Zehlendorfer Witwen


Kriminalroman (C) Toge Schenck

Kurzversion:
Ein Detektivroman im Berlin der heutigen Zeit.
In Zehlendorf gibt es ein Haus, in dem sich regelmäßig Frauen unterschiedlichen Alters und verschiedenster Herkunft treffen. Sie alle sind Witwen. Manchmal nehmen an den Treffen Frauen teil, die noch nicht Witwen sind, aber bald auch diesem Club angehören. Ellen ist eine solche Frau, die von ihrer verwitweten Nachbarin Erika dazu ermuntert wird, ihre Probleme dem Club zu offenbaren.

Acht Witwen und eine Neue im Club, ihr Mann Harry wird zum Tode verurteilt. Bevor die Witwen seiner habhaft werden können, ist Harry verschwunden.

Die Polizei findet Harry tödlich verletzt in einem Kellerraum eines stillgelegten Werkes, von einer Handgranate zerfetzt. War das die Tat der Witwen?

Anfang

ZEHLENDORFER WITWEN

PROLOG

Kidane Kiptou war schon zehn Jahre alt. Er war klug, klüger als seine Mitschüler und er wusste, er konnte es mit den Zwölfjährigen in seiner Klasse aufnehmen. Sie hatten heute, am Mittwoch, nur zwei Stunden Unterricht gehabt, Landeskunde und Rechnen. In beiden Fächern war er unschlagbar und wusste jede Antwort. Seine Lehrerin nahm ihn schon gar nicht mehr dran, weil sie wusste, dass er das Ergebnis schon bereit hatte. Es war wieder sehr heiß gewesen im Klassenraum. In diesem Raum trafen sich jeden Morgen zwanzig Kinder. Der Raum hatte nur eine Türe und auf der anderen Seite ein Fenster. Die Kinder saßen auf dem Boden. An den Wänden wucherten die Schweißflecken vom Anlehnen der kleinen Körper wie Wolkengebilde und bildeten eine Schutzschicht, auch wenn sie die gelbe Farbe verdunkelten. Weiter oben an den Wänden war die Farbe teilweise abgefallen, ausgekratzt und abgeschabt von Reißzwecken und Nägeln, die einmal Bilder oder Zettel gehalten hatten. Die Schule, genauer gesagt, der eine Schulraum war weit und breit das einzige, aus Stein gebaute Haus in der näheren Umgebung und alle waren stolz auf ihre Schule. Die Wände waren einmal ordentlich verputzt gewesen, am Anfang, doch das hatte Kidane nicht gefallen. So sauber und glatt, wiesen sie die Augen ab. Zerkratzt und verschmutzt, wie sie jetzt waren, boten sie seiner Fantasie eine riesige Spielfläche und er entdeckte jeden Tag neue Formen, sah Tiere im Kampf miteinander, Gebirge und Wälder und seltsame Gestalten. Er hatte sich seinen Platz erobert, hinten, in der Ecke, wo man sich gut anlehnen konnte, wenn es lang wurde oder er einmal müde war. Kidane war stolz, Afrikaner zu sein. Zuerst hatten sie ihn gehänselt, weil er keinen Vater hatte, doch als zunehmend mehr Schüler kamen, deren Väter auch im Krieg gefallen waren, war er einer unter vielen ohne Vater. Seine Familie brauchte auch keinen Vater. Kidane ersetzte ihn. Seine Mutter war stolz auf ihn, weil er so viel wusste und sich für die Familie einsetzte. Er hatte einmal ein Gedicht gehört von einem Afrikaner, welches von Wolken erzählte, die wie Antilopen den Himmel bevölkern, von der ewigen Wanderschaft von Wasserstelle zu Wasserstelle, vom Blitz, der wie ein Speer in die Wolken zuckt und eine der Antilopen erlegt, ihr Blut dann als Regen zur Erde tropft und die Menschen und Tiere erfrischt und ihnen Leben einhaucht. Er wollte Dichter werden und solche Verse verfassen über Afrika. In diesem Gedicht war auch von einem Vogel die Rede, der Botschaften zwischen Himmel und Erde austauschte, dessen Gefieder in unglaublichen Farben schillern konnte, aber eigentlich schwarz erschien. Die Farben konnten nur von besonderen, auserwählten Menschen gesehen werden. Zu diesen sprach der Vogel von der Weisheit des Gottes, der die Welt gemalt hatte.

Die Schule war für heute zu Ende und Kidane hielt sich bei einer Gruppe seiner Mitschüler auf. Eigentlich hätten sie eine Stunde länger Unterricht haben sollen, doch die Lehrerin musste zu einem wichtigen Termin und so standen sie vor der Schule und wussten nicht recht, was zu tun.

Als sich herausstellte, dass ein Mitschüler einen aus Lumpen gebundenen Ball mit sich führte, war bald klar, was mit der fehlenden Stunde zu geschehen hätte. Kidane stand der Sinn nicht nach Fußball. Er hatte in letzter Zeit an einem Baume einen Vogel entdeckt. Er war zwar nicht schwarz, sondern tiefbraun und trieb an dem Baume seltsame Verrenkungen als ob er Tänze einstudierte, dabei flötete er in äußerst melodischer Art. Als Kidane seiner das erste Mal ansichtig wurde, blieb er stehen und der Vogel beäugte ihn abwechselnd mit seinen beiden schwarzen Knopfaugen, hielt kurz inne, fuhr aber dann fort, seine Tänze aufzuführen. Kidane hatte sich auf den Boden auf sein Bücherbündel gesetzt und ihm gebannt zugesehen, wie er von Ast zu Ast, an dem Stamm entlang, sich überschlagend hin und her hüpfte, ab und an einen Blick zu Kidane werfend, als ob er ihn fragen wollte, ob ihm dieser Tanz gefiele.

Fast jeden Tag hatte Kidane den Baum besucht, manchmal vergeblich, immer erfreut, wenn er seinen kleinen Tänzer und Sänger wieder entdeckte.

Seine Mutter erwartete ihn erst später und so verabschiedete er sich von den Mitschülern und ging seines Weges.

Es gab zwei Möglichkeiten, zu seinem Haus zu gelangen. Die eine führte die Straße entlang nach Osten, durch eine hässliche Gegend, wo die Händler Unrat und Abfälle am Straßenrand häuften, wo Tausende Fliegen ihre Nistplätze inmitten der Hitze und dem Gestank im Müll der Straße hatten, wo die Baracken mit den Kneipen standen und sich die Betrunkenen schlugen; oder den weiteren Weg nach Westen, einen unbefestigten Pfad, der durch Gestrüpp und steiniges Gebiet quer durch den Busch führte und nicht verlassen werden durfte, wollte man nicht in vermintes Gebiet gelangen. Manches Mal in der Nacht waren sie in ihrer Siedlung von Explosionen hochgeschreckt und sie wussten, wieder war eine entwichene Ziege oder ein Schakal auf eine Landmine gestoßen. Manchmal hörte man die verletzte Ziege stundenlang schreien, bis sie verendete. Der gefährliche Weg führte um eine Anhöhe und ein flaches Buschland herum zur Siedlung, wo Kidane mit seiner Mutter und seinen drei kleinen Geschwistern lebte. Der Weg war alle fünfzig Meter mit weiß angemalten Steinen markiert, wohinter die nicht von Minen geräumte Zone begann. Kidane kannte jeden einzelnen Stein, denn das hier war sein Revier, sein Lieblingsweg. Und an einer Biegung stand auch der Baum, wo er seinen Freund, den Vogel erwartete. Er setzte sich auf sein mit Bindfaden zusammengehaltenes Bündel aus Heften und Büchern. In den letzten Wochen hatte er immer mal eine kleine Zeit abgezweigt und saß hier und auch wenn der Vogel nicht da war, lauschte er in die Natur, versuchte ihr Raunen zu verstehen. Dabei hatte er eine scheckige Ziege beobachtet, die jenseits der Minenzone unberührt der Gefahr ihrer Futtersuche nachging. Jeden Tag sah er sie an einem anderen Fleck, bis sie hinten, an den Sträuchern wieder auf den begehbaren Weg kam.

Einen kurzen Moment spielte er mit dem Gedanken, diese für ihn von der scheckigen Ziege gefundene Abkürzung durch das verbotene Gebiet zu nutzen. Doch gleich verwarf er diese Idee, als ihm das Versprechen in den Sinn kam, das er hatte seiner Mutter geben müssen, nie, niemals, unter keinen Umständen diese Todeszone zu betreten. Er hatte dieses heilige Versprechen wiederholen müssen, als ihn seine Mutter zum männlichen Vorstand der Familie ernannt hatte. Er hatte einen Schwur geleistet, einen männlichen Eid. Und ein Mann brach seinen Eid nicht.

