An der Tonne


2015-12-21

An der Tonne:
Margarethe
Wir kamen vom Abendessen im „Primavera“, wo wir -dank lauer Witterung- zum Kaffee
draußen gesessen hatten.
Getrennte Wege ab der Kreuzung Mehringdamm, meine Tonne rief ebenso laut wie Ingrids
Bett. Kaum war ich im BX, kam Ingrid von den getrennten Wegen hinzu und meinte, ihr Bett
riefe bei weitem nicht so laut wie meine Tonne und sie möchte noch einen Wein. Freut mich
doch! Draußen, an der Biertonne stand eine junge Frau. Sie nannte sich Margarethe.
Ich denke sofort an das Gretchen von Goethes Faust. „Heinrich, mir graut vor Dir!“
Die Geliebte vom Heinrich stand also neben uns. Was sie im Leben tat, wollte sie uns nicht
enthüllen. Ich vermutete, sie zu einer Arztpraxis gehörig zu finden. Meinst du, ich bin eine
Praxisgehilfin? Nein, sagte ich und dachte, sie wäre evtl. Ärztin.
Sie sprach viel und ließ Unterbrechungen nicht zu: Warte, warte, warte, und Stopp, ich bin
an der Reihe und ähnliche Bemerkungen liefen ab, wenn mal was zu ihren Äußerungen
hinzugeben wollte. Ihre Sprache war gewähltes Berlinerisch, genauer gesagt Potsdamerisch.
Alles sehr verbindlich und scheinbar nicht auf sich bezogen. Sie, mit ihren 40 Jahren wusste
alles, was auf der Welt passiert und konnte es auch auf ihre Weise darstellen. Alles auf sich
selbst bezogen. (Auf wen denn auch sonst?)
Im weiteren Verlauf des Abends begab es sich, dass ein orthopädisch behandelter Mann in
bestem Alter dazu kam und sie sich durch ihr Fachwissen outete. Ärztin hatte ich ihr schon
abgesprochen, da sie (kassen-) ärztlich sehr unorthodox sprach.
Ein 23-jähriger gesellte sich zu uns und überzog uns mit seinen beflissenen, 23-jährigen
überfließenden Gedanken. Margarethe widmete sich ihm, hörte ihm auch sekundenweise zu,
tat aber das ihrige, um ihn von der Schöpferkraft ihres Alters zu überzeugen. Er wird schon
noch die Ansicht ändern, dass er keine Verantwortung tragen will, wie er sagte. Allerdings
blieb er bei seiner 23-jährigen Anschauung.
In solchen Fällen zucke ich die Schultern und meine, er wird seinen Weg schon gehen
müssen, welchen auch immer.
Sie stieß wie ein Adler immer wieder auf ihn hinunter. Er lachte. (Was will ich mit deinem 40-
jährigen Geschwätz?).
Überzeuge mal Jugend vom Alter oder Kriminelle vom Gesetz!
Keiner kennt das Andere und will es meist auch nicht wissen.
Das Schöne am Abend: Eine selbstbewusste Frau, redegewandt, etwas eigentümlich,
trinkfreudig und eigentlich liebebedürftig. Vielleicht zu selbstbewusst, zu selbstbezogen,
keiner hat sie bisher zu knacken vermocht (ihr Innerstes!). Sie wünscht es sich, wie sie mir
sagte. Dann gab sie mir eine tiefe Umarmung. Sie ist ja auch lieb, wenn auch eigentümlich
und sonderbar. Aber wer ist das nicht?
Menschen sind schon eine eigene, herrliche Spezies.