Aktualisierungen Juni, 2012 Kommentarverlauf ein-/ausschalten | Tastaturkürzel

  • egot24 00:46 am 11. June 2012 Permalink | Antworten
    Tags: , Lebensqualität,   

    Der Zeitgeist und seine zwei Seiten Widerstrebende Zeitgeister… 

    Der Zeitgeist und seine zwei Seiten.
    Widerstrebende Zeitgeister kämpfen im Wettbewerb (ähnlich wie Religionen oder Weltanschauungen)

    -Der andere Zeitgeist-

    „Ich nehm euch kräftig in die Mangel
    und heize euch verdammt gut ein
    ihr sollt ein höriges Gefolge
    und ohne Widerrede sein
    Mein Wort hat Macht, es ist Gesetz
    ich hab euch an der Angel

    Ich hab die Zeit in meinem Griff
    ich habe sie gepachtet
    ich nehm nur solche Leute mit,
    die mich auch recht geachtet
    folgt nur auf meinen lauten Pfiff
    Ich bin der Geist, der euch gebührt
    ihr wollt es und ich mache –
    Und seid ihr erst recht wohl verführt
    gebt Andersdenkenden ´nen Tritt
    das ist ne feine Sache

    Ich zeig euch, wo der Hammer hängt,
    was jetzt die Uhr geschlagen,
    es ist der Zeitgeist, der euch drängt:
    Folgsamkeit muss euch tragen.“

    -Der eine Zeitgeist-

    Kommt mit, ich nehm euch gerne auf die Reise
    die Zeit ist reif
    und auf besondre Weise
    hat sich am Horizont der Silberstreif
    ins Goldene gewendet
    das Alte hat geendet
    und Neues kommt auf die Geleise

    Lasst alten Zeitgeist ruhig ruhn,
    es sind jetzt neue Zeiten
    und schaut nicht, was die andern tun,
    die ausgediente Pfade schreiten.

    Wir suchen einen neuen Weg
    die Zukunft ist uns offen
    und bleiben wir auf diesem Steg
    lässt uns die Zukunft hoffen.

    Nicht Folgsamkeit ist hier gewünscht
    nur klares Menschendenken
    kein Paradigma, aufgetüncht,
    nur deutliches Entscheiden
    gegen menschliches Leiden
    dann werd ich Freiheit schenken

    © Toge 2012

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  • egot24 15:50 am 21. August 2011 Permalink | Antworten
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    Bierexpress am Mehringdamm 

    „Sind’se in Berlin, kommen’se zum Mehringdamm! Da erleben’se den weltbekannten Bierexpress, gleich neben dem Curry 36. Dufte Kneipe. Hier verkehrt alles mit Rang und Namen aber ebenso auch ohne beides. Nehmens’e mich. Hab ´nen Namen, aber keinen Rang. Will ja keinen benennen, aber hier war jeder schon. Selbst unbekannte Leute nehmen die Kneipe in Angriff. Und det zu Recht!“

    Dies schrieb ein unbekannter Autor schon vor vielen Jahren.

    Und ich kann dem nur zusprechen, die Kneipe lohnt sich, es ist immer etwas los, tolle Leute von hier, von dort, selbst aus Amerika, England, Kroatien und Russland kommen sie extra hierher. Hier treffen sie auf Publikum, von dem sie immer gedacht hatten, das gibt es nicht. Da sitzt mal ein Schauspieler neben dir, dann einer aus deinem eigenen Land, von überall her treffen sich die Menschen, um hier zusammen zu sein, zu reden, zu trinken, zu lachen. Und: Essen darfst du mitbringen, von nebenan, Curry36 oder von der anderen Seite: Mustafa’s Gemüsedöner oder sonst wo. Hier sein ist alles, kommunizieren kannst du so viel du willst. Kannst auch in die Wii-Lounge gehen und ein bisschen spielen oder von den Spielautomaten dein Glück fordern.

    Der zugereiste Inder spielt gerne am Automaten, der Spanier sitzt vorm Lokal unter der Markise und liest sein Buch, der Franzose hat sich eine japanische Frau angelacht und freut sich, wenn du beiden ins Englische übersetzen hilfst. Vor kurzem fragte mich freundlich ein Husky, wo denn sein Eskimo-Herrchen geblieben sei. All so was gibt es im Bierexpress. Tagtäglich, allabendlich, und sogar nächtlich.

    Dann noch die Geschichten, die die Einheimischen bieten:

    Hörenswert, fast schon lesenswert: Da knallt hier immer ein Typ rein, ziemlich unauffällig, mit roter Mütze und erzählt von einem rauschebärtigen „Taliban“, den er kennengelernt hätte, der Haban heißt und der sich hier in langem Mantel ziellos herumtreibt.

    Er spricht von aufkeimenden oder versinkenden Existenzen, die den Boulevard beleben.

    Es gibt Geschichten: Der Trinker, der hier sein Heil sucht, obwohl er es schon heillos vertrunken hat; die ehemalige Kiez-Größe, deren Krone schon lange in der Vergangenheit versunken ist, der sogenannte Professor, der seinen Titel nur seinem Erscheinungsbild zu verdanken hat und das Genie, das hier ständig aufläuft, um die wahren Werte seiner Unscheinbarkeit glorreich anzupreisen. Das gibt es zwar in jeder Großstadt, aber so, wie hier, am Mehringdamm in Berlin, ist das noch nie gesichtet worden. Und die Spitzen all dieser Größen treffen sich wo? Im Bierexpress. Kommste nicht drum rum. Biste mittendrin. Nun, alles gehört dazu. Kreuzberg ist keine Waschküche sondern ein Meltingpot, heißt wohl Schmelztiegel oder so.

    Hier treiben sich Leute herum, von denen Sie noch nie gehört haben und Leute, die Sie aus dem Fernsehen kennen oder sogar aus der Politik. Alles Berliner. Oder gewordene. Wer in Berlin lebt, wird schnell ein Berliner, wer in Kreuzberg lebt, wird noch schneller Kreuzberger. Weil Kreuzberg gut tut. Und was gut tut, merkt schnell ein Tourist und fühlt sich wohl. Besonders im Bierexpress.

    Traf ich vor kurzem hier draußen einige Iren. Die saßen da und tranken. Nach einiger Zeit hatten sie Hunger (was ja verständlich ist). Sie fragten, ob es etwas zu Essen gäbe. Nein, meinte die freundliche Bedienung. Nebenan! Sie meinte entweder Curry 36 oder Mustafa’s Gemüsedöner. Freundlich, wie Iren nun mal sind, fragten sie, ob sie sich was holen könnten und hier weiter trinken. Wie lautete wohl die Antwort? Nun: Jawohl! Die Iren blieben, bis die Tische hochgestellt wurden, lachten und sangen Lieder, deren Texte keiner verstand, aber deren Inhalt durch das gesteigerte Gelächter immer zweideutiger, mir dadurch klarer wurde.

    Bierexpress ist einzigartig! Und wer es nicht glaubt, soll einfach mal herkommen! Die Zeit ist reif! Übrigens nennt man den Kreuzberger „Bierexpress“ in Texas schon „BX“. Let’s go!!!

    Und morgen sitzt hier vielleicht die weltberühmte Sängerin Anna N. mit einer Currywurst. Wollen Sie da fehlen?

    Bierexpress am Mehringdamm. Das ist die Adresse. Taxi und U-Bahn direkt vorm Haus. Tolle Cocktails gibt es auch noch – und wenn Sie wollen, ein erfrischendes Gespräch mit der Wirtin.

    -weitere Geschichten-

     
  • egot24 13:40 am 15. June 2011 Permalink | Antworten
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    Karneval der Kulturen am Mehringdamm 2011 

    Ein spezieller Ein- und Ausblick von oben.

