jeder beliebigen Seitenlage, auch auf dem Kopfe stehend, arretieren konnte. Es diente zur Übung, wie man sich aus einem verunfallten Auto befreien konnte.

    Hauptkommissar Hartwig Zoller war nicht –wie die anderen- für eine Übung an oder besser in diesem Gerät vorgesehen, er wollte lediglich auf seinem Weg in den Spätdienst einen Kollegen abholen.

    Als man ihn entdeckt hatte, zündete sofort die Idee, ihn, den derzeit Ranghöchsten, in diesem fürchterlichen Gerät zu sehen, ihn zu beobachten bei seinen quälenden Versuchen, sich aus den Gurten zu befreien und aus dem Auto zu schlängeln.

    Zoller versuchte sich zu erinnern, wie es damals war, als er das letzte Mal diese Übung absolviert hatte, an was zu denken, was zu vermeiden war. Doch schon hatte man ihn zum Auto gedrängt und ihm wurde heiß.

    Er hatte für seine sechsundvierzig Jahre einen gut trainierten Körper zu bieten, ging gerade noch als schlank durch und selbst mit seinen kurzgeschnittenen, leicht angegrauten Haaren nahm man ihm den Mittdreissiger ab. Er galt als cool, weil selten die Pferde mit ihm durchgingen, man brachte ihm Achtung entgegen, da er nicht vorschnell zu urteilen pflegte und seine Maßstäbe den Situationen anzupassen in der Lage war.

    Er blieb kurz vor der Maschinerie stehen, drehte sich zu seinen johlenden Kollegen um, hob die Hand und wartete, bis es still war. Dann sagte er: „Ich weiß, was ihr wollt. Gut, ihr sollt es haben!“ Das Zuschlagen der Tür schnitt den Applaus mit einem Schlage ab. Der Instrukteur war auf dem Beifahrersitz zugestiegen und bediente die Mechanik. Als der Wagen sich langsam zu drehen begann, hörten sie das Gejohle aufs neue und als der Wagen kopfüber stehen blieb und das Blut in die Köpfe der beiden Insassen schoss, brauste ein ungeheures Freudengeheul durch die geschlossenen Fenster. Dem Hauptkommissar im Inneren des Autos war durchaus nicht freudig zumute. Er hatte vergessen, wie die Drehung um die eigene Achse selbst einen gestandenen Seemann umwerfen konnte und rang mit dem Würgegefühl. Die zerrenden Gurte rissen grausam an seinem Schlüsselbein.

    In diesem Moment ging sein Handy. Es spielte den Flohwalzer und steckte, von den Sicherheitsgurten gefesselt, unerreichbar in seiner Hosentasche. Er wechselte einen Blick mit dem Trainingsleiter, der wie er, kopfüber auf dem Beifahrersitz hing und rief gegen das Geschrei von draußen ihm zu: „Mein Chef!“ Worauf der Trainingsleiter zurückrief, ob er den Wagen aufrichten solle. „Nein!“, wehrte Zoller ab, „sagen Sie mir nur, wie ich an das Handy kommen kann.“

    Den Kollegen, die draußen im Halbkreis um die Apparatur immer noch riefen und johlten, bot sich folgendes Bild: Der Hauptkommissar im Wagen stützte sich mit einer Hand über dem Kopf nach unten ab, entledigte sich des Gurtes, was einen Ruck durch den Wagen gehen ließ, stocherte in seiner Hosentasche und nahm dann langsam ein Handy ans Ohr. Das Gejohle steigerte sich. Der Trainingsleiter hatte sich in der Zwischenzeit befreit und war aus dem Wagen gesprungen, um dem Kommissar beim Aussteigen behilflich zu sein. Dieser rutschte hinter dem Lenkrad hervor, die Knie über dem Kopf gewinkelt, wand sich auf dem Innendach mit den Ellenbogen voran, bis er die Hand des Trainers erfassen konnte und zog sich hoch. Applaus ertönte, Zoller strich sich sein Jackett glatt, steckte das Handy in die Innentasche und ging langsam und nur für Leute, die ihn kannten, leicht hinkend auf seinen Kollegen Wanzke zu. Wanzke öffnete seinen Mund, aber Zoller schnitt ihm das Wort ab: „Los, zum Wagen. Anruf vom Chef, habe kein Wort verstanden. Fritz, tu mir den Gefallen und fahre du. Und bitte, gehe ganz langsam zum Wagen!“ Als sie eingestiegen waren und er sich den Sitz und die Rückspiegel richtete, hörte Wanzke seinen Vorgesetzten fluchen: „Verflixt und Doria! Meine Knie! Beim Losmachen des Gurtes!“ Er überließ es Wanzke, sich auszumalen, was im Wageninneren passiert war, holte das Handy aus der Tasche und während sie Richtung Dienststelle aufbrachen, telefonierte er mit Kriminaldirektor Hammann.

    Wanzke schloss aus dem Wenigen, was er vom Zuhören vernahm, dass es sich um einen Einsatz handeln musste. „Kreuzberg, Großbeerenstraße!“, rief Zoller kurz angebunden, „ohne Sirene!“ Wanzke führte die Wortkargheit seines Kollegen auf dessen Schmerzen im Knie zurück. Und richtig, nach einem halben Kilometer kam ein nächstes Bruchstück: „Ungeklärter Tod in Pension.“ Und einen halben Kilometer weiter hieß es „Die Kollegen vom VB1 sind schon dort.“ Bei VB1 handelte es sich um die hiesige Bezeichnung für das Kripo-Team der Verbrechensbekämpfung, doch sobald Verdacht auf gewaltsamen Tod oder Mord steht, kommt die Mordkommission des LKA zum Einsatz und genau solch einen fuhren sie jetzt.

    Sie befanden sich gerade auf der Bismarckstrasse in Charlottenburg und Zoller genoss den Blick abwärts, die Strasse des 17. Juni entlang auf die Siegessäule mit der Goldelse, die erst 1939 von ihrem ursprünglichen Standort zwischen Reichstag und Krolloper auf den Großen Stern verbracht und um das letzte Teilstück verlängert wurde. Es sollte der erste und letzte Schritt sein, den ein größenwahnsinniger, sich Führer nennender Despot zur Umbildung von Berlin in die ‚Reichshauptstadt Germania’ tat. Weit hinter der Siegessäule prangte das Brandenburger Tor und dahinter wiederum leuchtete das Rote Rathaus in einer Flucht.

    Links davon glänzte der Fernsehturm am Alexanderplatz in der untergehenden Sonne. Da sie es eilig hatten, bog Wanzke an der Siegessäule rechts ab und fuhr am Landwehrkanal entlang bis Möckernstraße, machte dann die Schniepe Wartenburg- zur Großbeerenstraße. Zoller hatte bis hierher geschwiegen, wie er es während der Fahrten meist tat, um den Fahrer nicht abzulenken, vielleicht aber auch, um mit seinem schmerzenden Knie ins Reine zu kommen. Jetzt aber sagte er: „Rechts ab, und linker Hand ist die Pension. Sie hielten verkehrswidrig in der Einfahrt neben einem roten Porsche. „Ah, unser Doktor Nimrod hat Dienst“, sagte Zoller beim Aussteigen. Wanzke wusste sofort, was das zu bedeuten hatte: Doktor Nimrod gehörte zu den gefürchteten wie geachteten Ärzten, die sich der Polizei-Bereitschaft zur Verfügung stellten. Auf der anderen Straßenseite stand in zweiter Reihe der ‚Mordbus’ der Mordkommission, ein mit allen zur Spurensuche notwendigen Requisiten ausgestatteter Kleinbus des Tatorttrupps.

    Rechts neben der Einfahrt, deren eine hölzerne, mit gelber und brauner Farbe gestrichene Flügeltüre offen stand, führten einige Stufen abwärts in ein Kellerlokal, worüber in großen Buchstaben ZYANKALI-BAR prangte und aus dessen Kellerfenstern breit grinsende Totenschädel die Besucher spöttisch anlächelten. Wie sinnig, dachte Zoller und ging in die Einfahrt. Am Fuße der Treppe lümmelte ein Schutzpolizist, der sofort versuchte, eine gewisse Haltung einzunehmen. „Zweiter Stock rechts!“, rief er, und leiser werdend „Guten Abend!“  Wanzke vernahm die Etagenangabe mit Schaudern, Treppensteigen lag nicht unbedingt im Bereich seiner bevorzugten Hobbys, geriet er auch sofort nach wenigen Stufen ins Schnaufen. Auf dem Absatz vor dem zweitem Stockwerk blieb Zoller stehen und schaute aus dem Fenster in den Hof, als ob er sich ein Bild machen wollte. In Wirklichkeit hatte er selbst mit seinem Knie große Malesche. Es war noch hell genug, um im hinteren Teil des Hofes den Garten zu erkennen, in dem eine Gruppe Anwohner zueinandergebeugt stand und tuschelte.

    Die alten Mietshäuser in Kreuzberg aus der Gründerzeit hatten besonders hohe Wohnungen. Sie waren damals als Offizierswohnungen geplant und gebaut und die Offiziersfamilien hatten zu dieser Zeit mindestens ein Hausmädchen, welches in einer sogenannten ‚Mädchenkammer’ hauste. Diese Mädchenkammern befanden sich in der Regel über dem Bad, halbierten also die Höhe des Badezimmers. Eine steile Holztreppe führte in diese Verschläge, die gelegentlich auch ein Fenster aufwiesen, aber durchaus keine Stehhöhe. Diese aufgesetzten Mädchenkammern bedingten die Raumhöhe der gesamten Wohnung und somit auch die Stufenzahl im Treppenhaus. Schnaufend stellte sich Wanzke neben Zoller und beide blickten hinaus in den Abend. „Und ich dachte immer, Rezeptionen befänden sich im Erdgeschoß“, pfiff Wanzke.

    Nachdem sie die letzten Stufen in neuer Frische hinter sich gebracht hatten, standen sie vor der kurzen, hölzernen Empfangstheke mit einer Klingel darauf. Kein Mensch war zu sehen. Die Böden waren mit dicker Auslegeware belegt, die jeden Schritt schluckte. Zoller ging an der Klingel vorbei und winkte Wanzke, ihm zu folgen.

    Am Kopfende des Ganges sahen sie eine geöffnete Tür. Am linken Pfosten gelehnt, rauchte eine langbeinige Frau im burgunderrotem Kleid eine Zigarette, am rechten Pfeile lehnte ein uniformierter Beamter.

    Stumm näherten sie sich der Tür und den beiden Personen, die sehr interessiert in den Raum starrten. Die Dame in graziöser Haltung, der Beamte recht lässig dafür, dass er den Tatort eigentlich abzusperren hatte. Als Zoller kurz hinter der Dame stand, deren langes, schwarzes Haar zu einem vollen, breiten Pferdeschwanz zusammengerafft war, fragte er: „Sie sind wohl die Wirtin?!“

    Erschrocken fuhr der Beamte herum und versuchte, irgend eine Haltung einzunehmen. Die Dame drehte nur leicht ihren Kopf, als wäre sie nicht im geringsten überrascht, nickte sanft und antwortete „Ja. Und Sie?“ Augen, tief wie die Nacht, blickten ihn leicht spöttisch unter schwarzen Augbrauen an.

    „Hartwig Zoller, der zuständige Kommissar, dies hier ist Kommissar Fritz Wanzke.“ Er deutete hinter sich. Sie lächelte geheimnisvoll. Ein Lächeln wie damals, dachte er. „Angenehm, Hartmann, Isabel Hartmann“, sagte sie und reichte ihm die Hand. Leicht irritiert nahm er sie, um sie schnell wieder loszulassen und ging stracks ins Zimmer hinein. Er hörte sich hüsteln und grüßte den Arzt, der sich über das Bett beugte.

    „Guten Abend Doktor Nimrod! Wieder auf der Jagd nach Todesmerkmalen?“

    „N’Abend Hauptkommissar!“, antwortete dieser stramm, ohne sich umzusehen. Im Hintergrund sah Zoller einen weiß gekleideten Beamten der PTU, der dabei war, noch Fingerabdrücke von Koffern abzunehmen und nickte ihm zu.

    Doktor Nimrod richtete sich auf und wandte sich an die beiden Kommissare, wobei er die Sätze abgehackt sprach wie man es von preussischen Offizieren aus Filmen kannte: „Also, erstens: Eindeutiges Ergebnis, zweitens: Bestätigung gewiss durch Obduktion. Mors anomalis, deutsch: kein normaler Tod. Grausam, grausam. Schätze Digitalis. Heilmittel fürs Herz. Oder Gift. Wie belieben.  Morgen mehr, meine Herren!“

    Damit zog er sich mit einem flapsenden Geräusch die Gummihandschuhe von den Händen.

    „Kann man schon sagen,“ begann Zoller, „wie er das Gift zu sich genommen hat und wann?“

    „Rigor Mortis gleich null“, schoss Dr. Nimrod zurück, „würde sagen Exitus vor maximal vier Stunden, Einnahme höchstwahrscheinlich oral. Perfide, perfide.“

    „Selbstmord?“ Zoller wunderte sich über seine plötzliche Einsilbigkeit.

    „Weniger. Präferiere Mord!“ Er schüttelte den Kopf. „ Digitalis. Pfui! Gibt bessere Mittel. Pistole, Strick, Sprung aus dem Fenster. Digitalis! Deibel, Deibel!“

    Als der Arzt an Zoller vorbei ging, zog ein schwerer Duft nach starken Zigarren in seine Nase. Havanna und Porsche, edel, edel, dachte er. Dann blickte er auf das Bett und sah eine männliche Gestalt, völlig bekleidet, in einer seltsam verkrampften Haltung, als ob sie im Sitzen zur Seite gekippt sei. Mund und Augen standen offen und sprachen von der Überraschung des Augenblicks des Todes.

    „Jung gestorben, der Herr.“ Wanzke reichte ihm eine Brieftasche, die er zuvor vom Beamten an der Türe erhalten hatte, obenauf der Personalausweis. Zoller blätterte kurz in den Papieren und steckte sie in seine Jackentasche. Die schwarzen Inseln von Ruß rundherum zeigten ihm, dass das Meiste bereits untersucht war und er näherte sich dem Nachttisch, auf dem neben dem Telefon eine umgekippte Tasse auf ihrer Untertasse lag. Eine zähe, durch Zuckerreste verdickte Kaffeespur war aus der Tasse auf die Untertasse gelaufen und hatte ein goldfarbenes Papierknöllchen umkreist. Auf einem abseits stehenden Tisch befand sich eine Vase mit echten Maiglöckchen und ein fast geleertes Glas. Zoller roch daran. Whisky. Auf dem Bett hinter dem Toten lag neben einem aufgeschlagenen Berlinführer eine angebrochene Schachtel Mozartkugeln in goldenen Papierhüllen, wie eine davon sich auf der Untertasse befand. Das Cellophan war bereits von der PTU vereinnahmt worden wegen der Fingerspuren. Ansonsten herrschte im Raume eine absonderliche Sterilität. Nichts stand oder lag herum, kein Kleidungsstück eben mal über den Stuhl geworfen, keine Socke am Boden.

    Zoller meinte, alles Wichtige gesehen zu haben. „Gut, dann überlassen wir Ihnen weiterhin das Feld,“ rief er dem jetzt am Fenster hantierenden Beamten im weißen Overall zu. „Komm, Fritz, befragen wir die Dame des Hauses, vielleicht gibt es dazu ja einen Kaffee mit Mozartkugeln.“ Hartwig Zoller ging voraus, ihm folgte Fritz Wanzke zur Rezeption. Sie nickten dem Beamten vor der Türe zu, der nach Beendigung der Durchsuchung und Abtransport der Leiche den Raum versiegeln würde.

    Am schwach erleuchteten Empfang herrschte Leere.

    „Suchen Sie mich?“ Die Stimme kam von der Seite. Zoller und Wanzke wandten sich um und blickten durch leicht geöffnete Flügeltüren in das Stockdunkel eines angrenzenden Raumes. Das Leuchten einer aufglühenden Zigarette verriet die Richtung, aus der die Stimme der Wirtin gekommen sein musste.

    „Rechts neben der Türe ist ein Lichtschalter.“

    Wanzke eilte sich, diesen zu finden. Zoller stand und beobachtete das rote Glühwürmchen, bis der Raum erleuchtet vor ihm lag. Es handelte sich offenbar um das Frühstückszimmer. Die Mehrzahl der Tische war bereits mit Frühstücksgeschirr eingedeckt. Am hinteren Ende lagerte die Dame des Hauses überaus ladylike in einem großen roten Fauteuil, den Kopf hinten angelehnt. Neben ihr stand ein scheinbar antiker Beistelltisch mit silbernem Aschenbecher, einer Glasschale mit Mozartkugeln und einem Glas Portwein. „Nehmen Sie doch Platz, meine Herren“, sagte sie in ruhigem Ton und wies auf die zwei kleineren ebenfalls roten Sessel, die diese Sitzecke abrundeten. Zoller setzte sich auf den Sessel ihr gegenüber. Wanzke zog es vor, sich in der Nähe von Zoller stehend aufzuhalten, Block und Bleistift in der Hand.

    „Nun“ sagte Isabel Hartmann, „fragen Sie!“ Zoller, der es gar nicht mochte, wenn ihm die Regie aus der Hand genommen wurde, zog langsam die Brieftasche aus dem Jackett und blätterte schweigend einige Zeit darin herum, als ob er etwas bestimmtes suchte, dann fragte er bedächtig: „Wie viele Gäste haben Sie derzeit?“

    Mit dieser Frage hatte Isabel Hartmann nicht gerechnet. „Hm, lassen Sie mich überlegen – neun.“

    „Seit wann war Herr -“, hier schaute Zoller auf den Ausweis, „Herr Mandelstein hier Gast?“ Mit spitzem Munde blies sie den Rauch der Zigarette aus, bevor sie antwortete: „Seit Montag letzter Woche.“

    „War er öfter hier Gast?“

    „Nein, das erste Mal. Ich hatte ihn zuvor nie gesehen.“

    Zoller blickte sie direkt an: „Ist Ihnen heute irgend etwas Besonderes aufgefallen, hatte er Besuch?“

    Sie antwortete rasch: „Kann ich nicht sagen, ich war heute tagsüber nicht im Hause; ich kam vor halb sechs und schickte Olga und Ursula nach Hause.“

    „Wer sind Olga und Ursula?“

    „Olga ist meine Tagesvertretung und Ursula ist der gute Engel, für Wäsche, Reinigung und diese Sachen zuständig.“

    „Wann können wir die Damen hier antreffen?“

    „In der Regel vormittags ab sechs.“

    „Auch morgen?“

    „Auch morgen.“

    Zoller sah aus den Augenwinkeln, dass Wanzke sich Notizen machte.

    „Sie haben Herrn Mandelstein aufgefunden. Schildern Sie mir bitte, wie das ablief.“

    Isabel Hartmann drückte geübt ihre Zigarette aus, während sie nachdachte. „Ja, es kam ein Anruf für ihn. Dr. Mommsen, der Notar, hatte versucht, ihn über Handy zu erreichen, mehrfach. Und als das ständig fehlgeschlagen war, rief er hier an, ich solle ihn verbinden, es sei sehr dringend. Aber Herr Mandelstein nahm nicht ab. Da ging ich ins Zimmer. Und da lag er, wie Sie ihn gesehen haben. Dann rief ich sofort die Polizei.“

    Wieder sah sie ihn mit ihren tiefdunklen Augen an und wartete, welche Frage nun folgen würde. Zoller wusste nicht genau, warum, aber irgendwie schien sein Puls schneller zu gehen.

    „Hatte er sonst irgendwelchen Besuch?“ Die Frage sollte routiniert klingen.

    „Ja, bis heute noch von seinem Freund Benny, aus München, der hier ein paar Tage bei ihm übernachtete, ansonsten ein-, zweimal von Dr. Mommsen.“

    „Dieser Benny aus München, hatte der sich als Gast eingetragen?“

    „Ja, die Daten kann ich Ihnen geben. Eigentlich wollte er länger bleiben, doch die beiden stritten sich wohl wieder einmal und heute zog Benny aus.“

    „Woher wissen Sie das mit dem Streit?“

    „Das hat Olga mir erzählt. Und Herr Hauser.“

    Auf seinen fragenden Blick sagte sie: „Ein Gast hier. Dauergast.“ Wanzke machte sich Notizen. „War er während des Nachmittags anwesend?“

    „Ich glaube schon, Olga machte so eine Bemerkung.“

    „Was ist er von Beruf?“

    „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Er erzählt nicht viel von sich, aber fragen Sie mal Olga, oder besser ihn selbst.“

    „Was wissen Sie über Herrn Mandelstein, zum Beispiel: Was machte er in Berlin, war er Tourist?“

    Isabel nahm einen Schluck Portwein, bevor sie antwortete. „So weit ich weiß ist er Krankenpfleger und angehender Arzt und wollte nach Berlin ziehen. Er ist wohl hier geboren und aufgewachsen. Sie suchten eine Wohnung und Geschäftsräume. Sie wollten zusammen eine Ambulanz oder Physiotherapie aufmachen, etwas Medizinisches.“

    „Wer – sie?“

    „Nun ja, er und der Benny und wohl noch eine Dame aus München. Es war auch schon notariell geregelt.“

    „Ah, deswegen Dr. Mommsen.“

    „Ja. Ich glaube, sie haben eine GmbH gegründet oder vorbereitet.“

    „Was war Herr Mandelstein für ein Mensch, wie hat er auf Sie gewirkt?“

    Isabel blickte zu Boden, als ob sie dort die Antwort fände und sagte: „Oh!“ Sie zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch zur Decke, bevor sie fortfuhr:  „Arrogant, aufgeblasen. Ein Macho der Sonderklasse. Er nahm sich sehr wichtig, kam sich vor wie in einem Sechssternehotel. Solche Gäste liebt man nicht, man behandelt sie sehr zuvorkommend, wenn Sie wissen, was ich meine.“

    Zoller ahnte entfernt, was sie meinen könnte. Er stand auf und ging ein paar Schritte, dann fragte er: „Haben Sie irgendwelche Medikamente im Hause?“

    „Gift? Ja sicherlich. Unten, in der Zyankali-Bar!“, antwortete sie prompt und lächelte breit. Dann plötzlich ernst: „Ist er vergiftet worden?“

    „Es sieht so aus.“

    „Dann muss er jemanden sehr geärgert haben“, sagte sie voller Sarkasmus, „kein Wunder!  Es gibt eben Leute – “, sie unterbrach sich.

    „Ja-?“, hakte Zoller nach, aber sie zuckte die Achsel. Zoller blickte ihr in die Augen: „Selbstmord würden Sie also ausschließen?“

    „Der und Selbstmord? Niemals! Eher würde er seine gesamte Umwelt umbringen, als sich selbst.“

    Zoller reichte ihr die Hand: „Vielen Dank! Geben Sie meinem Kollegen bitte noch die Daten von Benny und den Angestellten. Ich denke, wir sehen uns morgen noch einmal, wenn ich Ihre Angestellten und diesen Hauser befrage.“

    „Gerne!“, antwortete sie lächelnd und sandte ihm einen Blick zu, den er von irgendwo her sehr genau kannte.

    Im Wagen knipste er das Leselicht an und besah sich die Brieftasche des toten Herrn Mandelstein. Neben dem Personalausweis fand er eine Karte, die ihn als Krankenpfleger in einem Krankenhaus in München auswies, einen Führerschein, einen Studienausweis des Medizinstudiums, eine Kreditkarte in Gold, die Visitenkarte von Dr. Mommsen und einen fein zusammengelegten Zettel mit verschiedenen Notizen, untereinander gegliedert wie ein Einkaufszettel, in Kleinstbuchstaben und in der ziselierten Handschrift eines Pedanten.  Das mehrere Male auftauchende B. konnte Benny bedeuten, das M. Mommsen, dann waren dort einige Anschriften und weitere Abkürzungen, die derzeit noch nichtssagend für ihn waren.

    Als Wanzke den Wagen bestieg und Zoller sein Lächeln sah, sagte er mit Nachdruck: „Bitte, Fritz, sag es nicht!“ Fritz sah verständnislos zu ihm herüber: „Tolle Frau! Erinnert mich an Deine Eva.“ Beim Blick in Zollers Augen sagte er leise: „Tschuldige!“

    Hinter ihnen lärmten übermütig jugendliche Besucher der Zyankali-Bar.

    Im Kommissariat war es still, die Tagesschicht hatte ihren Bericht abgelegt und Zoller besah ihn sich, ohne recht aufzunehmen, was er las. Mit den Gedanken war er bei schwarzem Haar, schwarzen Augbrauen und tiefdunklen Augen, bei Eva, seiner Frau.

    Kapitel 2

    Auch der neue, sonnige Tag tat dem Wonnemonat Ehre; schon früh hatten die Zeitungsjungen die Mütze tief ins Gesicht ziehen und die letzten Zecher hatten sich blinzelnd zur nächsten U-Bahn tasten müssen. Jetzt, kurz vor acht Uhr früh dampften Berlins Strassen vor Hitze und Verkehr, als Zoller sein Büro betrat. Um neun sollte die Dienstbesprechung stattfinden und er wollte seinen Bericht noch etwas überarbeiten. Kriminaldirektor Hammann war als Pedant bekannt und er wollte jede mögliche Frage von ihm vorausschauend beantwortet haben, bevor er ihm Rede und Antwort stand. Die Befragung der Pensionsgäste war inzwischen durch die Schutzpolizei durchgeführt worden und hatte – wie zu erwarten war – keinen brauchbaren Hinweis ergeben, da die Gäste zum Todeszeitpunkt des Opfers nicht im Hause waren und in keinem Zusammenhang mit dem Toten standen. Mit Olga, der Angestellten von Isabel Hartmann wollte er heute persönlich reden. Auf der anderen Seite hatte er noch letzte Nacht Informationen aus München von diesem Benny angefordert. Die Bayern waren nicht unbedingt die Kooperativsten, doch kannte Zoller den Kommissar Alois Kammerlander persönlich, mit dem er einige Lahrgänge zusammen feucht und fröhlich abgefeiert hatte. An ihn konnte er sich immer wenden, wenn er Amtshilfe benötigte.

    Er legte seinen Bericht offen auf den Rand seines Schreibtisches und ging an die Durchreiche, wo seine Post und Faxe abgelegt waren. Er nahm den Bericht aus München zur Hand, setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl, schlug die Beine übereinander und begann zu lesen.

    Niemand hätte zu sagen gewusst, ob das kurze Anklopfen oder das schwungvolle Türöffnen zuerst kam: „Einen wunderschönen, guten Morgen!“ Ein Sopran schwirrte gutgelaunt durch den vorwiegend Bariton und Bass gewohnten Raum. Zoller hob, ohne aufzusehen, die Hand und grüßte wortlos. Wie selbstverständlich zog sie sich einen Stuhl zurecht und schaute mit großen Augen ob sie etwas in dem geöffneten Aktendeckel am Schreibtischrand erkennen könnte. Während Zoller noch seinen Satz zuende las, lehnte er sich weit über den Schreibtisch und klappte mit der freien Hand den Aktendeckel zu. Erst jetzt sah er auf: „Du sollst nicht immer in fremde Aktendeckel schauen, Katharina!“

    „Neugier ist mein Job, Hartwig, ich wäre sonst nicht Journalistin geworden, sondern Beamter, wie Du. Es gibt also einen neuen Fall!“, kam sie zur Sache.

    „Ja, in Kreuzberg, ein Mediziner aus München.“

    „Ein Tourist?“

    „Eher nein, er wollte sich hier niederlassen.“ Zoller wollte den Bericht aus München zuende lesen.

    „Und da kam ihm WAS in die Quere? Lass Dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“, drängte sie.

    Zoller gab das Lesen auf. „Möglicherweise ein Mörder?“, grinste er sie an.

    „Oder eine Mörderin!“, konterte Katharina.

    „Du meinst, weil es Gift war?“

    „Aha! ‚Giftmord in Kreuzberg!’“, sie betonte es wie eine Schlagzeile.

    „Ach, nun ist es mir doch rausgerutscht,“ er zwinkerte ihr zu, „aber es ist noch nicht amtlich! Der Befund steht noch aus, also keine Zeile von dir, bis es offiziell geworden ist!“

    „Aber Herr Hauptkommissar Zoller“, schmollte sie ihn an, „habe ich jemals etwas vor der Pressemitteilung und ohne deine Zustimmung veröffentlicht? Darüber hinaus: Mir fehlen doch noch fast alle Fakten.“

    „Die kriegst du nach der Dienstbesprechung und Studium des Befundes.“

    „Mit Dienstbesprechung meinst du wohl Euren allmorgendlichen Appell?“

    „Liebe Katharina Berger, wir sind hier nicht beim Kommiss, sondern in einer ‚Staatlichen Institution zur kriminologischen Investigation’, wie es Hammann ausdrücken würde.“

    „Verrätst du mir noch, wann und in welchem Hotel das passierte?“

    „Damit du wieder Deine Nase in den Fall steckst, bevor wir ausermittelt haben?“

    „Ohne Recherche kein guter Artikel“, schoss sie zurück.

    Zoller lenkte ein: „Nun gut, das ist ja kein Geheimnis: ‚Pension Am Kreuzberg’ nennt sich das Etablissement, in der Großbeerenstrasse.“ Unbemerkt hatte sich die Türe geöffnet und ein grauhaariger Mann in den Fünfzigern in perfekt sitzendem Anzug (höchstwahrscheinlich Armani) trat ein: „Was höre ich? Großbeerenstrasse? Geben Sie etwa noch nicht freigegebene Informationen an die Dame des Gazettengewerbes preis?“ Übergangslos wandte er sich an Katharina: „Seien Sie gegrüßt, Frau Schriftstellerin! Die Zeit der Information ist noch nicht gekommen, ich muss Sie leider vertrösten bis nach der Dienstbesprechung. Wollen Sie danach nicht zu mir in mein Büro kommen, oder lieben sie es, die Auskünfte über die niederen Chargen zu empfangen?“

    Ohne auf Antwort zu warten, blickte er auf Zoller: „Sagen Sie, Hauptkommissar Zoller, in welcher Situation hatte ich Sie gestern am Handy eigentlich überrascht? Sie klangen de facto etwas gestresst.“ In das Zögern Zoller’s befahl er: „Nichtsdestotrotz! Auf zu neuen Taten! Dienstbesprechung Punkt neun!“, kehrte auf dem Absatz um und prallte mit Kommissar Schneider zusammen, der, einen Aktendeckel in der Hand, dem Direktor vergeblich versuchte auszuweichen und leise „Entschuldigung!“ murmelte.

    Katharina zog die Brauen hoch: „Was für ein Auftritt!“

    „Was für ein Abgang!“, echote Zoller. Kommissar Schneider setzte noch einen drauf: „Was für ein Rasierwasser!“ und übergab Zoller die Papiere. „Gerichtsmedizin, der Fall Mandelstein.“

    „Und?“ Zoller sah ihn an.

    „Digitoxin in Marzipan-Schokolade. Ein süßer Tod.“

    „Kommt immer auf die Dosis an“, meinte Zoller.

    „Selbstmord?“, fragte Katharina.

    „Dann hätte er nicht auf dem Bett gesessen, einen Stadtplan neben sich. Und warum sollte er vorher das Herzmittel in eine Mozartkugel geben?

    „Wenn es doch aber seine Lieblingspralinen waren?“, vermutete Katharina.

    „Genau das hat jemand ausgenutzt.“ Schneider war von der Idee entzückt.

    „Habt ihr schon Verdächtige?“

    „Es wird wohl eine Frau sein, bei Giftmord.“ Schneider gefiel auch diese Idee.

    „Pauschalurteile!“, rief Katharina, „Allerdings naheliegende“, gab sie zu.

    „Wetten, dass es eine Frau war?“ Zoller klang sehr überzeugt, „Gegen Statistik ist kein Kraut gewachsen.“

    „Gut, aus Spaß an der Sache. Ich halte dagegen!“

    „Schon verloren!“ Schneider war heute gut drauf.

    „Wir werden ja sehen!“

    Zoller schilderte Katharina in kurzen Worten die Vernehmung der Pensionswirtin, bevor Kollege Schneider ihm per Handzeichen klar machte, die Dienstbesprechung sei in Kürze.

    „OK! Ich lass von mir hören.“ Damit verabschiedete sich Katharina.

    Kapitel 3

    Wenn Katharina die Wahl hatte zwischen Bus und U-Bahn, gewann immer der Bus, der zwar etwas länger für dieselbe Strecke benötigte als die Bahn, dafür aber dem Blick die Möglichkeit gab, an Farben, Sonne und dem turbulenten Leben auf Berlins Strassen teilzuhaben. Und so hatte sie sich in den großen Gelben mit der Nummer 119 Richtung Kreuzberg gesetzt und genoss die fünfzehn Minuten Fahrt. Dabei kamen ihr Bilder von anderen Großstädten in den Sinn wie München, Köln, Frankfurt und Hamburg, in denen sie jeweils kürzere oder längere Zeit gelebt hatte, doch dieses Berlin mit seinen quicklebendigen Menschen und ihrer einfallsreichen Sprache, seinen breiten, meist baumbestandenen Strassen, aus denen Geschichte atmet, hatte sie in ihren Bann gezogen, die alte, neue Hauptstadt, die große Kurtisane der kleinen und großen Herrscher Berlins. Und wie jede wirklich große Stadt zog sie ständig neue Abenteurer und Kaufleute, Künstler und Verbrecher an, bot ihnen großzügig unter ihren vielfältigen Röcken Unterschlupf. Den einen kleidete sie in ersehnte Bekanntheit, den anderen in manchmal ebenso erwünschte Anonymität. Und im Schatten dieser Rockfalten gedieh das wuchernde Unkraut des Verbrechens und der Vergehen gegen die Menschenwürde im großen wie im kleinen.

    Giftmorde waren selten geworden, lag es an der Schwierigkeit, an Gifte heran zu kommen oder daran, dass nur die wenigsten Delikte auffällig waren und entsprechend untersucht wurden, oder lag es an den Frauen, denen man den Giftmord im allgemeinen zusprach, die neue, unentdeckbare Mittel gefunden hatten? Jedenfalls führten derzeit «männliche» Straftaten direkter Gewalt wie Totschlag oder Mord durch Schuss- und Schlagwaffen die Mord-Statistik an. Besonders auffällige Bezirke waren Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg, Wedding und Mitte, doch kein Bezirk enthielt sich gänzlich solcher Verbrechen, wie wohlklingend auch der Name, keine Gesellschaftsschicht fehlte in den Statistiken, kein Bildungsgrad, der nicht doch in ihnen auftauchen wollte.

    Gewalttätige Vergehen und Verbrechen wurden zwar vorzugsweise von ausländischen mafiosen Vereinigungen verübt, doch auf Morde wollte keine soziale Schicht verzichten. Raub und Erpressungen wurden angeführt von den zunehmend stärker gewordenen arabischen Clans, gefolgt von polnisch-russischen Verbänden, den geringsten Anteil daran hatten die zahlenmäßig überlegenen Türken. Und die teilten sich den Wedding und Kreuzberg.

    Auch Katharina wohnte in Kreuzberg. Vor einigen Jahren war sie nach Berlin gekommen, um am Aufbau einer neuen Hauptstadtzeitschrift mitzuwirken. Der Konzern, der sie von Hamburg nach Berlin schickte, wollte mit dem Magazin eine derzeit offene Nische schließen und bot ihr die Redaktion der Polizei- und Gerichtsreportage an. Da die Delikte von der Staatsanwaltschaft und somit von der Polizei untersucht wurden, lag es nahe, zu beiden Institutionen einen guten Draht zu ziehen, um an möglichst viele und möglichst ungeschminkte Informationen aus erster Hand zu kommen.

    Im Zuge dieser Kontaktaufnahme hatte sie den Hauptkommissar Zoller kennen gelernt und sie hatten sich auf kriminalistischer Ebene gleich und gut verstanden. Sie mochte seine eher ruhige, überlegte Art, wenn es um Einschätzungen und Entscheidungen ging, gepaart mit einem rauen, männlichen Charme, der nichts von dem Chauvinismus hatte, wie er oft leitenden männlichen Individuen zu eigen schien.

    An der Kreuzung Yorck- Großbeerenstrasse stieg sie aus, überquerte den Mittelstreifen und entschied sich sogleich, im Biergarten des Yorckschlösschens einen Capuccino zu trinken, wobei sie Gelegenheit nehmen wollte, ihre spärlichen Notizen über diesen Fall durchzugehen. Das Lokal hatte gerade geöffnet und ein schlaksiger Mann mit roter Schirmmütze stellte ein Klappschild auf, von dem es rief: ‚Essen kommen!’. Wie früher bei Muttern, dachte Katharina, setzte sich an einen der noch leeren Tische unter den Kastanien und griff automatisch zur Speisekarte mit der Auswahl an Tagesmenues, Hinweisen auf Zigarren, Musik und Hausverbote. Das bestellte Getränk kam prompt und sie blätterte in ihren Notizen und schrieb dazu einige Fragen auf.

    Gestärkt vom Capuccino und dem obligatorischen Plätzchen verließ sie den Garten. Schräg gegenüber befand sich die Pension Am Kreuzberg. Beim Überqueren der Straße las sie das am Hause groß angebrachte Schild ZYNKALI. Wie passend, dachte sie.

    Die Einfahrt zum Aufgang der Pension stand sperrangelweit offen und auf dem Fußweg warteten einige Gepäckstücke auf das Taxi zum Flughafen. Die dazugehörigen englischen Touristen standen in einer Gruppe vor der Auslage eines Geschäftes für mittelalterliche Utensilien und unterhielten sich über die seltsamen Auslagen in den Fenstern.

    Oben angekommen, fand sie die Rezeption verlassen vor. Sie benutzte die Tischklingel, um sich bemerkbar zu machen und während sie wartete, schaute sie sich um. Tiefblaue, dichte Veloursware stand in angenehmem Kontrast zu den indisch-gelben Wänden und dem Mahagoni-Tresen. Sie ging langsam in den von Gästen leeren Frühstücksraum. Die Tische waren alle abgeräumt und die Tagesdekoration aufgelegt.  Auf Vitrinen, an den Wänden und in Nischen entdeckte sie recht ausgefallene, wertvolle Dekorationsartikel. Ein italienischer Service-Mohr hielt ein Silbertablett in den Raum, an den Wänden hingen echte Delerue’s, in der Anrichte leuchteten ihr fein geschliffene Murano-Gläser entgegen und manch besonderes Stück zog Ihre Aufmerksamkeit auf sich. Über allem schwebte eine weibliche Note, die sich besonders in den Kleinigkeiten wie den frischen Blumen auf den Tischen und den silbernen Serviettenringen zeigte. Alles recht exklusiv und teuer. Und das in einer Pension in Kreuzberg, wo die Preise doch eher moderat waren, wunderte sich Katharina. Isabel Hartmann musste eine Frau mit ausgesuchtem Geschmack und dem dazugehörigen Geldbeutel sein. Katharina war gespannt, sie kennen zu lernen.

    Ein Prusten und Schnaufen riss sie aus ihren Gedanken. Die Geräusche kamen aus Richtung der Rezeption und hinter der Türe zum Frühstücksraum erschien ein unförmiger weißer Klos, aus dem ein wuscheliger blonder Schopf blickte. Der Klos zerfiel in zwei Teile, wobei dem einen dicke weiße Arme entwuchsen und der andere als Wäscheklops zu Boden fiel. „Und det wieder mal mir! An einem Abreisetag ganz alleene“, keuchte es, und „Ick bin doch nicht Schwarzenegger und neh’m die ganze Pension uff’n Puckel.“

    Katharina räusperte sich. „Oh, `tschuldigen se, hätte ick gewusst, det hier jemand ist -“. Die Konsequenz ließ sie offen, wandte sich zu Katharina und sagte:  „Die Olga muss jeden Momang da sein.“ Dann fiel ihr etwas ein: „Oder sprechen se kein Deutsch?“ „Doch, doch“, beruhigte sie Katharina, „ich kann warten.“ „Wollen Gnädigste vielleicht ein Zimmer?“, versuchte sie sich auf Hochdeutsch. „Nein, ich komme von der Presse und wollte mit Frau Hartmann sprechen.“ „Ach wejen det Jeschehnis letzte Nacht! Det iss’n Ding wat?“ Das Hochdeutsch hatte sich verflüchtigt. „Det war’n feiner Mann. Ein Doktor, und immer so schnieke angezogen und so … so . . .“, ihr fehlten die Worte. Sofort fand sie neue: „Und hat immer schön Schmalz gegeben, wenn se wissen wat ick meine, Trinkgeld, wissen se?“. Sie machte die entsprechende Handbewegung. „Immer nen Heiermann und einmal sogar een Pfund. Da sollte ich nicht mal putzen! So’n feiner Mann!“ Ihr Blick ging zum Eingang. „Da kommt det Olga. Ick denke, die kann sie weiterhelfen.“ Sie bückte sich und verschmolz wieder mit dem Stapel Wäsche zu dem dicken weißen Knäuel und gab den Blick frei auf eine gepflegte blonde Frau in schwarzem Kostüm und weißer Bluse, die sich ihrer Wirkung durchaus bewusst war. Ihre Haltung war kerzengerade, ihre Hände wie zum Gebet zusammengelegt.

    „Guten Tag, womit kann ich dienen?“, fragte sie und ging hinter den Empfangstresen. „Guten Tag, mein Name ist Katharina Berger, ich komme vom Magazin CENTRUM POST. Ich recherchiere in der Angelegenheit des Todesfalles von gestern Abend.“

    „Ah, ja, ich bin Olga, Olga Wolaniska. Frau Hartmann kommt bald, wollen Sie sprechen mit ihr?“ klang es polnisch gefärbt an Katharinas Ohr.

    „Ja, aber auch gerne mit Ihnen.“ Olga schaute auf ihre Armbanduhr als ob sie abschätze, wie viel Zeit sie erübrigen könne, dann ging sie vor ins Frühstückszimmer und zeigte auf die Sitzecke mit den drei roten Sesseln, wo gestern Abend Zoller mit Frau Hartmann gesessen hatte. „Mechten Sie Trinken?“ Katharina schüttelte den Kopf und setzte sich in einen der weichen Sessel. Olga setzte sich auf den zweiten Sessel und schob die Glasschale mit den Mozartkugeln zu Katharina.

    Diese lehnte mit einer Geste ab. „Was mechten Sie wissen?“, fragte Olga und kreuzte ihre Arme.

    „Nun, ich möchte vorausschicken, dies ist keine polizeiliche Vernehmung“, begann Katharina, „unsere Leser sollen nur so gut wie möglich von den Hintergründen unterrichtet werden.“

    Als ihr Gegenüber mit einem Nicken antwortete, fuhr sie fort: „Sie hatten Dienst gestern am Nachmittag. Was geschah in dieser Zeit?“ Sie holte einen Block und einen Stift aus ihrer Handtasche und machte sich Notizen.

    „No, da war einiges los. Zuerst war Streit zwischen dem Benny und Doktor. Benny lief schreiend durch Flur, rief ‚Das kannst du nicht machen mit mir. Das keiner macht mit mir. Du wirst sehen, was hast du davon’ – und dann mit seinen Sachen auf und weg.“

    Katharina genoss die rollenden R’s und die charmanten Wortumstellungen.

    „Wann war das?“

    „No, so gegen halb fünf“, wobei fünf eher nach finf klang, „kurz vor Notar Mommsen kam.“

    „Heißt ‚auf und weg’ er ist abgereist?“

    „Ja.“

    „Haben Sie den Benny danach noch gesehen, kam er noch mal wieder?“ „Nein.“

    „Und wie lange blieb der Notar?“

    „Notar blieb bis gegen finf.“

    „Und dann?“

    „No, dann bestellte Doktor Kigelchen. Jeden Tag Kigelchen. Hat der Benny immer gebracht. Nur gestern nicht, da ist ja der Benny schon weg.“  „Hat der Herr Mandelstein sie bei Ihnen bestellt?“

    „Jo, musste gehen einkaufen.“

    „Wo?“

    „Gibt nicht überall, nur in Cafe wie heißt – Lebensart, in Yorckstrasse für kaufen.“

    „Und die haben Sie ihm gebracht?“

    „Nein! Legte dort auf Tresen. War Klingeln, Gast von unten. Ich denke, Chefin hat Mozartkigelchen zu Doktor gebracht, später.“

    „Ich glaube ich darf Ihnen sagen, dass der Doktor, wie Sie ihn nennen, an vergifteten Mozartkugeln gestorben ist.“

    Olga schaute mit großen Augen auf die Glasschale mit den Kugeln.

    „Nicht meeglich! Was Sie sagen!“ Sie griff die Schale und stellte sie schnell auf einen anderen Tisch.

    „Und während Sie einkaufen waren, war da jemand hier an der Rezeption?“

    „Ja, Ursula. Sie haben gesehen mit Wäsche.“ Und immer wieder der Blick zur Schale.

    „Arbeitet diese Ursula täglich hier?“

    „Ja, jeden Morgen Fristick vorbereiten und dann Zimmer reinigen. Fristick bedienen Chefin und ich im Abwechsel.“

    „Wie kamen Sie denn mit dem ‚Doktor’ aus?“

    „Gast wie anderer, bisschen hohe Nase oder wie sagt man. Aber schon freundlich.“

    „Sagen Sie, diese Mozartkugeln, wer hatte denn auf die noch Zugriff?“

    Zunehmend nervös antwortete Olga: „Bitte scheen, nein, ich habe nur gekauft die verflixten Kugeln und Schachtel auf Tresen gelegt, andere in Kühlschrank und nicht angefasst, bin dann gegangen in Feierabend, ja, bitte scheen. Fragen Sie Chefin!“

    „Nun regen Sie sich nicht, auf, keiner wird ausgerechnet Sie verdächtigen, wenn Sie nichts mit der Tat zu tun hatten. Hatte der Herr Mandelstein sonst irgend einen Streit mit jemandem.“

    Olga dachte nach: „ Ich weiß nicht. Einmal dagewesen ein Russe, hat laut nach Doktor gefragt. Aber sonst nur Krach mit Benny.“

    Katharina überlegte, ob sie Olga fragen sollte, ob diese dem Benny einen Mord zutrauen würde, ließ es aber. Sie blickte auf die Uhr, es war kurz vor zehn. In fünfundvierzig Minuten hatte sie einen Fall bei Gericht, über den sie schreiben wollte. Darüber hinaus würde bald Zoller erscheinen und die Befragungen von gestern fortsetzen wollen. Sie legte es nicht darauf an, ihm hier zu begegnen.

    „Vielen Dank für Ihre Auskunft, Sie waren sehr freundlich.“

    „Und Sie werden nicht schreiben, dass ich vergiftet habe den Doktor?“

    „Nein, gewiss nicht. Sie haben es ja auch nicht getan, oder?“ Sie lächelte Olga an.

    „Bitte scheen, keine Angst machen.“ Ein verstörtes Lächeln suchte sich den Weg zu Katharina, die nicht genau wusste, wie viel Schauspielkunst in dem lag, was von Olga kam. Olga brachte sie zur Tür.

    Kapitel 4

    Die Dienstbesprechung war zuende. Zoller schaute auf die Uhr: Kurz vor zehn. Alle anliegenden Fälle waren erörtert worden, besonders die akuten. Das Landeskriminalamt beschäftigte sich mit „Delikten am Menschen“, also mit Gewaltakten gegen Leib und Leben, bis diese aufgeklärt und der Staatsanwaltschaft, bzw. der Gerichtsbarkeit überwiesen werden konnten. Zollers Arbeitszimmer lag im ersten Stock mit den Fenstern zum Hof, auf dem die zivilen Einsatzwagen geparkt waren. Drei Kastanien gaben den Fahrzeugen Schatten. Sie waren vor Jahren, als dies noch ohne Einspruch der Ämter geschehen konnte, gegen die alten Linden ausgetauscht worden, welche viele Straßen Berlins dicht bestanden und von allen Fahrzeughaltern auf den Tod gehasst waren, weil Abertausende von Blattläusen auf ihnen wohnten, die zu nichts anderem gut waren, als ihre Ausscheidungen besonders auf die Frontscheiben zu verteilen und den Fahrer nach wenigen Stunden mit einem undurchsichtig-klebrigen Film zu erfreuen. Mit den Kastanien erfreute man sich höchstens im Herbstwind eines kleinen Paukenkonzerts, wenn die Früchte sich von den Ästen lösten.

    Zoller hatte die Nachricht aus München gelesen, das Vernehmungsprotokoll von Benny, den man direkt am Bahnhof abgefangen hatte und die Akten über seine Person, die in München vorlagen. Er war türkischer Abstammung, in München aufgewachsen und war als Jugendlicher aufgefallen durch kleinere Rauschgiftdelikte mit Hasch (aber wer hat das noch nicht probiert?), allerdings auch mit härteren Drogen, die man ihm zugesteckt haben sollte, genau wurde der Fall nie aufgeklärt. Er hatte sich sexuell früh auf die maskuline Seite geschlagen und war durch Eifersuchts-Streitigkeiten und kleineren Schlägereien in die Akten geraten, weshalb er noch als Jugendlicher eine Bewährungsstrafe erhalten hatte. Es lag auch ein Bericht des ehemaligen Bewährungshelfers bei, aus dem hervorging, Benny sei ein umgänglicher, ja lustiger Geselle, allseits beliebt, neige allerdings zum Jähzorn und werde schnell rabiat. Man hatte ihn über längere Zeit betreut und habe einen positiven Einfluss seines um einige Jahre älteren Freundes, der wie er als Altenpfleger tätig war, festgestellt. Mit diesem älteren Freund war eindeutig der Tote in der Pension gemeint.

    Zoller setzte sich noch einmal hin und schaute den Polizeibericht genauer durch. Da war es. Beide hatten in Pflegediensten und Kliniken festangestellt und teilweise zur Aushilfe gearbeitet und konnten theoretisch und praktisch an Digitoxin herankommen. Zoller rollte mit seinem Schreibtischstuhl einen Meter nach hinten, so dass er Blickkontakt mit dem Nebenzimmer hatte.

    „Schneider, versuchen Sie, möglichst viel über den Notar herauszufinden, er war schließlich der Letzte, der ihn lebend gesehen hat.“

    Schneider grunzte zustimmend.

    „Wenn Wanzke kommt, kann er Ihnen ja helfen. Ich bin in der Pension, dann beim Notar.“ Zoller griff sein Jackett vom Stuhl und prüfte, ob er sein Handy einstecken hatte, blickte zum Fenster in den Hof und freute sich auf das herrliche Wetter, in das er bald treten würde und auf die Dame in der Pension, die ihn so an Eva erinnerte.

    Hätte er ausschließlich die Pension zum Ziele gehabt, wäre seine Wahl auf den Bus gefallen, doch von Kreuzberg in die Bismarckstrasse am Kleinen Wannsee wäre mit den Öffentlichen sehr zeitaufwändig und so nahm er lieber in Kauf, im Auto zu schwitzen und an den tausend Ampeln auf dem Weg zu kuppeln und schalten, denn die leeren Kassen Berlins erlaubten keine Automatikgetriebe und dass sein Wagen als einziger ein Schiebedach besaß, hatte man einem außergewöhnlichen, unerforschbaren Zufall zu verdanken.

    Als er die Rezeption erreichte, war sie verlassen. Er schlug spielerisch mit der flachen Hand auf die Tischklingel, wie er es oft in Filmen, besonders in Western gesehen hatte. Das ‚Bimm’ verhallte ungehört. Er schaute in das jetzt taghelle Frühstückszimmer und sein Blick blieb sekundenlang auf der roten Sitzgarnitur haften. Woher kamen nur die Herzklopfen, die er plötzlich verspürte? Die Türe hinter der Rezeption war geschlossen. Er ging darauf zu und klopfte an. Nichts.

    Dann vernahm er ein Schnaufen. Es kam vom Gang, der hinter der Rezeption zu den Zimmern führte, deren eines versiegelt war. Das Schnaufen kam näher und er erblickte eine dickliche, blonde Frau mit wirren Haaren und in weißem Kittel. „Ach Jottchen, keiner da? Warten se, die Olga muss gleich kommen. Wenn se sich ein Augenblick gedulden würden, ick schau mal nach, wo se steckt, se kann nur drüben im Trakt sein.“ Sie rauschte an ihm vorbei. „Moment bitte, gnädige Frau!“,  stoppte Zoller sie. Sie blieb stehen und lächelte ihn an: „Det hat aber lange keiner nich mehr zu mir gesagt, ick wusste doch gleich, se sind ein Mann von Welt!“ Ursula wand sich förmlich vor Freude über die Anrede.