Das plötzliche Zwitschern riss ihn aus seinen Gedanken. Der Vogel war da. Und mehr als das, er setzte sich kaum einen halben Meter vor Kidanes Füßen hin, als ob er ihn begrüßen wollte und ihm mitteilen, die große Scheu vor Menschen überwunden zu haben. Kidane schien es, als ob der Vogel lächelte. Kidane taufte ihn auf den Namen: Der Vogel, der lächelt. Dieser wetzte seinen Schnabel auf einem Stein, als wolle er zeigen, wie wohl er sich fühlte, wie freudig er war, seinen menschlichen Freund hier anzutreffen. Frech blitzten seine schwarzen Äuglein und im Nu war er auf einen Ast gehüpft und hatte mit seinen Kapriolen begonnen, war er sich doch seines Publikums sicher. Heute schien der kleine Vogel besonders schön zu tanzen, besonders melodiös zu singen. Sein Tanz ging heute auch über eine größere Höhe in den Baum hinauf, Äste überspringend, im Wipfel jubilierend, führte der kleine Vogel den Tanz seines Lebens auf. Dann ließ er sich wie tot vom Wipfel fallen, dass Kidane schon das Herz stockte, doch fing er sich in letzter Sekunde mit keckem Pfiff wieder auf, erhob sich auf einen Ast, blickte zu seinem einzigen Beschauer hinunter und tirilierte, was das Zeug hielt. Dies ging so einige Zeit. Dann plötzlich, sah Kidane den Grund, weshalb der kleine Vogel heute derart feierte. Ein zweiter Vogel, dem kleinen Vogel sehr ähnlich, hatte sich unweit auf einem Strauch niedergelassen und tschilpte eintönig zu Kidanes Tänzer hin. Der kleine Vogel hatte sich eine Braut ersungen und ertanzt. Bald führten beide einen virtuosen Tanz auf, verfolgten einander und überboten sich in Kapriolen. Kidane wusste, was das zu bedeuten hatte. Bald würde neues Leben entstehen. Die Vögel würden Kinder bekommen. Da fiel es Kidane siedend heiß ein. Er hatte seiner Mutter versprochen, heute schnell von der Schule nach Hause zu kommen, da sie zum Arzt musste, der nur einmal die Woche seine Sprechstunde in der Siedlung abhielt und Kidane sich um seine kleineren Geschwister kümmern sollte. Kidane hatte noch nie einen Termin vergessen und wusste nicht, wie lange er schon versunken dem Treiben der Vögel zugeschaut hatte. Er sprang auf, die beiden Vögel retteten sich auf einen Ast und unterbrachen ihren Hochzeitstanz und schauten verängstigt herunter. Sie blickten auf den kleinen Menschen herab und sahen zu, wie er sich sein Bündel schnappte, ein paar Schritte dem Wege folgte, dann plötzlich umkehrte und zurück kam und an einer bestimmten Stelle über weiß angestrichene Steine stieg um dann schnell, einen Fuß vor den andern zielend, fortlief. Sie schauten kurz dem enteilenden Jungen hinterher und noch bevor sie ihren Tanz fortsetzen konnten, zerriss eine Explosion die Stille.

„Und an diesem Mittwoch wird es still sein im Kreise, wenn man fragt, wer wohl sterben muss. Und dann werden Sie mich sagen hören: Alle! Und wenn dann der Kopf fällt, sag ich: Hoppla!“

Nach Bert Brechts „Seeräuber-Jenny“

01 – Der Weg

Sie waren bereits alle versammelt, als Ellen kam. Der Kaffee dampfte, der Kuchen stand bereit und der Wodka. Seitdem Olanka der Gruppe beigetreten war, stand Wodka mit auf der Tagesordnung. Ellen wollte eigentlich zusammen mit ihrer Nachbarin Erika zu diesem für sie ersten Treffen kommen, aber Erika hatte ihr klarzumachen versucht, dass es nicht um einen netten Plausch unter älteren Damen ginge, zu dem man  einfach mal seine Freundin mitbrächte wie zu einer Häkelstunde, sondern es handele sich um eine seriöse Tagung einer ernst zu nehmenden Beratungsrunde. Jeder, der ein Anliegen hätte, müsse es freiwillig und selbstverantwortlich vortragen wie vor einem Amt, vor einem Richter und dazu gehöre es nicht, Hand in Hand mit einer Freundin anzutanzen, hinter der man sich verstecken könne, wenn es unangenehm werden sollte. Und es könnte durchaus unangenehm werden. Erika hatte sie gebeten, ja aufgefordert, sich bewusst alleine auf den Weg zu machen und somit gleich allen Damen des Rates zu verdeutlichen, dass es ihr ernst sei mit ihrem Vorhaben.

Ellen hatte die ganze Nacht kein Auge zugemacht und sich immer und immer wieder gefragt, ob es richtig sei, was sie vorhatte, sie hatte sich wieder und wieder die Karten gelegt ob es nicht vorschnell wäre, sich der Runde zu stellen, ihr Geheimnis öffentlich zu machen. Bisher wusste nur Erika davon und auch nur, weil Erika eine Szene miterlebt hatte, für die Ellen sich heute noch schämte und die sie ihr damals irgendwie erklären musste. Sie hatte lange gedruckst und Ausreden überlegt, die ihr alle hanebüchen vorgekommen waren, bis Erika sie in einer guten Minute erwischte, sie beiseite nahm, umarmte und in ihr plötzlich etwas zum Schwingen brachte, was sie bis dahin völlig vergessen hatte. Sie sah in Erika ihre alte Schulfreundin Marianne wieder und ein warmes Band wuchs wie aus dem Nichts zum Du gegenüber, in dem sie sich spiegeln durfte. Sie hatte ihr alles, aber auch restlos alles erzählt, dreiundzwanzig Jahre Ehe in ein wüstes Knäuel gepackt, junge Tränen mit alten gemischt, Erinnerungen gestrafft, Vergessenes und Verstaubtes ans Licht gewischt, kurz, die Nachbarin zur neuen Freundin gemacht. Sie war selbst erstaunt gewesen über ihre plötzliche Offenheit und über das Verständnis, das auf sie kam vom neuen Du gegenüber.

Erika hatte sie von da an fast jeden Tag besucht. Anfangs hatte Ellen ein schlechtes Gewissen gehabt, jemandem Fremdem, einer Nachbarin, derart intime Dinge gesagt zu haben, doch Erika hatte ihr dank ihrer Aufgeschlossenheit und Lebensbejahung jede Scham genommen und von Tag zu Tag fühlte sich Ellen freier. Dann gab es wieder Tage, an denen sie Erika anrief und sie bat, doch heute und morgen nicht zu kommen. Erika hatte diese Bitten beachtet. Und Ellen wiederum achtete seitdem den Rat der Freundin, keinen Alkohol mehr tagsüber zu trinken und sich auch ansonsten lässlicher Medikamente zu enthalten.

Erika war vor einiger Zeit Witwe geworden, ihr Mann war im Sommer bei einer Bergwanderung abgestürzt. Trotzdem hatte sie die Kraft, sich Ellens Schicksal anzuhören und ihr mit hingebungsvollem Rat zur Seite zu stehen. Ellen fragte sich, woher ihre neue Freundin so viel Kraft schöpfte. Dieses Rätsel, sowie eine Reihe neuer Erkenntnisse sollten sich Ellen in der nächsten Zeit eröffnen. Denn Erika hatte ihr angeraten, sich einer Runde erfahrener Damen anzuschließen, die vielerlei menschliche Probleme kannten und immer einen Weg fanden und Rat wussten. Zunächst hatte sich Ellen gesträubt, sah doch ihr Harry es nicht gerne, wenn sie allzu nahen Kontakt mit Fremden, dazu noch obskuren Frauen, pflegte, doch der Hinweis von Erika, man müsse Harry ja nicht alles auf die Nase binden, versöhnte sie und sie freundete sich langsam mit dem Gedanken an.

Der Bus holperte Richtung Zehlendorf. Noch vor einer Stunde war Ellen unschlüssig gewesen, ob sie der Einladung folgen oder lieber zu Hause bleiben sollte. Erika hatte gemeint, es mache nichts, wenn sie nicht erschiene. Keiner, auch Erika nicht, würden ihr das verübeln. Alles sei schließlich freiwillig. Da wird man fünfzig und schämt sich, für seine eigenen Wünsche, sein eigenes Recht einzutreten. Eigenes Recht? Wie würde Harry darüber denken? Harry, der Mann von Welt, der Global Player, der Herrenmensch – und fast zögerte sie, es vor ihrem eigenen Ich auszusprechen – der Macho.

Ellen stieg aus dem Bus aus. Zwei Stationen zu früh. Sie wollte ihrem Zögern noch ein wenig Luft lassen, das Hintertürchen, das Fluchttürchen noch eine Zeit lang offen spüren. Sie suchte etwas in ihrer Handtasche, obwohl sie wusste, dass sie eigentlich nichts dabei haben würde. Mothers Little Helper. Wie hatte sie in ihrer Jugend darüber gelacht, als man ihr den Liedtext erklärte, dass die eine oder andere Pille, das eine oder andere Mittelchen den Ehefrauen über den Alltag hinweghülfe. Alltag, was hatte das als Mädchen für sie bedeutet? Sie würde einen Prinzen heiraten, der sie in die Arme schloss und sie in die Wolken der Liebe entführte, die weit über dem siebten Himmel im ewigen Sonntagsgefilde schwebten. Alltag und Pillen, das war etwas für alte, kranke Frauen, verbiesterte Hexen, die nichts vom Leben verstanden und nur ihre kleinen Wehwehchen pflegten.

