Frankfurt, Theater


Frankfurt, Theater – © Toge Schenck 1982
-Geiheimnisse im Frankfurter Opernhaus-

Es war an einem Montag, dem Sonntag der Theaterhäuser, als ich, vergessen habend, was eigentlich ich suchte, dies kalte Treppenhaus erklomm, von dem ich lediglich die Ahnung hatte, es führte zu den Räumen, die dem Chor, dem Damen- und dem Herrenchor, zuweilen auch dem Extrachor als Probenräume dienten; von dort oben, vom Olymp des Hauses konnte man zeitweise wie aus einem blechernen Schalltrichter gewaltige Hymnen vernehmen, wenn man ganz unten, am Fuß der Treppe stand und lauschte, Töne und Akkorde, wie einem alten Trichtergrammophon entronnen, weit aus der Vergangenheit, wie aus der Zeit, aus der die Werke stammten; allein die Treppenstufen waren in den Dekaden von Choristenschuhen ausgetreten, hatten Wellenform, schienen sich dem Notenlauf der Chormusik schon angepasst zu haben, Notenlinien, dem Druck der stetigen Tropfen der Töne unterlegen; hier stiegen sie herab, jeder ein Radames, jede eine Aida.

In diesem stimmlebendigen Treppenhaus stieg ich gerade empor, als ich in einer Nische eine Tür entdeckte, die ich noch nie gesehen hatte, die sich versteckte hinter einer geschickten Camouflage, indem sie die jahrzehntealte Farbe der Wände angenommen hatte, ihre Haut der rauhen Tapete chamäleonhaft angeglichen; sie schien entschlossen, übersehen zu werden, war als Tür so unscheinbar wie gar nicht da, als ob sie ein Geheimnis zu wahren hätte, etwas zu verbergen wie sich selbst; wie eine Tür zu einer Wahrheit, die noch nicht reif und noch nicht zeitgemäß den Blicken sich enthält, eine verwunschene Entdeckung hinter sich versteckend, den Zugang sperrend, den man –noch- nicht ahnen sollte; die Tür war offen; eine dunkle Höhle umfing mich, ein Verlies, kein Licht, kein Schalter, reinste Dunkelheit von der Art, vor der sich Kinder fürchten, wo sich das Böse birgt, wohin selbst Licht nicht Neigung hat, hineinzufließen, Weltraumnacht; es roch nach nichts; die Türe hatte sich jetzt unbemerkt geschlossen; unter den Sohlen Knistern wie von welkem Laub; ein Schritt, ein zweiter, ein Tasten in die Stille, ein Streichholz angebrannt, zu hell erst, dann mit mattem Schein verstärkt es nur die Tiefe der Dunkelheit, kein Glanz, nur fahles Nichts; war da nicht?, nein, da war nicht; ein Schritt noch, noch einer, das Streichholz erstickt in Finsternis, die Hand, die Fingerspitzen tasten geradeaus, die Angst vorm Straucheln, vorm Fallen in einen dunklen, tiefen Schlund, den ich nicht erkennen kann, vielleicht geht es ja kilometerlang so weiter? Ich befand mich im dritten oder vierten Stock und es war tiefer unter der Erde als jeder Keller, jede Höhle, hier hatte Zeitablauf nichts mehr zu sagen, in dieser Düsternis gedieh kein Ticken einer Uhr, hier war gebackene Zeit. Da, wieder dieses Knistern, was suchte Laub hier? Oder war’s Papier? Da tasteten die Fingerspitzen – und zogen sich zurück wie vor einem ausgetrockneten Spinnweb. Noch ein Streichholz! Schau, wie die Flamme sich sachte bewegt und gerade vor uns eine Tür, der Griff, ein Zug, das Hölzchen aus.

