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  • egot24 13:45 am 14. November 2012 Permalink | Antworten
    Tags: Antholz, Biathlon, Brauhaus Kneitinger, , Regensburg,   

    Antholz, Axel und der Müll – eine exotische Reise in den Wintersport 

    Es war wohl im Jahre 1990, ganz sicher aber im Winter, als ich eine Postkarte von Axel erhielt. Axel, ein sehr eigener Mensch, der es sogar fertigbrachte, mit frisch gekauften Turnschuhen einen Marathon zu versuchen, der mit einer Fackel nachts um dir Krumme Lanke in Berlin lief, dieser Axel hatte mir in seiner nicht sehr alltäglichen Art eine Postkarte gesandt mit dem Hinweis auf den demnächst stattfindenden Biathlon in Antholz (landessprachlich Anterselva, Norditalien) und seinen Wunsch geäußert, dort doch einmal in seinem Leben dabei sein zu können.
    Es gelang mir, aus Frankfurt am Main ihn in Regensburg telefonisch zu erreichen und wir machten aus, dass wir gemeinsam nach Antholz fahren wollten. Er solle sich dann und dann bereithalten, gepackt haben, denn ich wollte ihn für drei Tage Antholz einladen. (Er war derzeit joblos – also auch zeitlos abkömmlich).
    Ich hatte in der Pension Gruber in Antholz-Niedertal zwei Einzelzimmer bestellt, meinen Mercedes gesattelt und brauste früh nach Regensburg. Abends wollten wir in Antholz sein. Zum ersten Male sah ich seine Einzimmerwohnung in einem Hochhauskomplex. Karg eingerichtet. Er  meinte, er müsse noch etwas erledigen, er wäre erst abends fertig und wir könnten ja die Nacht noch bei ihm übernachten und am nächsten  Morgen fahren. Meine Erwähnung, ich hätte bereits das Hotel bestellt, überging er mit seinem Lächeln. Ich wartete im Kneitinger, dem berühmten Brauhaus mit riesigem, bayrischem Gasthof, bis er seine Erledigung vollbracht hatte. Wir tranken noch ein Bier, spielten eine Partie Schach und dann durfte ich auf einer Gästematratze schlafen.
    Am nächsten Morgen hatte er wieder eine Erledigung vor und ich frühstückte in einem Café.
    Als er dann endlich kam, luden wir seine Sachen ein. Etwas ungewöhnlich – wie alles bei unserem Freund – hatte er statt eines Koffers zwei blaue Müllsäcke bereit, in der seine Dinge verwahrt waren. Die verstauten wir im Kofferraum. Etwas wunderte mich, dass er zu einem dünnen hellblauen Hemd, einem Jackett und einer Stoffhose lediglich normale Straßenschuhe anhatte – fuhren wir doch in ein Wintersportgebiet.
    Schnell waren wir in Antholz. Dort herrschte tiefer Winter, die Straßen waren zwar schneebefreit, doch es war mächtig kalt. Wir checkten spät nachmittags in der Pension ein, die ich vorher von unserer verspäteten Ankunft unterrichtet hatte. Wir bezogen unsere Zimmer, er mit seinen beiden Müllsäcken, ich mit einer Sporttasche, worin ich weitere kälteschützende Klamotten hatte. Wir speisten fürstlich, an Bier fehlte es nicht und auch die Schachpartien, die wir uns immer schon geliefert hatten, waren köstlich.
    Am nächsten Morgen wollten wir nun endlich die Pisten besuchen, die höher gelegen bis an die Grenze zu Österreich führten. Es gab einen Shuttlebus nach oben.
    Beim Frühstück sah ich Axel wie am Tage zuvor in Hemd, Jackett, Hose und Straßenschuhen. Willst du nochmal hochgehen, dich umziehen? Nein, ich bleibe so. Wie bitte?
    Es stellte sich heraus, dass er wirklich nichts mitgenommen hatte außer der Kleidung, die er trug. Und was ist in den Mülltüten? Ja, die habe ich gerade eben in den Müllcontainer vor der Pension geschmissen. Und was war da drin? Mein Müll aus Regensburg . . .
    Typisch Axel! Dazu sein Lächeln.
    Da ich noch Kleidung hatte, gab ich ihm Schuhe und eine Winterjacke. Eine weitere Hose hatte ich nicht dabei.
    Und so fuhren wir mit dem Shuttlebus zum Biathlon.
    Dort suchte sich Axel einen Stehplatz auf einem Plateau mit Sicht auf die Schießstände, unweit des Zieles. Ich wollte beweglich bleiben und mir Stellen suchen, an denen man mal dieses und jenes sehen kann. Während ich mal das Schießen beobachtete, mich dann durch den Schnee zum Zieleinlauf machte, wo Béla Réthy die Sportler interviewte, dann mal auf die Strecke ging, höher hinaus, wo ein Gasthaus an der Strecke stand und man essen und trinken konnte, stand Axel wie angewurzelt an seiner angestammten Stelle. Ich versuchte ihn zu bewegen, einmal davon herunter zu kommen, um ihn auf einen Glühwein und eine Bratwurst einzuladen, nein, er ließ sich nicht beirren. Er stand und fror und schaute.
    Nach Beendigung des Biathlon an diesem Tage stakste er offensichtlich verfroren neben mir her und als ich in den Bus talabwärts fahren wollte, sagte er, er würde das kleine Stück laufen. Gewiss angeregt durch die Leistungen der deutschen Damen im Biathlon wollte er sich nicht lumpen lassen und auch eine Leistung erbringen.
    Ich stieg auch eine Station vor der Pension aus und schaute mir die überwältigende Ansicht am Antholzer See an und spazierte mir die Füße warm. Nach einer Stunde kam Axel in der Pension an. Er ging duschen – ich nehme an, ziemlich heiß.
    Es war Nachmittag. Nach einer weiteren Stunde kam Axel herunter in die Wirtsstube. Nun tranken wir mal ein Bier gemeinsam. Wir ließen uns das Schachbrett geben und spielten hingebungsvoll einige Partien. Der Gastraum füllte sich und es begann nach Abendessen zu duften. Also nahmen auch wir unser Abendmahl ein. Axel hatte besonders großen Hunger. Dann noch ein paar Partien Schach, einige Biere und ins Bett.

    Der nächste Tag verlief wie der erste. Axel auf seinem Stellplatz, ich unterwegs. Der einzige Unterschied: Er fuhr diesmal auch mit dem Shuttlebus abwärts.

    Ergebnis: Axel hatte erfolgreich seinen Müll erstmals in Antholz versorgt.

    © Toge Schenck 2012

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  • egot24 13:26 am 14. November 2012 Permalink | Antworten
    Tags: , Kulturpalast Dresden   

    Harry Belafonte – eine kleine Erinnerung an einen großen schwarzen Amerikaner 

    Wir hatten im September 1992 ein tolles Erlebnis:
    Mich (meine Agentur) hatte die Werbeagentur der Telekom angerufen (welche damals von einer staatlichen Institution zur GmbH gewandelt wurde) mit der Frage, ob ich ihnen Harry Belafonte mit Band und noch andere Künstler für einen Gastauftritt in Dresden besorgen könnte, wohin sie ihre Top-Geschäftskunden einladen wollten. Er sollte singen (was sonst). 15 Minuten. Ich sagte ja, kann ich versuchen.
    Jetzt begann ein Marathon an Telefonaten. Schließlich sprach ich mit Steven Jones (Ohio), der nicht der Manager, aber sein technischer Leiter war. Wochenlange Verhandlungen, wer, was, wie, warum, wohin, etc. etc.
    Dann kam die Zusage von Belafonte. Grandios!
    $ 125 000 mit Band. Telekom sagte sofort zu.
    Dann kam die Nachforderung: $ 25 000, weil sie vorher nicht proben konnten. Der Kunde stimmte notgedrungen auch dem zu.
    Das war 1/2 Jahr vor der Veranstaltung.
    Immer wieder Telefonate mit Steven Jones wegen Einzelheiten, Flügen, Hotel etc. (Ein Anruf muss einem in Erinnerung bleiben, weil Steven sagte, das Bett des Keyboarders müsse verstärkt werden, da er sattes Übergewicht hätte). Kein Problem, sagte das Hotel.
    Das Problem (aber unseres) war: Das Geld für den Auftritt muss 4 Wochen im Voraus vor Auftritt in den USA eintreffen. Glücklicherweise zahlte uns der Kunde auch entsprechend im Voraus.
    Ankunft Technik: sechs Tage vor Ankunft von Harry und der Band. Steven Jones und ein Begleiter – heißt, mit einem Schwarzen im Ossiland:
    In jedem Lokal, das wir betraten, begann betretenes Schweigen. Wie sollte das werden, wenn dann 20 Schwarze in Dresden einfallen!? Wir unter uns verstanden uns prächtig, gingen gemeinsam aus und lächelten über die Reaktionen um uns herum.
    Drei Tage später: Eintreffen von Harry und Band.
    Einen Tag zuvor saß ich mit dem Leiter des Flughafens zusammen und wir besprachen, wie man die Ankunft dieses Superstars geeignet regeln kann. Ich wollte, dass wir Belafonte direkt vom Flugzeug abholen könnten, ohne Check-In, ohne Formalitäten. Es waren keine schwerwiegenden Verhandlungen, im Gegenteil, ganz locker, man wusste noch, wie es zu Zeiten Honeckers zuging. Der Chef, begeistert, einen Weltstar zu empfangen, sagte OK und regelte alles.
    Apropos regeln: Gegen 04:00 nachts klingelte mein Handy. Los Angeles war dran: Management von Harry Belafonte. Sie bestehen darauf, dass ich dafür sorge, dass Harry ab Ankunft Personenschutz bekäme. In Wismar seien zwei seiner Brüder zusammengeschlagen worden. (Brüder der Hautfarbe). Tief nachts, in einem Hotel in Dresden Wachschutz besorgen für den nächsten Morgen!
    (Und was ist mit der Band? – Es waren immerhin 20 teils farbige Personen! – Die sollen sich wohl selber schützen. Aber die Managements kümmern sich ausschließlich um den Star – der davon keine Ahnung hatte (!!) und, als er es erfuhr darüber smart lächelte).
    Am nächsten Tag standen wir am Flughafen bereit mit einem Mercedes 600 (mit Fahrer), einem Mercedes-Van für die Security, einem Bus für die Band und einem Wagen fürs Gepäck und die Instrumente. Vor uns standen zwei Fahrzeuge vom Flughafen mit blinkendem Rotlicht. Einer setzte sich vor uns, einer hinter uns. Dann ging’s aufs Rollfeld. Die Maschine war gelandet. Leute stiegen aus und gingen durch unsere Karawane hindurch zum Bus, der sie zum Schalter brachte.
    Dann kam Harry Belafonte mit seinen Leuten. Ich begrüßte ihn, und er und seine „Rechte Hand“ bestiegen den 600er. Meine Frau kümmerte sich um die Musiker und die Gepäckverladung. Als alles OK war, fuhren wir los: Der vordere Flughafenwagen mit Rotlicht, der Mercedes 600 mit Harry, der Van mit der Security, der Bus mit den Musikern, der Gepäckwagen und der hintere Flughafenwagen mit Rotlicht. Die Karawane schoss mit ungebremster Geschwindigkeit zum Hotel, nicht achtend der Ampeln – nach alter Gewohnheit der DDR bei prominenten Besuchern.
    Während der Fahrt erzählte ich Mr. Belafonte davon, dass weder die Beatles noch die Stones die musikalischen Lieblinge meiner Frau in ihrer Jugend waren, sondern er, Harry Belafonte, seine Musik und im Besonderen „Try to remember“. Das sollte noch Folgen haben!
    Im Hotel, nach atemberaubender Fahrt, standen alle (ich betone alle!) Bediensteten des Hotels in einer Reihe, um Harry Belafonte zu begrüßen.
    Mir zeigte man das extra befestigte Bett für den Keyboarder.
    Dann kam ein Tiefschlag. Harry sagte, er müsse heute noch nach München, um jemanden zu besuchen. Ich wusste, wen er besuchen wollte: Seinen Manager in Deutschland. Übermorgen Abend ist die Veranstaltung und Harry ist mal eben nach München geflogen. Meine Frau und ich hielten die Luft an. Was, wenn ihm irgendetwas passiert? Übermorgen steht der Kunde da und will die Performance.
    Wir wussten die Rückkunftszeit und waren am Flughafen. Der Flug kam verfrüht und war bereits gelandet, als wir auf dem Rollfeld ankamen. Mit dem 600er mit Fahrer. Der Flughafenbus war bereits voller Passagiere. Wir hielten direkt hinter dem Bus. Da winkte mir eine Hand aus dem Rückfenster des Busses zu. Nix wie hin. Es war nicht die Hand Harry Belafontes, sondern die eines ostdeutschen Promis (unter uns, es war Gunther Emmerlich), an dem ich glatt vorbei lief und vorne im Bus unseren Harry bescheiden sitzen sah.