Vielleicht wäre auf dem Weg zur Villa Sagitta ja eine Kneipe, in der sie schnell einen Cognac trinken könnte. Ach was, Erika, einer kann nicht schaden! What a drag it is, getting old! Noch kann ich umkehren. Es ist alles freiwillig. Was soll ich erwachsene Frau mich dem eigentlich aussetzen? Es ging jahrelang auch so. Und nun muss ich mich an einem wunderschönen Herbsttag in einen Bus zwängen, ewig durch Berlin zotteln bis weit nach Zehlendorf hinein, zu einem Treffen von ein paar verrückten alten Damen, von denen ich nur eine einzige kenne, und soll denen meine geheimsten Dinge offenbaren? Komm, Ellen, kehre um, drüben ist die Haltestelle. Vielleicht kommt ja auch ein Taxi. Was hat dich denn wieder geritten? Das Menopausenkarussell? Trink lieber einen, damit du klar wirst. Du hast noch nie was zustande gebracht, selbst dein Sohn ist aus der Art geschlagen! Nicht einmal das hast du vermocht! Verkorkst wie du bist, hast du mir meinen Sohn verkorkst! Wer weiß, ob er überhaupt von mir ist, du Hure! Das hättest du nicht sagen sollen, Harry! Ich mag alles sein, was du mir vorwirfst, Harry, aber untreu war ich nie! Nein, das hättest du dir verkneifen sollen, wie du dir hättest vieles verkneifen sollen. Kannst du denn nur in den Dreck ziehen? Kannst du nur erniedrigen? Wie ist das bei deiner Arbeit? Bist du da auch so? Erika hat Recht, ich habe es mir zu lange gefallen lassen. Nein, mein Lieber! Jetzt gehe ich erst recht weiter! Sag mir, warum ich jetzt noch umkehren soll? Gib mir ein gültiges, überzeugendes Argument, dass ich da jetzt nicht hingehen muss! Vielleicht hülfe ja auch nur ein einziges Wort. Sag es, du weißt und kannst doch sonst auch immer alles! Oder fällt dir wieder nur eine deiner beschissenen Bemerkungen oder eines deiner tausend Schimpfworte ein? Ich will deine Demütigungen nicht mehr ertragen! Ach, mach doch was du willst, du altes Scheusal! Danke, Harry, dass du mir Mut machst. Ich kann ihn brauchen!

Ellen sah sich in einem Schaufenster. Eigentlich keine schlechte Erscheinung, dachte sie, meine vollen Haare können sich sehen lassen, auch wenn dem Blond geringfügig nachgeholfen wurde. In dem langen Kaschmirmantel machst du eine gute Figur, dein Gang, noch federnd. Jedenfalls hast du dich schlank gehalten, ohne Pillen und Diätkuren, war wohl gentechnisch so vorbestimmt. Dennoch, für deine fünfzig nicht schlecht.

Sie warf den Kopf zurück und nahm wieder den Weg zur Villa Sagitta auf, wo acht Damen auf sie warteten. Ihr Tritt war fester geworden, ihre Schritte schneller und gezielter. Es waren die wenigen südlicheren Tage, die den Herbst in Berlin in manchen Jahren so liebenswert machten. Sie war fest entschlossen, in die Höhle des Löwen zu gehen, koste es, was es wolle, ihre Ehre war schon mit Füßen getreten, mit Worten vernichtet, mit Bemerkungen erwürgt worden. Jahrelang. Eine Frau mit zerschlissener Ehre, mit ausgefranster Würde, besudelt von Missachtung. Ihr Mann hingegen, Harry Kröger, war geachtet, Würdenträger eines afrikanischen Staates und im Big Business tätig. Dort regierte er mit fester Hand. Vielleicht lag es daran, dass er sie zu Hause wie einen Hund trat und schikanierte. Er war es nicht anders gewohnt. Aber nicht einmal ein Hund musste unbedingt getreten werden. Sie fühlte sich besudelt, über Jahre beschmutzt. Es musste einmal ein Ende haben!

Hast du gehört, Harry? Es muss ein Ende haben!

02 – Das Erwachen

Ihm war, als hörte er eine dunkle Glocke läuten. Tief in seinem Kopf. Dumpf und hohl. Ein hallendes Dröhnen. Bouum – Bouum! Dazu kam ein furchtbarer Druck in seinem Bauch. Aufwachen! Sagte ihm sein Hirn  Du musst aufwachen, deine Situation überprüfen! Noch bevor er dem Befehl folgen konnte, explodierte sein Magen und es schoss warm aus seinem Schlund und ergoss sich auf seine Brust wie eine Krake. Die Konvulsionen wiederholten sich, doch ohne den folgenden warmen Fluss, da der Magen jetzt leer war, aber das Würgegefühl ließ nicht nach. Er würgte warme Luft. Er fror. Langsam öffnete er die Augen. Er sah nur milchig-graues Dämmer um sich, ein helles Zentrum schien irgendwo links oben. Bouum-Bouum!

Scheiße!, dachte er und noch einmal Scheiße! Was ist los mit mir? Warum ist mir kalt und wieso liege ich halb angezogen im Bett? Und warum, zum Teufel, hört die verdammte Glocke nicht auf zu läuten?

Der zähe, nasse Brei zog langsam in sein Oberhemd ein und kühlte unangenehm schleichend bald seine gesamte Brust. Reste liefen aus der Nase und am Kinn entlang, träge und schmierig. Er spürte, dass etwas mit seiner rechten Hand nicht stimmte. Sie tat weh und lag nach hinten abgespreizt neben ihm. Er nahm die Linke und wischte sich über Nase und Mund und schmierte die Reste ins Bettuch.

Soll die verflixte Alte doch sehen!

Aber seine rechte Hand tat scheußlich weh und er versuchte, sie an sich zu ziehen. Er kämpfte gegen einen Muskelkater im Oberarm, zog  den Arm an, doch spürte er einen Widerstand und hörte ein metallisches Geräusch, eine Art Klirren. Er versuchte es noch einmal. Wieder der Widerstand, der seine Hand festhielt und ein Klirren, diesmal lauter und mit einem dunkleren Nachhall. Er bemerkte, dass er kalte Füße hatte, überhaupt, sein ganzer Körper war unterkühlt. Und dann noch die Kotze auf seiner Brust, die da lauwarm auf ihm lag und ihn wie ein toter Affe umklammerte. Er schaute nach rechts zu seiner Hand und erkannte im Halbdunkel nur ein mattes Glänzen an seinem Handgelenk, das schräg über ihm wie angebunden in der Luft hing.

Hab ich die Uhr nicht ausgezogen? Wieso ist es so dunkel im Zimmer?

Er führte seine Linke über die Brust hinweg zur rechten Bettkante, wo er die Brille auf seinem Nachttisch vermutete. Dabei presste er den toten Affen noch fester an sich und dieser sog sich schmatzend in seinen linken Ärmel ein. Er tastete und drehte sich nach rechts und erstarrte vor Schmerz in der rechten Schulter. Der Schmerz blitzte den Arm entlang bis in die Fingerspitzen. Er legte eine kleine Pause ein, bevor er weiter seine Brille suchte. Die linke Hand tastete ins Leere. Er drehte sich weiter. Der Schmerz ging gegen unerträglich. Er biss die Zähne zusammen. Das Blut schoss ihm in den Kopf, aber er fühlte keine Brille. Er tastete tiefer und griff auf kalten Beton.

Harry, bist du schon plemplem? Nimm dich zusammen! Los, Harald, aufwachen!

Er ließ sich zurücksinken. Der Schmerz ließ langsam nach. Er schloss die Augen, wie um ihnen die Gelegenheit zu geben, im echten Leben wieder aufzuwachen, zog den linken Arm bedächtig zurück, legte ihn neben sich und versuchte, sich zu entspannen. Das alles musste der Ausläufer eines fiesen Traumes sein. Es war bestimmt alles in Ordnung. Er musste dieser Ordnung nur die Chance geben , sich einzustellen. Hatte er gestern etwa getrunken? Er erinnerte sich nicht. Er erinnerte sich überhaupt nicht. Das Gestern schien ein leeres schwarzes Loch zu sein. Für den Schmerz in seinem rechten Arm gab es eine einfache Erklärung. Er hatte wohl zu lange auf dem Arm gelegen, das Kopfkissen war ihm weggerutscht und da war dieser blöde Arm eingeschlafen und tat jetzt weh und ließ sich nicht richtig bewegen. Also frisch auf, den neuen Tag beginnen. Er hatte viel vor. Da sollte doch dieses Gespräch mit dem angolanischen Botschafter sein. Also raus aus dem Bett und ran an den Feind!

Ich zähle bis drei und DANN WERDE ES LICHT!

Bei drei zog er die Beine an, holte Schwung und wollte sich mit einem Mal aus seinem Bett hochkatapultieren, wie jeden Morgen. Sein rechter Arm bremste diesen Schwung plötzlich und abrupt und riss seinen Körper nach rechts. Er kippte mit einer halben Drehung von der Matratze und schlug neben ihr auf den Betonboden. Der Fall war nicht sehr hoch, nur fünfzehn Zentimeter, doch der Schwung und das schlagartige Abstoppen des Falles verstärkten den Aufprall. Harry schrie vor Schmerz der fast ausgekugelten Schulter und vom Schock des Aufschlages auf den Betonboden. Er lag auf dem Bauch und der kalte Affe lag unter ihm begraben. Harry spürte, wie aus seiner Nase ein warmes Rinnsal lief. Seine linke Hand brannte vom Aufklatschen auf den harten Boden. Er schrie erneut. Diesmal in wildem Zorn. Die Glocken läuteten Bouum-Bouum! Dazu pochte sein Puls in den Ohren. Sein Atem ging hektisch und langsam versuchte er sich klar zu machen, in welcher Lage er sich befand.

