Mein Gott


– Ein ziemlich wahres Erlebnis einer unglaublichen Begegnung – © 1989 Toge Schenck

Ich hab etwas, was Du nicht hast. Ich habe einen eigenen Gott.

Er sitzt bei mir zu Hause auf der Anrichte im Wohnzimmer, im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses. Er ist nicht besonders groß, auch nicht klein, doch ist Er allmächtig. Ihn zu beschreiben wäre ein unmögliches Unterfangen, denn Er erscheint jedem Betrachter jedes Mal anders in Form und Farbe. Wie ich in seinen Besitz kam? Jedes Mal, wenn ich versuche mich daran zu erinnern, überfällt mich eine andere Geschichte, diesmal folgende:

An der Stelle, wo sich jetzt der Gott befindet, hatte ich einst eine gläserne, unglaublich gelbe Vase stehen. Billig hatte ich sie bei einem Trödler erstanden, der mir vergeblich versicherte, sie bestünde aus wertvollstem Murano-Glas.

Eines Samstages im Mai – ich las gerade die abenteuerliche Geschichte des mathematischen Rätsels um Fermat’s letzten Satz von Simon Singh, störte mich ein kurzes klirrendes Geräusch. Ich schreckte hoch, sah mich um, konnte aber nichts feststellen. Um so größer mein Erstaunen am nächsten Morgen: Dort, wo die Vase gestanden hatte, befand sich ein Häufchen gelben Blütenstaubes. Keine Glassplitter, wie ich dachte, sondern reiner Blütenstaub, trotz der Tatsache, dass sich in meinen Räumen nie eine Blume in der gelben Vase befunden hatte. Freunde hatten sich für heute zum Besuch angesagt. Das wäre doch eine unglaubliche Geschichte für sie, dachte ich und ließ das unscheinbare Häuflein liegen sehr darauf achtend, dass kein Durchzug entstand, der den primelgelben Haufen vernichten konnte.

Als die ersten Gäste eintrafen, zeigte ich ihnen sogleich die seltsame Verwandlung der Vase. Mir schien das Häuflein angewachsen zu sein. Nach und nach träufelten die Gäste ein und ich musste manche der weiblichen Vertreter unter ihnen davon abhalten, den „Dreckhaufen“ leichthändig fortzuwischen. Nun stellten die ersten Gäste erstaunt fest, dass das anfangs recht unansehnliche Häuflein sich zu einem bemerkenswerten Kegel vergrößert hatte. Fasziniert standen wir alle um die Blütenstaubpyramide herum, als Axel, ein besonders neugieriges menschliches Exemplar, seinen Zeigefinger mitten hinein bohrte. Dies hinterließ ein kreisrundes Loch in der Pyramide sowie gelben Staub auf dem Finger. Axel führte den Finger zur Nase und sog kräftig die Pollen ein. Für den Rest des Abends saß er schweigsam in der Ecke. Wir anderen zechten und lachten und erzählten uns manche unglaubliche Geschichte, von der wir gehört hatten. Es muss wohl gegen Mitternacht gewesen sein, als plötzlich Axel sich aus seiner Lethargie löste,  wie in Zeitlupe aufstand, zur Anrichte ging und sich hinkniete.

Da sahen wir Ihn.

Die Staubpyramide war verschwunden, dafür saß nun Gott an ihrer Stelle.

Sofort erstarben alle Gespräche und ein jeder ging zur Anrichte und huldigte dem Gott.

Dass es sich wirklich um Gott handelte, war zweifelsfrei. Jeder, der Seiner ansichtig wurde, identifizierte Ihn sofort als denselben und fasste sogleich eine starke Zuneigung zu Ihm.

Die Besuche meiner Freunde bei mir in der nächsten Zeit häuften sich, auch Freunde und Bekannte meiner Freunde kamen, um Ihn zu sehen. Diese erzählten es wiederum weiter, so dass ich bald einen Terminplan zur Besichtigung meines Gottes erstellen musste. Schlimmer noch: Die Medien erfuhren von meinem Gott, besuchten Ihn und berichteten von Seiner Existenz. Durch den zunehmenden Besucherandrang sah ich mich gezwungen, meinen Tagesjob aufzugeben. Inzwischen hatte sich eine Currywurstbude unweit meines Hauseinganges etabliert, um Hunger und Durst der nun schon aus dem Umland Anreisenden zu stillen. Axel hatte sich zwischenzeitlich zum Faktotum des Gottes gemacht, säuberte die Wohnung, reinigte sie von den Spuren der Besucher, kümmerte sich um den reibungslosen Ablauf beim Huldigen und Beten.

Irgend eine Zeitung musste erwähnt haben, Reis sei meinem Gotte zuträglich.