    Am Abend – er hatte mit seinen Musikern gespeist – trafen wir uns noch und er wollte mehr über deutsche Armbanduhren in der Auslage des Hotels wissen – natürlich bei der Verkäuferin, die ihm ihre Telefonnummer gab und ihm anbot, sie auch nachts noch aus dem Bett zu klingeln.
    Tief in der Nacht ging bei mir das Telefon. Nicht die Verkäuferin, nein, Steven war dran, man wolle ihn nicht proben lassen!
    Raus aus dem Bett und hin in den hässlichen „Kulturpalast“ (den die Telekom schon Tage vorher für einen gewaltigen Umbau ausgekauft hatte). Dort war heilloses Missverständnis. Die aufgebrachten Techniker Belafontes glaubten, sie würden benachteiligt, weil sie schwarz wären, der deutsche Techniker sagte, er sei einfach zeitlich noch nicht so weit mit der technischen Einrichtung. Wogen langsam geglättet – alles OK.
    Der nächste Abend:
    Der Auftritt war ursprünglich für 15 Min. konzipiert, wurde dann auf „normale“ 45 Min. erweitert, fand aber den Zuspruch der Gäste derart, dass, obwohl sie auf ihr Abendessen warten mussten, sie lieber Harry Belafontes Musik und – ganz besonders – seiner zehnminütigen Ansprache lauschen wollten, allein seinen Auftritt auf 90 Minuten ausdehnten (plus lang anhaltendem, donnernden Applaus!).
    Es waren noch andere Künstler dort (u.a. Desirée Nosbusch, Viktor Laszlo etc.). Kurz, ein toller Abend, mit Musik, TV-Schaltungen der Telekom rund um die Welt zu Auslandsjournalisten in Moskau, Paris und Los Angeles (was bei der Probe überhaupt nicht geklappt hatte) und manchen Überraschungen. Die Telekom wollte sich eben darstellen.
    Der Heimweg zum Hotel gestaltete sich wegen der Wegkürze so, dass wir gemeinsam die Strecke zu Fuß gingen, doch gab es eine Besonderheit: Da ich Mr. Belafonte verraten hatte, welches der Lieblingssong meiner Frau war, schlich er sich auf dem Heimweg hinterrücks an sie heran und sang ihr diesen Song ins Ohr („Try to remember“ mit Wiederholung!). Unvergesslich!
    Dann traf man sich später gemeinsam im für uns reservierten Restaurant. Künstler, Sänger, Moderatoren, Musiker und eben wir. Neben den genannten Künstlern waren außerdem Nina Corti, die Gipsy Kings und das Fernsehballett im Saal. Wir saßen über den Raum verteilt.
    Als man gegessen hatte, klimperte einer der Musiker mit der Gabel (oder war es das Messer?) an seinen Teller. Sofort kam die Antwort von einem anderen Tisch. Dann klimperte an unserem Tisch Harry Belafonte Antwort. Viktor Laszlos Musiker stimmten ein und es begann eine Session durch den ganzen Saal hindurch. Die Bedienungen standen mit offenem Mund und wussten nicht, was das zu bedeuten hatte. Harry Belafonte begann zu singen, andere fielen ein, es war ein gemeinsames Konzert im Speisesaal, welches die Öffentlichkeit nicht hörte, niemals würde hören können.
    Die Stimmung war unbeschreiblich, unwiederholbar. So glücklich können nur Künstler unter sich sein.
    Harry war zugetragen worden, dass Viktor (übrigens eine Frau) heute Geburtstag hätte. Harry ging zu ihr an den Tisch und im nu waren sie verschwunden . . .

    Im Keller gab es eine Disco.
    Dort trafen wir die Band wieder, die tanzte, was das Zeug hielt, besonders einer und der äußerst gekonnt, so wie es nur Neger können: Der überschwere Keyboarder mit dem verstärkten Bett. Fasziniert schauten wir zu. Als Harry Belafonte dann später zu uns stieß, nahm keiner groß Achtung davon. Steven allerdings kam zu mir und bat mich nach draußen. Dort bat er mich um eine Zigarette für sich und seine Kollegen, die schon dort warteten und bat mich dringend darum, dies nicht Harry zu erzählen, denn der sei militanter Nichtraucher und alle hatten geschworen, nicht zu rauchen. So standen wir zu fünft und rauchten meine Zigaretten.

    Die Abreise war unspektakulär. Man checkte ein, wir umarmten noch einmal Harry Belafonte, er besonders meine Frau und dann war das Ereignis gelaufen.
    Einmal sahen wir uns noch wieder, Jahre später, in Frankfurt am Main in der Messehalle, anlässlich eines seiner Konzerte. Wir hatten Gästekarten, saßen hervorragend, hatten noch einmal Kontakt zu Steven und Harry.

    Das war’s mit Harry Belafonte – genug für ein Leben!

     
  • egot24 15:50 am 21. August 2011 Permalink | Antworten
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    Bierexpress am Mehringdamm 

    „Sind’se in Berlin, kommen’se zum Mehringdamm! Da erleben’se den weltbekannten Bierexpress, gleich neben dem Curry 36. Dufte Kneipe. Hier verkehrt alles mit Rang und Namen aber ebenso auch ohne beides. Nehmens’e mich. Hab ´nen Namen, aber keinen Rang. Will ja keinen benennen, aber hier war jeder schon. Selbst unbekannte Leute nehmen die Kneipe in Angriff. Und det zu Recht!“

    Dies schrieb ein unbekannter Autor schon vor vielen Jahren.

    Und ich kann dem nur zusprechen, die Kneipe lohnt sich, es ist immer etwas los, tolle Leute von hier, von dort, selbst aus Amerika, England, Kroatien und Russland kommen sie extra hierher. Hier treffen sie auf Publikum, von dem sie immer gedacht hatten, das gibt es nicht. Da sitzt mal ein Schauspieler neben dir, dann einer aus deinem eigenen Land, von überall her treffen sich die Menschen, um hier zusammen zu sein, zu reden, zu trinken, zu lachen. Und: Essen darfst du mitbringen, von nebenan, Curry36 oder von der anderen Seite: Mustafa’s Gemüsedöner oder sonst wo. Hier sein ist alles, kommunizieren kannst du so viel du willst. Kannst auch in die Wii-Lounge gehen und ein bisschen spielen oder von den Spielautomaten dein Glück fordern.

    Der zugereiste Inder spielt gerne am Automaten, der Spanier sitzt vorm Lokal unter der Markise und liest sein Buch, der Franzose hat sich eine japanische Frau angelacht und freut sich, wenn du beiden ins Englische übersetzen hilfst. Vor kurzem fragte mich freundlich ein Husky, wo denn sein Eskimo-Herrchen geblieben sei. All so was gibt es im Bierexpress. Tagtäglich, allabendlich, und sogar nächtlich.

    Dann noch die Geschichten, die die Einheimischen bieten:

    Hörenswert, fast schon lesenswert: Da knallt hier immer ein Typ rein, ziemlich unauffällig, mit roter Mütze und erzählt von einem rauschebärtigen „Taliban“, den er kennengelernt hätte, der Haban heißt und der sich hier in langem Mantel ziellos herumtreibt.

    Er spricht von aufkeimenden oder versinkenden Existenzen, die den Boulevard beleben.

    Es gibt Geschichten: Der Trinker, der hier sein Heil sucht, obwohl er es schon heillos vertrunken hat; die ehemalige Kiez-Größe, deren Krone schon lange in der Vergangenheit versunken ist, der sogenannte Professor, der seinen Titel nur seinem Erscheinungsbild zu verdanken hat und das Genie, das hier ständig aufläuft, um die wahren Werte seiner Unscheinbarkeit glorreich anzupreisen. Das gibt es zwar in jeder Großstadt, aber so, wie hier, am Mehringdamm in Berlin, ist das noch nie gesichtet worden. Und die Spitzen all dieser Größen treffen sich wo? Im Bierexpress. Kommste nicht drum rum. Biste mittendrin. Nun, alles gehört dazu. Kreuzberg ist keine Waschküche sondern ein Meltingpot, heißt wohl Schmelztiegel oder so.

    Hier treiben sich Leute herum, von denen Sie noch nie gehört haben und Leute, die Sie aus dem Fernsehen kennen oder sogar aus der Politik. Alles Berliner. Oder gewordene. Wer in Berlin lebt, wird schnell ein Berliner, wer in Kreuzberg lebt, wird noch schneller Kreuzberger. Weil Kreuzberg gut tut. Und was gut tut, merkt schnell ein Tourist und fühlt sich wohl. Besonders im Bierexpress.

    Traf ich vor kurzem hier draußen einige Iren. Die saßen da und tranken. Nach einiger Zeit hatten sie Hunger (was ja verständlich ist). Sie fragten, ob es etwas zu Essen gäbe. Nein, meinte die freundliche Bedienung. Nebenan! Sie meinte entweder Curry 36 oder Mustafa’s Gemüsedöner. Freundlich, wie Iren nun mal sind, fragten sie, ob sie sich was holen könnten und hier weiter trinken. Wie lautete wohl die Antwort? Nun: Jawohl! Die Iren blieben, bis die Tische hochgestellt wurden, lachten und sangen Lieder, deren Texte keiner verstand, aber deren Inhalt durch das gesteigerte Gelächter immer zweideutiger, mir dadurch klarer wurde.

    Bierexpress ist einzigartig! Und wer es nicht glaubt, soll einfach mal herkommen! Die Zeit ist reif! Übrigens nennt man den Kreuzberger „Bierexpress“ in Texas schon „BX“. Let’s go!!!

    Und morgen sitzt hier vielleicht die weltberühmte Sängerin Anna N. mit einer Currywurst. Wollen Sie da fehlen?

    Bierexpress am Mehringdamm. Das ist die Adresse. Taxi und U-Bahn direkt vorm Haus. Tolle Cocktails gibt es auch noch – und wenn Sie wollen, ein erfrischendes Gespräch mit der Wirtin.

    -weitere Geschichten-

     
  • egot24 02:16 am 22. June 2011 Permalink | Antworten
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    Wo ist der Sepp? 

    Der verschwundene Sepp

    Bis heute ein Geheimnis:

    Es war im September 1989. Ort: Timmendorfer Strand an der Ostsee. Wetter hervorragend. Stimmung blendend.
    Aber alles ist veränderlich.
    Am Vortage hatte ich mit dem Auto die Sportler Klaus-Peter Thaler (Rad) und den weit bekannten Sepp Maier vom Flughafen Hamburg abgeholt und ins Hotel gebracht, von wo sie am nächsten Morgen um 08:00 mit der Belegschaft der feiernden Firma einen Dauerlauf zur Eissporthalle anführen sollten, um dann dort auf verschiedenen vorbereiteten Parcours Wettkämpfe durchzuführen.
    Am Abend besichtigten wir mit dem Kunden zusammen die Eissporthalle, es wurden die Anregungen der Sportler in den Parcours umgesetzt. Alle waren zufrieden. Die Künstler waren auch bereits angereist, so der Moderator, die Tanzgruppe, die Band und eben auch drei Sportler, zu denen auch Wilbert Olinde, als Basketballer, gehörte. Wir gingen alle gemeinsam zum Abendessen, nur Sepp Maier meinte, er sei zu müde, er wolle schon auf sein Zimmer gehen. Angesichts der hübschen Tänzerinnen glaubten wir ihm die Müdigkeit.
    Ich sah ihn zum Aufzug gehen und fort war er.
    Wir hatten mit den Künstlern und Sportlern einen interessanten, spannenden Abend, es wurde viel gelacht und gegen 23:00 ging man zu Bett.