Plötzlich war er sich sicher: Das war nicht sein Zimmer! Er schmeckte den Staub des Betonbodens und spuckte ihn aus. Seine rechter Arm tat teuflisch weh und stand wie ein Hitlergruß von ihm ab. Er versuchte mit der schmerzenden rechten Hand die direkte Umgebung zu ertasten. Die Finger der rechten Hand waren fast gefühllos, ließen sich aber bewegen. Sie stießen an kaltes Metall. Es fühlte sich an wie – ja wie Handschellen. Er war im Knast! Das musste es sein. In der Ausnüchterungszelle! Aber wieso war er gefesselt? In der Ausnüchterungszelle wird man nicht gefesselt. Hatte er etwa randaliert? Nein, er randalierte nie. War er in eine Schlägerei verwickelt gewesen? Teufel, was war geschehen? Was war gestern? Was ist heute für ein Tag? Freitag? Er hatte keine Idee und vermochte sich immer noch an nichts zu erinnern.

Erst mal sehen, was um mich herum ist. Dazu musst du dich umdrehen, deine Brille suchen, alter Kämpe!

Er nannte sich gerne alter Kämpe. Er war ein Kämpfer von Kindesbeinen an, von seinem Vater zu einem harten Mann, einem Macher erzogen und er hatte nie nachgelassen, daran zu arbeiten, hart und unerbittlich zu sein. Entschlossen drehte er seinen Körper nach links, bis er an die Matratze auf dem Boden stieß. Sein rechter Arm spannte an der Fesselung und die Hand schien immer tauber zu werden. Verflucht, er musste doch nur rufen, dann würde schon jemand kommen und ihm sagen, was hier los war!

„HALLO! HÖRT MICH JEMAND?“

Der Raum warf den Ruf in kaltem Echo zurück, wie es kleine Räume tun, hart und kurz. Keine Antwort. „HAALLOO!!“ – Nichts.

Wenn mein Arm nicht so verflucht weh täte! Da muss doch irgend so ein Arschloch zuständig sein! Wo sind wir denn!

„Hey, ihr Deppen, Hintern hoch, hier will jemand was von euch!“

Na, die sollen mir mal unterkommen! Denen blase ich einen Marsch, der sich gewaschen hat. Das ist Körperverletzung im Amt, Freiheitsberaubung, Amtsmissbrauch, unterlassene Hilfeleistung, Scheiße, mein Anwalt wird es euch genau sagen, jedem Einzelnen von euch. Alle seid ihr dran. Alle kommt ihr vor den Kadi, ihr Schweinehunde. Lasst einen hier verrecken. Na, euch wird ich was erzählen. Kommt ihr mir nur zu nah! ABER KOMMT ENDLICH! JETZT! ICH ZÄHLE BIS DREI!

Hihi, vielleicht kann von denen keiner bis drei zählen. DANN ZÄHLE ICH EBEN BIS VIER! Wieviel Uhr haben wir eigentlich? Scheiße tut das weh!

Harry tastete sich langsam zurück auf die Matratze, wobei sein rechter Arm einmal heiß, einmal kalt anlief und ein Reißen durch sein rechtes Handgelenk ging. Als er sich schließlich rücklings auf der Matratze befand, wollte er mit der Linken ertasten, wie es seiner rechten Hand ginge und ob er dort seine Armbanduhr lösen könnte.

Sein mit Kotze durchtränkter Ärmel fuhr ihm dabei durch das Gesicht und der Gestank nach Erbrochenem reizte ihn, als müsse er sich jeden Augenblick neu übergeben. Er drehte den Kopf weg, hielt die Luft an und tastete sich an seinem rechten Oberarm zum Gelenk hin. Keine Uhr! Wieviel Zeit mochte er hier schon liegen? Wer hatte ihn hierher gebracht?

Verdammt, die Uhr haben sie mir abgenommen. Könnte mich damit ja erhängen. Genauso, wie Tausende sich schon an ihren Schnürsenkeln erhängt haben. Und Zehntausende an ihrem aufgerippelten Pullover. Dass ich nicht lache! Ich will jetzt hier raus. ICH WILL JETZT HIER RAUS! MACHT VERDAMMT NOCH MAL DIE TÜR AUF!

Nur das Echo und das Bouum-Bouum in seinem Kopf antworteten ihm. Ihm war kalt. Er spürte, dass er Socken an den kalten Füßen hatte. Er bewegte die Füße und spürte einen Druck auf der Blase.

Nein, das nicht auch noch! Jetzt muss ich auch noch pissen. Nein, die Freude biete ich euch nicht, mich hier in Pisse aufgeweicht zu finden. DAS IST NÖTIGUNG! Sei ein Kerl und halte ein. Ist ja wie im somalischen Knast! Na, den Dreckskerlen werde ich es zeigen. Einhalten ist ein Leichtes für einen echten Mann. Man darf nur nicht dran denken. Am besten, ich erzähle mir was. Am besten einen Witz. Am besten, einen, den ich noch nicht kenne. Scheiße! Nein, Pisse!

Langsam erhöhte sich der Druck auf seine Blase.

Sing ein Lied! Sing ein Lied lieber Banjo-Boy. Von vorne. Sing ein Lied, sing ein Lied lieber Banjo-Boy, Banjo-Boy, Banjo-Boy –  nein, das hilft auch nicht. Wir zählen Schäfchen. Vielleicht schlafe ich ein und wache in meinem eigenen Bettchen wieder auf.

Unberührt von diesen Versuchen, erhöhte die Blase den Druck.

Ja, wir zählen Schäfchen. Opaschaf-eins, Omaschaf-zwei, Vatischaf-drei, Muttischaf-vier, Tochterschaf-fünf, tochterscharf-sex, tochterscharf-sex, oh Gott! Verdammich, es gelingt nicht. Doch, mein Bub, alles gelingt, du musst nur mit der entsprechenden Härte ran. Ja, Vater, Härte ist alles im Leben. Helden sind stark. Frauen sind schwach. Also sind Frauen keine Helden. Ich bin ein Held.

In diesem Moment war das Hirn der Blase Untertan.

IHE SCHWEINE! IHR PISSER! IHR ARSCHFICKER!

Dieser Schrei war über fünfzig Meter im Umkreis des Kellers zu hören, in dem Harry in seinem Saft lag. Der nächste Mensch in seiner Umgebung war ein Briefbote auf dem Fahrrad, einhundert Meter entfernt.

03 – Die Villa Sagitta

Hedwig thronte am Kopf des Tisches wie ein Leuchtturm, hoch aufgewachsen, silbergraues, naturgewelltes Haar fiel auf ihre breiten Schultern. Kluge blaue Augen beobachteten über einer enormen Hakennase die Runde. Sie war seit neun Jahren Witwe. Gleich neben ihr saß Josy. Das Auffälligste an ihr waren die karottenroten Haare, als Pagenschnitt getragen. Darunter blitzten lustige, schwarze Stecknadelaugen Ellen entgegen. Auch sie war vor neun Jahren Witwe geworden, auf den Tag genau mit Hedwig. Hedwig und Josy waren beileibe nicht die Ältesten in der Runde, doch hatten sie eine Art Vorsitz als Gründerinnen dieses Vereines.

Hedwig hatte die Villa Sagitta von Ihrem Mann geerbt, dazu einen gehörigen Packen Aktien und einige Felder und Wälder, denn ihr Mann war Großgrundbesitzer und Jäger gewesen, am Schluss. Vorher saß er in einigen Aufsichtsräten und war ein begehrter Berater in der Wirtschaft. Davor war er der Schulkamerad des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt. Noch früher hatte er Jura und deutsche Geschichte studiert. Seine Titel waren allesamt honoris causa. Man sagte ihm nach, er sei sein Leben lang ein Schlitzohr gewesen, aber das interessierte heute keine Katze mehr. Er war tot und das war gut so. Sein Schulkamerad, der Staatssekretär, übrigens der Ehemann, der gewesene Ehemann von Josy war schließlich auch tot, und auch ihm weinte keiner wirklich nach. Auch er war auch begeisterter Jäger gewesen und Jäger ist ein gefährlicher Beruf, wie jeder weiß, fast so gefährlich wie Soldat im Krieg Mann gegen Mann. Aber wie die beiden wirklich umgekommen waren, erfuhr Ellen erst später.

Nach dem Tode ihres Mannes hatte Hedwig als erstes diese ekligen Jagdtrophäen aus dem Hause entfernen lassen, die bleichen Stirnplatten mit den vernarbten, daraus erwachsenden Hörnern, den Elchkopf, der sie immer aus seltsam lebendigen Augen angestarrt hatte, als ob er um Rache für seinen frühen Tod flehen wollte. Es gab genug Leute, die sich darum rissen, Köpfe toter Tiere an die Wände zu hängen und so hatte Hedwig noch einen guten Schnitt dabei gemacht. Josy, die eigentlich Josephine hieß, erging es ähnlich.