Schwer ging die Tür in ihrem Scharnier; dahinter eine Stufe abwärts, Licht fiel ein und fiel auf einen Stuhl, der in dem schmalen Kabuff gerade einmal Platz für sich selber beanspruchen konnte. Das einfallende Licht war kein Tageslicht und es kam durch einen Spalt, etwas breiter als eine Schießscharte in alten Burgen. Vor der Scharte hing ein Scheinwerfer, ausgerichtet auf die Bühne, schräg nach unten links. Es blieb gerade ein Spalt zwischen Scharte und Scheinwerfer für den Blick auf die Bühne und den Orchestergraben. Das Licht was in den Kabuff drang kam vom Arbeitslicht auf der Bühne, die ansonsten verlassen, auf eine Probe wartete. Ich schälte mich auf den Stuhl und betrachtete die gewohnte Umgebung aus der ungewohnten Sicht.
Mir kamen Bilder, wie ich als Junge im Apfelbaum oder im Nussbaum gehockt hatte und die Erwachsenen bei ihrem Spaziergang beobachtete, der Duft der Äpfel und Nüsse schien mich vor den Blicken der Spaziergänger zu schützen, deren Wortfetzen mir unverständlich ans Ohr flogen, das helle Lachen der Mädchen, die auf eine kleine, vielleicht pikante Bemerkung ihres jungen, pickeligen Begleiters eingingen und sich zierten, ach wie musste es sein, am Spiel der Erwachsenen teilhaben zu können, das mir so unheimlich vorkam und das ich aus meiner heimlichen Höhle von Blättern im Baum beobachten konnte. Ich kam mir vor wie ein Entdecker, der die Welt aus einer Sicht zum ersten Male betrachten konnte, wie noch kein Mensch vor ihm. Das Besondere offenbart sich manchmal nur durch die Sichtweise.

Jetzt tat sich was im Orchestergraben. Ein dicker Orchesterwart erschien unter der Bühne, die einige Meter dem Orchestergraben ein Dach bot, bevor dieser sich wie eine holzgetäfelte Wanne dem Zuschauerraum hin öffnete. Eine rote, samtbezogene Balustrade trennte ihn vom Zuschauerrund. Der Orchesterwart legte umständlich die Notenhefte auf die vorbereiteten Notenständer und überzeugte sich jedes Mal von neuem, dass er auch die der Instrumentengruppe entsprechenden Noten austeilte. Mir schien, dass er das eine oder andere Instrument völlig vergaß, deren Ständer leer und notenlos blieben. Hinten hatten schon die Pauken wichtig Stellung genommen und das Schlagwerk stand aufgestellt, vorne links, schräg unter mir, hielt eine goldgewirkte Harfe stolze Ausschau. Ein zweiter Wart trug nach und nach die vier Kontrabässe herein und legte sie allesamt auf ihre linke Seite wie zum Schlaf und bedeckte sie bedächtig mit dem Bogen. Dann verschwanden beide Orchesterwarte. Es zog wieder Ruhe ein.
Die Bühne lag vor mir wie eine große schwarze, matt leuchtende Ebene, eingefasst von einem Plafond aus schwarzsamtenem Molton, seitlich die Gassen von schwarzen, lichtfressenden Soffitten getrennt. Sie lag da wie zur Erholung unter ihrer Sonne, dem schlichtweißen Arbeitslicht. Gestern Abend noch von tausenden Füßen getreten, vom Chor und Extrachor, von harten Arbeitsschuhen der Bühnenarbeiter traktiert, geschunden von den Rollen der Bühnenwagen, malträtiert von den Bohrern, die für die Dauer einer Szene die eine oder andere Spannwand in ihren Bohlen festbohrten, wieder gelöst wurden und dafür von anderen ersetzt, mit Eisengewichten und Sandsäcken arretiert wurden. Ihre Narben sprachen von großen Opern, von lauten Musicals und lustigen Operetten, von Wolken von Kolofonium bei Balletten, von Tragödien und Komödien, vom Aufstieg und Fall, von höchstem Entzücken und tiefsten Unglücken, alles auf ihrer Haut ausgetragen, auf ihrem Rücken, dem Menschen zu Belustigung oder zur Lehre, jedenfalls zum Wohlgefallen.