    Morgens um 07:00 trafen wir uns alle zum Frühstück. Sepp Maier war nicht dabei, wir dachten, er zöge es vor, alleine auf seinem Zimmer zu frühstücken, um sich dann erst den Blicken seines Publikums zu zeigen.
    Fünf vor acht klopfte ich an seine Tür. Mehrfach. Nichts.
    Leicht nervös fragte ich an der Rezeption, ob man dort etwas wüsste. Nein, sein Schlüssel hing dort nicht, er musste auf seinem Zimmer sein.
    Um im Zeitplan zu bleiben, liefen nun Wilbert Olinde und Klaus-Peter Thaler mit der Belegschaft zur Eissporthalle. Der Kunde war leicht vergrätzt.
    Um 10:00 sollten die Wettspiele beginnen, bis dahin würde ich den Sepp doch wach kriegen!
    Ich bat den Geschäftsführer des Hotels mit mir und dem Hauptschlüssel zum Zimmer von Sepp. Wir klopften abwechselnd, zunehmend erfolglos. War ihm vielleicht etwas passiert?
    Dann die Entscheidung: Aufschließen!
    Auf dem unbenutzten Bett der offene Koffer, das Handy oben drauf, sonst nichts. Nanu?
    Was tun? Der Geschäftsführer zuckte mit den Achseln.

    In solchen Momenten schießen einem wilde Ideen durch den Kopf: Ist er in eine Schlägerei verwickelt worden und nun im Krankenhaus? Hat ihn jemand am Abend aus dem Zimmer gelockt und umgebracht? Hatte er keine Lust und war abgereist? Was aber mit dem Koffer?
    Er hätte doch wenigstens sein Handy mitgenommen!
    Also zuerst die Polizei angerufen. Der war nichts bekannt. Auch die Wasserschutzpolizei schüttelte den Kopf.
    Die Krankenhäuser waren auch nicht von Sepp aufgesucht worden.
    In der Spielbank war ein Sepp Maier nicht gesehen worden.
    Was blieb?
    Restaurants und Kneipen.
    Nach einstündigem Telefonieren bekam ich den ersten Hinweis und bald wusste ich, mit welcher Rothaarigen in welchen Lokalen er um welche Uhrzeiten gesichtet wurde.
    Leider war die Dame unbekannt.

    Der Kunde war stinksauer – hätte er den Sepp nicht selbst am Abend vorher gesehen, er hätte geglaubt, wir hätten keinen Sepp Maier engagiert.

    Gegen 13:00 (die Vormittagsveranstaltung mit dem Wettkampf war um 12:00 beendet worden) schlich ein übermüdeter Sepp Maier unbemerkt von uns in sein Zimmer, krallte seine Sachen und verschwand (schon wieder).

    Auch wenn alle weiteren Akte perfekt abliefen, die Künstler sich donnernden Applaus abholten, der Kunde würdigte uns keines Blickes mehr.
    Bis auf Sepp Maier war die Veranstaltung sehr gelungen, der Kunde zahlte (bis auf das Honorar für Sepp) die Rechnung – ließ allerdings danach nie wieder etwas von sich hören.

    Wer ebenfalls nichts von sich hören ließ, war Sepp.
    Ich ging zunächst davon aus, dass es ihm sehr peinlich war und wollte ihm ein paar Tage Zeit geben.
    Nach einer Woche ohne Meldung entschloss ich mich, Sepp einen Brief zu schreiben.
    Schließlich hatte ich Verluste durch sein Verhalten erlitten, zum einen die Provision auf sein Honorar, zum anderen den Kunden selbst.

    Zwei Tage später rief mich ein aufgelöster Sepp Maier an: Teufel noch eins, die ganzen Tage habe er die Post in Empfang genommen, gerade heute aber hätte seine Frau diesen Brief in die Hände bekommen und geöffnet – sie wusste doch nichts vom Fehlen von Sepp auf der Veranstaltung und hatte sofort geschlossen, dass er bei einer anderen – ach du dicke Scheiße – und sie wolle sich nun endgültig scheiden lassen – – Tja, hätt’ste dich bei mir gemeldet, hätte ich nicht geschrieben!

    Ergebnis: Scheidung. Weiteres Ergebnis: Er trat für mich mal ohne Honorar auf!

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  • egot24 02:18 am 20. January 2011 Permalink | Antworten
    Tags: , , , Finanzamt, Konjunkturpaket 2, , Steuergelder   

    Berlin Kreuzberg, Finanzamt 

    Wer liebt schon sein Finanzamt? Man liebt seine Kinder, seinen Job und vielleicht auch seine Frau.

    Das Finanzamt ging mir nie durch den Kopf, keinen Gedanken verschwendete ich daran. Warum soll ich auch einen Gedanken an irgendein Amt aufbringen?

    Bis ich jemanden traf. Beim Bier in der Kneipe, natürlich im Bierexpress am Mehringdamm, direkt neben Curry 36. Erst hatten wir uns nix zu sagen, dann fing einer von uns an, über Wetter, das Bier oder waren es die Preise?

    Er erzählte, er lebe mit Blick auf das Finanzamt. Ein wunderschönes Finanzamt. Früher sei es eine Kaserne gewesen, ein schöner Bau mit Türmen und Schießscharten, ein Bau der Abwehr. Heute sei es eben Finanzamt, ein Bau der Einnahme.

    Es dauerte eine zwanzigstel Sekunde, bis ich den Witz verstand.

    Und er wohnte gegenüber, ständig den Blick darauf, auf seine Türme, dessen mittlere zwei Fahnenstangen beherbergten. Daran hingen, manchmal flogen sie auch, Fahnen. Die deutsche und die berliner Fahne, an allen Feiertagen, bei Staatsbesuchen und wichtigen Anlässen. Er habe sich immer gefreut, wenn die Fahnen im Winde wehten, wenn er aus seinem Fenster schaute; dann hätte er immer gewusst, ah, jetzt ist ein Feiertag oder ein Staatsbesuch. Und da das Finanzamt auf der Strecke vom früheren Flughafen Tempelhof zum Regierungsviertel lag, konnte er sicher sein, nichts zu verpassen. Zum Beispiel die langen Eskorten von Polizisten auf Motorrädern, irgendwo dazwischen ein schwarzes Fahrzeug (da saß wohl der Prominente drin oder es war ein Trick und der gefährdete Prominente war in Tegel gelandet und fuhr mit der U-Bahn zum Kanzleramt), jedenfalls gewann er dem Anblick des Finanzamtes mit seinen Fahnen einen Mehrwert (Finanzsprache) ab und genoss ihn.

    Er schaute mich an und ich sah, wie seine Stirn in Falten ging.

    Dann, sagte er, war es Herbst, Scheißwetter, das Finanzamt sah zum Kotzen aus, der Sturm rüttelte an meinen Fenstern. Da sah ich, wie einer der beiden Fahnenstangen im Sturwind wankte, was heißt wankte, sie schwankte hin und her, ich dachte schon, sie würde den Turm umreißen. Ich suchte die Nummer vom Finanzamt, ließ mich mit der Verwaltung verbinden, schilderte meine Beobachtung, sagte dass die nördliche Fahnenstange aber ganz bedrohlich schwankte und ich es ja nur gut mit dem Finanzamt meine.

    Er schwieg und zündete sich eine Zigarette an, da wir im ersten Stock des Bierexpress saßen, in der Raucherlounge.

    Er wartete auf mein UND? Als es nicht kam, erzählte er trotzdem weiter:

    Ab sofort wurden keine Fahnen mehr aufgehisst. Der Hausmeister hatte fahnenfrei.

    Nach drei Monaten aber geschah es, dass mein Bierkumpan beobachtete, dass drei Leute auf den Türmen herumkraxelten, wild gestikulierend, hoch und runter zeigend, Maßbänder zückend, wichtig auf diesen und jenen Punkt deutend.

    Was soll die Geschichte, die er loswerden will, dachte ich und bestellte mir automatisch noch ein Bier.

    Dann, sagte mein Kumpan, dann, nach weiteren zwei Monaten sah ich ein Batallion von Arbeitern auf dem Dach und dem Turm des Finanzamtes. Sie stoben nur so herum, einige bauten die Fahnenstangen ab, andere waren tüchtig mit anderen Dingen beschäftigt. Auf der Straße vor dem Finanzamt fuhr ein Kran auf. Er hievte zwei nagelneue Fahnenstangen hinauf und holte die alten herunter. Dann hievte er andere, zunächst unkenntliche Dinge hinauf.

    Er sah mich traurig an und bevor ich ihm ein Bier bestellen konnte, bestellte er selber eines.

    Langweilig? fragte er mich. Nein, um Gottes willen!

    Dennoch redete er weiter: Als es fertig war, was die da angestellt hatten, sah ich, dass zwei neue Fahnenstangen da standen und zwei Treppen mit Geländer, die vorher nicht da waren, damit man leichter an die Anknüpfungspunkte für die Fahnen kommt. Ich freute mich. Ab jetzt werde ich wieder Fahnen flattern sehen und wissen, es ist Feiertag oder Staatsbesuch!

    Wie fragend blickte er zu mir.

    Jetzt fragte ich: Und?

    Er machte eine Kunstpause und sagte dann: Seit drei Jahren sehe ich keine Fahne auf dem Turm. Die nördliche Fahnenstange wackelt bei Wind immer noch bedrohlich und rumort im gesamten Hause, die Treppen sind nie bestiegen worden, der Hausmeister hat lebenslang fahnenfrei. Dafür haben sie in der Zwischenzeit das Dach neu gedeckt und das gesamte Gebäude ein halbes Jahr innen und außen frisch renoviert.

    Dann sagte er resignierend: Das Konjunkturpaket II machte es möglich.

    Und – nach einer Pause: Kein Wunder, es ist ja das Finanzamt, da sitzt ja die Kohle.

    Komm, sagte er, ich lade dich zum Bier ein, irgendwie muss das ja über unsere Steuergelder wieder reinfließen! Ich habe das Finanzamt so geliebt!

    Leider habe ich ihn nicht wiedergesehen.

    Man hat mir später erzählt, er sei der ehemalige Hausmeister des Finanzamtes gewesen.

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  • egot24 17:08 am 12. January 2011 Permalink | Antworten
    Tags: Frankfurt, , Oper,   

    Frankfurt, Theater 

    Frankfurt, Theater – © Toge Schenck 1982
    -Geiheimnisse im Frankfurter Opernhaus-

    Es war an einem Montag, dem Sonntag der Theaterhäuser, als ich, vergessen habend, was eigentlich ich suchte, dies kalte Treppenhaus erklomm, von dem ich lediglich die Ahnung hatte, es führte zu den Räumen, die dem Chor, dem Damen- und dem Herrenchor, zuweilen auch dem Extrachor als Probenräume dienten; von dort oben, vom Olymp des Hauses konnte man zeitweise wie aus einem blechernen Schalltrichter gewaltige Hymnen vernehmen, wenn man ganz unten, am Fuß der Treppe stand und lauschte, Töne und Akkorde, wie einem alten Trichtergrammophon entronnen, weit aus der Vergangenheit, wie aus der Zeit, aus der die Werke stammten; allein die Treppenstufen waren in den Dekaden von Choristenschuhen ausgetreten, hatten Wellenform, schienen sich dem Notenlauf der Chormusik schon angepasst zu haben, Notenlinien, dem Druck der stetigen Tropfen der Töne unterlegen; hier stiegen sie herab, jeder ein Radames, jede eine Aida.

