Justiztheater


Betrachtung (2001)

Heute wieder mal eine mir unbekannte Ecke Berlins entdeckt. Dort, in der Littenstraße breitet sich ein Jugendstilbau aus, kein Haus, eher ein Palast mit monumentaler Front und grandioser Linienführung des Torsturzes wie auch des Giebels. Ich hatte das Gefühl, als müssen sich in seinem Inneren fröhliche Menschen bei fröhlicher Arbeit aufhalten: Eine Kunsthochschule, ein Ballettsaal, ein Theater. Hinter diesen Mauern quillt das Leben, wird gemalt, getanzt und gesungen.

Es ist das Landgericht. Die Fenster talarverhangen und das Hauptportal zugesperrt. Ein Schild weiß: Haupteingang dort! Eine unscheinbare Nebentür führt in Amts- und Gerichtssäle, in denen schwere Strafsachen verhandelt werden, in denen Handschellen klirren anstelle von Kastagnetten. Mit Theater hat es nur insofern zu tun, als dass mindestens die Hälfte der Darsteller in Kostümen auftreten, alle in Schwarz, mit oder ohne Samtkragen, nur die Sitzaufteilung lässt erkennen, ob Staatsanwalt, Verteidiger, Beigeordneter, Schöffe oder Richter.

Es besteht eine weitere Übereinstimmung zum Theater: Auswendig gelernte Sprüche, eingefleischte Texte, stehende Redewendungen, kaum die Möglichkeit zum Extemporieren; gleich dem Stagione-Theater: Jeden Tag dasselbe Stück, immer dieselben Mitspieler, auch die Komparsen ähneln sich und immer die gleiche Garde-Robe.
Schade um die schöne Fassade!

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