    Es war schon heftig, die Musik von gegenüber, von nebenan, von rechts und links, von dort und da – alles auf  „unserem“ Mehringdamm, dem „Ku’damm von Kreuzberg“. Die letzten Jahre war der Mehringdamm am Pfingstsonntagnachmittag zwar auch für den Verkehr gesperrt und war als Zwischenspurt zwischen dem Festplatz und der Umzugsmeile genutzt. Sicher hatte der eine oder andere anliegende Gewerbetreibende ein paar Cocktails angeboten, ein bisschen eigene Musik vorm Haus, da stand auch mal ein Eiswagen.

    Der Mehringdamm war noch befahrbar, die Massen strömten von der U-Bahn zum Festplatz, dem Blücherplatz. Wie jedes Jahr.

    Etwas war jedoch anders:
    Der Spätkauf des Metropol Hostel baute auf der Ecke links in der Einfahrt neben dem Finanzamt ungeheure Mengen Alkoholika auf, hinter der Einfahrt rechts baute ein wohl Privater ein Musikzelt und meterweise Getränkeangebote auf, auch ein Grill qualmte, wie nur ein Grill qualmen kann. Laute Musik erscholl aus der Einfahrt.
    Samstag war in der Einfahrt große Party.

    Sonntag: Gegen 14:00 Uhr wurde –wie jedes Jahr- die Kreuzung Mehringdamm gesperrt, aus den U-Bahnstationen quoll jede Menge Schaulustiger, um sich an der Umzugsmeile Gneisenau-/Yorckstraße noch ein Plätzchen zu sichern.

    Das Gewusel der Leute nahm zu, einige gingen zum Festplatz andere kamen zurück, alles ganz entspannt. Immer mehr Bierflaschen in den Händen immer jüngerer Leute, Zeitgeist, Zeitungeist – wer weiß. In Holland ist das verboten und wird schwer geahndet, wie uns Holländer erzählten.

    Sonntagmittag bahnte sich etwas Neues an:

    Zusätzlich zur Einfahrt wurden nun ca. 20 m Tische entlang des Finanzamtes aufgebaut, Kisten geschleppt, zwei Grillstationen angeschlossen, Fähnchen gehängt.

    Das Gedränge nahm zu, ebenso der Lautstärkepegel der Musikanlagen gegenüber. Bald sollte noch ein anderer Pegel steigen, einige begannen schon mit der Einleitung, manche mögen ihn auch schon jetzt erreicht haben.

    Eine solche Party wie hier gegenüber, gab es noch nie – die Straße war voll wie noch nie.

    Die Straßenreinigung sollte um die Situation seit Jahren wissen, sie hätte vielleicht vorsorglich einige große Müllcontainer aufstellen können. So aber sind alle Müllbehälter überfüllt, der Abfall liegt am Boden und wo schon was liegt, wird kräftig dazugeworfen. Viele suchen ja nach Abfallbehältern, aber wenn keine da sind . . .

    So sah es gegen 17:00 Uhr aus:

    Nein, mit der Lautstärke hatten (wir zumindest) kein Problem. Doppelfenster mindern. Und wir wissen schließlich, wo wir leben. Anders die Neuzugezogenen. Sie wollen mitten in einem tollen Kiez leben, aber ihre Ruhe haben. Sie sind für Lebendigkeit, aber nur dann, wenn sie es wollen. Da werden hier im Kiez Altbauwohnungen saniert und als Eigentum verkauft. Die Käufer hören von dem tollen Kiez, sollten sich vielleicht auch informieren, was und wie es da zugeht, aber nein, sie kommen z.B. aus Schwaben und wollen ihre schwäbische Ruhe im aufregenden Kiez. Kannste nix machen. So sind die Leute.

    Letztlich ist es unbeschreiblich, was sich hier – unweit vom Festumzug (ca. 90 Meter entfernt) abspielte.
    Es war eine Partymeile für sich, was sich in diesem Jahr hier entwickelte.
    Auch zum Festplatz hin strömten noch die Leute:

    Party en Gros, der Mehringdamm nicht mehr nur Zulaufsteg zum Umzug, sondern ein erheblicher Erlebnis- und Spaß-Laufsteg, der den Umzug gar nicht brauchte, für sich selber feierte und den grandiosen Festumzug einfach 90m links liegen ließ. Die Wogen tanzten im Hof des Finanzamtes, immerhin zu hörenswerter Musik und nicht das andauernd dumpfe DUM-DUM-DUM-DUM, wie es die Love-Parade stundenlang bereithielt.

    Streetdancer und Akrobaten nutzten den Platz auf dem Mehringdamm und boten ein tolles Programm, auch eine junge Dame mit Fußball zeigte ihr ballartistisches Können:

    Mit Braekdance, akrobatische Kunststücken, Artistik vom Feinsten unterhielt die Gruppe mit nur kurzen Pausen stundenlang das Publikum. Hoffe, sie fanden genug Anerkennung im herumgereichten Hut.

    Immer neue Straßenhändler gesellten sich dazu, jeder wollte einen schnellen Euro verdienen:

    Gegen 20:00 Uhr war die Party gegenüber heißgelaufen, der Müll tat sein Bestes, sich zu verbreiten:

    Mehringdamm voller Leben.

    Und die Flaschensammler hatten alle Hände voll zu tun:

    Das Wetter war gut, die Stimmung noch besser und so ließ man sich häuslich nieder, tratschte, sang und verbreitete gute Stimmung.

    Viele blieben bis spät in die Nacht.

    Einige vom Umzug suchten noch einen Umtrunk:

    Den fanden sie ganz bestimmt noch.

    Jetzt wurde es dunkel, aber feiern kann man auch dann. So taten es noch einige.

    Mal kurz aus dem Fenster geschaut (01:56): Jede Menge noch los, keine Volksaufläufe mehr, eher Gelblicht der Straßenreinigung, Blaulicht von Polizei und Rotkreuzwagen (wohl Schnapsleichen), Menschen, die von Hand die Fußwege vom Müll befreien.

    Je später die Nacht, desto promilliger, ach was, prozentiger die Dauertrinker.

    Und schon gab es Zoff! Geschrei direkt vorm Haus. Ich konnte beobachten, wie die Polizei geschwind auf den Herd des Geschehens zulief: „Spätkauf 36“, der kästenweise Bier vor der Haustür verkauft und – natürlich – Caipi.

    (Wie die zu ihrem Namen kamen, ist unklar, weder ist es die Hausnummer 36 noch der Stadtteil „Kreuzberg 36“, vielleicht in Anlehnung an „Curry 36“?).

    Genau beim „Spätkauf 36“ hatte sich eine Gewaltaktion entwickelt. Ein BRAVO für unsere Polizei, ca. zwölf Beamte (Abteilungen A2, A3) waren rasch zur Stelle, trennten wohl sieben ineinander verkeilte Streithähne schnell und sauber voneinander, zwei Frauen schrien noch vor Angst. Ein Großes Lob der Polizei. (Ich habe mit Absicht keine Fotos gemacht).

    Nachdem alles einigermaßen beruhigt war, stellten sich einige Unbeteiligte, dafür Besoffene, Bierflaschen schwenkend in sicherer Entfernung hin und provozierten die Polizei („Ich kenne den, der Deine Frau fickt!“). Die Beamten reagierten überlegen und ruhig, gingen auf die Deppen gar nicht ein. So schnell sie gekommen waren, waren die Beamten nach der Klärung wieder weg. Hochachtung!

    Gelblicht der Straßenreinigung, etwas Blaulicht der Polizei und dreier Rettungswagen (wohl nur Schnapsleichen). Und überall noch kleine Grüppchen Unermüdlicher in Feierlaune. Die Gespräche wurden deutlich lauter, die Bewegungen fahriger. Flaschenklirren.

    Irgendwann waren die einzigen Geräusche die der Straßenreinigung.

    Montags war alles wie geleckt.

    © Toge Schenck 2011

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  • egot24 02:18 am 20. January 2011 Permalink | Antworten
    Tags: , , , Finanzamt, Konjunkturpaket 2, , Steuergelder   

    Berlin Kreuzberg, Finanzamt 

    Wer liebt schon sein Finanzamt? Man liebt seine Kinder, seinen Job und vielleicht auch seine Frau.