Dies sah ich aus meiner einsamen Höhe aus meiner Scharte heraus, vorbei an dem riesigen Scheinwerfer, dessen Rückseite mir die halbe Sicht nahm.
Plötzlich wurden unter der Bühne Türen aufgestoßen, zuerst erschien der Schwall zweiter Geigen, ein geschwätziges Völkchen, zu jedem Witz zu missbrauchen; einige setzten sich und begannen, ihr Instrument zu stimmen, andere standen und hielten einen Schwatz; an ihnen vorbei kamen die Bratschen und Posaunen, dann die Celli, und Trompeten, selbst das Schlagzeug war schon an seiner Batterie, die Harfenistin glitt grüßend durch die Reihen, die ersten Geigen nahmen Platz und die Bässe hoben ihre Instrumente aus ihrem Halbschlaf auf; Oboe, Klarinette und Fagott trotteten zu ihren Notenständern, das Horn wagte die ersten Töne und nun war auch die Pauke angetreten, zum Schluss kamen, wie immer, die Flöten.

Während die einen zu stimmen versuchten, probierten die anderen einen Lauf, einen Akkord oder ein Arpeggio. Die Musiker waren nicht, wie man es gewohnt war, in Frack oder Abendkleid, sie kamen daher wie normale, unmusikalische Leute auch, in Jeans und Kordhose, Hemd, T-Shirt und Pullover. Nur die Harfenistin hatte ein kleines Schwarzes an, wie auch ihr Gesicht von einem schwarzen Pagenkopf gerahmt war. Sie beugte sich vor und griff einige Akkorde, die sie in leisem Arpeggio diminuierte. Ich hatte sie noch nie gesehen, war sofort in ihrem Bann. Die langen, weißen Finger, geschmeidig, die Saiten liebkosend. Ein Klarinettist legte ein neues Plättchen ein und befeuchtete es gewissenhaft, bevor er einen Träller über alle Instrumente hinweg blies.
Wie auf ein geheimes Zeichen waren plötzlich alle still. Der erste Geiger, der Konzertmeister, legte ein A vor, die Instrumente versuchten es aufzunehmen, stimmten vielleicht etwas nach, dann erschien der Kapellmeister, der Dirigent, in der Hand, den kolibrileichten Taktstab, unter dem Arm die Partitur.
Am Pult richtete er seine Noten, schaute in die Runde, hob den Stab und es begann, was vorher in wüstem Durcheinander höchstens stellenweise angeklungen war, in der Dissonanz und der Kakofonie des Stimmungswirrwarrs aber nie zur klar erkennbaren Blüte kam, das musikalische Werk in seiner großartigen Vollkommenheit zu klingen und zu schweben. Da schlug der Dirigent mit dem Stab einige Male auf das Pult, als ob ein frecher Specht sich durch soviel Wohlklang gestört gefühlt habe. Zögernd hielten die Instrumente ein, eine Flöte gab noch einen letzten Ton. Ich lauschte, konnte aber nur Bruchstücke von dem vernehmen, was der Meister an der Durchführung auszusetzen hatte.
Die Oboen beim Allegretto . . . das Forte bei Ziffer 17 . . . Presto . . . fließende Kadenz . . . pianissimo, lasst uns die Harfe hören!
Ja, lasst uns die Harfe hören! Und sehen! Dies gottgleiche Instrument mit einer Notierung, fast wie bei einem Piano! Lasst es uns hören!
. . . und die Bässe beim Andante . . . wir beginnen bei Ziffer 10
Und wieder dies herrliche Aufbäumen, das Hochwinden der Violinen, das Schrubben der Kontrabässe, das Weinen der Oboen, bis – tak tak tak, der Specht wieder eine Unterbrechung forderte.
Diesmal waren es die Bratschen, die bei Ziffer 34 zu verschlafen eingesetzt hätten, und er hatte die Probe doch mit Rücksicht auf den gestrigen Abend auf elf Uhr gesetzt, so dass doch eine gewisse Frische zu erwarten sei, wo nicht, er sich gerne auf die Professionalität und Musikalität der studierten Kollegen verlassen möchte, also bitte, Ziffer 30!

