Ein Sommernachtsgraun


(frei nach Shakespeare) © Toge Schenck 1982
anlässlich der Aufführung einer Jugendbühne

Personen:

Hein Bruch – Glaser
Nikolaus Zettel – Drucker
Fränzi Pneu – Reifenprofilierer
Friedrich Flick – Schneider
Thomas Schwitz – Schweißer
Holger Span – Schreiner

VORSPIEL

Zettel: Mein lieber Span, lass es Dir sagen, nur die Kunst macht aus uns wahre Menschen. Alle Probleme eskalieren ins nichts vor ihr, sie ist ein wahres Refektorium, zugleich forciert sie uns aufs neue.

Span: (stottert) D-du hast l-leicht reden.

Zettel: Ja, Reden ist meine Passionierung, meine Leidenschaft.

Span: Mi-mir scha-schafft es n-nur L-leiden.

Zettel: Wenn Du ho-ho-hobeltest, wie Du sprichst, wärst Du ein schlechter Schreiner. Wie geht’s Geschäft?

Span: Besch-besch-bescheiden.

Zettel: Wie bei mir. Das Druckerhandwerk ist zum Tode verurteilt. Denn, wie der Dichter sagt:

Wer schon ein Buch hat, kauft sich keines mehr.
Wer jetzt noch schreibt, der lässt es besser bleiben,
denn durch den Rundfunk und den Fernseher
erfährt man so und so, was Leute treiben.

Na, wie war ich?

Span: Besch-besch-beschämend gut.

Zettel: Sicherlich. Aber was nützt mir eine artifizielle Tendenz, wenn sie sich nicht explodieren kann vor einem unmäßigen Publikum, was nützen die schönsten Perlen, wenn sie keiner einzigen Sau vorgeworfen werden? Lass uns ein Theater gründen!

(Geräusch zersplitternden Glases)

Ah! Der Glasermeister. Schon von weitem glasklar zu erkennen.

Auftritt
Bruch: Zum Teufel, dass ich mich auf ein solches Handwerk einließ. Ich hätte Schreiner werden sollen, wie Du, Span.

Zettel: Kein Mensch könnte dann durch Deine Fenster hindurchsehen und Du würdest auf ihnen sitzen bleiben, Bruch.

Span: D-d-da hat er recht.

Auftritt
Pneu: Was war das für ein Höllenlärm? Ach so, Bruch! Seid gegrüßt. Span, Zettel. Wieder auf der Suche nach einer Muse? Nach welcher heute?

Zettel: Nach einer die mich unanständig, äh – unablässig küsst.

Bruch: Wie wärs mit Thalia?

Span: Kenn ich die Da-dame?

Bruch: Wohl kaum, die Musen lebten im alten Griechenland.

Span: Und solch a-alte Scha-scha-schachtel will er kü-küssen?

Zettel: Durchaus, denn solch ein Kuss, der transpiriert enorm. Und da wir alle künstliche Handwerker sind, beschloss ich, auf die Idee zu kommen, wir bilden ein theatralisches Theater.

Bruch: Na, der Kuss hat gesessen!

Pneu: Nicht schlecht. Wir brauchen nur ein Stück.

Zettel: Ein Stück und auch ein Publikum!

Pneu: Bruch, hast Du nicht neulich erzählt, Du hast ein Stück verfasst?

Bruch : Nun ja, eher ein Stück-chen – zu meiner Schulzeit . . . Doch ist mir die Idee, noch bevor ich sie hatte, schon gestohlen worden, von einem englischen Dichter.

Zettel: Egal – wir führens auf!

Span: Und wa-wann? und w-wo? und vor we-wem?

Zettel: Ich habe gehört, in interpolierter Kürze trifft sich hier ein Publikum – ganz zufällig – und vielleicht können wir ihm, wenn es sowieso schon da ist, das Stück heimlich vorführen?

Bruch : Das klingt vernünftig. Versuchen können wir es.

Span: In Kürze, da-das ist ja schon ba-bald! Wie sollen wir das schaffen?

Zettel: Wir verteilen heute noch die Rollen, geht das, Bruch?

