Berlin Kreuzberg im Winter


Zweifellos bringt der Winter – so er denn weiß ist – optische Eindrücke fantastischer Qualität.  Schnee auf den filigranen Ästchen der Bäume, weiße, oft unberührte Flächen, ein grandioser Anblick, wohnt man im zweiten Stock und hat einen 270-°Ausblick auf den Mehringdamm und den Friedhof gegenüber dem Finanzamt. Der Verkehr geht fast geräuschlos vor sich, gedämpft durch die Schneemassen.

Die sind es aber auch, die neben der erhabenen Schönheit kolossale Probleme aufwerfen. Ich mache in meinem Erker meine Zigarettenpausen. Dabei beobachtete ich zwangsläufig die Aktivitäten der BSR (Berliner Stadtreinigung). Kaum war der erste Schnee gefallen, rasselten die Schneekehrmaschinen über die Rad- und Fußwege. Toll! Beim zweiten Schnee kehrten sie nur noch die Fahrradwege. Jeden Morgen waren die Radwege bar jeden Schnees; seitlich häuften sich die Schneeberge, natürlich auch dorthin, wo die Fußgänger gehen sollen.  Doch, sie kehrten auch noch die Fußwege, wobei sie hier aber eher den alten Schnee feststampften, der dadurch glatt wurde. Was Wunder, dass nun die Fußgänger alle auf dem Fahrradweg liefen. Sicherlich, Berlin ist dabei, eine Fahrradstadt wie Amsterdam zu werden. Dass aber den (besonders im Winter) zahlenmäßig unterlegenen Radfahrern der Weg auf Kosten der stattlichen Menge Fußgänger besonders gut geräumt wird, weiß wohl nur der Vorstand der BSR.

Heute stand eine alte Dame hilflos an einem Fußgängerüberweg(!), vor sich Schneehaufen, dann der geräumte Radweg und der andere Schneehaufen. Die Fußgängerampel war lange grün. Die Dame stand und schaute sich ratlos um. Zwei junge Männer erkannten die Situation der Dame und hoben Sie über die Schneehaufen. Da war die Ampel auf rot umgeschlagen. Freundlich warteten die jungen Männer und geleiteten sie beim nächsten Grün auf die andere Straßenseite, wo sie die Dame wieder über die Schneehaufen hinüberhoben.

Die Hauseigner scheinen sich alle im Urlaub zu befinden, denn die Hauseingänge sind (wie letztes Jahr) eisbedeckt, wie auch Teile des Fußweges durch die Vorarbeit der seltenen Kehrmaschinen. Die ersten privaten Reinigungsfirmen haben bereits das Handtuch geworfen. Noch vor dem Schnee beobachtete ich (natürlich vom Erker) unseren Hausbesitzer mit einem Herren einer Reinigungsfirma, wie sie die Flächen vor seinem Besitz gestikulierend abschritten. Das war das erste und einzige Mal, dass ich den Herrn sah.

Trotz Vorankündigung der Wetterdienste kam der Schnee wohl zu plötzlich, vielleicht ist ja auch ein immenser Krankenstand bei der BSR daran schuld, die Hausbesitzer waschen ihre Hände in Unschuld – sie haben die Schneebeseitigung ja „outgesorced“ – und das Ordnungsamt hat kein Personal, zu prüfen, ob die Hausbesitzer ihrer Pflicht nachkommen.

Dafür sehe ich täglich Personal der BVG am U-Bahnhof Mehringdamm den Zugang und die Treppen von Schnee und Eis befreien. Vorbildlich!

Wir haben vorgesorgt und uns (im Sommer!) anschallbare Spikes gekauft.

Schöne weiße Weihnachten!

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