Karneval der Kulturen am Mehringdamm 2011


Ein spezieller Ein- und Ausblick von oben.

Es war schon heftig, die Musik von gegenüber, von nebenan, von rechts und links, von dort und da – alles auf  „unserem“ Mehringdamm, dem „Ku’damm von Kreuzberg“. Die letzten Jahre war der Mehringdamm am Pfingstsonntagnachmittag zwar auch für den Verkehr gesperrt und war als Zwischenspurt zwischen dem Festplatz und der Umzugsmeile genutzt. Sicher hatte der eine oder andere anliegende Gewerbetreibende ein paar Cocktails angeboten, ein bisschen eigene Musik vorm Haus, da stand auch mal ein Eiswagen.

Der Mehringdamm war noch befahrbar, die Massen strömten von der U-Bahn zum Festplatz, dem Blücherplatz. Wie jedes Jahr.

Etwas war jedoch anders:
Der Spätkauf des Metropol Hostel baute auf der Ecke links in der Einfahrt neben dem Finanzamt ungeheure Mengen Alkoholika auf, hinter der Einfahrt rechts baute ein wohl Privater ein Musikzelt und meterweise Getränkeangebote auf, auch ein Grill qualmte, wie nur ein Grill qualmen kann. Laute Musik erscholl aus der Einfahrt.
Samstag war in der Einfahrt große Party.

Sonntag: Gegen 14:00 Uhr wurde –wie jedes Jahr- die Kreuzung Mehringdamm gesperrt, aus den U-Bahnstationen quoll jede Menge Schaulustiger, um sich an der Umzugsmeile Gneisenau-/Yorckstraße noch ein Plätzchen zu sichern.

Das Gewusel der Leute nahm zu, einige gingen zum Festplatz andere kamen zurück, alles ganz entspannt. Immer mehr Bierflaschen in den Händen immer jüngerer Leute, Zeitgeist, Zeitungeist – wer weiß. In Holland ist das verboten und wird schwer geahndet, wie uns Holländer erzählten.

Sonntagmittag bahnte sich etwas Neues an:

Zusätzlich zur Einfahrt wurden nun ca. 20 m Tische entlang des Finanzamtes aufgebaut, Kisten geschleppt, zwei Grillstationen angeschlossen, Fähnchen gehängt.

Das Gedränge nahm zu, ebenso der Lautstärkepegel der Musikanlagen gegenüber. Bald sollte noch ein anderer Pegel steigen, einige begannen schon mit der Einleitung, manche mögen ihn auch schon jetzt erreicht haben.

Eine solche Party wie hier gegenüber, gab es noch nie – die Straße war voll wie noch nie.

Die Straßenreinigung sollte um die Situation seit Jahren wissen, sie hätte vielleicht vorsorglich einige große Müllcontainer aufstellen können. So aber sind alle Müllbehälter überfüllt, der Abfall liegt am Boden und wo schon was liegt, wird kräftig dazugeworfen. Viele suchen ja nach Abfallbehältern, aber wenn keine da sind . . .

So sah es gegen 17:00 Uhr aus:

Nein, mit der Lautstärke hatten (wir zumindest) kein Problem. Doppelfenster mindern. Und wir wissen schließlich, wo wir leben. Anders die Neuzugezogenen. Sie wollen mitten in einem tollen Kiez leben, aber ihre Ruhe haben. Sie sind für Lebendigkeit, aber nur dann, wenn sie es wollen. Da werden hier im Kiez Altbauwohnungen saniert und als Eigentum verkauft. Die Käufer hören von dem tollen Kiez, sollten sich vielleicht auch informieren, was und wie es da zugeht, aber nein, sie kommen z.B. aus Schwaben und wollen ihre schwäbische Ruhe im aufregenden Kiez. Kannste nix machen. So sind die Leute.