    „Jedenfalls bin ich ein Mann der Polizei“ sagte Zoller und zeigte seinen Ausweis. „Sie müssen Ursula sein.“ Er entnahm das nicht nur den Daten von Wanzke, sondern auch diesem urtümlichen Berliner Dialekt, der einen förmlich ansprang.

    Sie nickte. „Ah, wegen det Geschehnis gestern Abend, aber da war doch schon det junge, schicke Frolleinchen hier und dem habe ick allet gesagt, wat ick wees.“

    „So? Wie sah diese Dame denn aus?“

    „Na Sie können Fragen stellen! Wie sah sie denn aus? Na ja, so rötliche Haare und ein bisken größer als wie icke.“

    Zoller lächelte innerlich. „Dann ist mir schon klar, wer das war.“

    „Sagen’se nur, hätt ich der nischt erzähl’n dürf’n? Und die machte doch so einen duften Eindruck uff mir!“

    „Nein, nein, war schon in Ordnung. Gibt es vielleicht ein Plätzchen, wo wir ungestört reden können?“

    „Gewiss doch. Visitiern wir mal die Küche.“

    Sie ging vor, durch das Frühstückszimmer in die blendend aufgeräumte Küche. Zoller schmunzelte noch über die Berliner Schnauze und ihm fiel der Alt-Berliner Spruch ein, der die Berlin-übliche Verwechslung der grammatischen Fälle entzückend schildert:

    »Ick liebe dir – ich liebe dich

    wie’s richtig heest, dat wees ick nich

    und is mich ooch Pomade.

    Ick lieb nich uffn ersten Fall

    ick lieb nicht uffn zweeten Fall

    ick liebe dir uff jeden Fall,

    schenkst du mich Schokolade«

    In diesem liebenswerten Dialekt war Ursula Meisterin.

    „Ist nicht viel los heute und morgen. Anreise erst wieder Donnerstag. Nehmen’se doch Platz, ick werd hier mal ein bisken Ordnung machen.“

    Zoller wunderte sich zwar, wo es hier an Ordnung fehlen sollte, doch er wusste, es gab Menschen, die sich nicht still hinsetzen konnten.

    „Was haben Sie der jungen Dame denn erzählt?“

    „Hat se Ihnen det nicht weitergegeben?“

    „Nein, sie hat mich bisher nicht getroffen.“

    „Ja, warten’se, wat hab ick ihr denn nun gesagt?“ Es fiel ihr wieder ein und sie erzählte ihm breiter als heute morgen Katharina, was für ein feiner Kerl der ‚Dokter’ gewesen sei. Nach einigen Minuten breitesten Berlinerischs, wie von einer  Spindel abgespult, fand Zoller Gelegenheit, eine Frage an sie zu richten: „Am Abend, als dieses ‚Geschehnis’, wie Sie es nennen, stattfand, waren Sie auch im Dienst?“

    „Nee, ick hatte mir noch vor sechse verflüchtigt, det heißt, ick hatte Feierabend, die Chefin hatte uns heim geschickt.“

    „Was taten Sie, bevor Sie gingen?“

    „Lassen se mir mal ventilieren, der Krach war gegen viere, denn kam der Rechtsverdreher, denn ging die Olga eenkoofen . . .“ man sah es ihr an, wie sie ihre Gänge in ihrem Geiste wiederholte, um den Ablauf der Zeit nachzuvollziehen, dazu heftete sie ihre Augen auf einen unbestimmten Punkt irgendwo über dem Teppichboden, dann blickte sie ihn wie erleuchtet an, „ . . . ja denn kam unser Hauser, det  war viertel nach fünfe, denn war ick in de Waschküche und det Schwätzchen mit der Müllern und denn kam die Chefin und meinte, wir könnten jeh’n. Also war det so jejen halber sechse.“

    „Gut.“, sagte Zoller, blickte von seinen Notizen auf und fragte: „Können Sie mir Näheres von diesem Hauser erzählen, aber kurz.“, setzte er hinzu.

    „Det ist ein ganz Lieber, immer freundlich und . . .“, sie suchte nach Worten, „Wissen’se, so jemand von der alten Schule, hat mich mal die Hand geküsst!“ Sie gluckste verschämt. Zoller merkte, dass hier nicht mehr viel kommen würde und fragte gezielt: „Kamen Sie mit Mozartkugeln in Berührung?“

    „Meinen Sie wegen meiner Figur? Die war vorher schon so! Det mit den Mozartkugeln hat erst der Dokter hier einjeführt, hat se ja massenweise verschlungen. Gab uns immer wat ab, hat uns sozusagen uff den Geschmack gebracht, uns anjefüttert, und denn kauften wir auch welche für ihn und für uns und so.“

    Was sie mit ‚und so’ meinte, ließ sie offen.

    „Was ich meine ist, haben Sie gestern irgend etwas beobachten können, was mit Mozartkugeln zu tun hatte?“

    „Genau kann ick mir nicht reminiszieren, aber warten’se, als ick am Tresen war und der Hauser vorbei kam, da hab’ ick ne Schachtel liegen gesehen, sogar mit Zettel drauf mit’m Namen vom Dokter – und hab se vor dem Menschen in Sicherheit bringen wollen und sie unter den Tresen gelegt, auf die Arbeitsplatte.“

    „So? Wissen Sie, woher diese Schachtel stammt, wer sie auf den Tresen gelegt haben könnte?“

    „Nein, aber det hätte ja nur Benny oder die Olga gewesen können sind.“ Zoller stolperte noch über die Grammatik des Satzes. „Aber der Benny war ja schon weg!“, rekapitulierte sie. Ganz richtig, musste Zoller ihr bei der stringenten Beweisführung einräumen.

    „Hatten Sie danach noch einmal Kontakt mit dem Konfekt?“

    Ursula überlegte, diesmal stumm, und schüttelte mit dem Kopf. Nach einer Pause sagte sie: „Denn war ick in der Waschküche, denn kam de Chefin.“

    Zoller hatte keine Fragen mehr an Sie außer der: „Wo finde ich Olga und Hauser?“

    Ein Teil der Frage erübrigte sich, Olga erschien mit einem Tablett voll Frühstücksgeschirr. „Hallo,“ sagte sie, „Herrenbesuch? Ursula, Ursula!“

    Sie machte einen überaus vitalen Eindruck auf Zoller und wenn er sie genau besah, hatte sie nicht eine leichte Röte im Gesicht?

    Ursula fuhr zusammen.„Nee, so is det nich, wie se meinen könnten, wenn se dächten, der Herr is von de -“

    „Polizei,“ sagte Zoller und zeigte seinen signalroten Ausweis. „Hartwig Zoller, Hauptkommissar. Ich ermittle im Falle Mandelstein.“

    „Sehr angenehm, Olga Wolaniska. Junge Frau von Zeitung war heute schon da.“

    Zoller überging diese Bemerkung: „Sagen Sie, wissen Sie ob Herr Hauser auf seinem Zimmer ist?“

    Eine Irritation durchzuckte Olga’s Blick, oder sollte sich Zoller irren?

    „Äh, ja, ich bringe gerade Fristicksgeschirr von Herrn Hauser, er ist auf Zimmer. Wollen Sie ihn jetzt befragen?“ Nun blickte sie ihm gerade in die Augen.

    „Ja, ich denke, das wird das beste sein. Vielleicht will er ja später außer Haus gehen und Sie sind sicher noch ein Weilchen da.“, lächelte er sie an. „Soll ich ihm geben Bescheid?“ Olga schien wirklich etwas verunsichert.

    „Nein, nicht nötig, wenn Sie mir nur die Zimmernummer sagen.“

    „Finfzehn, Numero Finfzehn!“ Sie lächelte Zoller an, als ob sie artig war, weil sie die Nummer auswendig wusste. „Sie missen in andere Trakt, über Treppenhaus gehen.“ Irgendwie machte etwas an Olgas Verhalten Zoller gespannt auf diesen geheimnisvollen Dauergast Hauser.

    Kapitel 5

    Vor der Türe stehend, hörte er im Zimmer eine dunkle Männerstimme undeutlich telefonieren. Nachdem er geklopft hatte, rief die Stimme „Moment!“, sprach noch drei Worte, legte auf und es vergingen noch einige Sekunden leiser Geräusche, bis Herr Hauser die Türe öffnete und ihn mit „Ah, der Herr der Kriminalpolizei!“ Willkommen hieß, dabei mit großer, einladender Geste ins Zimmer wies. Bevor Zoller dazu kam, etwas zu sagen, fuhr Hauser fort: „Olga hat sie avisiert.“ Zoller sah sich im Zimmer um. Sofort war ihm das ungeordnete Doppelbett aufgefallen, aber nur, weil eine Tagesdecke die Unordnung zu verbergen suchte. Das Fenster stand offen, doch noch war ein dezenter Duft zu spüren, dem er erst vor kurzem begegnet war. Wenn er sich nicht sehr täuschte, war es das Parfüm von Olga. Der Tisch wies noch geringfügige Spuren eines Frühstücks auf. Hauser hatte graumeliertes Haar und war in einen geschmackvollen, rot-seidenen Hausmantel gehüllt. Er bot Zoller den einzigen Sessel im Raume an, von dem er einen Staubmantel entfernte. „Bitte sehr, etwas Bequemeres haben meine bescheidenen vier Wände nicht zu bieten.“ Er sprach klares und sauber artikuliertes Hochdeutsch. Zoller dankte, ging aber zum offenen Fenster.

    „Das Fenster gegenüber, ist das nicht das Zimmer von Herrn Mandelstein?“

    „So ist es.“

    „Dann  könnten Sie gestern von den Vorfällen einiges mitbekommen haben.“

    „Oh, eine ganze Menge!“

    Das ist bei Zeugen meist der Fall, wenn sie sich wichtig machen wollen, dachte Zoller. In der Regel haben Zeugen nichts gesehen und nichts gehört, aus Angst, in den Fall mit hineingezogen zu werden.

    „Allerdings, mit einer Einschränkung,“ fuhr Hauser fort „nur bis viertel nach fünf, denn fünf Uhr einunddreißig ging mein Bus.“

    „Und was haben Sie gesehen und gehört?“

    „Herr Mandelstein, der sich so gerne ‚Doktor’ nennen ließ, hatte eine deftige Auseinandersetzung mit seinem kleinen Freund, dem Benny. Unsere beiden Fenster waren gekippt, so dass ich recht gut verstehen konnte, um was es ging, nämlich Mandelstein hielt dem Benny dessen Promiskuität vor und Benny glaubte, von Mandelstein enterbt zu werden. So hörte es sich jedenfalls an.“

    „Hat er das Wort enterbt benutzt?“

    „Sicher. Mehrmals. Er sei so enttäuscht, dass er enterbt würde, da er doch so viel für ihn getan hätte, er solle nur einmal daran denken, wie er in München für ihn gelogen hätte, ja einen Meineid geschworen, und jetzt solle er enterbt werden. Genauso hat es der Benny mit weinerlicher Stimme vorgetragen.“

    „Vorgetragen?“

    „Teils gefleht, teils ihm ins Gesicht gebrüllt, wie ein waidwundes Tier.“ „Und was antwortete Herr Mandelstein?“

    „Er sprach ruhiger, doch manchmal auch entschieden und laut. Er sagte, es sei nicht wahr, er wolle ihn nicht enterben, sondern nur seine Kompetenzen beschneiden, da er, der Benny, sich öfter rumtreibe und besaufe und sie doch schließlich eine sensible Mission hätten.“

    „Sensible Mission?“

    „Ja, wörtlich, sensible Mission.“

    „Sagte der ‚Doktor’?“

    „Sagte der ‚Doktor’.“

    „Es fielen noch Worte wie ‚Notar Mommsen’ und ‚Kinderkrippe’ und ‚auffliegen’, doch ohne Zusammenhang.“

    „Was geschah dann?“

    „Dann sah ich, dass der Benny seine Sachen packte, Mandelstein ihn zurückhalten wollte, es aber nicht schaffte und Benny laut brüllend das Zimmer verließ.“

    „Und damit die Pension“, sagte Zoller zu sich und laut: „Wann genau geschah all dieses?“ „Das muss so in der Zeit zwischen vor vier bis kurz nach vier gewesen sein.“

    „Also verließ der Benny vor Ihnen das Haus?“

    Hauser nickte.

    „Haben Sie den Benny danach noch einmal wieder gesehen?“

    „Nein.“

    „Was geschah anschließend?“

    Hauser machte ein Denkpause. Zoller dachte mit.

    „Dann kam der Anwalt der beiden, von diesem Gespräch bekam ich nichts mit, da es sehr ruhig geführt wurde. Ich bereitete mich auf die Lesung vor und verließ das Haus kurz vor halb sechs.“

    „Sie sprachen von Lesung. Hielten Sie die selbst ab, oder . . .“

    „Nein, im Haus der Dichter las ein begnadeter junger Schriftsteller aus seinen Werken.“

    „Wenn ich fragen darf: Was sind Sie von Beruf?“

    „Oh, das ist nicht leicht zu beantworten. Genau gesagt, übe ich derzeit keinen Beruf aus. Ich ruhe. Und sehe mich um.“

    Zoller mochte nicht, wenn er keine klare Antwort bekam, sonderlich auf Fragen, deren Beantwortung normalerweise keine Probleme aufwerfen sollten. Was hielt diesen Herrn im Morgenmantel ab, ihm seine Berufsbezeichnung oder Tätigkeitsfeld zu nennen? Er sah einen Mann in den besten Jahren vor sich und konnte sich nicht vorstellen, dass dieser gebildet erscheinende und gut aussehende Mann ohne Beschäftigung sein sollte.

    „Bevor Sie etwas Falsches denken, ich gehöre nicht der sozialen Gruppe abhängiger Bürger ohne Anstellung an, ich partizipiere nicht an öffentlichen Geldern. Ich benötige keine Anstellung, bin mein eigener Herr und lebe von“ er zögerte unmerklich, „Ersparnissen.“

    Noch so eine Undeutlichkeit. „Gut,“ sagte Zoller leicht verschnupft, „belassen wir es dabei. – Noch ein letzte Frage: Kannten Sie den Toten?“

    „Eher weniger.“ Hauser schien Unklarheiten gepachtet zu haben, vielleicht liebte er Geheimnisse. Auf Zollers Frage, was er denn damit meine, antwortete er, er kenne ihn, wie man einen Hotelgast, den man hin und wieder sah, grüßte, ein paar Worte mit ihm wechselte eben kenne. Zoller liebte solche obskuren Bemerkungen nicht, hatte derzeit keine Lust mehr auf solche Spielchen und ging zur Tür. Hauser bemerkte wohl die Verstimmung.

    „Falls mir noch etwas einfallen sollte, was für Sie eventuell von Belang sein könnte, werde ich mich selbstverständlich an Sie wenden.“, sagte Hauser, als er Zoller die Türe öffnete.

    „Für mich ist alles von Belang,“ antwortete jener „besonders das Eventuelle. Und falls Sie, eventuell, vorhaben zu verreisen, lassen Sie auch dies mich wissen. Guten Tag.“

    Er spürte den Blick Hauser’s im Rücken, als er den Gang entlang ging, bis er um die Ecke bog. Da blieb er kurz stehen und hörte, wie Hauser seine Türe schloss.  Er wohnte genau gegenüber dem Tatzimmer, konnte vieles gehört und gesehen haben, was zur Klärung dieses Falles beitragen könnte, möglicherweise auch an den Tagen vor dem Mord. Hatte er alles von Relevanz erzählt? Zoller nahm sich vor, Hauser genauer unter die Lupe zu nehmen.

    Er traf Olga und Ursula in der Küche wieder, wo sie Tee tranken und sich unterhielten. Zoller klopfte an den Rahmen des Durchganges. Ursula sprang auf und bot ihm eine Tasse Tee an, die er dankend annahm. Olga führte ihn in das kleine Büro hinter der Rezeption. Es hatte die Größe einer Abstellkammer. Der Schreibtisch quoll über, auf einem Monitor schwankte das Windows-Emblem wie trunken und stieß sich an den Kanten taumelnd ab. Durch das offene Fenster drang Musik. Olga setzte sich auf den Hocker und überließ Zoller den Bürostuhl. Zoller schob einige Papiere beiseite und stellte seine Teetasse auf den Schreibtischrand.

    „Mozart, sagte sie. Unser Gast, Herr Hauser, liebt Mozart. Soll ich lieber Fenster schließen?“ Zoller verneinte mit einer Geste, die Akustik des Hofes faszinierte ihn.

    Er stellte die üblichen Fragen zur Person und zu den Geschehnissen vor der Tat. Er erfuhr von dem seltsamen Auftritt eines jungen Russen, der vor Tagen recht aufgebracht am Empfang nach Mandelstein gefragt hatte, sie daraufhin Mandelstein telefonisch vom überfallartigen Auftauchen informierte und Mandelstein mit dem Russen aus der Pension verschwand. Nein, sie kenne diesen Russen nicht, habe ihn noch nie vorher gesehen und habe bislang dieser Sache nicht viel Gewicht beigemessen, aber nun, da ja eine Tat verübt sei, könne dies vielleicht hilfreich sein. Sein Name? Sein Vorname sei Boris. Der Nachname? Irgend etwas wie Worno, Worenz oder Wonzeff, nein Woronzeff, genau. Zoller machte sich Notizen. Auf die Frage, warum sie seinen, Zollers, Besuch bei Hauser ungebeten angemeldet habe, geriet sie leicht ins Stocken, erklärte dann, Hauser dusche immer ausgiebig und sie wollte ihn aus der Dusche klingeln, damit er das Klopfen hörte und den Hauptkommissar empfangen könnte. Nach dem Beruf Hausers befragt, antwortete sie, sie habe sich nicht darum gekümmert, aber vielleicht sei er Kunstkritiker oder Journalist, im Meldeformular stünde nichts. Zoller tastete sich langsam vor, indem er ihr zunächst bedeutete, er hielte den Herrn Hauser für einen sehr feinsinnigen, gebildeten und gutaussehenden Mann, andererseits er ihn aber als nicht gerade entgegenkommend und kooperativ, ja regelrecht als undurchsichtig ansah. Ihre Mimik applaudierte im ersten Fall, im zweiten wurde sie wirsch und Olga meinte ausdrücklich, Herr Hauser sei immer sehr freundlich, wobei sie das Wort ‚sehr’ deutlich unterstrichen, mit vielen E’s und einem besonders schönen R am Ende aussprach.

    „Könnte es sein, dass Sie ihm – sehr zugetan sind?“, fragte er. Sie errötete, zum einen, weil sie die Falle nicht erkannt hatte, zum anderen, weil es stimmte. Sie gingen noch einmal minutiös die Abläufe des Kaufs der Mozartkugeln und der Geschehnisse durch, bevor die Chefin sie gestern in den Feierabend geschickt hatte.

    Zoller bedankte sich und im Gehen hörte er sich fragen: „Wann kommt denn Frau Hartmann heute?“

    „Wollte schon da sein“ sagte Olga nach einem Blick auf die Uhr.

    „Dann grüßen Sie sie von mir.“

    Auf der Treppe hörte er Schritte, die ihm entgegen kamen. Er spürte sein Herz schlagen. Nein, Isabel war es nicht. Zoller räusperte sich und verließ die Pension.

    Kapitel 6

    Katharina sonnte sich mitten auf dem Dach des Familiengerichts Kreuzberg-Tempelhof. Seit Jahren war ihr das im Frühjahr und Sommer ein lieber Aufenthaltsort geworden, wenn sie in den Amtsstuben den mehr oder minder schweren Fällen gelauscht, die bescheidenen oder renitenten Angeklagten vor den Altären der Gerichtsbarkeit beobachtet hatte. Sie kannte so manchen Verteidiger und Staatsanwalt, hatte zu jedem ihre gewachsenen Beziehungen, sie kannte bei jedem den Punkt, wann er sich vom Gegenanwalt geschmeichelt oder beleidigt, wann übergangen oder missverstanden fühlte. Auch die Richter und Richterinnen kannte sie in fast allen Befindlichkeiten. Manches Mal hatte sie Gelegenheit, über die aktuellen Fälle mit den unabhängigen Dienern der Gerechtigkeit hier oben zu sprechen, soweit sie bereit waren und die Aussagen den Fortlauf der Verhandlungen nicht beeinflussen konnten.

    Hier oben fühlte sich jeder gut und leicht, wie über dem Gesetze schwebend, hier oben nämlich befand sich die Cafeteria, hier gab es keine Unterstellungen, vagen Vermutungen und konstruierte Mutmaßungen, sondern klare Fakten in Form von Speisen und Getränken, hier konnte man sich privat zurücklehnen, hier durfte man rauchen und einfach die Blicke über Kreuzberg gleiten lassen, oder, wenn man sich umdrehte, über Berlin Mitte.

    Genau gesagt, war es der Dachgarten des Familiengerichtes, welches man in modernem Stile an das herrschaftlich alte Gebäude des Amtsgerichtes angebaut hatte, das in der Möckernstrasse im Stile schönsten Historismus bereits seit 125 Jahren den Rechtsprechern ein Dach bot.

    Die Verhandlung, die sie besucht hatte, war ihr unangenehm auf den Magen geschlagen, so dass sie erst einmal einen Cognac hatte trinken müssen, bevor sie in der Lage war, sich einen Salat mit Entenbratenstreifen einzuverleiben. Erst nach dem Cognac, den sie ansonsten eher verschmähte, nahm sie den Sonneglanz auf den Dächern wahr und die im Winde tanzenden Baumwipfel, die wie riesige grüne Pinsel den Himmel blau malten. Ein von Tempelhof startendes Flugzeug schnitt das Blau in zwei Teile.

    Und doch kamen ihr, als sie im gemischten Salat stocherte, die Bilder des Falles hoch: Ein vierzehnjähriges Mädchen war angeklagt, an einem Nachmittag, an dem die Mutter nicht zu Hause war, ihrem Stiefvater eine Flasche schärfsten Reinigungsmittels, auf dem sich ausschließlich die Fingerspuren der Tochter auffinden ließen, zwischen seine Schnapsflaschen gestellt und ihn so vergiftet haben zu wollen. Der Stiefvater hatte schwerste Verletzungen in Mund- und Rachenraum und eine unheilbare Verätzung der Stimmbänder davongetragen, die ihn zu stimmlosem, wimmerndem Wispern verdammte. Das junge Mädchen stritt die Tat strikt ab.

    Im Verlauf der Verhandlung zeigte sich, dass die Mutter, die zeitweise Putzen ging, ihrem jetzigen arbeitslosen Manne hörig war, jede Handlung von ihm als absolut gerechtfertigt verteidigte, auch wenn dessen Hand sich gegen sie selbst erhob. Sie war blind geworden für die Bedürfnisse ihrer Kinder, deren sie zwei hatte, zwei Töchter, die eine, jetzt angeklagte und eine, die im Jahr zuvor mit kindlichen vierzehn Jahren Selbstmord begangen hatte. Diesen führten die Eltern schlicht auf schlechte Schulnoten und ihre mimosenhafte Labilität zurück. Dass das Leben ihnen selbst auch nicht gerade die besten Noten verpassen würde, kümmerte sie nicht. Er war arbeitslos und trank, sie kam nicht gegen seine Trunksucht an und hatte die Kinder vernachlässigt. Der Selbstmord der Schwester nahm im Verlauf der Verhandlung noch einmal einen besonderen Stellenwert ein, als die Angeklagte den Abschiedsbrief ihrer älteren Schwester ins Spiel brachte, in welchem diese die Mutter und deren Ignoranz schuldig sprach. Ein Satz war Katharina besonders in Erinnerung geblieben ‚Ich lief so oft zu dir, aber du hast mir nicht geglaubt’. Wer einen solchen Satz nicht einmal im Abschiedsbrief seiner Tochter ernst nimmt, hatte versagt, auf ganzer Linie.

    Die kindhafte Angeklagte erklärte unter Tränen, der Stiefvater hätte die Schwestern ständig geschlagen und schließlich die ältere missbraucht, was auch der Grund für den Selbstmord gewesen sei. Nun hätte er auch bei ihr angefangen. Die Schläge seien ja noch auszuhalten gewesen, aber nicht das, was er dann von ihr wollte. Die Mutter hätte auch ihr nicht geglaubt. Auf die Frage, warum sie das nicht angezeigt, oder zumindest anderen erzählt hätte, antwortete sie, dass, wenn schon nicht die eigene Mutter einem Glauben entgegenbrächte, sie keinem anderen Erwachsenen vertraut hätte. Nur einer einzigen Freundin, Manuela, hätte sie sich schließlich eröffnet. Wo denn diese Manuela sei. Umgezogen nach Kiel, nur einmal wäre sie noch zu Besuch gewesen, einen Tag, bevor die Geschichte mit dem Stiefvater passierte. Hier wurde die Verhandlung unterbrochen, um diese Manuela aufzufinden und für den Fortgang der Verhandlung zu laden.

    Katharina fuhr aus ihren Gedanken hoch. Ihr Teller war leer. Sie schaute auf die Uhr: Vierzehn Uhr und zwölf Minuten. Sie musste in den Verlag. Zuvor wollte sie Hartwig Zoller anrufen und zog ihr Handy aus der Handtasche. Es klingelte viermal, bevor er abhob.

    Kapitel 7

    Vom Auto aus hatte Zoller das Büro von Dr. Wolfgang Mommsen angerufen und sein Kommen avisiert. „Aber bitte nicht vor dreizehn Uhr!“ hatte die freundliche Stimme der Sekretärin ihn gebeten.

    Um dem Verkehr durch Schöneberg, Steglitz und Zehlendorf auf der B1 zu entgehen, hatte Zoller die andere, etwas längere Route über Grunewaldstrasse, Hohenzollerndamm auf die Stadtautobahn und Avus gewählt und war früher als gedacht am S-Bahnhof Wannsee angekommen, von wo die Bismarckstrasse an den Kleinen Wannsee führte und sich die Wohn- und Geschäftsadresse des Notars befand. Er parkte seinen Wagen auf der Königstrasse, genau auf der Brücke, die den Kleinen von dem großem Wannsee trennte, ging ein paar Schritte in der Mittagssonne zurück und aß bei Loretta am Wannsee eine Currywurst. Er trank sonst nie Cola, doch zur scharf gewürzten Currywurst war sie das einzig passende Getränk. Danach schlenderte er in die Bismarckstrasse hinein, deren uralte Kastanien riesige Schatten auf das narbige Kopfsteinpflaster warfen. Nach ein paar Schritten, er war nur noch von Stille umgeben, wies ein verwittertes, kaum sichtbares Schild nach rechts in die Bäume. Er erinnerte sich und folgte dem schmalen Weg, bis er von leichter Anhöhe unter den Bäumen das Wasser des Kleinen Wannsee’s blitzen sah und unter einer Eiche das Grab eines der größten deutschen Dichter fand: Heinrich von Kleist. Zoller setzte sich auf die kleine Holzbank, die so alt wie das verwitterte Schild sein musste und kramte zusammen, was in seinem Gedächtnis hängen geblieben war: Käthchen von Heilbronn, Prinz von Homburg, Amphytrion. Auf dem Grabstein las er:

    «Er lebte, sang und litt in trüber, schwerer Zeit,
    Er suchte hier den Tod und fand Unsterblichkeit»

    Hier hatte der lebensüberdrüssige Dichter im November 1811 erst seine todkranke Freundin, dann sich selbst erschossen. Zuvor hatten sie sich noch Kaffee und Rum bringen lassen.

    Zoller sah auf die Uhr und entschuldigte sich innerlich für die Kürze seines Verweilens, er habe ja schließlich einen aktuellen Todesfall aufzuklären.

    Die Bismarckstrasse war ein hochedles Wohnviertel hinter hohen Kiefern, dazwischen, als Sichtschutz für die Villen, Birken und Büsche. Die meisten Grundstücke hatten Seezugang mit Anlegestellen für Motor- und Segelboote. So auch das Grundstück, auf dem die eierschalfarbene Jugendstilvilla des Notars gelegen war. Ein hölzernes Bootshaus verbarg das zu vermutende Schmuckstück darinnen.

    Zoller nahm die vier Stufen zum Eingang. In ein durchsichtiges Acrylschild war goldfarben eingraviert: Dr. W. Mommsen, Rechtsanwalt und Notar.

    Er drückte die Messingklingel. Eine Stimme fragte: „Ja bitte?“ Zoller sagte seinen Namen und die breite Massivholztüre summte. Er hatte sie kaum berührt, sprang sie auf und er trat ein. Ein großzügiges Foyer empfing ihn, ausgestattet mit wenigen, ausgesucht edlen Mahagonischränken, auf einer Seite mit  einer Jugendstil-Sitzgarnitur in dunkelgrünem Leder, dazwischen ein Tisch aus Mahagoni. Es roch nach Holz. Im hinteren Bereich stand eine Nachbildung der Venus von Milo, dezent durch einen Punktscheinwerfer beleuchtet. Noch bevor er sich zur Türe mit der Aufschrift Kanzlei bemühte, trat aus dieser ein schlanker Mann in silbergrauem Anzug mit burgunderroter Krawatte zum weißen Hemd. Unter silbergrauen Haaren schauten ihm zwei blaue Augen aus einem gebräunten, markanten Gesicht entgegen. Schmale Lippen öffneten sich zum Gruß: „Herr Kommissar Zoller? Mommsen, angenehm. Setzen wir uns dorthin, da sind wir ungestört.“ Er ging auf die grüne Sitzgruppe zu und bot Zoller freie Platzwahl. Zoller setzte sich auf die Zweiercouch, von der er den gesamten Raum überblicken konnte. Dr. Mommsen wählte einen Sessel ihm gegenüber. „Ich lasse uns einen Kaffee kommen, oder mögen Sie lieber Tee?“

    „Kaffee ist gut, danke! Sie wissen, warum ich hier bin?“ begann Zoller.

    „Ja, Frau Hartmann hat mich gestern Abend noch angerufen und von dem Tod meines Mandanten erzählt.“ Zoller wunderte es, dass ein solch arrivierter Anwalt für einen völlig unbedeutenden, ihm unbekannten Medizinstudenten überhaupt tätig wurde.

    „Wie wurde Herrn Mandelstein zu Ihrem Mandanten?“

    „Isabel Hartmann hatte mich vor einer Woche angerufen und ihn als potentiellen Klienten erwähnt. Zunächst war ich skeptisch, doch als er hier vorsprach, sagte ich zu.“

    „Frau Hartmann war Ihnen also auch schon bekannt?“

    „Ich kannte ihre Eltern, die bei meinem Vater bereits Mandanten waren.“

    „Sie sprachen von anfänglicher Skepsis“, sagte Zoller und ließ die damit verbundene Frage offen.

    Die Türe zur Kanzlei öffnete sich geräuschlos und eine aparte, dunkelhaarige Dame Ende dreißig brachte ein Tablett mit einer Kanne Kaffee, Tassen, Zucker und Milch sowie einer Glasschale mit einer Mischung aus Gebäck, Schokolade und Mozartkugeln. Letztere stachen Zoller geradezu ins Auge. „Frau Demmler, meine rechte und linke Hand im Büro, meine wandelnde Agenda und Schmuckstück meiner Kanzlei.“ Da sie solches Lob tausendfach gehört hatte, lächelte die Sekretärin die Übertreibungen ihres Chefs entschuldigend Zoller zu, sagte „Wir kennen uns vom Telefon“ und füllte mit weichen Bewegungen die Tassen mit Kaffee. So leise sie gekommen war, verschwand sie wieder.

    „Nun,“ begann Mommsen und trank einen Schluck Kaffee, „eigentlich ist meine Zeit mit den vorhandenen Verpflichtungen als Anwalt und Notar voll ausgefüllt. Andererseits zeigte sich, dass Herr Mandelstein zum einen recht interessante Pläne verwirklichen wollte, zum zweiten andeutete, dass er dabei war, seine Geschäftsbeziehungen zu Polen und darüber hinaus auszuweiten, was mich als Wirtschafts- und Vertragsanwalt im Zuge der Globalisierung schon ansprach.“

    „Es war von der Gründung einer Firma die Rede?“

    „Ja. Eine GmbH ist bereits in Gründung und eine weitere war geplant.“

    „Womit sollten sich diese Firmen beschäftigen?“

    Mommsen erklärte den Wunsch seines ehemaligen Mandanten, einen ambulanten physiotherapeutischen Dienst einzurichten, darüber hinaus einen Handel von Blutplasma und Medikamenten und ähnlichen Waren mit den östlichen Ländern aufbauen zu wollen.

    „Können Sie mir sagen, was die Begriffe ‚Sensible Mission’ und ‚Kinderkrippe’ in diesem Zusammenhang beinhalten könnten?“

    „Nein, außer, dass der Handel mit dem Osten per se schon eine sensible Mission ist. ‚Kinderkrippe’ sagt mir nichts.“

    „Gut. Insgesamt bedeutet es aber,“ konstatierte Zoller, „Herr Mandelstein besaß Kapital, welches er investieren konnte. Oder wollte er über Banken finanzieren?“

    „Nein, er hatte einen ansehnlichen Betrag in bar dabei, von dessen einem Teil er das Stammkapital abdecken, den anderen Teil gewinnbringend anlegen wollte.“

    „Ich weiß um Ihre Schweigepflicht, dennoch müsste ich darauf bestehen, die Größenordnung zu erfahren.“ Die schmalen Lippen Mommsens wurden noch schmaler, doch bevor er antworten konnte, öffnete sich die Türe zum anderen Trakt des Hauses und eine groß gewachsene, blonde Frau in locker umgeworfenem Staubmantel, der -offensichtlich aus Fallschirmseide- weich um ihren Körper wehte, kam auf sie zu.

    „Entschuldigen Sie bitte,“ sagte sie mit Seitenblick auf Zoller, der sich erhoben hatte, „Liebling, gibst Du mir bitte die Wagenschlüssel?“

    Dr. Mommsen hatte sich ebenfalls erhoben und holte aus seiner Jackettasche die Schlüssel. „Entschuldige, hatte vergessen, sie Dir hinzulegen. Meine Frau Irina, Kommissar Zoller“ stellte er sie gegenseitig vor. Zoller nahm ihre Hand. „Angenehm!“, sagte Irina lächelnd, „Ganz meinerseits!“ antwortete Zoller und sah zu, wie sie mit der Hand, welche die Schlüssel hielt, ihnen zuwinkte und mit kurzem Gruß wieder durch die Türe verschwand. Sie setzten sich wieder.

    „Wo waren wir stehen geblieben?“ fragte Mommsen und fand selbst den Faden wieder „Ja, bei der Finanzierung. Bevor Ihre Leute mir die Kanzlei durcheinander bringen, kann ich Ihnen sagen, Herr Mandelstein hatte insgesamt vierhunderttausend Euro bei sich.“

    Zoller pfiff durch die Lippen. „Allerhand. Hat er Ihnen gesagt, woher das Geld stammt?“

    „Ja, er sagte, ein kleiner Teil seien seine Ersparnisse, der andere ein Lottogewinn vor einiger Zeit.“

    „Haben Sie ihm das abgenommen?“

    Mommsen sah ihn verständnislos an. „Warum sollte ich daran zweifeln? Er wollte eine Beratung, wie er das Geld so anlegen könnte, dass er jederzeit Zugriff darauf habe. Ich habe ihm zu verschiedenen Beteiligungen geraten und er hat es gleich eingezahlt.“

    „Abzüglich Ihrer Kosten für Gründung und Beratung.“ Mommsen antwortete nicht. „Ich denke, Sie werden uns die Unterlagen über die Gründung zur Prüfung überlassen müssen.“

    „Kein Problem.“

    „Sagen Sie, Dr. Mommsen, hatten Sie darüber gesprochen, warum Herr Mandelstein nach Berlin ziehen wollte?“

    Mommsen grübelte einige Sekunden: „Ich glaube, er sprach von Neuanfang in seiner Heimatstadt und Nähe zu seinen neuen Geschäftspartnern. Übrigens hatte er vor, sein spät angefangenes Medizinstudium zu beenden.“

    Zoller machte sich Notizen. Dann fragte er den Notar, ob es ein Testament gäbe, es sei der Ausdruck ‚enterben’ gefallen. Ja, Herr Mandelstein hätte alles genauestens organisieren wollen, auch oder besonders im Hinblick auf die Krankheit, die er habe, über deren Art er aber nichts näher erläutert hatte, es könnte sich um Krebs oder Aids gehandelt haben, jedenfalls sah er seinem Ende in den nächsten Jahren entgegen. Das Wichtigste wäre ihm gewesen, die Firmen gut abzusichern. Zu diesem Zwecke hätte er ein Testament aufsetzen lassen. Uneingeschränkt Begünstigter sei zunächst der sogenannte ‚Benny’ gewesen, Herr Bahadir Cicoglu, so hieße der Benny nämlich in Wirklichkeit. Doch hatte es in letzter Sekunde eine Änderung gegeben dergestalt, dass die Geschäfte nach Mandelsteins möglichem Versterben weitergeführt werden sollten, allerdings –und diese Maßgabe habe ihn selbst erstaunt – explizit unter einem dem Benny überzuordnenden Geschäftsführer, vielmehr einer Geschäftsführerin. Diese könnte die noch in München weilende Carola Soundso sein, mit der sie Praxen in Berlin zu eröffnen gedachten oder jemand, der noch zu benennen sei und der über das Firmenkapital zu bestimmen habe. Vielleicht habe Benny dies als ‚enterben’ ausgelegt. Der Notar sei an dem besagten Tage wegen eben dieser Änderung bei Herrn Mandelstein im Hotel gewesen und habe ihn abends angerufen, ob er zur Unterzeichnung noch vorbeikommen sollte. Ja, das Testament sei in der ursprünglichen Version nun gültig, erfuhr Zoller.

    „Etwas ganz anderes: Mögen Sie Mozartkugeln?“, fragte Zoller

    „Ich – nein, zu süß! Hätten Sie die Kugeln weggelassen und rein nach Mozart gefragt, ich hätte mit überzeugtem Ja geantwortet.“ Sein Blick fiel auf die Glasschale. „Ach, sie meinen diese hier. Hat meine Frau eingeführt, sie kauft sie ab und zu.“

    Zoller hatte keine Fragen mehr, verabschiedete sich und ging den Weg zu seinem Wagen zurück. Unterwegs schaute er auf seine Uhr. Es war zehn Minuten nach zwei. Kurz vor Kleist’s Grab ging sein Handy. Es spielte das Forellenquintett von Schubert, also war es Katharina. Sie sagte, sie spräche aus höheren Gefilden mit ihm, er entgegnete, er hoffe, sie weile noch unter den Lebenden, lebende Engel seien ihm lieber, worauf sie lachte und sich mit ihm für achtzehn Uhr verabredete.

    Kapitel 8

    Nach zwanzig Minuten war Zoller im Büro. Er hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt und die Notizen aus der Jackentasche genommen, als Fritz Wanzke zu ihm kam und sich auf einen Stuhl setzte.  „Wie kommt ihr voran?“ fragte Zoller. Wanzke berichtete über die Daten, die vom Notar Mommsen vorlagen, alteingesessene Berliner Juristenfamilie, beste Zeugnisse, Studium in Berlin und Barkley, keinerlei Auffälligkeiten, er genoss allseits einen guten Ruf und betreute ein ausgesuchtes Klientel, Senatoren, Staatssekretäre, Bürgermeister, alles von Rang und Namen, selbst der mediengeile Kanzlerfriseur gehörte zu seinen Mandanten. Glanzkarriere eines Promi-Anwalts. Nur eine Begebenheit fiel aus dem Rahmen dieses glücksverwöhnten Lebenslaufs.

    Eine vor elf Jahren geplante Hochzeit mit einer Tochter aus dem britischen Adel hatte nicht stattfinden können, die Braut verstarb unter nicht ganz aufgeklärten Umständen bei einem Routine-Eingriff in einer Berliner Privatklinik. Nach langer Trauerzeit hatte Dr. Mommsen erst vor drei Jahren seine jetzige Frau geheiratet.

    „Was hatte denn so einer mit einem betagten Medizinstudenten zu tun?“, fragte Wanzke.

    „Ach, wenn es um viel Geld geht, ist so mancher Mandant recht. Und was gibt es über die Pensionswirtin?“ Zoller mied ihren Namen, warum, wusste er selber nicht.

    „Isabel Hartmann,“ klärte ihn Wanzke auf, „seit zwölf Jahren betreibt sie die Pension, die in den letzten Jahren, wie wir erfahren haben, gerade so am Minimum entlang krebst.“ Das Hungertuch sah man dem Interieur der Pension und besonders der Wirtin nicht an, dachte Zoller, aber es soll ja Leute mit Ersparnissen geben und vielleicht waren die früheren Jahre ja ergiebig gewesen.

    „Privat wohnt sie in Wilmersdorf, ist achtunddreißig und unverheiratet, vielleicht ja lesbisch.“ Den Seitenblick Wanzke’s nahm Zoller absichtlich nicht wahr, stattdessen fragte er: „Was hat der Vergleich der Fingerspuren auf dem Cellophan der Konfektschachtel ergeben?“ Die Antwort war, dass die polizeitechnische Untersuchung, kurz PTU, noch im Gange war. Zoller fragte, was man denn an Hintergrund über die weiteren Verdächtigen in der Pension herausbekommen hatte.

    „Die Olga, die bei Frau Hartmann arbeitet – aber das kann Dir Ralf besser erzählen. Ralf!“ rief er in den Nebenraum. Kommissar Schneider erschien in der Türe. „Hallo Hartwig, gerade kommt aus München die Mitteilung, dass der Benny, der mit richtigem Namen, äh“ er schlug seine Papiere auf.

    „Lass nur, den Namen habe ich schon“, unterbrach Zoller.

    „Also dass dieser Benny bald wieder nach Berlin kommen will.“

    „Das passt mir gut. Er ist schließlich einer der Hauptverdächtigen, der derzeitigen Motivlage nach, zumindest.“

    „Dein Münchner Spezi hatte angerufen, der Hauptkommissar Kammerle oder wie er heißen mag.“

    „Kammerlander. Wie der Tiroler Bergsteiger Kammerlander, der 1996 mit Skiern im Gepäck den Mount Everest bestieg und dann – stellt Euch vor! – mit den Skiern vom höchsten Berg der Welt runtergebrettert ist. Nur, mein Kammerlander ist leider nicht verwandt, nicht einmal verschwägert mit ihm.“

    Schneider fuhr mit der Berichterstattung fort: „Der Benny soll am Boden zerstört gewesen sein, als er vom Tode seines Freundes erfuhr, schrie und weinte und konnte es nicht fassen. Man wollte ihn heute am Morgen befragen, doch er war noch stockbetrunken und hat gebrüllt, das sei ein böser Scherz, den man sich mit ihm erlaube, es könne nicht sein mit dem Tode seines Freundes, er werde nach Berlin fahren und die Sache persönlich aufklären.“

    „Leichte Überreaktion“ schnaufte Wanzke.

    „Lass ihn kommen, wir nehmen ihn uns schon zur Brust.“

    „Die Münchner sagen, sie melden, wenn sie wissen wann er abfährt.“

    „Gut. Was haben wir von dieser Olga Wolaniska?“

    Kurt Schneider blätterte in seinen Papieren: „Nichts Offizielles.“ Den Kollegen hatte sie erzählt, sie wäre vor zwei Jahren einmal besuchsweise mit ihrem Bruder nach Berlin gereist und hätte bei diesem Aufenthalt per Zufall Frau Hartmann kennen gelernt, danach wäre sie ab und zu wieder in Berlin gewesen und hatte aushilfsweise in der Pension gearbeitet, bis Frau Hartmann Sie gefragt hätte, ob sie das nicht ständig tun könnte. Das war vor einem dreiviertel Jahr und seit Mai diesen Jahres sei die Freizügigkeit durch den Beitritt Polens zur EU gewährleistet, sie sei gemeldet und wohne nun bei ihrem Bruder. Über diesen hole man gerade Informationen bei anderen Dezernaten ein.

    Zoller erkundigte sich weiter, ob man schon Informationen über das Opfer bekommen hätte. Schneider und Wanzke warfen sich einen Blick zu, dann beeilte sich Schneider zu sagen: „Die Münchner sind dran, wir bekommen wohl in der nächsten Zeit Nachricht.“ Zoller wusste, dass sie dies so schnell wie möglich nachholen würden.

    „Du wolltest noch über diesen Hauser Informationen“, fiel Schneider ein, „eigentlich: Hauser zu Schönberg, Vorname Friedbert G., aus den Namen Friedel Berthold Gottlieb gebildet. Nicht vorbestraft. Akademiker aus verarmtem Adel, lebte in verschiedenen Städten in Deutschland und im Ausland, kein genauer Beruf. Wir wissen nur, dass er in Karlsruhe Taxi fuhr, in Stuttgart für ein Stadtteil-Blättchen schrieb, in Frankfurt Hauslehrer war und ähnliche Jobs in England und Frankreich übernommen hatte. Offenbar lebt er von diesen Jobs und dem Rest eines Erbes. Gemeldet ist er seit sechs Monaten in Berlin, Hauptwohnsitz die Pension Am Kreuzberg.“

    „Welche ja nun nicht gerade mit dem Adlon zu vergleichen ist, wo sich der Adel, die  Michael Jackson’s,  Gorbatschow’s und so manche von der Wirtschaft gekauften Banker über die Füße laufen. Der Hauser braucht Geld und keinen Mord“, sinnierte Wanzke „und auch diese Olga hat keinen Grund, einen Gast zu morden, ebenso nicht die schöne Wirtin Isabel,“ wobei er einen Blick zu Zoller wagte, „auch der Notar nicht, also ich weiß nicht. Für mich bleibt der erwähnte Russe und dieser Benny, das Schnuckelchen, übrig.“

    „Wie war das mit den Preußen?“, warf Zoller ein.

    „Ja, ich weiß, so schnell schießen die nicht. Bismarck lässt grüßen. Ja, ich weiß, zur Zeit können wir noch keine Schlüsse ziehen, wir sammeln noch.“

    „Und genau das sollten wir jetzt weiter tun.“  Sprach’s  und wandte sich seinem Schreibtisch zu. Die anderen verließen den Raum stillschweigend.

    Zunächst ging Zoller die Liste der Gegenstände durch, die im Zimmer des Toten gefunden worden waren. Das meiste waren nichtssagende Gegenstände, Bekleidung, ein Reisenecessaire mit verschiedenen Tübchen und Döschen, ein medizinisches Fachbuch mit Eintragungen, Kleinkram und Schnickschnack. Am Körper hatte er eine offenbar echte Rolex, einen Goldring und ein Goldkettchen ohne Anhänger getragen, das jetzt winzig und verschrumpelt in der Plastiktüte lag.

    Der Notizzettel kam ihm zwischen die Finger, auf dem der Tote einige ihm wichtige Kürzel hinterlassen hatte. Es fielen ihm einige Abkürzungen auf, die sich lasen wie CSCNS, Worenzof, es konnte auch Woronzef heißen, dabei einige Zahlen, die Telefonnummern oder Pins bedeuten konnten, die man heutzutage ja für alles und jedes benötigt.  Zoller griff nach dem Telefon. Schneider meldete sich. Zoller gab ihm einen Auftrag: „Da gibt es noch einen Namen Worenzof, Woronzeff oder so ähnlich. Scheint Russe zu sein. Seht einmal, ob ihr etwas über ihn findet.“

    Er machte sich eine Kopie von dem Zettel, um diese Zahlen und Abkürzungen immer griffbereit zu haben.

    Zoller stand auf, ging ans Fenster und lehnte sich an den Rahmen. Er blickte auf den autobestandenen Hof des Landeskriminalamtes ohne etwas zu sehen. Er überlegte, dass ein Giftmord nie im Affekt verübt wurde, der Mörder also Zeit für die Vorbereitungen benötigte. Hinzu kam, dass ein Giftmörder in der Regel aus dem nächsten, meist familiären Umfeld stammte. Das Umfeld des Toten lag in München. Wer in Berlin stand ihm so nahe, dass sich ein Motiv ergeben haben könnte?

    Oder ist das Motiv in seiner Berliner Vergangenheit zu suchen? Oder vielleicht doch in der Gegenwart? Das Wichtigste schien ihm die Durchleuchtung der Person des Opfers.

    Wie auf Geheiß meldete sich Doktor Nimrod telefonisch, Zoller erkannte ihn sofort an seiner blechernen, militärischen Stimme und roch gleichsam den Zigarrenqualm, der Nimrod immer und überall umgab, selbst am Telefon: „Zoller? Hier Nimrod. Gerade Obduktion Mandelstein finalisiert. Rapportiere, oder sind Sie gelüstig, den aufgebrochenen Kadaver zu besichtigen? Noch ist er präsent, auf dem Präsentierteller sozusagen, kalte Platte, ho ho ho!“

    Zoller überging den etwas steilen Humor.

    „Danke, es reicht, wenn Sie mir telefonisch die wichtigsten Dinge mitteilen.“

    „Perfekt, mein Lieber, perfekt. Also, wie am Tatort de facto prädisponiert, letale Dosis Digitoxin, deutsch: wie vorausgesagt Vergiftung durch Überdosis Digitalis purpurea, sprich roter Fingerhut, verabreicht durch globus mozarteum germanicum, was soviel bedeuten soll wie Mozartkugel deutscher Herstellung. Prinzipielle Blasphemie, jeder weiß, Mozart war Österreicher. Perfide, perfide.“

    „Keine sonstigen Spuren, die zum Tode hätten führen können?“

    „Positiv!“

    Da Zoller momentan mit der Antwort nichts anfangen konnte, entstand eine Pause. In diese hinein sagte der Doktor: „Pankreas. Das Digitoxin hat ihm den Krebstod erspart.“

    „Was?“

    „Der Kandidat hatte bereits sein One-Way-Ticket. In der Bauchspeicheldrüse.“

    „Krebs?“

    „Ja. Periampulläres Karzinom, ausgedehnte Metastasierung und leckere Karzinose.“

    „Deutsch?“

    „Unheilbar. Körper verseucht. Vorübergehendes Ruhestadium. Perfide, perfide!“

    „Hat er das wissen können?“

    „In diesem Stadium? Sicher!“

    „Lebenserwartung?“

    „Bei diesem strotzgesunden Korpus? Meines Erachtens zwei bis fünf Jahre. Aber manchmal kotzen sogar Pferde, wie meine Mutter, ihres Zeichens Kavalleristin, zu sagen pflegte.“

    Zoller dankte dem Mediziner. War es vielleicht doch Selbstmord? Dann überlegte er, was alles dagegen sprach. Dagegen sprach der ganze Aufwand der Neugründung von zwei Firmen, das Nichtvorhandensein eines Abschiedsbriefes, die ganzen Verabredungen mit Woronzeff und Mommsen. Alles sah danach aus, als ob er entweder keine Ahnung von seinem Zustand gehabt hätte oder diesen einfach vollkommen ignoriert, um mit seiner verbleibenden Zeit noch Geschäfte aufzubauen. Die wem nutzen sollten? Benny. Warum sollte Benny ihn dann umbringen? Dann, wenn er es nicht für Benny, sondern für einen anderen tat. Benny sollte schließlich enterbt werden, wie er es nannte.

    Als Zoller sich wieder seinem Schreibtisch zuwandte, kamen ihm die Mozartkugeln in den Kopf. Er erinnerte sich an seine Kindheit, seine Großmutter, an die warme Stube im Winter, an herrlich duftende, selbstgemachte Kekse in einer ihm ungeheuer groß erscheinenden, metallenen Keksdose, an das dumpfe, hohl klingende Geräusch, wenn Oma Helene die Dose als Ankündigung schüttelte, verheißungsvoll nach Süßem. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Manchmal, zum Geburtstag oder Namenstag, schenkten seine Eltern Helene eine Schachtel Mozartkugeln, die etwas ganz Besonderes sein mussten, denn wenn die Großmutter die Schachtel öffnete und eine der Kugeln vorsichtig aus dem goldenen Glanzpapier gewickelt hatte, wurde diese zeremoniell mit einem besonderen Messer in präzise vier Teile zerlegt. Jeder bekam eines der wertvollen Köstlichkeiten und ein allgemeines ‚Mmmh!’ machte die Runde. Und wenn man nach sechs, acht Wochen die Großmutter wieder besuchte, wurde eine zweite Kugel zelebriert. Er hatte seitdem nie wieder eine Mozartkugel gegessen und nach vierzig Jahren total vergessen, wie sie schmeckten. Er würde sich auf dem Heimweg eine Schachtel besorgen.

