Harry Belafonte – eine kleine Erinnerung an einen großen schwarzen Amerikaner


Wir hatten im September 1992 ein tolles Erlebnis:
Mich (meine Agentur) hatte die Werbeagentur der Telekom angerufen (welche damals von einer staatlichen Institution zur GmbH gewandelt wurde) mit der Frage, ob ich ihnen Harry Belafonte mit Band und noch andere Künstler für einen Gastauftritt in Dresden besorgen könnte, wohin sie ihre Top-Geschäftskunden einladen wollten. Er sollte singen (was sonst). 15 Minuten. Ich sagte ja, kann ich versuchen.
Jetzt begann ein Marathon an Telefonaten. Schließlich sprach ich mit Steven Jones (Ohio), der nicht der Manager, aber sein technischer Leiter war. Wochenlange Verhandlungen, wer, was, wie, warum, wohin, etc. etc.
Dann kam die Zusage von Belafonte. Grandios!
$ 125 000 mit Band. Telekom sagte sofort zu.
Dann kam die Nachforderung: $ 25 000, weil sie vorher nicht proben konnten. Der Kunde stimmte notgedrungen auch dem zu.
Das war 1/2 Jahr vor der Veranstaltung.
Immer wieder Telefonate mit Steven Jones wegen Einzelheiten, Flügen, Hotel etc. (Ein Anruf muss einem in Erinnerung bleiben, weil Steven sagte, das Bett des Keyboarders müsse verstärkt werden, da er sattes Übergewicht hätte). Kein Problem, sagte das Hotel.
Das Problem (aber unseres) war: Das Geld für den Auftritt muss 4 Wochen im Voraus vor Auftritt in den USA eintreffen. Glücklicherweise zahlte uns der Kunde auch entsprechend im Voraus.
Ankunft Technik: sechs Tage vor Ankunft von Harry und der Band. Steven Jones und ein Begleiter – heißt, mit einem Schwarzen im Ossiland:
In jedem Lokal, das wir betraten, begann betretenes Schweigen. Wie sollte das werden, wenn dann 20 Schwarze in Dresden einfallen!? Wir unter uns verstanden uns prächtig, gingen gemeinsam aus und lächelten über die Reaktionen um uns herum.
Drei Tage später: Eintreffen von Harry und Band.
Einen Tag zuvor saß ich mit dem Leiter des Flughafens zusammen und wir besprachen, wie man die Ankunft dieses Superstars geeignet regeln kann. Ich wollte, dass wir Belafonte direkt vom Flugzeug abholen könnten, ohne Check-In, ohne Formalitäten. Es waren keine schwerwiegenden Verhandlungen, im Gegenteil, ganz locker, man wusste noch, wie es zu Zeiten Honeckers zuging. Der Chef, begeistert, einen Weltstar zu empfangen, sagte OK und regelte alles.
Apropos regeln: Gegen 04:00 nachts klingelte mein Handy. Los Angeles war dran: Management von Harry Belafonte. Sie bestehen darauf, dass ich dafür sorge, dass Harry ab Ankunft Personenschutz bekäme. In Wismar seien zwei seiner Brüder zusammengeschlagen worden. (Brüder der Hautfarbe). Tief nachts, in einem Hotel in Dresden Wachschutz besorgen für den nächsten Morgen!
(Und was ist mit der Band? – Es waren immerhin 20 teils farbige Personen! – Die sollen sich wohl selber schützen. Aber die Managements kümmern sich ausschließlich um den Star – der davon keine Ahnung hatte (!!) und, als er es erfuhr darüber smart lächelte).
Am nächsten Tag standen wir am Flughafen bereit mit einem Mercedes 600 (mit Fahrer), einem Mercedes-Van für die Security, einem Bus für die Band und einem Wagen fürs Gepäck und die Instrumente. Vor uns standen zwei Fahrzeuge vom Flughafen mit blinkendem Rotlicht. Einer setzte sich vor uns, einer hinter uns. Dann ging’s aufs Rollfeld. Die Maschine war gelandet. Leute stiegen aus und gingen durch unsere Karawane hindurch zum Bus, der sie zum Schalter brachte.
Dann kam Harry Belafonte mit seinen Leuten. Ich begrüßte ihn, und er und seine „Rechte Hand“ bestiegen den 600er. Meine Frau kümmerte sich um die Musiker und die Gepäckverladung. Als alles OK war, fuhren wir los: Der vordere Flughafenwagen mit Rotlicht, der Mercedes 600 mit Harry, der Van mit der Security, der Bus mit den Musikern, der Gepäckwagen und der hintere Flughafenwagen mit Rotlicht. Die Karawane schoss mit ungebremster Geschwindigkeit zum Hotel, nicht achtend der Ampeln – nach alter Gewohnheit der DDR bei prominenten Besuchern.
Während der Fahrt erzählte ich Mr. Belafonte davon, dass weder die Beatles noch die Stones die musikalischen Lieblinge meiner Frau in ihrer Jugend waren, sondern er, Harry Belafonte, seine Musik und im Besonderen „Try to remember“. Das sollte noch Folgen haben!
Im Hotel, nach atemberaubender Fahrt, standen alle (ich betone alle!) Bediensteten des Hotels in einer Reihe, um Harry Belafonte zu begrüßen.
Mir zeigte man das extra befestigte Bett für den Keyboarder.
Dann kam ein Tiefschlag. Harry sagte, er müsse heute noch nach München, um jemanden zu besuchen. Ich wusste, wen er besuchen wollte: Seinen Manager in Deutschland. Übermorgen Abend ist die Veranstaltung und Harry ist mal eben nach München geflogen. Meine Frau und ich hielten die Luft an. Was, wenn ihm irgendetwas passiert? Übermorgen steht der Kunde da und will die Performance.
Wir wussten die Rückkunftszeit und waren am Flughafen. Der Flug kam verfrüht und war bereits gelandet, als wir auf dem Rollfeld ankamen. Mit dem 600er mit Fahrer. Der Flughafenbus war bereits voller Passagiere. Wir hielten direkt hinter dem Bus. Da winkte mir eine Hand aus dem Rückfenster des Busses zu. Nix wie hin. Es war nicht die Hand Harry Belafontes, sondern die eines ostdeutschen Promis (unter uns, es war Gunther Emmerlich), an dem ich glatt vorbei lief und vorne im Bus unseren Harry bescheiden sitzen sah.