    Das Finanzamt ging mir nie durch den Kopf, keinen Gedanken verschwendete ich daran. Warum soll ich auch einen Gedanken an irgendein Amt aufbringen?

    Bis ich jemanden traf. Beim Bier in der Kneipe, natürlich im Bierexpress am Mehringdamm, direkt neben Curry 36. Erst hatten wir uns nix zu sagen, dann fing einer von uns an, über Wetter, das Bier oder waren es die Preise?

    Er erzählte, er lebe mit Blick auf das Finanzamt. Ein wunderschönes Finanzamt. Früher sei es eine Kaserne gewesen, ein schöner Bau mit Türmen und Schießscharten, ein Bau der Abwehr. Heute sei es eben Finanzamt, ein Bau der Einnahme.

    Es dauerte eine zwanzigstel Sekunde, bis ich den Witz verstand.

    Und er wohnte gegenüber, ständig den Blick darauf, auf seine Türme, dessen mittlere zwei Fahnenstangen beherbergten. Daran hingen, manchmal flogen sie auch, Fahnen. Die deutsche und die berliner Fahne, an allen Feiertagen, bei Staatsbesuchen und wichtigen Anlässen. Er habe sich immer gefreut, wenn die Fahnen im Winde wehten, wenn er aus seinem Fenster schaute; dann hätte er immer gewusst, ah, jetzt ist ein Feiertag oder ein Staatsbesuch. Und da das Finanzamt auf der Strecke vom früheren Flughafen Tempelhof zum Regierungsviertel lag, konnte er sicher sein, nichts zu verpassen. Zum Beispiel die langen Eskorten von Polizisten auf Motorrädern, irgendwo dazwischen ein schwarzes Fahrzeug (da saß wohl der Prominente drin oder es war ein Trick und der gefährdete Prominente war in Tegel gelandet und fuhr mit der U-Bahn zum Kanzleramt), jedenfalls gewann er dem Anblick des Finanzamtes mit seinen Fahnen einen Mehrwert (Finanzsprache) ab und genoss ihn.

    Er schaute mich an und ich sah, wie seine Stirn in Falten ging.

    Dann, sagte er, war es Herbst, Scheißwetter, das Finanzamt sah zum Kotzen aus, der Sturm rüttelte an meinen Fenstern. Da sah ich, wie einer der beiden Fahnenstangen im Sturwind wankte, was heißt wankte, sie schwankte hin und her, ich dachte schon, sie würde den Turm umreißen. Ich suchte die Nummer vom Finanzamt, ließ mich mit der Verwaltung verbinden, schilderte meine Beobachtung, sagte dass die nördliche Fahnenstange aber ganz bedrohlich schwankte und ich es ja nur gut mit dem Finanzamt meine.

    Er schwieg und zündete sich eine Zigarette an, da wir im ersten Stock des Bierexpress saßen, in der Raucherlounge.

    Er wartete auf mein UND? Als es nicht kam, erzählte er trotzdem weiter:

    Ab sofort wurden keine Fahnen mehr aufgehisst. Der Hausmeister hatte fahnenfrei.

    Nach drei Monaten aber geschah es, dass mein Bierkumpan beobachtete, dass drei Leute auf den Türmen herumkraxelten, wild gestikulierend, hoch und runter zeigend, Maßbänder zückend, wichtig auf diesen und jenen Punkt deutend.

    Was soll die Geschichte, die er loswerden will, dachte ich und bestellte mir automatisch noch ein Bier.

    Dann, sagte mein Kumpan, dann, nach weiteren zwei Monaten sah ich ein Batallion von Arbeitern auf dem Dach und dem Turm des Finanzamtes. Sie stoben nur so herum, einige bauten die Fahnenstangen ab, andere waren tüchtig mit anderen Dingen beschäftigt. Auf der Straße vor dem Finanzamt fuhr ein Kran auf. Er hievte zwei nagelneue Fahnenstangen hinauf und holte die alten herunter. Dann hievte er andere, zunächst unkenntliche Dinge hinauf.

    Er sah mich traurig an und bevor ich ihm ein Bier bestellen konnte, bestellte er selber eines.

    Langweilig? fragte er mich. Nein, um Gottes willen!

    Dennoch redete er weiter: Als es fertig war, was die da angestellt hatten, sah ich, dass zwei neue Fahnenstangen da standen und zwei Treppen mit Geländer, die vorher nicht da waren, damit man leichter an die Anknüpfungspunkte für die Fahnen kommt. Ich freute mich. Ab jetzt werde ich wieder Fahnen flattern sehen und wissen, es ist Feiertag oder Staatsbesuch!

    Wie fragend blickte er zu mir.

    Jetzt fragte ich: Und?

    Er machte eine Kunstpause und sagte dann: Seit drei Jahren sehe ich keine Fahne auf dem Turm. Die nördliche Fahnenstange wackelt bei Wind immer noch bedrohlich und rumort im gesamten Hause, die Treppen sind nie bestiegen worden, der Hausmeister hat lebenslang fahnenfrei. Dafür haben sie in der Zwischenzeit das Dach neu gedeckt und das gesamte Gebäude ein halbes Jahr innen und außen frisch renoviert.

    Dann sagte er resignierend: Das Konjunkturpaket II machte es möglich.

    Und – nach einer Pause: Kein Wunder, es ist ja das Finanzamt, da sitzt ja die Kohle.

    Komm, sagte er, ich lade dich zum Bier ein, irgendwie muss das ja über unsere Steuergelder wieder reinfließen! Ich habe das Finanzamt so geliebt!

    Leider habe ich ihn nicht wiedergesehen.

    Man hat mir später erzählt, er sei der ehemalige Hausmeister des Finanzamtes gewesen.

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  • egot24 22:28 am 15. January 2011 Permalink | Antworten
    Tags: , Justiz,   

    Justiztheater 

    Betrachtung (2001)

    Heute wieder mal eine mir unbekannte Ecke Berlins entdeckt. Dort, in der Littenstraße breitet sich ein Jugendstilbau aus, kein Haus, eher ein Palast mit monumentaler Front und grandioser Linienführung des Torsturzes wie auch des Giebels. Ich hatte das Gefühl, als müssen sich in seinem Inneren fröhliche Menschen bei fröhlicher Arbeit aufhalten: Eine Kunsthochschule, ein Ballettsaal, ein Theater. Hinter diesen Mauern quillt das Leben, wird gemalt, getanzt und gesungen.

    Es ist das Landgericht. Die Fenster talarverhangen und das Hauptportal zugesperrt. Ein Schild weiß: Haupteingang dort! Eine unscheinbare Nebentür führt in Amts- und Gerichtssäle, in denen schwere Strafsachen verhandelt werden, in denen Handschellen klirren anstelle von Kastagnetten. Mit Theater hat es nur insofern zu tun, als dass mindestens die Hälfte der Darsteller in Kostümen auftreten, alle in Schwarz, mit oder ohne Samtkragen, nur die Sitzaufteilung lässt erkennen, ob Staatsanwalt, Verteidiger, Beigeordneter, Schöffe oder Richter.

    Es besteht eine weitere Übereinstimmung zum Theater: Auswendig gelernte Sprüche, eingefleischte Texte, stehende Redewendungen, kaum die Möglichkeit zum Extemporieren; gleich dem Stagione-Theater: Jeden Tag dasselbe Stück, immer dieselben Mitspieler, auch die Komparsen ähneln sich und immer die gleiche Garde-Robe.
    Schade um die schöne Fassade!

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    • Johnson Gildow 07:42 am 30. März 2014 Permalink | Antworten

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  • egot24 22:21 am 15. January 2011 Permalink | Antworten
    Tags: brauhaus, deutschland, merzig, , saar, vernissage   

    Merzig – wer kennt Merzig? 