    Kapitel 9

    Gegen halb sechs saß Katharina bereits im Schatten der Bäume von Loretta im Garten, einem ausgesprochenen Biergarten für Touristen in der Lietzenburger Strasse, unweit des Kurfürstendamm, umgeben von Hotels und Nachtbars, deren Höhlen und Höllen die Touristen aufnahmen, die noch nicht ihren Schlaf- oder Erlebnispegel erreicht hatten. Kein Treffpunkt ist anonymer als mitten in einer Unmenge von Menschen. Die Größe der Bratwürste, Kalbshaxen und Bierhumpen entsprachen den Erwartungen der Gäste nach Hauptstadtformat, die sich aufdrängende Freundlichkeit der Bedienung am Tresen lenkte ab von den enormen Preisen und mündete auch in enormen Trinkgeldern. Der einzige Nachteil bestand in der Selbstbedienung. Berliner gingen nur gezielt hierher: Weil sie Gäste ausführten, weil ihnen nach Loretta im Garten zumute war oder weil man hier «ungestört» Mitteilungen austauschen konnte, die nicht für fremde Ohren bestimmt waren. Katharina hatte sich ein Bier und eine Brezel geholt und setzte sich auf die Holzbank an einem leeren Tisch, legte Laptop, Handy und Zigaretten, ein Feuerzeug, eine Packung Papiertaschentücher, einen Stift und einen Schreibblock vor sich. Für Dritte musste es den Anschein haben, als ob sie ein Büro eröffnen wollte.

    Noch am Nachmittag hatte sie aus ihrem Büro einen guten Bekannten in München angerufen, den beste Beziehungen zur Schwulenszene Münchens auszeichneten. Er war so etwas wie der Beichtvater der Szene, die Mutter, der man sein Herz vertrauensvoll ausschütten kann. Sie hatte ihn um Auskunft über die beiden Namen gebeten, die sie sich bei Olga aufgeschrieben hatte. Sie wusste zwar, Zoller mochte es nicht, wenn sie sich in einen Fall «einmischte», doch hatte er hin und wieder auch ihren Zugang zu Informationen zu schätzen gewusst, der aus anderen, als der Polizei zur Verfügung stehenden Quellen gespeist wurde. Vielleicht traf er sich ja auch deshalb gerne mit ihr, wobei sie gerne das auch betont sehen wollte. Sie öffnete ihren Laptop, mit dem sie unabhängig ins Internet gehen und ihre E-Mails abholen konnte, was sie nun tat.

    Tatsächlich kamen drei Mails an, wovon eine ein Spam war (ausgerechnet für Viagra), die andere eine Nachricht einer Freundin und die dritte, gerade zehn Minuten alt, die Information über Herrn Mandelstein. Ein Satz betraf auch Benny, über den allerdings noch weitere Informationen folgen sollten.

    Und so las sie kauend und an der salzigen Brezel zupfend die frischen Nachrichten, die aus dem virtuellen Briefkasten auf ihren Bildschirm geflattert waren. Zwischendurch schrieb sie ein paar Antwortzeilen an die Freundin und machte sich die eine oder andere Notiz. Die Brezel war schneller verschwunden als ihre Gelüste nach ihr und sie holte sich eine neue.

    So, ihre Brezel zerpflückend, vorgebeugt, die rötlichblonden Haare im Spiel der Sonne zwischen den Blättern, fand Zoller sie, wie sie gerade einen großen Schluck aus dem übergroßen Bierhumpen nehmen wollte, ihn erblickte, irritiert, ob sie nun den Schluck trinken oder nicht, ihn erst grüßen sollte oder nicht, plötzlich prustete, das Bier im Krug überschwappte und ein Schwall auf die Bank wappte, auf der sie hustend und prustend hüpfte, mit der einen Hand nach den Papiertaschentüchern angelnd, mit der anderen den Humpen auf den Tisch balancierend, bis sie endlich Luft bekam ihn zu begrüßen: „Scheiße!“

    „Angenehm, Zoller! Ist hier noch ein Plätzchen für Nichtschwimmer frei?“

    „Nein, nur für Kommissare außer Dienst.“

    „Kommissare sind immer im Dienst, das solltest Du doch wissen.“

    „Nun gut, ausnahmsweise, weil heute Dienstag ist.“

    Sie beobachtete ihn, wie er sich ihr gegenüber auf die Bank setzte. Er trug ein hellbeiges Jackett auf schwarzer Hose und schwarzem Hemd mit geöffnetem Kragen. Seine silbergrauen Haarstoppeln setzten sich in seinem Dreitagebart fort und gaben ihm, zusammen mit seiner natürlich gebräunten Haut einen männlich-eleganten Ausdruck.

    „Hauptsache, der Laptop und das Handy haben nichts abbekommen!“ Er legte ein Päckchen neben ihren Laptop auf den Tisch. Mit einem Blick erkannte sie die Verpackung als eine Plastiktüte aus dem KaDeWe, obwohl diese um den Inhalt gewickelt und die Aufschrift verdeckt war. Die kleinen, typisch blauen und weißen Quadrate auf schwarzem Grund verrieten die Herkunft. Ihren Blick als Frage bewertend, sagte er: „Mozartkugeln, frisch aus der Konfiserie.“

    „Hoffentlich unbehandelt!“

    „Du darfst gerne die erste vorkosten!“ Er holte eine in Zellophan verpackte Schachtel heraus, auf der ein Mozartkopf versonnen nach unten –vielleicht auf eine Partitur- blickte.

    „Danke, aber ich hatte gerade Salziges“ antwortete sie und wies auf die Krümel und die karatgroßen, blitzenden Salzkristalle, die auf dem Tisch verstreut lagen.

    „Na, was sagen die Gerichtsakten, was machen deine Fälle?“, begann Zoller das Gespräch.

    „Ach, dieser scheußliche Fall mit dem Mädchen? Vertagt auf übermorgen. Aber Hartwig, lass doch einmal hören, was es mit dem Digitoxin-Fall auf sich hat.“

    „In dem du ja schon stark ermittelt hast, hörte ich.“ Zoller schmunzelte und steckte Katharina an.

    „Nicht ermittelt, nur recherchiert! Ermitteln ist deine Sache! Also, die Pressemitteilung war ja recht mager. «Toter in Pension gefunden, bisher keine Hinweise» etcetera.“

    „Die mediale Form und Aussage der Anzeige hat dem Ermittlungsstatus zu entsprechen, würde unser Professor Hammann sagen. Je größer die Fahndungserfolge, umso fetter die Überschriften. Nein, im Ernst, wir tasten uns langsam an die Motivlage und die Verdächtigen heran.“

    Eine junge Bedienung kam vorbei und Zoller zeigte auf Katharinas Bier und dann auf sich. Sie sagte freundlich aber bestimmt, sie sei nur für das Abräumen zuständig, Getränke müsse man sich selber holen und verschwand. Seufzend stand er auf, ging zum Tresen und holte sich einen Humpen.

    „Übrigens: Was hat denn deine Recherche erbracht?“ Zoller machte ein übertrieben ernstes Gesicht.

    „Ich weiß, du nimmst mich nicht ernst. Nun, du wirst das alles auch schon wissen, das Opfer ließ sich gerne mit dem Titel ‚Doktor’ bezeichnen, wie die Damen Olga und Ursula berichten. Er war allerdings alles andere als ein solcher, auch wenn er mit seinen sechsunddreißig Jahren Medizin studierte, weil er es sich plötzlich leisten konnte. Allerdings wohl nicht durch das Geld, welches er sich als Krankenpfleger verdiente.“

    „Woher, zum Donnerwetter, weißt du das denn?“ Zoller war sprachlos und schaute auch so drein. Jetzt war es an ihr, ein übertrieben ernstes Gesicht zu machen: „Meine Quellen sind juristisch vielleicht nicht einwandfrei, dafür sprudeln sie aber.“

    „Ist das belegbar?“ Er tat einen großen Schluck, dass es zischte.

    „Möglicherweise, wir recherchieren noch.“

    Er wischte sich erneut den Schaum vom Mund und fragte mit hochgezogenen Brauen:  „Wer ist wir?“

    „Ein alter Münchner, ein ausgewiesener Kenner der Schwulenszene und meine Freundin Barbara. Auch Journalistin, aus Österreich.“, fügte sie hinzu.

    „Du und deine internationalen Kontakte.“

    Lachend berichtigte sie ihn: „In diesem Falle wohl mehr intersexuelle Kontakte. Ich habe heute einen äußerst interessanten Bericht bekommen. Wohl gemerkt, alles aus der Münchner Gerüchteküche. Unseren ‚Doktor’ betreffend. Er hatte offenbar ein Händchen dafür, sich Feinde zu machen.“

    „Einen Feind hatte er gewiss. Nur schlug dieser in Berlin zu und nicht in München.“

    „Vielleicht gerade deshalb?“

    „Um der Münchner Polizei die Arbeit zu ersparen?“

    „Nein, um von München nach Berlin abzulenken. Sei es wie es sei, hier habe ich diese Münchner Geschichte.“ Sie klopfte auf ihr Laptop. „Ich kann dir gerne einen Ausdruck machen.“

    „Erzähle mir erst einmal, was die wild brodelnde Münchner Küche so hergibt.“

    „Mein Mittelsmann, ich nenne ihn mal Martin, schreibt, unser ‚Doktor’ Mandelstein sei ein böser Finger, bekannt seit Jahren, nicht nur dadurch, dass er im generell schon promiskuitiven Milieu die Freunde gegeneinander ausspielte, nein, sondern ihnen auch noch gerne Beziehungen andichtete, die es nicht gab und intrigierte, was das Zeug hielt. Irgendwie fand er Spaß daran, anderen zu schaden, vielleicht eine Form ausgelebten Sadismus. Nebenbei soll er mit Medikamenten gehandelt haben. Dann, und dies wird als Höhepunkt seiner ‚Karriere’ gesehen, kam diese Geschichte mit der alten Dame. Diese Dame, so in den achtzigern, selbst kinderlos und ohne weitere Verwandte, war einem schwulen Freund Helmi zugetan, der sie täglich besuchte, sie pflegte, ihr die Pillen gab, sie wusch, einfach sich um sie kümmerte. Dafür bemutterte sie ihn und hat ihm wohl auch – in Ermangelung von Enkeln– ab und zu was zugesteckt. Das hatte sich in den Kreisen herumgesprochen. Helmi nannte die alte Dame offiziell ‚Tante’. Eines Tages kam dieser Helmi völlig aufgelöst zu Martin und berichtete, seine ‚Tante’ habe ihn verstoßen und er wisse nicht warum. Kurz, es zeigte sich, dass unser ‚Doktor’ ihm diese alte Dame weggeschnappt hatte, indem er ihr Schauergeschichten über Helmi erzählt haben musste, zum Beispiel, wie Helmi über sie in der Öffentlichkeit gespottete haben sollte und so weiter. Und als die alte Dame unserem ‚Doktor’ nicht glauben wollte, legte er ihr gefälschte Beweise vor. Er spielte sich als Retter auf und versaute dem Helmi dadurch nicht nur diese innige Freundschaft, sondern auch ein gehöriges Darlehen, welches die alte Dame dem Helmi geben wollte, der sich damit eine Boutique aufmachen wollte. Man sagt, dies Darlehen habe nun ‚Husky’ bekommen, wie man unseren toten Freund in München nannte. Die genauen Hintergründe könnten nie richtig festgestellt werden, denn die Alte Dame verstarb bald. In dieser Zeit schrieb er sich an der Uni ein. Er wollte seinen Doktor machen, hieß es. Danach hörte und sah man von ‚Husky’ eine Zeit lang nichts und als er dann wieder auftauchte, hatte er den Benny am Bandel und spielte sich als ‚Global Player’ auf, warf mit dem Geld nur so um sich. Man munkelte was von ‚dunklen Geschäften’. Dann muss er mit Intrigenspiel eine gut laufende Physiotherapie in den Ruin getrieben haben, weil er selbst eine solche aufmachen wollte und ihm die Konkurrenz nicht gefiel.“

    „Wann war das?“, fragte Zoller nachdenklich

    „Das muss so drei Jahre her sein.“

    „Das kommt mit seinen Unterlagen hin, wonach er im sechsten Semester studiert.“

    „Und mit seinem besonderen Anspruch. Er wollte immer etwas Besseres sein, was das bei ihm auch bedeutet haben mag.“

    „Nun ja, viel Zeit blieb ihm nicht, das zu verwirklichen.“

    „Was meinst du damit?“

    „Unser Schlittenhund hatte Krebs.“

    „In dem Alter?“

    „Krebs macht nicht vor Schönheit und Jugend halt.“

    „Fast möchte man sagen, dieser Scheißkerl täte einem Leid. Hat er sich vielleicht doch selbst umgebracht?““

    „Und die ganzen Aktivitäten? Der Neuanfang in Berlin?“

    „Vielleicht hatte er plötzlich keine Lust mehr?“

    „Aber doch nicht mitten in den Verhandlungen mit seinem Notar. Dein Münchner Martin, ist der zuverlässig?“

    Katharina machte ein undurchdringliches Gesicht: „Absolut.“

    „Kann man von dem Helmi den richtigen Namen erfahren? Vielleicht ein langer Arm der Rache aus München.“

    „Sicher, ich werde Martin fragen.“

    „Weiß man, um wie viel Geld es sich bei dem ‚Darlehen’ der alten Dame handelte?“

    „Martin meinte, es seien wohl fünfzigtausend Euro gewesen, die Helmi ihm gegenüber erwähnt hatte. Hübsche Summe, nicht?“

    „Nicht genug.“ Zoller blickte in erstaunte Augen. „Unser Husky-Doktor hat hier in Berlin mit weitaus mehr Geld herumgewedelt. Wir fragen uns, woher dieses Geld kommt.“

    „Erspart?“

    „Erspart, natürlich! Wieso bin ich nicht darauf gekommen?“

    Wie als Antwort fiel ein dicker Tropfen in sein halbleeres Bierglas und tauchte glucksend in den Rest Schaum.

    Das Gewitter brach unvermittelt los. Sie hatten nicht wahrgenommen, dass sich die Leute um sie herum langsam verzogen hatten. Sie griff ihren Laptop und er half ihr beim Aufsammeln aller ihrer Gegenstände. Fast hätte er seine Tüte mit den Mozartkugeln vergessen. Die Gläser ließen sie stehen und waren froh, nur halb durchnässt das Dach des Bierausschankes zu erreichen. So standen sie dicht aneinander gedrängt zwischen anderen regennassen Leuten und versuchten, meist vergeblich, den Sturzbächen der Dachtraufe auszuweichen, die von Windböen getrieben auf sie zu schossen und das, was noch nicht nass war, gründlich einzuweichen.

    Nach kurzer Zeit schwamm der gesamte Boden des Gartens von Regenwasser und bildete eine große Wasserfläche, auf der hier und da die letzten Tropfen aufplatzen. Der See dampfte und rundum roch es nach Schwüle. Ihre beiden Biergläser standen bis zur Kante gefüllt auf dem verlassenen, tropfenden Tisch.

    Sie sah Zoller ernst an: „Kein guter Abend für Nichtschwimmer.“

    Den Rest des Abends verbrachte Zoller zu Hause, zuerst bei einer Portion Wildschweinbraten aus der Dose mit Klößen aus der Schachtel, dazu Preiselbeeren aus dem Glas und ein Schultheiß-Bier aus dem Kühlschrank, das Ganze auf dem Balkon angerichtet und mit viel Appetit gegessen. Dann verzog er sich nach drinnen, machte sich einen Nescafé, schaltete den Fernseher ein, drehte ihn leise, suchte umständlich in einem Weidenkorb unter den Zeitungen ein Magazin und blätterte hinein ohne zu lesen. Plötzlich fiel sein Blick auf die gekauften Mozartkugeln. Als er der Schachtel eine Kugel entnommen und vom Goldpapier befreit hatte, hielt er inne, stand auf, holte aus der Küche ein Messer und schnitt in alter Erinnerung die Marzipankugel kreuzweise; dann nahm er ein Viertel in den Mund, hielt seinen Kopf schief, als ob er dadurch besser schmecken könnte und gab einen Grunzton von sich. Irgendwas in ihm erinnerte sich an diesen Geschmack. Kurz darauf nahm er die restlichten Stücke mit einem Griff und ließ sie in den geöffneten Mund purzeln. Das Pistazienmarzipan verbreitete zusammen mit der Zartbitterschokolade einen wohltuenden Schmelz im gesamten Mundraum, alle Sinne konzentrierten sich auf diesen weichen, mit der Zunge formbaren Klumpen, dem er nach und nach etwas von seiner Substanz entzog und sich in kleinen, wohltuenden Schlucken genüsslich einverleibte. Vor ihm flimmerte tonlos die Mattscheibe, seinen Finger entglitt das Magazin, er schaute zum Fenster und überließ sich den aufkommenden Bildern von früher. Er sah ein Mohnfeld im Wind, ein Meer von winkenden roten Fahnen, darin seine Mutter, die ihn rief und er lief und lief und dann spürte er, wie sie über seine Haare strich. Dann hörte er seinen Vater ihn anfeuern, als er in der Schulmannschaft Fußball spielte, roch dann die Mischung aus stickigem Keller und kaltem Schweiß in den Katakomben seines Boxclubs. Dann verschwammen die Bilder und es verdichtete sich aus den verwischten Fetzen eine schlanke weibliche Gestalt mit schwarzen Haaren und dunklen Augen in einem tiefroten, im Winde wehenden Kleid am Ende eines von Windböen wallenden Weizenfeldes. Die Gestalt wandte sich  ihm zu und winkte ihm. Was sie ihm zurief, konnte er nicht verstehen.

    Zoller fuhr aus seinem Sessel hoch und wischte mit einer Handbewegung über die Stirn seine Schläfrigkeit und die aufkommenden Gedanken an Eva fort.

    Er spürte noch den Marzipangeschmack in seinem Mund und plötzlich schoss die Frage durch sein Hirn: Wie kommt Digitoxin in Mozartkugeln?

    Diese und die Frage nach den Fingerspuren auf dem Cellophan wären die ersten, die er morgen früh geklärt haben wollte.

    Kapitel 10

    Katharina saß um diese Zeit im Steakhaus „Maredo“ am Kurfürstendamm. Ihr gegenüber eine schmale Frau, die man auf Mitte vierzig schätzen konnte. Ihr kurz geschnittenes, weißgraues Haar gab ihr, zusammen mit ihren sehr feinen Gesichtszügen den Nimbus einer Intellektuellen. Beide hatten gerade ihr Mahl vollendet und schauten durch die Fenster der geschlossenen Terrasse auf die Menschen, die zum Teil hektisch, zum Teil schlendernd, die Flaniermeile des westlichen Zentrum Berlins bevölkerten.

    „Barbara,“ begann Katharina, „Du wolltest mir noch von deiner Arbeit in Hamburg erzählen.“ Die Angesprochene war noch voll der Eindrücke der Gemäldeausstellung, die zur Zeit in der Neuen Nationalgalerie stattfand, welche auch bis jetzt Thema ihres Tischgesprächs gewesen war: MoMA, über zweihundert Meisterwerke des Museums of Modern Art aus New York. Die von zwei namhaften Kuratoren initiierte Ausstellung präsentierte die Kunst der Moderne in einer in Europa bisher nicht da gewesenen Qualität und Bandbreite. Der Bogen spannte sich von den späten Impressionisten über die klassische Moderne bis hin zur zeitgenössischen Kunst. Dieser exorbitante Kunstgenuss kam den Berlinern nur dadurch zugute, weil das New Yorker Museum Umbauarbeiten erfuhr.

    Barbara tat, als hätte sie die Aufforderung nicht wahrgenommen und bestellte sich bei der Bedienung mit ihrer offensiv-charmanten Wienerischen Mundart einen Wein, dann sagte sie zu Katharina: „Pensionist müsste man sein und Geld wie Heu besitzen, dann könnte man alle Schönheiten der Welt aufsuchen und angemessene Zeit bei ihnen verbringen. Aber so  nimmt man die Häppchen, wie sie sich einem bieten.“ Hier machte sie eine nachdenkliche Pause, um dann doch auf Katharinas Frage einzugehen: „Kommen wir also zum Realismus des Tages zurück,“, Katharina mochte den lieblichen Wiener Singsang ihrer langjährigen Freundin, sog ihn regelrecht auf, “zu den niederschmetternden Dingen des alltäglichen Journalismus, für den wir ja beide arbeiten. Wir sind heuer auf etwas recht Widerliches gestoßen. Wie Du weißt, arbeite ich mit dem Enthüllungs-Autor Frank Wondratschek zusammen, der so einige Hintergründe organisierten Verbrechens aufgedeckt hat.“

    Katharina erinnerte sich an einige schwerwiegende Fälle der Verquickung von Kriminalität mit Politik, die er in Österreich aufgedeckt hatte. Seine Bücher verkauften sich ebenso rasend wie er sich genötigt sah, seine Wohnorte zu wechseln. Ihr war es immer ein Rätsel gewesen, wie er zu den brandheißen Informationen gekommen war. Jetzt hatte er sich wohl vorübergehend in Hamburg niedergelassen.

    „Es handelt sich heuer um eine besonders abscheuliche Art des Menschenhandels,“, fuhr Barbara fort, „der Handel mit Babys. Einige Anhaltspunkte gibt es, wenige Namen und noch weniger Beweise – bis jetzt. Allerdings -“ sagte Barbara und kniff die Augen zusammen, „allerdings, und das wird dich vielleicht interessieren: Es führen Spuren nach Berlin oder jedenfalls in die Umgebung von Berlin. Hast du schon einmal von einer Firma „Childrens Social Corporation“ gehört? In Hamburg sind wir auf zwei Russen gestoßen, von denen wir annehmen, sie haben damit zu tun. Das sind schändliche Menschen. Sie überreden werdende Mütter in armen Ländern, ihre Kinder in reichen Staaten zu gebären. Dort hätten sie die beste klinische Versorgung – was ja auch stimmt. Was sie ihnen nicht erzählen ist, dass sie ihnen dann die Kinder abnehmen, im besten Falle abkaufen, um sie weiterzuverkaufen. Und wenn eine Mutter sich zu sehr sträubt, finden sie Wege, sie ohne ‚Bezahlung’ loszuwerden.“ Barbara blickte durch Katharina durch, ihr Gesicht war leicht gerötet vor gesundem Zorn. „Die Frauen kommen in der Regel aus dem Osten, zum Beispiel aus Rumänien, Litauen, der Ukraine, manchmal sogar von noch weiter weg.“

    Katharina blickte sie an, Barbara erwiderte ihren Blick und fragte plötzlich: „Was ist, woll’n wir ein Schnaps?“, sie lächelte plötzlich, „Ich kann mich dabei so furchtbar erregen, da hilft nur a guades Schnapserl dagegen.“ Sie sprach es wie ein Zitat, dann winkte sie der Bedienung und fragte fachmännisch nach einem ordentlichen Rachenputzer. Sie einigten sich auf Linie. Als die zwei Gläser mit dem norwegischen Flaggenzeichen vor ihnen standen, meinte Barbara: „Der ist mir über. Er ist bereits einmal um die Welt gereist. Sagt man.“ Der Aquavit zog seine heiße Spur die Speiseröhre entlang. Barbara bemerkte: „Was man alles aus Kartoffeln und ein bisschen Kümmel machen kann! Übrigens soll er immer noch per Schiff zweimal den Äquator überqueren, die Linie, wie man sie nannte, in Sherry-Fässern, wegen des Aromas.“ Übergangslos fuhr sie fort: „Ist das nicht eine Schweinerei?“

    „Was meinst du?“

    „Das mit den Kindern!“

    „Ach so. Und du bist sicher, das geschieht auch hier in Berlin?“

    „Es scheint so. Bei uns in Hamburg sind wir einer Bande auf der Spur. Von Dänemark haben wir es gehört und von Italien. Irgendwo bei Venedig soll auch so ein Teufelsnest sein.“

    „Was machen sie denn mit den Babys?“

    „Sie verschachern die Kinder an Eltern ohne Nachwuchs, besonders, wenn es denen zu lange dauert mit der amtlichen Zusage zur Adoption oder nach einer Ablehnung, weil die Eltern zu jung oder zu alt sind, oder irgend ein Papier nicht nachweisen können oder das Einkommen zu gering ist. Über zwanzig Dokumente braucht’s hier und diese müssen beglaubigt und noch einmal beglaubigt werden. In Sachen Bürokratie standen wir Österreicher euch Deutschen nie nach. ‚Die Bürokratie gilt sich selber als der letzte Endzweck des Staates’ sagte, besser schrieb Karl Marx. Manchmal meine ich, wir Österreicher hätten die Bürokratie erfunden, aber ihr, ihr habt’s neben Marx auch noch den Hauptmann von Köpenick, den Schuster, der sich mit Einfallsreichtum gegen die Bürokraten zur Wehr setzte.“

    Barbara dachte nach. „Wie hieß er noch?“

    „Wilhelm Voigt“ half Katharina aus, fasziniert von der eleganten und sprunghaften Eloquenz ihres Gegenübers, der Zickzacklinie ihrer Erzählungen: Von der fantastischen Gemäldeausstellung über den Kinderhandel, den Aquavit bis hin zum legendären Hauptmann von Köpenick, der durch Carl Zuckmayer’s Bühnenstück gegen die untertänige Hörigkeit dem Militarismus der Kaiserzeit gegenüber verewigt worden war.

    „Weißt was? Der Schnaps hat mich auf den Geschmack gebracht“, sagte Barbara mit entwaffnendem Lachen, „kennst du nicht eine Cocktailbar, irgend etwas Schrilles, Schräges, Abgefahrenes?“

    Katharina ging im Geiste die wenigen Cocktailbars durch, die sie in Berlin kannte. Es waren mehr oder weniger Hotelbars, die ihr einfielen, unter anderen die berühmte Paris-Bar in der Kantstrasse. Dort war sie schon mit Barbara gewesen und sie fanden das Lokal zu überlaufen und zu hoch gehandelt. Barbara hätte schon deutlich gesagt, wenn sie dorthin gewollt hätte und schräg und schrill war es dort gewiss nicht. Mit einen Mal fiel es ihr ein.

    „Wie wäre es mit einer absolut makabren Bar in Kreuzberg?“

    „Kreuzberg – das klingt gut.“

    „Allerdings kenne ich sie selbst nicht, habe sie nur bei Tag entdeckt.“

    „Umso besser, dann ist es für uns beide erfrischend neu.“ Barbaras Augen glänzten. Sie zahlten und beim Hinausgehen fragte Katharina: „Nehmen wir den großen Gelben oder den kleinen?“ Barbara sah sie verständnislos an: „Was zum Teufel ist der große Gelbe?“

    „Na der Doppeldeckerbus.“

    „Und der kleine?“

    „Ein Taxi.“

    „Ach so. Nun, was zuerst kommt, das nehmen wir glatt!“ So pragmatisch kannte sie ihre Barbara.

    Es war halb zehn am Abend. Sie hatten den großen Gelben genommen und sich während der Fahrt über das Geschaukel und Gehoppel amüsiert, indem sie sich vorstellten, sie würden die Heimfahrt mit diesem ausgesprochenen Gullysuchgerät und einigen kräftigen Drinks intus antreten. Sie kicherten wie junge Mädchen, die zu einem verbotenen Date fuhren und mit ebendieser Laune stiegen sie die Stufen zur Zyankali-Bar hinunter.

    „Den Zyankali-Cocktail nehmen wir aber zum Schluss, sonst entgehen uns ja die anderen Drinks!“, scherzte Barbara.

    Das erste, was sie wahrnahmen in der knapp ausgeleuchteten Bar war eine fette, behaarte schwarze Spinne, die sich von der Decke in erschreckendem Tempo an einem Faden auf die Theke niederließ, dort einige Sekunden verharrte um dann, in Blitzestempo, den Faden wieder zu erklimmen. Im gleichen Moment erscholl ein dreckiges Lachen, ein Spot ging an und beleuchtete hinter der Theke einen abgehackten menschlichen Kopf, triefend von Blut, der die Augäpfel rollte. Im selben Augenblick erhob sich hinter der Theke ein Kopf mit wirrem blonden Haar und goldener Randbrille. Dann erschien der dazugehörige, schlanke Oberkörper, in einem metallfarbenen Netzhemd.

    „Schönen guten Abend in meiner Giftküche“, kam es unter der Randbrille hervor, „treten Sie nur näher, ich benötige ständig neue Versuchspersonen.“ Es war mit ruhiger Ernsthaftigkeit vorgebracht, auch das schmale Lächeln des strichartigen Mundes war nicht überzeugend dazu angetan, diesen Willkommensgruß als Scherz auffassen zu lassen. Barbara schubste Katharina einen Schritt weiter in den Raum. Links hinter der Theke war eine riesige, beleuchtete Viole mit einem offenbar in Aufbewahrflüssigkeit haltbar gemachten menschlichen Skelett, das allerdings einen fremdartigen, mit langem Nasenknochen nach vorne gebogenen Schädel trug. In verschiedenfarbigen Schläuchen wurden rote, blaue und gelbe Flüssigkeiten vom einen zum anderen Körperteil gepumpt. Mitten auf dem Tresen lag eine abgehackte Hand mit rostigem Nagel in das Holz des Tresens gepflockt. Hinter dem Tresen leuchtete eine überaus bunte Batterie von Likören, Absinthen, Brandys, Cognacs, Aquavits und farbigen Flaschen aller Größe aufgereiht, deren bekannte Etiketten möglicherweise über den grauenvollen Inhalt hinwegtäuschen sollten. Barbara bemerkte das Zögern Katharinas und sagte lakonisch: „Schau, er hat dort auf einer Schiefertafel die Preise für seine Säuren und Laugen angebracht, er geht doch schon davon aus, dass wir vor Verlassen seines Labors noch bezahlen können.“

    Ganz überzeugt schien Katharina nicht, ging aber brav auf die Theke zu. Der Wirt lächelte noch immer: „Möchten Sie an der Theke oder lieber da hinten in der Gruft -“, er verschluckte das Verb und zeigte in einen weiteren Raum, in dem nicht nur Särge als Sitzgelegenheit dienten, sondern auch ein normal wirkendes Sofa und Sessel die Vorhölle verschönerten. Dort fanden sich auch Stühle und Sessel, die aus schierem Gebein geschnitzt schienen. Am Ende des Tresens hockte ein Mann vor einem giftgrünen Getränk, der mit glasigem Blick in einen Spiegel gegenüber stierte, als ob er sich ein letztes Mal von sich selbst verabschieden wollte.

    „Das ist René, der hat Liebeskummer,“ sagte der Wirt, „schon das dritte Mal in zwei Wochen.“

    Barbara entschied sich für die Gruft und sie setzten sich auf das normale Sofa.

    „Hat er das erzählt, um uns weiszumachen, er habe Stammgäste?“ fragte Katharina, bevor der Wirt mit der Getränkekarte kam.

    „Wenn ich ihnen etwas empfehlen dürfte?“, fragte dieser.

    Barbara antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Das wäre ja noch schöner. Wir möchten schließlich die Reihenfolge unseres Ablebens selbst bestimmen!“

    Das schmale, verständnisvolle Lächeln trat wieder auf die Züge unter der Goldbrille: „Ganz wie die Damen wünschen. Schließlich ist das hier ein Institut  für Unterhaltungschemie.“ Er reichte den Frauen die Karte mit den Worten: „Suchen Sie sich den passenden Abgang aus“, drehte sich um und verschwand hinter seinem Tresen, wohl um den derzeit einzigen Gast zyankaligemäß zu unterhalten.

    Die beiden Frauen schauten gespannt in die Karte. Neben dem Zyankali-Cocktail gab es wundersame Dinge wie Strychnin-Tränen, Kobaltbombensplittersaft, Fingerhutbier und weitere ersprießliche Bezeichnungen, die einem die Blässe ins Gesicht treiben konnten.

    Dann kam der blonde Wirt mit der Goldrandbrille, um die Bestellung aufzunehmen. Unter seinem Netzhemd sahen sie eine zähe gelbliche Flüssigkeit in einem Plastikschlauch pulsieren.

    „Was hätten Sie uns denn empfohlen?“, fragte Barbara.

    „Das kommt darauf an: Streben Sie ein abstinentes oder alkoholreiches Ableben an?“

    „Wenn schon, dann ordentlich und mit Schmackes,“ Barbara ging aufs Ganze „aber nicht schon gleich beim Ersten“ reduzierte sie ihren Eifer.

    „Nun, dann hätte ich ihnen zunächst den ‚Zyankali Entree’ empfohlen, mildes Bouquet, im Mittelbereich fruchtig mit einem leicht zynisch-morbiden Ausklang. Und was hätten die Damen gewählt?“

    Barbara legte den Finger auf die Karte und las ab: „’Strychnin on the Rocks’.“

    „Oh, das wäre eher etwas für einen kräftigen Mittelteil, vor dem dritten Gang.“

    „So? Das klingt ja wie ein Menü“ schaltete sich Katharina ein.

    „So ist es“ die Goldrandbrille blitzte sie an, „auch ein Ableben will zelebriert sein – man hat ja sonst nichts im Leben! Und eine gute Erinnerung will man ja mitnehmen.“

    Katharina spielte mit: „Dann geben wir uns ganz den Empfehlungen des gelahrten Magisters der Alchimie hin, was meinst du, Barbara?“

    „Vorausgesetzt, es ist ein ‚Strychnin-Cocktail’ dabei!“

    „Sehr wohl, die Damen.“ Er schien in einer Nebelwolke zu verschwinden.

    Sie blickten sich um. Am Boden neben ihnen waren die Umrisse der letzten beiden Verstorbenen mit Kreidestrichen grob eingezeichnet, Blutreste waren unzureichend weggewischt worden, dafür grinste sie von der Wand ein röhrender Hirsch an. War es eine Täuschung, oder glühten seine Augen rötlich? Irgendwoher rief ein Käuzchen und als sie von einem Geräusch aufmerksam gemacht, zum Tresen schauten, sahen sie den Wirt mit einem Pickel große Brocken Eis in einer Hirnschale zerkleinern.

    Bereits nach dem ‚Hauptelixier’, was wohl der Hauptspeise eines Menüs entsprechen sollte, kicherten und gickelten die Damen wie zuvor im Bus. Die Goldrandbrille kam wieder: „Da spüren Sie, wozu die Unterhaltungschemie – richtig dosiert – nütze ist. Haben die Damen Lust auf einen weiteren Gang?“

    „Wie können Sie da fragen? Jetzt schalten wir in den vierten Gang. Was empfehlen Sie?“ Barbara gluckste.

    „Carpaccio vom Fliegenpilz an ‚Sauce Moribundus’, flambiert mit Höllenqual und Eiter. Zwei mal?“

    Die Goldrandbrille brachte zwei übergroße Glasschalen, in denen, wie sie beide hofften, halbe Pfirsiche schwammen, gespickt mit grünen Punkten  in einer knallroten Brühe, verziert mit gelbem Schleim.

    Dazu brannten zwei Wunderkerzen, die einen höllischen grünen Qualm verbreiteten. Als die Wolken verzogen waren, sagte plötzlich Barbara: „Woronzeff!“

    „Wie bitte?“

    „Der Name des russischen Kinderhändlers.“

    Irgend etwas machte Klick bei Katharina, sie wusste nur noch nicht genau weshalb.

    Als sie schließlich gingen, hatten beide einen ordentlichen Schwips und mussten sich auf der Straße einhaken. „Ach, diese Art des Ablebens könnte man öfter zelebrieren!“ hatte Barbara gemeint, „Aber dass du dich gleich an den Wirt heranschmeißen musstest, der ist doch viel zu jung für dich! Ich habe euch beobachtet, wie er dir einen Zettel zusteckte.“

    „Ja, Barbara, so kann’s kommen. Aber im Ernst, ich habe ihn nur um seine Telefonnummer gebeten, um ihn morgen zu interviewen. In diesem Hause gab es schließlich einen Toten von dem anzunehmen ist, er und sein Freund haben auch in der Bar verkehrt. Schau, da kommt der große Gelbe!“

    „Papperlapapp, wir leisten uns jetzt einen kleinen Gelben. Da kommt schon einer! Hallo Taxi!“

    Kapitel 11

    Zoller war sehr spät aufgewacht und hatte zu Hause keinen Kaffee trinken können. Er freute sich auf eine frische Tasse heißen Kaffee’s im Büro, die er vor Beginn seiner Arbeit genüsslich trinken wollte. Sein Kommissariat verfügte über eine Sekretärin, die blonde Helga. Gleich zu Anfang hatte sich das Kaffeekochen als eine ihrer sonstigen Qualifikation reziproken Fähigkeit ausgewiesen, weshalb seitdem jeder aus der Abteilung aufschrie, machte sie nur die geringste Andeutung Kaffe kochen zu wollen. Nach einige Proben hatte sich Schneider als der Kaffeekoch des zweiten Kommissariats erwiesen. Dessen Kaffee schmeckte wie er roch und somit hatte Schneider auch einige Vorteile, wenn es um die strenge Einhaltung des Dienstplanes ging.

    Zoller freute sich also auf den Kaffe von Schneider. Er betrat sein Büro zehn Minuten nach offiziellem Dienstbeginn. Einem ‚Ersten Hauptkommissar’ sah man das nach, da er oft Überstunden machte. Eine Durchgangstür verband sein Büro mit dem seiner Mitarbeiter. Das erste, was er tat, nachdem er sein Büro betreten und sein Jackett auf einen Stuhl drapiert hatte, war die Verbindungstüre zu öffnen und nach Schneider zu rufen. Schneider war nicht im Raum. Vor dem Fenster zeichnete sich wie ein Scherenschnitt die beleibte Pracht Fritz Wanzke’s ab. Dieser schaute von einer Mappe hoch, die er in Händen hielt.

    „Kein Kaffee?“ Zoller blickte zur leeren Kaffeemaschine.

    „Kein Schneider, kein Kaffee,“ sagte Wanzke bedauernd, „Schneider ist beim Zahnarzt, akuter Fall. Übrigens war der Alte schon hier und hat nach dir gefragt. Er hatte einen Gast bei sich.“

    „Und ich habe Kaffeedurst!“ brummte Zoller.

    Fritz Wanzke erbot sich, seinem Chef einen Kaffee vom Automaten mitzubringen. „Haben wir Neues vom Opfer?“ rief ihm Zoller nach.

    „Auf Ihrem Schreibtisch!“, hörte er ihn von draußen.

    Zoller setzte sich und sah die Papiere durch. Er fand einen gefaxten Bericht aus München, das Opfer Mandelstein betreffend. Man hatte sich richtig Mühe gegeben, auch seine Berliner Vergangenheit durchforstet. Stefan Mandelstein war geboren als Stefan Mündel, war Kind gutbürgerlicher Eltern, in Westberlin im Stadtteil Steglitz aufgewachsen, besuchte Grund- und Oberschule, war einmal sitzengeblieben und war, nach mehreren ‚dringenden Verwarnungen’ kurz vor dem Abitur ‚unehrenhaft entlassen’ worden. Genauere Gründe waren in dem Papier nicht angegeben. Die Eltern stellten ihn vor die Alternative, den ehrenvollen Beruf eines Krankenpflegers zu erlernen oder sich ohne ihre Unterstützung durchzuschlagen. Stefan entschied sich für die Lehre. Danach arbeitete er erst in einer städtischen Klinik, dann in einer privaten. Diese verließ er abrupt 1993 und zog ganz plötzlich nach München.

    Zu einer Patientin der Münchener Privatklinik, einer älteren Dame namens Rebecca Mandelstein hatte er gleich ein ausgezeichnetes Verhältnis aufgebaut. Diese Dame Rebecca Mandelstein soll derart von ihrem jungen Pfleger angetan gewesen sein, dass sie ihm angeboten hatte, ihn zu adoptieren. Es ging allerdings auch das Gerücht, die Adoption wäre sein Wunsch gewesen. Belege für den einen oder den anderen Fall gab es keine. Zwei Jahre nach Adoption verstarb die Dame Mandelstein und es gab einen Rechtsstreit wegen des Erbes der alten Dame, den ihre Verwandten auf ganzer Linie gewannen. Nur den Namen durfte er behalten. In dieser Zeit arbeitete er in verschiedenen ambulanten Pflegediensten und Kliniken und holte das Abitur in einer Abendschule nach. Über den Grund für die häufigen Stellenwechsel gab es keine Auskunft. Und es gab keinen Hinweis darauf, dass er irgendwann, irgendwie mit dem Gesetz in Konflikt geraten wäre. Eine tadellose, saubere Weste also.

    Viel zu sauber, um vergiftet zu werden, sinnierte Zoller. Wann kam nur endlich Wanzke mit seinem Kaffee? Sicherlich hatte er wieder jemanden getroffen und quatschte.

    Sein Handy spielte den Flohwalzer von Ferdinand Loh. Ohne Hinzusehen wusste er, wer am anderen Ende war.

    „Zoller“, meldete er sich.

    „Hier Hammann. Herr Hauptkommissar, sind Sie schon im Büro?“ Es war nur die übliche Anspielung, weil er zu spät gekommen war.

    „Sind Sie doch so gut und kommen Sie so bald wie möglich zu mir.“

    Direktor Hammann war wohl nicht alleine in seinem Büro, sonst hätte er sich die Anrede ‚Herr Hauptkommissar’ geschenkt. Und die Bemerkung ‚so bald wie möglich’ war die höfliche Umschreibung von ‚sofort’. Zoller fiel eine Bemerkung Hammanns ein, dass ein Amtsbesuch aus Hamburg bevorstand. Jetzt war es wohl soweit und Direktor Hammann wollte mit seinem ‚besten Mann’ glänzen.

    Zoller stand auf und griff nach seinem Jackett. In diesem Moment trat Wanzke ein, mit zwei Fingern einen bis zum Rand gefüllten, dampfenden Plastikbecher jonglierend.

    „Vorsicht heiß und fettig!“

    „Muss zum Alten, kannst ihn selber trinken!“ Ungewollt stieß Zoller Wanzke an. Der Kaffee schwappte über. Zoller verließ den Raum und hinterließ einen Mitarbeiter mit verbrühten Fingern, der sich im unklaren war, ob er irgend einen Fehler begangen hätte.

    Direktor Hammann empfing Zoller in seinem Büro, welches ein Stockwerk über dem Zollers gelegen war und die Größe zweier Räume einnahm, denen man die Trennwand entwendet hatte. Ein großer Besprechungstisch stand am Fenster, darauf drapiert diverse Tee- und Kaffeetassen, Löffelchen und was man so benötigt. Glänzend fiel Zoller die silberne Thermoskanne ins Auge. Das war die Kanne mit dem Kaffee. Endlich würde er einen Schluck davon erhalten.

    „Herr Hauptkommissar Zoller, Herr Hauptkommissar Wendland“, stellte der Direktor die beiden einander vor, „Herr Zoller, unser bester Mann, arbeitet gerade an einem der selten gewordenen Fälle von Giftmord.“ Zoller hatte geahnt, dass die Bemerkung über den ‚besten Mann’ kommen musste. Hammann wandte sich ihm zu: „Übrigens arbeitet Herr Wendland in der Hamburger Abteilung Bandenkriminalität und OK. Er wird sich hier einige Abteilungen und – so hoffe ich – auch Berlin zu Gemüte führen.“ Zoller hoffte, dass er nicht auserwählt würde, auch noch den Städteguide zu machen, doch schien das sehr unwahrscheinlich während eines akuten Falles. Er setzte sich dazu und griff schon nach der Kaffeekanne, als Hammann ihn stoppte und ihn aufklärte, die Kaffeemaschine seiner Abteilung sei leider defekt. Es sei kein Kaffee in der Kanne. Er lasse gerade eine Kanne aus einer anderen Abteilung bringen.

    Direktor Hammann wies auf den Zitronentee in der weißen Kanne, doch Zoller dankte, es würde ja bald Kaffee kommen.

    Zoller beobachtete seinen Vorgesetzten, dessen Eigenheit es war, bei allen Sätzen, denen er Bedeutung zumaß, den Zeigefinger an die Nasenspitze zu legen. Und er hatte viel Bedeutendes zu sagen. Wendland war ein bulliger Typ mit dichten, braunen Augenbrauen, welligem, vollem Haar und hellblauen, stechenden Augen. Wüßte Zoller nicht genau, dass Wendland Polizist war, er hätte -jedenfalls optisch- einen filmreifen Gauner abgegeben. Zoller hörte nur mit einem Ohr zu, er kannte schon die Beschreibungen, die allen offiziellen Besuchern zugedacht waren und hoffte nur, der Kaffee käme bald.

    Da klingelte sein Handy. Diesmal war es Toccata und Fuge von Johann Sebastian Bach, somit also sein Büro. Er entschuldigte sich bei den beiden Herren, stand auf, ging in eine Ecke des Raumes und nahm das Gespräch an. Wanzke war dran, der sich für die Störung entschuldigte, aber es wäre vielleicht sehr wichtig und ob er nicht kurz ins Büro kommen könnte.

    Zoller antwortete mit: „OK!“ Dann blickte er zu Direktor Naumann. Dieser machte, ohne sein Gespräch mit Wendland zu unterbrechen, ein Zeichen des Einverständnisses.

    Draußen kam ihm die Praktikantin Schmittke entgegen – mit einer Kanne frischen Kaffees in der Hand. Sie lächelte ihn an. Wenn sie geahnt hätte, wie dies Lächeln auf den nach Kaffee gierenden Zoller gewirkt hatte, sie hätte es sich verkniffen. Er lächelte gekünstelt zurück und ging eilig in sein Büro, wo ja der Becher Kaffee auf ihn wartete. Doch auf seinem Schreibtisch stand kein Kaffee mehr, dafür kam Wanzke mit dem Plastikbecher in der einen, einer Akte in der anderen Hand auf ihn zu.

    „Gut, dass du dich loseisen konntest. Wir haben einen zweiten Toten durch Gift. Das Verwunderliche daran ist, es handelt sich auch hier um -“

    Digitoxin?“

    Digitoxin.“ Nach einem Schluck aus dem Becher, fuhr Wanzke fort: „Ein Arzt, Gynäkologe einer privaten Frauenklinik in der Nähe von Ferch.“ Ferch war ein Erholungsort am Schwielowsee, südlich von Potsdam. Wanzke berichtete, der Tote sei heute morgen gegen sieben in seiner Wohnung in Berlin Zehlendorf von seiner Zugehfrau aufgefunden worden, die ihn bereits in der Klinik wähnte. Die Kollegen hätten alle Spuren gesichert und der Bericht der PTU sprach von Tod durch Digitoxin als Beimengung in einem Schluck Whisky. Verdacht auf Mord.

    „Und? Warum hast du mich aus der Besprechung geholt?“, fragte Zoller unwirsch und blickte neidisch auf den fast leeren Becher Kaffee in Wanzkes Hand. Wanzke lehnte sich lässig an den Schreibtisch.

    „Es scheint einen Zusammenhang mit dem Toten in Kreuzberg zu geben.“

    „Der wäre?“

    „In seiner Hosentasche fand sich eine Art Schmierzettel, total verknüllt, hier ist er.“

    Zoller nahm den in Folie verpackten Abriss einer Zeitungsseite und hielt ihn so ins Licht, dass er lesen konnte. Mit Kuli waren einige Kritzel zu erkennen in einer Handschrift, wie sie wohl allen Ärzten des Globus gleich ist, nämlich unleserlich. Nur ein Wort war in Versalien und mehrmals mit Kugelschreiber nachgemalt: WORONZEFF.

    „Sieh da!“, entfuhr es Zoller.

    „Genau das dachte ich auch!“ sagte Wanzke bedächtig und in einem Ton, als ob er einer der tiefgründigsten Wahrheiten des Kosmos auf die Spur gekommen wäre. Dann stellte er seinen leeren Becher wie ein Ausrufezeichen auf die Schreibtischplatte.

    „Jetzt benötige ich einen Kaffee!“

    Fast sah es aus, als ob Wanzke salutieren wollte, jedenfalls ging eine ruckartige Bewegung durch seinen beleibten Körper, als er ihn vom Schreibtisch abstieß und Richtung Türe bewegte. „Ich besorge dir einen.“

    Zoller ging ans Fenster und besah sich die Aufzeichnungen in der Mappe. Der Frauenarzt hieß Dr. Ammerschläger, war 34 Jahre alt und seit zwei Jahren in der Privatklinik angestellt. Ammerschläger war verheiratet, seine Frau war derzeit auf Reisen, wie die Zugehfrau, eine Frau Dehm, ausgesagt hatte. Die Ehe war kinderlos.

    Was verband den toten Mandelstein aus München mit dem Gynäkologen aus Berlin? Beide waren durch Digitoxin ums Leben gekommen und kannten einen Russen namens Woronzeff, beide waren Mediziner, der eine Arzt, der andere wollte Arzt werden. Wie standen die beiden in Zusammenhang?

    Wanzke kam mit dem dampfenden Kaffee. Er hatte zwei Servietten um den Rand geschlungen, und machte einen großen Bogen um Zoller, um den Becher ohne Verbrennungen abzuliefern.

    Zoller sog an dem Aroma und nippte von der heißen Brühe.

    „Hat man seine Frau schon benachrichtigen können?“ fragte Zoller übergangslos.

    Wanzke war auf Draht: „Ja, sie wird am späten Nachmittag mit dem Zug ankommen“, antwortete er und fügte hinzu: „Bahnhof Zoo.“

    „Dann haben wir noch genug Zeit, Fritz.“ Wanzke schaute ihn fragend an.

    Noch bevor Zoller ihn über seine Pläne informieren konnte, erschien der Kollege Schneider mit waidwundem Blick und dicker Backe. Mit geschlossenen Zähnen murmelte er etwas, das ein Gruß sein konnte und ging schnurstracks zu seinem Schreibtisch. Zoller und Wanzke gingen zu ihm und Wanzke fragte: „Schlimm?“

    „Mmmhmm!“ stöhnte Schneider.

    „Willst du lieber nach Hause gehen und heute mal ausruhen?“ fragte Zoller mitfühlend.

    Es folgte ein längeres „MmmHmm-HmmMmm.“ Wanzke und Zoller sahen sich an. Schneider wiederholte durch die Zähne gepresst: „Zuhause tut es auch weh. Und hier habe ich Ablenkung.“ Das erschien beiden verständlich und Zoller meinte: „Ralf, wenn du unbedingt arbeiten willst: Bleibe im Büro und versuche, soviel wie möglich über diesen Woronzeff herauszufinden, national und international.“ Er legte ihm die neue Akte auf den Schreibtisch und informierte ihn darüber, dass Fritz und er jetzt Außeneinsatz schieben würden. Ein gequältes: „Mmpf!“ quittierte dies.

    Zoller machte sich in Gedanken eine Art Ablaufplan, was er heute in welcher Reihenfolge angehen wollte. Oft genug machten ihm aktuelle Ereignisse, unvorhersehbare Wendungen oder spontane Umentscheidungen seine Pläne zunichte, doch er hielt sich gerne an einen selbstgesponnenen Ariadnefaden, von dem er nicht hätte sagen können, welche Farbe er besitzt. Sein Gespür sagte ihm zwar, dass er das nahe Umfeld Mandelsteins in der Pension nicht vernachlässigen durfte, doch diese neue Spur schmeckte akut nach einem Geheimnis und weckte seine Jagdlust. Er trank noch genüsslich seinen Kaffee aus, bevor er sich mit Wanzke auf die Pirsch machte.

