Antholz, Axel und der Müll – eine exotische Reise in den Wintersport


Es war wohl im Jahre 1990, ganz sicher aber im Winter, als ich eine Postkarte von Axel erhielt. Axel, ein sehr eigener Mensch, der es sogar fertigbrachte, mit frisch gekauften Turnschuhen einen Marathon zu versuchen, der mit einer Fackel nachts um dir Krumme Lanke in Berlin lief, dieser Axel hatte mir in seiner nicht sehr alltäglichen Art eine Postkarte gesandt mit dem Hinweis auf den demnächst stattfindenden Biathlon in Antholz (landessprachlich Anterselva, Norditalien) und seinen Wunsch geäußert, dort doch einmal in seinem Leben dabei sein zu können.
Es gelang mir, aus Frankfurt am Main ihn in Regensburg telefonisch zu erreichen und wir machten aus, dass wir gemeinsam nach Antholz fahren wollten. Er solle sich dann und dann bereithalten, gepackt haben, denn ich wollte ihn für drei Tage Antholz einladen. (Er war derzeit joblos – also auch zeitlos abkömmlich).
Ich hatte in der Pension Gruber in Antholz-Niedertal zwei Einzelzimmer bestellt, meinen Mercedes gesattelt und brauste früh nach Regensburg. Abends wollten wir in Antholz sein. Zum ersten Male sah ich seine Einzimmerwohnung in einem Hochhauskomplex. Karg eingerichtet. Er  meinte, er müsse noch etwas erledigen, er wäre erst abends fertig und wir könnten ja die Nacht noch bei ihm übernachten und am nächsten  Morgen fahren. Meine Erwähnung, ich hätte bereits das Hotel bestellt, überging er mit seinem Lächeln. Ich wartete im Kneitinger, dem berühmten Brauhaus mit riesigem, bayrischem Gasthof, bis er seine Erledigung vollbracht hatte. Wir tranken noch ein Bier, spielten eine Partie Schach und dann durfte ich auf einer Gästematratze schlafen.
Am nächsten Morgen hatte er wieder eine Erledigung vor und ich frühstückte in einem Café.
Als er dann endlich kam, luden wir seine Sachen ein. Etwas ungewöhnlich – wie alles bei unserem Freund – hatte er statt eines Koffers zwei blaue Müllsäcke bereit, in der seine Dinge verwahrt waren. Die verstauten wir im Kofferraum. Etwas wunderte mich, dass er zu einem dünnen hellblauen Hemd, einem Jackett und einer Stoffhose lediglich normale Straßenschuhe anhatte – fuhren wir doch in ein Wintersportgebiet.
Schnell waren wir in Antholz. Dort herrschte tiefer Winter, die Straßen waren zwar schneebefreit, doch es war mächtig kalt. Wir checkten spät nachmittags in der Pension ein, die ich vorher von unserer verspäteten Ankunft unterrichtet hatte. Wir bezogen unsere Zimmer, er mit seinen beiden Müllsäcken, ich mit einer Sporttasche, worin ich weitere kälteschützende Klamotten hatte. Wir speisten fürstlich, an Bier fehlte es nicht und auch die Schachpartien, die wir uns immer schon geliefert hatten, waren köstlich.
Am nächsten Morgen wollten wir nun endlich die Pisten besuchen, die höher gelegen bis an die Grenze zu Österreich führten. Es gab einen Shuttlebus nach oben.
Beim Frühstück sah ich Axel wie am Tage zuvor in Hemd, Jackett, Hose und Straßenschuhen. Willst du nochmal hochgehen, dich umziehen? Nein, ich bleibe so. Wie bitte?
Es stellte sich heraus, dass er wirklich nichts mitgenommen hatte außer der Kleidung, die er trug. Und was ist in den Mülltüten? Ja, die habe ich gerade eben in den Müllcontainer vor der Pension geschmissen. Und was war da drin? Mein Müll aus Regensburg . . .
Typisch Axel! Dazu sein Lächeln.
Da ich noch Kleidung hatte, gab ich ihm Schuhe und eine Winterjacke. Eine weitere Hose hatte ich nicht dabei.
Und so fuhren wir mit dem Shuttlebus zum Biathlon.
Dort suchte sich Axel einen Stehplatz auf einem Plateau mit Sicht auf die Schießstände, unweit des Zieles. Ich wollte beweglich bleiben und mir Stellen suchen, an denen man mal dieses und jenes sehen kann. Während ich mal das Schießen beobachtete, mich dann durch den Schnee zum Zieleinlauf machte, wo Béla Réthy die Sportler interviewte, dann mal auf die Strecke ging, höher hinaus, wo ein Gasthaus an der Strecke stand und man essen und trinken konnte, stand Axel wie angewurzelt an seiner angestammten Stelle. Ich versuchte ihn zu bewegen, einmal davon herunter zu kommen, um ihn auf einen Glühwein und eine Bratwurst einzuladen, nein, er ließ sich nicht beirren. Er stand und fror und schaute.
Nach Beendigung des Biathlon an diesem Tage stakste er offensichtlich verfroren neben mir her und als ich in den Bus talabwärts fahren wollte, sagte er, er würde das kleine Stück laufen. Gewiss angeregt durch die Leistungen der deutschen Damen im Biathlon wollte er sich nicht lumpen lassen und auch eine Leistung erbringen.
Ich stieg auch eine Station vor der Pension aus und schaute mir die überwältigende Ansicht am Antholzer See an und spazierte mir die Füße warm. Nach einer Stunde kam Axel in der Pension an. Er ging duschen – ich nehme an, ziemlich heiß.
Es war Nachmittag. Nach einer weiteren Stunde kam Axel herunter in die Wirtsstube. Nun tranken wir mal ein Bier gemeinsam. Wir ließen uns das Schachbrett geben und spielten hingebungsvoll einige Partien. Der Gastraum füllte sich und es begann nach Abendessen zu duften. Also nahmen auch wir unser Abendmahl ein. Axel hatte besonders großen Hunger. Dann noch ein paar Partien Schach, einige Biere und ins Bett.

Der nächste Tag verlief wie der erste. Axel auf seinem Stellplatz, ich unterwegs. Der einzige Unterschied: Er fuhr diesmal auch mit dem Shuttlebus abwärts.

Ergebnis: Axel hatte erfolgreich seinen Müll erstmals in Antholz versorgt.

© Toge Schenck 2012

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