    Merzig, wer kennt in Berlin schon Merzig?
    Doch, eventuell vom auffälligen Kennzeichen: MZG
    Das klingt Berlinern nach einem Ministerium: Ministerium für Zentrale Gewaltenteilung, Ministerium Zukünftigen Gehorsams, Ministerium Zahlreicher Günstlinge oder Ministerium für Zugereiste etc.?
    Merzig im Saarland hat etwas, was auch Berlin nicht verheimlichen kann: Einen Kreuzberg. Leider hat dies reizende Städtchen keinen Stadtteil mit diesem Namen. Es heißt überall Merzig. Außerhalb heißt es Wadern. Überhaupt zeigt es sich durchaus übersichtlich, allerdings mit eigener Brauerei, kein Wunder, gehörte Merzig doch ab 1816 zu Preußen. Womit der Bogen nach Berlin geschlossen ist.
    Und so reisten vier Berliner nach Merzig, wobei man wissen muss, dass Berliner meist Zugezogene sind (und man lasse sich durch den erübten Tonfall nicht täuschen!). Das war schon zu Kaiser’s und vormals König’s Zeiten so („Berlin besteht zum größten Teil aus Breslauern“, hieß es um 1700, die beigeholten, weil verfolgten Hugenotten und die aus aller Herren Ländern hergelockten Söldnerscharen des „Soldatenkönigs“ taten das ihre, um Berlin zu „vergrößern“).

    Nun also reisten die vier zugezogenen Berliner nach dem schönen Städtchen Merzig, welches vor Jahrhunderten schon unter dem Namen Marciacum den Römern höchst bekannt war, denn diese gründeten es, die Vandalen verwüsteten, die Österreicher verteidigten es vergeblich, die Franken besetzten und die Preußen befreiten es. Kurz gesagt: Wir besuchten also preußisches Land. Mit Brauerei.
    Diese war aber nicht Hauptzweck und Ziel! Vielleicht nach der Vernissage. Ja, die bezaubernde Stadt Merzig machte eine Vernissage für einen verstorbenen Hamburger Künstler, der Berliner war. Mit dessen Bruder erschlossen wir drei als Entourage die Räumlichkeiten der Stadthalle, sahen, wie vortrefflich die Grafiken gehängt, die Lichter ausgerichtet und letztlich alles vorbereitet war für den Abend, da Oberbürgermeister und gar selbst ein Bundestagsabgeordneter aus Berlin die Eröffnungsreden halten sollten.

    Anstrengend war die Fahrt und dann die Besichtigung, so dass wir danach geradeswegs ins nächste Gasthaus schlurften. Endlich Erholung, Trank und Speise. Denkste. Hier ist Merzig. Und in Merzig ist es wie in allen kleineren Städtchen: Essen erst ab 18:00 Uhr! Und es war erst 17:30. Nein, die Speisekarte gibt es noch nicht, erst ab 18:00 Uhr!
    Könnte man denn vorher etwas trinken? Das gehauchte „Ja“ klang wie „Wenn es denn sein muss!“ Immerhin. Allerdings war das Essen dann Spitze.

    Wie Eröffnungsreden sind, muss ich Ihnen nicht erklären. Das weiß Jeder. Aber nett waren sie doch, hat zum Beispiel der Berliner Abgeordnete neben seiner Erklärung, er wolle nicht verraten, welcher Partei er angehörte, aber es sei die einzig soziale, dann sich doch noch durchgerungen den Namen des Künstlers zu nennen. Dieser ist zwar schon tot, aber den Namen hat er immer noch. Nach 30 Minuten und drei Reden, wobei die letzte die würzigste war, da von einem persönlichen Freund des Künstlers gehalten, war die Eröffnung vollzogen.
    Mindestens 286 Blitze waren den Kameras entschlüpft, 184 Räusperer waren getätigt und 122 Hände hatten sich schließlich rhythmisch zueinander bewegt. Jetzt gab es Wein und Wasser. Die warm gesessenen Stühle dampften ab, die höheren Persönlichkeiten ebenfalls, die Gäste sahen sich noch etwas um, bevor sie auch abdampften.
    Dies nahmen wir zum Anlass, es ihnen gleich zu tun. Richtung war vorgegeben: Brauhaus.
    Hier stieß der Berliner Abgeordnete noch einmal zu uns, um Merziger Braubier dem altgewohnten Berliner Schultheiß und Berliner Kindl entgegenzuhalten.

    Es war Nacht, den Merziger Kreuzberg bekamen wir nicht mehr zu Gesicht.
    Das wäre doch ein triftiger Grund, dies schöne Städtchen (samt Brauhaus) noch einmal zu besuchen, dies herrliche Örtchen an der Saar, wie hieß es noch – richtig: Merzig.

    © *Toge*

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  • egot24 11:38 am 13. January 2011 Permalink | Antworten
    Tags: , Fahrrad, Frühling, Radfahren   

    Radfahren im Frühling 

    -Wer kennt sie nicht, die Tücken beim Radfahren-

    Lockt da draußen vielleicht der Frühling! Und ich sitz’ im Büro. Die Sonne knallt, man meint schon der Asphalt verflüssige sich, die Bäume kommen mit dem Grünwerden nicht nach, die Fußgänger auf den Schattenseiten der Straße wechseln den Fußsteig und die schwitzenden Autofahrer schauen neidisch auf die Leute auf der Parkbank, alles lächelt irgendwie und hört man nicht ganz oben eine Lerche schlagen?

    Ich sitze hier und hab’ so gar keine Lust mehr, zwinge meinen Blick vom Fenster weg auf die dröge Arbeit. Ganz langsam, sachte, reift ganz tief unten ein kleiner Drang, ich spüre förmlich, wie es gärt und wächst. Aber nein, das geht doch nicht! Warum eigentlich nicht? Na, die Arbeit! Kann die nicht auch morgen noch getan werden, ganz früh?

    Die Lust zerrt am Keim, um ihn gentechnisch zu manipulieren, überdimensional zu vergrößern, ihn aus seinem trüben Keimleben herauszupeitschen zu einem dicken und fetten Entschluss.

    Noch wehrt sich irgend ein Verstandeskörnchen: Was du heute kannst besorgen – da schlägt der ausgewachsene Keimling aus und um sich und schwupps, das Körnchen ist eines unter vielen, verloren im Zeitlauf der Ereignisse, wird zermahlen unter dem Druck, den Frühlingsgefühle nun mal aufbringen.

    Wie eine reife Frucht lockt es mich: Den Nachmittag will ich Fahrrad fahren. Irgendwohin. Hauptsache in der Sonne. Chef, ich hab’ heute was Dringendes zu erledigen, der Kram, Entschuldigung, die Arbeit ist eh erst morgen zu beenden, ich säße jetzt sowieso nur rum und kostete Geld. Ja, ich verstehe Sie, sagt der Chef, das Wetter ist aber auch eine Wolke! Ich wollte, ich könnte jetzt gehen, aber leider muss ich auf einen dringenden Anruf warten. Leiten Sie ihn doch auf ihr Handy um, sage ich lässig zu ihm und versuche zu lächeln. Eigentlich haben Sie recht. Wissen Sie was, dann gehen wir eben beide, sagt der Chef zu mir.

    Glücklicherweise bin ich mein eigener Chef, kenne seine Macken und habe somit etwas Einfluss auf ihn. Wer weiß, was ich sonst zu hören gekriegt hätte! So verließen wir beide also das Büro, er glücklich, dass ich einen so trefflichen Einfall mit dem Handy hatte und ich, dass ich nun Fahrrad fahren durfte.