    Die Berliner Bezirke besaßen jeweils einen oder mehrere Kieze. Das Wort Kiez oder Kietz stammt aus dem Slawischen, der Sprache der frühen Bewohner Brandenburgs. Historisch war der Kietz eine Ansammlung von Fischerhütten, eine Art Vorstadt. Umgangssprachlich wird der Begriff heute für eine Gegend oder Straße benutzt, in der Prostitution betrieben wird. Doch in Berlin hat dieses Wort noch eine zusätzliche Bedeutung, nämlich für eine Gegend, in der zum Leben alles vorhanden ist, Kirchen wie Kinos, Kneipen und Kliniken, Fachgeschäfte und Friedhöfe, Ärzte und Bestatter. Es soll so manchen Berliner geben und gegeben haben, der zeitlebens niemals aus seinem Kiez heraus gekommen war, wie Immanuel Kant nicht aus Königsberg.

    Die vornehmeren Bezirke Berlins verzichteten auf diese Bezeichnung, obwohl Läden und Leute sich nicht unterschieden, höchstens die Einkommen, die Ansprüche und die Preise.

    Doktor Ammerschläger wohnte in Zehlendorf, dem Vorzeigebezirk Berlins mit viel Wald und Seen, Villen und Herrschaftshäusern. Mit seiner Frau bewohnte er eine Neubauwohnung in einem edlen Gebäudetrakt in futuristischem Baustil unweit der Krummen Lanke an der Argentinischen Allee. Außen blitzte es vor Glas und Chrom, im Innern herrschte weißer Marmor vor, selbst der Fahrstuhl war marmorverkleidet, zu allem Überfluss führte eine großzügig breite Marmortreppe mit Messinghandlauf nach oben.

    Zoller wollte sich lediglich ein eigenes Bild machen von der Lebensumgebung des Arztes und hatte den detaillierten Bericht auf der Fahrt gelesen. Alles an den Lebensumständen des Arztes und seiner Frau schien normal, er wunderte sich nur über das geringe Gehalt des Assistenzarztes. Ohne die Einnahmen seiner Frau als Projektleiterin einer Kongressagentur könnten sie sich den Luxus der Wohnung wohl kaum leisten.

    Er erbrach das Polizeisiegel und Wanzke folgte ihm in eine überraschend minimalistisch eingerichtete Wohnung, deren Fenster von der Decke bis zum Boden reichten und viel Himmel einließen. Blanke Spiegel verdoppelten diesen Eindruck, die Wohnung war nichts als hell. Alleine das Wohnzimmer schien einhundert Quadratmeter einzunehmen. Grauweißer Marmorboden, wenige weiße Möbel, ein Acryltisch, daneben eine Designercouch aus weißem Leder und in der Wand eingelassen ein Breitbildfernseher. Alles klinisch sauber wie eine Arztpraxis. Die einzigen Farbflecken bildeten die bunten Rücken der Buchreihen in dem schleiflackweißen Regal, welches zwei volle Wände ausfüllte, jede mit einem Durchgang zur Küche und zum Schlafzimmer, ein weiterer Farbklecks bestand aus einem riesigen Strauß langstieliger Rosen in einer –wie könnte es anders sein- weißen Porzellanvase in der Nähe des Fensters. Die einzigen, nicht-weißen Möbelstücke waren ein kirschbaumfarbener Biedermeier-Sekretär, kunstvoll wie ein Altar in die Bücherwand eingefügt und der Stuhl davor. Auf der geöffneten Schreibtischplatte stand ein silberfarbener Flachbildschirm, der dazugehörige Rechner war in das Bücherregal eingepasst, ebenso ein Drucker, die Kabel waren unsichtbar verlegt. Vor dem Sekretär stand ein filigraner Stuhl aus Kirschbaum, eher ein Stühlchen zu nennen, die beiden Hinterbeine in schmalem Bogen auf den Boden gestützt, wie die Beine einer zum Absprung ansetzenden Gazelle. Ob er stilistisch zu dem Sekretär passte, wusste Zoller nicht zu sagen, doch er wusste, mit diesen Sekretären hatte es manchmal etwas auf sich. Sie besaßen des öfteren Geheimfächer mit oder ohne Öffnungsmechanismen. Von der Profilleiste, die sich verschieben lässt und ein unsichtbares, flaches Schubfach freigibt über die Zierleiste, hinter der sich ein geräumiges Fach öffnet bis zur verborgenen Drucktaste, die ein Schubfach veranlasst, sich doppelt so weit zu öffnen, um eine zweite Lade preiszugeben.

    In diesem Falle war es eine der kleinen, schwärzlichen Ziersäulen, die durch Drehung ein vertikales Brieffach aufspringen ließ. Nur war es nicht Zoller, der diesen Mechanismus fand, sondern Wanzke, dessen Körperfülle das Stühlchen unter ihm zur Gänze verbarg so dass es schien, als ob er vor dem Sekretär in der Luft schwebte.

    Seine gehörige Pranke, in dem dünnen, besonders über den Knöcheln zum Platzen gedehnten Gummihandschuh, hielt eine Diskette in die Höhe. Sie war unbeschriftet, man sah ihr den ständigen Gebrauch an.

    Inzwischen hatte Zoller das Schlafzimmer mit dem angrenzenden Bad und die beiden, vom Flur abgehenden Räume inspiziert, wovon ein Raum als Gäste- wie auch Kleiderzimmer verwendet wurde, das andere war kaum eingerichtet und hätte wohl als Kinderzimmer seine Funktion gefunden.

    Zoller stand gerade vor der weißen Designercouch und ließ sich die Fotos vom Toten an dieser Stelle durch den Kopf gehen. Neben dem Beistelltisch hatte das Whiskyglas in einer Pfütze gelegen, in der die Überdosis des Herzmittels gefunden worden war. Der Tote hatte wohl versucht, das Glas noch auf den Tisch zu stellen, bevor er umgefallen war. Hatte er sich selbst getötet? Warum? Wenn nicht er selbst, wer hatte ihm das Mittel in das Glas getan? Hatte er einen Gast empfangen?

    In diesem Moment hatte Wanzke ihn mit seinem Fund aus den Gedanken geholt, so dass er nur beipflichtend grunzte, sich dann der Fernbedienung des TV-Gerätes bemächtigte und sie besah. Ihm war eingefallen, dass in derart komfortablen Etablissements die Türüberwachung mittels Video-Anlage zum Standard gehörte und manchmal war diese in den Fernseher integriert. Irgendwo musste der Knopf sein.

    Wanzke kam ihm zur Hilfe und schaltete den Fernseher ein. Es lief eines der Hausfrauenserien, die den Vormittag einiger Sender beherrschten. Nach einigen Versuchen klappte es. In Farbe und bester Auflösung sahen sie den Eingangsbereich und hörten das Rauschen vorüberfahrender Autos und das Lachen zweier Mütter, die mit ihren Kinderwagen am Eingang entlang spazierten. Zoller überlegte, ob es möglicherweise eine Dauerüberwachung gab, die aufgezeichnet wurde. Wanzke sollte sich darum kümmern.

    Zoller wollte jetzt die Zugehfrau persönlich befragen, die in der Nachbarschaft wohnte, weshalb er mit dem Handy ihre Nummer wählte. Schöne neue Zeit, in der jedermann (und jede´Frau) an der world-wide-communication teilhaben konnten. Es dauerte einige Ruftöne, bis sie abnahm.

    „Ja, hallo?“ Zoller kannte die Unart einiger Mitteleuropäer, sich nur mit Hallo zu melden, ganz, als ob sie ihren eigenen Namen vergessen hätten oder ihn nur wenigen, ausgewählten Mitmenschen anvertrauen wollten.

    „Spreche ich mit Frau Dehm?“

    „Ja, wer ist denn da?“ Die, die ihren Namen geheim hielten, wollten aber sehr dringend wissen, von wem sie angerufen wurden.

    „Zoller, Hauptkommissar Zoller von der Kriminalpolizei.“

    „Aber woher soll ich wissen, dass Sie von der Polizei sind?“, fragte sie recht folgerichtig.

    „Frau Dehm, ich wollte mich gerne mit Ihnen treffen, um einige Punkte zu besprechen.“

    „Aber ich habe einem Herrn von ihnen doch schon alles gesagt!“ Ihre Stimme klang unwirsch.

    „Sicher, ich weiß, ich habe den Bericht gelesen, doch würde ich gerne mit Ihnen persönlich noch einmal sprechen. Sind Sie zu Hause?“

    „Nein, ich bin auf einer anderen Putzstelle. Um halb zwei bin ich zu Hause.“

    „Gut, können wir uns dann dort treffen?“

    „Ja, aber bringen Sie Ihren Ausweis mit.“ Zoller würde sie schon nicht enttäuschen.

    Sie folgten Wanzke’s Vorschlag, sich bis dahin zu einem Italiener am Mexicoplatz zu begeben, um einen ‚Imbiß’ zu sich zu nehmen, wie es Wanzke formulierte.

    Kapitel 12

    Sie betraten eine sizilianische Landschaft, so versuchten zumindest die Freskenmalereien an den Wänden zu suggerieren, aus deren azurnem Himmel eine ewig strahlende Goldsonne süditalienische Wärme auf die teils kargen, teils olivenbestandenen Landschaften austeilte. Natürlich fehlte das Meer nicht, dessen Blassgrün eher der Fantasie des Malers entsprang, denn der natürlichen Farbpalette Siziliens. Die Verklärung der Heimat vollzog sich wohl in zunehmendem Maße der Entfernung zu ihr.

    Einsam standen die mit weißen Tischdecken und funkelndem Besteck gedeckten Tische wie vereinzelte Ziegen in der ansonsten unbelebten Landschaft unter der Last des von der Wandmalerei herüber strahlenden Mittagsglasts herum.

    Zoller fröstelte es, seitdem er an der Eingangstüre das Schild gelesen hatte, welches den amerikanischen Touristen ihr vertrautes air-conditioned versicherte. Er erinnerte sich: Eine der wenigen Reisen mit seiner Frau hatte sie eines Sommers nach Florida geführt, an den berühmten Highway US1, nach Miami, in ein air-conditioned Hotel. Die Klimaanlage ließ sich nicht regulieren, nur ein- oder ausschalten. Ohne war es unerträglich heiß, mit eine Kältehölle. Als sie eines sehr frühen Morgens zu einer Schiffsfahrt zu den Bahamas abgeholt worden waren, zu der man vorsorglich für die Schiffsfahrt eine warme Jacke mitnahm, benötigten sie beide diese Jacke bereits im Taxi-Van, in welchem ununterbrochen die Aircondition lief. Die zusteigenden amerikanischen Gäste bestanden auf ständiger Eisluftzufuhr. Als menschliche Eiszapfen und vor Kälte zitternd kamen sie am Hafen an. Den Amerikanern schien diese Eisberieselung nichts auszumachen, sie waren ein Leben on-the-rocks gewöhnt. Der Fahrtwind auf dem Schiff hatte sie dann langsam aufgetaut und sie mieden die inneren Räume des Schiffes wie die Pest, da dort ebenfalls die Aircondition mit Vollgas lief. Die Jacken zogen sie nur zum mitbezahlten Mittagessen im Speisesaal des Schiffes wieder an und verzichteten auf den Nachtisch, da die surrende Kälte wieder begann, ihre europäisch ausgelegten Lungen zu vereisen. Als Konsequenz bemerkten sie schon auf den heißen, palmenbestandenen Bahamas die anfliegende Erkältung als unangenehmes Kratzen im Hals und mit Tropfenbildung an der Nasenspitze.

    Auch hier, beim Italiener, waren alle Türen zur echten Natur draußen luftdicht verschlossen. Entschlossen strebte Zoller auf die Glastüre dem Garten zu, wo die echte, europäische Sonne schien und der einfache Schatten von natürlichen Bäumen zusammen mit der leichten Brise ausreichte, eine angenehme Kühlung zu verschaffen. Da erscholl ein Ruf: „Fritz! Buon giorno, Signore Fritz!“ Zoller drehte sich um und erblickte einen südländischen Mann mit schwarzen Haaren, weißem Hemd und einer porentief weißen Schürze auf Wanzke zueilen, ihn umarmen und küssen. Dazu musste der kleine Italiener auf Zehenspitzen jonglieren und Wanzke sich über seinen Bauch zu ihm hinunter beugen.

    “Wo sein Signora Fritz? Lange nicht gesehen. Madre mio!”

    Wanzke, derart geschüttelt und überrascht, sagte mit Seitenblick auf seinen Chef: „Hallo Toni, darf ich dir meinen Chef vorstellen: Hauptkommissar Zoller.“

    „Ah, commissario! Hier keine Mafia, nur gutes Essen und Trinken!“

    „Das hoffen wir doch,“ antwortete Zoller laut und dachte leise den Satz weiter: „auch wenn die Bandenkriminalität selbst vor Zehlendorf keinen Halt macht.“ Vielleicht ist es nicht gerade die Mafia, sondern die Russen oder die Albanier, irgend einer dieser Gruppen würde schon abgreifen – und keiner der Betroffenen gab es zu. Auf die Güte des Essens hatte das nie einen Einfluss, eher auf die Preise.

    Toni wies ihnen einen Tisch im Garten und im Halbschatten einer riesigen Kastanie.

    „Für unsere prominenten Gäste“ war seine Bemerkung dazu. Er bewegte sich, wie es nur heißblütige italienische Ober in klassischen Filmen taten, wedelte mit seiner blendend weißen Serviette nicht vorhandene Krümel von der Tischdecke und zog flink die Stühle in Sitzposition, spritzte zum Gartentresen mit den Speisekarten, die er mit raschem Griff, jedem eine blitzschnell geöffnet darbot.

    Vino? Oder sind die Signori im Dienst?“

    Zoller und Wanzke blickten sich an, beide hätten normalerweise selbstverständlich einen Wein bestellt, doch derart auf den Alkoholgenuss im Amte aufmerksam gemacht, antworteten sie: „Wasser.“

    „Mineralwasser“, wiederholte Zoller.

    Acqua minerale”, übersetzte Tonio, “Pronto. Sofort. Ich fliege.“

    Mit der letzten Bemerkung hatte der kleine, gedrungene Italiener sogar recht. Seine weite, um den Bauch gebundene Schürze flog im Winde wie die Rockschöße eines weißen Fracks, er nahm die drei Stufen vom Garten in den Gastraum in einem Schwung, als ob es gälte, ein Rennen zu gewinnen.

    „Stammgast?“, fragte Zoller.

    „Früher mal. Heute seltener. Meine Schweigereltern wohnen hier um die Ecke und wir waren oft hier. Doch lassen wir dies Thema. Ich habe Hunger!“

    Zoller hatte bald eine Wahl getroffen, verschränkte seine Hände hinter dem Kopf und schaute hoch in das grün belaubte Geäst der Kastanie, dann blickte er zu Wanzke hinüber, der intensiv die Karte studierte.

    „Wie im Urlaub“, sagte er.

    „Urlaub in Riccione“, ergänzte Wanzke.

    „Bitte wo?“

    „Der Heimatort von Toni, dem Kellner. Und lange Jahre unser Urlaubsort, wegen der Nähe nach San Marino, du weißt doch!“, unterstellte Wanzke.

    „Hilf mir auf die Sprünge, ich bin derzeit im Urlaub.“

    Die Glastür sprang auf, daraus schoss Toni, rechts ein Tablett mit verschiedenen Gläsern in der Hand, links eine Einliterflasche Mineralwasser, die Serviette um den Flaschenhals geschlungen, glitt er die Stufen herab und stand im Nu lächelnd vor dem Tisch der beiden momentanen Urlauber.

    Prego, Signori, acqua minerale, frisch aus der Quelle der Spree, und hier Eis, extra eingeflogen vom Südpol, Millionen, was sag ich, Milliarden von Jahren alt, specialmente für Sie! Limone, eben noch am Baum, jetzt zu Ihrer Erquickung hier bereit!“

    Damit stellte er ein Glas mit Eiswürfeln und eine Schale mit Zitronenscheiben auf den Tisch, öffnete mit zischendem Geräusch die Flasche und goss jedem einen winzigen Schluck Wasser ein.

    Dann zückte er seinen Block und da Wanzke ihn überaus hungrig anblickte, begann er bei ihm, die Bestellung zu notieren. Zoller hörte, wie sein Kollege ein sehr ausgefeiltes Menü bestellte, nach der einen oder anderen Zutat und Zubereitungsweise fragte und wunderte sich über dessen kulinarisches Wissen. Dann wandte sich Toni mit hochgezogenen Augenbrauen dem Hauptkommissar zu. Zoller bestellte eine Vorspeise. Toni blickte ihn weiterhin erwartungsvoll an, als aber nicht mehr vom commissario kam, steckte er enttäuscht den Stift in die Hemdtasche und sagte: „Pronto!“

    Zoller übersah den mitleidigen Augenaufschlag des flink abziehenden Kellners mit wehender Serviette. Man konnte ihm das innerliche Kopfschütteln über den kulinarischen Banausen von hinten förmlich ansehen. Er nahm auch nicht wie vorher, beflügelt von dem zu erwartenden Umsatz, die Stufen auf ein Mal, es schien, als ob er, bedrückt von dem Mangel an Esskultur, den Spaß an seinem Job verlustig gegangen sei. Traurig blickte er beim Öffnen der Tür zurück auf die beiden Gäste, die sich wieder ihrem Thema gewidmet hatten.

    „Wo waren wir?“, fragte Zoller.

    „San Marino“, gab Wanzke das Stichwort.

    Zoller überlegte hin und her, wie er Wanzke mit San Marino in Zusammenhang bringen könnte. Als er nichts sagte, erklärte Wanzke: „Du weißt doch, dass ich Formel Eins Fan bin. San Marino!“

    „Ach San Marino!“

    Wanzkes Augen blitzten und sein ganzer, massiger Leib schwang mit als er erläuterte: „Ja, Imola, Ferrari, Maranello, die Scuderia, Michael Schumacher, der große Zirkus!“

    „Du meinst die große Geldvernichtung.“

    „Das darfst du nicht sagen, immerhin stammen eine Reihe von wichtigen technischen Erfindungen aus den Rennen.“

    „Die man nicht bräuchte, führe man keine Rennen.“

    „Die auch für die normalen Autofahrer von großer Bedeutung sind!“

    Carbonbremsen, Monocock etcetera.“

    „Regenreifen, Motorenöl, Neuentwicklungen für Chassis, Lenkung, Bodenhaftung etcetera“, hielt Wanzke entgegen.

    „Die man auch erfinden kann, setzt man ein gut bezahltes Team daran. Nicht dass du mich missverstehst, ich akzeptiere diesen Sport, mag ihn aber nicht aus verschiedenen Gründen.“ Er dachte an die unzähligen Toten, die seit Erfindung des Motorsports auf den Pisten geblieben waren, an die Zuschauer, die, jedenfalls in früherer Zeit, von fliegenden Autos oder brennenden Autoteilen getroffen wurden.

    „Aber die Sicherheitsvorkehrungen sind doch enorm verbessert worden!“ Wanzke sprach, als verteidigte er sein liebstes Kind.

    „Ja, durchaus, manchmal allerdings derart, dass die Wagen nur noch mit eingeschränkter Leistung fahren dürfen, mit gedrosselten Motoren, die trotz ständiger Entwicklung doch hin und wieder platzen und Zigtausende in den Himmel verpuffen, neben den Allgemeinkosten für diesen Zirkus, wie du es nennst, nur Peanuts.“

    „Dennoch sind es große, internationale Ereignisse. Die Länder, in denen die Rennen ausgetragen werden, haben doch etwas davon, von den Touristen, dem Medienzirkus und was alles daran hängt.“

    „Schön wäre es, wenn die Gelder wirklich den Menschen in den Regionen zugute kommen, doch bezweifle ich, dass von den Milliarden, die da umgesetzt werden, die Unternehmen und Betriebe in den Gemeinden das Geschäft machen.“

    „Na ja, ein Riesengeschäft ist das wohl, auch die Gagen der Fahrer sind doch sehr hoch“, gab Wanzke zu.

    „Unverhältnismäßig in jeder Beziehung, die Gehälter der Fahrer steigen mit zunehmender Minimierung des Risikos. Irgendwie irrwitzig.“

    „Aber spannend.“

    „Entschuldige, aber für mich nicht, denn wenn der finanziell best ausgestattetste Rennstall sich die beste Technik und die teuersten Fahrer leisten kann, die den Zirkus immer wieder anführen und dadurch immer neue, voraussehbare Siege produzieren, ist das für mich eher trübsinnig und langweilig.“

    „Aber die Rennen werden doch immer wieder gerne besucht und übertragen, die Leute mögen diese Art Wettkampf! Die Menschen mögen Sieger, ob sie hinter dem Steuer, auf Reitsätteln oder auf Tartanbahnen zu finden sind. Möglicherweise mögen Sie Autorennen besonders, weil das Auto des Mannes liebstes Kind ist und Sinnbild für Kraft, Freiheit, Unabhängigkeit und Reisen, ein kostbares Spielzeug und das akzeptierte Statussymbol neben Villa, Reitpferd und Segelyacht.“

    Zoller wunderte sich über die Eloquenz seines Kollegen und dessen Elan, mit dem er sein Hobby verteidigte.

    „Ist ja alles richtig. Es ist nur der wahnwitzige Aufwand um ein offenbar heiliges Ding, das Auto, das in dieser Form eigentlich der Vergangenheit angehören müsste. Alles hat eine Entwicklung erfahren seit seiner Erfindung, nur der Ottomotor und das Auto nicht. Ich frage mich manchmal, ob diese Verhinderung nicht mit Absicht und nur aus dem Grunde betrieben wird, weil so viele Menschen vom herkömmlichen Auto und seiner Herstellung abhängig sind. Ich frage mich, wo die zukunftsweisenden Erfindungen sind. Die Schubladen müssten überquellen!“

    Wanzke schaute einen Augenblick ratlos drein. Zoller nutzte dies und fuhr fort: „Hör mal Fritz, da habe ich gerade gelesen: Die Firma Shell, also einer der Weltkonzerne, der mit Öl und Benzin weltweit Handel treibt, hat Forschungen angestrengt und finanziert, die zeigen, dass im Jahre Zweitausendsechzig alle herkömmlichen Energien aufgebraucht sein werden und nur noch erneuerbare Energiequellen genutzt werden können. Weißt du, was Shell jetzt betreibt?“

    Da er auf diese rhetorische Frage natürlich keine Antwort erwarten konnte, fuhr Zoller nach einer strategischen Pause fort: „Shell baut eine Solarzellenfabrik. Und die mitten auf eine alte Kohlengrube!“

    Glücklicherweise kam hier Toni, auf einem Tablett die Vorspeisen, die er flink und gekonnt auftrug. Nachdem er mehrfach in allen denkbaren Sprachen guten Appetit gewünscht hatte, verzog er sich. Während des Essens hing jeder seinen Gedanken nach. Dann fragte Wanzke, der als erster seinen Teller geleert hatte: „Glaubst du, da besteht ein direkter Zusammenhang?“

    „Wobei?“

    „Zwischen dem Toten von Kreuzberg und dem hier in Zehlendorf?“

    „Möchte man eigentlich nicht annehmen. Doch die Verbindung durch diesen Woronzeff, von dem wir noch allzu wenig wissen, scheint mir einen Zusammenhang aufzudrängen.“

    „Vielleicht kann uns die Zugehfrau weiterhelfen.“

    „Zu der wir erst gehen können, wenn du dein Menu beendet hast.“

    Frau Dehm’s Wohnung lag schräg gegenüber von dem Hause, in dem sie am Vormittag die Wohnung des Arztes inspiziert hatten.

    Durch das ausgiebige Mahl von Wanzke kamen sie zehn Minuten vor zwei dort an. Sie wohnte in einem Mehrfamilienhaus mit einem großen Garten darum, aus dem es betörend nach Flieder roch. Eine hohe Ligusterhecke verdeckte den Blick in den Garten. Zum Eingang hin war die Hecke unterbrochen und einige Steinplatten führten zu der alten, kunstvoll geschnitzten Holztüre. Vier Klingelschilder trugen fünf Namen. Bei ‚Dehm’ stand auch ‚Vanzow’. Ohne zu klingeln ging bereits der Türöffner. Ein Vorhang im ersten Stock links bewegte sich. Der Hausflur war sauber gepflegt, der Boden hellgelb gekachelt und seitlich führte eine Treppe in den ersten Stock, von dem zwei Wohnungstüren abgingen. Die eine, bereits einen Spalt geöffnet, wurde von einer grauhaarigen Dame zur Gänze aufgemacht: „Sie kommen unpünktlich“, fauchte es sie an, „ich warte schon seit zwanzig Minuten auf sie! Kommen Sie herein!“

    Auch an der Tür prangten zwei Namen auf dem Klingelschild: Dehm/Vanzow.

    „Guten Tag, Frau Dehm,“, sagte Zoller, „ich hätte gedacht, Sie wären etwas vorsichtiger. Sollten Sie nicht vor Betreten der Wohnung durch zwei Fremde sich den Ausweis zeigen lassen? Ich habe ihn extra wegen Ihnen mitgebracht.“ Der versteckte Scherz ging in der Antwort unter.

    „Nicht nötig. Ich habe gute Augen und eine gute Menschenkenntnis. Verbrecher erkenne ich sofort. Sie sahen wie zwei Polizisten aus. Darüber hinaus hatten Sie sich ja angemeldet. Möchten Sie einen Kaffee?“

    Zoller, der während Wanzkes ausgiebiger Mahlzeit bereits zwei Kaffee getrunken hatte, lehnte höflich ab: „Für mich bitte nicht, vielleicht der Kollege?“ Wanzke kam erst gar nicht zum Antworten.

    „Schnickschnack! Jetzt gibt es Kaffee und Kuchen!“ Sie führte die beiden Männer in eine Wohnstube wie aus dem Trödelladen und bot ihnen auf zwei Stühlen Platz an, an einem für drei Personen gedeckten Tisch. Sie selbst setzte sich auf ein ehemals blaues Sofa aus undefinierbarer Zeit.

    Zoller zeigte auf die Gedecke: „Erwarten Sie Besuch?“

    „Nein“, sagte Frau Dehm, „das ist doch für Sie.“

    „Aber wie kommen Sie darauf, dass wir zu zweit zu Ihnen kommen? Am Telefon sprach ich nur von mir.“

    Sie winkte ab: „Ach, das weiß ich doch, dass Polizisten nie alleine kommen.“ Sie schenkte Kaffee in jede der drei Tassen. Sie lächelte geheimnisvoll und wies dann auf das Fenster.

    „Ich habe Sie doch kommen sehen und gleich ein weiteres Gedeck aufgelegt. Hier vom Fenster kann ich den Eingang genau überwachen.“ Sie zeigte auf die Ecke bei dem Fenster. Dort war ein mit Decken und Kissen bequem gemachter Sessel derart auf einem Podest postiert, dass die Dame einen hervorragenden Blick über die Hecke hinweg auf die Straße genießen konnte. Schächtelchen mit Pillen und Schälchen für Gebäck standen auf dem Fensterbrett greifbar, sogar ein Fernglas stand unauffällig daneben, sogar ein Knopf des Türöffners.

    „Meine Fernsehecke.“ Sie kicherte. „Für die ruhigen Stunden des Tages.“ Ihr rundes, rotes Gesicht mit einer kleinen, schnippisch wirkenden Nase und kleinen braunen, blitzenden Äuglein strahlte.

    „Wollen Sie Kuchen?“, sagte sie und zeigte auf den Nebentisch, auf dem ein bestimmt leckerer, selbstgebackener Kranzkuchen stand.

    Zoller murmelte etwas wie „Gerade gegessen“ und Wanzke hielt sich demonstrativ den Bauch.

    Dann versuchte Wanzke es noch einmal: „Es ist aber gefährlich, jemanden einfach so in die Wohnung zu lassen. Sie sollten sich wirklich-“

    „Schnickschnack!“, unterbrach sie ihn und sagte entschieden: „Ich sagte Ihnen bereits, dass ich eine ausgeprägte Menschenkenntnis besitze! Ich kann sehr gut Böse von Gut unterscheiden, an der Nasenspitze, wissen Sie?“

    „Dann sollten sie schleunigst den Beruf wechseln und zu uns kommen“, warf Wanzke mit Seitenblick auf Zoller ein, „wir benötigen dringend Mitarbeiter, die Verbrecher an der Nasenspitze erkennen. Sie könnten uns ungeheuer behilflich sein.“

    „Ach, das sagen Sie nur so“, lächelte sie geschmeichelt, „aber das wäre nichts für mich, immer mit Gewalt und Mord und Verbrechen. Ich bin eher eine beschauliche Person.“ Sie nippte wieder an ihrer Tasse.

    „Frau Dehm“, begann Zoller, „lassen Sie uns nun zu dem Vorfall von heute morgen kommen. Wie oft arbeiten Sie bei den Ammerschlägers?“

    „Je nach Bedarf. Sie lassen mir freie Hand. Wissen Sie, es ist für mich viel einfacher, mir die Arbeit selbst einzuteilen. Ich putze ja nicht nur, sondern mache auch die Wäsche und die Fenster. Aber drei bis vier Mal die Woche bin ich schon drüben.“

    „Wann gingen Sie heute morgen zu Dr. Ammerschläger?“

    „Ach Gott, das war schrecklich. Ich ging um viertel vor sieben hinüber und schloss auf. Dabei fiel mir schon auf, dass nicht abgeschlossen war. Aber das kam öfter vor, die Ammerschlägers nehmen es nicht so ernst, das Haus ist auch ziemlich gut gesichert mit den Filmkameras, aber Abschließen, das muss man doch trotzdem, oder?“

    Zoller ging nicht darauf ein. „Was taten Sie dann?“

    „Ich habe erst meine Jacke aufgehängt, gleich neben der Eingangstüre, dann wollte ich in der Küche. Dort fange ich immer an. Wenn erst die Küche in Schuss ist, ist das andere ein Kinderspiel.“

    Zoller spürte, dass sie lieber von ihrem Metier erzählen wollte, als von dem schlimmen Fund, den sie gemacht hatte.

    „Wo fanden Sie denn den Toten?“, fragte er.

    „Auf dem Weg in die Küche muss ich durch das Wohnzimmer und dort sah ich zuerst seine Schuhe. Er trägt – er trug immer weiße Schuhe. Überhaupt ist alles bei ihnen weiß, weiß, weiß!“ Man sah ihr an, wie sie gerade dazu ansetzte, sich über die Farbgebung in der Wohnung auslassen zu wollen.

    „Uns ist das auch aufgefallen, wir waren heute dort. Erzählen Sie weiter. Sie sahen zuerst seine Schuhe. Und dann?“

    „Hinter der Couch sah ich dann Dr. Ammerschläger liegen.“ Die Bilder stiegen wieder in ihr auf. „Mein Gott! Und dann sah ich das Glas dort liegen und den vergossenen Whisky und sah seine offenen Augen. Da rief ich die Polizei.“

    „Ist Ihnen sonst noch irgend etwas aufgefallen? War etwas nicht so wie sonst in dem Raum?“

    Sie blickte zu Boden und dachte lange nach.

    Zoller wollte gerade ein anderes Thema beginnen, da hob sie ihren Kopf und schaute ihn mit schmalen Augen an: „Der Aschenbecher!“

    „Was für ein Aschenbecher?“

    „Auf der Anrichte. Da stand der Aschenbecher aus Muranoglas. Der ist eigentlich nur Dekoration und steht immer am Fenster.“

    „Was ist daran so verwunderlich?“

    „Er stand auf der Anrichte und nicht am Fenster. Er wird nie benutzt. Doktor Ammerschläger und seine Frau rauchen nicht.“

    „Sehen Sie Frau Dehm, das ist ein Punkt, der nicht in dem Bericht stand. Es war also doch gut, Sie noch einmal zu befragen. Gibt es sonst noch etwas, was Ihnen aufgefallen ist, was vielleicht auf einen Gast schließen ließe?“

    „Nein, bestimmt nicht.“

    „War da kein zweites Glas?“

    „Nein.“

    Zoller machte eine längere Pause, bevor er die Frage stellte: „Können Sie sich vorstellen, dass Doktor Ammerschläger sich selbst umgebracht hat?“

    Entsetzt blickten ihn zwei Knopfaugen an. „Also ich bitte Sie! Doch nicht Doktor Ammerschläger! Die beiden haben doch Pläne gemacht. Und sie waren so glücklich.“

    „Wann haben Sie den Doktor das letzte Mal lebend gesehen?“

    „Das war gestern Nachmittag, als ich ihm seine Hemden brachte. Wissen Sie, die Hemden wasche ich nämlich lieber hier bei mir, da kann ich sie in aller Ruhe bügeln.“

    Zoller überlegte. „Hat er irgendwie eine Bemerkung gemacht, ob er am Abend Besuch erwartete?“

    „Nein, wir sprachen nur von seiner Frau, die in Hamburg irgend so einen Kongress betreut, und dass sie in zwei Tagen zurückkommen wird.“

    Wanzke war aufgestanden und ans Fenster getreten, neben dem Sessel mit dem Ausblick. Er fragte: „Frau Dehm, sagen Sie, haben Sie gestern Abend hier gesessen?“

    Sie antwortete prompt: „Nein, gestern nicht. Da hatte ich Besuch von einer Bekannten.“

    „Schade“, sagte Wanzke.

    „Aber vielleicht hat Herr Vanzow etwas gesehen. Mein Untermieter. Nur ist der heute verreist.“

    „Länger?“, fragte Wanzke.

    „Ich weiß nicht, er fährt manchmal ein paar Tage fort.“

    „Wissen Sie wohin?“

    „Ach wissen Sie, er macht manchmal solche Busfahrten. Aber ich habe vergessen, wohin er diesmal fuhr.“

    Zoller übernahm wieder das Heft der Befragung: „Was können Sie uns über die Ammerschlägers erzählen?“

    Hierauf schien Frau Dehm gewartet zu haben. Es folgte eine längere Schilderung über die liebevolle Weise, mit der das Ehepaar miteinander umgegangen war. Dass sie beide sich nicht allzu häufig sehen konnten, da er, der Doktor, oft Spät- und Nachdienste habe und sie manchmal einige Tage dienstlich verreist wäre. Die ältere Dame erzählte, wie freundlich sich das Paar gegeneinander verhalten hatte aber sie ließ auch keinen Zweifel an ihrem Bedauern darüber, dass dies wundervolle Ehepaar keine Kinder bekommen konnte. Nicht ganz klar war zu unterscheiden, was sie mehr bedauerte, die Kinderlosigkeit oder die Tatsache, dass sie nicht herausgefunden hatte, wer von beiden daran die Schuld trüge. Die beiden Polizisten bedankten sich und verließen diese quicklebendige Frau, die ihnen natürlich vom Fenster hinterher winkte.

    Kapitel 13

    Katharina befand sich zu dieser Zeit mit ihrer Freundin Barbara in dem 1907 gegründeten KaDeWe, dem Kaufhaus des Westens, dem Prunkstück des westlichen Zentrums, damals, bei seiner Errichtung, so wie nach dem Kriege und so auch heute nach den langen Jahren der Trennung der beiden Hälften Berlins. Vom Äußeren spiegelt dies Haus durchaus nicht den exklusiven Geschmack wider, der im gepflegten Inneren sich in eintausendachthundert Marken und Labels wiederfindet. Eine unüberschaubare Vielfalt bietet sich dem Auge, man schwebt auf dem Teppich vielfältiger Gerüche durch die sechs Stockwerke, hierhin und dorthin gezogen, einmal durch farbenprächtige Kissen, Bordüre, Brokat- und Seidenstoffe von seinem Wege abgelenkt, ein anderes Mal durch die Verführung der Düfte der Parfüms oder das augenzielende Blitzen von funkelndem Schmuck und blinkenden Accessoires, selbst in den Etagen mit profaner Bekleidung findet das Auge keinen Ruhepunkt, finden die Sinne kein Einhalten, kein Aufatmen. Und hat man die sechste Etage erklommen, wird man überwältigt vom kulinarischen Angebot aus aller Welt, jetzt werden noch die letzten Sinne aufgerüttelt, mitzufeiern, zu schwelgen in nie gesehenem Luxus. Und immer ist das Portemonnaie zu klein, dann muss die Scheckkarte daran glauben, die nichts vom Soll und Haben verrät, die einem erst einmal das beschafft, was die Sinne einem zu kaufen eingeben. Hier versteht man die Hausfrau, die sagt, Einkaufen sei schwerste Arbeit.

    Als Katharina und Barbara im siebten Stock anlangten, wo ein heller, lichtdurchfluteter Wintergarten das Haus dem Himmel gegenüber öffnete, waren beide erschöpft, obwohl sie ihre Einkaufslust bezwungen und beide nur mit Kleinigkeiten ihren Geldbeutel entlastet hatten.

    Sie waren mit der Rolltreppe in dies oberste Geschoss gefahren, das sich dem Betrachter wie eine Kirchenkuppel öffnete. Filigrane, lindgrün gestrichene Stahlträger bildeten ein Netz für Tausende von Fenstern, die das Halbrund dem Himmel entgegenstreckte. Wie eine gläserne Apsis schob sich das Café in Richtung Norden, der Tauentzienstraße zu, die weit unter ihnen hinter der fächerförmigen Glaswand geräuschlos brodelte.

    Sie hatten Glück und sahen, wie gerade ein Tisch am Fenster des Cafés frei wurde. Da Bedienungen heutzutage Mangelware sind, auch in einem so herrschaftlichen Hause wie diesem, mussten sie beide getrennt sich ihren Kaffee holen, wobei die jeweils andere den Platz bewachte. Ein feiner Duft nach Kaffee und Backwaren lag in der Luft. Die Sonne, die durch die gläserne Kassettendecke schien, spielte mit den Schatten der Farne, die in übergroßen Ampeln von der Decke hingen.

    „Puh!“, atmete Barbara durch, „So ein Gang durch dieses Haus ist anstrengend. Nicht sosehr für die Füße, sondern für den Kopf. Da ist man ja vom reinen Hinschauen geschafft. Das sind ja reine Höllenqualen.“

    „Höllenqualen?“, fragte Katharina.

    „Na, dieses wahnwitzige Angebot anzuschauen und nichts kaufen können, grenzt schon an Qual. Man hat ja eigentlich alles, was man braucht.“ Ihre Gedanken schweiften wieder durch die üppigen, farbenfrohen Auslagen in den Etagen unter ihnen. „Schöne Sachen kann man ja nie zuviel haben“, sinnierte Barbara, „Das einzig Störende dabei ist der Mangel an Platz.“

    „Wie meinst du das?“

    „Zu Hause. Der Mangel an Platz, um die vielen schönen Dinge unterzubringen. Oder andersrum: Wohin mit den alten Sachen, die man nicht loswerden möchte, wenn man sich neue kauft. Meine Schränke sind eh schon gefüllt bis zum Platzen.“

    „Wem sagst du das.“

    Dann saßen sie ein wenig, jeder seinen Gedanken nachhängend.

    Barbara zündete sich eine ihrer Zigaretten an, die so dünn waren, wie dicke Stricknadeln und die elegant zwischen ihren Fingern aufragte. Sie blickte über die Dächer Berlins, die, von der nachmittäglichen Sonne in Glast gelegt, um die wette flimmerten. Sie bekam nur am Rande mit, wie Katharina sich erhob, irgend etwas murmelte und den Tisch verließ. Ihr Blick fiel auf den matt im Hintergrund schwelenden Fernsehturm am Alexanderplatz, glitt weiter und fand zwischen den Dächern versteckt die schräge Zirkuskuppel des Sony-Gebäudes, erkannte weit hinten die Glaskuppel und die Türme des Reichstagsgebäudes, von wo ihr vier Fahnen zuwinkten. Dann verschwamm ihr Blick, ihre Gedanken glitten auf die bevorstehenden Heimreise nach Hamburg und sie hoffte, mit ähnlich warmem Klima dort empfangen zu werden. Sie liebte dieses beschwingte Berlin, das mit einer fröhlichen Unbedarftheit und fast kecken Gelassenheit seinen Hauptstadtnimbus inhalierte, darüber irgendwie kindlich vergessend, dass die jahrzehntelange Subventionsmentalität ihm die Manieren verdorben und den sorgfältigen Umgang mit Geld aberzogen hatte. Berlin hatte Schulden. Nun gut, welche Stadt hat keine. Nur Berlin war die einzige Stadt, die wie aus alter Gewohnheit selbstverliebt darüber lächelte.

    Barbara drückte gerade ihre Zigarette aus, als Katharina an den Tisch zurückkam.

    „Entschuldige, aber ich hatte Franky lange nicht mehr gesehen und musste ihm einfach guten Tag sagen.“ Katharina blickte in die Richtung des Aufganges, wo an einem Stehtisch zwei Männer miteinander diskutierten. Barbaras Blick folgte dem Katharinas. Ein älterer, beleibter, grauhaariger Herr, in feinem Zwirn, Mantel und Hut lässig auf dem Hocker neben ihm abgelegt, hörte einem langen schlaksigen, jugendlich wirkenden Mann in Bluejeans zu. Er trug zum blauem Hemd eine Art gelbe Anglerweste und eine rote Baskenmütze. Mit weit schwingenden Gesten versuchte er offenbar dem Grauhaarigen den Umfang der Erdkugel zu beschreiben.

    „Welchen von den beiden meinst du?“

    „Den mit der roten Mütze und den ausladenden Gebärden.“

    „Den buntigen Gesellen?“

    „Ja. So bunt sein Outfit, so bunt seine Gedanken und umfassend sein Wissen. Er war früher bei der Fremdenlegion und hat wohl mal mit dem BKA und dem BND zu tun gehabt.“

    „Ein Agent? Wie spannend!“

    „So eine Art“, schmunzelte Katharina, „genau hab ich das nie herausgekriegt. Aber er kennt Gott und die Welt und wenn ich mich recht entsinne, hat er ursprünglich Atomphysik studiert.“

    „Und was macht er jetzt?“

    „Er versucht sich als Detektiv.“

    „Na du kennst ja illustre Leute!“

    „Du kennst ihn auch.“

    „Nicht möglich!“ Barbara schaute wieder zu dem Stehtisch und betrachtete den Angesprochenen genauer. „Nein, Katharina, beim besten Willen, ich kann mich nicht erinnern.“

    „Nicht vom Sehen. Vom Telefonieren.“

    Barbara schien ein Licht aufzugehen. „Sollte das – ist das – das muss Frank sein! – Der Frank, mit dem du ein halbes Jahr zusammen gelebt hast?“

    „Ja.“

    „Und da weißt du nicht mehr über ihn, als diese Andeutungen?“

    Katharina sah zum Fenster hinaus und suchte die richtigen Worte. „Er gehört zu den Männern, die keinen allzu nah an sich heran lassen. Selbst nicht einmal ihren Partner. So interessant er ist, so kompliziert ist er und so komplex sind seine Gedanken und seine Weltanschauung. Er ist der geborene intellektuelle Einzelgänger.“

    „Auch Einzelgänger brauchen Frauen, intellektuell oder nicht.“

    „Nur hin und wieder, zum kurzfristigen Anlehnen, zum Aufatmen zwischen zwei komplizierten Fällen, zum Ausweinen und zum Sex.“

    „Und? Habt ihr euch verabredet?“ Vorfreude stand in Barbaras Augen.

    Katharina schaute auf ihre Tasse. „Wir konnten nicht viel sprechen, er ist mit einem Klienten hier. Aber du hast recht, wir haben uns verabredet.“

    „Zum Sex?“

    Katharina trank einen Schluck Kaffee, bevor sie Barbara anblickte und lächelnd antwortete: „Wir werden uns treffen. Geschäftlich.“

    „Wie schade!“

    Katharina ging nicht weiter darauf ein. „Er kennt sich aus mit den Machenschaften einiger Gruppierungen hier in Berlin und dem Umland, Gruppierungen wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Art, sogar solchen außerhalb jeder Gesellschaftsnorm.“ Und nach einer Pause setzte sie hinzu: „Vielleicht weiß er etwas über diese Geschichte mit den Babys.“

    „Die Journalistin! Vergißt über den Schlagzeilen, dass sie Frau ist.“

    „Nein, die Frau vergisst nicht die journalistischen Beweggründe zu den Schlagzeilen. Wann geht endlich dein Zug?“ Die beiden Frauen schauten sich an. Dann begannen beide laut zu lachen.

    Kapitel 14

    Zoller und Wanzke waren gerade rechtzeitig am Bahnhof Zoo, um Frau Ammerschläger vom Zug aus Hamburg abzuholen. Auf dieser Strecke gab es keine Flüge, außer, man wollte über Amsterdam fliegen und dann kosteten sie das Zehnfache des Bahntickets und dauerten länger als die Bahnfahrt, die mit guten zwei Stunden von Zentrum zu Zentrum diese Flüge unterboten. Noch rascher wäre es mit der einst geplanten Magnetschnellbahn Transrapid gewesen, deren Bau von der Bundesregierung bereits beschlossen, von der Nachfolgeregierung jedoch wegen Kostensteigerung wieder gekippt worden war. Andere Länder wagten sich in den Folgejahren an diese schnelle und leise Technologie und China konnte bereits den Millionsten Fahrgast feiern, wohingegen Deutschland derzeit nur eine Versuchsstrecke unterhält. Ersatzweise sollte zwischen Hamburg und Berlin eine Schnellbahnstrecke im Winter dieses Jahres die Strecke auf neunzig Fahrminuten verkürzen. Doch noch war es Frühjahr.

    Zoller hatte Wanzke den Wagen direkt vor dem Bahnhof anhalten lassen, was bedeutete, dass er in dem täglichen Chaos aus Taxen, Bussen, Pkws und gepäckbewaffneten Reisenden vor dem Haupteingang ständig hin und her rangieren musste, um seinen günstigen Platz zu halten. Da sie ein unbeschriftetes Polizeifahrzeug fuhren, war es wie jedes andere Fahrzeug auch, dem Wohlwollen von Taxi- und Busfahrern ausgeliefert. Hier war der größte Umschlagplatz im Westen Berlins für bahnreisende Menschen und  deren Gepäck von überall her und wohl auch für Drogen, obwohl sich die Berliner Polizei die größte Mühe gab, den direkten Bahnhofsbereich frei von Dealern und deren Kunden zu halten. Doch wenn man genauer hinsah, erkannte das geschulte Auge die eine oder andere weibliche oder männliche Prostituierte, die einen schnellen Gast für den nächsten Schuss oder Joint oder die nächste Koks-Linie suchte. Im anonymen Getümmel fielen auch die kleinen Gruppen Obdachloser nicht besonders auf, die sich an warm gewordene Bierdosen klammerten und deren Blicke so trüb waren wie die Zukunft, in die sie schauten.

    Wanzke blickte versonnen in das Gewimmel von Menschen und Autos vor sich und dachte an die zunehmende Kleinkriminalität, wie sie sich auch im Bezirk Mitte breit machte. Er hatte von Kollegen gehört, dass sich in der Nähe des Friedrichstadtpalastes Punks extrem aufdringlich an Passanten heranmachten, um sie um Kleingeld zu ‚bitten’. Dann sah Wanzke hoch und erblickte eine Gruppe Schulkinder, die sich laut lachend auf der anderen Straßenseite im Gänsemarsch, angeführt von einem Lehrer mit Botanisiertrommel, zielgerichtet auf den Eingang zum Zoo zu bewegten. Die Eltern am Ende der Reihe hatte alle Hände voll zu tun, die Nachzügler beisammen zu halten, das Gekreisch ihrer Schützlinge übertönte den Verkehrslärm. Wanzke versuchte sich zu erinnern, wann er das letzte mal im Zoo gewesen war. Es musste lange vor dem Mauerfall gewesen sein. Mit Irene, seiner Frau und Ingrid, seiner Tochter, die damals gerade mal zehn Jahre alt war und selbst nun verheiratet und mit eigenem Nachwuchs in Steglitz lebte. Er sah sich und seine Frau bei sich zu Hause im Garten, wie an der Gartentüre sein Vorgesetzter Hartwig Zoller mit Eva, dessen Frau, ihnen zuwinkten. Sie riefen ihnen zu, dass die Gartentüre offen sei, Zoller öffnete sie und kam mit seiner Frau näher. Eva war eine bildhübsche Ungarin mit schwarzen Haaren, dunklen Augen und ebensolcher Stimme, deren leichter Akzent ebenso charmant wirkte, wie das von Franzosen. Sie war Anwältin und an einer kleinen Kanzlei in Hamburg beteiligt gewesen und es war noch nicht so lange her, dass sie Zoller geheiratet hatte. Hartwig war, seitdem er sie kennen gelernt hatte, wie umgewandelt gewesen, sein mürrisches Wesen, mit dem er andere leicht vor den Kopf stoßen konnte,  glättete sich zu einer freundlichen Verbindlichkeit. Bis eines Tages dieser Unfall geschehen war.

    Es schlug gegen die Scheibe. Wanzke zuckte zusammen und fuhr hoch. Er war eingenickt. Durch das Seitenfenster blickte ein uniformierter Polizist in den Wagen.

    „Sie können hier nicht stehen bleiben!“ Dazu machte er eine Handbewegung, die zeigen sollte, dass Wanzke schleunigst sich wegbewegen sollte. Wanzke, noch etwas benommen, drückte auf den Schalter und ließ die elektrische Beifahrerscheibe herunter. „Kollege! Wir sind im Einsatz!“

    „Im Einsatz schlafen? Det könnse Ihra Großmutter erzählen!“ kam es in breitestem Berlinerisch.

    „Ne, det erzähle ick Ihnen!“ blaffte Wanzke zurück. „Hier, mein Ausweis!“

    Der andere tat einen kurzen Blick darauf und hob die Hand an die Mütze: „Nischt für ungut, Kollege, jutet Jelingen!“ und zog weiter.

    Inzwischen hatte sich im Gebäude des Bahnhofes Folgendes begeben:

    Zoller stand an der Treppe, nahe des Bahnsteigs, wo der Zug aus Hamburg vor drei Minuten hätte einfahren sollen. Auch hier war ein Gewusel aus Reisenden und Gepäck, ein Singsang aus allen möglichen Sprachen drang an sein Ohr, manchmal sogar ein vertrauter Berliner Ton. Der Wind zog durch diesen Durchgangsbahnhof und kühlte die Frühlingshitze. Laut, dafür unverständlich echoten einige Durchsagen durch die Halle, nur fetzenweise verstand man, was nach Verspätung klang und nach Hamburg und Minuten. Zoller lehnte an einem Stahlträger, der das Dach stützte.

    Da fiel ihm auf dem Bahnsteig gegenüber etwas auf. Er wusste nicht, was es gewesen sein könnte, aber irgend etwas hatte ihn geweckt. Sein Blick flog über die Gestalten den Bahnsteig entlang, noch einmal, etwas genauer. Da sah er sie. Er erkannte sie an den rötlichblonden Haaren und den eindeutigen Gesten, die nur zu einer Person passten: Katharina. Wollte sie verreisen? Das hätte sie ihm doch sicherlich gesagt. Sie sprach mit einer etwas kleineren Frau mit silbernem Haar. Er sah, wie sie sich umarmten. In diesem Moment strauchelte vor ihm eine alte Dame über ein Gepäckstück und Zoller sprang vor, um sie vor dem Sturz zu bewahren. Sie zeterte und schimpfte in einer ihm fremden Sprache. Es klang wie Schwedisch oder Dänisch, bevor sie einige Worte an ihn richtete, die er als Dank verstand.