Sie hatten den Mittwoch zu ihren Treffen festgelegt, weil der Mittwoch an sich schon eine einschneidende Funktion hatte. Er teilte die Woche in zwei Abschnitte. Wie auch diese Mittwochstreffen tiefe Einschnitte bedeuten konnten und in der näheren und ferneren Vergangenheit bereits bedeutet hatten; nicht in dem Sinne, dass die Entwicklung der Welt einen tiefschürfenden Umbruch, die politische Landschaft eine saftige Revolution, die wirtschaftliche einen furchtbaren Zusammenbruch erfahren hätten, es waren keine tiefgreifenden Wunden im sozialpolitischen Gefüge zu beklagen, es wurden keine Minister und Staatsführer aus ihrem Amte gerissen, obwohl letzteres durchaus im Bereiche des Denkbaren lag. Vielmehr wurde eine natürliche Gesundung herbeigeführt, ein gewichtemäßiger, moralischer Ausgleich zwischen dem, was war und nicht so bleiben konnte, und dem, wie es sein sollte. Die Erwägungen und Entscheidungen der Damen gründeten durchaus auf naturwissenschaftlichen wie philosophischen Überlegungen und Erkenntnissen. Merzte nicht die darwinsche Natur alles Unwerte, Unfähige und Unzeitgemäße wie selbstverständlich aus? Achtete die Evolution nicht selbst darauf, dass Rückschritte geahndet und mit Vernichtung bestraft wurden? Wo waren sie geblieben, die Dinosaurier, die Ichtiosaurier, die abertausend Spezies, die vor dem Erscheinen des homo sapiens ihr Wesen und Unwesen auf der Welt trieben? Auf der Strecke! Was war mit den selbstverherrlichenden Diktaturen geschehen, leider erst, nachdem sie sich zunächst ausgelebt hatten und ihre negative, zerstörerische Kraft voll in Erscheinung getreten war, mit der sie Andersdenkende und überhaupt alles, was sie selbst nicht zu verstehen in der Lage waren, hingerichtet, gemeuchelt hatten? Die evolutionären Kräfte hatten sie zerstört. Leider, im Großen wie im Kleinen, entstanden solche unwerten Systeme wie Unkraut immer wieder einmal. Und es musste Instanzen geben, die sie erkannten, und ihre Übertretungen gegen Sitte, Ethik, Menschenrechte und Moral ahndeten.

So oder so ähnlich dachten die Damen der Mittwochnachmittage. Und sie nahmen die Ihnen auferlegte Bürde ernst, die Aufgabe, die ihnen zugekommen war; denn wer, wenn nicht sie, schufen einen gerechten Ausgleich zwischen dem Anachronismus des Unwerten und der Utopie der Evolution. Sie sahen sich als der verlängerte Arm Shivas, des Gottes des Werdens und Vergehens, der schöpferischen Kraft in der Natur, die Jurisdiktion und zugleich die Exekutive des lebendigen, immanenten Zeitgeistes.

Die Sünden, die sie aufspürten und ahndeten, gelangten vor keines der normalen Strafgerichte, weil diese überbordet waren mit gewichtigeren Fällen, mit Fällen, die zur Anzeige gebracht wurden und für die ein öffentliches Interesse bestand, mit Fällen, deren Beweislage offen da lag, die mit Fakten unterfüttert und mit unerschütterlichen Belegen ausgekleidet waren. Was aber mit den Verbrechen, die unter dem Tisch geschahen, außerhalb des Gesichtsfeldes des öffentlichen Interesses, sozusagen einzig unter der Lupe des Individualinteresses, hinter den Gardinen der Wohnzimmer, in der Heimlichkeit von Schlaf- und Kinderzimmern, ohne Öffentlichkeit, ohne konkrete Beweise oder nur mit solchen Beweisen, die aus natürlichen Gründen nach einiger Zeit wieder verschwanden, wie blaue Flecken, oder gar vollkommen unsichtbare Beweise wie tiefe, klaffende Wunden der Seele, deren verschorfte Narben uns aus den tiefen Untergründen der vielen verbogenen, durch Lebensumstände oder die Rücksichtslosigkeit der lieben Mitmenschen geschlagenen Charaktere anstarren?

04 – Der Gefangene

Harry hörte sich keuchen. Er wusste nicht, wie lange es her war, seit ihm sich gegen seinen Willen die Blase entleert hatte. Jedenfalls spürte er es nicht mehr warm und nass. Er fühlte mit der freien Linken an der Hose entlang. Fast trocken. Nur unter ihm gärte noch unangenehme Feuchte. Der penetrante Gestank nach getrocknetem Urin stach in der Nase. Zorn brach in ihm auf. Es musste doch langsam mal jemand nach ihm sehen! Es schien etwas heller geworden zu sein, aber er war fast blind ohne seine Brille. Ihm fröstelte und er fühlte sich elend. Noch nie war er in einer solch erbärmlichen Situation gewesen. Sie gehörte einfach nicht in sein Leben. So etwas gehörte zum Leben anderer. Irgendwann musste einer kommen, und dann würde es sich aufklären. Er bäumte sich in einem Wutanfall auf und ließ sich auf die Matratze zurückfallen. Es war ihm egal, ob die Hand wehtat. Vor Schmerz keuchte er wieder. Etwas in ihm sagte, er bräuchte nur etwas Geduld zu haben, dann würde alles sich aufklären. Er hatte nur keine Lust, Geduld zu haben. Er hatte sie weder mit seiner Frau, noch mit Angestellten, noch mit irgend jemand anderem. Er war es gewohnt, dass andere mit ihm Geduld haben mussten. Sie wollten etwas von ihm, dann hatten sie zu warten, bis er sich bequemte oder bereit fand. Bei einigen Lieferanten hatte es sich ausgezahlt, die hielten sein Abwarten für Desinteresse und kamen ihm schon deswegen mit dem Preis entgegen. Wann hatte er schon einmal Geduld haben müssen? Ja, doch, bei den Verhandlungen mit den angolanischen Stammeshäuptlingen, diesen schwarzen Kakerlaken, diesem Ungeziefer. Das örtliche Stammesoberhaupt hatte ihn ausgelacht, als er ihm den Vertrag mit der Regierung zeigte. Der Bimbo hatte gelacht und alle drum herum hatten gelacht. Dann hatten sie ihn gefragt, was dieser Fetzen Papier denn sei. Er hatte ihnen gesagt, es sei die Erlaubnis von ihrem Präsidenten, hier auf ihrem Lande eine kleine Produktion zu errichten. Da hatten sie wieder alle gelacht. Dann war der Häuptling ernst geworden, hatte ihn näher gewinkt und hatte ihn sehr leise gefragt, ob diese Unterschrift von ihm, dem Häuptling sei. Verdattert hatte er gesagt: „Nein, von eurem Präsidenten in der Hauptstadt. Von eurem . . . Oberhäuptling.“

„Diese Zeichen auf dem Papier sind also nicht von mir“ hatte der Häuptling gesagt „aber du willst auf meinem Land Hütten bauen?“

„Ja, mit der Erlaubnis von eurem Präsidenten.“

Darauf hatten alle sich wieder vor Lachen ausgeschüttet.

„Was hast du ihm bezahlt, dem Präsidenten?“, kam die Frage, als alles wieder ruhig war.

„Ich habe ihm nichts bezahlt, aber unsere Regierung hat mit ihm einen Vertrag über viel Geld abgeschlossen.“

„Und was erhalte ich von dem Geld? Hast du darüber auch ein Papier?“

Da Harry ahnte, dass der Häuptling weder Lesen noch Schreiben konnte, hatte er frech ein beschriebenes Stück Papier hervorgeholt und es ihm vor die Nase gehalten: „Sehr viel bekommst du von deinem Präsidenten, sehr viel.“

Der Häuptling wurde sehr still und schaute ungläubig auf das Papier. Harry hatte ihn überlistet.

„Lass mich prüfen, wie viel das ist.“ Er nahm Harry das Papier aus der Hand, hielt es nahe vor seine Augen, als ob er es eingehend studierte, dann zerknüllte er es plötzlich, steckte es in seinen Mund, zerkaute und schluckte es.

„Das ist nicht viel!“

Das Lachen schien kein Ende mehr zu nehmen.

Dann hatte sich der Häuptling wieder zu ihm gewandt und mit großen runden Augen gefragt: „Was gibst du uns, wenn ich dich deine Hütten auf mein Land bauen lasse?“

Unsicher geworden hatte Harry geantwortet: „Soviel, wie du für erforderlich hältst.“

„Bis morgen will ich ein gutes Gebot von dir hören und dann erteile ich dir die Lizenz – vielleicht!“

Lizenz! Was bildeten die sich ein? Er hatte doch die Lizenz einer höheren Stelle. Er brachte ihnen schließlich Arbeit und Geld und Wohlstand hierher in die Wildnis. Eine Fabrikation. Arbeit für alle die schwarzen Nichtstuer, die ihn ausgelacht hatten. Geld, das sie wieder in Alkohol, Cheeseburger und Coca Cola umsetzen konnten. Dass er ihnen Wohlstand brachte, das sahen sie nicht, diese Pygmäen, die nur von heute nach morgen denken konnten. Er wollte ihnen etwas geben, aber sie dachten nur ans Nehmen. Er wusste, er würde zahlen müssen und machte ein Angebot. Man hatte ihm gesagt, am Tage darauf würde er vom Häuptling hören.

Nach einer Woche hatte er noch einmal nachgefragt. Da hatten sie ihn wissen lassen, sie hätten weitere Interessenten, deren Gebot sie erst einmal prüfen wollten, er solle vielleicht in einer Woche noch einmal anfragen. Aber er, Harry, war schlauer gewesen. Er hatte sein Gebot verdoppelt und es bis übermorgen terminiert. Da hatten sie einen Boten geschickt und in den Handel eingeschlagen. Ein fantastisches Geschäft! Die Produktion kostete hier nur ein Zwanzigstel von der in Europa und er hatte nur einen Teil des Geldes verbraten, welches er zur Verfügung hatte. Mit diesem Deal hatte er gehofft, in die Vorstandsetage einzuziehen. Und so war es auch gekommen. Er hatte den Posten des Generalbevollmächtigten für Afrika bekommen, vorbei an fachlich qualifizierteren Kollegen. Er hatte sich feiern lassen wie ein Held. Er war ein Held.

Harry spürte einen Widerstand in seinem Rücken. Mit der freien linken Hand versuchte er, an das Ding zu kommen, was ihn störte. Er musste sich sehr verrenken, um seine linke Hand dahin zu lenken, wo er den Gegenstand fühlte.