    Da fiel mir ein, dass das Rad den ganzen Winter im Hof in einer Ecke gestanden hatte, irgendwann hatte ich es einmal aus den Augenwinkeln schneebeladen ächzen hören. Ich liebe mein Fahrrad, liebe es sehr, nur endet diese Liebe am Treppenabsatz. Nein, ich bringe es nicht über’s Herz, mein Fahrrad in die Wohnung hoch zu schleppen. Das meint auch mein Arzt. Als ich in den Hof ging, kam mir Hauser entgegen – mit seinem Fahrrad oder was er dafür hält. Na, ne kleine Tour machen? Ja, das Wetter ist sehr danach. Mit dem alten Trümmer will der eine Tour machen? Das fällt ja jede Minute auseinander. Mein Rad war neu. Fast neu. Jedenfalls letztes Jahr noch. Vor allen Dingen modern, ein Tourenrad, neudeutsch: Trekking. Beste Ausstattung. Besonders die Reifen – unkaputtbar. Mit solchen war einer vier Jahre lang durch China gefahren ohne Schaden daran.

    Das stand es, mein Prachtstück: Rostzerfressen die Kette, die Reifen fast platt, stumpf schaute mich die Klingel an, der Sattel ließ den Kopf hängen und im Körbchen hinten lag der zarte Beginn eines Vogelnestes. Frühlingsgelüstig sah ich mich um, ob einer meine Freveltat bemerken konnte, als ich die zwölf Maschen Nest auf dem Ast eines Baumes deponierte. Gerade hatte ich es unbemerkt dort installiert, hörte ich jemanden nahen. Ich verhielt mich ganz ruhig, wollte ich doch nicht, dass er mich mit den Beinen und Armen am Aste hängend erblickte. Irgendwie hatte ich mich zu hoch auf die Mauer hinauf gewagt, der Ast war höher als ich dachte – da war ich abgerutscht, hatte mich mit den Händen gerade noch am Ast halten können und versuchte gerade, diesen zu erklimmen.  Da kam Schmöhe, ein weiterer Nachbar. Die Frühlingssonne hatte sich im frisch geputzten Fenster der Frau Samland verfangen und spiegelte nur so zu mir her, damit meine Hilflosigkeit ja im Scheinwerferlicht stünde. Hallo, sagte Herr Schmöhe. Hallo, sagte ich zurück und hoffte, er würde mich nicht in irgend eines seiner weltberüchtigten Endlosgespräche einbinden. Das Leben war hängend eh schon schwierig zu ertragen. Nein, er ging wortlos an mir vorbei. Bemerkte er meine hilflose Lage gar nicht? Würde er mich bis ans Ende meiner Tage dort hängen lassen? Rücksichtslos! Doch als wäre ihm gerade etwas eingefallen, blieb er stehen, drehte sich leicht zu mir und fragte: „Kann man Ihnen helfen?“ Na endlich, doch ein hilfsbereiter Nachbar. „Nein, nein, geht schon.“

    „Wie kommen denn Sie da hinauf?“

    „Ja wissen Sie, es war so – also mein Fahrrad steht doch da hinten -“

    „Ja und was machen Sie dann im Baum? Kommen Sie, ich helfe Ihnen!“ Danach durfte ich mir anhören, was seine Schwiegermutter gestern und sein Chef heute (er hat nämlich einen wirklichen Chef) und seine Frau vorhin und deshalb ginge er jetzt in den Keller. Hauser war nun schon eine halbe Stunde unterwegs. Die Frühlingssonne knallte schon nicht mehr so verlockend, als Schmöhe endlich in seinen Orkus stieg und ich mit einem Lappen das Wichtigste am Radel vollbrachte. Jetzt noch aufpumpen und dann!

    Da fiel mir ein, ich hatte ja eigentlich einen Friseurtermin. Absagen! Wo ist mein Handy? Im Büro gelassen. Also ins Büro, Handy geholt, zwischendrin noch nach den Emails geschaut, die Spams entfernt (Morgen sollte ich erfahren, dass ich mit den Spams auch eine absolut wichtige Nachricht weggelöscht hatte), auf dem Weg zu meinem Fahrrad noch eine Zeitung gekauft, die ich unterwegs auf einer Parkbank in der Sonne genüsslich lesen würde.

    Zurück im Hof war die Sonne schon um einiges weiter gewandert (obwohl der aufgeklärte Mitteleuropäer heute weiß, dass die Erde unter der Sonne wegwandert), dennoch sah es so aus, als ob sich die Sonne ein gewaltiges Stück bewegt hätte. Nur ich und mein Fahrrad hatten noch keinen Meter miteinander zurückgelegt. Was wohl Hausers Fahrrad gerade macht? Die letzten Züge? Achsbruch? Motor- oder Getriebeschaden?

    Schnell noch aufgepumpt und los.

    Ach, wie herrlich in den lauen, sonnendurchwobenen Lüften zu radeln. Ist die Welt nicht schön? Verdammt, kannste nich kieken? Dies hier ist ein Radweg! Rad-fahr-weg! Ach so, du willst in der Sonne lustwandeln und der Fußgängerweg liegt im Schatten! Nein, so haben wir nicht gewettet. Dann musste dir eben ein Fahrrad anschaffen, wenn du auf diesem Teil der Straße verkehren willst. Der ist nicht für jeden! Ach, wie der Fahrtwind gut tut. Die Beine sind noch nicht so richtig das Treten gewöhnt. Aber was sah ich denn dort? Da hinten steht doch einer über ein Fahrrad gebeugt. Hauser! Siehste! Mit so’m ollen Klepper, da geht nischt mehr. Ne, doch nich Hauser. Mensch kiek, da fangen ja schon die Kastanien an zu blühen. Ach ich fahr jetzt auf den Gendarmenmarkt, ein Bierchen, die Zeitung und ne Lulle. Was, rote Ampel? Auch für mich? Nee, denkste! Ich fahr ja vorsichtig. Na ja, die Kette gehörte schon mal geölt, die rasselt so. Und die Klingel macht nur plock! Was? Der Kilometerzähler hat seinen Geist aufgegeben? Aber die Luft ist schön weich. Wie? Hier ist Schatten? Fahr ich eben auf der anderen Seite. Schadet niemandem. Endlich wieder Sonne. Na, noch drei Straßen und dann ist Gendarmenmarkt. He! Kannste nich aufpassen? Ach ich bin es ja, der aufpassen muss, ich fahre ja entgegengesetzt. Zwei Kreuzungen noch und dann ist Pause.

    Was is denn? Platten? Nee, ich hab doch aufgepumpt! Platzsch! Das auch noch! Platten und Kette gerissen! Uff een ma?

    Klingeling. Ja, ich gehe schon vom Radweg runter, siehste nich, dass ich ne Panne habe? Fällt mir das Rad noch in den Dreck! Und die Zeitung habe ich auch verloren.

    Plötzlich klingelts wieder. Ich will gerade etwas rufen, da erkenne ich Hauser! Indem er fidel an mir vorbei radelt, ruft er: Wer sein Fahrrad liebt!

    Wäre ich doch nur im Büro geblieben!

    -Ende-

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  • egot24 11:28 am 13. January 2011 Permalink | Antworten
    Tags: Abstinenz, Alkohol, , Bier   

    Trinken 

    Betrachtungen über den Berliner Durst

    Man war eben eingetrunken. Wie ein Auto eingefahren, ein Sessel eingesessen und eine zu heiß gewaschene Jeans eingelaufen. Auf die Frage: Trinken Sie? antwortet man: Ja, aber nur . . .

    Man wacht jeden Morgen mit klarem Kopf auf, außer man hat fremdgetrunken, also als Biertrinker Schnaps, als Weintrinker Frostschutz und als Abstinenzler zwei steife, aber was für steife Grog. Auf dem Weg zum Bad kann man kaum aus den Klüsen gucken, die Welt ist ein einziges wogendes Meer und das Orchester spielt ständig falsch und laut – bis man bemerkt, es stimmt sich ein, jedes Instrument probt einen anderen Teil der Partitur oder gar einer ganz anderen Oper. Man hält das Spiegelbild im Bad für den versoffenen Nachbarn von nebenan und wundert sich, wie schwer er sich tut, die Haarcreme auf die Zahnbürste zu bekommen.

