Berlin Kreuzberg, Finanzamt


Wer liebt schon sein Finanzamt? Man liebt seine Kinder, seinen Job und vielleicht auch seine Frau.

Das Finanzamt ging mir nie durch den Kopf, keinen Gedanken verschwendete ich daran. Warum soll ich auch einen Gedanken an irgendein Amt aufbringen?

Bis ich jemanden traf. Beim Bier in der Kneipe, natürlich im Bierexpress am Mehringdamm, direkt neben Curry 36. Erst hatten wir uns nix zu sagen, dann fing einer von uns an, über Wetter, das Bier oder waren es die Preise?

Er erzählte, er lebe mit Blick auf das Finanzamt. Ein wunderschönes Finanzamt. Früher sei es eine Kaserne gewesen, ein schöner Bau mit Türmen und Schießscharten, ein Bau der Abwehr. Heute sei es eben Finanzamt, ein Bau der Einnahme.

Es dauerte eine zwanzigstel Sekunde, bis ich den Witz verstand.

Und er wohnte gegenüber, ständig den Blick darauf, auf seine Türme, dessen mittlere zwei Fahnenstangen beherbergten. Daran hingen, manchmal flogen sie auch, Fahnen. Die deutsche und die berliner Fahne, an allen Feiertagen, bei Staatsbesuchen und wichtigen Anlässen. Er habe sich immer gefreut, wenn die Fahnen im Winde wehten, wenn er aus seinem Fenster schaute; dann hätte er immer gewusst, ah, jetzt ist ein Feiertag oder ein Staatsbesuch. Und da das Finanzamt auf der Strecke vom früheren Flughafen Tempelhof zum Regierungsviertel lag, konnte er sicher sein, nichts zu verpassen. Zum Beispiel die langen Eskorten von Polizisten auf Motorrädern, irgendwo dazwischen ein schwarzes Fahrzeug (da saß wohl der Prominente drin oder es war ein Trick und der gefährdete Prominente war in Tegel gelandet und fuhr mit der U-Bahn zum Kanzleramt), jedenfalls gewann er dem Anblick des Finanzamtes mit seinen Fahnen einen Mehrwert (Finanzsprache) ab und genoss ihn.

Er schaute mich an und ich sah, wie seine Stirn in Falten ging.

Dann, sagte er, war es Herbst, Scheißwetter, das Finanzamt sah zum Kotzen aus, der Sturm rüttelte an meinen Fenstern. Da sah ich, wie einer der beiden Fahnenstangen im Sturwind wankte, was heißt wankte, sie schwankte hin und her, ich dachte schon, sie würde den Turm umreißen. Ich suchte die Nummer vom Finanzamt, ließ mich mit der Verwaltung verbinden, schilderte meine Beobachtung, sagte dass die nördliche Fahnenstange aber ganz bedrohlich schwankte und ich es ja nur gut mit dem Finanzamt meine.

Er schwieg und zündete sich eine Zigarette an, da wir im ersten Stock des Bierexpress saßen, in der Raucherlounge.

Er wartete auf mein UND? Als es nicht kam, erzählte er trotzdem weiter:

Ab sofort wurden keine Fahnen mehr aufgehisst. Der Hausmeister hatte fahnenfrei.

Nach drei Monaten aber geschah es, dass mein Bierkumpan beobachtete, dass drei Leute auf den Türmen herumkraxelten, wild gestikulierend, hoch und runter zeigend, Maßbänder zückend, wichtig auf diesen und jenen Punkt deutend.

Was soll die Geschichte, die er loswerden will, dachte ich und bestellte mir automatisch noch ein Bier.

Dann, sagte mein Kumpan, dann, nach weiteren zwei Monaten sah ich ein Batallion von Arbeitern auf dem Dach und dem Turm des Finanzamtes. Sie stoben nur so herum, einige bauten die Fahnenstangen ab, andere waren tüchtig mit anderen Dingen beschäftigt. Auf der Straße vor dem Finanzamt fuhr ein Kran auf. Er hievte zwei nagelneue Fahnenstangen hinauf und holte die alten herunter. Dann hievte er andere, zunächst unkenntliche Dinge hinauf.

Er sah mich traurig an und bevor ich ihm ein Bier bestellen konnte, bestellte er selber eines.

Langweilig? fragte er mich. Nein, um Gottes willen!

Dennoch redete er weiter: Als es fertig war, was die da angestellt hatten, sah ich, dass zwei neue Fahnenstangen da standen und zwei Treppen mit Geländer, die vorher nicht da waren, damit man leichter an die Anknüpfungspunkte für die Fahnen kommt. Ich freute mich. Ab jetzt werde ich wieder Fahnen flattern sehen und wissen, es ist Feiertag oder Staatsbesuch!

Wie fragend blickte er zu mir.

Jetzt fragte ich: Und?

Er machte eine Kunstpause und sagte dann: Seit drei Jahren sehe ich keine Fahne auf dem Turm. Die nördliche Fahnenstange wackelt bei Wind immer noch bedrohlich und rumort im gesamten Hause, die Treppen sind nie bestiegen worden, der Hausmeister hat lebenslang fahnenfrei. Dafür haben sie in der Zwischenzeit das Dach neu gedeckt und das gesamte Gebäude ein halbes Jahr innen und außen frisch renoviert.

Dann sagte er resignierend: Das Konjunkturpaket II machte es möglich.

Und – nach einer Pause: Kein Wunder, es ist ja das Finanzamt, da sitzt ja die Kohle.

Komm, sagte er, ich lade dich zum Bier ein, irgendwie muss das ja über unsere Steuergelder wieder reinfließen! Ich habe das Finanzamt so geliebt!

Leider habe ich ihn nicht wiedergesehen.

Man hat mir später erzählt, er sei der ehemalige Hausmeister des Finanzamtes gewesen.

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