    Als er wieder hoch sah, war auf dem Gegengleis ein Zug eingefahren. Aus dem Lautsprecher dröhnte es deutlicher: „Vorsicht an Gleis drei! Es fährt ein der Intercity von Hamburg nach Basel, über Hannover, Frankfurt, Mannheim. Freiburg. Bitte zurücktreten an Gleis drei!“ Zoller schaute in die Richtung, aus welcher der Zug kommen musste und bemerkte, wie der andere Zug anfuhr, hoffte aus irgend einem Grund, der abfahrende Zug würde noch eine Lücke bilden, um zu schauen, ob Katharina am Bahnsteig gegenüber zurückgeblieben wäre. Aber keine Chance, der abfahrende Zug setzte sich zu langsam in Bewegung und noch bevor das Ende an ihm vorbeikommen konnte, rauschte aus der Gegenrichtung der Zug von Hamburg ein. Nun gut. Er würde sie später anrufen. Er vermutete, dass Frau Ammerschläger erster Klasse fahren würde und achtete jetzt darauf, wo diese Waggons zum Stehen kommen würden. Da musizierte sein Handy Schubert’s Forellenquintett, also Katharina. Gerade jetzt, da er sich um Frau Ammerschläger zu kümmern hatte. Er überlegte kurz, ob er das Gespräch einfach abweisen sollte, entschied sich aber dagegen und fragte: „Ja?“

    „Hier spricht Katharina“, meldete sich die Anruferin, „ich sehe schon die Schlagzeile: Der Held vom Bahnhof Zoo! Was treibst du hier?“

    Zoller wusste mit dem Ganzen nichts anzufangen und antwortete lakonisch: „Ich rufe dich später zurück. Bin dringend im Dienst.“ Und bevor sie antworten konnte, legte er auf. Irritiert durch diese Ablenkung schaute er in die Richtung, von wo er Frau Ammerschläger erwartete. Der Zug rollte aus, die Leute wimmelten die Abteile entlang zu den Türen und bildeten dicke Trauben davor. Als sich die Türen öffneten, schaute Zoller konzentriert auf den Wagen der ersten Klasse, aus dem die ersten Passagiere ausstiegen. Herren in Anzügen mit Krawatte, die seit der Wiedervereinigung wesentlich häufiger in Berlin anzutreffen waren, eine ältere Dame mit einem weißen Pudel, dem die Lücke zwischen Abteil und Bahnsteig ein unüberwindliches Hindernis darstellte, bis sie ihn mit den Händen aufnahm und am sicheren Ufer niedersetzte, wo er wie irrsinnig kläffte und an der Dame hochsprang. Er beobachtete ein weiteres Rudel aktentaschenbewehrter Anzugträger, diesmal jüngerer Bauart, Schluss. Keiner stieg mehr aus. Die Horde der wartenden Passagiere drängte in den Zug. Keine solo reisende junge Dame war ihm entstiegen oder schälte sich aus den andrängenden Massen.

    „Sie müssen Herr Zoller sein.“

    Der Angesprochene drehte sich um und erblickte eine schlanke, gut aussehende Frau, gebräunt, mit glatt nach hinten gekämmten, braunen Haaren, die in einem kurzen Pferdeschwanz mündeten, in einem mittelgrauen Hosenanzug, einen hellen Staubmantel in der einen, einen kleinen Reisekoffer aus Aluminium in der anderen Hand.

    Nachdem sie sich mit den üblichen Floskeln begrüßt hatten und er ihr sein Bedauern über den Tod ihres Mannes mitgeteilt hatte, gingen sie die Treppen hinunter in das Bahnhofsgebäude. Ihre hohen Stöckelschuhe klackten vernehmlich bei jedem Schritt.

    Auf Zoller machte sie einen sehr gefassten Eindruck, nicht wie eine Frau, deren Mann gerade ermordet worden war.

    „Bringen Sie mich nach Hause?“, fragte sie.

    „Selbstverständlich“ antwortete er und wies ihr den Weg zum Wagen, in dem Wanzke auf sie wartete. Zoller setzte sich neben sie nach hinten.

    Nachdem sie sich die Schuhe abgestreift hatte, legte sie für einen Augenblick ihr Gesicht in beide Hände. Als sie wieder aufsah, bemerkte Zoller Tränen in ihren Augenwinkeln, als ob sie erst jetzt ihre Geschäftsreise beendet hatte und sich Gefühle leisten konnte.

    „Wie ist das passiert?“ Sie sprach leise und mit einem Zittern in der Stimme und blickte nach draußen, wo die Gebäude langsam an ihnen vorbei zogen. Zoller erwartete jeden Augenblick einen Ausbruch von ihr und hielt die Antwort zurück. Als sie ihn dann anschaute und kurz die Nase hochzog, antwortete er: „Genaues wissen wir noch nicht. Er hat eine tödliche Dosis Gift offenbar mit einem Whisky getrunken.“

    Sie warf den Kopf herum und blickte wieder nach draußen. Ihr Mund war zu einem Strich zusammengepresst und Zoller sah, wie sich ihre Hand zur Faust ballte. Die Tränen kamen ihr wieder und ein kurzer Weinkrampf schüttelte sie. Dann griff sie in ihre Jackettasche und holte ein Papiertaschentuch heraus, schnäuzte sich die Nase, wischte sich die Augen und fragte dann ganz klar: „Wer hat das getan?“ Sie wiederholte, diesmal etwas lauter: „Wer hat das getan?“

    In der Wohnung Ammerschläger angekommen, hatte Frau Ammerschläger sich gleich daran gemacht, Kaffee zu kochen. Zoller nutzte die Zeitspanne, in der sie beschäftigt war, um mit Schneider im Büro zu telefonieren. Er wollte wissen, was auf der Diskette war, die sie ihm übergeben hatten, bevor sie Frau Ammerschläger vom Bahnhof abholten. Schneider sprach von einer Art Tagebuch, das noch nicht gänzlich ausgewertet wäre, doch auch in anderen Dateien habe man Notizen gefunden über Hinweise und Vorgänge, welche die Adoption von Kindern beträfen. Hierbei hätte man auch eine Liste von ausländischen Firmen gefunden, die mit Adoption zu tun hätten. Dann gäbe es noch eine Datei, die schwer verschlüsselt sei und die man noch knacken müsste. Es folgten ein paar Angaben, die sich Zoller notierte. Auf seine Frage, ob ein gewisser Name aufgetaucht wäre, antwortete Schneider, nein, Woronzeff sei nirgends erwähnt, konnte ihm aber noch mitteilen, dass die Aufzeichnungen der Videokameras im Hause der Ammerschlägers sich alle sechs Stunden automatisch überschrieben, weshalb man kaum noch Aufzeichnungen vom Vorabend erhalten könnte.

    Frau Ammerschläger erschien mit einem Tablett und einem abgerungenen kleinen Lächeln. Zoller beendete sein Telefonat. Sie stellte das Tablett auf den Acryltisch und bat, sich doch bitte selbst zu bedienen, was auch jeder tat.

    „Frau Ammerschläger, seit wann waren Sie in Hamburg?“ begann Zoller.

    Sie sagte ohne zu überlegen: „Seit Freitag letzter Woche.“

    „Hatten Sie gestern Abend Kontakt mit ihrem Mann, haben sie telefoniert miteinander?“

    „Ja, vor dem Abendessen.“

    „Wann war das?“

    „Das war so gegen neunzehn Uhr.“

    „In welcher Stimmung war Ihr Mann?“

    „Wie meinen Sie das?“

    Es war immer eine unangenehme Angelegenheit, wenn man Angehörige befragen musste, ob ein Selbstmord in Betracht zu ziehen sei. Meist reagierten die darauf Angesprochenen entsetzt, so unvorstellbar kam ihnen diese Möglichkeit vor, selten nachdenklich. Und das Entsetzen blockierte lange Zeit die Gedankengänge. Zoller versuchte, langsam auf dies Thema hinzuzielen.

    „War er gut gelaunt oder depressiv?“

    „Was meinen Sie mit depressiv?“, fuhr sie auf.

    „Litt Ihr Mann unter einer Krankheit?“, fragte er schnell.

    „Robert? Nein! Wie kommen Sie darauf?“

    „Nahm er Medikamente, war er herzkrank?“

    „Nein, nichts von alledem!“

    „Sagt ihnen Digitoxin etwas?“

    „Durchaus nicht. Es klingt wie ein Gift. Ist er daran -?“

    Zoller machte eine kurze Pause, dann fragte er: „Können Sie uns erklären, wieso wir in seinem Badezimmerschrank eine Flasche dieses Mittels gefunden haben? Mit seinen Fingerabdrücken“, setzte er hinzu.

    Sie schaute ihn irritiert an und schüttelte den Kopf.

    „Gut,“ sagte Zoller, „das werden wir herausfinden.“

    „Hat Ihr Mann bei ihrem letzten Telefonat erwähnt, dass er möglicherweise noch Besuch bekäme?“ fragte Wanzke.

    „Nein, er wollte früh ins Bett, da am nächsten Morgen der Bereitschaftsdienst beginnen sollte, also heute.“

    „Wann beginnt dieser Dienst?“, fragte Wanzke weiter.

    Zoller hörte zu, wie sein Kollege die Befragung weiterführte.

    „In der Regel um sechs Uhr. Hat er denn Besuch bekommen?“, fragte sie nachdenklich.

    „Wir meinen ja. Ihre Zugehfrau, Frau Dehm, meint, es müsse jemand hier gewesen sein. Der Aschenbecher stand auf der Anrichte und nicht am Fenster.“

    Frau Ammerschläger wurde hellhörig. Ihre Sätze kamen abgehackt, mit jeweils einer Pause dazwischen. „Dann muss jemand da gewesen sein. Mein Mann hasst alles, was mit Rauchen zu tun hat. Nur besonderen Gästen erlaubt er, hier zu rauchen. Und einen benutzten Aschenbecher wäscht er selber per Hand aus und stellt ihn weg.“

    „Dazu hatte er wohl diesmal keine Gelegenheit“, warf Zoller ein.

    „Was sind das für Gäste, denen er zu rauchen erlaubt?“, fragte Wanzke weiter.

    „Das sind eigentlich nur Michael und Michaela, ein Ehepaar, beides Ärzte.“ Zoller wollte gerade nach dem Nachnamen fragen, als sie hinzusetzte: „Aber die rauchten hier schon länger nicht mehr – sie konnten seine Sprüche nicht mehr ab und sie leben jetzt auch in Leipzig.“

    „Kommt denn sonst noch jemand in Frage?“

    Erst schüttelte sie den Kopf, sagte aber dann: „Höchstens sein Chef, der Professor, aber der war nur einmal hier.“

    „Professor Heber aus der Klinik?“ Wanzke hatte seine Hausaufgaben gemacht.

    Frau Ammerschläger nickte.

    Zoller holte den Block aus der Jackentasche, auf den er bei dem Gespräch mit Schneider seine Notizen gemacht hatte.

    „Können Sie mir sagen, was CSCNS bedeutet?“

    Sie ließ sich die Buchstabenfolge noch einmal wiederholen, zog die Brauen zusammen und wiederholte tonlos die Abkürzung.

    „Klingt wie eine exotische Krankheit, oder wie eine chemische Formel.“

    Wanzke schaltete sich wieder ein: „Könnte es sein, dass ihr Mann Geheimnisse vor Ihnen gehabt hat?“

    „Wenn dem so war, so kann ich diese Geheimnisse ja nicht kennen“, antwortete sie folgerichtig.

    Zoller wusste, was Wanzke gemeint hatte und setzte nach: „Gab es schon einmal Anlass für Sie zu glauben, dass Ihr Mann Geheimnisse vor Ihnen gehabt haben könnte?“

    Jetzt dachte sie ein wenig länger nach und antwortete: „Genau weiß man das ja nie, aber eigentlich meine ich nicht.“

    Zoller stieß weiter vor: „Haben sie beide sich über Adoption eines Kindes Gedanken gemacht?“

    „Ja, nachdem es feststand, dass wir keine Kinder bekommen können. Aber wir hatten Abstand genommen als wir hörten, dass man dreißig Unterlagen benötigte und es einem sehr schwer gemacht wird, sofern man nicht Kanzler ist. Aber was hat das mit dem Tod meines Mannes zu tun?“

    Zoller ging nicht darauf ein. „Könnte es sein, dass ihr Mann einen anderen Weg versuchen wollte?“

    Sie zuckte mit den Achseln. „Vielleicht.“

    „Haben Sie den Namen Woronzeff schon einmal gehört?“

    Wieder zog sie die Brauen zusammen, dachte nach und sagte: „Nein, nie gehört. Klingt russisch.“

    „Woher könnte Ihr Mann diesen Namen kennen? Vielleicht aus der Klinik?“, hakte jetzt Wanzke nach.

    „Nein, die Professoren und Ärzte dort kenne ich alle, da ist kein Woronzeff darunter. Aber warten Sie. Vielleicht ist es eine Patientin.“

    „Wie kommen Sie darauf?“

    „In letzter Zeit sprach Peter öfter von Patienten aus Russland oder aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion, Kasachstan, Lettland und so.“

    „Die alle Patienten in der Klinik sind oder waren?“, versicherte sich Wanzke, der eifrig mitgeschrieben hatte.

    „Ja“, sagte Frau Ammerschläger, „Sankt Annen, die Klinik von Professor Heber, ist eine Privatklinik, die sich auf der einen Seite auf Gynäkologie spezialisiert hat und so weit ich weiß, vorwiegend Frauen, insbesondere werdende Mütter behandelt, schwierige Geburten durchführt und Frauenkrankheiten behandelt. Zum zweiten behandeln sie auch Kinder, auch ausländische.“

    „Woronzeff muss ein Mann sein, wie wir wissen. Also keine Patientin. Wir haben den Namen auf einem Stück zerknülltem Zeitungspapier gefunden, welches er in seiner Hosentasche bei sich trug.“

    Sie sah die beiden Männer ratlos an und hob die Schultern.

    Für Zoller war es klar. Sie hatte den Namen nie gehört. Irgend etwas musste der Arzt während der Abwesenheit seiner Frau erfahren haben. Vielleicht könnte sie ihm doch noch Aufschluss geben. „Frau Ammerschläger, Sie haben doch gewiss während Ihres Aufenthaltes in Hamburg öfter mit Ihrem Mann telefoniert. Hat er da vielleicht irgend eine Bemerkung gemacht, dass ihm irgend etwas seltsam oder merkwürdig vorkam? Irgend eine Ungereimtheit? Oder, anders gefragt, erschien er Ihnen irgendwie anders als sonst?“

    Sie wollte schon antworten, hielt aber noch einen Moment ein, bevor sie langsam sagte: „Robert hörte sich etwas angespannt an. Wie nach zuviel Arbeit.“ Sie hielt inne, blickte auf und sagte: „Darf ich Ihnen etwas zum Kaffee anbieten? Ich benötige jetzt einen kleinen Schluck.“ Sie stand auf und als die beiden Männer mit einer Geste ablehnten, ging sie zur Anrichte und holte ein Glas und eine Sherryflasche heraus.

    „Ach ja, Sie sind ja im Dienst“, sagte sie.

    Zoller spürte, dass sie mit ihren Gedanken ganz woanders war. Sie goss sich das Glas voll, stellte die Flasche zurück und setzte sich. Zoller bemerkte, wie blass sie aussah, wie müde. Sie setzte sich nicht bequem hin, sondern vorgebeugt, die Ellenbogen auf ihre Knie gestützt, das Glas in den Händen drehend. Langsam begann sie: „Es wäre mir nicht aufgefallen, wenn Sie nicht gefragt hätten. Er sprach ganz nebenbei von einer Besprechung, die er am Morgen mit dem Professor haben würde.“ Sie machte eine Pause und trank einen Schluck Sherry.

    „Sagte er etwas über den Grund des Gespräches?“,  brachte Wanzke sich sanft in Erinnerung.

    „Nein.“

    „Können Sie sich vorstellen, um was es gehen sollte?“

    „Nein, nichts Konkretes. Es ging ja immer um die Klinik und die Arbeit. Vielleicht wollte er eine besser bezahlte Stellung. Darüber wurde in der letzten Zeit häufiger diskutiert.“ Sie trank in einem Zug das Glas leer, stellte es auf dem Tisch ab und lehnte sich zurück. Ihre Augen verschleierten sich, ihr Blick ging ins Nirgendwo. Zoller machte Wanzke ein Zeichen, nicht weiter zu fragen. Er kannte diesen Moment, in dem einen die ganze Wirklichkeit mit einem Male anspringt, in dem man sich bewusst wird, dass man einen nahestehenden Menschen unwiderlegbar verloren hat. Frau Ammerschläger hatte lange bis zu diesem Punkt gebraucht. Es lag wohl an ihrer Selbständigkeit und dem mit ihrer Arbeit verbundenen Pflichtverständnis zur Bewahrung von Haltung in allen Situationen, dass sie ohne großen Zusammenbruch bis jetzt ausgehalten hatte.

    Zoller erhob sich ohne weiteres Wort. Wanzke folgte seinem Beispiel.

    „Noch einmal unser herzlichstes Beileid. Wir melden uns, sobald es Ihnen besser geht.“

    Damit verließen sie die Wohnung und eine Frau, die sich dort, wo sie gesessen hatte, einrollte und weinte und irgendwann erschöpft einschlief.

    Kapitel 15

    Katharina war direkt von der Verlagszentrale in der Nähe der Urania in die Bar gegangen, die am Lützowplatz im Souterrain lag. Diese Bar hatte sie für sich entdeckt, um abseits des Trubels und bei einem ausgezeichneten Cocktail ihre Artikel zu durchdenken. Hier machte sie sich Notizen, überlegte bei leiser Musik passende Formulierungen, überdachte geeignete Zusammenhänge und passende Kongruenzen und hatte sich durch manchen exotischen Drink anregen lassen. Sie saß, wie immer, in einer nicht direkt einsehbaren Nische an einem kleinen Tisch, ein volles Glas Sherry vor sich. Ihr gegenüber im Spiegel konnte sie das Lokal und den Eingang überblicken. Als Hartwig Zoller sie vor einer Stunde angerufen hatte, hatte sie ihm zum ersten Mal diese Bar als Treffpunkt genannt, die er selbst nicht kannte.

    Im Hintergrund spielte leise die Musik von Lalo Schifrin den Titel Old Laces, aus dem Album Marquis de Sade, eines der Lieblingsstücke, die sie von ihm kannte und sie summte fast unhörbar mit. Der Besuch Barbaras hatte sie erfrischt und in ihr klang immer noch die Wienerische Sprachfarbe ihrer Freundin nach.

    Sie hatte einen Artikel bei sich, den sie beendet wissen wollte, an dem sie seit Tagen saß und dessen Vollendung sie immer vor sich her geschoben hatte, teils, weil ihr Recherchen gefehlt hatten, teils, weil Barbara zu Besuch war und sie sich Zeit für sie nehmen wollte. Doch wenn sie ehrlich war, lag es an ihrer Feigheit, an ihrer Unentschlossenheit, der Meinung ihres Chefredakteurs entgegenzutreten. Gerade wollte sie ihr Manuskript aufschlagen, sah sie im Spiegel eine Bewegung an der Tür. Gegen das helle Tageslicht sah sie nur den schwarzen Schatten, der Schritt für Schritt vom künstlichen Licht der Bar Farbe und lebendige Züge bekam. Doch bereits an der Silhouette und seinen Bewegungen hatte sie Hartwig Zoller erkannt, der plötzlich aus dem Spiegel verschwand und sich der Theke zugewandt haben musste. Sie hörte das Murmeln des Barkeepers und dann das „Ah, ja“ von Hartwig, der nun den Spiegel ganz einnahm. Sie wandte sich ihm zu.

    „Schön, dass du Zeit gefunden hast. Heute Mittag habe ich dich wohl auf dem falschen Fuß erwischt.“

    Zoller setzte sich ihr gegenüber. Ihm fiel auf, dass sie dezent geschminkt war. Oder konnte es sein, dass sie es immer gewesen war, es ihm aber nicht aufgefallen war? Angeregt schaute er sich um und meinte: „Schön hier. Was trinkt man denn so?“ Sie schob ihm wortlos die Karte hin und lächelte ihn an. „Viel zu tun? Schwerer Fall?“ Er schaute in die Karte und überflog die Cocktails, landete aber zielsicher bei den Biersorten, die ihm etwas sagten, jedenfalls mehr zusagten, als die unergründlichen Namen der Mixgetränke. Der Kellner kam und er bestellte sich ein Bier, von dem er wusste, wie herrlich herb es war.

    „Undurchschaubar“ antwortete er, „derzeit kein roter Faden sichtbar. Im Gegenteil, alles wird undurchsichtiger. Zum Beispiel der Tote. Er hieß laut Ausweis Mandelstein. Nun haben wir herausgefunden, dass dies ein Adoptivname ist. Er hieß früher Mündel. Jetzt noch ein neuer Fall, der eine seltsame Verbindung zu unserem ersten zu haben scheint.“ Zoller erzählte ihr kurz von Dr. Ammerschläger und dessen Frau, bevor er seufzend fragte: „Wie geht es deiner Schreibkunst?“

    „Wenn man das Schreiben über Verbrechen als Kunst ansehen möchte“ antwortete sie. „Es führt unweigerlich zur Beschäftigung mit Verbrechen und zu den Fragen des Rechts, des Unrechts, der Moral, der Schuld und Sühne. Alles Themen, die nicht immer sehr ersprießlich sind.“

    „Das klingt ja, als ob du damit Probleme hast.“

    „Manchmal schon.“ Sie nippte an ihrem Glas, schaute ihn an und schien zu überlegen, ob sie bereit wäre, darüber mit ihm ausführlicher zu sprechen.

    „Nun?“, tippte er an.

    „Wir“, begann sie, „du und ich, haben tagtäglich mit Menschen zu tun, die Gesetze übertreten, die Schändliches tun, Verbrechen begehen, Gewalt anwenden, vergewaltigen, betrügen, vom kleinsten Dieb bis zum größten Terroristen und Mörder.“ Sie hielt inne und nippte wieder an ihrem Glas. Ihm schien, als ob sie erschnüffeln wollte, ob ihn das Thema nicht langweilte. Er versuchte, ein interessiertes Gesicht zu machen und setzte sich aufrecht.

    Der Barmann brachte Zollers Bier. Zoller nickte dankend.

    Ja, es interessierte ihn immer, wenn sie sprach, er wunderte sich über ihr Zögern, hatten sie doch immer offen über alle Themen sprechen können. Ihm fiel nichts ein, wie er sie ermuntern könnte weiterzusprechen und so schwieg er.

    „Wenn man überlegt, dass die Täter einst genauso unschuldige Babys waren wie ihre Opfer, so fragt man sich, woher kommt das, dass aus den einen Täter werden und den anderen die Opferrolle zugewiesen wird?“ Sie machte wieder eine Pause, um ihm Gelegenheit zu geben, einzuhaken. Da er nicht wusste, worauf sie hinaus wollte, schwieg er. Sprach sie hier als Frau und mögliche Mutter oder als Journalistin, die den Sinn ihres Tuns hinterfragt? Er schaute sie erwartungsvoll an. Sie zündete sich eine Zigarette an.

    „Welche Rolle kommt dabei der Erziehung, der Politik und der Justiz zu?“, setzte sie hinzu, blies den Rauch in die Luft und als er immer noch fragend blickte: „Kurz gesagt, besser, kurz gefragt: Welche Rolle spielt die sogenannte Gesellschaft, die glaubt, sie habe zuvor etwas an den Verbrechern verbrochen, was es nun gilt, durch ausgeprägten Täterschutz und umfangreiche und kostspielige Resozialisierungsmaßnahmen wieder gut zu machen?“

    Zoller sagte prompt: „Wie eine Rückholaktion bei Autos.“ Er merkte sofort, dass der Vergleich unpassend war, doch da war er schon rausgerutscht und bevor er sich verbessern konnte, ging sie darauf ein.

    „Nur, dass das Unglück schon geschehen ist. Und als brauchte man lediglich eine locker gewordene Schraube fest zu drehen oder ein fehlerhaftes Teilchen auszuwechseln und alles ist  wieder in Ordnung.“

    „Du bezweifelst also Resozialisierungsmaßnahmen?“, fragte er vorsichtig.

    Katharina blies den Rauch gegen die Decke und drehte ihre Zigarette zwischen den Fingern. „Nicht grundsätzlich. Nur die Art, den Umfang und die Bewertung. Denn menschliches Versagen lässt sich nie ausschließen und die Psychologen und Ärzte, die über den Fortschritt der Resozialisierung, sprich der Reparatur, wenn man bei deinem Bild bleiben will, zu entscheiden haben, sind auch nicht frei von Fehlurteilen.“

    „Wer ist das schon.“

    „Eben, und deshalb finde ich, ist das Bohai um diese Maßnahmen übermäßig groß, gemessen an den Erfolgen, oder sagen wir lieber Misserfolgen dieser Aktionen. Dagegen die Opfer! Wo bleibt der Opferschutz? Die Opfer haben nicht nur Geld und Gut verloren, schlimmer, sind verletzt, innen wie außen und am schlimmsten ist, ihnen wurde die Würde genommen, wenn nicht gar das Leben! Geredet wird nur von den Tätern. Wer gibt den Opfern die Würde zurück?“ Sie drückte entschieden ihre Zigarette aus.

    „Du denkst an die Freigänger, die rückfällig wurden.“

    „Nicht nur Freigänger, besonders an die als geheilt entlassene Täter, die munter weitermachen, ohne dass ihnen deine Rückholaktion geholfen hätte. Und die Opfer leiden in der Zwischenzeit weiter.“

    „Wir sind mit diesem Tatbestand auch nicht glücklich, nur liegt es nicht in unserer Kompetenz, daran etwas zu ändern.“

    „Das sind dann, um ein neudeutsches Wort zu gebrauchen, soziale Kollateralschäden, mit wieder neuen Opfern und neuem Leid.“

    Katharina, vom Thema sichtlich erhitzt, strich sich über die Stirn und trank den Rest ihres Sherrys in einem Zuge aus.

    „Wenn sich jeder an die Spielregeln hielte, käme es erst gar nicht dazu“, versuchte Zoller etwas Ruhe in das Gespräch zu bringen.

    „Das ist auch so eine Platitüde, die nur die halbe Wahrheit enthält. Sicher ist da was Wahres dran, nur spricht die Wirklichkeit eine andere Sprache, da werden Regeln, Konventionen einfach übergangen, gebrochen, weil sie der Selbstverwirklichung eines Individuums oder eines Staates im Wege stehen, dem Beliebigkeitspluralismus einer Spaßgesellschaft, oder, genauso schlimm, dem radikalen Missionierungsgedanken einer fanatischen religiösen Gruppierung.“

    „Du meinst damit, Verbrechen lässt sich nicht abschaffen.“

    „Nein. Ich meine Ja. Wissend um diese Tatsache, sollten wir entsprechend damit umgehen. Gut und Böse sind nun mal im Schöpfungsplan enthalten.“

    Zoller erinnerte sich an ein Seminar, in der es um Ethik in der Gesellschaft ging und wo von weltweit gültigen Regeln des Zusammenlebens die Rede war. Da wurde der Charta der Menschenrechte eine solche der Menschenpflichten beiseite gestellt und in einer Weltethos-Erklärung zusammengefasst.

    „Weshalb wiederum gesellschaftliche Grundregeln vonnöten sind, die jedem verständlich und nachvollziehbar sind.“

    „Ja, eine freiwillige Anerkennung und Selbstverpflichtung zur Wahrhaftigkeit und Fairness. Das kann aber auch nur funktionieren, solange kein Diktator oder Fundamentalist diese Werte ins Gegenteil verkehrt und mit wie vielen Jungfrauen auch immer dem winkt, der dagegen handelt.“

    „Das träfe in diesem Falle nur auf männliche Verblendete zu“, sagte Zoller trocken.

    Sie schmollte: „Mach dich nicht lächerlich über mich. Mir ist es schon Ernst. Vor allem mit den Opfern von Schandtaten, die meist im Schatten der Tat und des übergroß präsenten Täters vergessen werden.“

    „Gibt es zu deiner Auslassung, die ich schon bemerkenswert finde, einen akuten Anlass?“

    „Ja, mein Chefredakteur. Der ist so sozial, der würde jeden Mörder auf sechswöchige Urlaubsreise schicken und das in weiblicher Begleitung, weil er unterstellt, der Täter hätte aus Mangel an Zuwendung seine Tat vollbracht und füllt man seinen Mangel aus, wandelt er sich sofort in einen Engel.“

    „Soviel also zur Rolle der Frau bei der Verbrechensprophylaxe.“

    „Soviel zum Selbstverständnis meines Chefredakteurs, der womöglich schon mit einer Gräueltat kokettiert, um in den Genuss einer sechswöchigen Reise zu kommen.“ Die ganze Anspannung fiel von ihr ab und Zoller sah ihre Augen und die Reihe ihrer Zähne um die Wette blinken.

    Der Barmann kam und schaute nach dem Rechten, was beiden gelegen kam. Beide bestellten jetzt ein Bier.

    Zoller besah sich Katharina. Eigentlich eine entzückende Frau, dachte er, gar nicht mein Typ, ein bisschen nordisch, aber irgend etwas hat sie.

    „Wer war eigentlich die Dame in deiner Begleitung am Bahnhof Zoo?“

    „Ach, Barbara! Hast du uns doch noch gesehen? Sie ist eine sehr gute Freundin. Kenne sie aus Hamburg, hatte sie gerade zum Zug gebracht. Sie ist auch Journalistin und arbeitet einem freien Autor zu, Frank Wondratscheck, auch ein Wiener, wie sie.“

    „Muss man den kennen?“

    „Eigentlich schon. Er schreibt Enthüllungsberichte über Organisiertes Verbrechen.“

    „Ah ja, Weißmüller von der Vier hat den Namen einmal erwähnt.“ Auf ihren verständnislosen Blick antwortete er: „Weißmüller, ein Kollege vom LKA vier, Organisierte Kriminalität, du hast ihn einmal kurz kennen gelernt.“

    Ohne darauf einzugehen, sprach sie weiter: „Sie erzählte, sie seien gerade einer Bande auf der Spur, die offenbar in großem Zuge Kinder und sogar Babys verschachern. International. Und Hamburg sei ein Umschlagplatz.“

    „Wir haben gerade einen Kollegen aus Hamburg besuchsweise in unserer Abteilung, Wendland, glaube ich heißt er. Ich kann ihn ja einmal darauf ansprechen.“

    „Tu das, denn es soll Verbindungen ins Berliner Umland geben. Sie hat eine Firma erwähnt „Childrens Social Corporation“ oder so ähnlich. Und einen Namen, wie war er noch gleich, Woronzeff.“

    „Nein!“

    „Doch!“

    „Dieser Name ist das Bindeglied zwischen den beiden Morden, die ich bearbeite! Wie kann ich diese Barbara erreichen? Oder besser den Wondratschek.“

    „Frage doch deinen Wendland!“

    Diese weibliche Logik, dachte Zoller.

    Kapitel 16

    Am nächsten Morgen war Zoller früh im Büro. Er fand einige Berichte auf seinem Schreibtisch, die ihm Schneider am Vortage hingelegt hatte. Der Münchner Helmi, der mit das stärkste Motiv aus der Vergangenheit hatte, war zur Tatzeit eindeutig in München gewesen. Ein Verdächtiger weniger. Von Hauser war zu vermerken, dass er in den letzten Monaten hin und wieder nach Weißrussland und möglicherweise noch weiter gereist war, welche Tatsache Zoller aufmerksam aufnahm.

    Nichts lag vor über einen gewissen Woronzeff.

    Zoller griff zum Telefon und rief die Nummer seines Vorgesetzten an. Die Sekretärin meldete sich und teilte ihm mit, Direktor Hammann sei mit seinem Gast heute auf verschiedenen Dienststellen und überhaupt in Berlin unterwegs und nur per Handy zu erreichen. Auf seine Nachfrage, ob Kommissar Wendland eine Nummer hinterlassen hatte, gab sie ihm diese. Nach einem Blick auf die Uhr entschied er sich gleich anzurufen.

    Wendland war überrascht, hatte er doch eher vermutet, aus seinem Hamburger Amt statt von einem Berliner Kommissar angerufen zu werden und sagte, er sei in seinem Hotel und gerade auf dem Wege zum Frühstück, zu dem auch Direktor Hammann dazustoßen wollte.

    Wendland antwortete auf die Frage, ob ihm der Name Woronzeff ein Begriff sei, dass ihm dieser Name von einer Hamburger Journalistin zugetragen worden sei in einer Angelegenheit, an der sein Kommissariat auch gerade arbeitete. Die letzten Erkenntnisse könne Zoller bestimmt bei den Kollegen in Hamburg abrufen. Hierzu gab er ihm eine Nummer und den Namen des zuständigen Oberkommissars. Ja, seine Truppe wäre bestimmt schon im Dienst, er könne dort unter Berufung auf ihn jederzeit anrufen. Zoller verkniff sich die Frage, ob die Journalistin mit Vornamen Barbara hieß, wünschte seinem Kollegen viel Spaß für den Tag und ließ seinen Direktor grüßen.

    „Henning“ meldete sich der Hamburger Oberkommissar.

    „Zoller, LKA elf, Berlin. Guten Morgen und schöne Grüße von Hauptkommissar Wendland!“

    „Moin, Moin! Ja, sagen Sie ihm, er fehlt uns gar nicht, er soll hübsch noch ein paar Tage in Berlin bleiben. Füttert ihr ihn auch ordentlich.“ Erschlagen zum einen von dem breiten Hamburger Platt, zum anderen durch die Burschikosität des Gesprächspartners war Zoller zunächst etwas aus dem Gleis geraten, fasste sich aber schnell und sagte: „Ja, ihm geht es gut, ich sprach gerade mit ihm, er frühstückt momentan mit unserem Kriminaldirektor. Weshalb ich anrufe ist, wir sind hier auf einen Namen gestoßen in einem, beziehungsweise zwei Mordfällen. Und Hauptkommissar Wendland meinte, Sie könnten uns in der Sache vielleicht weiterhelfen.“

    „Ja, denn schieß mal los!“, kam es aus dem Hörer.

    „Wir haben hier nur den Nachnamen eines wohl russischen Staatsbürgers: Woronzeff.“

    „Oh, das ist ja ein Ding! Den haben wir gerade frisch auf dem Kieker.“

    „Wisst ihr schon was über ihn?“ Mit der zweiten Person Plural umging er das Du, zu dem Zoller nicht so leicht bereit war, wenn er sein Gegenüber nicht persönlich kannte. Die Hamburger schienen damit kein Problem zu haben.

    „Ja und auch wieder nein“, kam es zurück, wobei das Ja lang gedehnt und mit dem Hamburger Anlaut eines gedämpften dsch begann, „er ist erst seit kurzen auf dem Markt und wurde bisher auch nur von einem einzigen Zeugen beschrieben. Wohnen tut er immer in verschiedenen lütten Hotels und Pensionen. Was wollt ihr denn genau wissen?“

    Zoller überlegte kurz. „In welcher Hinsicht ist er denn bei Euch aufgefallen, woher kommt er, für wen arbeitet er?“

    „Also hier in Hamburg ordnen wir ihn einer Schleuserbande zu. Und die scheint für eine Art, wie soll ich sagen, internationale Gesellschaft zu arbeiten, die sich selbst als eine Art Müttergenesungs- und Kinderhilfswerk ausgibt. Da sind wir gerade bei, das zu knacken. Die verschachern die Kinder und schicken die Mütter heim. Außerdem handeln sie nebenbei mit elternlosen Kindern.“

    „Welche Rolle spielen dabei die Russen?“

    „Die Russen machen die Drecksarbeit, holen die schwangeren Frauen und die Kinder her, fälschen Papiere, Aufenthaltsgenehmigungen und so. Dahinter steckt aber eine groß angelegte, international tätige Vertriebsorganisation, die wir gerade am knacken sind.“ Dieser Begriff schien dem Oberkommissar Henning besonders zu gefallen.

    „Also ist der Woronzeff eher ein Handlanger.“

    „Kann man so nicht sagen, eher ein Organisator im Außendienst, ein Logistiker. Er zahlt auch die Helfer.“

    „Habt ihr seinen Vornamen?“

    „Ja, mal Boris, mal Jewgeni, aber die haben ja alle bannig viel Vornamen.“

    „Und es gibt eine Täterbeschreibung? Die hätten wir ganz gerne.“

    „Gäud, mok wi“, was soviel bedeuten sollte wie ‚ist in Ordnung, die senden wir euch zu’. Zoller stellte sich vor, wie die Kommunikation zwischen einem Erzbazi aus Bayern mit einem Fischkopp aus dem Hohen Norden vonstatten ginge, ganz ohne Simultandolmetscher.

    „Und wir wären euch sehr dankbar, wenn ihr uns weiter über Erkenntnisse über den Woronzeff unterrichten würdet.“

    „Da ist noch etwas, das ihr wissen solltet. Es gibt Hinweise, dass diese schwangeren Frauen unter anderem auch nach Brandenburg gebracht werden, in die Nähe von Berlin, um dort ihre Kinder zu gebären. Wir haben das eurem Kollegen vom LKA vier gerade mitgeteilt. Wie heißt er noch?“ Papier raschelte, er suchte wohl den Vorgang.

    „Weißmüller?“, fragte Zoller blindlings.

    „Genau!“

    Weißmüller hatte sein Büro in einem Flügel des Gebäudes und statt anzurufen, machte Zoller sich auf den Weg durch die renovierten Gänge des LKA. Mit viel denkmalschützerischem Aufwand, noch mehr Farbe und wohl noch viel mehr Geld hatte man die hohen Gänge und breiten Treppen dieses herrschaftlichen Dienstgebäudes farbenprächtig erneuert. Jeder neue Gast in diesem Hause erstaunte und mancher Verbrecher in Handfesseln erschauerte ob der Farbenpracht. Es schien, als ob das Echo der Schritte weit angenehmer und freundlicher hallte als in der Tristesse manch anderer Dienstgebäude. Hinter diesen farblich abgestimmten Mauern mussten einfach gut gelaunte und freundlich gestimmte Menschen arbeiten. Hinter diesen Türen eröffneten sich allerdings die grauslichen Tiefen menschlichen Daseins, die Höllen der Verbrechen, die Qualen und Tränen der Opfer, zusammengebacken in dicken Aktenordnern. Ganze Schicksale zu Schreibmaschinen-Protokollen verkürzt. Hinter allem die große Frage nach dem Warum und immer die gleichen Antworten, Habsucht, Eifersucht, Begierde, Hass. Die Menschen, die hier arbeiteten, waren nicht unberührt von dem Grauen, welches sich aus den menschlichen Schwächen heraus hier vor ihnen ergoss, sie hatten mit der Zeit nur eine andere Haut entwickelt, es drang nicht mehr in jede einzelne Pore ein, sie waren nicht unberührt aber unbeteiligt. So entsetzt sie vor manchem Mord, mancher Gewalttat standen, die nicht zu verhindern war, so sprach- und hilflos standen sie zuweilen vor den Urteilen der Richter, die ihrem überaus sozialen Gewissen nach, täterbezogen, den Täterschutz voranstellten und nicht, wie es manches Mal wünschenswert erschien, mit ihrer Spruchpraxis die Gesetzesmöglichkeiten ausschöpften. So kam es, dass einige Täter über kurz oder lang wieder in Handschellen dieses Haus betraten und wieder neue Opfer zu beklagen waren.

    Zoller dachte an das Gespräch mit Katharina und wischte diese Gedanken weg. Er klopfte an die Türe, hinter der die Organisierte Kriminalität die Aktenordner füllte.

    Weißmüller war ein alter Hase. Sie hatten gemeinsam schon so manche Fälle gelöst. Er hatte tiefschwarze Haare, die er heute zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Sein ebenso schwarzer Oberlippenbart unter einer hakenförmigen Nase sprang den Betrachter an. Blendend weiße Zähne zeugten von gutem Biß. Er war sehr stark gebaut, ob nun vom ständigen Training oder unterstützt von manchem Bier, war nicht auszumachen. Er hatte furchteinflößend große Hände, auf denen sich spinnenbeinartig lange Haare schlängelten. Seine freundlichen, dunklen Augen unterstrichen den Verdacht, dass es sich um den Abkömmling einer Zigeunerfamilie handeln könnte. Seine volle Stimme heischte Aufmerksamkeit und Respekt. Er saß hinter seinem Schreibtisch wie der Fürst des gesamten LKA. Vor ihm eine noch zusammengelegte Zeitung, daneben dampfte eine Tasse Kaffee.

    „Zapperlott, Hartwig!“, donnerte er, „Komm näher und erzähle mir von einem saftigen Mord! Kaffee gibt’s gratis.“ Er bückte sich, holte aus seinem Schreibtisch eine Tasse, stellte sie vor Zoller, der sich einen Stuhl nahm und sich seitlich an den Tisch setzte. Weißmüller zauberte eine silberne Thermoskanne mit Kaffee hervor und goss ihm ein.

    „Schwarz wie die Nacht  wird er getrunken, wir sind doch keine Memmen!“ Sein Ton ließ keinen Widerspruch zu.

    Zoller lächelte. „Immer noch der alte Haudegen. Mitten rein und volles Rohr.“

    „Mein lieber Hartwig,“ begann Weißmüller, verschränkte die Arme und schaute Zoller von oben herab an, „du wirst mir doch meine angeborene magyarische Sensibilität nicht absprechen wollen?“ Dabei blickte er Zoller wie ein waidwundes Tier an.

    „Ich weiß zwar nicht, mein lieber Bela, wo diese sich all die Zeit über versteckt haben mag, aber selbst ein Steppenwolf wie du muss wohl irgendwo eine empfindliche Seele haben.“ Zoller nippte am heißen Kaffee.

    Weißmüller beobachtete ihn mit unveränderter Haltung. „Dies Kompliment nehme ich als Anzahlung für die Fragen, mit denen du mich zu belästigen gekommen bist.“ Er lehnte sich vor, legte die Ellenbogen auf den Schreibtisch und blickte Zoller erwartungsvoll an.

    Ohne große Einleitung kam Zoller auf den Punkt: „Was sagt dir der Name Woronzeff?“

    „Margot von Simpson.“

    „Wie bitte?“

    „Margot von Simpson. Die Autorin des Romans Fürst Woronzeff. Übrigens verfilmt mit Adele Sandrock, Willi Birgel und Albrecht Schoenhals, warte, das muss so in den Dreißigern gewesen sein. Im alten Jahrhundert, versteht sich.“ Weißmüller lächelte breit, indem das Weiß seiner Augen mit dem seiner Zähne um die Wette blitzte.

    „Du solltest bei Jauch auftreten. Aber mal im Ernst.“

    „Du meinst den Russen, der in Hamburg aufgefallen ist und nun hier sein Unwesen treibt, ist mir klar!“

    „Und?“

    „Und nichts. Wir haben hier keine speziellen Erkenntnisse. Der Fall kam erst vor kurzem rein. In Berlin ist der Name unbekannt, vorerst. Haben allerdings schon unsere Fühler ausgestreckt.“ Er griff zum Telefon und wählte zwei Nummern. Zoller hörte das Klingeln im Nebenzimmer.

    „Hallo ihr Murmeltiere, wenn ihr endlich wach seid, könnt ihr mal schauen, ob es etwas Neues gibt in Sachen Woronzeff.“ Er blickte beim Sprechen Zoller in die Augen und sein stacheliger Oberlippenbart bewegte sich wie eine lebendige Bürste. „Informanten, ja, Pension am Ostbahnhof, ja, Beschreibung, ja, bring das Ganze doch mal herein, unser Besucher ist ganz wild darauf!“

    Weißmüller nickte Zoller zu und in diesem Moment kam ein junger Kollege aus dem Nebenzimmer und übergab mit kurzem „Tag allerseits!“ einen schmalen Aktenordner an seinen Vorgesetzten. „Bleib mal einen Augenblick“ sagte dieser und blätterte hinein. „Wer ist unser Informant?“

    „Zett“, antwortete der junge Kollege. „Ah ja, Zett“ wiederholte Weißmüller, „haben wir schon direkten Kontakt gehabt?“

    „Nein, bisher noch nicht, doch gibt es Hinweise, dass er in der nächsten Zeit wieder in Berlin sein wird. Das steht auch in den Akten.“

    „Ah danke.“ Der junge Kollege ging wieder ins Nebenzimmer. „Ja, hier haben wir eine frische Zeichnung und hier eine Beschreibung unseres Informanten vom bösen Russen.“ Er gab die Akte aufgeschlagen an Zoller weiter. Der überflog die Beschreibung, die von einem schlanken, drahtigen Mann im Alter von etwa fünfundzwanzig oder mehr Jahren sprach, ganz in schwarz gekleidet, Lederjacke, Stiefel, mit langem, braunen Haar und einem Oberlippenbart. Der Mann soll zwar recht gut Deutsch sprechen, aber mit für Russen erkennbarem deutlich weißrussischen Einschlag.

    „Übrigens ist Zett auch ein Russe“, sagte Weißmüller, „er arbeitet schon eine ganze Weile für uns. Wir halten ihn für zuverlässig.“

    „Weißt du, wo er verkehrt?“

    „In einer Bar in Lichtenberg, wo sich ständig Russen treffen. Dort hatte er auch in einer Pension gewohnt. Da steht der Name. Nun sag mir, was er mit einem Mord zu tun hat.“

    „Vielleicht sogar mit zwei Morden.“

    „Zapperlott!“

    Zoller ließ sich die bislang fragmentarischen Erkenntnisse aus dem Munde Weißmüllers berichten, die mit dem offensichtlichen Schlepper Woronzeff zu tun hatten. Im Gegenzug berichtete er von seinen Mordfällen.

    • * *

    Kreuzberger Frühstück

    Katharina hatte an diesem Vormittag die Fortsetzung der Verhandlung am Gericht besucht, des Falles, in dem die vierzehnjährige Stieftochter angeklagt war, ihren Stiefvater nach dem Leben getrachtet zu haben, indem sie absichtlich eine Flasche mit Reinigungsmittel zwischen seinen Schnapsvorrat gestellt haben sollte.

    Heute war nun Manuela vernommen worden, die engste Freundin des angeklagten Mädchens. Sie war sechzehn Jahre alt, bereits sehr fraulich und machte einen sehr erwachsenen und sachlichen Eindruck. Sie gab an, am Tage ihres Besuches, nämlich genau einen Tag vor der Vergiftung, hätte die Mutter der Freundin auf ihr Klingeln in Kittelschürze und langen Gummihandschuhen die Türe geöffnet. Sie hätte dabei einen hochroten Kopf gehabt, ob vom Alkohol oder von der Arbeit, wisse sie nicht zu sagen. Ja, auch die Mutter spräche dem Alkohol zu. Ihre Freundin sei gerade dabei gewesen, die Toilette zu putzen. Ja, das sei das Putzmittel, was am Boden neben der Toilette gestanden habe. Nein, sie habe nicht gesehen, wie ihre Freundin das Mittel weggestellt hätte, sie seien gleich in ihr Zimmer gegangen. Einige Male sei die Mutter vor der Türe schimpfend gehört worden, unter anderem mit aufgebrachten Rufen wie: „Alles muss man dir hinterher tragen!“ und: „Nichts kannst du richtig machen!“. Der Vater sei die ganze Zeit nicht in der Wohnung gewesen, erst abends gegen neunzehn Uhr haben ihre Eltern sie mit dem Wagen abgeholt.

    Bevor sie gegangen sei, habe sie die Toilette aufgesucht und das Putzmittel habe nicht mehr dort gestanden. Sie sei der Auffassung, die Mutter habe es weggeräumt und könne sich wegen des Alkohols nur nicht mehr erinnern, worauf ein Aufschrei der Mutter durch den Gerichtssaal ging: „Was? Ich soll jetzt meinen Manni vergiftet haben! Die Göre war’s! Und diese Schlampe hält zu ihr!“ Darauf  brach sie in hysterisches Heulen aus.

    Das Gericht hielt es für erwiesen, dass die angeklagte Tochter nichts mit den Vorwürfen zu tun hätte und dass es an der Zeit sei, sie der Obhut des Jugendamtes anzuvertrauen. Dem Stiefvater drohte nun eine eigene Verhandlung wegen mehrfacher Nötigung und Missbrauchs Schutzempfohlener, der Mutter eine Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung. In Bezug auf ihre mangelnde Erziehungsfähigkeit konnte man ihr nur eine Ermahnung aussprechen und sie dem Urteil des öffentlichen Rechtsempfindens überlassen. Der Selbstmord ihrer älteren Tochter war nicht sühnbar.

    Auch dieser Teil der Verhandlung hatte nachhaltig auf Katharina eingewirkt, die auch heute, beim Verlassen des Gerichtsgebäudes keinen Sensus hatte für den herrlichen Sonnenschein. Kaum auf der Straße, zündete sie sich eine Zigarette an, ohne sie zu genießen.

    Sie ging das Hallesche Ufer am Landwehrkanal entlang zu ihrer nächsten Verabredung. Sie hatte den Wirt der Zyankali-Bar angerufen und mit ihm einen Termin im Café Lebensart in der Yorckstraße Ecke Mehringdamm vereinbart. Er hatte sie gebeten, kurz vorher noch einmal bei ihm anzurufen. Dies tat sie im Gehen. Als er sich meldete, war sie gerade beim Hochhaus der Postbank angelangt und sie blieb sonnenbadend stehen. Er klang, als ob sie ihn gerade geweckt hätte. Sie schaute auf die Uhr, es war viertel nach eins. Es fiel ihr ein, er arbeitet ja nachts manchmal bis vier oder fünf. Er versprach, in fünfzehn Minuten am Treffpunkt zu sein.

    Ihr Weg führte sie zum Mehringdamm, in dessen Nummer zwölf der deutsche Arzt und Dichter Gottfried Benn zeitweise Patienten kurierte und seine Stücke schrieb, vorbei am Finanzamt Kreuzberg, einem eindrucksvollen steinernen Trutzbau der ehemaligen Kaserne, wo heute mehr oder weniger dem Steuerzahler freundlich gesonnene Damen und Herren in den ehemaligen engen Schlafzimmern der Soldaten das heutige Finanzdesaster der Stadt verwalteten, vorbei an der weithin bekannten, mit lauter leuchtenden Lämpchen erhellten Currywurstbude Curry 36, deren Warteschlange sie zwang, den Radweg zu nehmen, zur Kreuzung Mehringdamm Yorckstraße, wo gegenüber, von einem bekuppelten Erkerturm beherrschten Gründerzeithaus, das Café Lebensart residierte.

    Katharina erinnerte sich gerne daran zurück, als sie das erste Mal Berlin besuchte, sie von einer Freundin hierher geführt wurde zum Frühstück auf die schmale, einige Stufen erhöhte Terrasse.

    Leider waren diese wenigen Plätze alle belegt und so ging sie in den Gastraum, wo sie in der Ecke noch einen Tisch fand. Sie ließ sich die Karte geben und bestellte erst mal einen Kaffee. Hinter der Kellnerin, die ihren Kaffee brachte, erkannte Katharina die Goldrandbrille aus der Zyankali-Bar.

    Er beugte sich zu ihr herunter und gab ihr die Hand, deutete einen Handkuss an und sagte: „Guten Morgen, schöne Frau.“

    Überrascht und erstaunt, eine solche Geste zu erfahren, grüßte Katharina: „Guten Morgen, Herr . . .“

    „Sagen Sie Tom, einfach Tom.“

    „Hallo, Tom, ausgeschlafen?“ Jetzt sah sie den Motorradhelm in der Linken von ihm, der gar nicht zu seinem sonstigen Outfit passen wollte: Jackett und Stoffhose. Er legte den Helm kopfüber auf den Boden und warf ein paar Lederhandschuhe hinein. Ohne auf ihre Bemerkung einzugehen, sagte er: „Heute in Zivil, muss noch meine Mutter besuchen.“

    „Wollen Sie etwas frühstücken?“

    Er schaute auf ihre Tasse und sagte: „Ich brauche heute ein Kreuzberger Frühstück.“

    „Kreuzberger Frühstück?“

    „Tasse Kaffee, Zigarette und Aspirin“, klärte er sie auf.

    „Wurde es so spät?“ fragte Katharina.

    „Es wurde eher früh und zum Ende hin herbizid bis toxisch. Mein Kaktus im Schlafzimmer war heute morgen von meiner Atemluft verdorrt.“ Listig blickte er sie über seine Brille an, zog ein Heftchen Aspirin und eine Schachtel Zigaretten einer schwarzen Tabaksorte aus der Tasche und sortierte es vor sich auf den Tisch. „Griechische Ware“, sagte er und deutete auf die Aspirin, „kostet ein Drittel des deutschstämmigen Pharmakons.“

    „Und das kann man hier kaufen?“

    „Manche Apotheker bieten es alternativ an, andere behaupten, das billigere, griechische Produkt habe nicht die Qualität wie das deutsche.“

    „Und?“

    „Die chemische Zusammensetzung ist identisch. Die Ignoranz dieser Apotheker zwingt sie zu dieser Lüge über die mangelnde Qualität.“

    Tom bestellte sich einen doppelten Mokka.