Bruch: Das geht. Wir brauchen noch zwei Schauspieler dazu. Vorschläge?

Zettel: Ich kann auch Doppelrollen spielen. Mein Talar reicht für zwei!

Bruch: Im Stück kommt keine Doppelrolle vor!

Zettel: Ich mach auch die Regie!

Bruch: Die kommt im Stück auch nicht vor. Zwei Schauspieler noch!

Pneu: Wie wärs mit dem Schneider Friedrich Flick, der ist sehr gut im Verstellen und macht skandalöse Szenen.

Bruch: Gut. Flick nehmen wir.

Pneu: Dann wäre da noch Thomas Schwitz, der Schweißermeister, der hat ein ausgeprägtes Rollenverhalten, außerdem kann er ausgezeichnet den Dummen spielen wenn’s drauf ankommt und im Mimen von Kranksein macht er uns allen etwas vor.

Bruch: Einverstanden. Ich schreib ihn auf die Liste. Span, du sagst den beiden Bescheid, wir treffen uns in zwei Stunden hier zur Rollenverteilung.

Span: (stottert) Ich glaube, es ist besser, du machst das selber, denn ich schaffe das nicht in der kurzen Zeit.

Bruch: Hast recht.

alle ab bis auf:

Zettel: Ich mach auch die Dramaturgie, das dramatische Element hat mich schon immer drangsaliert und aspiriert. Mein entymologisches Sprachgefühl ist mir implanat und drängt spontan und ambulant aus mir heraus.
Der Reim ergibt sich mir profan
die Sprache hats mir angetan
die Wortwechsel sind penetrant
im Referiern bin ich galant
im Profundieren auch charmant
im Coloriern sehr obsolet
das Performiern mir bestens steht.
Ich kann den Tölpel wie den Held
katastrophieren wies gefällt
die Stimm erheb ich katatonisch
im Leisen bin ich telefonisch
das Lispeln züngelt sich brachialisch
im Wispern stamml ich bestialisch
die Gesten drängen spastometrisch
die Mimik zeigt sich unfrenetisch
im Sprunge zeigt sich apokryph
nomenklaturisch wie ich lief
wenn einer Alles kuliniert
ist er fürs Schauspiel präforiert

(ab)
-Ende Vorspiel-

Akt 1:

Bruch: Sind wir alle da?

(Rufe: Ja, ich bin da, ja, ich, ich auch!!)

Zettel: Halt, so geht das nicht! Ich präponiere, wir annoncieren uns interpunktuell und-

Bruch: Herr Druckermeister Zettel! – Bitte!!

Zettel: Also, ich schlage vor, wir haken uns gleich- und gegenseitig auf der Liste ab, damit jeder, der nicht präsentiert, also nicht da ist, sich zu erkennen gibt.

Bruch: Hier ist die Liste, die jeden nennt, der geradezu geeignet ist, im Festspiel mitzuspielen, das wir am Feierabend – das heißt, am Feiertage abends – aufführen wollen.

Zettel: Doch erst und primär, lieber Glasermeister Bruch, kündige uns im Abfluß die Handlung, dann rufe die Namen derer, die dort agitieren und komm zu Stuhl.

Bruch: Die jammernswerte Komödie von Pyramus und Thisbe mit greulicher Todesfolge.

Zettel: Ein starkes Stück, und ich assimiliere, es ist ein lächerliches dazu.
Nun ernenne die jämmerlichen Mitwirker. Meister, verbreitert euch.

Bruch: Antwortet, wie ich rufe. Nikolaus Zettel, der Drucker.

Zettel: Deklassiert mir die Rolle und dann apostrophiert weiter.

Bruch: Du spielst Pyramus.

Zettel: Oh! Wer ist Pyramus. Ein Liebhaber oder ein Verbrecher?

Bruch: Ein Liebhaber, der mörderisch liebt und sich höflich ersticht.