Am Abend – er hatte mit seinen Musikern gespeist – trafen wir uns noch und er wollte mehr über deutsche Armbanduhren in der Auslage des Hotels wissen – natürlich bei der Verkäuferin, die ihm ihre Telefonnummer gab und ihm anbot, sie auch nachts noch aus dem Bett zu klingeln.
Tief in der Nacht ging bei mir das Telefon. Nicht die Verkäuferin, nein, Steven war dran, man wolle ihn nicht proben lassen!
Raus aus dem Bett und hin in den hässlichen „Kulturpalast“ (den die Telekom schon Tage vorher für einen gewaltigen Umbau ausgekauft hatte). Dort war heilloses Missverständnis. Die aufgebrachten Techniker Belafontes glaubten, sie würden benachteiligt, weil sie schwarz wären, der deutsche Techniker sagte, er sei einfach zeitlich noch nicht so weit mit der technischen Einrichtung. Wogen langsam geglättet – alles OK.
Der nächste Abend:
Der Auftritt war ursprünglich für 15 Min. konzipiert, wurde dann auf „normale“ 45 Min. erweitert, fand aber den Zuspruch der Gäste derart, dass, obwohl sie auf ihr Abendessen warten mussten, sie lieber Harry Belafontes Musik und – ganz besonders – seiner zehnminütigen Ansprache lauschen wollten, allein seinen Auftritt auf 90 Minuten ausdehnten (plus lang anhaltendem, donnernden Applaus!).
Es waren noch andere Künstler dort (u.a. Desirée Nosbusch, Viktor Laszlo etc.). Kurz, ein toller Abend, mit Musik, TV-Schaltungen der Telekom rund um die Welt zu Auslandsjournalisten in Moskau, Paris und Los Angeles (was bei der Probe überhaupt nicht geklappt hatte) und manchen Überraschungen. Die Telekom wollte sich eben darstellen.
Der Heimweg zum Hotel gestaltete sich wegen der Wegkürze so, dass wir gemeinsam die Strecke zu Fuß gingen, doch gab es eine Besonderheit: Da ich Mr. Belafonte verraten hatte, welches der Lieblingssong meiner Frau war, schlich er sich auf dem Heimweg hinterrücks an sie heran und sang ihr diesen Song ins Ohr („Try to remember“ mit Wiederholung!). Unvergesslich!
Dann traf man sich später gemeinsam im für uns reservierten Restaurant. Künstler, Sänger, Moderatoren, Musiker und eben wir. Neben den genannten Künstlern waren außerdem Nina Corti, die Gipsy Kings und das Fernsehballett im Saal. Wir saßen über den Raum verteilt.
Als man gegessen hatte, klimperte einer der Musiker mit der Gabel (oder war es das Messer?) an seinen Teller. Sofort kam die Antwort von einem anderen Tisch. Dann klimperte an unserem Tisch Harry Belafonte Antwort. Viktor Laszlos Musiker stimmten ein und es begann eine Session durch den ganzen Saal hindurch. Die Bedienungen standen mit offenem Mund und wussten nicht, was das zu bedeuten hatte. Harry Belafonte begann zu singen, andere fielen ein, es war ein gemeinsames Konzert im Speisesaal, welches die Öffentlichkeit nicht hörte, niemals würde hören können.
Die Stimmung war unbeschreiblich, unwiederholbar. So glücklich können nur Künstler unter sich sein.
Harry war zugetragen worden, dass Viktor (übrigens eine Frau) heute Geburtstag hätte. Harry ging zu ihr an den Tisch und im nu waren sie verschwunden . . .

Im Keller gab es eine Disco.
Dort trafen wir die Band wieder, die tanzte, was das Zeug hielt, besonders einer und der äußerst gekonnt, so wie es nur Neger können: Der überschwere Keyboarder mit dem verstärkten Bett. Fasziniert schauten wir zu. Als Harry Belafonte dann später zu uns stieß, nahm keiner groß Achtung davon. Steven allerdings kam zu mir und bat mich nach draußen. Dort bat er mich um eine Zigarette für sich und seine Kollegen, die schon dort warteten und bat mich dringend darum, dies nicht Harry zu erzählen, denn der sei militanter Nichtraucher und alle hatten geschworen, nicht zu rauchen. So standen wir zu fünft und rauchten meine Zigaretten.

Die Abreise war unspektakulär. Man checkte ein, wir umarmten noch einmal Harry Belafonte, er besonders meine Frau und dann war das Ereignis gelaufen.
Einmal sahen wir uns noch wieder, Jahre später, in Frankfurt am Main in der Messehalle, anlässlich eines seiner Konzerte. Wir hatten Gästekarten, saßen hervorragend, hatten noch einmal Kontakt zu Steven und Harry.

Das war’s mit Harry Belafonte – genug für ein Leben!

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