Alte Dame an der Tonne


2015-12-28
Die alte Dame und die Tonne
Nein, nicht spät abends war es, als ich mal an der Tonne vorbeischaute.
Tochter und Mutter? Oder Enkelin und Großmutter?
Die Alte sprach mit klarer Stimme und ziemlich bestimmt. Oder bestimmend? Ich hörte
nebenbei das Gespräch der Damen. Obwohl man auf die alte Dame herabschauen musste,
konnte man, was ihre Aussagen betrafen, zu ihr hochschauen. Sie war wohl 1m 60 hoch,
schaute gerade mal über die Tonne hinweg.
Ihre deutlichen und klar vernehmbaren Äußerungen hatten etwas von Schliff an sich. Die
Tochter, oder wie sich später herausstellen sollte, eine Freundin, sprach ebenso korrektes
Hochdeutsch. Und das mitten in Berlin. Thema war der Mehringdamm, besonders diese
Stelle zwischen Curry 36 und Mustafas Dönerkebab. Ab und zu war sie, die ältere Dame,
hier und hatte hier auch schon manches Bier getrunken. (Später erfuhr ich, es war Malzbier).
Sie schaute gerade hinaus in die Welt hinein und höher, als man es ihr zutrauen mochte.
Irgendwann mischte ich mich (ungefragt natürlich) ein. Die blitzeblanken Äuglein strahlten
mich an, als ob sie fragen wollte, wer sind Sie denn, der mich ungefragt anspricht. Wer je in
diese Augen geschaut hat, musste wissen, dies ist ein glasklarer Mensch mit glasklaren
Ansichten.
Dann lachte sie hell und sagte, sie würde mir beileibe nicht ihr Alter erzählen.
Das tat sie dennoch, denn sie warf ins Gespräch, 1924 sei sie geboren. Hab mich total
verrechnet und hielt sie für 81; Mensch, dachte ich, und dann so gut drauf!
Nichts, was sie sagte, war belanglos. Alles hatte Sinn und Klarheit. Auch die Freundin war
desselben Schlages, wenn auch um zig Jahrzehnte jünger.
Alles, was ich vorher oben im BX und innendrin erfahren hatte, verblasste vor dieser kleinen
Person mit großer Persönlichkeit.
Burk hatte uns innen seine Weltsicht erklärt, mit Bernd hatte ich große Themen gestreift,
vorher, oben, war auch nicht viel los, doch hier draußen, an der Tonne freute sich die Welt
durch die kleine, ältere Dame.
In Ilmenau geboren, der Stadt, für die unser alter Goethe Bergbau-Beauftragter wurde,
Weimar ist um die Ecke. 28mal weilte Goethe in dieser Stadt. Sie ist absolut sehenswert, das
Gasthaus Zur Post liegt zentral und ist empfehlenswert, Gastronomie eingeschlossen.
Jedenfalls, als wir dort waren.
Nun, das focht unsere ältere Dame nicht an, denn sie war in jungen Jahren nach Osnabrück
ausgelagert worden und hat kaum noch Erinnerungen an Ilmenau. Ständig schaute sie mit
ihren blitzenden Augen zu mir hoch. Keine Brille, kein Hörgerät, standhaft und
selbstbewusst, draußen an der Tonne.
So möchte ich in ihrem Alter auch noch sein – falls ich es erreiche!
Und noch draußen an der Tonne stehen können!
Möglichst mit einem Bier.
Mal sehen.