Er entsann sich an seinen Wutanfall. Meistens brachten ihn seine Wutanfälle weiter. Bei seiner Frau, die dann ganz still wurde und keinen Widerstand mehr leistete wie bei seinen Mitarbeitern, die den Schwanz einzogen und lautlos seinen Anweisungen folgten. Ein probates Mittel bei Halbmenschen. Er war Vollmensch und brauchte sich keinen Wutanfall eines anderen Menschen gefallen lassen. Er lächelte in sich hinein. Die Finger seiner linken Hand berührten etwas Spitzes, Metallenes, noch einen Ruck und er hatte es in der Hand. Seine Brille. Sie musste ihm vom Gesicht gerutscht sein. Er zog sie hervor. Sie war verbogen, ein Glas und ein Bügel fehlte. Er setzte sie auf und mit einem Auge erkannte er den Raum deutlicher. Es musste ein Kellerraum sein, fast quadratisch. Graues Tageslicht fiel von links in den Raum und ließen ihn nur schwach erkennen. An der oberen Kante der linken, schmucklos grauen Wand kam das Licht durch ein Verbundglasfenster und gab einen schwachen Widerschein auf dem Betonboden. Harry blickte auf die dunkelgraue Wand ihm gegenüber, die vielleicht vier Meter entfernt war. In der Mitte hob sich etwas ab, das eine Türe sein musste mit schwarzem Griff. Die Wände waren aus rohem Beton, wie auch der Fußboden. Kein weiteres Fenster. Es roch nach muffigem Keller. Er lauschte in das Dämmer hinein. Nichts. Nicht einmal Straßengeräusche, kein Vogel und keine Schritte oder Stimmen.

Harry schaute an sich hinunter. Er sah sein verschmutztes, ehemals weißes Hemd, seine dunkelblaue, jetzt gefleckte Anzughose und schwarze Socken. Man musste ihm die Schuhe, seinen Gürtel und seinen Schlips ausgezogen haben.

Rechts direkt neben seiner Matratze sah er die Reste seines Magenergusses und eine kleine, rote Pfütze glänzen. Eine rote Tropfenspur zog sich zu ihm auf die Matratze. Er drehte seinen Kopf nach rechts oben, wo seine schmerzende rechte Hand eisenstark umklammert wurde und sah die Handschelle, die straff um sein Gelenk geschlossen war. Die andere Schelle schloss sich um eine grobgliedrige, rostige Eisenkette. Diese war um ein dickes, einige Zentimeter vor der Wand senkrecht aufsteigendes Rohr geschlungen. Das Rohr war mit einer Manschette sechzig Zentimeter über dem Boden in der Wand befestigt. Auf dieser Manschette hingen die Glieder die Eisenkette, an der die andere Handschelle eingehakt war. Er kannte sich aus in Handschellen, wie er auf dem Gebiet der Waffen und Waffensysteme ein ausgesprochener Experte war. Er erkannte sofort, dass es sich bei den Handschellen um Markenware handelte, keine minderwertigen aus irgendwelchen Sexshops, die zu horrenden Preisen angeboten werden, dem sogenannten Perversenzuschlag. Das hier waren gediegene aus professioneller Werkstatt. Ein Blick mit seinem bebrillten Auge zeigte ihm, dass es sich um keine Handschellen mit Scharnier handelte, sondern um solche mit zwei Kettengliedern und Drehring. Ein Aufatmen ging durch seinen Körper. Da lag die Chance zu seiner Befreiung. Gleichzeitig erkannte er auch sofort die pakistanische Machart. Leider. Die Pakistani bauten sehr haltbare Fesseln. Indische wären ihm lieber gewesen.

Jetzt schoss es ihm wieder siedend durch den Körper. Wo war er? Pakistanische Handschellen in einem deutschen Knast? Unmöglich. Er spürte, wie sein Blut wieder in Wallung geriet. Er setzte sich unter großer Anstrengung auf den Rand der Matratze, um sich die Handschellen besser ansehen zu können. Dabei rutschte er auf seiner eigenen Pfütze aus und schnickte mit dem Fuß die Kotze und das Blut von sich weg. Er spürte die Feuchtigkeit in seiner Hose die Oberschenkel entlang und ekelte sich.

Ich kriege euch! Dafür werdet ihr zahlen! Für jede Sekunde werdet ihr zahlen! Nur ruhig jetzt. Jetzt gilt es, die Ruhe zu bewahren! Es gibt immer eine Schwachstelle und ich bin Meister im Auffinden davon. Lasst mich nur hier herauskommen! Lasst mich nur erst die Fesseln sprengen!

Harry war vollkommen konzentriert, als er sich über die Fesseln beugte und jedes Detail in sich aufnahm. Er sah sofort, dass die Kette, die um das Rohr gelegt war, viel zu stabil war, als dass er sie hätte brechen können. Womit auch? Auch die Handschellen waren von bester Qualität. Es waren sogenannte Darbies, nach dem Darby-Stil produzierte, mit einem Schraubgewinde zu verschließende Fesseln. Es waren die Volkswagen unter den Handschellen, gediegene Qualität, unendlich haltbar und meist in der dritten Welt gebraucht, da sie erschwinglich waren. Einmal eingerastet und verschlossen, gaben sie keinen Millimeter in der Weite nach. Jede der Schellen war fest mit einer Öse verschweißt, in der eines der beiden Kettenglieder steckte. Jedes der beiden Kettenglieder war in sich verschweißt und beide begegneten einander in der Mitte in einem Drehbügel. Der bestand aus zwei steigbügelartigen Teilen, die mit einem Bolzen drehbar verbunden waren. Dieser Bolzen war der Schwachpunkt. Es stimmte, es waren pakistanische Fesseln. Vernickelter Stahl. Wenn beide Hände eines Delinquenten in solche Fesseln steckten, konnte er sich niemals davon lösen. Die Kraft, die man aufwenden musste, um die beiden Schellen voneinander zu trennen, wäre zu groß. Auch konnte man keinen Schwung holen, um die Reißkraft zu verstärken.

Wohlgemerkt, wenn beide Hände gefesselt waren. Aber Harry hatte eine Hand frei und konnte seinen Körper als Gegengewicht benutzen. Es würde gelingen. Es würde gelingen müssen. Er überlegte, welche Methode am meisten Erfolg verspräche: Wenn er allen Körperschwung benutzte, um an der Fessel zu reißen, oder ob er mit dem Fuß gegen die Wand gestemmt, langsam den Druck auf den Bolzen erhöhen sollte, bis er aus den Drehbügeln ausriss. Er entschied sich für die zweite Methode. Er sagte sich ganz deutlich, er benötigte jetzt jede Konzentration und Kraft. Jede einzelne Bewegung wollte durchdacht und voll konzentriert ausgeführt werden. Er starrte auf den Bolzen, den Schwachpunkt im System.

Plötzlich befand er sich in seiner Produktionshalle in seinem Betrieb in Namibia. Er schaute einem Neger über die Schulter, wie der einen Bolzen in ein mechanisches System einzusetzen versuchte, eine Arbeit, die jeder Affe imstande war, durchzuführen. Doch dieser Bimbo schien von Lemuren abzustammen. Er schrie ihn an, ob er nicht ein Gramm Hirn hätte oder seine Mutter ihm die Muttermilch vorenthalten hätte. Der Schwarze war zusammengezuckt und hatte sich untertänig geduckt, wie ein geschlagener Hund gewinselt, er sei den ersten Tag da und keiner hätte ihm gezeigt, wie das gehen sollte.

Sie hatten aus wirtschaftspolitischen Erwägungen heraus die Herstellung und Verarbeitung von ‚mechanischen Ersatzteilen’ und ‚Feuerwerkskörpern’ als offizielles Produktionsziel angegeben, um damit die Einfuhr und den Verbrauch an Explosivstoffen zu rechtfertigen und nicht bei der Bevölkerung unangenehm aufzufallen. Ihr Werk war eine Tochter der Weltfirma Crimeler, dem Hersteller von speziellen Nobelkarossen, doch durfte dieser Name nirgends auftauchen. Denn das, was sie herstellten, durfte niemals mit dem Namen und dem guten Ruf des Weltkonzerns in Zusammenhang gebracht werden. Überhaupt hatte die Produktion auf der Kippe gestanden, als 1999 der ‚Ottawa-Vertrag’ unterzeichnet wurde, der die Produktion und den Handel mit Landminen ächtete und sich die Unterzeichner verpflichteten, weder Minen herzustellen, noch mit ihnen zu handeln. Das hatte im Vorfeld einige Irritationen auch bei Crimeler hervorgerufen, konnte die bisherige Tochterfirma doch einen erklecklichen Teil des Konzerngewinnes erwirtschaften und das bei äußerst niedrigen Produktionskosten.

Es  hatte eine heimliche Krisensitzung stattgefunden unter Teilnahme aller weltweit wichtigen Entscheider der Rüstungsindustrie und man hatte sich intern geeinigt, die Bezeichnung ‚Landminen’ oder ‚Personenminen’, besser ‚Antipersonenminen’ umzuwandeln in die harmlosen Begriffe ’Flächenverteidigungs-Systeme’ oder ‚Rückzugssicherungssyteme’. Die Lobby hatte ganze Arbeit geleistet und dieser Begrifflichkeit den Unbedenklichkeitsstempel der Politik verschafft. Wollte man das Feld den Russen, den Amerikanern oder den Chinesen überlassen, die die Ottawa-Konvention nicht unterzeichnet hatten und Minen in Hülle und Füller herstellten und teuer verkauften? Harrys besonderes Verdienst war es, die Minen ‚intelligent’ zu machen.  Er schlug vor, die einfachen Versionen den Billigherstellern zu überlassen und eine neue Generation vom Minen zu entwickeln, die die innovativste Elektronik und Sensorik beinhaltete, akustische, optische und wärmesensible Zündmechanismen. Diese neue Generation wurde mit den frisch geprägten Begriffen belegt und in einer weltweiten Marketingaktion propagiert. Das bedeutete den Vorsprung zu den billigen Minen auf dem Weltmarkt.