Zettel: Wenn ich das akkumuliert spiele, wird das Tränen fördern, und wenn ich dabei voll interveniere, muss das Publikum seine eigenen Augen fixieren: Ich werde Stürme ausüben und massiv lamentieren. . . Jetzt zu den anderen. Doch meine Protenz ist mehr tyrannischer Natur: Als Herkules brillierte nur so mein kostbares Genie. Oder in einer Rolle, die alles kurz und klein schlägt.
„Wie ein Felsen zitternd rüttelt
und das Schloss im Gitter schüttelt,
es erbricht – und unvermittelt
öffnet trübes Kellertor,
so bereist am Strahlehimmel
galoppieret Phöbus‘ Schimmel
laut und leise mit Gebimmel,
bringt den Tagesheld hervor.“

Das war saftig! – Jetzt ernenne die restlichen Aktionäre. Das war eines Helden bürtig – ein Liebhaber ist immer bedauerlich.

Bruch: Fränzi Pneu, der Reifenpolierer!

Pneu: Hier, Herr Bruch.

Bruch: Du mußt es mit der Thisbe aufnehmen.

Pneu: Wer ist Thisbe? Ein streitsüchtiger Ritter?

Bruch: Das ist das Mädel, das Pyramus lieben muss.

Pneu: Nein, bitte keine Weiberrolle, mir kommt doch gerade der Bart!

Bruch: Dem tut das nichts. Du wirst mit einer Maske spielen und kannst Sopran sprechen wie du willst.

Zettel: Wenn Masken kontaminieren, lass mich die Thisbe auch spielen! Ich kann unverschämt fein reden, gebt Obacht: „O Pyramus, Geliebter mein, hier ist dein liebes Thisbilein!“

Bruch: Um Gottes willen! Du musst unbedingt bei Pyramus bleiben, Pneu bei Thisbe.

Zettel: Nun gut. Nun referenziert weiter.

Bruch: Friedrich Flick, der Schneidermeister!

Flick: Ja?

Bruch: Für dich ist Thisbes Mutter. – Thomas Schwitz! Der Schweißermeister!

Schwitz: Ja doch, hier!

Bruch: Du machst Pyramus‘ Vater, ich selbst bürde mir Thisbes Vater auf. Wo steckt der Schreinermeister Span? Du hast den Löwen auf der Rolle. So, ich glaube, das Stück ist untergebracht.

Span: (Stottert) Hast du den Text vom Löwen aufgeschrieben, bitte gib ihn mir, ich lerne so langsam.

Bruch: Das kannst du improvisieren, es ist nichts als Brüllen.

Zettel: Ich kann besser impromovieren. Lasst mich den Löwen auch noch spielen! Ich will brüllen, dass jeder vor Glück stirbt, ich will brüllen, dass es dem Publikum nach mehr verlangt und es deklariert: „Noch mal brüllen, noch mal brüllen!“

Bruch: Wenn du das allzu fürchterlich machst, verschreckst du die Damen!

Span: (Stottert) Das wäre unverantwortlich

Bruch: Span macht den Löwen.

Zettel: Aber ich kann meine Stimme so fokussieren, das ich sanft wie ein säugendes Täubchen brülle, ich will brüllen wie eine Nachtigall.

Bruch: Du kannst außer Pyramus keine andere Rolle spielen, denn Pyramus hat ein hübsches Gesicht, ist ein netter Kerl, der dem Sommerabend gut zu Gesicht steht, ein lieblicher Frauenheld. Du siehst, die Rolle ist dir auf den Leib gedrechselt.

Zettel: Gut, ich spiele sie. Aber in welchem Bart lege ich sie an?

Bruch: Ganz wie du willst.

Zettel: Dann werde ich ihn im strohfarbenen intimieren, oder im dreckig-orangenen, oder im ketchupfarbenen, oder im zitronen-senf-farbenen.

Bruch: Sieh nur zu, dass dir nicht vom Färben die Haare ausgehen und du mit nacktem Kinn dastehst. – Also, Leute, hier sind eure Rollen und ich bitte, ersuche, ermahne euch, flehe euch an, sie bis morgen Abend auswendig zu lernen. Wir treffen uns hier bei Mondschein zur ersten Probe.

Zettel: Ich konstituiere inzwischen eine Liste aller obligablen Requisiten.