Somit wurden die Pilger in den Glauben versetzt, den Gott mit Reis und Blumen überschütten zu müssen, was mich in die missliche Lage brachte, die Flut der Blumen entsorgen zu müssen und die Reispakete im Keller zu stapeln. Fatal an der ganzen Angelegenheit war, dass in den letzten Monaten meine Ersparnisse aufgebraucht waren und ich zwar vor Reis und Blumen strotzte, mir aber kein Steak und kein Getränk außer Wasser erlauben konnte.

Die Miete lief weiter, der Winter stand bevor. Es musste dingend eine Änderung her.

Vorgestern kam Axel auf die fabelhafte Idee, Geld statt Naturalien als Opfergabe zu fordern. Ich war entsetzt: Gott mit Geld abspeisen! Ich beschimpfte Axel kurz als atheistisches Kapitalistenschwein, bis mir Freunde klarmachten, dass sich hinter dieser Idee doch einige Vorteile verbargen. Endlich könnte ich mir lebensnotwendige Dinge wie Zahnpasta und Dosenbier kaufen. Kurzentschlossen ließ ich verbreiten, der Geschmack meines Gottes sei in einem Wandel begriffen und er erbäte sich von seinen Gläubigen ab sofort nur noch Geldopfer (Schmuck, Gold und Wertpapiere natürlich inbegriffen).

Mit dem ersten Geld kaufte ich mir eine schmucke Jugendstilkasse mit wohlklingender Glocke und ließ die angesammelten Zentner Reis an die Armenküche transportieren. Entgegen meiner anfänglichen Befürchtungen nahm der Andrang der Gläubigen zu: Ein Gott, der Geld nimmt und selbst vor Wertpapieren nicht zurückschreckt, beweist offenbar modernen Geist, steht mitten in der Zeit.

Von anderen Sekten Enttäuschte reisten zunehmend zu meinem Gott, ja selbst aus dem indischen Goa sowie aus dem amerikanischen Oregon liefen sie haufenweise zu meinem Gott über. An den hiesigen Flugplätzen war meine Anschrift angeschlagen, die Fahrer und Schaffner öffentlicher Verkehrsmittel kannten meine Adresse auswendig, jeder Fußgänger, der auf der Straße angesprochen wurde mit den Worten „Wo befindet sich -“ streckte den Arm sofort in Richtung meiner Wohnung.

Gestern, nachdem ich sechzehn Stunden hinter meiner Kasse verbracht hatte, fand ich endlich einmal Zeit, meine eigene Anrichte zu besuchen. Axel hatte gerade die letzten Spuren beiseite gefegt und war gegangen.

Mein Entsetzen war unbeschreiblich: Mein Gott war verschwunden! An seiner Stelle erhob sich die altbekannte gelbe Staubpyramide und ich vermeinte, sie werde geringer und geringer.

Heute morgen hatte auch sie sich in Nichts aufgelöst.

In wenigen Minuten sollte der alltägliche Ansturm beginnen. Als erstes kam Axel. Ich führte ihn schweigend ins Wohnzimmer vor die Anrichte. Er kniete sich hin, als sein nichts geschehen. Es begann schon ein Tumult auf der Treppe. Was sollte ich den Gläubigen erzählen, wie ihnen erklären, dass es meinen Gott nicht mehr gäbe?

Angstschweiß auf der Stirn, öffnete ich die Tür, die ersten zehn zwölf Gläubigen warfen mir Geld- und Wertpapierbündel zu und eilten zur Anrichte, ohne dass es mir gelang, ihnen die Schreckensbotschaft mitzuteilen. Dem Dreizehnten rief ich hinterher: Mein Gott hat sich aus dem Staub gemacht! Er reagierte nicht darauf. Weitere Pilger strömten Geldscheine schwingend vorbei. Axel kam zu mir, wohl um mir das mitzuteilen, was ich schon lange wusste. Nein, er bat mich nur, die nächsten Besucher aufzuhalten, der Raum sei bereits überfüllt. „Axel!“ sagte ich, „Der Gott ist doch fort, er hat sich über Nacht aus dem Staube gemacht!“

Er rief: „Wie kommst Du denn darauf? Schau doch hin, dort sitzt er doch wie eh und je!“

Mit wenigen deutlichen Worten machte er mir klar, dass dort, wo ich nichts mehr sah, Gott in all seiner Reinheit und Größe, seinem Glanz und seiner Glorie anwesend sei.

Es durchzuckte mich: Sollte sich mein Gott ausgerechnet nur mir entziehen?

Gleichzeitig  wurde mir klar, was ich zu tun hätte.

Ich erhob Axel in den Bischofsstand und stellte ihn an die Kasse.

Vor zwei Stunden war ich bei einem Notar, dort habe ich meine Wahrheit hinterlegt.

Zur Zeit sitze ich im Flieger nach Mallorca. Ich habe mir dort eine Finca gekauft. Vom Rest des Geldes lässt sich noch einige Zeit gut leben. Wie sehr auch mein Konto anschwellen wird – ich wasche meine Hände in Unschuld, wenn ich auch, ehrlich gesagt, etwas Furcht habe vor der Rache meines Gottes.

-Ende-
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