Trinken


Betrachtungen über den Berliner Durst

Man war eben eingetrunken. Wie ein Auto eingefahren, ein Sessel eingesessen und eine zu heiß gewaschene Jeans eingelaufen. Auf die Frage: Trinken Sie? antwortet man: Ja, aber nur . . .

Man wacht jeden Morgen mit klarem Kopf auf, außer man hat fremdgetrunken, also als Biertrinker Schnaps, als Weintrinker Frostschutz und als Abstinenzler zwei steife, aber was für steife Grog. Auf dem Weg zum Bad kann man kaum aus den Klüsen gucken, die Welt ist ein einziges wogendes Meer und das Orchester spielt ständig falsch und laut – bis man bemerkt, es stimmt sich ein, jedes Instrument probt einen anderen Teil der Partitur oder gar einer ganz anderen Oper. Man hält das Spiegelbild im Bad für den versoffenen Nachbarn von nebenan und wundert sich, wie schwer er sich tut, die Haarcreme auf die Zahnbürste zu bekommen.

Man kann sich kaum einkriegen, alles ist irgendwie lächerlich, die Schuhe schauen einen aus weit geöffnetem Mund an, die Hose war gestern noch viel länger, das Hemd geht ungemein handlich zu, nur die Jacke weigert sich irgendwie. Im Flurspiegel erblickt man wieder seinen Nachbarn, der sich gerade anschickt aus dem Hause zu gehen. Da öffnet sich die Küchentür und die aller-allerliebste, beste Frau von Welt kommt auf einen zu – und geht an einem vorbei. Kleinlaut singt man so freundlich es geht: Guten Morgen! Darauf hört man: Morgen? Hast du schon auf die Uhr gesehen? Es ist halb eins. Und ins Geschäft brauchst du auch nicht zu gehen, ich habe dich entschuldigt.

Trotzdem ist alles noch lächerlich, nur der spürbar sanfte Ernst deiner Frau gibt dir zu denken. Vielleicht hat sie Zahnschmerzen. Halb eins? Na und? Gestern war es auch zweimal halb eins und keiner ist dran gestorben. Du gehst ihr ins Wohnzimmer hinterher. Kaum hat sie dir einen Blick zugeworfen, sagt sie spitz: Ich würde mal meine Shorts ausziehen und deine eigenen Jeans dafür an. Na ja, das kann doch jedem mal passieren. Im Bad war es ziemlich dunkel. Dann, sagt sie, würde ich das Jackett einmal wenden, zuvor jedoch das Hemd richtig zuknöpfen. Falls du dir jedoch so gefällst, kannst du selbstverständlich so bleiben.

Spätestens nachdem du an dir heruntergeblickt hast, ist dir klar, woher die herrliche Stimmung und das gräuliche Orchesterkonzert herstammt. Dieter hat dir gestern wieder einen zuviel vom Uso eingeschenkt –  er sollte sich was schämen!

Doch das sind die Ausnahmetage. Normalerweise bleibt man bei seinen Leisten, trinkt Bier in und aus Maßen und alles ist OK. Natürlich raucht man zum Trinken. Es geht ja auch gar nicht anders. Die Ärzte erklären es einem ja dauernd: Alkohol erweitert die Blutgefäße. Das ist nicht gesund. Also muss man etwas dagegen tun. Das teuerste Mittel ist gerade recht: Nikotin, welches die Gefäße wieder auf das Normalmaß verengt. Spätestens hier wird einem klar, wie sehr sich der Staat um einen kümmert: Verböte er nämlich die Droge Alkohol, würden die Raucher an Gefäßverengung eingehen, verböte er die Droge Nikotin, geschähe dasselbe andersherum. Er lässt uns, seinen Bürgern, die Freiheit, mit seinen Gefäßen zu tun, was sie wollen. Aber damit wir nicht zuviel von beidem tun, legt er eine furchtbar hohe Steuer auf Nikotin und Alkohol, wieder ein Zeichen seiner Fürsorge. Denn von den Steuern zahlt er die Krankenhäuser, in denen wir dann entziehen müssen. Da sage einer was gegen den Staat!

Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, eingetrunken. So ab achtzehn oder siebzehn oder sechzehn Uhr hatte man sich gewiss sein Bier verdient, hart verdient, der Tag neigte sich und man hatte ja seinen Teil dazu beigetragen. Manchmal war auch die Hitze Schuld. Schweißgebadet ein kühles Helles mit wundervoller Schaumkrone, jetzt und auf einen Zug! Und im Winter, wenn es draußen scheißkalt ist und man auf dem Wege von der Haltestelle nach Hause an der warmen, anheimelnden Kneipe vorbeikommt . . . Was heißt vorbei? Da ist es Pflicht, sich kurz aufzuwärmen, ein, zwei Pils zu trinken und mit den Kameraden über die Fußballergebnisse zu fachsimpeln. Wo würde es denn mit unserer Wirtschaft, ach gar mit den ganzen Wirtschaften hinkommen, wenn wir uns nicht diesen kleinen Aufenthalt gönnen dürften.