Aufs Neue.

Diesmal war die Unterbrechung bei Ziffer 51 und mir schien, der Specht hatte es wohl mit der siebzehn, alle siebzehn Ziffern schienen einmal die Oboen, dann die Bratschen und nun – hoffentlich nicht die göttliche Harfe! – nein, die Celli unausgeschlafene Töne von sich zu geben, doch ich lernte, dass das in der Partitur stehende Creszendo einem Accelerando gleichzusetzen sei, wie ein Fluss auch nicht bei einer Enge plötzlich doppelte Fahrt aufnähme, sondern durch langsamen Druck sein Tempo und die Lautstärke erhöhte. Auf die Frage einer zweiten Geige, wie das bei einem Wasserfall denn wäre, antwortete der Dirigent nicht, sondern hob seinen Taktstock drohend und begann bei Ziffer 49 neu. Aber nun war irgendwie die Luft raus und er verordnete eine Pause.

Das Kabuff war nicht für einen längeren Aufenthalt geschaffen, teilten mir meine Glieder mit und so erhob ich mich auch. In der Kantine könnte ich die Harfe endlich von Nahem sehen!
Die Tür, durch die ich gekommen war hatte keinen Griff auf meiner Seite. Ich glaubte meinen Augen nicht. Das konnte doch nicht sein, dass man zwar heraus, aber nicht wieder hinein gelangen könnte. Mich durchlief es heiß. Kein Mensch in der Nähe, die Türe verschlossen und ich hilflos ausgeliefert. Was sollte sich tun? Abwarten und das Orchester um Hilfe bitten, wenn es aus der Pause zurückgekommen war? Handys waren sowieso verboten und so hatte ich keines mit. Es war zum Verzweifeln. Irgend ein Engel um mich herum musste es mir eingeflüstert haben, denn ich versuchte, die Türe aufzudrücken. Es gelang, sie war nicht zugeschnappt, sie hatte gar kein Schloss, sondern nur einen Griff innen. Danke. Der Engel musste so wie die Harfenistin ausgesehen haben. Die Göttin.
Ich schob die Türe langsam auf und glitt in den schwarzen Raum. Ich wusste ja, es wären nur vier, fünf Schritte zur gegenüberliegenden Türe, die keine sein wollte. Hoffentlich hatte diese einen Griff innen!
Nach drei Schritten in der Dunkelheit stieß ich gegen etwas Hartes. Nein, es war nicht die Türe. Ein Zündholz musste ran. Es war das Letzte. Als es aufzuckte, erkannte ich über mir eine riesenhafte Gestalt. Ich ging einige Schritte rückwärts und erblickte hier in dieser Abgeschiedenheit eine karyatidenähnliche Figur, wie sie nur an Fassaden von alten herrschaftlichen Häusern oder öffentlichen Gebäuden zu finden war, eine Frauengestalt mit nackten Brüsten, locker umgeworfener Toga und einem sphingenhaften Blick nach unten auf die kleinen Erdenbewohner. Als das Zündholz zur Neige ging meinte ich, an der anderen Seite des Raumes eine ebensolch große Figur in männlicher Ausführung zu erkennen und mir wurde bewusst, wo ich mich befand. Es war der alte, vom Krieg unbeschadete Teil des alten Schauspielhauses, der hier, eingemauert, der neuen, glatten, Glasfassade zu weichen hatte, den man aber nicht hatte gänzlich vernichten wollen, ihm aber ein Grab zum Überleben zugestanden hatte.
Ich tastete mich zur Tür und trat hinaus in das musikalische Treppenhaus, beschwingt die ungraden, melodiösen Stufen nehmend mit einer Vorfreude im Bauch, dass ich nun gleich in der Kantine meinen schwarzen Engel der Harfe würde sehen können.

-Ende-
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