Letztlich ist es unbeschreiblich, was sich hier – unweit vom Festumzug (ca. 90 Meter entfernt) abspielte.
Es war eine Partymeile für sich, was sich in diesem Jahr hier entwickelte.
Auch zum Festplatz hin strömten noch die Leute:

Party en Gros, der Mehringdamm nicht mehr nur Zulaufsteg zum Umzug, sondern ein erheblicher Erlebnis- und Spaß-Laufsteg, der den Umzug gar nicht brauchte, für sich selber feierte und den grandiosen Festumzug einfach 90m links liegen ließ. Die Wogen tanzten im Hof des Finanzamtes, immerhin zu hörenswerter Musik und nicht das andauernd dumpfe DUM-DUM-DUM-DUM, wie es die Love-Parade stundenlang bereithielt.

Streetdancer und Akrobaten nutzten den Platz auf dem Mehringdamm und boten ein tolles Programm, auch eine junge Dame mit Fußball zeigte ihr ballartistisches Können:

Mit Braekdance, akrobatische Kunststücken, Artistik vom Feinsten unterhielt die Gruppe mit nur kurzen Pausen stundenlang das Publikum. Hoffe, sie fanden genug Anerkennung im herumgereichten Hut.

Immer neue Straßenhändler gesellten sich dazu, jeder wollte einen schnellen Euro verdienen:

Gegen 20:00 Uhr war die Party gegenüber heißgelaufen, der Müll tat sein Bestes, sich zu verbreiten:

Mehringdamm voller Leben.

Und die Flaschensammler hatten alle Hände voll zu tun:

Das Wetter war gut, die Stimmung noch besser und so ließ man sich häuslich nieder, tratschte, sang und verbreitete gute Stimmung.

Viele blieben bis spät in die Nacht.

Einige vom Umzug suchten noch einen Umtrunk:

Den fanden sie ganz bestimmt noch.

Jetzt wurde es dunkel, aber feiern kann man auch dann. So taten es noch einige.

Mal kurz aus dem Fenster geschaut (01:56): Jede Menge noch los, keine Volksaufläufe mehr, eher Gelblicht der Straßenreinigung, Blaulicht von Polizei und Rotkreuzwagen (wohl Schnapsleichen), Menschen, die von Hand die Fußwege vom Müll befreien.

Je später die Nacht, desto promilliger, ach was, prozentiger die Dauertrinker.

Und schon gab es Zoff! Geschrei direkt vorm Haus. Ich konnte beobachten, wie die Polizei geschwind auf den Herd des Geschehens zulief: „Spätkauf 36“, der kästenweise Bier vor der Haustür verkauft und – natürlich – Caipi.

(Wie die zu ihrem Namen kamen, ist unklar, weder ist es die Hausnummer 36 noch der Stadtteil „Kreuzberg 36“, vielleicht in Anlehnung an „Curry 36“?).

Genau beim „Spätkauf 36“ hatte sich eine Gewaltaktion entwickelt. Ein BRAVO für unsere Polizei, ca. zwölf Beamte (Abteilungen A2, A3) waren rasch zur Stelle, trennten wohl sieben ineinander verkeilte Streithähne schnell und sauber voneinander, zwei Frauen schrien noch vor Angst. Ein Großes Lob der Polizei. (Ich habe mit Absicht keine Fotos gemacht).

Nachdem alles einigermaßen beruhigt war, stellten sich einige Unbeteiligte, dafür Besoffene, Bierflaschen schwenkend in sicherer Entfernung hin und provozierten die Polizei („Ich kenne den, der Deine Frau fickt!“). Die Beamten reagierten überlegen und ruhig, gingen auf die Deppen gar nicht ein. So schnell sie gekommen waren, waren die Beamten nach der Klärung wieder weg. Hochachtung!

Gelblicht der Straßenreinigung, etwas Blaulicht der Polizei und dreier Rettungswagen (wohl nur Schnapsleichen). Und überall noch kleine Grüppchen Unermüdlicher in Feierlaune. Die Gespräche wurden deutlich lauter, die Bewegungen fahriger. Flaschenklirren.

Irgendwann waren die einzigen Geräusche die der Straßenreinigung.

Montags war alles wie geleckt.

© Toge Schenck 2011

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