    „Aber die immensen Entwicklungskosten?“

    „Lassen wir uns oft genug einreden.“ Sein Mokka kam und er legte eine Aspirintablette auf den Kaffeelöffel, tauchte ihn in den heißen Mokka und schluckte das Ganze herunter.

    „Schauen Sie, der Herr Hoffmann, der aus der seit Jahrtausenden bekannten, ätzenden und magen-unverträglichen Salicylsäure mit dem einfachen Schritt  der Acetylisierung ein verträgliches Mittel herstellte, übrigens eigentlich, um für seinen Vater ein Rheumamittel zu finden, war Ende des neunzehnten Jahrhunderts bei Bayer beschäftigt. Selbst wenn man die ganzen Jahresgehälter von Herrn Hoffmann zusammennähme und sie auf heutige Einkommen hochrechnet, würden diese Kosten nicht den Bruchteil eines Cent ausmachen. Die Herstellungskosten und der Vertrieb sind äußerst minimal, es bräuchte nicht einmal Werbung für das Präparat gemacht zu werden, alle Welt kennt es und kauft es.“

    Katharina war erstaunt, von einem Kneipier in die Welt der Wissenschaft entführt worden zu sein. „Woher wissen Sie das alles?“

    „Berlin ist voller Akademiker ohne entsprechenden Job. Nicht jeder kann Taxifahrer werden, einige machen einen Copy-Shop auf oder arbeiten in einer Werbeagentur, ich, als Chemiker und Pharmakologe betreibe eben ein Institut für Unterhaltungschemie.“

    „Sie sprachen vom Kreuzberger Frühstück. Wo bleibt die angekündigte Zigarette?“

    „Um die Zeit? So früh rauche ich nicht.“ Katharina lächelte, kannte sie diese Genussverzögerung eigentlich nur beim Alkohol, den einige nur nach achtzehn Uhr oder nach Einbrechen der Dunkelheit nahmen und meinten, auf diese Art dem Alkoholismus zu entkommen.

    „Sie wollten sich aber nicht mit mir treffen, um einen Lehrgang in Pharmakologie zu machen – stimmt’s?“ Er nahm einen kleinen Schluck Mokka und schaute seiner Begleiterin in die Augen.

    „Nein. Ich wollte Sie über den Toten in der Pension befragen, ob er bei Ihnen verkehrte und mit wem.“

    „Sie meinen den wasserstoffsuperoxydblonden Lackaffen, den blauäugigen, arroganten, sogenannten Doktor? Sind Sie von der Polizei?“

    „Nein, von der Presse.“

    „Sie sind also nicht rein zufällig mit Ihrer Freundin in meiner Bar aufgetaucht?“

    „Nö.“ Katharina schaute ihn geradewegs an.

    „Ihnen geht es also nicht um einen Bericht über die Bar? Schade.“

    „Nein, obwohl diese sicher einen Bericht wert wäre. Aber sie fällt nicht in mein Genre. Ich bin sozusagen Gerichts- und Polizeijournalistin und berichte über Gesetzesübertretungen und deren Folgen. Wollen Sie mir dennoch einige Fragen beantworten?“

    „Wenn es der Wahrheitsfindung dient!“

    An dieser Stelle läutete ihr Handy. Sie bat Tom um Entschuldigung und hörte eine Weile in ihr Handy hinein. Dann sprach sie zum Handy: „Danke Franky, ich rufe Dich später noch einmal zurück. Sehr hilfreich. Bis dann!“ Dann wandte sie sich wieder Tom zu, der sie aufmerksam durch seine Goldrandbrille beobachtet hatte.

    „Sie kennen also den Herrn Mandelstein?“

    „Mit Namen nicht, sie nannten ihn alle Doktor. Einige Male war er schon bei mir.“

    „Alleine?“

    „Nein, ein paar Mal mit seinem Freund, dem Benny und ein, zwei Mal mit dem Mafia-Typ.“

    „Was meinen Sie mit Mafia-Typ?“

    „Nun, man kennt so seine Pappenheimer. Bei mir verkehren die unterschiedlichsten Typen und so mit der Zeit bekommt man einen Blick dafür. Schlagring in der Tasche oder Hasch im Beutel und so. Außerdem hörte man den Russen heraus. Würde mich nicht wundern, wenn ich Recht hätte.“

    „Möglicherweise haben Sie sogar Recht. Können Sie mir über ihn Näheres erzählen?“

    Tom zeigte der Bedienung, dass er noch so einen Mokka haben wollte und Katharina nickte ebenfalls der Bedienung zu. Tom stützte beide Ellenbogen auf den Tisch und begann an seinem Ring zu drehen. Dann sah er auf und sagte: „Das erste Mal kamen sie zusammen. Dieser Boris, wie er sich nannte und der lange Blonde. Später einmal hat unser schöner Doktor auf seinen Russenfreund gewartet.“

    Die Kaffees kamen und beide waren einen Augenblick abgelenkt.

    Dann fragte Katharina: „Tom, Sie sagten gerade Russenfreund. Meinten Sie, die beiden hatten etwas miteinander?“

    „Gott behüte! Beim ersten Mal zackerten die beiden ganz schön miteinander, anders als es ein Pärchen tut. Da gab es wohl eher geschäftliche Schwierigkeiten, bis unser Blondie ihm etwas übergab, in Zeitung gewickelt.“

    „Geld?“

    Tom zuckte die Schultern und sagte: „Oder Stoff?“

    „Sie meinen – “

    „Genau.“

    Katharina kam ins Grübeln: „Das wäre allerdings ein Anhaltspunkt.“

    „Für meine Begriffe haben die etwas vorgehabt.“ Tom lehnte sich zurück und verschränkte die Arme, als ob er etwas mitzuteilen hätte, was erst nach reiflicher Überlegung über seine Lippen kommen sollte.

    Katharina blickte ihn an, fragte aber nicht weiter.

    Tom sagte wie nebenbei: „Warum hat er sonst den Benny vorher öfter nach Berlin geschickt?“

    „Was? Benny war schon früher in Berlin?“

    „Der war doch alle Nase lang mal hier. Der galt doch schon als Stammgast bei mir.“ Als Tom den ungläubigen Blick Katharinas wahrnahm, fragte er: „Wussten Sie das nicht?“

    „Nein. Das einzige, was ich weiß ist, dass die beiden hier eine Physiotherapie aufmachen wollten.“

    „Und dazu brauchten sie den Russen?“ Toms Augbrauen hoben sich fragend und sein Mund wurde zum Strich. Dann zuckte er mit den Schultern. Nach einer Weile fügte er hinzu: „Ich schätze, dieser Benny fungierte die ganze Zeit, also bald ein dreiviertel Jahr als Bote, und das bestimmt nicht für Liebesbriefe. Manches Mal, wenn er hier nachts in Hochform einlief, ließ er seltsame Bemerkungen fallen.“

    „Der Benny?“

    „Der Benny. Von wegen big deal und so. Dann, vor ein paar Tagen, erschienen sie hier plötzlich zu zweit, der Benny und der blonde Doktor und ich merkte gleich, die sind ein Paar und wer von den beiden die Hosen anhatte. Der Doktor nahm den Benny einmal auch ganz schön ins Gebet. Da ging es aber nur um die ständige Rumflipperei von Benny und irgendwie um Unzuverlässigkeit.“

    „Und das weitere Treffen des Doktors mit dem Russen?“

    „Das verlief ganz ruhig, als ob sie sich einig geworden sind.“

    „Tom, Sie haben vieles gewusst, was sonst vielleicht niemand weiß. Würden Sie das auch der Polizei erzählen?“

    Tom änderte seine Haltung nicht im geringsten und antwortete ruhig: „Klar, sofern sie nicht bei mir in der Bar auftaucht.“

    „Und der Benny war wirklich schon früher in Berlin?“

    „Wenn ich es Ihnen sage!“

    Kapitel 17

    Die Privatklinik Sankt Annen lag versteckt hinter hohen Kiefern im Wald an einer wenig befahrenen Strecke am Schwielowsee. Von der Hauptstraße war nichts von ihr zu sehen, nur ein Hinweisschild an der Straße deutete einen frisch geteerten Weg entlang, die Strecke war als Privatweg ausgewiesen und das unbefugte Befahren bei Strafe verboten. Nach einigen hundert Metern durch schönsten Kiefernwald nahm das Unterholz zu, hatten sich einige niedrige Büsche und Laubbäume angesiedelt, zwischen denen eine Backsteinmauer erkennbar wurde, die ihre Arme offensichtlich um ein beträchtliches Areal zu legen schien. Nur an wenigen Stellen hatte das Efeu begonnen, die Mauer für sich zu gewinnen.

    Die Einfahrt war durch ein riesiges, hölzernes Tor geschützt, bewacht durch einige Videokameras auf den Mauervorsprüngen. Anstelle eines Portiers war eine zweifache Gegensprechanlage derart angebracht, dass man die eine von einem Pkw, die andere von einem höher gelegenen Rettungswagen aus ohne Verrenkungen bedienen konnte. Gespenstisch leuchtend blickte aus dieser Anlage ein gläsernes Zyklopenauge starr auf die Besucher.

    Hatte sich dann die Holztür geöffnet, führte ein Kiesweg durch eine gepflegte Rasenfläche auf das weiße Haupthaus zu, ein Abzweig führte zu dem Parkplatz der Angestellten und Ärzte, rechts am Seitenflügel entlang. Die Front und besonders das Eingangsportal des Haupthaus mutete wie das eines Schlosses aus dem achtzehnten Jahrhundert an. Der Industrielle August Borsig, der die ersten Eisengießereien in Berlin gegründet hatte und 1875 zu einem der größten Lokomotivfabrikanten wurde, hatte dieses Anwesen einem in Notlage geratenen, preußischen Adligen abgekauft und zu seiner Sommerresidenz gemacht. Man erzählte sich, dass später  auch Hitler mit seinen engsten Vertrauten hier Wochenenden verbracht hatten.

    Zwei Seitenflügel begrenzten einen Innenhof, an dessen Ende ein blitzweißer Pavillon auf den See hinausblickte, in den ein verlassener Bootssteg hinausreichte. Die Wiese zum See hin war bestanden mit hölzernen Liegestühlen und gab einen schmalen Streifen sandigen Strandes frei. Von dort konnte man rechter Hand im Hintergrund ein kleines backsteinernes Wohngebäude mit einem weiteren Pavillon erkennen. Dahinter leuchtete wieder das Rot der Backsteinumfassung.

    „Sehr idyllisch.“ Wanzke hatte ein Bein auf den Bootssteg gestellt und lehnte, den Oberkörper vorgebeugt, auf seinem Ellenbogen und sah einem Segler zu, dem sehr weit draußen die Segel killten. Zoller stand neben ihm, die Hände in den Hosentaschen und schaute auf dasselbe Boot, das einzige Segelboot weit und breit. Beide beobachteten, wie der Skipper versuchte, das Boot wieder in den Wind zu bekommen und wie sich bald darauf die Segel im Winde blähten und das Boot krängte und die typische Schräglage annahm. Professor Heber war gerade mit einer Geburt beschäftigt gewesen und hatte sie gebeten, eine Viertelstunde zu warten. Da hatten sie seiner Oberschwester gesagt, das würden sie im Garten tun.

    Nur wenige der im Garten verteilten Liegen waren belegt, die meisten von schlafenden Patienten. Einige hatten sich unter den Ästen von Bäumen postiert, andere lagen unter freiem Himmel, dessen Glanz einem leichten Schleier gewichen war. So war auch die Stimmung Zollers, der die Geschehnisse irgendwie nicht zusammengesetzt bekam.

    „Ja, ein schöner Ort zum entspannen.“

    „Wohl kaum für dich!“ Wanzke grinste. „Außer du würdest schwanger, doch steht das wohl nicht zu erwarten. Oder?“

    Ein zweiter Segler war in ihren Gesichtskreis eingezogen, die beiden Boote schienen aufeinander zuzufahren.

    Zoller hatte nicht zugehört und fragte: „Wie?“

    „Ach nichts.“

    Zoller dachte daran, dass sie hier einen Mord aufklären wollten und nicht den Anzeichen nach Menschen- und Kinderhandel nachforschen sollten, da es ein anderes Dezernat betraf. Vielleicht hingen die beiden Delikte ja zusammen? Er müsste sehr vorsichtig bei der Befragung vorgehen.

    Als er wieder auf den See schaute, sah Zoller nur noch den zweiten Segler rasch nach rechts entschwinden. Wanzke hatte den Fuß vom Steg genommen und lockerte sich kurz auf.

    „Der Professor!“, sagte Wanzke plötzlich.

    Lautlos, vom weichen Rasen gedämpft, war der Professor fast bei Ihnen.

    „Entschuldigen Sie, wenn ich Sie warten ließ“, drang eine dunkle, kräftige Stimme zu ihnen. Zoller hatte sich umgedreht und sah einen Mann in den späten Fünfzigern, das Grau der Haare fand sich wieder in seinen wachen Augen und sein markantes Gesicht deutete auf Entschlossenheit und Verantwortungsbewusstsein. In der Brusttasche seines blitzsauberen, weißen Kittels leuchteten die farbigen Köpfe von Kugelschreibern und einigen silbernen Haltern wie eine gerade verpasste Ordensspange bei hohen Militärs. Seine Haltung war tadellos, der ganze Habitus sprach von selbstbewusster Verantwortung und geschultem Durchsetzungsvermögen.

    Er hatte seine Hände hinter dem Rücken verschränkt, was darauf hinwies, dass er es vermeiden wollte, die Hand zu reichen und was ihm dazu ein gebieterisches Aussehen verlieh. Als Direktor dieser Klinik verzichtete er auf ein Namensschild. Man hatte ihn zu kennen und gewiss kannte ihn auch jeder in dieser Klinik.

    „Was darf ich für Sie tun?“, begann er, „Mir ist bewusst, dass Sie in der schmerzlichen Angelegenheit des Todes eines unserer besten Ärzte gekommen sind. Doktor Ammerschläger ist schier unersetzbar für uns, ein grausiger Vorfall und ein schwerer Verlust!“ Er dachte gar nicht daran, sich vorzustellen oder die Vorstellung der beiden Besucher abzuwarten. Er wollte medias in res, die beiden gleich dahin bringen, ihre belanglosen Fragen zu stellen, um sich wieder seinen wichtigen Angelegenheiten widmen zu können.

    Zoller unterbrach dieses Vorhaben, indem er auf ihn zuging, ihm die Hand hinstreckte und sich vorstellte. „Gestatten, Zoller, Hauptkommissar der Mordkommission, dies hier ist mein Kollege Wanzke.“ Der Arzt schaute auf die hingehaltene Hand von Zoller und schien abzuwägen, welche Nachteile ihm bei Verweigerung der Hand entstehen könnten. Er entschied sich, diesen Gruß zu erwidern, nickte allerdings Wanzke nur kurz zu. Er wandte sich zum Gehen und dachte, Zoller würde ihm wie selbstverständlich folgen. Zoller kannte die psychologischen Tricks, es gab besondere Seminare dafür, wo Manager von Welt lernten, ‚richtig’ mit Untergebenen umzugehen. Und richtig bedeutete, dass sie, die Untergebenen, nicht bemerkten, wie und wozu sie manipuliert werden, sei es durch Gesten, Auftreten und Gehabe, sei es verbal, mit Fangfragen, geschickt formulierten Redewendungen oder gezielten Anwürfen, direkt auf den Kopf zu. Zoller blieb also stehen und sprach dem Professor in den Rücken. „Herr Professor, sagen Sie, wie lange arbeitete Doktor Ammerschläger bei Ihnen?“ Der Professor blieb stehen und wandte sich zurück zu Zoller. So standen sie sich gegenüber, einige Schritte voneinander entfernt, wie zwei Westernhelden vor der Entscheidung.

    „Seit anderthalb Jahren zirka. Genaueres kann Ihnen unsere Oberschwester sagen.“ Es klang unwirsch, so als ob er ausdrücken wollte, diese Frage hätte Zoller auch anderweitig klären können, warum ihn, den Professor, den Direktor mit einer derart belanglosen Frage belästigen. Er hatte recht damit, Zoller wusste es bereits, nur wollte er der Befragung seinen Stempel aufdrücken, sein Tempo vorgeben.

    „Hatte Dr. Ammerschläger Ihres Wissens Feinde?“

    „Dazu kannte ich ihn zu wenig.“

    „Ich meine auch zum Beispiel hier, in ihrem Hause? Gab es Neider?“

    „Worauf? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.“

    Entweder wusste der Arzt wirklich nichts oder er sperrte sich.

    „Kommen wir auf ein anderes Thema. Litt Doktor Ammerschläger an irgend einer Krankheit?“

    „Nicht dass ich wüsste. Jeder Arzt unterzieht sich regelmäßigen Untersuchungen. Wir haben ja die Mittel, wenn Sie verstehen.“

    „Könnte es sein, dass er an Herzinsuffizienz litt, ohne dass Sie davon wissen konnten, oder an einer Kreislaufschwäche?“

    Nach kurzem Nachdenken antwortete der Professor: „Vielleicht, wenn die Diagnose frisch ist. Warum fragen Sie?“

    „Wir fanden das Herzmittel Digitoxin bei ihm zu Hause.“

    „Nun, ein sehr gebräuchliches Mittel, wird auch bei gestörter Nierenfunktion verwendet.“

    Zoller setzte sich in Bewegung. Wanzke und der Arzt schlossen sich ihm an.

    „Hatten Sie Anlass zur Vermutung, dass seine Nierenfunktion gestört war? Sprach Doktor Ammerschläger mit Ihnen darüber?“

    „Es könnte sein, dass er es kurz erwähnt hat, ja, ja, doch!“

    „Gut, das wären die wichtigsten Fragen gewesen. Ach übrigens, waren Sie möglicherweise gestern verabredet mit ihrem Assistenzarzt?“

    „Nein“ und nach kurzer Pause „nicht dass ich wüsste.“

    „Waren Sie vor kurzer Zeit in der Wohnung der Ammerschlägers?“

    „Dazu gab es keinen Anlass, tut mir leid.“

    Sie gingen einige Schritte schweigend, bis Zoller bemerkte: „Ein wundervolles Grundstück. Und Sie behandeln nur Frauen?“

    „Und Kinder.“

    „Hier sind aber keine Kinder zu sehen.“

    „Die haben derzeit Mittagsschlaf. Wir haben hier unsere Regeln.“ Hierbei schaute er wieder auf seine Armbanduhr, als ob er andeuten wollte, die Zeit verrinne ihm bei unnützem Gespräch.

    Da fragte Zoller: „Kenne Sie einen Woronzeff?“

    Es war ein kaum merkliches Zucken, welches durch den Körper des beherrschten Professors ging, doch Zoller nahm es auf.

    Der Arzt blieb stehen, überlegte einen Augenblick und sagte dann sehr überzeugend: „Irgendwie kommt mir der Name bekannt vor, ich bringe ihn aber nicht unter. Es könnte sein, dass eine meiner russischen Patientinnen so hieß oder ein Angehöriger. Ich könnte einmal nachschauen lassen. Ich sage in der Verwaltung Bescheid. Man ruft Sie dann an. Haben Sie noch weitere Fragen?“ Für ihn schien das Gespräch beendet und er fühlte sich sichtlich gestört, als Zoller weiter in ihn drang: „Professor Heber, wie kommt es, dass Sie so viele russische Frauen hier behandeln?“

    Diese Frage schien nicht so unangenehm gewesen zu sein, wie die nach dem Namen von Woronzeff und der Arzt antwortete prompt: „Wissen Sie, wir arbeiten mit verschiedenen karitativen, kirchlichen und allgemeinen Wohltätigkeitsvereinen zusammen, die sich besonders um Frauen aus ehemaligen Sowjetrepubliken kümmern. Diese bieten Schwangeren einen Urlaub zur Entbindung in einer westlichen Klinik an. Und so kommen die Frauen hierher, machen ein paar Tage Ferien und genießen die überragende westliche Technik unserer Klinik, die gute Versorgung und das gesunde Klima.“

    „Und danach?“

    „Danach werden sie wieder zurückgebracht.“

    „Mit ihren Kindern.“ Zoller sagte es als Feststellung.

    „Mit ihren Kindern“, wiederholte der Professor.

    „Und wer zahlt das alles?“

    „Diese Wohlfahrtsorganisationen.“

    Zoller drehte sich dem Professor frontal zu und reichte ihm die Hand: „Schön, dass es solche Einrichtungen gibt!“, wobei er offen ließ, meinte er nun diese Wohlfahrtsverbände oder die Klinik des Professors. „Vielen Dank und auf Wiedersehen, Herr Professor!“

    Professor Heber nahm nolens volens die dargebotene Hand: „Auf Wiedersehen, Herr Kommissar. Und wenn Sie Fragen haben, rufen Sie einfach an.“

    „Werde ich tun. Vielen Dank!“ Zoller wandte sich Wanzke zu, der vom Professor mit einem wohlwollenden Nicken bedacht wurde. Dann drehte sich Zoller noch einmal um und fragte: „Ach, noch eine abschließende Frage. Wo waren Sie gestern Abend ab zweiundzwanzig Uhr?“

    „Zu Hause!“

    „Zeugen?“

    „Ja, meine Frau.“

    „Danke!“

    Auf dem Weg um den Hauptbau zu ihrem Wagen sagte Wanzke: „Er hat gelogen!“

    „So ist es!“ antwortete Zoller.

    Kapitel 18

    Katharina konnte diese Kneipe nicht ausstehen. Sie hatte sie früher schon nicht gemocht, als sie mit Franky eine Zeit lang liiert war. Er nannte sie sein anonymes Zimmer und hatte schon damals gesagt, dass es genau diese Umgebung sei, die ihn animierte und die er zum unerkannten Denken benötigte. Hier fühlte er sich anonym, hier war er inkognito, ein Gesicht unter Gesichtern, ein Niemand unter Namenlosen. Er besaß in dieser namenlosen Kneipe einen unschätzbaren Vorzug, er war mit einem Spitznamen ausgezeichnet worden, den er nirgends sonst führte und sein wahrer Name war hier niemandem bekannt. Hier hieß er Major, weil er vor Jahren, als er das erste Mal einen Fuß in diese Kaschemme gesetzt hatte, eine grüne Mütze trug, die denen der Fremdenlegion nachempfunden war, mit einer Kokarde in der Mitte und er sich einfach als Major vorgestellt hatte. Er genoss hier eine gesicherte Achtung, da keiner weder seinen Namen noch seine Geschichte kannte, wo sie doch alle alles über jeden wussten, ständig sich mit sich selbst beschäftigt, auf sich selbst reflektierend, hier, wo jeder Gast ein verlässlicher Stammgast war, seit Jahren arbeitslos, sich wieder und wieder mit den anderen Stammgästen ausgetauscht hatte über sein Scheiß-Leben, das einen hin und hergerüttelt und schließlich aus der Bahn geworfen, obwohl man die besten Absichten und alles richtig gemacht hatte, den undankbaren Ehepartner, der einen verlassen oder aufgegeben hatte, obgleich nie hintergangen oder betrogen, den Chef, der einen entlassen hatte und nicht sehen wollte, welch großartigem Mitarbeiter er verlustig ging, und überhaupt die Ämter, die den wahren Hintergrund für die Saumseligkeiten unerbittlich missdeutend diese erbarmungslos geahndet hatten, weshalb man nun hier, verkannt und auf die ungeliebte Stütze angewiesen, was heißt hier leben, dahinvegetieren musste. Hier war der Major König.

    Und nun saß Katharina neben dem Major, der heute eine rote Mütze ohne Kokarde trug aber noch denselben Spitznamen.

    „Das klingt ja recht fantastisch“, sagte sie und trank einen Schluck Bier aus dem schlecht gespülten Glas.

    „Nicht wahr?“ Franky, der Major, trank aus seinem eigens ihm vorbehaltenen Glas, das ständig hinter Verschluss gehalten wurde, bis er eines Tages, und sei es nach Monaten, wieder einmal auftauchte.

    „Bist du denn sicher, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt?“

    „Jedenfalls war mein Informant sicher und er hat, wie er sagt, Belege dafür.“

    „Dass Doktor Mommsen, der Jurist, früher etwas mit dem Mandelstein zu tun hatte?“

    „Genauso ist es.“

    „Nun ja, der Mandelstein lebte früher hier. Aber ich benötige schon genauere Daten. So einfach auf deine Aussage kann ich das nicht verwerten.“

    „Die sollst du kriegen. Sobald ich sie habe, hast du sie auch!“ Er zog sich die Mütze ins Gesicht, hielt den Kopf schief und blinzelte sie an: „Ich könnte dir auch etwas Interessantes über deinen Kommissar erzählen, vielmehr über seine Ehe. Oder Nicht-Ehe und wie es dazu kam.“

    Entschieden entgegnete Katharina: „Bitte nicht, verschone mich mit deinen Geschichten, außer sie sind echt, dienen der Wahrheitsfindung und scheuen das Tageslicht nicht.“

    Franky lachte. „Jede Geschichte ist echt. Manchmal echter als die Wirklichkeit. Und dass sich die Wirklichkeit oft von der Wahrheit unterscheidet, ist wohl auch bis in die intellektuellen Kreise des Journalismus gedrungen.“

    „Und wie war das mit der Fremdenlegion?“

    „Ich war wirklich bei der Fremdenlegion. Die Wahrheit ist nur, sie haben mich wieder rausgeschmissen.“

    „Bist du jetzt wirklich Agent des BKA, BND oder des Verfassungsschutzes gewesen oder steckt da auch eine andere Wahrheit dahinter?“

    „Die Wahrheit darf ich dir nicht sagen. Fahneneid. Und übrigens, du würdest sie eh nicht glauben, wie du mir nie geglaubt hast.“

    „Und wie war das mit der Liebe?“

    „Ich habe dich wirklich geliebt! Die Wahrheit ist nur, du hast mich nicht geliebt.“

    „Die Wahrheit ist, du kannst gar nicht lieben.“

    „Das ist deine Wahrheit. Meine sieht anders aus.“

    „Wie uns die Wirklichkeit des Lebens gelehrt hat.“

    „Die Wahrheit ist, unsere Wirklichkeiten unterscheiden sich eben.“

    „Wie unsere Wahrheiten?“

    „Könnte es nicht sein, dass die Wirklichkeiten in Wahrheit unwirklich sind?“

    „Fängst du schon wieder mit den Unfassbarkeiten deiner, wie nennst du es gleich, Unschärferelation an? Mit diesem paradoxen Kätzchen, wie heißt es noch?“

    „Schrödingers Kätzchen.“

    „Welches lebt oder tot ist oder halb lebendig oder halb tot?“

    „Verschmiert wäre hier der Fachausdruck.“

    „Auf jeden Fall unlogisch.“

    „Darum geht es ja gerade. Dass unsere Logik nicht der Weisheit letzter Schluss ist, sondern dass sogar die Physik, die nach scheinbar logisch erfassbaren Gesetzen abläuft, zuweilen unlogisch ist, sich zu widersprechen scheint, ja sich wirklich widerspricht. Wir halten das für paradox, dabei ist das Paradoxe normal, die Welt besteht aus Paradoxien!“

    Katharina sah ihn scharf an. „Das ist mir für den Moment zu unlogisch und zu paradox!“

    „Du meinst, wir sollten lieber bei den banalen Dingen bleiben.“

    „Jedenfalls bei fassbaren, realen Dingen!“ Katharina wusste um die liebenswerte Marotte, die Dinge spielerisch zu verkomplizieren und mit tausend unerheblichen, vielleicht moral-ästhetischen aber einfach störenden Elementen zu verbinden. Franky flog wie ein bunt gescheckter Schmetterling durch die Welt und so hüpften auch seine Gedanken. Doch hier und heute wollte sie Realitäten, Klarheiten, Gewissheiten.

    „Banal und real.“ Franky warf ihr einen Blick zu, den sie kannte und der nichts Gutes verhieß. „Gut, so etwas Banal-Reales wollte ich dir gerade erzählen, über deinen Kommissar, aber du hast ja nicht gewollt“ sagte er trotzig, trank einen Schluck und lauschte mit hellem Gesicht dem Lied aus der Musikbox, in die jemand ein Geldstück geworfen hatte. Es lief das „Morning has broken“ von Cat Stevens.

    „Vielleicht hätte ich schon lange konvertieren sollen,“ sagte er verträumt, „man sollte mindestens einmal im Leben konvertieren, wenn nicht öfter, sonst ist es, als ob man zeitlebens nur einem einzigen Arbeitgeber gehorchte, nur eine einzige Frau zeitlebens liebte, immer nur ein einziges Lieblingsbuch hätte und sich nur von Pommes-Majo ernährte. Und die Welt ist doch so bunt!“

    Das war wieder der alte Franky, wie sie ihn kannte. „Er hat es gewagt zu konvertieren und seine Musik ist um keinen Deut muslimischer geworden, auch die alten Lieder haben nicht darunter gelitten. Die einzigen, die darunter zu leiden haben sind seine Fans in den USA, die ihn nicht hören dürfen, weil man ihn nicht einreisen lässt, da er als Muslim ein potentieller Terrorist sein könnte.“

    „Von wem sprichst du?“

    „Von dem großen Cat Stevens und dem Kleingeist George Double U.“

    Katharina wusste zur Genüge, wohin die Gespräche führen würden, ginge sie darauf ein. Sie fragte statt dessen: „Woher bekommst du eigentlich deine Informationen?“

    „Sagte ich jetzt, von meinen Informanten, wärest du beleidigt. Sagte ich, ich dürfte dir das nicht sagen, wärest du ebenfalls beleidigt. Also sage ich einen Namen. Peter Schuster. Vielleicht heißt er ja wirklich Peter Schuster, vielleicht heißt er auch Hans Bechtold. Ist es nicht wichtiger, dass die Informationen stimmen, die ich dir gebe, als dass du deren Quelle, die Namen, die dahinter stecken kennst und dann womöglich recherchierst und vielleicht feststellst, dass es den Peter Schuster, den ich meine, gar nicht gibt und dann die Information selbst bezweifelst? Wer Verräter verrät, ist auch ein Verräter. Ich gebe nur weiter. Und bis jetzt bist du immer gut gefahren, oder?“

    „Du hast recht, lassen wir das! Wie geht es deinem Vater?“ Katharina wusste, dass die beiden Männer sich abgrundtief hassten, aber nicht voneinander lassen konnten. Die Jukebox brachte nun das Honky-Tonk-Woman von den Rolling Stones.

    Franky sang einige Zeilen mit, bevor er antwortete: „Du wirst es nicht glauben, aber ich habe ihn zu mir genommen. Nehmen müssen!“ Er nahm sein fast leeres Bierglas in die Hand und schüttelte es wie verrückt, so dass einige Spritzer sich auf dem Tresen verteilten und der gelangweilte Wirt die Augenlider hob.

    „Alois!“ Franky sah Katharina groß an.

    „Wie bitte?“

    „Alois Alzheimer!“ Er gab dem Wirt ein Zeichen, ihm das Glas neu zu füllen. „Der Alte kann nicht mehr alleine leben. Er braucht mich.“

    „Und du ihn“ antwortete Katharina.

    „Nun ja. Ich bin an ihn gefesselt, wie Prometheus an seinen Felsen und kein Herakles in Sicht, der mich befreit.“

    „Und statt des täglichen Adlers setzt du täglichen Alkohol ein, dir die Leber zu zerstören.“

    Franky sang den Text mit.

    Katharina erinnerte sich, wie die beiden ungleichen Männer früher oft im Streit mit den Fäusten aufeinander losgegangen waren. Franky hatte seiner Mutter am Sterbebett versprechen müssen, sich um seinen Vater zu kümmern.

    „Wir siezen uns.“

    „Wie meinst du das?“

    „Wir haben vor anderthalb Jahren unsere letzte Schlägerei mit einem Wahnsinnsbesäufnis beendet. Danach haben wir beschlossen, wenn es mit uns weiter gehen sollte, dass wir Sie zu einander sagen.“

    „Und das funktioniert?“

    „Hol’s der Teufel!“ Sein Blick verdüsterte sich und ging in eine ferne, unsägliche Tiefe, in die zu folgen sie keine Lust hatte. Franky’s Bier kam, und Katharina entschloss sich, ihn mit seinen Gedanken alleine zu lassen.

    Mein paradoxer Prometheus, dachte sie, legte einen Schein auf den Tresen und ging. Drinnen heulte Honky-Tonk-Woman.

    • Ganz Kreuzberg war mit den Vorbereitungen des bedeutendsten kulturellen Ereignissen beschäftigt, mit dem alljährlichen Kreuzberger Umzug des Karnevals der Kulturen. Junge Leute aus der ganzen Welt kamen in die Stadt, in das Viertel um den Kreuzberg, um an einem weltweit einmaligen Fest mitzuwirken, das dieses Jahr zum neunten Male stattfinden sollte. Alle günstigen Hotels bis weit nach Mitte hinein, nach Friedrichshain und Schöneberg waren belegt von Tausenden junger Menschen, die am Fest aktiv teilnehmen oder es nur besuchen wollten. In manchen Hotelzimmern dröhnten Trommeln, wurden Kostüme ausgepackt, geflickt, geändert und schon Tage vor dem Ereignis summte die Luft und war mit einem freudigen Duft versetzt, der ansteckend wirkte und die anderen Hotelgäste das Trommelgeräusch überhören ließ, überall war Lachen und gute Laune zu spüren, der Wind wisperte leise in jedes Ohr in musikalischer Vorfreude auf den Tag des Umzuges, selbst den chronisch Missmutigen waren die Mundwinkel nach oben gerutscht und sie wunderten sich selbst über das fremde Gesicht, das ihnen aus den Schaufenstern entgegenspiegelte. Aus den Höfen drang Gesang auf die Straßen und beschwingte die Schritte der Passanten, die unmerklich dem zunehmenden Rhythmus der Klänge folgten. Da zerschmetterte ein hartes Krachen, schrilles Quietschen, ein dumpfer Knall, das Splittern von Glas und die Schreie von Passanten die freudige Stimmung.

    Als Zoller zu sich kam, meinte er, er hörte das Echo seiner Schreie. Sein Mund war staubtrocken und in seinem Kopf waberte eine dunkle Masse wie nach einem Albtraum von einem Absturz aus unendlicher Höhe. Er meinte, im Morast zu stecken. Seine Glieder schienen sich nur mit äußerster Gewaltanstrengung bewegen zu lassen. Er versuchte, seine Augen zu öffnen. Irgendwie wollte das nicht gelingen. Er kannte diesen Zustand, wollte sich erinnern, woher. Plötzlich riss ein Schleier weg und er sah in die zerborstene Windschutzscheibe. Hellgleißende Blitze zerrissen das Glas und brachen das Licht kaleidoskopartig in tausend splittrige, langfingrige Spinnfäden. Es roch nach verbranntem Kabel. Es dauerte Minuten, bis er seinen Kopf zum Beifahrersitz gewendet hatte. Da lag sie. Sie schien zu schlafen. Er sah, dass sie ruhig atmete. Ein Glück, dachte er, ihr ist nichts passiert, nur mir ist was passiert, ich kann meine Arme nicht bewegen, bin unfähig, mich und sie aus dieser hilflosen Lage zu befreien. Er schloss kurz die Augen und atmete einige Male tief durch. Als er sie wieder öffnete, sah er, wie Wanzke im Beifahrersitz hing und versuchte, sich von dem Sicherheitsgurt zu befreien. Zoller hörte, wie Wanzke seinen Namen rief und fühlte, wie er geschüttelt wurde.

    Wo war sie? Eva. Eben war sie noch neben ihm gewesen.

    „Wo ist sie!“ Schrie Zoller aus vollen Lungen. Er spürte nicht, wie Wanzke ihm eine Ohrfeige verpasste und ihn von seinem Gurt löste. Er spürte wieder, wie seine Türe aufging und er von starken Händen aus dem Wagen gezogen wurde. Plötzlich war er hellwach und blickte um sich. Wanzke hatte ihn regelrecht am Schlafittchen und lehnte ihn an den Wagen.

    „Ist alles OK?“

    „Ja doch!“ Zoller bewegte die Schultern und schüttelte den Kopf, wie um von einem Traum freizukommen. „Alles OK!“ Er fing an, sich zu orientieren, dann sagte er: „Es war wie beim letzten Mal.“ Zoller sah ihren zerstörten Dienstwagen. Er musste sich durch das Herumreißen des Steuers gedreht haben, dann in das Gebüsch und in die darin verborgene Leitplanke gerammt sein, die zwar den Wagen demoliert, sie aber vor Schlimmerem bewahrt hatte. Wanzke hatte in der Zwischenzeit das Warndreieck aufgestellt und musste sich durch eine Traube Neugieriger Passanten quälen. Einer fragte, er wäre Arzt, ob er behilflich sein könnte.

    „Danke“, sagte Zoller, „nicht nötig. Mir geht es gut.“

    „Und dem Kollegen?“ Wanzke winkte ab.

    Der Arzt machte Wanze ein Zeichen, dass er in der Nähe bliebe. Wanzke nickte und nahm Zoller unter dem Arm und führte ihn zu einer nahen Parkbank auf dem Grünstreifen.

    „Da haben wir noch einmal Glück gehabt!“, sagte Wanzke. „Bist du sicher, dass dir nichts fehlt?“

    „Ganz sicher. Er hat uns geschnitten.“ Aus der Entfernung hörte man ein Martinshorn näher kommen. „Weiß oder grün?“, fragte Zoller.

    „Wie, weiß oder grün?“

    „Wer ist zuerst da, die Ärzte oder die Polizei?“

    „Egal, uns fehlt ja nichts.“

    Die Traube war ihnen gefolgt, stand aber nun in gehörigem Abstand, teilweise auch vom Gebüsch getrennt, und sah zu ihnen herüber.

    „Was hast du vorhin gemeint mit ‚wie das erste Mal’?“

    „Später, jetzt kommt die Obrigkeit.“

    Ohrenbetäubend hielt das erste Martinshorn nahe bei ihnen. Die in orangefarbigen Leuchtjacken und weißen Hosen bekleideten Sanitäter kamen auf sie zu und noch während sie versicherten, sie benötigten keine medizinische Hilfe, näherte sich das zweite Martinshorn aus der anderen Richtung. Zoller und Wanzke wiesen sich den zwei Uniformierten aus, von denen einer mit den Sanitätern verhandelte und sie zurückschickte.

    Es fanden sich drei Zeugen, die gesehen haben wollten, wie es zu dem Unfall gekommen war. Alle drei waren sich sicher, dass ein Wagen von der rechten Spur den Wagen von Zoller und Wanzke, die links von ihm gefahren waren, derart geschnitten hatte, dass die Fahrzeuge sich berührten und Zoller und Wanzke nichts übrig blieb, als voll zu bremsen. Durch den Anprall des anderen Fahrzeuges wurden gedreht und in die Hecke geschleudert. Bei der Beschreibung des Täterfahrzeugs waren sich die Zeugen uneinig. Der eine meinte steif und fest, es habe sich um einen beigen Ford Taunus älteren Baujahres gehandelt, die beiden anderen schworen Stein und Bein, dass es ein Mercedes in dunkelblau war. Kennzeichen? Nein, dazu war es zu schnell gegangen. Der eine Zeuge mit dem beigen Ford gab nach einiger Zeit zu, es könnte doch ein Mercedes gewesen sein, aber beige wäre er gewesen, das nähme er auf seinen Eid. Von hinten sagte eine ältere Frau ganz leise, sie meinte auch, es wäre ein Mercedes, die Farbe aber sei gelblich fahl gewesen und das Kennzeichen B-DE, die folgende Nummer mit dem Datum ihrer Eheschließung vor fünfundvierzig Jahren identisch, der vierzehnte September. Die Beamten notierten dies.

    Der eine Polizist bot Zoller und Wanzke eine Zigarette an. Wanzke lehnte dankend ab. Zum größten Erstaunen Wanzke’s, nahm Zoller die Zigarette wie selbstverständlich an, ließ sich Feuer geben und stieß den Rauch geübt, halb über die Nase, halb über den Mund aus.

    Wanzke beäugte seinen Vorgesetzten skeptisch. Er schien zu ahnen, dass mit dem Unfall eine Änderung einherging, deren Auswirkung noch nicht klar abzusehen war. Sie waren mit den Uniformierten übereingekommen, dass sie eine schriftliche Meldung über den Unfall vom Büro nachreichen wollten. Wanzke übernahm den Anruf an die Dienststelle, damit der zerschundene Wagen in die polizeieigenen Werkstätten zur Untersuchung gebracht würde. Zoller ließ sich kurz die Dienststelle geben und sprach selbst einige Worte, die Wanzke nicht mitbekam.

    Als alles geregelt war, ging Zoller auf Wanzke zu.

    „Du bist sicher, dass du OK bist?“

    „So sicher, wie du bist, dass mit dir noch alles stimmt.“

    Zoller bemerkte den seltsamen Blick seines Kollegen nicht.

    „Na dann! Wir haben heute für den Rest des Tages frei. Was allerdings nicht besagen will, dass ich auf dich verzichten könnte in den nächsten zwei Stunden.“

    Wanzke verstand nun ganz und gar nicht, was diese pythischen Andeutungen besagen könnten, ihm schwante nichts Gutes.

    Zoller griff seinem Kollegen unter den Arm, was diesem bisher noch nicht geschehen war und zog ihn mit sich auf die andere Straßenseite. Hinter ihnen sicherten die Beamten die Unfallstelle und warteten auf die Kollegen des technischen Dienstes.

    Wanzke fand sich an der Seite von Zoller im Garten des Yorckschlösschens wieder. Es war wundervoll warm, so dass, auch wenn die Sonne am Nachmittag den Garten nicht mehr erreichte, eine fast sommerliche Stimmung unter den Kastanien herrschte. Zoller hatte einen Tisch etwas abseits gewählt.

    „Hätten wir gestern den Unfall erlebt, hätten wir jetzt hier Live-Musik“, sagte Zoller nebenhin.

    „Woher weißt du das?“

    „Es steht hier hinten auf der Speisekarte.“

    Auch Wanzke griff sich eine und gemeinsam lasen sie still, welche Genüsse auf sie warteten, wenn ihnen nach Essen gestanden hätte.

    Eine freundliche, weibliche Bedienung in einer Art norddeutschem Dirndl fragte nach ihren Wünschen. Beide schauten sich an, dann sagte Zoller zwei Cognac und zwei Bier. Nach kurzer Zeit standen zwei doppelte Napoleon und zwei große, lächelnde, gelbreife Jever vor ihnen.

    Wanzke kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie hatten ihre Jacken ausgezogen und sie über die hölzernen Stuhllehnen gehängt und beiden kam es wie Sonntag vor.

    Es gab keine Instanz, die mit Sicherheit hätte sagen können, wie viele Cognacs und Biere im Verlauf der nächsten zwei Stunden an diesen Tisch gekommen waren.

    Dafür hatte Wanzke Einblicke in das Innenleben seines vorgesetzten Kollegen erhalten, die er sich nie hätte träumen lassen und eine haarsträubende Geschichte, die ihm das Wesen seines Kollegen deutlich machte. Wanzke hatte Eva ein- zweimal gesehen, bevor der Unfall geschehen war und seitdem war Zoller nichts mehr seine Frau betreffend über die Lippen gekommen.

    Hartwig Zoller hatte vor Jahren, kurz bevor Wanzke in seine Abteilung versetzt wurde, einen Totschlag aufgeklärt. Daraufhin wurde der Sohn eines Kroaten verurteilt. Es fiel in die Zeit, da Zoller sich in Eva verliebt hatte und sie bereits dabei waren Zukunftspläne zu schmieden und auszuschmücken. Bald darauf waren sie verheiratet und mitten in der Familienplanung begriffen, Eva im fünften Monat schwanger, als sie sich kurzfristig entschlossen hatten, Evas Eltern in Ungarn zu besuchen. Zoller fuhr damals privat einen gebrauchten Mercedes. Der war bepackt und bestückt mit alledem, was man für eine knapp zweiwöchige Urlaubsreise benötigte und mit ausgewählten Geschenken für die Schwiegereltern.

    Hinterher hatte sich Zoller an einen Wagen erinnert, der sie längere Zeit in gleichmäßigem Abstand verfolgt hatte, nichts Ungewöhnliches eigentlich auf Urlaubsrouten, weshalb es ihm nicht aufgefallen war.

    Sie hatten sich viel Zeit genommen, sich einen ganzen Tag Aufenthalt in Salzburg gegönnt, in einem bezaubernden Hotel am noch bezaubernderen Fuschl-See verbracht, von wo man über den tiefgrünen See am anderen Ende die gewaltige, ehemalige Villa des Sängers Rudolf Schock erblickte, waren der Nase nach durch die Steiermark gefahren, durch den Nordostzipfel Sloweniens, durch Marburg an der Drau, das lange schon Maribor hieß. Ihren letzten Aufenthalt hatten sie in Varazdin genommen, der Stadt, die mit dem Lied ‚Komm mit nach Varazdin, solange noch die Rosen blühn’ aus der Operette Maritza von Emmerich Kálmán weltbekannt wurde.

    Es war Sonntag Nachmittag und die Straßen waren wenig befahren. In knapp vierzig Kilometern würden sie an die Grenze nach Ungarn kommen und dann noch einmal soviel zum Plattensee, zum Ort, wo ihre Eltern lebten. Sie hatten das Schiebedach und die Fenster geöffnet und sangen beide lauthals das Lied von Varazdin. Eva war gerade dabei gewesen, sich eines Kleidungsstückes zu entledigen und hatte sich dafür kurz abgeschnallt. Sie bemerkten den Wagen erst, als er seitlich von ihnen war und sie mit einem gewaltigen Schlenker von der Straße wischte. Noch während der Gesang sich zu Schreien wandelte, wurde Zoller bewusst, dass dies der Wagen war, der ihnen schon seit Maribor gefolgt war. Sie hatten keine Chance. Der Wagen verfehlte zwar die Chausseebäume, traf aber auf einen Baumstumpf und überschlug sich. Als Zoller die Augen öffnete, hing seine Frau wie schlafend auf dem Beifahrersitz und er war zunächst unfähig gewesen, seine Arme zu bewegen. Nach schier endloser Zeit war es ihm gelungen, sich von dem Gurt zu befreien, auszusteigen und auf die Seite zu seiner Frau zu laufen. Die Türe klemmte und er entsann sich seines Handys. Im selben Moment fiel ihm ein, dass er nicht in Deutschland war und nicht wusste, wem er was zu sagen hätte, welche Nummer er wählen und in welcher Sprache er den Unfall melden sollte. Deutsch? Englisch? Mehr Sprachen beherrschte er nicht. Er war zur Straße gelaufen und hatte den nächsten Wagen angehalten.

    Es zeigte sich, dass seine Frau querschnittsgelähmt bleiben sollte. In der Klinik eröffnete sich zudem, dass sie ihr gemeinsames Kind verloren hatte. Hartwig Zoller hatte die nächsten Tage wie in Trance erlebt, nur wie im Träume mitbekommen, wie ihre Eltern vom Plattensee Eva in eine ungarische Klinik verlegen ließen, alle Formalitäten mit der kroatischen Polizei, dem Abschleppdienst und allen Ämtern erledigten. Er hatte Tage an Evas Bett verbracht, die inzwischen aus ihrer Ohnmacht erwacht war und er war dabei, als der Chefarzt ihr die grausame Nachricht über ihr Schicksal mitteilte. Die Eltern hatten ihm klar gemacht, dass es zunächst besser für Eva wäre, sich in ihrer Obhut aufzuhalten, alles Weitere würde sich finden.

    Als die restlichen, mit Trauer und Wut erfüllten Urlaubstage zuende gingen, brachten die Eltern Zoller nach Budapest und setzten ihn in einen Flieger nach Berlin. Sie hatten ihm einen Business-Class Flug zukommen lassen, doch er hatte von den Vorzügen nichts wahrgenommen und den Flug verschlafen.

    Zurück in Berlin hatte er sich gleich tief in die Arbeit gestürzt, mit Inbrunst an ungeklärten Fällen gearbeitet, hatte darüber seine Gesundheit, ja Mahlzeiten vergessen, bis ihn der Kollege Weißmüller aus alter Freundschaft nicht nur darauf aufmerksam gemacht, sondern sich tagelang um ihn gekümmert hatte. Nachdem sich Zoller wieder gefangen hatte, war der nächste Schlag gekommen. Seine Schwiegereltern hatten ihm eröffnet, dass es im Sinne von Eva und dem ihren wäre, sie würde in Ungarn bleiben. Sie wäre zeitlebens an den Rollstuhl gefesselt und dort, wo sie jetzt lebte, gäbe es keine Treppen, man habe ihr alles rollstuhlgerecht eingerichtet und sie hätte in der Zwischenzeit auch angefangen in ihrem Beruf als Anwältin zu arbeiten. Die Eltern könnten sich ständig um sie kümmern, alles Punkte, die in Berlin nicht gegeben seien.

    Sie hatten Hartwig Zoller diese Mitteilung nicht als Frage, als zu erörternde Möglichkeit unterbreitet, sondern ihn wissen lassen, dass sie seinen Segen zu dieser Handhabung voraussetzten.

    Auch die Telefonate mit seiner Frau und folgende Besuche konnten Eva nicht zur Rückkehr nach Berlin bewegen. Eva war zur Auffassung gelangt, dass es das Beste für sie beide sei, dass sie ihm keine richtige Frau sein könnte und ihm ein Leben im Rollstuhl an seiner Seite nicht zumuten wollte. So war sie in Ungarn geblieben und er in Berlin.

    Am Ende dieser Rückblende saß Zoller traurig den Kopf hängen lassend auf der Bank. Wanzke saß ihm gegenüber und kämpfte mit den Tränen.

    Die Gläser zwischen ihnen waren leer.

    Kapitel 19

    Katharina trat mit einem heißen Becher Kaffee bewaffnet in Ihren Erker im zweiten Stock und beobachtete die endlose, bunte Reihe von Autos, die, vorbei am türkischen Einkaufszentrum Denziz, über die Kottbusser Brücke fast direkt auf ihr Haus zugefahren kam. Auf der Gegenfahrbahn floss der Verkehr etwas zügiger. Auf der anderen Seite des Landwehrkanals, am Maybachufer, standen schon die Buden für den allwöchentlichen Türkenmarkt mit unzählbaren Ständen bestückt für Gewürze, Gemüse, Teppiche, Wasserpfeifen, Handys und allem überflüssigen Kleinkram und buntigem Nippes, der unweigerlich auf allen solchen Märkten feilgeboten wurde.

    Kreuzberg war schon lange erwacht und auf den schmalen Fußsteigen durch den Markt, zum Markt hin und von ihm fort drängelten sich dünne und dicke Frauen in gepunkteten, gestreiften, geblümten Kleidern, mit Turmfrisuren, fettigen, herabbaumelnden Haaren, dazwischen die sauber gebundenen, ein- und mehrfarbigen Kopftücher der muslimischen Bevölkerung. Drunten an der Kreuzung zum Planufer tummelten sich lachende Kinder, die in einer Bäckerei ihre Frühstückstörtchen auf dem Weg zur Schule besorgt hatten, gegenüber trug Adnan, der türkische Gemüsehändler, überquellende Kisten vor seinen Laden und drapierte sie lautstark für den Verkauf.

    Katharina schaute auf ihre Armbanduhr, setzte sich beruhigt auf einen Stuhl im Erker und schaute weiter auf das Treiben unter ihr.

    Sie hatte gerade ihren Laptop angeworfen und das Mail-Programm geöffnet, als ihr auch schon die bekannte Stimme den Erhalt von Post mitteilte.

    Franky hatte Wort gehalten und ihr Informationen zukommen lassen in Form von Kopien von Unterlagen, die belegten, dass ein Stefan Mündel in verschiedenen Kliniken in Berlin gearbeitet hatte, schließlich in einer bekannten Privatklinik. Dort war er im Jahre 1993 plötzlich verschwunden, einfach nicht mehr in den Büchern geführt worden.

    Ebenso fand Katharina die Kopie des Krankenberichtes einer gewissen Lea Ranstad aus dem Jahre 1993. Daraus ging hervor, dass diese junge Frau mit einem Blinddarmdurchbruch in diese Privatklinik eingeliefert worden war. Nach der gewöhnlichen Routine-Operation klagte die Frau am nächsten Morgen über starke Schmerzen. Nachdem man ihr ein gängiges Schmerzmittel verabreicht hatte, fand man sie am Mittag leblos vor. Diagnose Herzstillstand, plötzlicher Herztod.