    Man kann sich kaum einkriegen, alles ist irgendwie lächerlich, die Schuhe schauen einen aus weit geöffnetem Mund an, die Hose war gestern noch viel länger, das Hemd geht ungemein handlich zu, nur die Jacke weigert sich irgendwie. Im Flurspiegel erblickt man wieder seinen Nachbarn, der sich gerade anschickt aus dem Hause zu gehen. Da öffnet sich die Küchentür und die aller-allerliebste, beste Frau von Welt kommt auf einen zu – und geht an einem vorbei. Kleinlaut singt man so freundlich es geht: Guten Morgen! Darauf hört man: Morgen? Hast du schon auf die Uhr gesehen? Es ist halb eins. Und ins Geschäft brauchst du auch nicht zu gehen, ich habe dich entschuldigt.

    Trotzdem ist alles noch lächerlich, nur der spürbar sanfte Ernst deiner Frau gibt dir zu denken. Vielleicht hat sie Zahnschmerzen. Halb eins? Na und? Gestern war es auch zweimal halb eins und keiner ist dran gestorben. Du gehst ihr ins Wohnzimmer hinterher. Kaum hat sie dir einen Blick zugeworfen, sagt sie spitz: Ich würde mal meine Shorts ausziehen und deine eigenen Jeans dafür an. Na ja, das kann doch jedem mal passieren. Im Bad war es ziemlich dunkel. Dann, sagt sie, würde ich das Jackett einmal wenden, zuvor jedoch das Hemd richtig zuknöpfen. Falls du dir jedoch so gefällst, kannst du selbstverständlich so bleiben.

    Spätestens nachdem du an dir heruntergeblickt hast, ist dir klar, woher die herrliche Stimmung und das gräuliche Orchesterkonzert herstammt. Dieter hat dir gestern wieder einen zuviel vom Uso eingeschenkt –  er sollte sich was schämen!

    Doch das sind die Ausnahmetage. Normalerweise bleibt man bei seinen Leisten, trinkt Bier in und aus Maßen und alles ist OK. Natürlich raucht man zum Trinken. Es geht ja auch gar nicht anders. Die Ärzte erklären es einem ja dauernd: Alkohol erweitert die Blutgefäße. Das ist nicht gesund. Also muss man etwas dagegen tun. Das teuerste Mittel ist gerade recht: Nikotin, welches die Gefäße wieder auf das Normalmaß verengt. Spätestens hier wird einem klar, wie sehr sich der Staat um einen kümmert: Verböte er nämlich die Droge Alkohol, würden die Raucher an Gefäßverengung eingehen, verböte er die Droge Nikotin, geschähe dasselbe andersherum. Er lässt uns, seinen Bürgern, die Freiheit, mit seinen Gefäßen zu tun, was sie wollen. Aber damit wir nicht zuviel von beidem tun, legt er eine furchtbar hohe Steuer auf Nikotin und Alkohol, wieder ein Zeichen seiner Fürsorge. Denn von den Steuern zahlt er die Krankenhäuser, in denen wir dann entziehen müssen. Da sage einer was gegen den Staat!

    Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, eingetrunken. So ab achtzehn oder siebzehn oder sechzehn Uhr hatte man sich gewiss sein Bier verdient, hart verdient, der Tag neigte sich und man hatte ja seinen Teil dazu beigetragen. Manchmal war auch die Hitze Schuld. Schweißgebadet ein kühles Helles mit wundervoller Schaumkrone, jetzt und auf einen Zug! Und im Winter, wenn es draußen scheißkalt ist und man auf dem Wege von der Haltestelle nach Hause an der warmen, anheimelnden Kneipe vorbeikommt . . . Was heißt vorbei? Da ist es Pflicht, sich kurz aufzuwärmen, ein, zwei Pils zu trinken und mit den Kameraden über die Fußballergebnisse zu fachsimpeln. Wo würde es denn mit unserer Wirtschaft, ach gar mit den ganzen Wirtschaften hinkommen, wenn wir uns nicht diesen kleinen Aufenthalt gönnen dürften.

    Trinken ist für den Geübten kein Laster, keineswegs lästig, höchstens eine kleine, lässliche Sünde. Und drei Dinge braucht der Mann, ein Auto eine Frau und eine kleine Sünde. Alles Beigaben die das Leben lebenswert machen.

    Und dann geschieht es: Ins Krankenhaus eingeliefert wegen einer nebensächlichen Lungenentzündung, hängt der arme Mann 10 Tage am Antibiotikum-Tropf, ohne Zigarette und ohne das gewohnte Bierchen, und soll ich euch was sagen, er hat es nicht einmal bemerkt. Ein bisschen rammdösig verliefen die Tage, er spürte es überhaupt nicht. Draußen knallte die Sonne im heißesten Sommer bislang – er lag auf seinem kühlen Bett und vermisste weder Auto noch Frau noch die kleine lässliche Sünde. Als seine Frau ihn besuchte, erzählte er von den zweiundzwanzig Ärzten, die sich nacheinander um ihn gekümmert hatten, von dem spannenden Buch, in dem ungeheuerliche Dinge passierten, er sprach schnell und schlagfertig, aus einem wohligen Schweben heraus. Seine allerliebste Frau erklärte ihm hinterher, er habe ein zähes Kauderwelsch –nun, von gesprochen konnte keine Rede sein – dahergelispelt. Im Normalfall wäre es sie angekommen zu fragen, ob er besoffen sei. Ein einziger Professor habe ihn untersucht und das Buch lag die ganze Zeit aufgeschlagen auf der ersten Seite, auf der gerade einmal 15 Zeilen bedruckt waren.

    Als er nach 12 Tagen, alkohol- und nikotinentzogen aus der Krankenhaft entlassen worden war, unterbreitete ihm sein Arzt, dass eine Magenspiegelung, die man im Krankenhaus prophylaktisch vorgenommen hatte, ergab, dass unter Androhung von plötzlichem Bluterbrechen mit akutem letalen Ausgang ab sofort die innere Anwendung jeden Alkohols strengstens zu unterlassen sei.

    Selbst kleinste Mengen dieser für den Normalbürger lebensnotwendigen Droge könnten das abrupte Ende herbeiführen, in Cognacbohnen oder auch in sogenanntem alkoholfreien und doch beschwipsten Bier. Der Mann konnte es erst nicht glauben. Was? Ich, keinen Alkohol mehr? Überhaupt keinen? Nicht einmal zu Sylvester einen Schluck Sekt? Doch, meinte der Arzt beschwichtigend, es gibt einen absolut alkoholfreien Sekt, den auch er zu solchen Anlässen tränke und der nicht einmal so schlecht schmecke.

    Mit allerdings ziemlich schlechtem Geschmack im Mund und überhaupt ging unser Mann nach Hause.

    Gut, sagte er sich. Dann eben nicht! Soll der Staat doch sehen, woher er seine Getränkesteuer bekäme, von ihm nicht mehr. Aber sofort kam die Frage: Was trinke ich denn dann? Trinken muss der Mensch, und zwar, wie der Arzt ihm gesagt hatte, zwei bis drei gestandene Liter. Was? Natürlich Wasser! Igitt, das ist ja nur nass und ohne Geschmack! Selbst wenn die Leute schwimmen, versuchten sie da nicht strikt, das Eindringen von Wasser in Nase und Mund zu vermeiden? Ebenso beim Duschen. Nur zum Zähneputzen lässt man es mal kurzfristig die Innenseite des Mundes benetzen, spuckt es aber gleich wieder aus. Kann man so etwas überhaupt trinken? Also holte sich unser, um ein grundlegendes Vergnügen gebrachter Mensch, drei Stiegen á neun Liter Apfelsaft.

    Nach einem Tag bekam er Sodbrennen. Da verdünnte er den Apfelsaft mit Berliner Grundwasser, welches den Statistiken zufolge zwar sehr hart, sprich kalkhaltig sei, aber alle industriell gefertigten Wasser an Geschmack wie an Reinheit bei weitem überträfe.