Bruch: Ich bitte euch, seid pünktlich und lasst mich nicht im Stich.

Zettel: Wir werden uns ad hic präsentieren und dann wird eine Probe abheben, dass der Mond obszön wegschaut. Gebt euch Mühe seid perfektionär! Jetzt heißt es: bieg oder brich!

Akt 2:

Zettel: Seid ihr alle da?

Bruch: Bis aufs Haar. Der Platz ist bestens geeignet für die Probe, ein Prachtstück von Bühne. Die Spieler kommen von dort, und wir werden jetzt alles genau so ablaufen lassen, wie vor dem hohen Publikum später.

Zettel: Herr Bruch – wenn es konvertiert –

Bruch: Was willst du denn, du Sprechmaschine?

Zettel: Ich will aussprechen, was nicht anspricht in dem Pyramus-Stück: Selbiger Pyramus soll sein Schwert ziehen, um es kunstfertig und morbid in sich selber zu versenken (laut Ovid). Doch wird das den Damen kaum konzertieren. Was hast du darauf zu retournieren?

Bruch: Donner und Dorette, ein glitschiger Punkt.

Span: (stottert) Ganz einfach: Wir lassen das Totmachen weg!

Zettel: Elimentieren? – Keine Silbe! Mir prozessiert eine ganz neue Idee: Entwerfen wir einen Prolog und lassen ihn dementieren, dass unsere Schwerter keiner Fliege was zu leide tun können und dass Pyramus ja gar nicht wirklich stirbt, besonders nicht, wenn wir versichern, dass ich, Pyramus, gar nicht Pyramus bin, sondern in Wirklichkeit Nikolaus Zettel, der Drucker. Das wird ihnen die Furcht verscheuchen.

Bruch: Gut, Verfassen wir einen solchen Prolog – in Versen und Reimen?

Zettel: Nicht doubeln, Verse genügen!

Span: (stottert) Ob die Damen sich nicht doch vor einem Löwen ängstigen?

Schwitz: Den Verdacht habe ich auch.

Zettel: Du bist immer gleich so verdächtig! Also gut, ventrilieren wir das ganze in Ruhe: Überlässt man die Damen einfach dem Löwen, könnte Weißgottwas geschehen, denn es gibt kein sittenwidrigeres Wildbret als den Löwen, zumal lebendig. Man muss mit allem rechnen.

Schwitz: Ganz einfach: Ein zweiter Prolog sagt, dass es kein Löwe ist.

Zettel: Besser, man nennt seinen Namen, und sein Gesicht ist im Schlund des Löwen sichtbar und er versucht so oder so den Irrtum zu konzidieren „Gnädige nächtliche Damen“ oder „Schöne, reichhaltige Damen, ich möchte nicht versäumen, dass sie etwa vergessen und Angst verspüren, denn ich gäbe mein Leben darum. Wenn sie glauben, ich wäre schon als Löwe zur Welt gekommen, wäre es das Ende meines Lebens. Nichts dergleichen bin ich ein Mann, und Männer kennen Sie bereits“. Dann stellt er sich vor und empfiehlt sich als Schreiner.

Bruch: So kann man es machen. Doch gibt es noch zwei harte Nüsse zu knacken: Wie bekommt man den Mond auf die Bühne, denn Pyramus und Thisbe sollen sich im Mondschein begegnen.

Span: Scheint der Mond noch, wenn wir spielen?

Zettel: Einen Kandelaber, einen Kandelaber!

Flick: Ja, genau! Im Kandel-, im Kalender steht, er scheint am Abend.

Bruch: Gut, dann lassen wir denn Vorhang offen und geleiten den Mond hinein.

Zettel: Man könnte aber auch jemanden in der Maske eines Dornbuschs expellieren lassen, mit einer Laterne in der Hand, der sich zum Entsteller des Mondes erklärt und postuliert sich stationär.

Bruch: Dann ist aber auch noch dieser Punkt: Wir brauchen eine Mauer auf der Bühne, denn Pyramus und Thisbe lieben sich durch den Ritz in einer Wand.