    Dann fand Katharina zwei Versionen eines Dienstplanes für den Tag des Ablebens der Lea Randstad. Auf dem einen Blatt waren die Namen zweier Krankenschwestern und der eines Krankenpflegers für den Vormittag des Todestages eingeteilt.  Der Name des Pflegers war Stefan Mündel. Das andere Blatt enthielt nur die Namen der Krankenschwestern, die des Hilfspflegers fehlte. Am Rande des zweiten Blattes hatte Franky notiert ‚scheinbares Original’.

    Ebenfalls war noch ein Zeitungsartikel beigelegt. Dieser berichtete von der durch die Eltern veranlasste Obduktion und dem von dem Obduktionsarzt geäußerten Verdacht auf überhöhte Medikation des Schmerzmittels. Im Artikel wurde vermutet, dass das Schmerzmittel durch einen nicht zur Medikamentengabe durch Spritzen befugten Hilfspfleger verabreicht worden war, dessen Name mit Stephan M. angegeben war. Außerdem berichtete der Zeitungsartikel von dem Verlobten der Lea Ranstad, einem Juristen mit Namen Dr. Wolfgang M., der gegen die Leitung der Klinik vorgehen wollte.

    Dick waren die beiden abgekürzten ‚M.’ mit Filzstift eingekreist und am Rande mit Frankys Handschrift durch ‚Mündel’ und ‚Mommsen’ ergänzt.

    Katharina sah das alles und verstand nur die Hälfte. Sie entschloss sich, damit sofort zu Zoller zu fahren. Draußen hupten die Autos.

    Die erste halbe Stunde hatte Zoller damit verbracht, mit Wanzke einen Bericht zu formulieren über den gestrigen Verkehrsunfall. Beide waren sich mit müden Augen begegnet und trugen jeder seinen dicken Kopf unter dem Arm, sie taten aber gegenseitig, als ob sie die Frische in Person wären, als wären sie abgebrühte Kämpfer, party- und saufgelage-erprobt, eben harte Männer, vom prallen Leben gehärtet.

    In beiden wirkte noch die Spannung des Unfallschocks und natürlich der tückisch anregende Restalkohol nach, dazu ein besonderes Gemeinsamkeitsgefühl, das sich gern durch einschneidende, gemeinschaftliche Erlebnisse einstellte, wie zum Beispiel eine gemeinsam durchzechte Nacht nach gemeinsam erlittenem Schock, vielleicht noch durch die bereitwillige Öffnung Zollers unterstrichen, der das erste Mal überhaupt über die Geschichte seiner Ehe gesprochen hatte. So saßen sie, zwei durch die Ereignisse verbündet, im sonnendurchstrahlten Büro und versuchten, den Unfallhergang vom Vortage nachzustellen. Der rechte Ernst wollte sich nicht einstellen, jede Formulierung verursachte beim einen oder anderen ein Glucksen, irgendwie drang die klare Wirklichkeit noch nicht durch die Wolken der bier- und cognacseligen Nacht in diesen klaren Morgen durch.

    Dass sie miteinander mehr als sonst lachten und über jede Formulierung ins Gickeln kamen, fiel ihnen selbst nicht auf, doch dem Kollegen Schneider im Nebenbüro, der sich nicht erklären konnte, woher die überaus vergnügliche Stimmung im Büro seines Vorgesetzten kam und der sich fragte, welchen Anlass ein Autounfall hergeben könnte, derartige Lächerlichkeit nach sich zu ziehen, kam das Ganze recht verdächtig vor. Als er nach einiger Zeit in Zollers Büro ging und die beiden Lachhälse die Fassungslosigkeit in seinen Augen sahen, erzählten sie ihm, immer noch unter seltsamer Heiterkeit, von ihrem gestrigen Unfall. Schneider fragte sich, ob der Totalschaden am Fahrzeug wirklich die einzige Blessur war, die der Unfall verursacht hatte.

    Doch es ließ nicht lange auf sich warten, dann war auch Schneider von der allgemeinen Heiterkeit angesteckt und sie stellten, mit Radiergummis, Zigarettenschachteln, Feuerzeugen und einer Heftzange den Unfallhergang nach, worauf Schneider einen eigenen Unfall zum Besten gab, Wanzke wiederum den seinen, einmalig katastrophalen. Und sie lachten um die Wette über die purzelnden Zigarettenschachteln, die Crashs der Heftzange mit dem Feuerzeug und besonders über die Flut von Konfetti, die sich über den Schreibtisch ergoss nach einem infernalischen Zusammenstoß der Zigarettenschachtel mit dem Locher.

    In diese ausgefallene Stimmung kam der Chef des Hauses, Direktor Hammann mit dem Hamburger Gast ins Zimmer und bald standen und saßen fünf ausgewachsene Männer um einen freigelegten Schreibtisch und spielten mit Zigarettenschachteln, Feuerzeugen und der Heftzange diesen und andere erlittene oder bekannte Unfälle nach, bis Hammann, der erst zurückhaltend dann schließlich doch mit Emphase einen eigenen Unfall zum Besten gegeben hatte, in Richtung Zoller und Wanzke sagte: „Das nächste Mal lassen Sie sich gefälligst im Krankenhaus untersuchen! Ich kann mir nicht nachsagen lassen, die Fürsorgepflicht für meine Beamten verletzt zu haben.“

    Dann nahm er den Hamburger Gast beim Arm und sagte: „Wir gehen jetzt lieber zum Kollegen Haller in das K neun, da wird hoffentlich ernsthaft gearbeitet!“

    Als die verbleibenden drei Beamten die Türe zugehen sahen, wussten sie immer noch nicht, was Hammann eigentlich von Ihnen gewollt haben könnte. Doch war nun die heitere Luft raus, man konnte sich gewichtigeren Dingen zuwenden.

    Schneider holte eine Mappe hervor, legte sie vor Zoller auf den Schreibtisch und sagte: „Dies ist der Bericht über den Unfallverursacher und das Fahrzeug. Es handelt sich um einen älteren Mercedes zweihundert, Farbe beige-braun, offiziell Impala-metallic. Wie die Antilope; obwohl ich nicht glaube, dass es metallicfarbene Antilopen gibt.“

    „Ich kenne Impala nur als Cheverolet“ warf Wanzke wissend ein.

    „Und?“, fragte Zoller, den Einwurf Wanzke’s umgehend.

    „Der Wage war gestohlen gemeldet.“

    „Hm“ machte Zoller und trommelte mit den Fingern auf der Schreibtischplatte, „Weiß man was über den Fahrer?“

    „Bis jetzt nicht. Vielleicht findet die PTU ja Fingerspuren und vielleicht lassen die sich dann noch zuordnen.“

    „Ein Unfall mit einem geklauten Wagen!“ Wanzke lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück, dass es knackte. „Meinst du, da steckt was dahinter?“ Er blickte Zoller erwartungsvoll an.

    „Kann, muss nicht. Entweder war der Dieb saublöd, mit einem gestohlenen Wagen gleich einen Unfall zu bauen, oder der Unfall war beabsichtigt. Was hätte das aber für einen Sinn? Zwei Kriminalbeamte auszuschalten, wenn man weiß, dass dann andere kommen, mit denselben Untersuchungsergebnissen und Wut im Bauch!“

    „Außer, man will Zeit gewinnen“ warf Schneider ein, „um Spuren zu verwischen.“

    „Warten wir ab, was die Untersuchungen bringen. Wer ist der Besitzer des Wagens?“

    „Ein kleiner türkischer Obsthändler aus Kreuzberg.“

    „Nichtsdestotrotz sollte man ihn schon befragen.“

    Schneider nickte.

    Mit dem Klopfen an die Tür kam Katharina auch schon herein. Ihr rotblonder Pferdeschwanz wippte nur so, als sie geschwind auf die Männer zuging und Zoller eine Mappe zureichte. Ihr „Morgen allerseits!“ wurde durch gemurmeltes „Morgen!“ beantwortet.

    „Neuigkeiten, Neuigkeiten! Die werden Euch interessieren!“ Katharinas Augen strahlten.

    „Was ist das?“ fragte Zoller und nahm zögerlich die Mappe in Empfang.

    „Brisant bis explosiv!“ Katharinas Augen leuchteten. „Ganz habe ich es auch nicht verstanden, aber soweit ich durchblicke, war unser toter Doktor Mandelstein am Tode einer Frau beteiligt. Und das Tollste: Die Frau scheint die Verlobte von einem Dr. Mommsen gewesen zu sein. Ich glaube, du hast diesen Namen im Zusammenhang mit dem Fall schon einmal erwähnt.“

    „Das wäre wirklich brisant!“ Zoller öffnete die Mappe und besah sich die Blätter. „Woher hast du das?“

    Alle Augen richteten sich auf Katharina. „Aus einer geheimen Quelle.“

    „Du weißt, dass das nicht ausreicht.“

    Nach einer Weile des Überlegens sagte sie: „Er war früher beim BND und beim Verfassungsschutz – sagt er.“

    „Den Namen!“ sagte Zoller ruhig und blickte Katharina gerade in die Augen. Die schürzte die Lippen, dann sagte sie: „Also ich kenne ihn hauptsächlich unter seinem Vornamen Franky, aber er heißt Frank von Hagen. Wenn das sein richtiger Name ist, denn er war auch bei der Fremdenlegion.“

    „Und woher hat er das?“ Zoller deutete auf die Mappe.

    „Das musst du ihn fragen. Ich dachte, Ihr wäret froh, solche Informationen zu bekommen und nun zickt Ihr!“

    „Niemand zickt, wir müssen nur sicher gehen können, dass die Informationen sauber sind und nicht gefälscht!“

    „Na dann prüft sie doch!“ schnaubte Katharina.

    Wanzke war aufgestanden und hatte seinen Sitz für Katharina frei gemacht. Diese aber wollte jetzt keinen Gebrauch davon machen und stand unschlüssig, ob sie bleiben oder gehen sollte.

    „Bitte, Katharina, setz dich doch erst einmal hin und lass mich diese Informationen einmal überfliegen.“

    Zoller vertiefte sich in die Akte, Schneider kratzte sich am Kopf und Wanzke lächelte Katharina zu und schob ihr den Stuhl unter. „Er ist noch etwas durcheinander von dem Unfall“ sagte er leise zu Katharina.

    „Was für ein Unfall?“

    Wanzke schilderte ihr in kurzen Worten, was gestern geschehen war.

    „Warum sagt mir das denn keiner?“ rief Katharina, so dass Zoller von seiner Lektüre aufblickte.

    „Aber ich habe es dir doch gerade erzählt“ stammelte Wanzke hilflos.

    „Ach der Unfall gestern, halb so schlimm, nur meinen Wagen hat’s schwer erwischt. Ich bin vollkommen in Ordnung. Bei Fritz bin ich mir nicht so sicher.“

    Dieser schaute einen Augenblick auf Zoller und sagte dann: „Gut Chef, dann habe ich ab sofort Narrenfreiheit.“

    „Bevor du diese auskostest, möchte ich allerdings, dass du einmal klärst, wer damals in dieser Privatklinik das Sagen hatte.“ Damit reichte er ihm den Ordner. „Ralf, hilf ihm und achte darauf, dass unser Narr sich nicht zuviel der Freiheit nimmt! Und prüft einmal, ob die Abkürzungen mit den mutmaßlichen Namen, die dieser Franky dazu geschrieben hat, übereinstimmen. Besonders achtet auf den Juristen Wolfgang M. aus dem Zeitungsartikel.“

    Die beiden Angesprochenen gingen ins Nebenbüro. Zoller wandte sich zu Katharina. „Also wenn das stimmt, was ich überflogen habe, müssen wir heute noch weitere Befragungen machen. Erstaunlich, an welche Informationen deine Leute herankommen. Erst dieser Martin in München, jetzt der Franky aus Berlin, bin gespannt, wen du noch aus dem Hut zauberst.“

    „Hauptsache, es hilft zur Aufklärung, oder? Namen sind Schall und Rauch.“

    „In diesem Fall sind Namen, ich meine die Namen der Tatbeteiligten und des Opfers sehr wichtig, denke an den Herrn, der zunächst Mandelstein heißt und dann plötzlich als Mündel auftaucht. Aber darf ich dir etwas anbieten? Kaffee?“

    Katharina verneinte.

    Plötzlich ging die Türe auf und Wanzke stand im Raum. Er hielt einen Zettel in der Hand und sagte: „Ein dicker Hund!“

    Zoller schaute ihn entgeistert an.

    „Hier, schwarz auf weiß: Ein Doktor Horst Heber war damals Chefarzt in der Privatklinik eines Professor Hennemann, dort, wo die junge Frau durch eine Überdosis Schmerzmittel ums Leben kam!“ Er zog sich einen Stuhl herbei und setzte sich schnaufend an den Schreibtisch. Zoller las den Zettel.

    „Heber! Was hat Professor Heber mit dem toten Mandelstein zu tun? Außer, dass sie sich von früher kannten?“

    „Da ist Woronzeff das Bindeglied“ sagte Wanzke.

    „Und Mommsen!“ rief Schneider aus dem Nebenraum. Schon stand er in der Tür und berichtete: „Ganz eindeutig ist der besagte Dr. Wolfgang M. unser Anwalt Doktor Mommsen. Die tote Patientin war seine Verlobte.“

    „Jetzt einmal zum Mitschreiben“ Zoller nahm wirklich ein leeres Blatt und schrieb die Namen auf. „Wir haben den einen Toten, den Mandelstein. Dieser kannte von früher den Dr. Heber und den Dr. Mommsen.“

    „Halt, den Dr. Mommsen muss er nicht persönlich kennen und Mommsen muss dem Mandelstein nicht unbedingt begegnet sein“ überlegte Schneider laut.

    Katharina saß in der Mitte und verfolgte die Gedankengänge der Kriminalbeamten.

    „Aber heute kennen sie sich“, konstatierte Zoller.

    „Allerdings als Mandelstein und Mommsen, nicht als Mündel, wie der Mandelstein früher hieß.“ Wanzke hatte den Stuhl gedreht, so dass er seine Arme auf der Lehne verschränken konnte.

    „Wenn der Anwalt Mommsen weiß, wer sich hinter dem Mandelstein verbirgt, nämlich der Verantwortliche für den Tod seiner damaligen Verlobten, warum macht er heute Geschäfte mit ihm und wirft ihn nicht einfach hinaus?“ Zoller überlegte.

    „Vielleicht plante er Rache und hat ihn umgebracht?“

    „Mit vergiftetem Konfekt?“

    „Warum nicht?“

    „Mommsen scheint mir vielmehr wie einer, der den Gegner eher bankrott macht, anstatt ihn umzubringen.“

    „Und wer hat den Doktor Ammerschläger auf dem Gewissen? Auch Mommsen?“

    „Ein Mord nach dem anderen, bitte!“

    „Also der Mandelstein ist die zentrale Figur. Schön. Er kennt Mommsen, kennt diesen Russen, den Woronzeff, kennt den Doktor Heber von früher, jetzt Professor Heber. Ist doch naheliegend, dass einer davon der Täter ist.“

    „Der Mandelstein kannte aber auch den Hauser, diese undurchsichtige Figur. Kannte den Benny aus München, die Pensionswirtin und deren Vertretung, die Olga, die wir aber zunächst mehr oder weniger vernachlässigen können, weil sie eher kein Motiv haben.“

    „Und es keine Tat im Affekt war.“

    „Richtig.“

    „Wer hat ein ausreichend starkes Motiv und wer hatte Gelegenheit, diese Mozartkugeln mit Digitoxin zu vergiften und sie in die Pension zu schleusen?“

    „Hat der Mord an Mandelstein etwas mit dem Mord an Dr. Ammerschläger zu tun?“

    „Gut, sprechen wir von Ammerschläger. Seine Frau war in Hamburg und hat ein klares Alibi.“

    „Woronzeff?“

    „Kannte Ammerschläger den Russen?“

    „Professor Heber kannte den Russen, Ammerschläger arbeitete bei Heber, also könnte Ammerschläger auch Woronzeff gekannt haben.“

    „Dafür gibt es keinen Anhaltspunkt.“

    „Doch, den Zettel mit seinem Namen.“

    „Das bedeutet nicht, dass er ihn persönlich kannte.“

    „Und was hätte Woronzeff für ein Motiv, den Ammerschläger umzubringen?“

    „Vielleicht ist Ammerschläger ihm auf die Spur gekommen?“

    In die kurze Gedankenpause fiel schließlich der Name: „Heber?“

    „Heber ist ebenfalls eine Schlüsselfigur. Er hatte Kontakt zu Woronzeff, dieser zu Mandelstein. Und seit heute wissen wir, dass Mandelstein und Heber sich aus alten Zeiten kannten. Heber hatte damals den jungen Mündel, alias Mandelstein, sagen wir gedeckt.“

    „Dadurch war Mandelstein dem Professor noch etwas schuldig, dieser hat es eingefordert, Mandelstein war das zu heiß, er hat abgelehnt und musste sterben. Das hat wiederum Ammerschläger erfahren und erpresste Heber, der dann wiederum ihn umbringen ließ.“

    „Könnte sein.“

    „Oder auch nicht“

    „So kommen wir nicht weiter.“

    „Ganz recht.“

    „Und nun?“

    „Wir müssen versuchen festzustellen, ob eine Verbindung Woronzeff-Heber nachweisbar ist. Wie kommuniziert man heute? Telefon, Handy, Email. Schneider, hier bist du gefragt!“

    „Also Telefonliste, Provider befragen und und.“

    „Eine schöne, zeitgemäße Aufgabe.“

    In diesem Moment schrillte das Telefon auf Zollers Schreibtisch. Alle schauten auf den Apparat. Zoller meldete sich mit Namen. Nachdem er viermal „Ja“ in die Muschel gesagt hatte, legte er auf und blickte hoch.

    „Benny kommt.“ Es klang, als ob er auf die Frage, wie spät es sei, die Uhrzeit genannt hätte.

    Katharina wollte ansetzen: „Apropos Benny -“ Zoller achtete nicht auf sie und sagte, ohne auf die Frage zu warten: „Morgen. Um halb zwei. Hat gerade das Ticket gekauft.“

    Katharina startete einen weiteren Versuch: „Der Benny ist schon öfter -“ Auch dieser Versuch wurde durch die Frage unterbrochen: „Bahnhof Zoo oder Ostbahnhof?“

    „Ich hätte da noch etwas zu Benny – “

    Zoller überging sie ein weiteres Mal. „Samstag, also morgen um halb zwei kommt er an. Wir teilen uns auf. Das heißt, ihr teilt euch auf. Nehmt noch jemanden mit. Per Handy halten wir Kontakt.“

    Katharina schnippte mit dem Finger und meldete sich wie in der Schule. Das wirkte. „Darf ich mal kurz? Apropos Benny. Mir hat Tom erzählt, der Wirt vom Zyankali, dass der Benny schon öfter in Berlin war und das seit einem dreiviertel Jahr und irgendwie als Bote fungiert haben soll.“

    „Was sagst du?“

    „Ja. Und immer hat er in der Pension Am Kreuzberg gewohnt und die Zyankali-Bar besucht!“

    Zoller verschränkte die Arme hinter dem Kopf und sagte: „Das wirft ein neues Licht auf die Sache.“

    Wanzke ließ es sich nicht nehmen: „Und auf unsere Pensionswirtin.“ Dann fügte er hinzu: „Sie hat uns angelogen!“

    „Sie hat uns etwas vorenthalten!“ korrigierte Zoller, „Wir werden sie noch einmal befragen müssen.“

    „Benny beschatten, Wirtin befragen.“ Wanzke machte sich Notizen.

    „Stop! Die Befragung der Wirtin übernehme ich!“

    Katharina fand, dass sie hier nichts mehr verloren hatte, machte zu Zoller ein Zeichen, dass sie ihn anrufen werde und verabschiedete sich.

    Zoller wandte sich an Schneider und fragte: „Haben die Untersuchungen der Diskette von dem Ammerschläger schon irgend etwas gebracht?“

    „Sie sind gerade dabei den Code zu knacken, mit dem er die eine Datei geschützt hat, ich kümmere mich gleich darum.“

    Zoller strich sich über den Kopf. „Diesen Professor Heber möchte ich in die Zange nehmen. Allerdings nicht in seinem Reich, sondern in unserem. Seht zu, dass er morgen Vormittag hier antanzt!“

    „Morgen ist Samstag!“

    „Ja und? Er soll ruhig mitbekommen, dass wir auch am Wochenende arbeiten. Heute kümmere ich mich noch um unseren Notar, der ein knallhartes Motiv hatte.“ Dann schaute er auf die Uhr und sagte: „Aber jetzt habe ich noch einen Termin.“

    Kapitel 20

    „Schön, dass du kommst, Hartwig.“ Weißmüller saß wie ein orientalischer Pascha mit verschränkten Armen hinter seinem Schreibtisch. Hätte man nicht unter seinem Schreibtisch die Beine gesehen, man hätte vermuten können, er säße im Lotussitz dort. Die Sonne schien von hinten auf sein glänzendes schwarzes, glattgekämmtes Haar und verlieh ihm eine Art Glorienschein, so, dass nur die starken Kontraste seines Gesichtes erkennbar waren, deutliche Züge im Schlagschatten verloren gingen. Nur sein großer, hüpfender Schnauzbart verriet, woher die Worte gekommen waren. Vor ihm dampfte die obligatorische Kaffeetasse.

    „Hallo Bela! Du hast Neuigkeiten?“

    „Vielleicht recht wichtige. Möchte dir allerdings erst ein paar Einblicke geben, damit du im Bilde bist, wie brisant die ganze Angelegenheit sein kann.“ Er deutete auf einen Tisch in der Ecke des Raumes, auf dem in wohliger Unordnung Papiere, Akten und Ordner gestapelt lagen. Daneben stand eine unberührte Tasse. Weißmüller stand auf und beide begaben sich zu dem Tisch und setzten sich auf zwei Holzstühle. Weißmüller füllte die leere Tasse mit Kaffee.

    „Schwarz trinkt ihn der Kosak! Übrigens trinken die Kosaken ihn aus Gläsern. Nachdem sie sich die Zähne mit Wodka geputzt haben.“

    Weißmüller nestelte zielsicher aus dem Papierwust eine Landkarte Europas heraus, auf der bunte Striche und Pfeile offenbar Wege kennzeichnen sollten.

    „Du weißt sicher, dass zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts die ‚Schleuserei’ ein Riesengeschäft geworden ist. Sie ist genauso lukrativ wie der gesamte Drogenhandel und damit für die Mafia höchst sensibel.

    Sie hat ein regelrechtes Netzwerk geschaffen aus sogenannten Agencies, die sich spezialisiert haben, Ausreisewillige in westliche Länder zu schleusen, Syndikate wie das türkische oder die chinesischen Triaden, die langjährige Erfahrungen im Schmuggel- und Schleppergewerbe haben. Ein Großteil des Menschenhandels betrifft nach wie vor junge Frauen, die teils freiwillig, weil unter Vorspiegelungen falscher Tatsachen, teils unfreiwillig, also mit Zwang in den glückseligmachenden Westen verbracht werden.“ Er deutete mit dem Finger auf verschiedene Pfeile auf seiner Karte.

    „Bleiben wir bei unserem Woronzeff und seinem Tätigkeitsbereich. Der befindet sich im Nordosten, in den Gebieten Weißrussland, Ukraine, Russland, sogar bis Kasachstan. Die Schlepperwege gehen hier teilweise über Land zu uns, teilweise über die Ostsee nach Skandinavien. Die Schlepper sind Polen, Russen oder sogar Balten. Man schätzt, dass zirka zweieinhalb Millionen Menschen in den Ostgebieten eine Einreise in die EU anstreben. Und diese Syndikate arbeiten hochprofessionell. In den Transiträumen großer Umsteigeflughäfen, in Bahnhöfen und Häfen erfolgt nicht selten professionelle Betreuung durch Kontaktleute. Es gibt hier, wie bei legalen Reiseunternehmen die Möglichkeit, in verschiedenen Klassen zu reisen. Von der ‚Billigschleusung’ bis zur ‚Luxusschleusung’, der Komfortreise mit Einzelbetreuung und Vollservice. Die Preise bewegen sich von zirka eintausend bis zwanzigtausend Euro.“

    Weißmüller machte eine Pause und trank von seinem bitteren, schwarzen Kaffee. Zoller tat es ihm nach. Dann fuhr Weißmüller fort: „Das Gemeine an der Handlungsweise der Syndikate besteht darin, dass sie diese Menschen an sich binden, indem sie sich zunächst mit einer Anzahlung zufrieden geben, nach Ankunft im Zielland den Rest der ‚Reisekosten’

    einfordern und die illegal Eingereisten zu kriminellen Handlungen erpressen. Ebenso wird bei der Schleusung oft verlangt, dass sie Drogen oder Waffen oder Waffenteile in die Zielorte schmuggeln, womit die Geschleusten vor Ort wieder erpressbar sind, weil sie eine strafbare Handlung begangen haben. Unterstützt wird das Ganze auf der anderen Seite durch korrupte Botschaftsmitarbeiter, zum Beispiel in Kiew, die illegale Visa ausstellen und so die Einreise von Illegalen quasi legalisieren.“

    Weißmüller strich über die gewaltige Bürste seines Schnauzbartes, sein Blick zeugte vom Feuer des Ungarn in ihm.

    „Um aber jetzt auf unseren Woronzeff zurückzukommen. Der ist einem international zugehörigen Syndikat zuzuordnen mit Spezialisierung auf den Handel mit Frauen. Und wie wir seit Neuestem wissen, mit Kindern.

    Hast du mal etwas von Childrens Social Corporation gehört in Bezug auf Woronzeff?“

    Zoller schoss es heiß in den Kopf. Da war etwas. Ja, Katharina hatte ihm etwas gesagt, worauf er nicht reagiert hatte. Jetzt fiel ihm der Zettel ein, den er sich damals gemacht hatte, um die Kürzel von Mandelstein immer bei sich zu haben. Er kramte nach dem Zettel.

    „Hier, diese Abkürzung fällt mir ein.“ Er deutete auf den Zettel, Weißmüller beugte seinen Kopf, wobei sein schwarzer Pferdeschwanz fast Zollers Gesicht traf.

    „Genau!“ rief Weißmüller „CSCNS, Childrens Social Corporation Network Systems. Eine amerikanische Firma mit internationalem Internet-Auftritt, Filialen in vielen Ländern, auch muslimischen und buddhistischen. Ganz oben steht –noch- die amerikanische Leitung des ganzen.“

    „Amerikanisch? Ich denke, wir haben es mit einem russischen Syndikat zu tun!“

    „Globalisierung auf allen Gebieten. Warum nicht auch auf dem Gebiet der illegalen Schattenwirtschaft, die Umsätze macht, danach würden sich Konzerne die Hände lecken!“

    „Und alles an der Steuer vorbei.“

    „Das beherrschen legale Konzerne auch, wie wir alle wissen. Zurück zu Woronzeff. Er ist zwar kein Global Player, aber einer der äußerst wichtigen Kontaktleute. Er hat sich hochgearbeitet vom ‚Aufreißer’, der den jungen Frauen den Aufenthalt im Westen schmackhaft macht, über den Hiwi bei Schleusungen bis zu dem, was er heute macht, die Hauptorganisation im norddeutschen Bereich. Sozusagen ein Bereichsleiter, der über jedes Detail Bescheid weiß.“

    „Und was hat er mit den Kindern und den Amerikanern zu tun?“

    „Nicht direkt mit den Amerikanern. Die sitzen in ihren Büros hinter ihren Laptops und vermarkten die Frauen und Kinder. Das Ganze geht zum Beispiel wie bei ebay. Man meldet sich bei dieser als kirchlich-gemeinnützig getarnten Internetfirma an, was nicht ganz einfach ist, da ein Rück-Check erfolgt und man erst nach genauer Durchleuchtung der Person, des Personenstandes und seiner finanziellen Situation ein Passwort bekommt. So gut abgesichert arbeitet nicht einmal der CIA. Hat man das Passwort erhalten, kann man im weitläufigen Netz drauflos suchen, wo ein Kind ist, welches den eigenen Vorstellungen entspricht. Die Kinder kommen aus eigenen Kliniken oder Kinderheimen, wo sie gesammelt und nach Alter, Herkunft, Hautfarbe sortiert, ‚aufbewahrt’ werden. Diese Heime werden oft durch kirchliche und staatliche Gelder unterstützt, was dem Ganzen einen hochlöblichen und legalen Anstrich verleiht und die Händler reich macht.“

    „Ich mag dich gar nicht fragen, Bela, was man für ein Kind bezahlt.“

    „Nach unseren Erkenntnissen ab zwanzigtausend Dollar. Wozu sie allerdings bestimmt sind, als normal aufwachsende Kinder kinderloser Eltern oder sogar als Sexual- oder Versuchsobjekte, kann niemand sagen.“ Es entstand eine Pause.

    Danach fragte Zoller: „Und das Ausschleusen der Kinder wird auch von Woronzeff organisiert?“

    „Von ihm und anderen der CSCNS.“

    „Weiß man, wie die Gelder fließen?“

    „Wenn Zahlungen bargeldlos gehen müssen, gehören die Konten sogenannten ‚Hilfsorganisationen’, die meist steuerbefreit agieren können. Wo es geht, wird bar bezahlt.“

    „Habt ihr Hinweise, dass diese Klinik bei Ferch auch diesem Syndikat zuarbeitet?“

    „Da wir gerade erst angefangen haben, wissen wir noch nicht allzu viel, doch Anzeichen sind vorhanden, besonders, wenn ein Woronzeff mit der Klinik zu tun hat. Wir haben uns jetzt einmal mit den Schweden und den Italienern kurzgeschlossen, die sehr viel Erfahrung auf diesem Gebiet haben, besonders, was den Handel mit Kindern betrifft. Ach ja, die Neuigkeit: Wir haben Hinweise, dass Woronzeff sich von Hamburg auf den Weg nach Berlin macht. Ich gebe dir Bescheid.“

    So betroffen Zoller aus den Büro von Weißmüller gekommen war und je mehr er über den Menschen- und Kinderhandel nachdachte, desto mehr stieg kalte Wut in ihm auf. Wut über so viel Menschenverachtung, Wut darüber, welche Macht der Gott Mammon wieder über Menschen hatte, Wut darüber, wie viel Menschen sich bereit fanden, um seinetwillen jede Menschlichkeit in sich zu töten. Der Tanz um das goldene Kalb hatte nie aufgehört. Die goldene Regel, dass das eigene Glück vom Glück der anderen abhängt geriet mehr und mehr in Vergessenheit.

    Dann gab es noch die Wut in ihm, dass die Verbrecher immer einen Schritt im Voraus waren, die besten technischen, innovativsten Mittel einsetzen konnten und von der Rechtsstaatlichkeit profitierten, zum Beispiel, indem das Abhören von Telefonaten politisch auf zu großen Widerstand stieß, im Volksmund schon ‚Lauschangriff’ genannt wurde, obwohl ‚Lauschabwehr’ gemeint war. Die Wut über die unzureichende, unmoderne Ausstattung nicht nur der Polizei, auch der übergeordneten Stellen, des Bundesnachrichtendienstes, des Verfassungsschutzes. Die neueste Technik fand sich immer zuerst in den Händen und auf den Schreibtischen der Täter. Kein Mensch will den totalen Überwachungsstaat, keiner in einer Welt wie im Orwell’schen Roman ‚1984’ leben. Nur, so lange Syndikate nach Belieben in der Gesellschaft agieren, Firmen gründen und sich noch hinter der Maske der Wohltätigkeit verstecken können, die Ermittler dagegen Angst haben müssen ihnen auf den Schlips zu treten, wenn sie einen ihrer Protagonisten harsch anfassen, um Leben zu retten, so lange blüht das Verbrechen und es lacht der Syndikatboss über die Geschenke und der Terrorist freut sich über die Freizügigkeit, die ihm die wehrlose Gesellschaft beschert.

    In dieser Stimmung griff Zoller sich sein Jackett, ging in den Hof und suchte vergeblich seinen Wagen und seinen Zündschlüssel in der Hosentasche, als ihm sein Unfall einfiel.

    Mit einem Wagen der Fahrbereitschaft fuhr er an den kleinen Wannsee.

    Langsam zog sich der Himmel zu und das frische Grün der Bäume verschmuddelte zu einem grün-grau und die Schlagschatten verloren an Tiefe. Aber vielleicht lag es auch nur an seiner Stimmung.

    Als Zoller vor dem Grundstück ausstieg, spürte er die Windstille wie warme Watte um sich. Ihm fiel auf, dass kein Vogel zwitscherte.

    In der Einfahrt stand der Mercedes von Doktor Mommsen, die Beifahrertüre stand offen, als ob gerade jemand ausgestiegen war, die Haustüre stand ebenfalls weit offen. Zoller ging langsam darauf zu, der Kies knirschte unter seinen Schritten. Als er sich in der Höhe des Wagens befand, hörte er die Stimme der Sekretärin und versuchte, sich an ihren Namen zu erinnern. Da erschien sie auch schon in der offenen Türe. Sie trug einen Aktenordner unter jedem Arm und ihr folgte, sein Jackett und eine Aktentasche in den Händen, ihr Arbeitgeber.

    „Ah, der Kommissar!“ rief sie, als sie ihn erblickte.

    „Guten Tag, Frau Demmler, guten Tag, Herr Doktor Mommsen.“

    „Sie kommen ungelegen. Sie hätten sich von Frau Demmler einen Termin geben lassen sollen.“ Mommsen legte seinen Koffer auf die Sitzfläche des Rücksitzes und darauf sein Jackett.

    Frau Demmler lächelte verlegen und hielt Mommsen die Ordner hin, die er im Kofferraum verstaute. „Im Moment geht es ganz und gar nicht.“

    „Wir sind es gewohnt, ungelegen zu kommen“ sagte Zoller ruhig. Wobei das ‚wir’ nicht den Pluralis Majestatis verkörpern sollte, mit dem der letzte deutsche Kaiser ‚Wir benötigen Sonne!’ seinen Hofmarschällen zurief, wenn er sich dem Volke zeigen wollte, sondern Zoller zielte auf den bescheidenen Pluralis Modestiae ab, der die eigene Person hinter die Funktion zurücktreten lässt.

    Ob Mommsen in diesem Augenblick in der Laune war diese Unterscheidung zu machen, war aus seiner Antwort nicht ersichtlich. Während er sprach, schlug er die Heckklappe zu, ging zur Fahrertür und öffnete diese. „Ich kann auf Ihre Gewohnheiten keine Rücksicht nehmen, und wenn Sie der Kaiser von China wären! Den Herrn Minister (und hier nannte er einen bekannten Namen) lässt man nicht warten und ich bin eh etwas knapp!“ Er setzte sich hinters Steuer und drückte auf die Hupe, wie um jemanden zu rufen. Zoller blieb, wo er stand und erhob nur seine Stimme: „Und wir können bei Mordverdacht die Geduld eines jeden Ministers auf die Probe stellen.“

    Mommsen fuhr hoch und stieg aus. „Mordverdacht?“

    „Mordverdacht. Sie haben uns etwas verschwiegen.“

    In diesem Moment kam Frau Mommsen aus dem Hause und blieb auf den Stufen stehen, als sie Zoller erblickte.

    „Moment,“ meinte Mommsen irritiert, „Schatz, steig’ doch schon mal ein, ich habe einige Worte mit dem Kommissar zu wechseln!“ Er half ihr beim Einsteigen und warf den Schlag zu. Zoller sah, wie Frau Demmler in der Türe stehen blieb und sie einen Spalt offen hielt, um die weiteren Geschehnisse zu beobachten.

    Mommsen ging auf Zoller zu und sagte: „Lassen Sie uns ein paar Schritte gehen. Meine Frau muss nicht alles mitbekommen. Was soll ich Ihnen verheimlicht haben?“

    „Sie kannten Mandelstein.“

    „Ja, das heiß nein, ich kannte Mandelstein nicht, bis zu dem Moment, da ich seine Unterlagen vor Augen hatte.“

    „Da sahen sie, dass er früher Stefan Mündel geheißen hatte.“

    „Richtig.“

    „Und da kam Ihnen die Geschichte mit Ihrer ehemaligen Verlobten wieder hoch.“

    „Ja. Aber Sie glauben doch nicht, dass ich als Anwalt einen Mord plane oder ihn gar ausführe?“

    „Warum haben Sie uns die Tatsache verschwiegen, dass Sie ihn kannten?“

    „Eben um nicht in diesen Verdacht zu geraten!“

    „Sie wissen, wie er gestorben ist?“

    „Mandelstein? Vergiftet, nehme ich an.“

    „Aber durch was?“

    „Was heißt durch was? Durch Gift!“

    „Ein Herzmittel in tödlicher Dosis. In Mozartkugeln. Genau solchen Mozartkugeln, wie Sie sie in Ihrem Büro haben.“

    „Absurd! Ich und Gift in Mozartkugeln! Herr Kommissar!“

    „Sie hatten ein starkes Motiv!“

    Mommsen blieb stehen und nahm Zoller beim Ärmel.

    „Natürlich gingen in mir die Emotionen hoch, doch schauen Sie, es entspricht nicht meinem Wesen, noch meiner Reputation, zu morden. Es gibt diffizilere Methoden, Rache, wenn Sie es so wollen, auszuüben.“ Er schaute Zoller klaren Blickes ins Gesicht. „Wir hatten ein gutes, ein sehr gutes Honorar ausgehandelt und ich hätte an allen seinen Transaktionen nicht unmaßgeblich finanziell partizipiert. Und im Übrigen bin ich sicher, es gibt noch mehr Leute mit starkem, vielleicht noch stärkerem Motiv.“ Es klang wie ein Plädoyer aus dem Stegreif, klang in Zollers Ohren aber recht schlüssig.

    „Da mögen Sie recht haben. Dennoch gehören Sie zum Kreis der Tatverdächtigen und ich muss Sie bitten, die nächste Zeit nicht zu verreisen.“

    Daraufhin hatten sie sich verabschiedet. Ein Satz blieb in Zollers Gedächtnis. Wie konnte Mommsen so sicher sein, dass es noch andere mit starkem Motiv geben könnte, wenn er doch so wenig über den Mandelstein wusste?

    Zoller setzte sich in seinen Wagen und überdachte die Situation. Mommsens Wagen rauschte mit einem kurzen Hupen vorbei.

    Zoller hatte den Motor angelassen und fuhr gerade an, als sein Handy musizierte. Die starken Akkorde der Toccata und Fuge von Bach, piepsig und flach als Handyton, sagten ihm, seine Mitarbeiter wollten ihn sprechen. Er stoppte sofort, denn der Wagen der Fahrbereitschaft besaß keine Sprechanlage, würgte dabei den Motor ab, fluchte ein paar Mal und nahm dann endlich ab.

    Schneider war dran und teilte ihm mit, dass sich ein Herr Vanzow telefonisch gemeldet hätte, um eine Aussage zu machen. Zoller fiel sofort ein, woher er den Namen kannte. Er hatte ihn auf dem Namensschild gelesen, als sie Frau Dehm, die Zugehfrau von Doktor Ammerschläger, besucht hatten. Schneider berichtete in kurzen Worten, dass Vanzow in der Tatnacht eine Person beobachtet hätte, die offensichtlich bei Ammerschläger geklingelt hätte und eingelassen worden sei. Da es Nacht gewesen wäre, täte er sich mit einer Beschreibung schwer, meinte aber, er könnte diesen Mann wiedererkennen.

    Zoller nahm diesen Wink des Schicksals sofort auf und befahl, Herrn Vanzow für den morgigen Vormittag vorzuladen und zwar so, dass er dem Professor Heber begegnen musste. Solange man des Russen Woronzeff noch nicht habhaft geworden war, musste man jede andere mögliche Spur verfolgen.

    Wenn nun auch noch Woronzeff unter Beobachtung stand und man ihn bald von Angesicht zu Angesicht sprechen könnte, würde sich Vieles ergeben, hoffte Zoller.

    Er war gerade zehn Meter gefahren, als sein Handy wieder ausschlug. Er hielt brav am Straßenrand, nicht ohne deftige Verwünschungen.

    Diesmal war es Wanzke, der ihm die Mitteilung machte, man habe den Code von Ammerschlägers Diskettensperre geknackt. Es wäre unglaublich, Zoller müsste sich dies selbst ansehen, bevor man es dem Kollegen Weißmüller zeigte. Zoller beeilte sich nun kräftig, ins Büro zurückzukehren. Die Reifen konnte anschließend ein Lied davon singen.

    Kapitel 21

    Zu den Pfeilern der Polizeiarbeit gehören nicht nur die verschiedenen Dezernate, sondern auch weitere nationale und internationale Einrichtungen wie Inpol, ein nationales innerpolizeiliches Netzwerk, das Bundeskriminalamt als übergeordnete Koordinierungseinheit, Europol, Interpol und der GASP der Europäischen Union, die Institution der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Sie alle bilden die Basis zur Koordination des Handelns zur Bekämpfung des Terrorismus, der Kriminalität, besonders des grenzübergreifenden organisierten Verbrechens, die Grundlage zur abgestimmten Fokussierung und Zusammenarbeit zwischen den einzelnen nationalen Organen wie Polizei, Zoll und Grenzschutz. Nach der Wende 1989/1990 und der damit verbundenen Öffnung der Grenzen, nach Schengen II und dem freien Personen- und Warenverkehr innerhalb der verschiedenen Staaten verstärkte sich automatisch die grenzüberschreitende Kriminalität. Hauptursache dabei ist das Wohlstandsgefälle zwischen der EU und Osteuropa. Zur Verhinderung der Einschleppung unliebsamer Kriminalität wurden verbesserte Abschiebungsmöglichkeiten europaweit eingeführt, doch die erhofften ‚Geschäftseinbußen’ der Schlepper blieben aus, das Gegenteil war der Fall. Kein anderer illegaler Wirtschaftszweig wurde bei ähnlich geringem Risiko so profitabel wie der organisierte Menschenschmuggel. Mit der ‚Ware Mensch’ ließen sich locker zweistellige Milliardenerträge erzielen, was Wunder, dass sich die gebündelte kriminelle Energie auf diesen Markt stürzte, Schwachstellen ausspähte, sich professionell vernetzte und Investitionen in Millionenhöhe nicht scheute, um diese Geldquellen auszubauen und am Fließen zu erhalten und wen sollte es verwundern, wenn man für den Schutz dieses Systems über Leichen ging.

    Gegen diese brachiale, finanzielle und professionell technische Aufrüstung hatten die staatlichen Exekutivkräfte in Form von Polizei, Grenzschutz und Zoll zunächst keine Chance. Sie mussten gegenrüsten, mindestens ebenso leistungsfähige Rechner anschaffen und effektive Netzwerke errichten. Dies grenz- und sprachübergreifend einzurichten, die eigenen Leute zu schulen und gleichzeitig der Fahndungsarbeit nachzugehen glich einer Herkulesarbeit an Koordinierung und Logistik. Und war die eine Arbeit geschafft, stellten sich neue Ziele, hatten die Verbrecher neue Wege gefunden und bessere Techniken installiert. Sie hatten den Vorteil, dass sie bewährte Netzwerke des Drogenhandels nutzen konnten, ständig neue Köpfe einsetzten, Standorte wechselten, die innovativste Technik anwandten, auf die Camouflage von Scheinfirmen zurückgreifen konnten und somit der Polizei immer einen Schritt voraus waren, um nicht zu sagen ihr ständig ein Schnippchen schlugen. Besonders hilfreich waren den international tätigen Verbrecherorganisationen ihr ausgesprochen großes Beziehungsnetz, das supranational oft bis in die höchsten Kreise reichte.

    So gut die Fahnder sich den ständig wechselnden Gegebenheiten auch anpassten, verhindern konnten sie meist nichts. Doch stellten sich Erfolge ein, so auch bei der Fahndung im Internet, da die offiziellen Provider, die Veranstalter und Verwalter der Internetauftritte, sich auf die Seite des Rechts schlugen und der Polizei die Zugangscodes und PIN’s von mutmaßlich verbrecherischen Internetseiten ermöglichten.

    Doch oft war die Ermittlung von Geheimcodes immer noch der Professionalität von Polizeiinformatikern oder der filigranen Findigkeit von einfachen Kriminalbeamten überlassen.

    Genau so einer hatte auch den sechsstelligen Zugangscode zur Diskette des ermordeten Doktor Ammerschläger geknackt.

    Die harmloseren Dateien waren unverschlüsselt: Auf der Diskette fanden sich in Textdateien der gesamte Briefverkehr zwischen Berliner Jugendämtern und Doktor Ammerschläger, allgemein die Adoption eines Kindes betreffend. Dieser Briefverkehr zog sich über zehn Monate hin. Es waren die einzelnen Dokumente separat auf der Diskette gespeichert mit jeweils einem Hinweis auf das betreffende Antwortschreiben. Diese Antworten waren in gescannter Form ebenfalls auf der Diskette vorhanden. Die endgültige abschlägige Entscheidung mit fadenscheiniger Begründung und den Bezug auf allerlei Rechtsvorschriften, Paragraphen und Durchführungsverordnungen lag ebenfalls bei.

    Aus einer Notiz ging hervor, dass Ammerschläger sich nun an andere Institutionen richten wollte.

    Die dazugehörigen Dateien hatte er mit einem diffizilen Code verschlüsselt.

    Es fanden sich Namen Adressen, Telefonnummern und Ansprechpartner verschiedener Institute zur Vermittlung von Kindern zum Zwecke der Adoption. Schließlich gab es Notizen zu Internetseiten, die aus aller Herren Länder Kinder jeden Alters für ungenannte Zwecke anboten. Hier war eine Domain besonders markiert, die den Namen ‚CSCNS.net’ trug.

    Dorthin hatte sich Doktor Ammerschläger in seiner Verzweiflung gewandt, das Unternehmen schien auf ihn einen seriösen Eindruck gemacht zu haben, war auch die Aufmachung des Internetportals durchaus angetan, durch seine Professionalität des Auftrittes Rückschlüsse auf die Achtbarkeit seiner Inhaber zuzulassen. Dies Institut wies sich aus als ein dem Wohl der Kinder der Welt gewidmete Einrichtung mit Kinderheimen in allen Ländern, verbunden dem Gedanken, Kinder vor den Unbillen des Lebens, vor Kriegen, Hungersnöten, Überschwemmungen zu schützen und ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Es zeugte von internationaler Reputation, wies auf namhafte Personen hin, Hochschulprofessoren, Doktoren, Schauspieler, Kinderärzte und Kirchenleute aus aller Welt, die dem Institut höchstes Lob aussprachen und geneigte Interessenten baten, dieser Einrichtung in Form von Spenden, Mitgliedsbeiträgen und sonstigen Zuwendungen beiseite zu stehen. Es wurde auch auf die Möglichkeit hingewiesen, für einen kleinen monatlichen Beitrag eine Patenschaft für eines oder mehrere Kinder der Welt zu übernehmen.

    Darüber hinaus wies das Portal noch einen Link auf, der mit Specials, Adoptionen etc. betitelt war. Klickte man diesen Link an, wurde man aufgefordert, sich einzuloggen, die Mitgliedschaft bekannt zu geben, beziehungsweise, eine neue einzugehen, denn diese Seite mit ihren sensiblen Daten war nur für eingeschriebene, geprüfte Mitglieder zugänglich.

    Doktor Ammerschläger hatte vor einem Monat eine solche Mitgliedschaft angefordert. Es fand sich ein Fragebogen sowie eine Antwort, die drei Wochen nach der Bewerbung per Mail einging. In dieser Antwort wurde für die Dauer der Bearbeitung um Entschuldigung gebeten und kundgetan, der Check auf Seriosität sowie auf Bonität des zukünftigen Mitgliedes sei notwendig, um Schaden von dem Institut und nicht zuletzt von den ihm anvertrauten Kindern fernzuhalten.

    Beigefügt war eine Bescheinigung, dass Doktor Ammerschläger mit Eingang seines Mitgliedsbeitrages von zweitausend Euro und mit Zustimmung des Vorstandes in den Kreis der Förderer des Institutes geführt werde und man ihm hiermit seine persönliche PIN-Nummer übermittle. Es folgte eine Liste mit Namen von Mitgliedern, die alle sehr zu ihrer Zufriedenheit sich hatten von diesem Institut bedienen lassen und sprachen ihr Lob über diese kinderfreundliche Einrichtung aus, die ohne lange Verhandlungswege, ohne schwierige Bewilligungsprozesse, ohne staatliche Eingriffe und Verzögerungstaktiken und ganz legal mit einem internationalen Zertifikat den Kinderwunsch in kürzester Zeit erfüllt hatte. Dann stand da etwas über Listen, die Ammerschläger jetzt per Email abrufen konnte.

    Dies waren die Informationen, die Zoller nach seiner Rückkehr in sein Kommissariat vorfand. Die grundsätzlichen Informationen stammten aus dem Dezernat von Weißmüller, die aktuellen, den Fall Ammerschläger betreffenden, waren vom Kollegen Schneider zusammengefasst. Mit diesen beiden Kollegen befand er sich in seinem Büro.

    Er wandte sich an Schneider: „Was hat es mit den Listen auf sich?“

    „Ich habe hier“ sagte Schneider und legte Zoller ein Papier vor, „die Anfrage von Ammerschläger an die Kindervermittler, die er wohl ohne Wissen seiner Frau abgesandt hatte.“ Es handelte sich um den Ausdruck eines ‚Anforderungsbogens’, in dem Ammerschläger auf einer Eingabemaske verschiedene Punkte angekreuzt hatte zum gewünschten Geschlecht, Alter, Hautfarbe eines zur Adoption ersehnten Babys. „Daraufhin bekam Ammerschläger per Mail diese Blätter.“ Schneider legte zwei Seiten in Farbe ausgedruckt vor, auf denen auf der linken Seite Farbfotos von mehr oder weniger entzückenden Babys und auf der rechten Seite die dazugehörigen ‚Steckbriefe’ abgedruckt waren. Es handelte sich um insgesamt zehn Fotos. Zwei davon waren mit rotem Filzstift markiert. Weißmüller schien diese Listen bereits gesehen zu haben, er saß mit verschränkten Armen da und versuchte, mit der Unterlippe widerborstige Spitzen seines Schnauzbartes zu erwischen.

    „Was sind das für Markierungen?“ fragte Zoller.

    „Die habe ich angebracht,“ antwortete Schneider „weil diese zwei Fotos auch auf einer anderen Liste auftauchen, nämlich auf dieser.“

    Hiermit legte er eine weitere ausgedruckte Liste vor Zoller auf den Schreibtisch. Diese war anders aufgegliedert, enthielt aber auch Fotos von Babys und Kleinkindern, auch Fotos von Kindern im Kindergartenalter mit allen Angaben über Name, Herkunft, Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand, Impfungen.

    „Handelsware!“ sagte Weißmüller und rollte seine braunen Augen.

    „Vielleicht sind es nur Kinder für Patenschaften?“ wandte Zoller ein.

    „Dein Glaube in Ehren!“ Weißmüller schmollte. Zoller wandte sich wieder Schneider zu: „Und woher ist diese zweite Liste?“

    „Gestohlen.“

    „Gestohlen?“

    „Ammerschläger hat sie vom Computer seines Arbeitgebers gestohlen.“

    „Das musst du mir erklären.“

    „Ammerschläger hat in seinen geheimen Aufzeichnungen beschrieben, dass er einige Tage vor seinem Tod im Büro von Heber war, um von ihm etwas über die Therapie einer Problempatientin zu erfragen. Der Professor war nicht da und Ammerschläger wollte im Computer des Professors nachschauen. Wohl per Zufall geriet er in das Email-Programm und entdeckte versendete Listen.“

    „Und das ist solch eine Liste vom Professor?“

    „Genau!“

    Hier schaltete sich Weißmüller ein: „Der Haken ist, wir können nicht belegen, dass diese Liste von Professor Heber stammt. Wir haben nur die schriftliche Aufzeichnung von Ammerschläger.“

    „Also benötigten wir entweder die Original-Fotos oder den Inhalt des Computers vom Professor“ überlegte Schneider.