    In diesem stimmlebendigen Treppenhaus stieg ich gerade empor, als ich in einer Nische eine Tür entdeckte, die ich noch nie gesehen hatte, die sich versteckte hinter einer geschickten Camouflage, indem sie die jahrzehntealte Farbe der Wände angenommen hatte, ihre Haut der rauhen Tapete chamäleonhaft angeglichen; sie schien entschlossen, übersehen zu werden, war als Tür so unscheinbar wie gar nicht da, als ob sie ein Geheimnis zu wahren hätte, etwas zu verbergen wie sich selbst; wie eine Tür zu einer Wahrheit, die noch nicht reif und noch nicht zeitgemäß den Blicken sich enthält, eine verwunschene Entdeckung hinter sich versteckend, den Zugang sperrend, den man –noch- nicht ahnen sollte; die Tür war offen; eine dunkle Höhle umfing mich, ein Verlies, kein Licht, kein Schalter, reinste Dunkelheit von der Art, vor der sich Kinder fürchten, wo sich das Böse birgt, wohin selbst Licht nicht Neigung hat, hineinzufließen, Weltraumnacht; es roch nach nichts; die Türe hatte sich jetzt unbemerkt geschlossen; unter den Sohlen Knistern wie von welkem Laub; ein Schritt, ein zweiter, ein Tasten in die Stille, ein Streichholz angebrannt, zu hell erst, dann mit mattem Schein verstärkt es nur die Tiefe der Dunkelheit, kein Glanz, nur fahles Nichts; war da nicht?, nein, da war nicht; ein Schritt noch, noch einer, das Streichholz erstickt in Finsternis, die Hand, die Fingerspitzen tasten geradeaus, die Angst vorm Straucheln, vorm Fallen in einen dunklen, tiefen Schlund, den ich nicht erkennen kann, vielleicht geht es ja kilometerlang so weiter? Ich befand mich im dritten oder vierten Stock und es war tiefer unter der Erde als jeder Keller, jede Höhle, hier hatte Zeitablauf nichts mehr zu sagen, in dieser Düsternis gedieh kein Ticken einer Uhr, hier war gebackene Zeit. Da, wieder dieses Knistern, was suchte Laub hier? Oder war’s Papier? Da tasteten die Fingerspitzen – und zogen sich zurück wie vor einem ausgetrockneten Spinnweb. Noch ein Streichholz! Schau, wie die Flamme sich sachte bewegt und gerade vor uns eine Tür, der Griff, ein Zug, das Hölzchen aus.

    Schwer ging die Tür in ihrem Scharnier; dahinter eine Stufe abwärts, Licht fiel ein und fiel auf einen Stuhl, der in dem schmalen Kabuff gerade einmal Platz für sich selber beanspruchen konnte. Das einfallende Licht war kein Tageslicht und es kam durch einen Spalt, etwas breiter als eine Schießscharte in alten Burgen. Vor der Scharte hing ein Scheinwerfer, ausgerichtet auf die Bühne, schräg nach unten links. Es blieb gerade ein Spalt zwischen Scharte und Scheinwerfer für den Blick auf die Bühne und den Orchestergraben. Das Licht was in den Kabuff drang kam vom Arbeitslicht auf der Bühne, die ansonsten verlassen, auf eine Probe wartete. Ich schälte mich auf den Stuhl und betrachtete die gewohnte Umgebung aus der ungewohnten Sicht.
    Mir kamen Bilder, wie ich als Junge im Apfelbaum oder im Nussbaum gehockt hatte und die Erwachsenen bei ihrem Spaziergang beobachtete, der Duft der Äpfel und Nüsse schien mich vor den Blicken der Spaziergänger zu schützen, deren Wortfetzen mir unverständlich ans Ohr flogen, das helle Lachen der Mädchen, die auf eine kleine, vielleicht pikante Bemerkung ihres jungen, pickeligen Begleiters eingingen und sich zierten, ach wie musste es sein, am Spiel der Erwachsenen teilhaben zu können, das mir so unheimlich vorkam und das ich aus meiner heimlichen Höhle von Blättern im Baum beobachten konnte. Ich kam mir vor wie ein Entdecker, der die Welt aus einer Sicht zum ersten Male betrachten konnte, wie noch kein Mensch vor ihm. Das Besondere offenbart sich manchmal nur durch die Sichtweise.

    Jetzt tat sich was im Orchestergraben. Ein dicker Orchesterwart erschien unter der Bühne, die einige Meter dem Orchestergraben ein Dach bot, bevor dieser sich wie eine holzgetäfelte Wanne dem Zuschauerraum hin öffnete. Eine rote, samtbezogene Balustrade trennte ihn vom Zuschauerrund. Der Orchesterwart legte umständlich die Notenhefte auf die vorbereiteten Notenständer und überzeugte sich jedes Mal von neuem, dass er auch die der Instrumentengruppe entsprechenden Noten austeilte. Mir schien, dass er das eine oder andere Instrument völlig vergaß, deren Ständer leer und notenlos blieben. Hinten hatten schon die Pauken wichtig Stellung genommen und das Schlagwerk stand aufgestellt, vorne links, schräg unter mir, hielt eine goldgewirkte Harfe stolze Ausschau. Ein zweiter Wart trug nach und nach die vier Kontrabässe herein und legte sie allesamt auf ihre linke Seite wie zum Schlaf und bedeckte sie bedächtig mit dem Bogen. Dann verschwanden beide Orchesterwarte. Es zog wieder Ruhe ein.
    Die Bühne lag vor mir wie eine große schwarze, matt leuchtende Ebene, eingefasst von einem Plafond aus schwarzsamtenem Molton, seitlich die Gassen von schwarzen, lichtfressenden Soffitten getrennt. Sie lag da wie zur Erholung unter ihrer Sonne, dem schlichtweißen Arbeitslicht. Gestern Abend noch von tausenden Füßen getreten, vom Chor und Extrachor, von harten Arbeitsschuhen der Bühnenarbeiter traktiert, geschunden von den Rollen der Bühnenwagen, malträtiert von den Bohrern, die für die Dauer einer Szene die eine oder andere Spannwand in ihren Bohlen festbohrten, wieder gelöst wurden und dafür von anderen ersetzt, mit Eisengewichten und Sandsäcken arretiert wurden. Ihre Narben sprachen von großen Opern, von lauten Musicals und lustigen Operetten, von Wolken von Kolofonium bei Balletten, von Tragödien und Komödien, vom Aufstieg und Fall, von höchstem Entzücken und tiefsten Unglücken, alles auf ihrer Haut ausgetragen, auf ihrem Rücken, dem Menschen zu Belustigung oder zur Lehre, jedenfalls zum Wohlgefallen.

    Dies sah ich aus meiner einsamen Höhe aus meiner Scharte heraus, vorbei an dem riesigen Scheinwerfer, dessen Rückseite mir die halbe Sicht nahm.
    Plötzlich wurden unter der Bühne Türen aufgestoßen, zuerst erschien der Schwall zweiter Geigen, ein geschwätziges Völkchen, zu jedem Witz zu missbrauchen; einige setzten sich und begannen, ihr Instrument zu stimmen, andere standen und hielten einen Schwatz; an ihnen vorbei kamen die Bratschen und Posaunen, dann die Celli, und Trompeten, selbst das Schlagzeug war schon an seiner Batterie, die Harfenistin glitt grüßend durch die Reihen, die ersten Geigen nahmen Platz und die Bässe hoben ihre Instrumente aus ihrem Halbschlaf auf; Oboe, Klarinette und Fagott trotteten zu ihren Notenständern, das Horn wagte die ersten Töne und nun war auch die Pauke angetreten, zum Schluss kamen, wie immer, die Flöten.

    Während die einen zu stimmen versuchten, probierten die anderen einen Lauf, einen Akkord oder ein Arpeggio. Die Musiker waren nicht, wie man es gewohnt war, in Frack oder Abendkleid, sie kamen daher wie normale, unmusikalische Leute auch, in Jeans und Kordhose, Hemd, T-Shirt und Pullover. Nur die Harfenistin hatte ein kleines Schwarzes an, wie auch ihr Gesicht von einem schwarzen Pagenkopf gerahmt war. Sie beugte sich vor und griff einige Akkorde, die sie in leisem Arpeggio diminuierte. Ich hatte sie noch nie gesehen, war sofort in ihrem Bann. Die langen, weißen Finger, geschmeidig, die Saiten liebkosend. Ein Klarinettist legte ein neues Plättchen ein und befeuchtete es gewissenhaft, bevor er einen Träller über alle Instrumente hinweg blies.
    Wie auf ein geheimes Zeichen waren plötzlich alle still. Der erste Geiger, der Konzertmeister, legte ein A vor, die Instrumente versuchten es aufzunehmen, stimmten vielleicht etwas nach, dann erschien der Kapellmeister, der Dirigent, in der Hand, den kolibrileichten Taktstab, unter dem Arm die Partitur.
    Am Pult richtete er seine Noten, schaute in die Runde, hob den Stab und es begann, was vorher in wüstem Durcheinander höchstens stellenweise angeklungen war, in der Dissonanz und der Kakofonie des Stimmungswirrwarrs aber nie zur klar erkennbaren Blüte kam, das musikalische Werk in seiner großartigen Vollkommenheit zu klingen und zu schweben. Da schlug der Dirigent mit dem Stab einige Male auf das Pult, als ob ein frecher Specht sich durch soviel Wohlklang gestört gefühlt habe. Zögernd hielten die Instrumente ein, eine Flöte gab noch einen letzten Ton. Ich lauschte, konnte aber nur Bruchstücke von dem vernehmen, was der Meister an der Durchführung auszusetzen hatte.
    Die Oboen beim Allegretto . . . das Forte bei Ziffer 17 . . . Presto . . . fließende Kadenz . . . pianissimo, lasst uns die Harfe hören!
    Ja, lasst uns die Harfe hören! Und sehen! Dies gottgleiche Instrument mit einer Notierung, fast wie bei einem Piano! Lasst es uns hören!
    . . . und die Bässe beim Andante . . . wir beginnen bei Ziffer 10
    Und wieder dies herrliche Aufbäumen, das Hochwinden der Violinen, das Schrubben der Kontrabässe, das Weinen der Oboen, bis – tak tak tak, der Specht wieder eine Unterbrechung forderte.
    Diesmal waren es die Bratschen, die bei Ziffer 34 zu verschlafen eingesetzt hätten, und er hatte die Probe doch mit Rücksicht auf den gestrigen Abend auf elf Uhr gesetzt, so dass doch eine gewisse Frische zu erwarten sei, wo nicht, er sich gerne auf die Professionalität und Musikalität der studierten Kollegen verlassen möchte, also bitte, Ziffer 30!

    Aufs Neue.

    Diesmal war die Unterbrechung bei Ziffer 51 und mir schien, der Specht hatte es wohl mit der siebzehn, alle siebzehn Ziffern schienen einmal die Oboen, dann die Bratschen und nun – hoffentlich nicht die göttliche Harfe! – nein, die Celli unausgeschlafene Töne von sich zu geben, doch ich lernte, dass das in der Partitur stehende Creszendo einem Accelerando gleichzusetzen sei, wie ein Fluss auch nicht bei einer Enge plötzlich doppelte Fahrt aufnähme, sondern durch langsamen Druck sein Tempo und die Lautstärke erhöhte. Auf die Frage einer zweiten Geige, wie das bei einem Wasserfall denn wäre, antwortete der Dirigent nicht, sondern hob seinen Taktstock drohend und begann bei Ziffer 49 neu. Aber nun war irgendwie die Luft raus und er verordnete eine Pause.

    Das Kabuff war nicht für einen längeren Aufenthalt geschaffen, teilten mir meine Glieder mit und so erhob ich mich auch. In der Kantine könnte ich die Harfe endlich von Nahem sehen!
    Die Tür, durch die ich gekommen war hatte keinen Griff auf meiner Seite. Ich glaubte meinen Augen nicht. Das konnte doch nicht sein, dass man zwar heraus, aber nicht wieder hinein gelangen könnte. Mich durchlief es heiß. Kein Mensch in der Nähe, die Türe verschlossen und ich hilflos ausgeliefert. Was sollte sich tun? Abwarten und das Orchester um Hilfe bitten, wenn es aus der Pause zurückgekommen war? Handys waren sowieso verboten und so hatte ich keines mit. Es war zum Verzweifeln. Irgend ein Engel um mich herum musste es mir eingeflüstert haben, denn ich versuchte, die Türe aufzudrücken. Es gelang, sie war nicht zugeschnappt, sie hatte gar kein Schloss, sondern nur einen Griff innen. Danke. Der Engel musste so wie die Harfenistin ausgesehen haben. Die Göttin.
    Ich schob die Türe langsam auf und glitt in den schwarzen Raum. Ich wusste ja, es wären nur vier, fünf Schritte zur gegenüberliegenden Türe, die keine sein wollte. Hoffentlich hatte diese einen Griff innen!
    Nach drei Schritten in der Dunkelheit stieß ich gegen etwas Hartes. Nein, es war nicht die Türe. Ein Zündholz musste ran. Es war das Letzte. Als es aufzuckte, erkannte ich über mir eine riesenhafte Gestalt. Ich ging einige Schritte rückwärts und erblickte hier in dieser Abgeschiedenheit eine karyatidenähnliche Figur, wie sie nur an Fassaden von alten herrschaftlichen Häusern oder öffentlichen Gebäuden zu finden war, eine Frauengestalt mit nackten Brüsten, locker umgeworfener Toga und einem sphingenhaften Blick nach unten auf die kleinen Erdenbewohner. Als das Zündholz zur Neige ging meinte ich, an der anderen Seite des Raumes eine ebensolch große Figur in männlicher Ausführung zu erkennen und mir wurde bewusst, wo ich mich befand. Es war der alte, vom Krieg unbeschadete Teil des alten Schauspielhauses, der hier, eingemauert, der neuen, glatten, Glasfassade zu weichen hatte, den man aber nicht hatte gänzlich vernichten wollen, ihm aber ein Grab zum Überleben zugestanden hatte.
    Ich tastete mich zur Tür und trat hinaus in das musikalische Treppenhaus, beschwingt die ungraden, melodiösen Stufen nehmend mit einer Vorfreude im Bauch, dass ich nun gleich in der Kantine meinen schwarzen Engel der Harfe würde sehen können.

