Südsee


– Fernweh contra Heimatgefühle –

Eines Tages – ich fuhr im Zug von Berlin nach Hamburg – saß ein, wie die Norddeutschen sagen, ausgesprochenes Mannsbild vor mir, blonde, wirre Haare, blaue Augen, gegerbte, braune Haut, knochiges Gesicht, raue, grobe Hände, ein Seebär wie man ihn sich vorstellt. Langsam holte er eine Zeitungsanzeige hervor, starrte länger darauf, um seinen Blick dann aus dem Fenster hinaus in den Horizont zu versenken. Kurz darauf kamen wir wegen einer Bedeutungslosigkeit ins Gespräch und ich fragte ihn, nach dem Zettel, der ihn so nachdenklich gemacht hatte. Da erzählte er mir diese Geschichte:

Johnny, ein Seefahrer alter Zeit, als man die Seefahrt noch mit den Händen und vollem Körpereinsatz vollbrachte, landete auf großer Fahrt mit einem Handelsschiff auf der gleißenden Südseeinsel Tahiti. Dort lernte er die Tochter eines Schamanen, Tusa, kennen. Sie verlieben sich prompt ineinander. Seine wasserblauen Augen schienen immer in weiter Ferne ein Ziel zu suchen. Nach einer Woche musste er wieder an Bord. Er versprach Tusa, wiederzukommen. Traurig schaute er lange zurück auf die Insel, die langsam als Punkt im Horizont versank.

Nach einem Jahr, zwei Monaten und fünfundzwanzig Tagen stand er wieder vor Tusa, hatte abgeheuert, stellte ihr seinen Seesack vor die Füße und küsste sie unter wehenden Palmblättern auf den Mund.

Ihr Vater, der Schamane, kannte schon lange die große Zuneigung seiner Tochter zu dem blauäugigen, in weite Fernen blickenden Mann und bat ihn, sie zu heiraten. Die Hochzeit wurde zur größten Feier der Insel. Sie zeugten zwei Kinder und lebten in völliger Verbundenheit. Der Schamane selbst hatte keinen Sohn zeugen können, der seine Nachfolge würde antreten können. Er hoffte, sein neuer Schwiegersohn würde eines Tages den männlichen Beruf weitertragen. Dafür schenkte er ihm einen „Amohi“ genannten Wedel aus Algenhaar, mit dem man Ruhe unter den Geistern schaffen kann. Johnny begann eine Lehre bei dem alten Schamanen, lernte, wie man Wunden heilt, wie man Brüche schient und Ausschläge behandelt, er lernte, böse Geister zu erkennen und sie zu vertreiben und den auf der Insel seltenen Herzschmerz zu heilen und Tränen zum Versiegen zu bringen. Eines Tages jedoch bekam ihm der Duft der schwelenden Kräuter nicht mehr und Johnny begann zu malen, erst seine Frau Tusa, dann die Strände, das Meer und den Hafen. Jetzt erzählte er ihr von seiner anderen Frau im fernen Hamburg, von einem kalten, doch kräftig-schönen Land, seinen beiden Kindern dort und wie schwer es ihm gefallen war, diese zu verlassen, doch seine Lebensmitte gehöre immer ihr. Sie hörte ihm mit großen dunklen Augen zu.

Der Schamane sprach eines Tages zu seiner Tochter und ihrem Mann, er sehe sich eine sehr weite Strecke über Land gehen. Noch bevor Johnny ganz den Sinn seiner Rede verstanden hatte, starb der Schamane. Nun musste seine Tochter nach den Gesetzen der Insel sein Erbe als Schamanin antreten und Johnny sollte ihr Helfer sein. Doch Johnny malte jetzt mehr und mehr ihr fremd anmutende Bilder, darunter Steinhäuser mit roten Dächern in einer dicht besiedelten Stadt und erzählte ihr, so sehe Hamburg aus. Er wanderte an den Sandstränden entlang und hielt sich lange im Hafen auf.

