Radfahren im Frühling


-Wer kennt sie nicht, die Tücken beim Radfahren-

Lockt da draußen vielleicht der Frühling! Und ich sitz’ im Büro. Die Sonne knallt, man meint schon der Asphalt verflüssige sich, die Bäume kommen mit dem Grünwerden nicht nach, die Fußgänger auf den Schattenseiten der Straße wechseln den Fußsteig und die schwitzenden Autofahrer schauen neidisch auf die Leute auf der Parkbank, alles lächelt irgendwie und hört man nicht ganz oben eine Lerche schlagen?

Ich sitze hier und hab’ so gar keine Lust mehr, zwinge meinen Blick vom Fenster weg auf die dröge Arbeit. Ganz langsam, sachte, reift ganz tief unten ein kleiner Drang, ich spüre förmlich, wie es gärt und wächst. Aber nein, das geht doch nicht! Warum eigentlich nicht? Na, die Arbeit! Kann die nicht auch morgen noch getan werden, ganz früh?

Die Lust zerrt am Keim, um ihn gentechnisch zu manipulieren, überdimensional zu vergrößern, ihn aus seinem trüben Keimleben herauszupeitschen zu einem dicken und fetten Entschluss.

Noch wehrt sich irgend ein Verstandeskörnchen: Was du heute kannst besorgen – da schlägt der ausgewachsene Keimling aus und um sich und schwupps, das Körnchen ist eines unter vielen, verloren im Zeitlauf der Ereignisse, wird zermahlen unter dem Druck, den Frühlingsgefühle nun mal aufbringen.

Wie eine reife Frucht lockt es mich: Den Nachmittag will ich Fahrrad fahren. Irgendwohin. Hauptsache in der Sonne. Chef, ich hab’ heute was Dringendes zu erledigen, der Kram, Entschuldigung, die Arbeit ist eh erst morgen zu beenden, ich säße jetzt sowieso nur rum und kostete Geld. Ja, ich verstehe Sie, sagt der Chef, das Wetter ist aber auch eine Wolke! Ich wollte, ich könnte jetzt gehen, aber leider muss ich auf einen dringenden Anruf warten. Leiten Sie ihn doch auf ihr Handy um, sage ich lässig zu ihm und versuche zu lächeln. Eigentlich haben Sie recht. Wissen Sie was, dann gehen wir eben beide, sagt der Chef zu mir.

Glücklicherweise bin ich mein eigener Chef, kenne seine Macken und habe somit etwas Einfluss auf ihn. Wer weiß, was ich sonst zu hören gekriegt hätte! So verließen wir beide also das Büro, er glücklich, dass ich einen so trefflichen Einfall mit dem Handy hatte und ich, dass ich nun Fahrrad fahren durfte.

Da fiel mir ein, dass das Rad den ganzen Winter im Hof in einer Ecke gestanden hatte, irgendwann hatte ich es einmal aus den Augenwinkeln schneebeladen ächzen hören. Ich liebe mein Fahrrad, liebe es sehr, nur endet diese Liebe am Treppenabsatz. Nein, ich bringe es nicht über’s Herz, mein Fahrrad in die Wohnung hoch zu schleppen. Das meint auch mein Arzt. Als ich in den Hof ging, kam mir Hauser entgegen – mit seinem Fahrrad oder was er dafür hält. Na, ne kleine Tour machen? Ja, das Wetter ist sehr danach. Mit dem alten Trümmer will der eine Tour machen? Das fällt ja jede Minute auseinander. Mein Rad war neu. Fast neu. Jedenfalls letztes Jahr noch. Vor allen Dingen modern, ein Tourenrad, neudeutsch: Trekking. Beste Ausstattung. Besonders die Reifen – unkaputtbar. Mit solchen war einer vier Jahre lang durch China gefahren ohne Schaden daran.

Das stand es, mein Prachtstück: Rostzerfressen die Kette, die Reifen fast platt, stumpf schaute mich die Klingel an, der Sattel ließ den Kopf hängen und im Körbchen hinten lag der zarte Beginn eines Vogelnestes. Frühlingsgelüstig sah ich mich um, ob einer meine Freveltat bemerken konnte, als ich die zwölf Maschen Nest auf dem Ast eines Baumes deponierte. Gerade hatte ich es unbemerkt dort installiert, hörte ich jemanden nahen. Ich verhielt mich ganz ruhig, wollte ich doch nicht, dass er mich mit den Beinen und Armen am Aste hängend erblickte. Irgendwie hatte ich mich zu hoch auf die Mauer hinauf gewagt, der Ast war höher als ich dachte – da war ich abgerutscht, hatte mich mit den Händen gerade noch am Ast halten können und versuchte gerade, diesen zu erklimmen.  Da kam Schmöhe, ein weiterer Nachbar. Die Frühlingssonne hatte sich im frisch geputzten Fenster der Frau Samland verfangen und spiegelte nur so zu mir her, damit meine Hilflosigkeit ja im Scheinwerferlicht stünde. Hallo, sagte Herr Schmöhe. Hallo, sagte ich zurück und hoffte, er würde mich nicht in irgend eines seiner weltberüchtigten Endlosgespräche einbinden. Das Leben war hängend eh schon schwierig zu ertragen. Nein, er ging wortlos an mir vorbei. Bemerkte er meine hilflose Lage gar nicht? Würde er mich bis ans Ende meiner Tage dort hängen lassen? Rücksichtslos! Doch als wäre ihm gerade etwas eingefallen, blieb er stehen, drehte sich leicht zu mir und fragte: „Kann man Ihnen helfen?“ Na endlich, doch ein hilfsbereiter Nachbar. „Nein, nein, geht schon.“