    -Ende-
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  • egot24 22:51 am 14. December 2010 Permalink | Antworten
    Tags: Feigheit, Hoffnung, , Sprüche, Toge, Yoga   

    Ich habe heute . . . 

    -Sammlung unorthodoxer Sprüche- © Toge Schenck

    1

    Ich habe heute

    alle meine Ichs zusammengerufen

    Eines darunter kannte ich noch nicht

    2

    Ich habe heute

    mir mit großem Mut

    meine Feigheit eingestanden

    3

    Ich habe heute

    eine Entdeckung gemacht:

    Es ist nicht die Zeit, die vergeht,

    wir vergehen

    4

    Ich habe heute

    eine weite Reise gemacht:

    Ich ging in mich

    5

    Ich habe heute

    meine Anschauung

    Gestern hatte ich deine

    6

    Ich habe heute

    ein Urteil gefällt:

    Über ein Vorurteil

    7

    Ich habe heute

    eine Festrede gehört:

    Der Redner redete sich fest

    8

    Ich habe heute

    mein Mitleid mit dem Adler des Prometheus gefunden:

    Wenn die Götter schon einen von ihnen leiden lassen müssen,

    sollten sie wenigstens dem Adler eine Abwechslung der Kost gönnen

    9

    Ich habe heute

    bemerkt, dass Wortwiederholungen,

    wohlbemerkt Wortwiederholungen

    einen bedeutenden

    sehr bedeutenden

    Eindruck machen

    10

    Ich habe heute

    gemerkt,

    dass alles, was man sich merkt,

    man auch wieder vergessen kann

    11

    Ich habe heute

    versehentlich die Zeitung von gestern gelesen

    Alles war mir neu

    12

    Ich habe heute

    meine Frau erinnert,

    dass sie mich an etwas

    – was war es noch? –

    erinnern sollte

    13

    Ich habe heute

    einen Fang gemacht

    einen Anfang

    14

    Ich habe heute

    Bescheid bekommen

    dass mir ein Bescheid zugehen wird

    Jetzt weiß ich Bescheid

    15

    Ich habe heute

    eine Bank überfallen

    Zuerst stand sie im Wege

    doch dann labte ich auf ihr meine Wunden

    17

    Ich habe heute

    eine Weisheit aufgeschnappt

    Ich stand gerade da

    wo sie versprüht wurde

    18

    Ich habe heute

    den Teufel gesehen

    Er trug eine Maske:

    sie sah aus wie Gott

    19

    Ich habe heute

    auf der Straße eine Göttin erblickt

    Ihr Mann erzählte mir

    von ihren Sünden

    20

    Ich habe heute

    eine Rechnung vom Finanzamt bekommen

    Es rechnete mit mir

    Aber ich nicht mit ihm

    21

    Ich habe heute

    Leben gerettet

    Indem ich keinem Befehl folgte


    22

    Ich habe heute

    meine alten Notizen gelesen

    Sie waren so neu

    23

    Ich habe heute

    einen Engel geküsst

    Als er ging

    sah ich seinen Pferdefuß

    24

    Ich habe heute

    eine Litanei gelesen

    Sie war sagenhaft

    weil inhaltslos

    25

    Ich habe heute

    eine Nacht durchgemacht

    die Nacht blieb davon unberührt

    26

    Ich habe heute

    den Anfang  gemacht

    Das Ende

    kommt von alleine

    27

    Ich habe heute

    alleine schöne Stunden erlebt

    Einsam ist man durch Andere

    alleine ist man von selbst

    28

    Ich habe heute

    die Welt entdeckt

    aber sie nicht mich

    29

    Ich habe heute

    leichtfüßig ein Leben zerstört

    Vielleicht war ich im letzten Leben

    auch eine Ameise

    30

    Ich habe heute

    kein Kleinstlebewesen zertrampelt

    ich schwebte vor Glück über den Dingen

    31

    Ich habe heute

    einen Fund gemacht

    Einen Goldfund

    nämlich Dich

    32

    Ich habe heute

    eine erstaunliche Frau neu erlebt

    Sie trägt ihr Schicksal

    nämlich mich

    33

    Ich habe heute

    einen ausgesprochen

    freundlichen Taucher getroffen

    er tauchte gerade aus der Spree auf

    und hatte mich in seinem Arm

    34

    Ich habe heute

    vergessen, dass man vergessen kann

    als ich ankam, wusste ich nicht mehr,

    was ich dort wollte

    35

    Ich habe heute

    einen Traum verwirklicht

    einen außerordentlichen Alptraum

    36

    Ich habe heute

    neue Leute kennen gelernt

    es waren ziemlich viele alte Leute dabei

    37

    Ich habe heute

    einen Weg gefunden

    morgen zeigt sich,

    ob es der richtige war

    38

    Ich habe heute

    eine neue Welt entdeckt

    es war Deine

    39

    Ich habe gestern

    mich selbst erlebt

    heute war ich noch anders

    40

    Ich habe heute

    einem Bettler Geld gegeben

    wer weiß, wer morgen mir was zustecken wird

    41

    Ich habe heute

    keine neue Erfahrung gemacht

    vielleicht machte ich sie schon gestern

    42

    Ich habe heute

    einen deutlichen Schock erlitten

    Der Filmtitel verhieß

    „You live twice“

    43

    Ich habe heute

    mich mit meinem Leben angefreundet

    Als es mir Widerworte gab,

    feindete es mich an

    44

    Ich habe heute

    einen Weg gefunden,

    der mir zeigte,

    was morgen richtig sein könnte

    45

    Ich habe heute

    eine gute Erfahrung gemacht

    Ich habe den gutgemeinten Rat eines Bekannten in den Wind geschrieben

    46

    Heute habe ich

    eine seltene Erfahrung gemacht

    Ich war mit mir völlig im Einklang

    47

    Ich habe heute

    Lottogewinne verschleudert

    Nur das Lotto

    hat nicht mitgespielt

    48

    Ich habe heute

    frei

    49

    Ich habe heute

    einen Weg aus dem Ausweg gefunden

    er führte mich über den Umweg

    in den Abweg

    50

    Ich habe heute

    aufgehört zu rauchen

    Morgen ist ein neuer Tag

    51

    Ich habe heute

    kein Auge zugemacht

    weil ich morgen keines zudrücken wollte

    52

    Ich habe heute

    mir einen neuen Rechner bauen lassen

    Er rechnet tadellos

    nur nicht mit mir

    53

    Ich habe heute

    sehr Großes gespürt

    Die Welt hat mich geküsst

    Da hab ich mich aus dem Staub gemacht

    54

    Ich habe heute

    unglaublich viele Leute

    beim Marathon beobachtet

    auf mich hat keiner der Läufer geachtet

    55

    Ich habe heute

    Gedichte versucht

    Gemein, verrucht

    Stundenlang

    Doch der Versuch scheiterte,

    das Papier blieb weiß

    56

    Ich habe heute

    die ganze Nacht

    meiner liebsten Frau

    ein Gedicht geschrieben

    ich will sie ewig lieben

    Nur beim Morgentau

    war mir dann doch flau

    ewig war mir zu lang

    auch war ich viel zu bang

    So ließ ich es schlicht

    mit dem Gedicht

    57

    Ich habe heute

    einen Fremden getroffen

    der mich in mir unbekannter Sprache etwas fragte

    ich verstand nicht –

    Muss ich ihm fremd vorgekommen sein!

    58

    Ich habe heute

    einem Mathematiker auf den Kopf zugesagt,

    dass er Mathematiker sei

    Er antwortete, diese Tatsache entspräche nicht

    der Wahrscheinlichkeitsrechnung

    59

    Ich habe heute

    gezweifelt,

    ob man manche Zweifel

    nicht bezweifeln sollte

    60

    Ich habe heute

    mein Fahrrad bewegt

    Mir tat es auch ganz gut

    61

    Ich habe heute

    eine lange Weile nichts getan

    Mann, war ich danach fertig!

    62

    Ich habe heute

    eine Feststellung getroffen:

    Ich habe festgestellt,

    dass das, was man leichthin fest stellt,

    bei leichter Brise wieder umfallen kann

    63

    Ich habe heute

    meine Schwerfälligkeit bemerkt

    im leichthändig Geld ausgeben

    64

    Ich habe heute

    tief geblickt

    und war

    hoch beglückt

    65

    Ich habe heute

    ein Problem gelöst:

    ich hab es einfach ignoriert

    66

    Ich habe heute

    eine fremde Visitenkarte

    achtlos in die Schublade gelegt

    • Wo mögen eigentlich

    alle meine Visitenkarten geblieben sein?

    67

    Ich habe heute

    ein Auge zugedrückt

    Es wäre besser gewesen

    ich hätte weggesehen

    68

    Ich habe heute

    sehr tief ins Glas geschaut…

    Am Grunde sah ich mich selber

    69

    Ich habe heute

    Wiedersehen gefeiert

    Die Fotos zeigten mich als Jüngling

    70

    Ich habe heute

    bei einem Streit zwischen Vegetariern

    deren Augen beobachtet

    Sie blitzten kannibalisch

    71

    Ich habe heute

    einen Ferrari überholt

    Er klebte am Baum

    72

    Ich habe heute

    meine Beine unter den Arm genommen.

    Es war mein erster und letzter Besuch

    beim Yoga-Training.

    73

    Ich habe heute

    schallend gelacht.

    Ich hatte mich an einen Witz erinnert,

    den ich noch nicht kannte.

    74

    Ich habe heute

    eine Biografie gelesen.

    Es war die kürzeste bisher,

    sie bestand nur aus einem Wort: „Klatsch“

    Das Ausrufezeichen hatte die Eintagsfliege

    schon nicht mehr erlebt.

    75

    Ich habe heute

    in der Nordseestadt Leer

    einen Füller mit Tinte gefüllt.

    Vorher war es ein Leerer.

    76

    Ich habe heute

    an meinem Stecken Dreck entdeckt.

    Mein Steckenpferd hatte Durchfall.

    77

    Ich habe heute

    einen Hamburger gewienert.

    Daraufhin hatte er Blankenese.

    78

    Ich habe heute

    gänzlich versagt

    nämlich mir ein Besäufnis

    79

    Ich habe heute

    ein Wunder vollbracht:

    Ich habe ein Paradoxon erfunden,

    welches es nicht gibt

    80

    Ich habe heute

    eingesehen,

    dass Einsicht die Aussicht hat

    wie Einsichtigkeit auszusehen

    81

    Ich habe heute

    mein Fahrrad zum Psychiater gebracht

    Es hatte ein Rad ab und somit nicht alle beisammen

    82

    Ich habe heute

    in Essen mein Essen nicht gegessen

    Dies werde ich Essen nie vergessen

    83

    Ich habe heute

    Urlaub

    84

    Ich habe heute

    einen Handschuh gefunden

    den anderen hatte ich vor vier Wochen

    fortgeworfen

    • vorläufiges Ende

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  • egot24 17:23 am 11. December 2010 Permalink | Antworten
    Tags: , Fernweh, Hamburg, Heimweh, , Südsee, Tahiti   

    Südsee 

    – Fernweh contra Heimatgefühle –

    Eines Tages – ich fuhr im Zug von Berlin nach Hamburg – saß ein, wie die Norddeutschen sagen, ausgesprochenes Mannsbild vor mir, blonde, wirre Haare, blaue Augen, gegerbte, braune Haut, knochiges Gesicht, raue, grobe Hände, ein Seebär wie man ihn sich vorstellt. Langsam holte er eine Zeitungsanzeige hervor, starrte länger darauf, um seinen Blick dann aus dem Fenster hinaus in den Horizont zu versenken. Kurz darauf kamen wir wegen einer Bedeutungslosigkeit ins Gespräch und ich fragte ihn, nach dem Zettel, der ihn so nachdenklich gemacht hatte. Da erzählte er mir diese Geschichte:

    Johnny, ein Seefahrer alter Zeit, als man die Seefahrt noch mit den Händen und vollem Körpereinsatz vollbrachte, landete auf großer Fahrt mit einem Handelsschiff auf der gleißenden Südseeinsel Tahiti. Dort lernte er die Tochter eines Schamanen, Tusa, kennen. Sie verlieben sich prompt ineinander. Seine wasserblauen Augen schienen immer in weiter Ferne ein Ziel zu suchen. Nach einer Woche musste er wieder an Bord. Er versprach Tusa, wiederzukommen. Traurig schaute er lange zurück auf die Insel, die langsam als Punkt im Horizont versank.