Schwitz: Im Leben nicht, schaffen wir’s, eine Mauer auf die Bühne zu tragen!

Zettel: Einer von euch muss die Wand präventieren, und hat er sie richtig verputzt mit Leim und Mörtel, ist sie vergegenwärtigt. Dann soll er mit den Fingern seinen Schlitz aufhalten, wodurch die beiden flüstern können.

Bruch: So könnte es seine Ordnung haben. Stellt euch hierher, ihr Ausgeburten eurer Mütter und probt eure Rollen. Pyramus, du beginnst. Wer seinen Text aufgesagt hat, geht nach hinten, woher ihr auch auftretet nach eurem Stichwort. Pyramus und Thisbe, kommt vor.

Pyramus: „Wie blütensüß dein Atem zu mir stinkt“

Bruch: Dringt, Junge! Dringt!

Pyramus : „. . . . . . dein Atem zu mir dringt. Ich sehn mich nach dem Arm der mich umschlingt. Ich höre eine Stimme hinter mir. Ich geh mal weg und bin gleich wieder hier.“ (ab)

Thisbe: Bin ich jetzt dran?

Bruch: Ja sicher bist du. Verstehe: er geht nur ab, um sich einen Krach anzuschauen, den er hörte, und kommt dann wieder.

Thisbe: „Berauschter Pyramus in weißer Lilien Pracht,
du rosenrote Nelke, hängst am Strauch
wie eines Steinmetz Bild zum Preis der Nacht.
Du bist ein Pferd so treu und gut im Bauch.
Ich treff dich Weib, beim Barte des Propheten. . .“

Bruch: Halt! Stop! „Beim Grabe des Propheten!“ Aber das ist nicht dein Text, Kerl, das sagt doch Pyramus zu dir. Du haspelst das Stück in einem hinunter, springst in andere Rollen. Pyramus, he, Zettel! Dein Auftritt, das Stichwort war schon längst: „treu und gut im Bauch“

Pyramus: Ich bin schon da! Doch Meister Bruch
fürs Erste ist es hier genug
Der Platz ist nicht stellar belaubt
Die Tropfen prallen mir aufs Haupt
Wenn ihrs nicht merkt, so also wisst
dass es aus vollen Kannen pi-nkelt
die Haare stehn mir abgewinkelt
mir schlottert schon mein Beingerüst.
Lasst uns im Hüttchen weiterproben
Nicht nur das Gute kommt von oben.

Bruch: Wolln wir hoffen, dass in einer Stunde der Wetterdienst die Wolken verschoben hat, sonst findet sich nie und nimmer ein Publikum ein.

alle ab

Akt 3:

Alle kommen lärmend auf die Bühne, Zettel sieht auf seine Armbanduhr.

Zettel: Verdammt, der Wecker hat Regen inhaliert! Vielleicht ist mehr als eine halbe Stunde intraveniert! (Blickt gegen Scheinwerferlicht ins Publikum)
Stop. Ruhe. Mich fleucht, das Publikum ist bereits präventiert.
Da sitzen doch Leute oder interniert mich das grelle Licht?

Bruch: Richtig. Das scheint das angesagte Publikum zu sein, das rein zufällig hier heute anwesend sein soll. Sagte ich es euch nicht?

Span: Pu-Pu-Publikum? Schei-scheint so als sitzt es schon da.

Zettel: Reversiert euch, zurück hinter den Auftritt, vielleicht haben sie uns noch nicht insistiert.

Schwitz: Bestimmt nicht, denn wenn wir sie kaum sehen, wie sollen sie uns sehen bei so viel Gegenlicht.

Bruch: Zettel, es wird Ernst! Du beginnst. Mit dem Prolog.

(alle ab bis auf)

Zettel: Verflixt, den wollte ich noch auswendig expirieren, bevor das Publikum kommt. Nun habe ich ihn nur partinös, marginell im Präsens.
Ich muss ihn ablesen.

(Bruch macht ein Zeichen)
Moment. Ich muss mich nur kurz exsculptieren

(zieht einen Zettel aus der Tasche und blättert ihn umständlich auf)
Mein Name gewinnt an Gestalt.