    „Gut.“ Zoller dachte nach und wandte sich an Weißmüller: „Bela, kannst du morgen früh, wenn der Professor hier antanzt, mit Schneider den Computer in dessen Büro genauer untersuchen?“

    Weißmüller atmete schwer durch. „Hartwig,“ fing er an, „es gibt hier ein Problem. Ich habe heute klare Anweisung von Hammann bekommen. Das Bundeskriminalamt ist an dem Fall dicht dran, ich habe mich bedeckt zu halten, was diesen Fall betrifft.“

    „Was heißt das?“

    „Das heißt, es ist bereits jemand vom BKA angesetzt, wie Hamman mir sagte, und wir sollen nicht durch wildes Gestochere in dem Fall die Pferde scheu machen und ihnen nicht in die Quere kommen.“

    „Was heißt wir? Ich arbeite an einem Mord, genau gesagt, an zwei Morden. Und wenn Heber darin verstrickt ist, kann ich ihn nicht auslassen, nur weil er noch anderweitig in der Scheiße steckt!“

    „Habt ihr denn einen Beweis, dass er ein Mörder ist, oder einen Mord in Auftrag gegeben hat?“

    „Bela, wir sind gerade dabei, herauszuposamentieren, wer, wie, mit welchem Mord zusammenhängt. Und vieles spricht für deinen Professor! Er war Arbeitgeber der beiden Toten, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten. Dazwischen steht ein Herr Woronzeff. Die Zusammenhänge sind schier greifbar!“

    „Das glaube ich dir ja. Nur ich darf selbst nicht in Erscheinung treten. Hammann würde mich in die Ablage versetzen.“ Nach einer Pause sagte er: „Ich werde einige Tage Urlaub machen!“ Weißmüller blickte Zoller an, der sofort verstanden hatte.

    „Wo steckt eigentlich Wanzke?“ fragte Zoller plötzlich.

    „Der wollte noch die Telefonlisten von Heber besorgen und durchgehen.“ Schneider blickte auf die Uhr. „Teufel! Ich muss mich ja sputen! Braucht ihr mich noch?“

    Zoller schüttelte den Kopf und Schneider verzog sich.

    „Kinder als Handelsware! Wie weit soll das noch gehen?“ Zoller blickte sein Gegenüber an. Weißmüller machte ein trübes Gesicht, dann sagte er: „Vielleicht geht es schon weiter als wir glauben.“

    „Wie meinst du das?“

    „Wenn es ja so wäre, dass nur kinderlose Ehepaare sich über diese sogenannten Institute Waisenkinder zur Adoption besorgten. Die Sachlage scheint aber weitaus bedrückender zu sein. Nicht nur, dass derart verschobene Kinder für den Kinderstrich gehandelt werden, es gibt schon Hinweise, dass diese Kinder nach Blutgruppen aufgelistet werden, zu welchem Zwecke, kann man sich leicht denken.“

    „Du meinst -“

    Weißmüller atmete tief durch, dann sagte er: „Mir wäre es sehr recht, wenn ihr ihn wegen Mordes, am liebsten wegen Doppelmordes herankriegen könntet. Dann wäre er wenigstens für längere Zeit aus dem schmutzigen Geschäft. Die Beweislage im Menschenhandel ist sehr schwierig zu führen, weil einer den anderen deckt, weil die Betroffenen eingeschüchtert werden, weil die Verschiebewege sehr lang und undurchsichtig sind und weil oft sehr gute Anwälte an Schlüsselpositionen sitzen. In dieser Branche wird man eher bei der kleinsten Unachtsamkeit von der Mafia umgebracht, als dass diese es zuließe, dass einer vor Gericht aussagen könnte.“

    „Du meinst, dass die Morde darauf hinweisen -“

    „Dass man ihnen auf die Spur gekommen ist, oder man vielleicht mit dem Wissen erpressen wollte. Es geht hier um Milliarden. Auch ein Woronzeff lebt gefährlich.“

    „Ihr habt ja auch keine Hinweise, dass Woronzeff mit dem Professor Heber in direktem Kontakt steht, oder?“

    „Nein, wir hoffen, durch eure Ermittlungen hier selbst auch weiterzukommen. Andererseits nützt uns ein Woronzeff wenig, er ist ein verhältnismäßig kleiner Fisch. Wir wissen nicht, wer in der Sache die Führungsarbeit für Deutschland übernommen hat. Das Netzwerk ist äußerst klug eingerichtet, Firmen hintereinander geschaltet. Wir tappen noch im Dunkeln.“

    „Könnte Heber einer der Köpfe sein?“

    „Eher nicht. Die ausgeklügelte Hierarchie in den Verbrecherkreisen schreibt vor, dass ein Dienstleister, wie es Heber ist, so wichtig er sein mag, keinen verantwortungsvollen Spitzenposten innehaben darf. Die Personen, die aktiv an einer Tat beteiligt sind, dürfen nicht der Führungsriege angehören. Hinter Heber verbirgt sich sicher noch ein administrativer Kopf. In Ungarn ist es ein Botschafter, in Russland vermutet man einen Staatssekretär, in Schweden einen Rechtsanwalt.“

    „Könnte Heber diesen Administrator kennen?“

    „Wenn das ein kluger Kopf ist, bestimmt nicht.“

    Kapitel 22

    Dieser Samstag sollte für die meisten Berliner zu einem der schönsten Samstage in diesem Jahr werden. Die Sonne hatte schon früh die ersten Bürger aus dem Hause gelockt, und wer am Vorabend nicht gepackt hatte, tat es jetzt, um mit S-Bahn, Auto oder Fahrrad an die umliegendes Seen zu fahren oder in den Spreewald, zum Baden, Radfahren und Bootsfahren im Grünen.

    Mindestens einer fuhr in die entgegengesetzte Richtung, vom Grünen in die Stadt. Professor Heber war für diesem Samstagmorgen in das Gebäude der LKA einbestellt worden.

    Zoller war erst gegen zehn Uhr im Büro aufgetaucht, hatte sich einen Kaffee am Automaten gezogen und die Auswertungen der bisherigen Ermittlungen durchgesehen. Um halb elf war Wanzke gekommen, zusammen mit  Herrn Vanzow, dem nächtlichen Beobachter, der den Besucher von Doktor Ammerschläger in dessen letzter Nacht beobachtet hatte. Man hatte ihm einen Kaffee in die Hand gedrückt und ihn im Nebenraum warten lassen, derart, dass er von dort den geladenen Professor Heber ansehen konnte.

    Inzwischen hatten Schneider und Weißmüller sich mit einer Handvoll Spezialisten und einem Durchsuchungsbeschluss vor der Klinik auf die Lauer gelegt, um nach deren Verlassen von Professor Heber, dessen Büros und besonders dessen Computer unter die Lupe zu nehmen.

    Alles war bestens vorbereitet.

    Pünktlich um elf erschien Professor Heber. Er verbarg seine Ungehaltenheit schlecht, setzte sich aber höflich vor Zollers Schreibtisch, biss aber unverkennbar die Zähne aufeinander.

    „Herr Professor Heber,“ begann Zoller, „vorgestern waren Sie so freundlich, uns ein paar Fragen zu beantworten. Heute haben wir einige ergänzende Fragen zu dem Mord an Ihrem Assistenzarzt. Entschuldigen Sie, dass wir Sie an einem Samstag zu uns bitten mussten, aber die Ermittlungsarbeit ließ nichts anderes zu. Bevor wir fortfahren, lassen Sie mich kurz unterbrechen. Herr Wanzke wird Ihnen gerne einen Kaffee bringen.“ Zoller winkte Wanzke, der sich um Herrn Vanzow im Nebenraum gekümmert hatte und ging zu Herrn Vanzow, verschloss die Türe und fragte: „Haben Sie ihn erkannt? War das der Mann, den Sie nachts bei Doktor Ammerschlägers Haus gesehen haben?“

    Vanzow saß in sich zusammengesunken auf dem Stuhl und schüttelte den Kopf und stotterte: „Wie ich schon zu ihrem Kollegen gesagt habe – er könnte es gewesen sein – oder auch nicht – es war so dunkel – sein Gesicht sagt mir nichts – die Statur ja, vielleicht. Es war zu dunkel.“

    „Gut, vielen Dank, Herr Vanzow. Gehen Sie nach Hause!“

    „Danke schön – und es tut mir leid!“ Zitternd stellte er den leeren Becher ab und ging. Zoller benötigte einen Moment, um seine Enttäuschung wegzustecken, fuhr sich mit beiden Händen über die Wangen, dann trat er wieder in sein Büro, setzte sich derart wortlos hinter seinen Schreibtisch, dass Heber nicht daran denken konnte, ihn anzusprechen, öffnete einer Mappe und las darin. In Wirklichkeit suchte er einen Weg, den überheblich da sitzenden Professor außer Fassung und zu Fall zu bringen.

    Wanzke trat ein und stellte ebenso wortlos einen Becher Kaffee vor den Professor auf den Schreibtisch.

    „Wollen Sie mich den Vormittag lang anschweigen?“, fragte Heber ungehalten.

    „Sie dürfen gerne rauchen!“ sagte Zoller freundlich, holte einen Aschenbecher aus einer Schublade und stellte ihn vor den Arzt.

    „Sie rauchen doch? Zigarren, wenn ich mich nicht täusche?“

    Irritiert schaute Heber auf den Aschenbecher.

    „Die Marke Panama Obligado, eine teure und seltene Marke?“ Zoller tat so, als lese er aus der Mappe vor, ohne Heber anzuschauen.

    Heber antwortete nicht. Sein Brustkorb hob und senkte sich und er schnaufte. Zoller las weiter und sagte nach einer Weile: „Die Untersuchungen an ihrem Assistenzarzt ergaben, dass er absolut gesund war, weder an Herzleiden noch anderen organischen Krankheiten litt. Auch nicht an Niereninsuffizienz, die er Ihnen gegenüber erwähnt haben soll.“

    Heber schwieg.

    „Somit hatte er auch keinen Anlass, Digitoxin zu sich zu nehmen, geschweige denn in seiner Hausapotheke aufzubewahren.“

    Von hinten kam die Stimme Wanzke’s: „Wir haben Ihre Frau befragt, wo Sie sich am Tatabend befanden. Wissen Sie, was sie gesagt hat?“

    Heber drehte sich um. „Nein, wie sollte ich!“

    Wanzke schritt hinter dem Arzt auf und ab und sprach mit gut gesetzten Pausen. „Hat sie es Ihnen nicht erzählt? Sie sagte aus, dass sie gegen zweiundzwanzig Uhr dreißig ins Bett gegangen sei, Sie aber im Wohnzimmer zurückließ und nicht weiß, wann Sie ihr ins Bett gefolgt sind.“

    Heber veränderte seine Sitzposition und schlug das andere Bein über und schaute aus dem Fenster.

    „Wozu ist das wichtig?“

    „Sie haben kein Alibi für den Tatabend, die Tatnacht.“

    „Brauche ich ein solches?“ Er lief rot an und blickte auf Zoller.

    Der schaltete sich wieder ein: „Vielleicht, wir werden sehen.“

    Heber sagte sehr gefasst: „Sie werden doch nicht mir einen Mord unterstellen wollen? Ich bin leidenschaftlicher Arzt, leite eine angesehene Klinik. Was sollte ich für ein Motiv haben, meine Klinik, meine Position und mein Einkommen zu gefährden?“

    „Vielleicht sahen Sie gerade dies gefährdet?“

    „Von Doktor Ammerschläger? Dass ich nicht lache!“

    „Den Sie auch nicht besucht haben wollen, vorgestern Abend.“

    „Nein!“

    „Und die Asche?“

    „Welche Asche?“

    „Die Asche in einem Aschenbecher, der sehr gründlich gesäubert worden ist und an einem ungewohnten Platz stand. Ihre Asche!“

    „Es gibt in Berlin vielleicht einige Raucher mehr, die diese Marke rauchen. Und übrigens, was sollte ich für ein Motiv haben, meinen besten Mann umzubringen?“

    „Möglicherweise wusste Ammerschläger etwas über Sie und versuchte, Sie zu erpressen?“

    „Hirngespinste!“ Die Erregung Hebers nahm zu.

    „Genau so ein Hirngespinst wie der Herr Woronzeff, den sie nicht kennen, mit dem Sie allerdings Telefonkontakt hatten, wie sich belegen lässt. Sie haben schön darauf geachtet, dass Sie nur per Pre-Paid-Handy verkehrten, das auf einen falschen Namen lief. Nur einmal hatten Sie in aller Eile zum Festnetzhörer gegriffen. Vorgestern, als wir Sie befragt hatten. Ein Fehler.“

    Zollers Handy ging. „Ja?“ meldete sich Zoller. Er hörte eine Weile zu, machte sich Notizen, dann sagte er: „Schön! Sauber! Bis gleich!“ und legte auf. Dann stand er auf und ging zu Wanzke, der sich immer noch im Rücken von Heber befand, und flüsterte ihm einige Worte zu. Mit zwei Schritten stand er seitlich neben den Professor.

    „Mittlerweile hat man Ihr Büro durchsucht.“

    Heber brauste auf: „Wie kommen Sie dazu? – Haben Sie einen Durchsuchungsbeschluss? – Sie können nicht die sensiblen Akten meiner Patienten – und überhaupt!“

    „Bleiben Sie sitzen!“

    „Was unterstehen Sie sich, so mit mir zu reden, überhaupt mit mir umzugehen!“

    „Setzen Sie sich! Sie sagten, Sie dienen karitativen Zwecken mit Ihrer Klinik?“

    „Ich habe mir nichts vorzuwerfen!“

    „Aber wir! Sie handeln mit Kindern!“

    „Das ist eine Unverschämtheit!“

    „Richtig, das finden wir auch! Mehr noch, es ist menschenverachtend und in höchstem Maße verwerflich und unsittlich. Auf Ihrem Rechner wurden alle relevanten Daten gefunden und sichergestellt. Sie sorgen für elternlose Babys und Kinder und bieten diese der Organisation CSCNS zum Verkauf. Ich weiß nicht, was verwerflicher ist, mit Kindern zu handeln oder einen Mord zu begehen. Jedenfalls gibt es für Mord die höhere Strafe.“

    „Was wollen Sie immer mit ihrem Mord?“

    „Sie täuschen sich, es ist Ihr Mord, denn wir haben den Beweis.“

    „Einen Beweis? Was für einen Beweis?“

    „Auch die besten Ärzte machen Fehler!“

    „Mir ist nie ein Fehler unterlaufen!“

    „Nein?“ Zoller machte eine kurze Pause. „Zum Beispiel mit dem Aschenbecher.“

    Irritiert schaute Heber in Zollers Gesicht. „Aschenbecher? Ich verstehe nicht.“

    „Es geht um Ihre DNA.“

    „DNA! DNA! Was wollen Sie mir nachweisen? DNA in der Asche? Das ich nicht lache!“

    „Der Aschenbecher stand nicht auf seinem angestammten Platz.“

    „Was soll denn das schon wieder heißen?“

    „Übrigens dieselbe DNA wie auf dem frisch weggeworfenen Stummel, den wir in vor Ammerschlägers Haus fanden! Das war der Fehler!“

    Ein fratzenhaftes Grinsen verzog Hebers Gesicht: „Nein, das stimmt nicht! Was wollen Sie von mir? Ich habe genau darauf geachtet -“ Und hier bemerkte er seinen Fehler.

    „Sprechen Sie ruhig weiter, das Band läuft noch!“ Zoller wies auf den Apparat.

    Heber war einige Sekunden still, dann giftete es aus ihm heraus: „Ammerschläger! Ich hätte es wissen müssen! Ein brillanter Arzt, aber ein Moralfanatiker. Aus diesem Grunde wollte ich ihn fernhalten von allen sensiblen Bereichen. Aber er hatte nichts besseres zu tun, als mir zu drohen, meine Existenz zu bedrohen, mein Lebenswerk, für das ich über fünfzehn Jahre gebraucht hatte, es aufzubauen! Ich konnte das doch alles nicht zerstören lassen! Und als er meinen Vorschlag ablehnte – ich wollte ihn zum Chefarzt machen, ihm ein Baby seiner Wahl schenken! – Ich sah keine andere Möglichkeit.“ Er brach zusammen.

    „Und Sie hatten zufällig Digitoxin bei sich?“

    „Ich habe immer Digitoxin bei mir. Ich leide an Herzrhythmusstörung.“

    „Und Sie haben ihm Digitoxin in sein Whiskyglas gegeben?“

    Heber schwieg zunächst, den Blick auf den Boden gerichtet, dann schrie er: „Ja! Ja! Ja!“ Zuletzt klang es, als ob er schluchzte.

    Nach einer Weile begann Zoller erneut: „Da wir gerade dabei sind: Was sagt Ihnen der Name Mandelstein, oder sollte ich besser sagen Mündel?“

    Gefasst richtete Heber sich auf seinem Stuhl auf. „Halt! Auch wenn ich ihn gekannt habe – ich habe mit seinem Tod nichts zu tun! Ich war am Montag, seinem Todestag nachweislich auf einem Ärztekongress in München. Auch wenn Sie es mir nicht glauben wollen, es gibt fünfhundert Zeugen. Ich habe dort gesprochen.“ Er griff wie nebensächlich in seine Jackentasche und entstöpselte ein Fläschchen. Wanzke sprang herbei und entriss es ihm.

    „Das wäre zu einfach“ sagte Zoller und las die Aufschrift: Digitoxin.

    Kurze Zeit später befanden sich Wanzke und Zoller in einer Kneipe am Tresen. Wanzke schlürfte einen Milchkaffee und nippte dazu an einem Cointreau. „Wann ist Dir das mit dem Stummel eingefallen?“

    Zoller sah von seinem Bier hoch und antwortete: „Als mir Schneider erzählte, er habe in der Klinik jede Menge Zigarrenstummel gefunden. Unser Zeuge Vanzow konnte ihn nicht eindeutig erkennen und der Aschenrest im Aschenbecher besagte gar nichts. Entweder – oder.“

    „Jetzt stehen wir noch vor dem ersten Mord, den am Mandelstein. Wie willst du vorgehen?“

    „Die Hauptfrage ist, wer hat ihm die Mozartkugeln vergiftet?“

    „Die Wirtin Isabel?“

    „Sie hat sie ihm gebracht, aber nicht vergiftet das wäre zu offensichtlich. Und sie hatte eigentlich kein Motiv.“

    „Die Putzfrau, Ursula heißt sie, glaube ich, hat nun wirklich gar kein Motiv. Und die Nachforschungen um diese Polin Olga hat auch nichts ergeben. Bleibt noch Benny und Hauser -“

    „Und Mommsen. Und Woronzeff.“ Zoller nippte an seinem Bier und sah durch die Schaufensterscheibe nach draußen.

    „Morgen! Morgen zeigt es sich.“

    Kapitel 23

    Schon von weitem drang ein Summen ans Ohr, tief und geheimnisvoll, wie eine ferne Ankündigung von etwas Ungeheurem. Es war ein Wispern und Wabern wie bei der Annäherung an einen fernen Ozean, dessen Duft man schon wahrnimmt, das entfernte Rauschen und Rollen wie von einem Vulkan vor dem Ausbruch, eine zitternde Spannung in der Luft wie vor einem Zyklon, mehr Ahnung, wie die Tiere sie spüren, mehr eine dunstige Wahrnehmung, ein Knistern und Flüstern von Ungeahntem, das sich leise mehr und mehr näherte. Keiner der Gäste im Straßencafe unterbrach sein Gespräch, der Zeitungslesende fuhr fort zu Lesen, nur der eine oder andere Hund spitzte ein Ohr, fuhr aber gleich fort, in den Ecken zu schnüffeln. Auch die Wellensittiche auf dem Balkon hatten für kurze Zeit ihr Geschnatter unterbrochen. Langsam und unmerklich wie eine Wolke näherte sich das Summen, bald konnte man dumpfe Rhythmen unterscheiden und die Hunde wurden nervöser und zogen an den Leinen, die Sittiche blieben still und der Lesende blickte auf, als ob man ihn angesprochen hätte, wandte dann seine Aufmerksamkeit wieder den schwarzen Zeilen zu. Uniformierte Polizisten unterbrachen ihre Unterhaltung, die Funksprüche mehrten sich und sie schauten in die Richtung, aus der das jetzt zunehmendere Grummeln kam, spannten noch ohne Hektik rotweiße Plastikbänder an metallene Ständer und beobachteten den sehr verhaltenen Verkehr deutlicher und nahmen eine Obachthaltung ein, die den Passanten verdeutlichte, dass die Obrigkeit im Begriffe stand, ihre hoheitlichen Aufgaben wahrzunehmen zu wollen. Als der Zeitungsleser seine Zeitung zusammenklappte, aufstand und sich der Straße näherte, liefen ihm schon einige Jugendliche über den Weg, die juchzend geöffnete Bierdosen schwenkten und sich dem näherkommenden Geräusch entgegenschwangen. Die Passanten, die sich eben noch mitten auf der Straße tummelten, bildeten schwätzend und lachend unter der Aufsicht der Polizei eine breite Gasse und ließen die Straße frei. Tausende von Blicken richteten sich in die Ferne und sogen erwartungsvoll an ihr, als ob damit das Annähern des Zuges beschleunigt werden könnte. Man versuchte zu erkennen, was noch im matten Dunst lag und so vielversprechend rumorte. Die Straßen füllten sich mehr und mehr mit buntem Volk. Manch einer versprach sich von der anderen Straßenseite einen besseren Blick und wechselte dorthin, andere liefen herüber, weil es auf dieser Seite eine Currybude gab oder weil ihnen der Brennstoff ausgegangen war. Viele trugen Strohhüte und Baseballmützen gegen die Sonne, aber alle ein Frühlingslächeln in den warmen Tag hinein. Je näher die nun unterscheidbaren Rhythmen kamen, desto enger wurde das Gedränge am Straßenrand, jeder versuchte ein Plätzchen zu ergattern und dies zu verteidigen. Dann kamen die ersten, ungeschmückten Begleitwagen des Umzuges und wurden mit lauten Hallo, Klatschen und Rufen begrüßt.

    Zoller und Wanzke hatten es gerade noch geschafft, vor der totalen Sperre durchzukommen und berieten sich, des nahenden Lärmes wegen im Auto.

    Wanzke berichtete von der Observierung Bennys, die ergeben hatte, dass er sich ein Taxi gegriffen hatte, mit dem er folgende Wege gefahren sei: Zuerst in den Lustgarten, vor dem Berliner Dom, dort offenbar mit jemandem verabredet, der nicht gekommen war, dann zur Pension, wo er einige Minuten verschwunden wäre. Von dort sei er in eine Kneipe gefahren, aus der er mit einer Sporttasche wieder erschien. Diese hatte er zu einem Bekannten gebracht und sei ohne diese schließlich in die Pension zurückgekehrt.

    Die Befragung des Wirtes der Kneipe hatte ergeben, dass Benny seit längerer Zeit durch diese Kneipe hindurch in den Hinterhof gegangen sei, wo er einen Keller aufsuchte. Recherchen hatten ergeben, der Keller sei vor langer Zeit von einer Isabel Hartmann als Unterstellplatz angemietet worden und stehe ihr immer noch zur Verfügung.

    Die Sporttasche hatte man sichergestellt. Der Inhalt: Heroin, Medikamente und eine erkleckliche Menge Geldes. Der Bekannte, zu dem Benny die Tasche gebrachte hatte,  wusste natürlich von nichts, dafür wartete er in Untersuchungshaft.

    Zoller und Wanzke gingen unter dem Schild ZYANKALI vorbei und verschwanden im Eingang zur Pension. Von oben drangen ihnen schwere Samba-Rhythmen entgegen, als ob die Pension ein zweites Zentrum für den Karneval wäre. Vor der Rezeption bewegte sich Isabel Hartmann zu den südamerikanischen Klängen wie eine Tänzerin.

    „Ah, der angekündigte hohe Besuch! Will der Herr Graf ein Tänzchen wagen?“ Mit diesem Mozart-Zitat nahm Sie Zollers Arm und zog ihn zu sich. Noch vor wenigen Tagen wäre ihm diese Annäherung angenehm gewesen, ja er hätte sie sich gewünscht. Heute stand es anders. Er machte sich vorsichtig frei und sagte ruhig und bestimmt: „Können wir den Karneval auf später verschieben?“

    „So ernst an diesem herrlichen Tag?“

    „Für wen er herrlich wird, wird sich noch zeigen. Wir müssen zunächst dringend in Ruhe mit Ihnen sprechen!“

    Isabel ging zum Rekorder und schaltete ihn ab. „Bitte!“ sagte sie und bat die beiden Polizisten in das Frühstückszimmer, auf dessen Boden Konfetti verstreut lag.

    „Meine Gäste sind begeistert“, sagte sie wie entschuldigend und bot den beiden Beamten Sitzplätze an.

    „Frau Hartmann, zunächst die Frage, wo befindet sich Benny?“

    „Noch auf seinem Zimmer. Benny und Herr Hauser. Beide sind noch auf ihrem Zimmer. Alle anderen sind auf der Party draußen.“

    „Sie hatten uns verschwiegen, dass Benny schon sehr oft bei Ihnen Gast war.“

    „Ich hielt das nicht für relevant.“

    Zoller blickte zu Wanzke, der sich räusperte und sagte: „Wir halten es für sehr relevant, dass Sie den beiden, ich meine Mandelstein und Benny, über Monate ihren Keller zur Verfügung stellten, damit sie dort ihre ‚Ware’ aufbewahren konnten.“

    Isabel schwieg, errötete und schaute zu Boden.

    „Sie haben sich der Hehlerei schuldig gemacht.“

    „Aber ich wusste doch nicht, was die beiden dort lagerten!“

    „Sie haben Geld dafür bekommen?“

    Nach einer Pause schaute sie auf und sagte: „Ja. Aber Sie wissen ja nicht, wie wenig eine Pension in dieser Gegend abwirft und ich wollte es meinen Gästen eben schön machen.“

    Zoller sagte kühl: „Was Sie tun ist, die Sache schön zu reden. Wie viel haben sie bekommen?“

    „Fünfhundert.“

    „Im Monat?“

    Sie nickte.

    „Gut, das interessiert höchstens den Fiskus.“

    „Ich habe ihm auch gestern sofort gekündigt und gesagt, ich mache das alles nicht mehr mit! Er hat mir abends die Schlüssel zurückgegeben.“

    Hauser erschien in der Tür und klopfte an den Türrahmen.

    „Entschuldigen Sie, störe ich?“

    Wanzke stand auf. „Nein, aber die Befragung ist erst in einer halben Stunde.“

    „Ich weiß, doch dürfte ich den Herrn Hauptkommissar Zoller für einige Minuten sprechen? Alleine. Es ist durchaus wichtig.“

    Zoller stand auf und verschwand mit Hauser in dessen Zimmer.

    Wanzke bat Isabel, Zoller auszurichten, er warte unten vor dem Haus.

    Dort wollte Wanzke  den Trubel des Karnevals der Kulturen aus interessierter Distanz beobachten. In der Toreinfahrt begegnete er

    Ursula Maschke, der Haushälterin der Pension, in beiden Händen pralle Tüten und unter dem Arm ein in weißes Papier geschlagenes Paket.

    „Junger Mann!“, rief sie ihm zu „Sind se mal so nett, könnten se mal die Türe zum Hof aufhalten?“ Wanzke tat, worum sie ihn bat, und da er grundsätzlich ein hilfsbereiter Typ war, fragte er sie, ob er ihr etwas abnehmen könnte. Sie waren sich vorher nie begegnet, doch ein Beobachter hätte sie für ein eingespieltes Ehepaar halten können, wie er sich anschickte, ihr das Paket unter dem Arm abzunehmen und ihr die Türe aufhielt. Beide wohlgenährt und gut im Saft. „Det is aber grenzenlos charmant wie se det machen!“, sagte sie glucksend.

    „Ick muss nur schnell die Sachen in die Kammer legen, bin schon spät dran, wissense, so ne Pension macht schon Arbeit.“ Bei Wanzke fiel der Groschen, der ihm sagte, es müsse sich bei der lustigen Person sicherlich um Ursula, die gute Seele der Pension, handeln.

    Während sie eine Türe im Hof aufschloss, in die Kammer ging und die Tüten abstellte, berichtete sie: „So ne Pension läuft nich alleene, hab den janzen Vormittag jebügelt, aber die Taxe konnte nicht vorfahren wegen des Karnevals. Aber was halten Sie die ganze Zeit das Paket mit der Wäsche in die Luft, legen Sie sie hier ab!“

    Sie wandte sich wie mit einem Geheimnis an Wanzke. „Heute will der Kommissar die Sache mit dem Mord aufklären. Haben Sie auch gehört, was? So’n feiner Dokter, hinjerafft von giftigem Konfekt. Laufe seit Tagen echauffiert herum und denke nach und ventiliere, wer es gewesen sein könnte. Ick hab ja so einen Verdacht auseruiert. Det muss mit dem Russen zu tun haben, der ist auch öfter im Zyankali verkehrt. Na, bald wissen wir mehr und ick kann mir endlich abechauffieren.“

    Kapitel 24

    Zoller saß auf der Fensterbank mit dem Rücken zum geschlossenen Fenster des Frühstücksraumes und schaute in die Runde vor ihm. Von draußen drang das dumpfe Pochen von Pauken- und Trommelschlägen herein, fast wie zu einer Hinrichtung, wäre es nicht von ferne durch brasilianische Klänge überlagert.

    In einem der beiden roten Fauteuils saß Isabel Hartmann, in ihrem exzentrischen, farbklecksigen Kostüm und rauchte eine Zigarette nach der anderen aus einer langen Spitze. Ab und zu klopfte sie diese auf einem kristallnen Aschenbecher ab. Ihr Haar hatte sie locker zu einem dunklen Knoten zusammengewurschtelt, aus dem lange, farbige Federn in die Luft ragten und bei jeder kleinsten Kopfbewegung durch die Luft peitschten. Sie sah aus wie eine Sambakönigin. Der Sessel ihr gegenüber war frei geblieben. Neben ihr auf der roten Couch saß Olga Wolaniska und zupfte an ihrem eng sitzenden, schwarzen Kostüm. Benny saß abseits an einem Tisch und nippte an einer Cola. Er schien wie in Gedanken, die zusammen mit seinen Blicken von Tupfen zu Tupfen der Konfettispur am Boden folgten.

    Im Türrahmen gelehnt stand Hauser in grauem Anzug und schaute gelangweilt von der Rezeption zu Zoller und zum Eingang hin, wo Schneider den fehlenden Gast erwartete. Aus der Küche vernahm man Geschirrklappern. Wanzke hatte sich an einem Tisch in der Nähe von Zoller niedergelassen und hütete ein Aktenbündel, in das er immer wieder Einblick nahm, wie um sich zu vergewissern, dass das, was dort geschrieben war, nicht abhanden kommen konnte.

    „Worauf warten wir?“ fragte Isabel, sich eine neue Zigarette anzündend. Alle schauten auf Zoller.

    „Wir warten auf Herrn Doktor Mommsen.“

    „Was hat Mommsen denn mit dem Tod von Mandelstein zu tun?“ Isabel blies gekonnt den Rauch in den Raum.

    „Diese Zusammenhänge wollen wir hier gerade klären.“

    Zollers Handy ging. Er hörte kurz hinein und sagte: „Doktor Mommsen hat sich im Karneval der Kulturen verfangen, kommt aber jeden Moment.“

    „Eigentlich wollte ich den Umzug sehen und mittanzen! Und nun sitze ich hier nutzlos herum!“, beschwerte sich Isabel.

    „Ganz nutzlos sind Sie hier sicher nicht und der Umzug dauert doch noch Stunden“ beruhigte sie Zoller.

    Zollers Handy tanzte schon wieder, diesmal zum Forellenquintett. Er hörte einen Augenblick hinein, sagte „Ah, sehr gut“ und schließlich „Du weißt ja, wo es ist. Aber denke an den Karneval, die Straßen sind zu!“

    Geräusche an der Eingangstür zogen die Aufmerksamkeit aller in diese Richtung. In der Tür erschien Doktor Mommsen in silbergrauem Sommeranzug noch schwer atmend vom Treppensteigen, grüßte allgemein in den Raum, blieb in der Türe stehen und sah sich um.

    Zoller wies auf einen freien Sessel. Mommsen setzte sich und zog die Falten seiner Hose glatt.

    „Frau Maschke, würden Sie bitte auch zu uns kommen?“ Aus der Küche kam Ursula, verschwitzt, ein Handtuch in Händen knäulend und setzte sich auf den zunächst stehenden Stuhl. Zoller stand auf und sprach: „Ich nehme an, dass die meisten der Anwesenden sich bereits kennen. Wie Sie alle wissen, sind wir hier, um den Mord an Herrn Mandelstein zu klären.“ Er machte eine Pause, verschränkte die Hände hinter seinem Rücken und ging, während er sprach, ein paar Schritte auf und ab.

    „Herr Mandelstein starb an einer Mozartkugel, die mit Digitoxin vergiftet war. Digitoxin ist ein handelsübliches Herzmittel. Eine Überdosis ist tödlich. Aber eine Tötungsart, die nicht aus einem Affekt geschieht, sondern geplant sein musste. Wer hatte Motive, ihn umzubringen? Wer profitiert von seinem Tod, oder wie es so schön in der Sprache der Mediziner und Anwälte heißt: cui bono?“ Er machte eine Pause.

    „Fangen wir bei Mandelsteins nächsten Umgebung an. Die liegt in München und so machten wir uns Gedanken, wer aus München denn ein Motiv haben könnte, den allgemein recht unbeliebten Herrn Mandelstein um die Ecke zu bringen.“

    „Benny!“ Zoller wandte sich ihm zu. Benny schreckte leicht auf, als er seinen Namen hörte. „Ich darf Sie doch weiterhin so nennen?“ Der Angesprochene nickte.

    „Sie sind – sie waren der engste Vertraute und ein Bindeglied zwischen München und Berlin. Sie wussten, dass Ihr Freund unheilbar an Krebs erkrankt war. Sie waren sein, wie sagt man heute, sein Lebensabschnittsgefährte? Ihr Geliebter und Sie waren dabei, sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Mit viel Geld. Ihr Freund war Geschäftsmann, wenn man auch die Art der Geschäfte verurteilen mag und muss. Aber als klar denkender Geschäftsmann dachte er auch an seinen Tod und die Geschäfte danach. Er dachte an Sie. Und deswegen verfasste er ein Testament bei Doktor Mommsen. Doch plötzlich fühlte er sich veranlasst, sein Testament dahingehend zu verändern, indem er die Geschäftsanteile nicht mehr Ihnen alleine übertragen wollte, sondern einen Geschäftsführer als Treuhänder dazwischen schalten wollte. Herr Hauser hatte ihren Streit mitbekommen, währenddessen Sie sich ereiferten, er würde sie ‚enterben’. Und Sie hatten gedroht, sich das nicht gefallen zu lassen. Sie hatten das eigentliche Motiv. Doch Sie reisten ab, waren zur Tatzeit nicht mehr in Berlin!“

    Zoller schaute sich im Raume um.

    „Jeder hat in irgend einer Form mitgewirkt, dass es zum Tode von Herrn Mandelstein kam. Sie Isabel, haben die tödlichen Mozartkugeln überreicht. Sie, Olga, haben sie besorgt und verwahrt, doch auch Ursula hatte sie in der Hand und hätte sie mit dem Gift versetzen können.“

    Zoller setzte sich wieder auf die Fensterbank. „Aber die Motive? Was sollte Frau Hartmann für ein Motiv haben? Olga Wolaniska? Oder die gute Seele des Hauses, die Zugehfrau Ursula Maschke? Kannten Sie den Toten von früher? Hatte sich hier und jetzt eine Motivlage aufbauen lassen, die eine von ihnen zum Mord anregen konnte? So viel wir auch ermittelten, wir fanden bisher keinen Zusammenhang. Eine Sekunde bitte!“

    Katharina erschien in der Rezeption. Zoller ging schnell zu ihr hin und sie wechselten einige Worte. Sie zeigte ihm eine Mail, die er kurz überflog, dann ging er wieder in den Raum hinein.

    „Allerdings Sie, Herr Mommsen, hatten ein ausreichendes Motiv. Sie kannten Herrn Mandelstein, noch bevor er diesen Namen angenommen hatte. Sie machten ihn verantwortlich für den Tod Ihrer Verlobten, als Herr Mandelstein damals unter dem Namen Mündel hier in Berlin als Krankenpfleger in einer Privatklinik eines Doktor Heber tätig war. Dieser Doktor Heber hatte damals den Krankenpfleger Mündel gedeckt, als dieser Ihrer Verlobten Schmerzmittel spritzte, die er in seiner Stellung nicht verabreichen durfte und sich prompt in der Dosis vergriff. Sie konnten damals gegen die gefälschten Aussagen nichts ausrichten. Aber jetzt! Als er jetzt nach elf Jahren wieder in Berlin auftauchte, und Ihnen von Frau Hartmann als neuer Klient empfohlen wurde, stellten Sie fest, es handelte sich um den damaligen Mörder Ihrer Verlobten. In Ihrem Hause gab es Mozartkugeln, wie ich selbst mitbekam. Was liegt näher, als aus Rache diesen Mann zu beseitigen? Sie waren am Mordtag bei ihm, hätten ohne weiteres die Möglichkeit gehabt, vergiftete Mozartkugel zu hinterlassen, die ihre Frau noch mittags gekauft hatte und die nur noch von Ihnen präpariert werden mussten. War Ihr Hass noch so groß nach elf Jahren? – Oder war es doch Benny?“

    Der angesprochene zuckte zusammen. „Nein!“ rief er entsetzt, schaute von Zoller zu Hauser und sagte: „Was ist mit Hauser? Der ist überhaupt noch nicht erwähnt! Und der Russe? Woronzeff? Der ist nicht einmal hier! Der kann es genauso gut gewesen sein!“

    „Gut, nehmen wir Herrn Hauser unter die Lupe. Zu Woronzeff werden wir noch kommen. Auch Hauser hatte zeitweise in München gelebt, konnte durchaus den Toten von dort gekannt haben. Überhaupt! Welchen Geschäften ging der Tote nach? Benny? Wissen Sie das? Wissen Sie, was hier gespielt, was hier aufgezogen werden sollte?“

    Benny schwieg.

    „Vielleicht wissen Sie es wirklich nicht. Vielleicht nicht die ganze Wahrheit. Ihr guter Freund, Ihr ‚Doktor’, wie er sich nennen ließ, wollte sich in einen Kinderhandel einkaufen. Kinder aus dem Osten, verscherbelt in den Westen an reiche, kinderlose Familien oder an Päderasten oder an Organkliniken. Und hier haben wir auch die Verbindung zu Herrn Hauser. Nachweislich ist Hauser des öfteren in genau die Länder gereist, aus denen die Babys stammten, die verschachert werden sollten. Vielleicht sah Hauser in der Person von Mandelstein Konkurrenz und brachte ihn deswegen um? Mord in diesen Kreisen ist aus solchen Gründen durchaus üblich. Herr Hauser! Kommen Sie, sprechen Sie!“

    Alles schaute auf Hauser, der sich gerade machte und nach tiefem Durchatmen begann: „Alle hier kennen mich als den Dauergast, den Schöngeist, der sich hier das Leben gut sein lässt. In Wirklichkeit bin ich ein Undercoveragent vom BKA und genau auf das angesetzt, was Hauptkommissar Zoller eben erwähnt hat. Menschenhandel, speziell Kinderhandel. Und unser Mandelstein war gerade dabei, sich in diese Kreise einzunisten, sich mit viel Geld einzukaufen, um noch mehr Geld aus dem Handel herauszuschlagen. Ich möchte Toten nichts Schlechtes nachsagen, doch hat er in seinem Leben viel Leid gebracht. Von einem Leid hat Kommissar Zoller berichtet.“ Er wandte sich an Mommsen. „Doktor Mommsen, wartet Ihre Frau im Auto? Ja? Dann darf ich bitten, dass man sie holt!“ Zoller machte ein Zeichen zu Schneider, der sofort verschwand.

    Hauser sagte weiter: „Wir beobachteten seit genau zwei Jahren einen Russen, Boris Woronzeff. Herrn Mandelstein hatte noch in München Kontakt zu ihm aufgenommen, wir wurden hellhörig und haben alle Hintergründe dieses ‚neuen Mitglieds’ beleuchtet. Sein kriminelles Potential hatte sich bereits in Kleinigkeiten gezeigt, er hatte betrogen und intrigiert. Er hatte alte Damen um viel Geld gebracht, Freunde verraten, mit Medikamenten und Drogen gehandelt. Eine besondere Facette seiner Intrigen war die totale Zerstörung eines physiotherapeutischen Dienstes in München mitsamt allen zwanzig Angestellten, der Inhaberin und deren Ehemann. Mit Lügen, Fälschungen und Betrug und seiner Verbindung zu einem ihm hörigen homosexuellen Polizisten gelang es ihm, ein florierendes Unternehmen dicht zu machen, auszulöschen. Er hatte Unterlagen gefälscht und als Beweismittel derart eingesetzt, dass bei den Behörden kein Zweifel entstand und sie den Dienst von heute auf morgen schlossen. Die Kassen hatten sofort die Zahlungen für bereits geleistete Dienste eingestellt, so dass keine Gehälter mehr gezahlt werden konnten. Der Ehemann der Leiterin beging aus Finanznöten Selbstmord. So bereitete Herr Mandelstein die Gründung seines eigenen Dienstes vor.“ Hauser machte eine Pause. Wie auf Verabredung erschien in Begleitung von Kommissar Schneider Frau Mommsen. Ihr Mann kam ihr entgegen und setzte sie in seinen Sessel, selbst setzte er sich auf die Couch neben Olga.

    Hauser fuhr fort: „Dies ist die Frau aus München, deren damaliges Leben durch Herrn Mandelstein zerstört wurde.“

    Benny, der bei dem Bericht Hausers die Hände vors Gesicht geschlagen hatte, erkannte sie erst jetzt. „Nein!“ schrie er hysterisch, „das darf nicht wahr sein! Frau Zander!“

    „Dürfte ich jetzt fortfahren? Danke! – Frau Mommsen, ehemals Zander, hatte somit auch ein überaus starkes Motiv, sich an Mandelstein zu rächen. Sie hatte Gelegenheit, war an dem Tage hier in der Pension als Freundin von Frau Hartmann und hatte an diesem Tage vorher auch im Café Lebensart Mozartkugeln gekauft.“

    Alle schauten auf Frau Mommsen. Die sagte gefasst: „Ich weiß, weshalb ich den Verdacht auf mich ziehe, doch versichere ich ihnen, ich habe nichts mit der Angelegenheit zu tun, so befriedigend es auch für mich sein mag, den Tod eines mir abgrundtief verhassten Menschen feststellen zu können.“

    Es war mucksmäuschenstill geworden.

    In diese Stille platzte das Handy von Hauser, der es kurz an sein Ohr nahm, zuhörte und das Telefonat mit „Gut!“ beendete. Er wechselte wenige leise Worte mit Zoller, der in die Mitte des Raumes ging und zur Runde sagte.

    „Wir haben soeben erfahren, dass der letzte in der Motivreihe übrigen Tatverdächtigen umgekommen ist. Herr Woronzeff, den hier einige auch als Boris kennen mögen, wurde von einem Fahrzeug auf der Autobahn abgedrängt und starb am Unfallort. Der gegnerische Fahrer ist ebenfalls durch den Unfall ums Leben gekommen. Die Anzeichen sprechen eindeutig die Sprache des Mafia-Mordes. Aber bleiben wir bei dem Mord an dem nicht von vielen geliebten Herrn Mandelstein: Um ihn letztlich aufzuklären, ist es notwendig, die Reihe der Hände und der dazugehörigen Personen durchzugehen, die mit den Mozartkugeln zu tun hatten.

    Damit wir uns nicht alle vor der Rezeption drängeln müssen, nehmen wir den Tisch hier stellvertretend als Rezeptionstheke. Es ist Montag Nachmittag gegen vier Uhr. Oberkommissar Wanzke, wollen Sie bitte das Protokoll verlesen.“

    Wanzke las: „Übereinstimmend sagten Olga, Ursula und Hauser aus, dass der laute Streit zwischen Mandelstein und Benny kurz nach vier begann und gegen halb fünf endete. Benny packte und verließ das Haus.“

    Zoller sprach Benny an: „Sie sind also fortgegangen. Zum Bahnhof, nehme ich an?“

    Benny nickte.

    Wanzke fuhr fort: „Kurz nach halb fünf kam Doktor Mommsen in die Pension und ging zu Mandelstein.“

    Zoller schaute Mommsen an. Der sagte: „Ja, das kann hinkommen. Wir sprachen über die Veränderungen im Testament so bis gegen fünf Uhr.“

    „Und sie fuhren in ihr Büro?“ Mommsen nickte.

    Wanzke las vor: „Ihre Sekretärin bestätigte Ihr Eintreffen zwanzig Minuten später. Direkt nach Verlassen des Anwalts bestellte Mandelstein Mozartkugeln.“

    Olga meldete sich zu Wort: „Ja, ich ging kurz nach fünf, sie holen bei Café Lebensart in Yorckstrasse.“

    „Sind Sie sofort mit dem Konfekt in die Pension gegangen?“ fragte Zoller.

    „Nein, habe noch Buch gekauft und war zurick etwa halb sechs.“

    Zoller wandte sich an Ursula: „Ursula, Wann fanden Sie die Mozartkugeln auf der Rezeption?“

    Ursula rollte die Augen: „Det muss viertel sechs jewesen sind.“

    „Das heißt also viertel nach fünf. Wieso sind Sie sich so sicher?“

    „Weil Herr Hauser an die Rezeption kam und er noch fragte, wann der Bus gehen täte. Und ick hab die Schachtel dann vom Tresen nach unten jelegt. Es war ja auch ein Zettelchen drauf, für Mandelstein.“

    „Also, wir halten fest, es lag schon eine Schachtel dort, bevor Olga von ihrem Einkauf zurückkam. Ursula legte sie von oben nach unten.“ Zoller nahm ein nahestehendes Buch und legte es unter den Tisch.

    „Was machten Sie dann, Ursula?“

    „Ick ging in die Waschküche, Handtücher holen.“

    „Ab jetzt ist niemand an der Rezeption. Bis Olga kam. Was taten Sie?“

    „Habe eine Schachtel gelegt auf Tresen, andere Schachteln in Küche gebracht.“

    Zoller nahm ein weiteres Buch und legte es auf den Tisch. „Man beachte! Jetzt haben wir plötzlich zwei Schachteln an der Rezeption. Was geschah als nächstes?“

    Olga sagte: „Ich ging anderen Flur, Gast hatte geklingelt.“

    „Wieder ist die Rezeption verlassen. Was geschah dann?“

    Wanzke las vor: „Gegen halb sechs trafen sich Olga vom anderen Flur, Ursula aus der Waschküche und Frau Hartmann von der Straße kommend auf der Treppe vor dem Pensionseingang. Frau Hartmann schickte die beiden Frauen nach Hause. Ursula sagte, da läge eine Schachtel Mozartkugeln am Tresen für Mandelstein.“

    Zoller wandte sich an Isabel Hartmann: „Wieviel Schachteln fanden Sie an der Rezeption?“

    „Eine, halb versteckt unter dem Tresen, es klebte ein Zettel darauf: Mandelstein. Die brachte ich ihm.“

    Zoller stand am Tisch und nahm das oben liegende Buch in die Hand. „Diese Schachtel stammt von Olga, die sie frisch kaufte. Diese hier unten gelangte zu Mandelstein, der sie aufriss und davon aß und starb. Dies ist die tödliche Schachtel, die nicht von Olga gekauft wurde. Dafür fehlt am Schluss diese von Olga gekaufte, harmlose Schachtel. Es sieht so aus, als ob zunächst jemand eine Schachtel hingelegt und sie später wieder fortgenommen hätte. Dieser Jemand wollte Mandelstein vergiften. Anfangs! Dann bekam dieser Jemand Skrupel und hat sie wieder weggenommen. Nur waren es die harmlosen Mozartkugeln, die er wegnahm und nicht die vergifteten!“

    Zoller blickte in die Runde, allgemeine Ratlosigkeit schaute zurück.

    „Zwischen viertel nach fünf und halb sechs geschah der mysteriöse Austausch. Herr Mommsen war unterwegs in sein Büro. Frau Mommsen war zu Hause. Woronzeff war nicht in Berlin. Benny war auch schon im Zug. Oder?“

    Zoller blickte auf Benny. Die Blicke aller folgten dem seinen. Benny hatte die ganze Zeit aufmerksam die Scharade verfolgt und in der Erkenntnis, dass er die Tat gegen seinen Willen doch verübt hatte, sprang er auf, dass sein Stuhl umkippte, rannte an Katharina und dem verdutzten Schneider vorüber aus dem Raum die Treppen hinunter. Schneider nahm sofort die Verfolgung auf.

    Zoller sagte zur Runde: „Tragisch für den jungen Mann. Erst wollte er den Tod seines Freundes, dann doch nicht mehr. Aber das Schicksal hat es ihm aus der Hand genommen!“

    Es entstand ein allgemeines Raunen, einige standen auf und in das Durcheinander rief schnaufend der zurückgekommene Schneider: „Er ist im Trubel des Karneval verschwunden!“

    Zoller wandte sich ruhig an Wanzke und Schneider: „Ich ahne, wo er hin will: Seine Sporttasche mit dem Geld abholen!“ Wanzke telefonierte.

    Isabel kam auf Zoller zu und fragte: „Kann ich jetzt zum Karneval, oder verhaften Sie mich?“

    „Gehen Sie nur. Bitte!“ Zoller wusste nicht, wie ernst es ihm damit war.

    Neben Zoller tauchte Katharina auf und fragte: „Wollen wir das nicht begießen? Oder musst du ins Büro, Protokolle schreiben?“

    „Täte mir gut, ein Schluck mit dir.“

    Da hörten sie Hausers Stimme: „Halt, Herr Mommsen, Sie noch nicht!“

    Zoller und Katharina drehten sich zu Hauser um, der zu Frau Mommsen sprach, während zwei zivile Polizisten des BKA ihren Mann aufhielten: „Es tut mir außerordentlich leid, gnädige Frau, aber ich muss Ihren Mann verhaften. Er steht unter dem Verdacht, als Anwalt für das Syndikat zu arbeiten, welches scheußliche Dinge treibt. Wir haben gerade die Meldung erhalten, dass die Beweise erdrückend sind.“ Und halb zu Zoller gerichtet: „Im Computer von Heber wurden mehr Informationen herausgeholt, als wir hoffen konnten. Und den Tod von Woronzeff hat auch der noble Anwalt zu vertreten. Wir meinen wenigstens, genug in der Hand zu haben. Machen Sie sich noch einen schönen Sonntag Abend!“

    Auf der Treppe nach unten lächelte Katharina Zoller spitzbübisch an: „Mein lieber Herr Hauptkommissar. Ich habe die Wette gewonnen!“

    „Welche Wette?“

    „Giftmord durch einen Mann!“

    „Teufel, ja! Obwohl die Geschlechterrolle bei Homosexuellen aufgeteilt sein soll. Benny war bestimmt die Frau.“

    „Das ist unfair! Du willst nur aus der Nummer raus. Unser Benny ist schließlich männlich!“

    Zoller tat nicht einmal so, als ob er hierauf etwas zu antworten wusste und nahm es gerne hin, als Katharina ihn unterhakte. Ihm ging ein Bericht durch den Kopf, den er über den Freund von Katharina, den kommunikativen Franky, hatte erstellen lassen. Sollte er ihr mitteilen, dass Franky nur ein Aufschneider war, der niemals mit dem BKA, geschweige denn mit dem BND oder einer anderen staatlichen Institution zu tun hatte?

    Für den Moment entschied er sich, ihr diese grelle Wahrheit vorzuenthalten. Sie war gerade so gut gelaunt.

    Als sie beide das Haus verließen, hörten sie vor sich die Samba-Musik und sahen eine wogende Menge tanzender Pärchen, selbst die Sonne schien Samba zu tanzen.

    Sie blickten sich um und sahen neben dem Eingang zur Pension Am Kreuzberg groß und hell das Schild leuchten: Zyankali.

    Hartwig Zoller fiel zum ersten Mal auf, dass Katharina blaue Augen hatte.

    -Ende-
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