    Nach einem Jahr, zwei Monaten und fünfundzwanzig Tagen stand er wieder vor Tusa, hatte abgeheuert, stellte ihr seinen Seesack vor die Füße und küsste sie unter wehenden Palmblättern auf den Mund.

    Ihr Vater, der Schamane, kannte schon lange die große Zuneigung seiner Tochter zu dem blauäugigen, in weite Fernen blickenden Mann und bat ihn, sie zu heiraten. Die Hochzeit wurde zur größten Feier der Insel. Sie zeugten zwei Kinder und lebten in völliger Verbundenheit. Der Schamane selbst hatte keinen Sohn zeugen können, der seine Nachfolge würde antreten können. Er hoffte, sein neuer Schwiegersohn würde eines Tages den männlichen Beruf weitertragen. Dafür schenkte er ihm einen „Amohi“ genannten Wedel aus Algenhaar, mit dem man Ruhe unter den Geistern schaffen kann. Johnny begann eine Lehre bei dem alten Schamanen, lernte, wie man Wunden heilt, wie man Brüche schient und Ausschläge behandelt, er lernte, böse Geister zu erkennen und sie zu vertreiben und den auf der Insel seltenen Herzschmerz zu heilen und Tränen zum Versiegen zu bringen. Eines Tages jedoch bekam ihm der Duft der schwelenden Kräuter nicht mehr und Johnny begann zu malen, erst seine Frau Tusa, dann die Strände, das Meer und den Hafen. Jetzt erzählte er ihr von seiner anderen Frau im fernen Hamburg, von einem kalten, doch kräftig-schönen Land, seinen beiden Kindern dort und wie schwer es ihm gefallen war, diese zu verlassen, doch seine Lebensmitte gehöre immer ihr. Sie hörte ihm mit großen dunklen Augen zu.

    Der Schamane sprach eines Tages zu seiner Tochter und ihrem Mann, er sehe sich eine sehr weite Strecke über Land gehen. Noch bevor Johnny ganz den Sinn seiner Rede verstanden hatte, starb der Schamane. Nun musste seine Tochter nach den Gesetzen der Insel sein Erbe als Schamanin antreten und Johnny sollte ihr Helfer sein. Doch Johnny malte jetzt mehr und mehr ihr fremd anmutende Bilder, darunter Steinhäuser mit roten Dächern in einer dicht besiedelten Stadt und erzählte ihr, so sehe Hamburg aus. Er wanderte an den Sandstränden entlang und hielt sich lange im Hafen auf.

    Nach 12 Jahren auf Tahiti sah er eines Tages ein Schiff mit bekanntem Wappen im Hafen. Tränen kamen ihm. Ohne Abschied von seiner Inselfrau und den Kindern heuerte er nach Hamburg an. Er heulte vor Freude, Hamburg, seine Frau und seine Kinder wiedersehen zu können.

    Nach einigen Monaten war er wieder in Hamburg: Das Wetter war sonnig, seine Frau Helga, die ihn nie vergessen hatte, feierte das Wiedersehen mit ihm, er lernte seine erwachsenen Kinder neu kennen, erzählte mit Tränen in den Augen von fremden Völkern, Schamanen und exotischen Lebensgewohnheiten, sagte, er sei willens zu bleiben, und sagte Helga, sein Leben gehöre jetzt ganz ihr und den Kindern.

    Nach zehn Jahren in Hamburg hatte er das Malen aufgegeben und schrieb oft viele Papierseiten voll, machte lange Spaziergänge die Elbe entlang und schaute auf die auslaufenden Schiffe. Sein Blick suchte, wie immer, den Horizont. Seine Kinder waren längst aus dem Haus. Er war arbeitslos und hatte sich im Spiegel für alt erklärt. Einmal große Fahrt noch, einmal noch weg vom Land. Doch kein Schiff wird ihn in seinem Alter zur Heuer aufnehmen, zu einer Reise fehlte es ihm an Geld. Zwei befreundete Seeleute hatten ihm erzählt, in Genua machte regelmäßig der eine oder andere Seelen­verkäufer fest, der jeden Willigen in die Südsee oder sonst wohin mitnimmt, Hand gegen Koje.

    So machte er sich eines Tages ohne Abschied zu Fuß auf den Weg; zuvor nahm er eine Handvoll Erde aus Hamburgs Boden und verstaute sie in einem Taschentuch. In Karlsruhe wurde Johnny auf der Straße liegend von der Polizei aufgeschnappt, hilflos und betrunken. Seine Füße waren wund vom vielen Laufen über Land. Tags darauf wurde er von einem deutschen Autofahrer bis zur Grenze nach Österreich gebracht. Ein Österreicher wiederum erinnerte sich an den alten Mann mit dem Seesack auf dem Rücken – bis nach Bozen hatte er ihn mitgenommen.

    Er erinnerte auch, dass der Seemann, der sich Johnny Elber nannte, ihm von einer Südsee-Insel erzählt hatte mit gleißendem Sonnen­schein, wehenden Palmblättern und lächelnden, dunklen Augen, von einer Schamanin Tusa, die ihm seine schwelenden, wunden Füßen heilen könne, er selbst habe die Kräutermischung vergessen.

    Er hatte ein Lied gesungen mit verräucherter Stimme: Und denn auf See – und denn kein Schiff – und denn noch barfuß bei Windstärke zehn – und ’nen Seesack uff’m Nacken – und Frost anne Hacken – oh Seefahrt, wie bist du so schöön! Dabei hatte er geheult und gesagt: Nur was man verlieren kann, das kann man auch beweinen.

    Hier zeigte mir der Reisende den zerknüllten Zeitungsbericht.

    Kurz hinter Bozen, wo die Eisack in die Etsch mündet, hatte man früh morgens im strömenden Regen unseren Johnny gefunden. Seine Stiefel waren durchgelaufen, sein Seesack durchnässt.

    Seine Leiche war nach Hamburg gebracht worden, wo Helga, seine Hamburger Frau seine Asche bei vier Glasen in der Nordsee versenken ließ zusammen mit dem Seesack, der einen seltsamen Haarwedel, ein Taschentuch voll Erde und ein Bündel nicht abgesandter Briefe an die Inselfrau nach Tahiti beinhaltete.

    Ob Johnny von betrunkenen Landstreichern nieder­gestreckt wurde oder ob er an seinen wunden Füßen oder an wundem Herzen oder gar an Heimweh starb, ist nie bekannt geworden.

    Der Mann mir gegenüber hatte mich während seiner Erzählung mit wasserblauen Augen angeschaut, jetzt blickte er nach draußen und suchte den Horizont.
    Dabei sagte er, er wollte jetzt nach Tahiti reisen, seine Geschwister besuchen.

    -Ende-

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  • egot24 16:28 am 11. December 2010 Permalink | Antworten
    Tags: , unglaubliche Begegnung   

    Mein Gott 

    – Ein ziemlich wahres Erlebnis einer unglaublichen Begegnung – © 1989 Toge Schenck

    Ich hab etwas, was Du nicht hast. Ich habe einen eigenen Gott.

    Er sitzt bei mir zu Hause auf der Anrichte im Wohnzimmer, im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses. Er ist nicht besonders groß, auch nicht klein, doch ist Er allmächtig. Ihn zu beschreiben wäre ein unmögliches Unterfangen, denn Er erscheint jedem Betrachter jedes Mal anders in Form und Farbe. Wie ich in seinen Besitz kam? Jedes Mal, wenn ich versuche mich daran zu erinnern, überfällt mich eine andere Geschichte, diesmal folgende:

    An der Stelle, wo sich jetzt der Gott befindet, hatte ich einst eine gläserne, unglaublich gelbe Vase stehen. Billig hatte ich sie bei einem Trödler erstanden, der mir vergeblich versicherte, sie bestünde aus wertvollstem Murano-Glas.

    Eines Samstages im Mai – ich las gerade die abenteuerliche Geschichte des mathematischen Rätsels um Fermat’s letzten Satz von Simon Singh, störte mich ein kurzes klirrendes Geräusch. Ich schreckte hoch, sah mich um, konnte aber nichts feststellen. Um so größer mein Erstaunen am nächsten Morgen: Dort, wo die Vase gestanden hatte, befand sich ein Häufchen gelben Blütenstaubes. Keine Glassplitter, wie ich dachte, sondern reiner Blütenstaub, trotz der Tatsache, dass sich in meinen Räumen nie eine Blume in der gelben Vase befunden hatte. Freunde hatten sich für heute zum Besuch angesagt. Das wäre doch eine unglaubliche Geschichte für sie, dachte ich und ließ das unscheinbare Häuflein liegen sehr darauf achtend, dass kein Durchzug entstand, der den primelgelben Haufen vernichten konnte.

    Als die ersten Gäste eintrafen, zeigte ich ihnen sogleich die seltsame Verwandlung der Vase. Mir schien das Häuflein angewachsen zu sein. Nach und nach träufelten die Gäste ein und ich musste manche der weiblichen Vertreter unter ihnen davon abhalten, den „Dreckhaufen“ leichthändig fortzuwischen. Nun stellten die ersten Gäste erstaunt fest, dass das anfangs recht unansehnliche Häuflein sich zu einem bemerkenswerten Kegel vergrößert hatte. Fasziniert standen wir alle um die Blütenstaubpyramide herum, als Axel, ein besonders neugieriges menschliches Exemplar, seinen Zeigefinger mitten hinein bohrte. Dies hinterließ ein kreisrundes Loch in der Pyramide sowie gelben Staub auf dem Finger. Axel führte den Finger zur Nase und sog kräftig die Pollen ein. Für den Rest des Abends saß er schweigsam in der Ecke. Wir anderen zechten und lachten und erzählten uns manche unglaubliche Geschichte, von der wir gehört hatten. Es muss wohl gegen Mitternacht gewesen sein, als plötzlich Axel sich aus seiner Lethargie löste,  wie in Zeitlupe aufstand, zur Anrichte ging und sich hinkniete.

    Da sahen wir Ihn.

    Die Staubpyramide war verschwunden, dafür saß nun Gott an ihrer Stelle.

    Sofort erstarben alle Gespräche und ein jeder ging zur Anrichte und huldigte dem Gott.

    Dass es sich wirklich um Gott handelte, war zweifelsfrei. Jeder, der Seiner ansichtig wurde, identifizierte Ihn sofort als denselben und fasste sogleich eine starke Zuneigung zu Ihm.

    Die Besuche meiner Freunde bei mir in der nächsten Zeit häuften sich, auch Freunde und Bekannte meiner Freunde kamen, um Ihn zu sehen. Diese erzählten es wiederum weiter, so dass ich bald einen Terminplan zur Besichtigung meines Gottes erstellen musste. Schlimmer noch: Die Medien erfuhren von meinem Gott, besuchten Ihn und berichteten von Seiner Existenz. Durch den zunehmenden Besucherandrang sah ich mich gezwungen, meinen Tagesjob aufzugeben. Inzwischen hatte sich eine Currywurstbude unweit meines Hauseinganges etabliert, um Hunger und Durst der nun schon aus dem Umland Anreisenden zu stillen. Axel hatte sich zwischenzeitlich zum Faktotum des Gottes gemacht, säuberte die Wohnung, reinigte sie von den Spuren der Besucher, kümmerte sich um den reibungslosen Ablauf beim Huldigen und Beten.