„Wie kommen denn Sie da hinauf?“

„Ja wissen Sie, es war so – also mein Fahrrad steht doch da hinten -“

„Ja und was machen Sie dann im Baum? Kommen Sie, ich helfe Ihnen!“ Danach durfte ich mir anhören, was seine Schwiegermutter gestern und sein Chef heute (er hat nämlich einen wirklichen Chef) und seine Frau vorhin und deshalb ginge er jetzt in den Keller. Hauser war nun schon eine halbe Stunde unterwegs. Die Frühlingssonne knallte schon nicht mehr so verlockend, als Schmöhe endlich in seinen Orkus stieg und ich mit einem Lappen das Wichtigste am Radel vollbrachte. Jetzt noch aufpumpen und dann!

Da fiel mir ein, ich hatte ja eigentlich einen Friseurtermin. Absagen! Wo ist mein Handy? Im Büro gelassen. Also ins Büro, Handy geholt, zwischendrin noch nach den Emails geschaut, die Spams entfernt (Morgen sollte ich erfahren, dass ich mit den Spams auch eine absolut wichtige Nachricht weggelöscht hatte), auf dem Weg zu meinem Fahrrad noch eine Zeitung gekauft, die ich unterwegs auf einer Parkbank in der Sonne genüsslich lesen würde.

Zurück im Hof war die Sonne schon um einiges weiter gewandert (obwohl der aufgeklärte Mitteleuropäer heute weiß, dass die Erde unter der Sonne wegwandert), dennoch sah es so aus, als ob sich die Sonne ein gewaltiges Stück bewegt hätte. Nur ich und mein Fahrrad hatten noch keinen Meter miteinander zurückgelegt. Was wohl Hausers Fahrrad gerade macht? Die letzten Züge? Achsbruch? Motor- oder Getriebeschaden?

Schnell noch aufgepumpt und los.

Ach, wie herrlich in den lauen, sonnendurchwobenen Lüften zu radeln. Ist die Welt nicht schön? Verdammt, kannste nich kieken? Dies hier ist ein Radweg! Rad-fahr-weg! Ach so, du willst in der Sonne lustwandeln und der Fußgängerweg liegt im Schatten! Nein, so haben wir nicht gewettet. Dann musste dir eben ein Fahrrad anschaffen, wenn du auf diesem Teil der Straße verkehren willst. Der ist nicht für jeden! Ach, wie der Fahrtwind gut tut. Die Beine sind noch nicht so richtig das Treten gewöhnt. Aber was sah ich denn dort? Da hinten steht doch einer über ein Fahrrad gebeugt. Hauser! Siehste! Mit so’m ollen Klepper, da geht nischt mehr. Ne, doch nich Hauser. Mensch kiek, da fangen ja schon die Kastanien an zu blühen. Ach ich fahr jetzt auf den Gendarmenmarkt, ein Bierchen, die Zeitung und ne Lulle. Was, rote Ampel? Auch für mich? Nee, denkste! Ich fahr ja vorsichtig. Na ja, die Kette gehörte schon mal geölt, die rasselt so. Und die Klingel macht nur plock! Was? Der Kilometerzähler hat seinen Geist aufgegeben? Aber die Luft ist schön weich. Wie? Hier ist Schatten? Fahr ich eben auf der anderen Seite. Schadet niemandem. Endlich wieder Sonne. Na, noch drei Straßen und dann ist Gendarmenmarkt. He! Kannste nich aufpassen? Ach ich bin es ja, der aufpassen muss, ich fahre ja entgegengesetzt. Zwei Kreuzungen noch und dann ist Pause.

Was is denn? Platten? Nee, ich hab doch aufgepumpt! Platzsch! Das auch noch! Platten und Kette gerissen! Uff een ma?

Klingeling. Ja, ich gehe schon vom Radweg runter, siehste nich, dass ich ne Panne habe? Fällt mir das Rad noch in den Dreck! Und die Zeitung habe ich auch verloren.

Plötzlich klingelts wieder. Ich will gerade etwas rufen, da erkenne ich Hauser! Indem er fidel an mir vorbei radelt, ruft er: Wer sein Fahrrad liebt!

Wäre ich doch nur im Büro geblieben!

-Ende-

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