Die lästige Konkurrenz der Billighersteller war somit ausgeschaltet und die Ächtung richtete sich gegen diese. Leider hatte man ihn bei der Vergabe des Nobelpreises übergangen.

Harry hatte den Schwarzen entlassen, der nicht in der Lage war, einen Bolzen einzuführen.

Immer noch starrte Harry den Bolzen an. Da kam ihm eine andere Idee. Vielleicht müsste er das Rohr untersuchen, worum seine Fesseln geschlungen waren. Vielleicht gäbe es hier eine bessere Schwachstelle. Was war das überhaupt für ein Rohr? Für ein Heizungsrohr war es zu dick und für ein Abflussrohr zu dünn. Er rutschte so nah heran, dass er es genau unter die Lupe nehmen konnte. Lupe war schon recht, hatte er ja nur ein bebrilltes Auge. Das Rohr war zirka acht Zentimeter im Durchmesser und mit grauer Ölfarbe gestrichen, die an einigen Stellen Kratzer zeigte, besonders an der Stelle, wo die starke Eisenkette um das Rohr führte, an welcher die zweite der Handschellen eingeklinkt war. Diese Spuren rührten wohl von seinen bisherigen Bewegungen. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Die Kette besaß nur sechs oder sieben rostige Glieder und war durch ein stabiles Vorhängeschloss gesichert. Sie lag auf einer Halterung auf, deren Manschette fest das Rohr umschloss und die ebenfalls grau angestrichen war.  Die Halterung selbst ragte in die Wand und war dort einzementiert. Harry schaute nach oben. In der Höhe von zirka zwei Metern war die nächste Halterung mit Manschette angebracht. Dazwischen konnte die Kette sich frei hoch und herunter bewegen lassen. Harry konnte also aufstehen. Er musste sich das genauer ansehen, Schwachpunkte erkennen. Darin war er Meister. Er schaute auf die Stelle, wo das Rohr aus dem Boden kam. Es musste nachträglich zu irgend einem Zwecke eingebaut worden sein, er sah die Ausfransung, die entsteht, wenn man ein Loch in Beton bohrt. Diese war nur notdürftig zugegipst worden. Er schaute an die Decke. Dort sah es genauso aus. Wenn es ihm gelänge, das Rohr zu verbiegen, aus den Halterungen zu reißen, vielleicht dadurch entzwei zu kriegen, wäre er gerettet. Er klopfte mit dem Knöchel seines linken Mittelfingers an das Rohr. Es gab einen hohlen, metallischen Klang. Das Rohr war hohl, nur Luft darin. Wäre es mit Flüssigkeit gefüllt, würde es dumpfer klingen, überlegte er. Verdammt, warum bin ich nicht sofort darauf gekommen! Das leere Rohr ist ein ausgezeichneter Schallträger! Ich muss nur dagegen schlagen und das ganze Haus dröhnt von dem Geräusch. Wenn das jemand hört, wird er runterkommen!

Er blickte sich um. Womit könnte er dagegen schlagen? Da er mit dem Gesicht zur Wand gehockt hatte, musste er seinen Körper drehen, um sich im Raum umsehen zu können. Sein eines Brillenglas schränkte seinen Sichtwinkel bedeutend ein. Er rutschte ein Stück von der Wand fort und drehte seinen Körper in den Raum. Sofort begannen die Schmerzen in seiner Schulter neu zu brennen. Der Raum war leer. Weiter hinten in der Dämmerung de Raumes sah er hinter einem Fetzen gelben Papiers so etwas wie eine Flasche stehen. Genau das brauchte er. Eine Glasflasche, mit der er gegen das Rohr hämmern konnte. Sie war zu weit weg. Er blickte sich weiter um. Außer der Matratze sah er auf der anderen Seite des Raumes nichts liegen. Er war in einem leeren Raum mit einer Matratze und einer Wasserflasche alleine.

Was sollte das alles? Hatte sich jemand mit ihm einen Scherz erlaubt? Ihn besoffen gemacht und dann hierher verbracht? Zu welchem Zweck? Worin bestand der Witz? Er konnte darüber nicht lachen. Seine Schuhe! Mit den Schuhen könnte er gegen das Rohr trommeln. Wo waren seine Schuhe? Nicht da, nein auch jenseits der Matratze nicht. Die Kette! Die Kette war doch die Lösung! Sie hing verhältnismäßig locker um das Rohr. Er brauchte sie nur zu schütteln. Sofort begann er, mit seiner gefühllosen rechten Hand zu rütteln. Heißer Schmerz durchzuckte ihn. Das schwache Klimpern, welches diese Bewegung verursacht hatte, würde kaum ausreichen. Nachdenken, bevor du etwas tust! Er spürte, wie neue Wut in ihm aufkam und schlug mit seiner linken Faust gegen das verdammte Rohr. Das klang schon besser. Aber er hatte zu fest und zu unbedacht zugeschlagen. Die linke Hand schmerzte nun auch noch! Ruhe, Harald, Ruhe, die Unbesonnenheit bringt dich nicht weiter.

Plötzlich spürte er, dass er am ganzen Körper schwitzte. Es war eine Hitze, die von innen kam, aus seinem Bauch, wie der Vorläufer einer Panik. Die Lunte brannte. Er wollte hier raus. Jetzt und sofort! Er drehte sich zum Rohr, stützte beide Füße an die Wand, griff mit seiner linken Hand um sein rechtes Handgelenk und riss und riss mit aller Wucht und aller Kraft mehrmals an der Kette und dem Rohr. Nichts tat sich, außer dass die Handschelle sich stärker in seine rechte Hand eingrub und einen dumpfen, quälenden Schmerz auslöste. Schweißgebadet ließ Harry ab.

Plötzlich fühlte er sich sehr matt.

Er dachte noch schwach daran, dass er das andere Brillenglas suchen musste, dann überkam ihn ein wohltuender Dämmerzustand.

Beim Abgleiten ins Dunkel vermeinte er fernen Kaffeeduft zu riechen.

05  – Ellen, die Neue

„Langsam wird der Kaffee kalt!“, schalt Marlies, die ewige Nörglerin. Hedwig beruhigte sie: „Dann kochen wir eben neuen!“

„Sie wagt es nicht. Wetten? Und ich war so neugierig.“ Marlies war in ihrem Element. Es begann ein allgemeines Einschätzen, ob ‚die Neue’ noch käme oder den Schwanz einzöge.

„Es ist erst zwölf Minuten nach drei. Lassen wir ihr die akademische Viertelstunde. Wir alle wissen, dass es nicht leicht ist, den Entschluss zu fassen, seinen eigenen Ehemann . . . vorzustellen“ sagte Hedwig mit ihrer tiefen Stimmeund brachte somit Ruhe in die Runde.

Erika meldete sich zu Wort: „Keinem von uns ist es leicht gefallen, erinnert euch an euch selbst. Hanne, sag, du hast dich doch auch geziert und brauchtest drei Anläufe.“

„Nun, ja,“ Hanne sprach wie sie dachte, langsam und zögerlich „aber es war auch eine schwere Entscheidung. Und diese furchtbare, allerletzte Konsequenz . . .“

Den Rest des Satzes blieb sie schuldig, doch jede machte sich so ihren Reim darauf.

„Weshalb wir dich ja auch nie einsetzen konnten, wie jede andere von uns!“ In hohem Diskant brachte sich Josy lebhaft ein, die Mitbegründerin des Mittwochstreffs. „Entscheidungen fallen Dir immer sehr schwer!“

Hedwig wollte keine unangenehme Diskussion aufkommen lassen und sagte: „Dafür macht uns Hanne die Protokolle, die Buchhaltung und die Pläne sehr ordentlich. Jedem seine Aufgabe. Wir sind schließlich ein Team!“

Die Haustüre läutete. Ein allgemeines „AH!“ machte sich im Raume breit. Josy sprang auf, dass ihre roten Haare flogen und sagte beim Hinausgehen. „Vielleicht ist es nur der Postbote!“ Alle starrten zur Zimmertüre. Man hörte einen kurzen Wortwechsel, dann kam Josy alleine ins Zimmer zurück und sagte: „Erika, dein Gast ist da. Sie will erst mit dir alleine reden.“

Erika stand auf und ging in den Flur. Alle spitzten die Ohren, konnten aber nicht mehr als zwei Stimmen flüstern hören. Dann traten Erika und ‚die Neue’, Ellen, ins Zimmer.

Ellen sah den großen, runden Eichentisch in der Mitte des Raumes, umgeben von Damen unterschiedlichsten Alters und Aussehens. Ellen hatte einen Heidenrespekt, alleine schon von dem Anblick der Villa und nun vor der Runde, den unbekannten Damen, die um den Tisch saßen und die sie, wie sie meinte, mit Blicken durchbohrten. Sie wusste nichts Genaues, nur aus den Andeutungen von Erika ahnte sie, dass diese Damen ein Geheimnis verband. Und sie sollte diesem Bund beitreten. Der Raum war eingerichtet wie eine Bibliothek, mit wandhohen Regalen, dicht an dicht gefüllt mit Büchern, Atlanten, Folianten, die Rücken der Bücher mit und ohne Golddruck, imponierend in ihrer Masse und dem Kosmos von Wissen, mit dem sie dem Eintretenden drohten. Eine der Damen erhob sich vom Tisch und kam auf sie zu.