1.Prolog

Zettel: Wenn wir mißfallen ist‘s aus gutem Willen
Wir meinen‘s äußerst gut mit euch Auch nicht
die kleinste Freude soll euch fehlen im Stillen
hoffen wir daß euchs am Spaß gebricht
zu keiner Zeit seid ihr mit Lust gefüllt
es fallen auch die Tränen, werdet sehn,
das Künstlerauge strahlt, es hat erfüllt.
Verführet steht ihr da Und das Verstehen
versteht sich selber Daß wir fertig sind
zeig ich euch hiermit an Wer wagt, gewinnt.

(Zettel in den Hintergrund – Bruch Auftritt, die anderen neben Zettel)

2.Prolog

Bruch: Macht euch die Neugier glühn, was dort geschieht?
Ich klär euch auf, damit ihr nicht erschreckt.
Der da ist Pyramus, wie man leicht sieht,
und Thisbe ist im prächt‘gen Kleid versteckt.
Der Herr mit Leim und Mörtel voll behängt,
ist Wand, und hat das Liebespaar zu trennen.
Ihr Schlitz ist jene Hand die so verrenkt,
durch den sie Dinge stammeln, die den Mund verbrennen.
Der Busch mit Arm und der Laterne dran – seht auch den Hund!,
der Busch ist ihm vonnöten –
verewigt Mondenschein, denn der vernahm die Liebenden
beim Grabe des Propheten.
Doch dort, ein ungetümer Löwe scheucht – weil sie allein, noch ohne ihren Held – klein Thisbe fort, sie trippelt und entfleucht, worauf ihr Mantel, plumps, zur Erde fällt.

Jetzt kaut das blutge Maul vom Löwen stumm
mit Wollust auf dem teuren Mantel rum.
Dann findt jung Pyramus die Fetzen rot
und glaubt vertilgt die Thisbe treu und brav,
drauf säbelt er die Brodel-Brust sich tot
und Thisbe kommt und glaubt, sie sieht nicht recht
greift seinen Dolch und fällt in ewgen Schlaf.
Dies alles zeigen euch in aller Breite
im Spiel und in der Rede diese Leute.

SPIEL

Wand: In diesem Spiel ist es vonnöten,
daß ich, Schwitz, muß die Wand vertreten.
Und diese Wand, das merkt euch bitte,
hat auch ein Loch in ihrer Mitte,
wodurch die Thisbe und der Pyramus
versuchen neben Flüstern manchem Kuß.
Der Mörtel, auch Bewurf genannt,
versichert euch: ich bin die Wand.

Und meine Finger ich so halt,
damit ihr seht, das ist der Spalt.

Pyramus: O Nacht, O Nacht, so schwarz verfärbt, du bist immer nur dann da, wenn der Tag nicht ist! O Nacht, aach Nacht, so höre meine Bitte:
Vernäh‘m ich doch schon Thisbes Trippelschritte!
Und Wand, O Wand, du lieb – und süßlich Wand!
Warum mußt man dich hierher grade baun?
O Wand, reich mir die staubge Mörtelhand,
zeig mir dein Loch, denn ich will dich durchschaun.
O liebste Wand, bist mir das beste Stück!
Ich seh etwas! Doch Thisbe seh ich nicht.
Du schlimme Wand, du bringst mir heut kein Glück!
Na wart! Ich schlag dir mitten ins Gesicht!

Thisbe: Lieblichste Wand, so oft hast du geächzt,
wenn Pyramus den Abschied nahm von mir,
wenn meine Zung‘ nach Pyramus gelechzt,
und wenn mein Haar verklebte fest an dir.

Pyramus: Ein Stimmchen naht sich mir und ich will gehen,
ob durch den Schlitz ich Thisbes Mund kann sehn.
Thisbi o Thisbilein.

Thisbe: Geliebter Py! Bist dus? Ganz sicherlich?

Pyramus: Glaub, was du willst, doch ich versichere dich,
ich bin dir Romeo und Julia.

Thisbe: Und ich, bis ich verende, Helena!

Pyramus: O küss mich durch den Schlitz, ich bin betört!