    Als eines Abends plötzlich kein Saft mehr da war (da seine allerliebste Frau diesen wieder einmal vergessen hatte (Ich bin doch nicht dein Packesel!), trank er todesmutig ein Glas reinsten Wassers auf einmal aus. Überlebt hat er es. Bis heute. Nichts reicht an den unvergesslichen Geschmack von Bier heran – alle Alternativen sind süßlich bis unausstehlich süß – man denke an die Berliner Fassbrause, die gerade mal den ersten Durst löschen kann, bevor alle Geschmacksknospen aufschreien, an das fleischätzende, klebrige Cola, an die sogenannten Fruchtsäfte über Kirsch- Bananen- bis hin zum unanständig süßen Himbeersaft. Bier bleibt Bier. In seinen Gedanken bleibt es das noch heute, nur weit, weit weg, in einem anderen Leben.

    Unser Mann trinkt heute gerne Wasser und leistet sich nur selten die kleine lässliche Sünde eines Seitenblickes auf ein frisch gezapftes Bier. Größere Probleme damit hat allerdings seine Aller-allerliebste unter den Frauen, dann nämlich, wenn launische Unstimmigkeiten nicht mehr mit den Worten abgetan werden können: Du bist ja besoffen!

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  • egot24 14:56 am 25. December 2010 Permalink | Antworten
    Tags: , Chaos, Eis, , Schnee,   

    Berlin Kreuzberg im Winter 

    Zweifellos bringt der Winter – so er denn weiß ist – optische Eindrücke fantastischer Qualität.  Schnee auf den filigranen Ästchen der Bäume, weiße, oft unberührte Flächen, ein grandioser Anblick, wohnt man im zweiten Stock und hat einen 270-°Ausblick auf den Mehringdamm und den Friedhof gegenüber dem Finanzamt. Der Verkehr geht fast geräuschlos vor sich, gedämpft durch die Schneemassen.

    Die sind es aber auch, die neben der erhabenen Schönheit kolossale Probleme aufwerfen. Ich mache in meinem Erker meine Zigarettenpausen. Dabei beobachtete ich zwangsläufig die Aktivitäten der BSR (Berliner Stadtreinigung). Kaum war der erste Schnee gefallen, rasselten die Schneekehrmaschinen über die Rad- und Fußwege. Toll! Beim zweiten Schnee kehrten sie nur noch die Fahrradwege. Jeden Morgen waren die Radwege bar jeden Schnees; seitlich häuften sich die Schneeberge, natürlich auch dorthin, wo die Fußgänger gehen sollen.  Doch, sie kehrten auch noch die Fußwege, wobei sie hier aber eher den alten Schnee feststampften, der dadurch glatt wurde. Was Wunder, dass nun die Fußgänger alle auf dem Fahrradweg liefen. Sicherlich, Berlin ist dabei, eine Fahrradstadt wie Amsterdam zu werden. Dass aber den (besonders im Winter) zahlenmäßig unterlegenen Radfahrern der Weg auf Kosten der stattlichen Menge Fußgänger besonders gut geräumt wird, weiß wohl nur der Vorstand der BSR.

    Heute stand eine alte Dame hilflos an einem Fußgängerüberweg(!), vor sich Schneehaufen, dann der geräumte Radweg und der andere Schneehaufen. Die Fußgängerampel war lange grün. Die Dame stand und schaute sich ratlos um. Zwei junge Männer erkannten die Situation der Dame und hoben Sie über die Schneehaufen. Da war die Ampel auf rot umgeschlagen. Freundlich warteten die jungen Männer und geleiteten sie beim nächsten Grün auf die andere Straßenseite, wo sie die Dame wieder über die Schneehaufen hinüberhoben.

    Die Hauseigner scheinen sich alle im Urlaub zu befinden, denn die Hauseingänge sind (wie letztes Jahr) eisbedeckt, wie auch Teile des Fußweges durch die Vorarbeit der seltenen Kehrmaschinen. Die ersten privaten Reinigungsfirmen haben bereits das Handtuch geworfen. Noch vor dem Schnee beobachtete ich (natürlich vom Erker) unseren Hausbesitzer mit einem Herren einer Reinigungsfirma, wie sie die Flächen vor seinem Besitz gestikulierend abschritten. Das war das erste und einzige Mal, dass ich den Herrn sah.

    Trotz Vorankündigung der Wetterdienste kam der Schnee wohl zu plötzlich, vielleicht ist ja auch ein immenser Krankenstand bei der BSR daran schuld, die Hausbesitzer waschen ihre Hände in Unschuld – sie haben die Schneebeseitigung ja „outgesorced“ – und das Ordnungsamt hat kein Personal, zu prüfen, ob die Hausbesitzer ihrer Pflicht nachkommen.

    Dafür sehe ich täglich Personal der BVG am U-Bahnhof Mehringdamm den Zugang und die Treppen von Schnee und Eis befreien. Vorbildlich!

    Wir haben vorgesorgt und uns (im Sommer!) anschallbare Spikes gekauft.

    Schöne weiße Weihnachten!

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  • egot24 22:51 am 14. December 2010 Permalink | Antworten
    Tags: Feigheit, Hoffnung, , Sprüche, Toge, Yoga   

    Ich habe heute . . . 

    -Sammlung unorthodoxer Sprüche- © Toge Schenck

    1

    Ich habe heute

    alle meine Ichs zusammengerufen

    Eines darunter kannte ich noch nicht

    2

    Ich habe heute

    mir mit großem Mut

    meine Feigheit eingestanden

    3

    Ich habe heute

    eine Entdeckung gemacht:

    Es ist nicht die Zeit, die vergeht,

    wir vergehen

    4

    Ich habe heute

    eine weite Reise gemacht:

    Ich ging in mich

    5

    Ich habe heute

    meine Anschauung

    Gestern hatte ich deine

    6

    Ich habe heute

    ein Urteil gefällt:

    Über ein Vorurteil

    7

    Ich habe heute

    eine Festrede gehört:

    Der Redner redete sich fest

    8

    Ich habe heute

    mein Mitleid mit dem Adler des Prometheus gefunden:

    Wenn die Götter schon einen von ihnen leiden lassen müssen,

    sollten sie wenigstens dem Adler eine Abwechslung der Kost gönnen

    9

    Ich habe heute

    bemerkt, dass Wortwiederholungen,

    wohlbemerkt Wortwiederholungen

    einen bedeutenden

    sehr bedeutenden

    Eindruck machen

    10

    Ich habe heute

    gemerkt,

    dass alles, was man sich merkt,

    man auch wieder vergessen kann

    11

    Ich habe heute

    versehentlich die Zeitung von gestern gelesen

    Alles war mir neu

    12

    Ich habe heute

    meine Frau erinnert,

    dass sie mich an etwas

    – was war es noch? –

    erinnern sollte

    13

    Ich habe heute

    einen Fang gemacht

    einen Anfang

    14

    Ich habe heute

    Bescheid bekommen

    dass mir ein Bescheid zugehen wird

    Jetzt weiß ich Bescheid

    15

    Ich habe heute

    eine Bank überfallen

    Zuerst stand sie im Wege

    doch dann labte ich auf ihr meine Wunden

    17

    Ich habe heute

    eine Weisheit aufgeschnappt

    Ich stand gerade da

    wo sie versprüht wurde

    18

    Ich habe heute

    den Teufel gesehen

    Er trug eine Maske:

    sie sah aus wie Gott

    19

    Ich habe heute

    auf der Straße eine Göttin erblickt

    Ihr Mann erzählte mir

    von ihren Sünden

    20

    Ich habe heute

    eine Rechnung vom Finanzamt bekommen

    Es rechnete mit mir

    Aber ich nicht mit ihm

    21

    Ich habe heute

    Leben gerettet

    Indem ich keinem Befehl folgte


    22

    Ich habe heute

    meine alten Notizen gelesen

    Sie waren so neu

    23

    Ich habe heute

    einen Engel geküsst

    Als er ging

    sah ich seinen Pferdefuß

    24

    Ich habe heute

    eine Litanei gelesen

    Sie war sagenhaft

    weil inhaltslos

    25

    Ich habe heute

    eine Nacht durchgemacht

    die Nacht blieb davon unberührt

    26

    Ich habe heute

    den Anfang  gemacht

    Das Ende

    kommt von alleine

    27

    Ich habe heute

    alleine schöne Stunden erlebt

    Einsam ist man durch Andere

    alleine ist man von selbst

    28

    Ich habe heute

    die Welt entdeckt

    aber sie nicht mich

    29

    Ich habe heute

    leichtfüßig ein Leben zerstört

    Vielleicht war ich im letzten Leben

    auch eine Ameise

    30

    Ich habe heute

    kein Kleinstlebewesen zertrampelt

    ich schwebte vor Glück über den Dingen

    31

    Ich habe heute

    einen Fund gemacht

    Einen Goldfund

    nämlich Dich

    32

    Ich habe heute

    eine erstaunliche Frau neu erlebt

    Sie trägt ihr Schicksal

    nämlich mich

    33

    Ich habe heute

    einen ausgesprochen

    freundlichen Taucher getroffen

    er tauchte gerade aus der Spree auf

    und hatte mich in seinem Arm

    34

    Ich habe heute

    vergessen, dass man vergessen kann

    als ich ankam, wusste ich nicht mehr,

    was ich dort wollte

    35

    Ich habe heute

    einen Traum verwirklicht

    einen außerordentlichen Alptraum

    36

    Ich habe heute

    neue Leute kennen gelernt

    es waren ziemlich viele alte Leute dabei

    37

    Ich habe heute

    einen Weg gefunden

    morgen zeigt sich,

    ob es der richtige war

    38

    Ich habe heute

    eine neue Welt entdeckt

    es war Deine

    39

    Ich habe gestern

    mich selbst erlebt

    heute war ich noch anders

    40

    Ich habe heute

    einem Bettler Geld gegeben

    wer weiß, wer morgen mir was zustecken wird

    41

    Ich habe heute

    keine neue Erfahrung gemacht

    vielleicht machte ich sie schon gestern

    42

    Ich habe heute

    einen deutlichen Schock erlitten

    Der Filmtitel verhieß

    „You live twice“

    43

    Ich habe heute

    mich mit meinem Leben angefreundet

    Als es mir Widerworte gab,

    feindete es mich an

    44

    Ich habe heute

    einen Weg gefunden,

    der mir zeigte,

    was morgen richtig sein könnte

    45

    Ich habe heute

    eine gute Erfahrung gemacht

    Ich habe den gutgemeinten Rat eines Bekannten in den Wind geschrieben

    46

    Heute habe ich

    eine seltene Erfahrung gemacht

    Ich war mit mir völlig im Einklang

    47

    Ich habe heute

    Lottogewinne verschleudert

    Nur das Lotto

    hat nicht mitgespielt

    48

    Ich habe heute

    frei

    49

    Ich habe heute

    einen Weg aus dem Ausweg gefunden

    er führte mich über den Umweg

    in den Abweg

    50

    Ich habe heute

    aufgehört zu rauchen

    Morgen ist ein neuer Tag

    51

    Ich habe heute

    kein Auge zugemacht

    weil ich morgen keines zudrücken wollte

    52

    Ich habe heute

    mir einen neuen Rechner bauen lassen

    Er rechnet tadellos

    nur nicht mit mir

    53

    Ich habe heute

    sehr Großes gespürt

    Die Welt hat mich geküsst

    Da hab ich mich aus dem Staub gemacht

    54

    Ich habe heute

    unglaublich viele Leute

    beim Marathon beobachtet

    auf mich hat keiner der Läufer geachtet

    55

    Ich habe heute

    Gedichte versucht

    Gemein, verrucht

    Stundenlang

    Doch der Versuch scheiterte,

    das Papier blieb weiß

    56

    Ich habe heute

    die ganze Nacht

    meiner liebsten Frau

    ein Gedicht geschrieben

    ich will sie ewig lieben

    Nur beim Morgentau

    war mir dann doch flau

    ewig war mir zu lang

    auch war ich viel zu bang

    So ließ ich es schlicht

    mit dem Gedicht

    57

    Ich habe heute

    einen Fremden getroffen

    der mich in mir unbekannter Sprache etwas fragte

    ich verstand nicht –

    Muss ich ihm fremd vorgekommen sein!

    58

    Ich habe heute

    einem Mathematiker auf den Kopf zugesagt,

    dass er Mathematiker sei

    Er antwortete, diese Tatsache entspräche nicht

    der Wahrscheinlichkeitsrechnung

    59

    Ich habe heute

    gezweifelt,

    ob man manche Zweifel

    nicht bezweifeln sollte

    60

    Ich habe heute

    mein Fahrrad bewegt

    Mir tat es auch ganz gut

    61

    Ich habe heute

    eine lange Weile nichts getan

    Mann, war ich danach fertig!

    62

    Ich habe heute

    eine Feststellung getroffen:

    Ich habe festgestellt,

    dass das, was man leichthin fest stellt,

    bei leichter Brise wieder umfallen kann

    63

    Ich habe heute

    meine Schwerfälligkeit bemerkt

    im leichthändig Geld ausgeben

    64

    Ich habe heute

    tief geblickt

    und war

    hoch beglückt

    65

    Ich habe heute

    ein Problem gelöst:

    ich hab es einfach ignoriert

    66

    Ich habe heute

    eine fremde Visitenkarte

    achtlos in die Schublade gelegt

    • Wo mögen eigentlich

    alle meine Visitenkarten geblieben sein?

    67

    Ich habe heute

    ein Auge zugedrückt

    Es wäre besser gewesen

    ich hätte weggesehen

    68

    Ich habe heute

    sehr tief ins Glas geschaut…

    Am Grunde sah ich mich selber

    69

    Ich habe heute

    Wiedersehen gefeiert

    Die Fotos zeigten mich als Jüngling

    70

    Ich habe heute

    bei einem Streit zwischen Vegetariern

    deren Augen beobachtet

    Sie blitzten kannibalisch

    71

    Ich habe heute

    einen Ferrari überholt

    Er klebte am Baum

    72

    Ich habe heute

    meine Beine unter den Arm genommen.

    Es war mein erster und letzter Besuch

    beim Yoga-Training.

    73

    Ich habe heute

    schallend gelacht.

    Ich hatte mich an einen Witz erinnert,

    den ich noch nicht kannte.

    74

    Ich habe heute

    eine Biografie gelesen.

    Es war die kürzeste bisher,

    sie bestand nur aus einem Wort: „Klatsch“

    Das Ausrufezeichen hatte die Eintagsfliege

    schon nicht mehr erlebt.

    75

    Ich habe heute

    in der Nordseestadt Leer

    einen Füller mit Tinte gefüllt.

    Vorher war es ein Leerer.

    76

    Ich habe heute

    an meinem Stecken Dreck entdeckt.

    Mein Steckenpferd hatte Durchfall.

    77

    Ich habe heute

    einen Hamburger gewienert.

    Daraufhin hatte er Blankenese.

    78

    Ich habe heute

    gänzlich versagt

    nämlich mir ein Besäufnis

    79

    Ich habe heute

    ein Wunder vollbracht:

    Ich habe ein Paradoxon erfunden,

    welches es nicht gibt

    80

    Ich habe heute

    eingesehen,

    dass Einsicht die Aussicht hat

    wie Einsichtigkeit auszusehen

    81

    Ich habe heute

    mein Fahrrad zum Psychiater gebracht

    Es hatte ein Rad ab und somit nicht alle beisammen

    82

    Ich habe heute

    in Essen mein Essen nicht gegessen

    Dies werde ich Essen nie vergessen

    83

    Ich habe heute

    Urlaub

    84

    Ich habe heute

    einen Handschuh gefunden

    den anderen hatte ich vor vier Wochen

    fortgeworfen

    • vorläufiges Ende

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