Trinken ist für den Geübten kein Laster, keineswegs lästig, höchstens eine kleine, lässliche Sünde. Und drei Dinge braucht der Mann, ein Auto eine Frau und eine kleine Sünde. Alles Beigaben die das Leben lebenswert machen.

Und dann geschieht es: Ins Krankenhaus eingeliefert wegen einer nebensächlichen Lungenentzündung, hängt der arme Mann 10 Tage am Antibiotikum-Tropf, ohne Zigarette und ohne das gewohnte Bierchen, und soll ich euch was sagen, er hat es nicht einmal bemerkt. Ein bisschen rammdösig verliefen die Tage, er spürte es überhaupt nicht. Draußen knallte die Sonne im heißesten Sommer bislang – er lag auf seinem kühlen Bett und vermisste weder Auto noch Frau noch die kleine lässliche Sünde. Als seine Frau ihn besuchte, erzählte er von den zweiundzwanzig Ärzten, die sich nacheinander um ihn gekümmert hatten, von dem spannenden Buch, in dem ungeheuerliche Dinge passierten, er sprach schnell und schlagfertig, aus einem wohligen Schweben heraus. Seine allerliebste Frau erklärte ihm hinterher, er habe ein zähes Kauderwelsch –nun, von gesprochen konnte keine Rede sein – dahergelispelt. Im Normalfall wäre es sie angekommen zu fragen, ob er besoffen sei. Ein einziger Professor habe ihn untersucht und das Buch lag die ganze Zeit aufgeschlagen auf der ersten Seite, auf der gerade einmal 15 Zeilen bedruckt waren.

Als er nach 12 Tagen, alkohol- und nikotinentzogen aus der Krankenhaft entlassen worden war, unterbreitete ihm sein Arzt, dass eine Magenspiegelung, die man im Krankenhaus prophylaktisch vorgenommen hatte, ergab, dass unter Androhung von plötzlichem Bluterbrechen mit akutem letalen Ausgang ab sofort die innere Anwendung jeden Alkohols strengstens zu unterlassen sei.

Selbst kleinste Mengen dieser für den Normalbürger lebensnotwendigen Droge könnten das abrupte Ende herbeiführen, in Cognacbohnen oder auch in sogenanntem alkoholfreien und doch beschwipsten Bier. Der Mann konnte es erst nicht glauben. Was? Ich, keinen Alkohol mehr? Überhaupt keinen? Nicht einmal zu Sylvester einen Schluck Sekt? Doch, meinte der Arzt beschwichtigend, es gibt einen absolut alkoholfreien Sekt, den auch er zu solchen Anlässen tränke und der nicht einmal so schlecht schmecke.

Mit allerdings ziemlich schlechtem Geschmack im Mund und überhaupt ging unser Mann nach Hause.

Gut, sagte er sich. Dann eben nicht! Soll der Staat doch sehen, woher er seine Getränkesteuer bekäme, von ihm nicht mehr. Aber sofort kam die Frage: Was trinke ich denn dann? Trinken muss der Mensch, und zwar, wie der Arzt ihm gesagt hatte, zwei bis drei gestandene Liter. Was? Natürlich Wasser! Igitt, das ist ja nur nass und ohne Geschmack! Selbst wenn die Leute schwimmen, versuchten sie da nicht strikt, das Eindringen von Wasser in Nase und Mund zu vermeiden? Ebenso beim Duschen. Nur zum Zähneputzen lässt man es mal kurzfristig die Innenseite des Mundes benetzen, spuckt es aber gleich wieder aus. Kann man so etwas überhaupt trinken? Also holte sich unser, um ein grundlegendes Vergnügen gebrachter Mensch, drei Stiegen á neun Liter Apfelsaft.

Nach einem Tag bekam er Sodbrennen. Da verdünnte er den Apfelsaft mit Berliner Grundwasser, welches den Statistiken zufolge zwar sehr hart, sprich kalkhaltig sei, aber alle industriell gefertigten Wasser an Geschmack wie an Reinheit bei weitem überträfe.

Als eines Abends plötzlich kein Saft mehr da war (da seine allerliebste Frau diesen wieder einmal vergessen hatte (Ich bin doch nicht dein Packesel!), trank er todesmutig ein Glas reinsten Wassers auf einmal aus. Überlebt hat er es. Bis heute. Nichts reicht an den unvergesslichen Geschmack von Bier heran – alle Alternativen sind süßlich bis unausstehlich süß – man denke an die Berliner Fassbrause, die gerade mal den ersten Durst löschen kann, bevor alle Geschmacksknospen aufschreien, an das fleischätzende, klebrige Cola, an die sogenannten Fruchtsäfte über Kirsch- Bananen- bis hin zum unanständig süßen Himbeersaft. Bier bleibt Bier. In seinen Gedanken bleibt es das noch heute, nur weit, weit weg, in einem anderen Leben.

Unser Mann trinkt heute gerne Wasser und leistet sich nur selten die kleine lässliche Sünde eines Seitenblickes auf ein frisch gezapftes Bier. Größere Probleme damit hat allerdings seine Aller-allerliebste unter den Frauen, dann nämlich, wenn launische Unstimmigkeiten nicht mehr mit den Worten abgetan werden können: Du bist ja besoffen!

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