Merzig – wer kennt Merzig?


Merzig, wer kennt in Berlin schon Merzig?
Doch, eventuell vom auffälligen Kennzeichen: MZG
Das klingt Berlinern nach einem Ministerium: Ministerium für Zentrale Gewaltenteilung, Ministerium Zukünftigen Gehorsams, Ministerium Zahlreicher Günstlinge oder Ministerium für Zugereiste etc.?
Merzig im Saarland hat etwas, was auch Berlin nicht verheimlichen kann: Einen Kreuzberg. Leider hat dies reizende Städtchen keinen Stadtteil mit diesem Namen. Es heißt überall Merzig. Außerhalb heißt es Wadern. Überhaupt zeigt es sich durchaus übersichtlich, allerdings mit eigener Brauerei, kein Wunder, gehörte Merzig doch ab 1816 zu Preußen. Womit der Bogen nach Berlin geschlossen ist.
Und so reisten vier Berliner nach Merzig, wobei man wissen muss, dass Berliner meist Zugezogene sind (und man lasse sich durch den erübten Tonfall nicht täuschen!). Das war schon zu Kaiser’s und vormals König’s Zeiten so („Berlin besteht zum größten Teil aus Breslauern“, hieß es um 1700, die beigeholten, weil verfolgten Hugenotten und die aus aller Herren Ländern hergelockten Söldnerscharen des „Soldatenkönigs“ taten das ihre, um Berlin zu „vergrößern“).

Nun also reisten die vier zugezogenen Berliner nach dem schönen Städtchen Merzig, welches vor Jahrhunderten schon unter dem Namen Marciacum den Römern höchst bekannt war, denn diese gründeten es, die Vandalen verwüsteten, die Österreicher verteidigten es vergeblich, die Franken besetzten und die Preußen befreiten es. Kurz gesagt: Wir besuchten also preußisches Land. Mit Brauerei.
Diese war aber nicht Hauptzweck und Ziel! Vielleicht nach der Vernissage. Ja, die bezaubernde Stadt Merzig machte eine Vernissage für einen verstorbenen Hamburger Künstler, der Berliner war. Mit dessen Bruder erschlossen wir drei als Entourage die Räumlichkeiten der Stadthalle, sahen, wie vortrefflich die Grafiken gehängt, die Lichter ausgerichtet und letztlich alles vorbereitet war für den Abend, da Oberbürgermeister und gar selbst ein Bundestagsabgeordneter aus Berlin die Eröffnungsreden halten sollten.

Anstrengend war die Fahrt und dann die Besichtigung, so dass wir danach geradeswegs ins nächste Gasthaus schlurften. Endlich Erholung, Trank und Speise. Denkste. Hier ist Merzig. Und in Merzig ist es wie in allen kleineren Städtchen: Essen erst ab 18:00 Uhr! Und es war erst 17:30. Nein, die Speisekarte gibt es noch nicht, erst ab 18:00 Uhr!
Könnte man denn vorher etwas trinken? Das gehauchte „Ja“ klang wie „Wenn es denn sein muss!“ Immerhin. Allerdings war das Essen dann Spitze.

Wie Eröffnungsreden sind, muss ich Ihnen nicht erklären. Das weiß Jeder. Aber nett waren sie doch, hat zum Beispiel der Berliner Abgeordnete neben seiner Erklärung, er wolle nicht verraten, welcher Partei er angehörte, aber es sei die einzig soziale, dann sich doch noch durchgerungen den Namen des Künstlers zu nennen. Dieser ist zwar schon tot, aber den Namen hat er immer noch. Nach 30 Minuten und drei Reden, wobei die letzte die würzigste war, da von einem persönlichen Freund des Künstlers gehalten, war die Eröffnung vollzogen.
Mindestens 286 Blitze waren den Kameras entschlüpft, 184 Räusperer waren getätigt und 122 Hände hatten sich schließlich rhythmisch zueinander bewegt. Jetzt gab es Wein und Wasser. Die warm gesessenen Stühle dampften ab, die höheren Persönlichkeiten ebenfalls, die Gäste sahen sich noch etwas um, bevor sie auch abdampften.
Dies nahmen wir zum Anlass, es ihnen gleich zu tun. Richtung war vorgegeben: Brauhaus.
Hier stieß der Berliner Abgeordnete noch einmal zu uns, um Merziger Braubier dem altgewohnten Berliner Schultheiß und Berliner Kindl entgegenzuhalten.

Es war Nacht, den Merziger Kreuzberg bekamen wir nicht mehr zu Gesicht.
Das wäre doch ein triftiger Grund, dies schöne Städtchen (samt Brauhaus) noch einmal zu besuchen, dies herrliche Örtchen an der Saar, wie hieß es noch – richtig: Merzig.

© *Toge*

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