Nach 12 Jahren auf Tahiti sah er eines Tages ein Schiff mit bekanntem Wappen im Hafen. Tränen kamen ihm. Ohne Abschied von seiner Inselfrau und den Kindern heuerte er nach Hamburg an. Er heulte vor Freude, Hamburg, seine Frau und seine Kinder wiedersehen zu können.

Nach einigen Monaten war er wieder in Hamburg: Das Wetter war sonnig, seine Frau Helga, die ihn nie vergessen hatte, feierte das Wiedersehen mit ihm, er lernte seine erwachsenen Kinder neu kennen, erzählte mit Tränen in den Augen von fremden Völkern, Schamanen und exotischen Lebensgewohnheiten, sagte, er sei willens zu bleiben, und sagte Helga, sein Leben gehöre jetzt ganz ihr und den Kindern.

Nach zehn Jahren in Hamburg hatte er das Malen aufgegeben und schrieb oft viele Papierseiten voll, machte lange Spaziergänge die Elbe entlang und schaute auf die auslaufenden Schiffe. Sein Blick suchte, wie immer, den Horizont. Seine Kinder waren längst aus dem Haus. Er war arbeitslos und hatte sich im Spiegel für alt erklärt. Einmal große Fahrt noch, einmal noch weg vom Land. Doch kein Schiff wird ihn in seinem Alter zur Heuer aufnehmen, zu einer Reise fehlte es ihm an Geld. Zwei befreundete Seeleute hatten ihm erzählt, in Genua machte regelmäßig der eine oder andere Seelen­verkäufer fest, der jeden Willigen in die Südsee oder sonst wohin mitnimmt, Hand gegen Koje.

So machte er sich eines Tages ohne Abschied zu Fuß auf den Weg; zuvor nahm er eine Handvoll Erde aus Hamburgs Boden und verstaute sie in einem Taschentuch. In Karlsruhe wurde Johnny auf der Straße liegend von der Polizei aufgeschnappt, hilflos und betrunken. Seine Füße waren wund vom vielen Laufen über Land. Tags darauf wurde er von einem deutschen Autofahrer bis zur Grenze nach Österreich gebracht. Ein Österreicher wiederum erinnerte sich an den alten Mann mit dem Seesack auf dem Rücken – bis nach Bozen hatte er ihn mitgenommen.

Er erinnerte auch, dass der Seemann, der sich Johnny Elber nannte, ihm von einer Südsee-Insel erzählt hatte mit gleißendem Sonnen­schein, wehenden Palmblättern und lächelnden, dunklen Augen, von einer Schamanin Tusa, die ihm seine schwelenden, wunden Füßen heilen könne, er selbst habe die Kräutermischung vergessen.

Er hatte ein Lied gesungen mit verräucherter Stimme: Und denn auf See – und denn kein Schiff – und denn noch barfuß bei Windstärke zehn – und ’nen Seesack uff’m Nacken – und Frost anne Hacken – oh Seefahrt, wie bist du so schöön! Dabei hatte er geheult und gesagt: Nur was man verlieren kann, das kann man auch beweinen.

Hier zeigte mir der Reisende den zerknüllten Zeitungsbericht.

Kurz hinter Bozen, wo die Eisack in die Etsch mündet, hatte man früh morgens im strömenden Regen unseren Johnny gefunden. Seine Stiefel waren durchgelaufen, sein Seesack durchnässt.

Seine Leiche war nach Hamburg gebracht worden, wo Helga, seine Hamburger Frau seine Asche bei vier Glasen in der Nordsee versenken ließ zusammen mit dem Seesack, der einen seltsamen Haarwedel, ein Taschentuch voll Erde und ein Bündel nicht abgesandter Briefe an die Inselfrau nach Tahiti beinhaltete.

Ob Johnny von betrunkenen Landstreichern nieder­gestreckt wurde oder ob er an seinen wunden Füßen oder an wundem Herzen oder gar an Heimweh starb, ist nie bekannt geworden.

Der Mann mir gegenüber hatte mich während seiner Erzählung mit wasserblauen Augen angeschaut, jetzt blickte er nach draußen und suchte den Horizont.
Dabei sagte er, er wollte jetzt nach Tahiti reisen, seine Geschwister besuchen.

-Ende-

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