    Irgend eine Zeitung musste erwähnt haben, Reis sei meinem Gotte zuträglich.

    Somit wurden die Pilger in den Glauben versetzt, den Gott mit Reis und Blumen überschütten zu müssen, was mich in die missliche Lage brachte, die Flut der Blumen entsorgen zu müssen und die Reispakete im Keller zu stapeln. Fatal an der ganzen Angelegenheit war, dass in den letzten Monaten meine Ersparnisse aufgebraucht waren und ich zwar vor Reis und Blumen strotzte, mir aber kein Steak und kein Getränk außer Wasser erlauben konnte.

    Die Miete lief weiter, der Winter stand bevor. Es musste dingend eine Änderung her.

    Vorgestern kam Axel auf die fabelhafte Idee, Geld statt Naturalien als Opfergabe zu fordern. Ich war entsetzt: Gott mit Geld abspeisen! Ich beschimpfte Axel kurz als atheistisches Kapitalistenschwein, bis mir Freunde klarmachten, dass sich hinter dieser Idee doch einige Vorteile verbargen. Endlich könnte ich mir lebensnotwendige Dinge wie Zahnpasta und Dosenbier kaufen. Kurzentschlossen ließ ich verbreiten, der Geschmack meines Gottes sei in einem Wandel begriffen und er erbäte sich von seinen Gläubigen ab sofort nur noch Geldopfer (Schmuck, Gold und Wertpapiere natürlich inbegriffen).

    Mit dem ersten Geld kaufte ich mir eine schmucke Jugendstilkasse mit wohlklingender Glocke und ließ die angesammelten Zentner Reis an die Armenküche transportieren. Entgegen meiner anfänglichen Befürchtungen nahm der Andrang der Gläubigen zu: Ein Gott, der Geld nimmt und selbst vor Wertpapieren nicht zurückschreckt, beweist offenbar modernen Geist, steht mitten in der Zeit.

    Von anderen Sekten Enttäuschte reisten zunehmend zu meinem Gott, ja selbst aus dem indischen Goa sowie aus dem amerikanischen Oregon liefen sie haufenweise zu meinem Gott über. An den hiesigen Flugplätzen war meine Anschrift angeschlagen, die Fahrer und Schaffner öffentlicher Verkehrsmittel kannten meine Adresse auswendig, jeder Fußgänger, der auf der Straße angesprochen wurde mit den Worten „Wo befindet sich -“ streckte den Arm sofort in Richtung meiner Wohnung.

    Gestern, nachdem ich sechzehn Stunden hinter meiner Kasse verbracht hatte, fand ich endlich einmal Zeit, meine eigene Anrichte zu besuchen. Axel hatte gerade die letzten Spuren beiseite gefegt und war gegangen.

    Mein Entsetzen war unbeschreiblich: Mein Gott war verschwunden! An seiner Stelle erhob sich die altbekannte gelbe Staubpyramide und ich vermeinte, sie werde geringer und geringer.

    Heute morgen hatte auch sie sich in Nichts aufgelöst.

    In wenigen Minuten sollte der alltägliche Ansturm beginnen. Als erstes kam Axel. Ich führte ihn schweigend ins Wohnzimmer vor die Anrichte. Er kniete sich hin, als sein nichts geschehen. Es begann schon ein Tumult auf der Treppe. Was sollte ich den Gläubigen erzählen, wie ihnen erklären, dass es meinen Gott nicht mehr gäbe?

    Angstschweiß auf der Stirn, öffnete ich die Tür, die ersten zehn zwölf Gläubigen warfen mir Geld- und Wertpapierbündel zu und eilten zur Anrichte, ohne dass es mir gelang, ihnen die Schreckensbotschaft mitzuteilen. Dem Dreizehnten rief ich hinterher: Mein Gott hat sich aus dem Staub gemacht! Er reagierte nicht darauf. Weitere Pilger strömten Geldscheine schwingend vorbei. Axel kam zu mir, wohl um mir das mitzuteilen, was ich schon lange wusste. Nein, er bat mich nur, die nächsten Besucher aufzuhalten, der Raum sei bereits überfüllt. „Axel!“ sagte ich, „Der Gott ist doch fort, er hat sich über Nacht aus dem Staube gemacht!“

    Er rief: „Wie kommst Du denn darauf? Schau doch hin, dort sitzt er doch wie eh und je!“

    Mit wenigen deutlichen Worten machte er mir klar, dass dort, wo ich nichts mehr sah, Gott in all seiner Reinheit und Größe, seinem Glanz und seiner Glorie anwesend sei.

    Es durchzuckte mich: Sollte sich mein Gott ausgerechnet nur mir entziehen?

    Gleichzeitig  wurde mir klar, was ich zu tun hätte.

    Ich erhob Axel in den Bischofsstand und stellte ihn an die Kasse.

    Vor zwei Stunden war ich bei einem Notar, dort habe ich meine Wahrheit hinterlegt.

    Zur Zeit sitze ich im Flieger nach Mallorca. Ich habe mir dort eine Finca gekauft. Vom Rest des Geldes lässt sich noch einige Zeit gut leben. Wie sehr auch mein Konto anschwellen wird – ich wasche meine Hände in Unschuld, wenn ich auch, ehrlich gesagt, etwas Furcht habe vor der Rache meines Gottes.

    -Ende-
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  • egot24 16:22 am 11. December 2010 Permalink | Antworten
    Tags: Bleistiftzeichnung, weltenformel, zeichner, zeichnung   

    Die Zeichnung 

    Die Zeichnung – Erzählung – © Toge Schenck 1985

    Ein deutscher Zeichner -Georg Stahn- mit beiden Augen und allen Fingerspitzen der Zeichenkunst verschrieben, träumte eines Nachts im Jahre 1962 eine gewaltige Bleistiftzeichnung.

    Sie war –wie es Bleistiftzeichnungen eigen ist- in schwarzweiß gehalten. Die Größe war im Traume nicht auszumachen. Die Zeichnung sah er auf dem Boden, sie hing an einer Wand oder klebte an der Decke, ganz wie man sie betrachten wollte. Je länger Georg diese Zeichnung im Traume anschaute, schien es ihm, als bestünden die schwarz-weißen Schattierungen aus Farben, nie gesehenen Farben und schillerndsten Abstufungen. Die Zeichnung erschien zweidimensional, gleichwohl konnte er durch sie hindurch wandern, jedes Detail von allen Seiten betrachten, in sie hineingehen, von innen und außen betrachten. Im Traume schloß er die Augen und erblickte das geheime, alles verbindende Gerüst. Er reiste in die Vergangenheit der Grafik, in jeden einzelnen Bestandteil von ihr, erfuhr die Geburt der Rundungen, die Fächerungen unausdenkbarer Ecken und Kanten, die Höhungen und wandelbaren Schwünge und erkannte das ineinandergreifende Räderwerk der Schöpfung, sah in alle Ver­gangen­­heiten, gegen­wärtige Wandlungen und weite Zukünfte und erblickte plötzlich die unaussprechliche Formel.

    Im seinem Traume entsann er sich den Zeichnungen Maurits Cornelis Escher ‘s und ihrer ins Unendliche reichenden Ver­schach­te­lungen. Die Formel jedoch zeugte von für das Verständnis des Menschen unüberschaubar weitreichen­der Wirkung.

    Die Formel war nicht Aussage des Gesamtwerkes, sondern steckte in jedem subtilen Detail, in jeder glatten oder gebogenen Fläche, jeder feinsten Rundung, jeglicher Kante und jedem Bogen, sprach aus den hellsten wie den schwärzesten Zonen und war in jedem einzelnen Strich und Punkt erkennbar. In seinem Traume hatte er die Augen wieder geöffnet und ver­folgte die Spur der grapho-semantischen Zeichen vom stilisti­schen Anbeginn bis zur letzten Schraffur.

    Das Erwachen war schrecklich. Der dichte Filter des Tagesbewusstseins dämpfte die geschauten Erinnerungen. Schreiendes Tageslicht schnitt ihn von seinen nächtlichen Erlebnissen ab. So sehr er sich auch bemühte, der Tag kam wie eine gierige Nippflut und entriss ihm Stück für Stück der nächtlichen Begegnung. Was ihm blieb, war eine dumpfer werdende Ahnung des Erschauten, während er sich für den Tag vorbereitete. Eine heimliche, vielleicht göttliche Wahrheit suchte Schutz vor der menschlichen Tagesintelligenz, allerdings: sein Geist war infiziert, der Gedanke an die Formel saß in seinem Blut, war in seine Knochen eingefressen und ließ unseren Georg Stahn nicht mehr los.

    Es vergingen einige schreckliche Tage im Versuche, sich zu erinnern. Georg verspürte keinen Drang zu sprechen.

    Er hatte eine Zugehfrau, Luisa Catano, eine Spanierin, die täglich für zwei, drei Stunden bei ihm die wichtigsten Putzarbeiten verrichtete und ihm zuweilen Essen machte. Sie war eine ältere Sevillanerin und hatte schon manchen Haushalt erlebt und somit verschiedenste Marotten ihrer jeweiligen Arbeitgeber. Seit knapp einem Jahr kümmerte sie sich um Georg. Sie wohnte nicht weit von ihm, ihr Mann war Hallenwart einer Handballmannschaft. Ihr gemeinsamer Sohn Louis B. Catano war des Öfteren in Georgs Atelier gewesen und hatte sich an Georgs Arbeiten erfreut. Georg erinnerte sich, daß Louis damals um die sechzehn Jahre alt war. Er gab ihm Bücher zu lesen, zum Beispiel involvierte er ihn in die Bildsprache des Gabriel Garcìa Márquez „Cien anos de soledad – Hundert Jahre Einsamkeit“ trieb ihn zu den schroffen Träumen von Charles Baudelaire (Les Fleurs du Mal), verschwisterte ihn mit den romantisch-tragischen Szenen des Victor Hugo (Les Travailleurs Du Mer) und zog ihn ins Bewußtsein des nächsten Jahrtausends mit der Lektüre von Amit Goswami „Das Bewusste Universum“. Er kaufte ihm die Bücher, obwohl er nicht reich war.

    Georg Stahn hatte Jahre zuvor eine kleine Erbschaft gemacht, von der er gerade leben konnte. Er lebte auf eigenem Grund und Boden. Von Vätern ererbt, ein Haus, welches er, nachdem seine Eltern gestorben waren, umgebaut hatte zu einem Atelier mit knapp vier Meter hohen Wänden, dazu Küche, Bad und ein kleines Zimmer mit einem Bett. Er lebte in seinem Atelier.

    Jeden Mittwoch vor seiner Sportstunde kam Louis B. zu Georg, um mit ihm einen Teil seiner Zeit zu verbringen. Georg liebte diese Zusammenkünfte ob ihrer feinfühligen Außergewöhnlichkeit. Louis B. erzählte ihm seine Träume, besprach mit ihm die täglichen Eintragungen in sein Tagebuch und befragte ihn nach dem einen oder anderen Satz, den er bei Marquéz gelesen hatte. Besonders das Bild des im Garten am Baum angebundenen Vaters war ihm überaus unheimlich. Louis B. suchte einen Maßstab für sein Leben.

    Eines Tages, als das Tageslicht mehr und mehr die Schatten der Gegenstände vertiefte, sah Georg in sich Bilder, die er meinte, sofort festhalten zu müssen. Er erinnerte sich der Formel. Gewaltige Splitter seines Traumes trafen ihn wie ein Peitschenhieb.

    Er macht Skizzen seiner Erinnerung, sammelt wochen-, monatelang fieberhaft Gedankensplitter und sieht sich plötzlich einer Unzahl von Entwürfen, Detailzeichnungen gegenüber. Verzweifelt vor der Aufgabe, alles zu sortieren, brennt er die Blatt­sammlung  in einer Tonne nieder.

    Ein halbes Jahr vergeht, ausgelaugt und ohne Hoffnung, seine einst so deutlichen Bilder wieder zu erlangen, erträgt er Stunde um Stunde. Nach unendlicher Zeit wachte er eines Morgens auf, bewusst, die Fragmente wieder zu finden, finge er nur systematisch eine Zeichnung an.

    Er errichtete sich einen Zeichengrund von drei auf drei Meter grau grundiertes Leinen, rief seine wenigen Freunde an, teilte ihnen mit, er sei auf unbe­stimmte Zeit verreist und kaufte planlos Lebensmittel ein. Luisa sagte er, er habe wohl eine große Liebe gefunden, der er jetzt frönen wolle.