Thisbe: Ich dring nicht durch, die blöde Wand da stört.

Pyramus: Wir holens nach, beim Grabe des Propheten.

Thisbe: Ich trab gleich los, ich will mich nicht verspäten.

(am Grabe des Propheten)

Löwe: Du zart Geschlecht, ihr fürchterlichen Frauen,
von Mäusen ganz verängstigt schon,
erbebt und zittert vor dem rauhen Ton
des Löwen, den ihr mächtig könnt hier schauen.
Ich geb’s ja zu, dass ich nur Schreiner bin,
kein böser Löwe oder gar Löwinn.
Denn trät ich grausam vor euch her,
ich hätt selbst Angst, das glaubt mir sehr.

Mond: Am Kopf hier oben seht die Hörner blitzen.
Ich bin ein Mond, das heißt, ich hab ei’n sitzen, äh –
Was ich sagen will, ist alles ganz simpel, und das heißt, die Laterne ist der Mond, das heißt, der Mond stellt die Laterne dar, und ich bin ein Mann und zugleich ein Mond mit einem Hund und einem Gehörn.

Thisbe: Hier ist das Grab, doch wo treibt mein Geliebter. . .

Löwe: (brüllt) Uuuuhhh! (Thisbe verliert Mantel, ab)

Stimmen: Gut gebrüllt, Löwe!! (Löwe zerreißt Mantel, ab)

Pyramus: Dank, liebster Mond, für deine Sonnenstrahlen,
die du so sorglos aus dir hast erpreßt,
dein buntes Licht erhellt mir meine Qualen,
zu finden, wo sich Thisbe suchen läßt.

Verdammt – mein Knie!
Steh auf – und sieh!
Welch grauenvoller Graus!
Ihr Augen, blickt.
bin ich verrückt?
Thisbe, wie siehst du aus?

Dein Mäntlein fein
ganz blutig – nein!
Ich sterbe noch vor Schmerz.
Du Schicksalsschnur
erdolch mich nur
erschieß, ertränk mein Herz!

Warum bautest du Löwen, o Natur?
Ein schnöder Löw hat Thisbe defloriert.
Sie ist – nein, war! – die reinste Kreatur,
die lieb- und leiblich hat die Welt geziert.

Stürtzt, Tränen, los!
Du Schwert, durchstoß
den Bauch dem Pyramo!
Ob rechts, ob links
das Herz – noch springts
nun sterb ich so und so.

Habs hinter mir
tot lieg ich hier
mein Seelchen fliegt zu Gott.
Der Mund macht schlapp
der Mond haut ab
tot bin ich, tot, so tot.

Thisbe:

Er schläft und träumt.
Was, tot? Mein Freund?
Steh auf, sag ich, steh auf!

Du sprichst so stumm,
bist tot – wie dumm!
Mein Gott, ich gebe auf.

Dein Lilienmund
dein Augenrund
so gelb im Mondenglühn

die Kirschennas
das Kinn so blaß
ihr Haare, schnittlauchgrün.

Herbei herbei,
ihr Parzen drei
legt kalte Hand an mich

Was soll ich tun
mit diesem nun
Schicksal, bist jämmerlich!

Zunge erlisch
Dolch mach und stich
in tiefen Busenschnee.

Adieu ihr Herrn,
Thisbe stirbt gern,
ade, au weh – ade!

Thisbes Mutter:
Oweh oweh – ich seh
meine Thisbe in Blutes Schnee

Thisbes Vater:
Ach du mein Gott!
Wir kamen flott
doch nicht in der Zeit
zu retten die Maid

Thisbes Mutter: Au wei au wei! Entfährt mir ein Schrei

Pyrams Vater:      Ei der Daus! – Alles ist aus! – Mir wird so ziemlich flau – wie sag ich’s meiner Frau?

(zum Publikum)
Doch Euch bitt ich,
seid nicht zittrig
Wars auch der Dramatik viel
es war doch nur ein Possenspiel
Es ist vollbracht
und nun gut Nacht
Das Spiel zu enden
klatscht mit den Händen!

-Ende-

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