    Die Splitter fügten sich Nacht für Nacht zu dem Bild, das ihm auf eine Netzhaut, irgendwo in seinem Innern eingebrannt war. Eines Nachts riß es ihn aus dem Schlaf und hellwach begann er zu zeichnen. Die Formel hatte ihn ergriffen. Er tauchte seinen Stift in die unbekanntesten Tiefen der Tiefsee, flog über exotische Welten, bohrte sich in die Erdoberfläche, ergoß sich in Wirbeln, Geraden, Bögen, Kreisen, hüpfte in Zickzacklinien, stapelte Dunkles, höhte Helles, verlor sich in der Vielfalt der Grauwerte, spitzte Punkte, ritt auf Wellenlinien, riss an Strichen, bog Kurven, stemmte, meißelte, schraffierte, knickte, gravierte, ziselierte, ornamentierte, legte Flächen an, schnitt tiefe Täler, hob Höhen aus, breitete feine Schleier, setzte helle Glanzpunkte, trieb schwere Schatten in Kühles, grub sich in Eingeweide, tanzte auf schillernden Irissen, klebte filigrane Spinnennetze und stieß den Stift vorwärts in die Hölle, stocherte in hartem Eis, schlemmte in Kreide und schlug mit dem Blitz ein.

    Jeden Morgen trieb es ihn zu seiner Zeichnung.  Nach ungefähr vier Monaten steckte er der tickenden Wanduhr einen Keil zwischen die Zeiger. Das regelmäßige Ticken der Zeit störte seinen selbst getätigten Auftrag.

    Luisa ließ ihn gewähren. Sie kam, reinigte, was gereinigt werden musste, bereitete Georg Essen und ging.

    Zwei Jahre riss ihn der Taumel mit sich, lieferte sich Georg Gefechte in Graphit, fror er winters auf Leitern fest, lief im Sommer der Schweiß zu Bächen an ihm herab. Und jeden Tag kam Luisa. Das Essen, welches sie ihm hinstellte, berührte er oft nicht. Strengstens hatte er Luisa die Annäherung an seine Zeichnung verboten. Diese ängstigte sich um  ihren „Jorge“. Er aß wenig, ging nicht aus, sprach kaum ein Wort, oft hinterließ er nur einen Zettel wie: ‚Danke, die Suppe war superb!’ oder ‚Besorgen Sie mir ein Mikroskop’ oder ‚Äpfel mag ich nicht mehr’ oder ‚Vielen Dank für die Blumen’ oder ‚Lassen Sie bitte den Keil in der Uhr und ziehen Sie sie nicht mehr auf!’

    Georg lebte in einem Rausch von Graphitstaub. Er lauschte der Musik von Verdi (besonders die Chöre), Wagner (alle Ouvertüren), den Werken Rossini’s und Udo Zimmermann’s.

    Während seiner Arbeit umgaben ihn seltsame Düfte, einige kamen aus seiner Kindheit in sein Atelier geflogen wie: Zimt auf Reisbrei, andere erreichten ihn aus fernen, exotischen Ländern, Düfte nach Feigenbäumen, dem Dunst tropischer Wälder, Ausdünstungen ausgestorbener Tiere, metallene Gerüche von seltenen Elementen, irdene von brüchigen Steinen,  Gerüche von Weite und Helligkeit. Laute ferner Zukunft drangen zu ihm wie der Schrei einer Berba (einer mutierten Fliege, erstmals im Jahre 2458 entdeckt), Geräusche aus alter Zeit: der Ruf einer Eule, die gegen ihren Willen nach Athen getragen wurde. Alles trieb ihn zu rastloser Arbeit an: Der erste Klang der Denner’schen Klarinette (um 1700), der tiefe gotische Klang der Glocke von Notre Dame aus dem Jahre 1265, das Zirpen der Grillen, die den heute vergessenen Komponisten Jean-Jaques Delerue zu seinen virtuosen Streichquartetten animierten. Alles war angetan, ihn zur Arbeit zu stimulieren.

    Georg spürte das Werk unter seinen Händen wachsen. Die fertige Zeichnung könnte ihm großen Ruhm und Anerkennung bringen – aber es sollte anders kommen.

    Mit Bedacht hatte er einen Vorhang vor sein Werk gehängt, welchen er nach getaner Arbeit immer zuzog. Der Vorhang sollte ihn vor seinem Werk schützen. Seine Leidenschaft wollte sich keinen Einblick verschaffen lassen. Auch wollte er seinen Traum nicht mit der Wirklichkeit in Vergleich stellen. Die Zeit dazu würde vielleicht kommen. Der Einzige, der sein Werk immer nur kurz betrachten durfte war Louis B. Er kam, wie immer mittwochs, man sprach eine Weile über Frauen, die Welt und Gott, trank einen Kaffee und dann kam der obligatorische Blick hinter den Vorhang.

    Es kam der Tag, an dem Georg nicht mehr reden wollte. Sein Tun war in sich so abgeschlossen, dass jeder Kontakt mit dem Außen ihm körperliche Schmerzen bereitete. Er bat Louis B., ihn demnächst nicht mehr aufzusuchen und Luisa, ihn nicht anzusprechen.

    Luisa hielt sein ausgedehntes Schweigen für eine der Grillen, die sie jedem anständigen Künstler in Maßen zuzubilligen bereit war. Sie begnügte sich mit seinem zustimmenden oder ablehnenden Brummen, lächelte inwendig über ihren Jorge artista.

    Dann kam die Nacht, an der er das Werk beendet hatte. Irgend etwas störte ihn daran. Tagelang saß er vor seiner Zeichnung und folgte ihren Läufen und suchte nach einem Fehler, machte nachts bei Wind und Regen lange Spaziergänge und erschöpfte sich in Selbstzweifeln. Plötzlich traf ihn die Erkenntnis: Die Formel war in allen Details enthalten, nur unvollkommen. Vor seiner Zeichnung stehend, kniend, hockend und liegend, quälte er sich damit, auf ihr den Ort und die Art der Unvollständigkeit zu erkennen. Hierüber erwarb er sich ein starkes Fieber, woran er kurz darauf verstarb.

    Ohne Wissen von Luisa hatte Georg eines Tages den Gang zu einem Notar unternommen und dort seinen Nachlass derart geregelt, so dass Luisa alles erbte, das Haus, den Hausstand, aber ihr Sohn Louis B. bekam die Zeichnung. In Louis’ Wohnung gab es nur einen Platz, wo die Grafik von ihrer Größe her hinpasste: An die Decke. Doch verwarf er, sie dort anzubringen und gab sie dem Kurator des Museums zur Aufbewahrung in einem trockenen Kellerraum für eine gewisse, nicht unbescheidene Summe. Täglich ging Louis B. auf dem Wege von der Arbeit  nach Hause beim Museum vorbei und besah sich die Zeichnung, vertiefte sich immer mehr hinein. Er folgte den Spuren des Stiftes, ließ sich von den Linien mitziehen, füllte sich in die Flächen und Räume, durchstiebte die Kurven, stach sich an den Spitzen, ergraute mit den Dunkelflächen und erfuhr so sämtliche Details.

    Plötzlich sah er die blanke Stelle.

    Es erschauerte ihn. Georg hatte die Zeichnung, die ihn sein Leben gekostet hatte, nicht vollendet!

    Sofort rief er aufgeregt den Kurator und wies ihn auf diese Unglaublichkeit hin. Dieser holte aus seinem Büro ein Foto, welches er nach der Übergabe der Zeichnung hatte machen lassen. Beide verglichen das Foto mit der Grafik und mussten erkennen, dass das Foto keine blanke Stelle auswies.

    Louis B. sagte, es könne nicht sein, dass ein Werk abnimmt, seinen Gehalt verliert und damit von seinem Wert. Der Kurator schüttelte den Kopf, ihm war es unbegreiflich. Louis B. war es eher unheimlich, aber dann er entsann sich eines Buches, welches er von Georg bekommen hatte: Fermat’s letzter Satz, von dem Physiker Fermat aufgestellt, dessen Erkenntnis bis zur letzten Auflösung mehr als 300 Jahre warten musste: Der Beweis, daß zwar a²+b²=c² wahr ist (der uns bekannte Pythagoreische Lehrsatz) aber nicht sein kann: a³+b³=c³, bzw. an + bn = cn , also nur sein kann die Potenz mit der Zahl 2 (eben der letzte Fermat’sche Satz), den erst 1997 Andrew Wiles bewies.

    Louis erkannte in diesem Augenblick, dass nicht der Mensch die Entdeckungen in der Zeit bestimmt, sondern die Zeit selbst die Erkenntnisse beinhaltet und diese nach einem den Wissenschaften noch unbekannten Gesetz freilässt oder sie verhindert. So kann es kommen, dass auf der Welt die gleichen Erfindungen zur selben Zeit an unterschiedlichen Orten von unterschiedlichen Menschen gemacht werden. Die Zeit, bestimmt selbst, wann sie ihre Geheimnisse entlässt.

    Als Louis nach diesen Gedanken nochmals die Grafik betrachtete, bemerkte er mit großem Bedauern, dass die blanke Stelle in der Zeichnung wohl noch etwas mehr Raum einnahm als vorher. Da er zuvor einige gute Weine getrunken hatte, hielt er es für eine Sinnestäuschung und ging schlafen. Der Kurator hatte am nächsten Tag ein Team fähiger Fachleute auf  das Phänomen angesetzt und dies hatte festgestellt, dass die zeitlich zunehmende Verminderung der Bleistiftstriche einem mathematischen Gesetz folgte. Die Zeichnung wurde „aufgeribbelt“ wie ein Pullover. Diese offenbare Selbstauflösung wurde den Medien zum Spektakel. Es kamen das Fernsehen, der Rundfunk, Kunsthistoriker, Philosophen und etliche Leute, die sich darstellen wollten im Begreifen einer unbegreiflichen Angelegenheit oder einfach nur zuschauen wollten, wie ein Werk sich in Nichts auflöste. Die anfängliche Langsamkeit der Reduktion war derart, dass Zuschauer leicht unmutig wurden.

    Georg war schon längst zum Symbol der neuen „ätherischen“ Kunst avanciert und sein Werk an Wert ins Unermessliche gestiegen, je weniger es wurde. Und es wurde weniger, ständig zunehmend. Der Tag wurde errechnet und öffentlich festgelegt, an dem die Selbstausradierung beendet sein sollte und der Zeichengrund leer vor aller Augen stehen sollte. Louis B. wurde bedrängt von den Massen der Medien zu erzählen, wer Georg gewesen sei, wie er gelebt hatte und was es mit dem Verschwinden des Bildes auf sich hätte. Einer Fernsehstation sagte Louis B. schließlich die Exklusivrechte zu.

    Die Stunde kam, da die Unglaublichkeit ihren Höhepunkt erreichte: Man konnte zusehen, wie Masche für Masche, Strich für Strich sich auflöste, von einer unsichtbaren Macht aufgedröselt, Striche und Flächen sich zurückbildeten dahin, woher sie gekommen waren. Die ganze Welt starrte Tag und Nacht auf dies unfassbare Phänomen, Dauersendungen wurden eingerichtet, die schließlich sogar auf Werbepausen verzichteten, um nicht die kleinste Veränderung zu versäumen. Schließlich gelang es nicht einmal Hochgeschwindigkeitskameras, die finale Phase dieser unfassbaren Zerstörung zu folgen. Als Letztes verschwand die Signatur.

    Hiermit war dem Werk der letzte Lebenshauch genommen.

    Louis B. weinte noch eine lange Zeit. Vielleicht wird im Jahre 4087 ein neuer Künstler das Werk neu in Angriff nehmen und uns möglicherweise die Formel bringen.

    Die weiße, wieder jungfräulich-unbenetzte Leinwand ist heute auf  Sonderausstellungen überall auf der Welt zu besichtigen. Seltsamerweise hört man von Ausstellungen, die oft gleichzeitig und an verschiedenen Stellen der Welt stattfänden.

    Glauben Sie keinem der erzählt, es wäre der leere Zeichengrund von Georg. Die Original-Leinwand besitze ich. Und ich erzähle ihnen nicht, ob darauf vielleicht doch schon wieder etwas zu sehen ist.

    Ich bin Louis B., der Freund von Georg.
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