„Ich bin Hedwig, ich wohne hier. Ich bin seit neun Jahren Witwe.“ Hedwig führte Ellen zu einem freien Stuhl mit hoher Lehne am Tisch und bat sie, Platz zu nehmen. Ellen schien es, als ob jede einen festen Platz in der Runde hatte, ihrem Rang oder der Zugehörigkeit entsprechend. Der ihr zugewiesene Stuhl stand genau gegenüber von Hedwigs, die zu ihr sprach: „Zunächst wollen wir Sie in unserer Runde begrüßen. Dazu wird eine jede von uns sich kurz vorstellen.“

Ellen wurde eine Tasse Kaffee vorgesetzt und der Reihe nach begannen die Frauen ihr mit knappen Worten zu erzählen, wie sie hießen, wie lange sie Witwen waren, wo sie lebten und welchen Beruf ihre Ehemänner innegehabt hatten. Am Schluss waren die Augen auf sie geheftet, als ob sie nun sich ebenso vorstellen sollte. Ellen zögerte. Josy blickte sie mit ihren kleinen schwarzen, lebendigen Augen an und sagte lachend in das Zögern hinein: „Sie sind noch keine Witwe. Aber was nicht ist, kann ja noch werden!“

Ellen erschrak. Konnte sie diesen Damen Vertrauen entgegenbringen?

„Josy meint nicht, was sie sagt, es sollte einer ihrer Witze sein“, schlichtete Hedwig. „Wir wollen nur gerne Ihr Problem hören und sehen, ob wir Ihnen in irgend einer Weise behilflich sein können.“

„Vor allen Dingen wollen wir psychologische Hilfestellung leisten,“ sagte Erika, Ellens Freundin sanft, „schau, wir alle hatten große Probleme in unseren Ehen und wir haben uns gegenseitig geholfen. Auch weiterhin, nach Lösung der Probleme, halten wir zusammen, weil wir nur gemeinsam so stark sind, dass uns auch die schwierigsten Problemstellungen keine Angst mehr machen. Wir haben uns alle miteinander von der Angst, von der ständigen, täglichen Furcht erlöst. Gemeinsam.“

Ellen schöpfte wieder Vertrauen, blickte in die Runde und erzählte von ihrem Leben. Sie tat das erst zögerlich, dann zunehmend freier und offener, weil sie sich immer geborgener fühlte im Kreise dieser aufmerksam lauschenden Frauen mit ihren warmen Blicken und dem Verständnis, welches aus ihnen leuchtete.

Sie erzählte von dem schönen Beginn ihrer Ehe, von ihrer Hochzeitsreise und dem Kind, das damals entstand, von der Rückkehr und der Abberufung ihres Mannes nach Afrika, von seiner Heimkehr und der Veränderung in seinem Wesen, welche sie zunehmend spürte. Dann kam sie zu dem Punkt, als er begonnen hatte, sie mehr und mehr zu beleidigen. Das war, als der Sohn eingeschult worden war und sich deutlich zeigte, dass er mehr musisch begabt wäre. Harry, ihr Ehemann schalt dies als Verweichlichung und gab ihr die Schuld an der für ihn unakzeptablen Ausrichtung ihres Sohnes.

Manchmal, während ihrer Erzählung, hatte sie gemeint, ein erkennendes Blitzen in den Augenpaaren der einen oder anderen zu sehen.

Ellen hatte sich mit Händen und Füßen gewehrt, als ihr Mann ihren Sohn in ein jesuitisches Internat gab, damit er dort zu einem Mann erzogen werden sollte. Ihren Trennungsschmerz tat er als weibisch ab und in dieser Zeit begannen auch die erst leichten, dann schwerer werdenden, gewalttätigen Übergriffe, von der Ohrfeige bis zur ausgewachsenen Tracht Prügel, wenn sie es wagte, sich über die Trennung zu ihrem Sohn zu beschweren. Damals hatte sie begonnen, mit Alkohol die Erniedrigungen zu ertragen, mit Pillen zum Einschlafen und zum Wachwerden. Mothers little helper.

Sie klagte über die Kälte ihres Mannes, die ständige Rücksichtslosigkeit, mit der er über sie hinwegging, erzählte von ihren Marotten, die sich mit der Zeit eingestellt hatten, über ihre Sammelsucht und ihre Sucht nach Klarheit. Die eine befriedigte sie, indem sie zu jeder Kofferversteigerung ging, die ihr zu Ohren kam und sich einen Spaß daraus machte, vergessene, stehen gelassene, ungeöffnete Koffer für kleines Geld zu ersteigern und schließlich, voller innerer Spannung diese wie einen geheimen Schatz zu öffnen. Sie besaß inzwischen eine stattliche Sammlung werter oder unwerter Gegenstände aus diesen Gepäckstücken, deren Bedeutung sie sich nicht immer klar war. So hatte sie in einem dieser Wundertüten ein altes Kartenspiel entdeckt, welches sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Seltsame Zeichen und Bilder. Hieraus sollte sich ihre zweite Sucht ergeben, die nach Erkenntnis oder Klarheit. Sie wollte wissen, was sich hinter diesem Kartenspiel versteckte, welche Geheimnisse es zu enträtseln imstande sein würde. Sie kam darauf, dass es möglicherweise Tarotkarten sein könnten und richtig, es waren welche. Sogleich machte sie sich auf die Suche nach einer Person, die ihr die Bedeutung der Karten erläutern konnte, fand auch eine südamerikanische Dame, die sie ihr innerhalb von acht Tagen erklärte und ab sofort legte sie sich für alle wichtigen Anlässe die Karten. Sie hatte auch angefangen, Tagebuch zu führen.

Sie hatte die wenigen Aufzeichnungen, die es kaum verdienten, Tagebuch genannt zu werden, aus ihren Schubladen zusammengesucht, eine Sammlung unterschiedlichster Zettel und Papiere, auf denen sie verschämt so manchen Schmerz, manche Erniedrigung hingekritzelt hatte, wie schnell hingesprochene Gebete, Hilfeschreie an einen Gott, der ihr nicht zur Hilfe kam, weil sie ihm zu unscheinbar war, anders konnte sie es sich nicht erklären. Sie hatte gehofft, durch das Niederschreiben die Erinnerung daran aus ihrem Gedächtnis streichen zu können, die bedrückende Last den Schubladen anzuvertrauen als eine Versteck ihres Schreckens.

Ellen erzählte, wie ihre Trunk- und Medikamentensucht sie in die Knie gezwungen hatte, sie während einer klinischen Behandlung einer angeflogenen Lungenentzündung von beiden Süchten entzogen die Klinik nach zwölf Tagen verlassen hatte und nun das Bild, das ihr Mann ihr bot, ihr noch schrecklicher erschien, als in den Tagen ihres tranigen, betäubten Daseins.

Am Ende ihrer Beichte atmete sie tief durch und sagte erleichtert: „Nun, das war es in Kürze!“

Die Frauen der Runde, die durchaus wussten, dass sie nur Ohrenzeuge eines kleinen Segmentes der Leiden geworden waren, klopften leise mit ihren Handknöcheln anerkennend auf die blanke Tischplatte. Es hörte sich an, wie ein leise aufkommender Donner, der manchmal von Ferne einem furchtbaren Gewitter vorausgeht.

06 – Wasser

Harry schreckte aus seinem Dämmerzustand auf. Ihm war, als ob er in der Ferne ein Auto hätte hupen hören. Er lag auf dem Betonboden, den Kopf nach hinten auf die Matratze gestützt, die Beine angewinkelt. Die rechte Hand steckte nach wie vor in der Handschelle über seinem Kopf. Ihm war übel und er hatte Durst. Er versuchte, mit geschlossenen Augen sich ein Bild zu schaffen, wo er sich befand. Das erste, was er vor seinem inneren Auge sah, war eine Flasche, die an einer Wand hinter einem gelben Papierfetzen stand. Er öffnete die Augen. Ja, er war noch hier, hier in diesem Kerker. Es konnte nur ein schlimmer Traum sein. Das konnte, durfte mit seinem Leben nichts zu tun haben. Er war doch einer der Guten. Der Guten, die die Welt am rollen hielten, einer, der wichtig war, der groß war. Seine Brille war verrutscht, er schob sie mit der Linken in die richtige Position.

Die Helligkeit im Raume hatte sich verändert. Statt grauem Licht fiel ein düsterer gelber Schimmer durch die dicken Verbundglasscheiben und bildeten auf der Gegenwand ein seltsames Abbild von verschwimmenden Quadraten, in sich gesprenkelt mit mehr oder minder hellen Lichtpunkten und Schlieren.  Das Lichterspiel auf der Wand bewegte sich langsam hin und her, manchmal auch leicht auf und ab.

Harry schloss sofort, dass es Nacht sein musste und eine Straßenlaterne dies diffuse Licht in seinen Keller warf. Er traf damit fast die Wahrheit, es war eine im Wind schaukelnde, nackte Glühbirne, nicht auf der Straße, die weitab verlief, sondern eine baumelnde, abgerissene Glühlampe irgendwo vor dem Haus. Er horchte in die Stille. In der Nacht verbreiten sich Geräusche deutlicher, dachte er. Doch nur schrilles, lautes Nichts bohrte sich in sein Bewusstsein.

Er stand vor dem Schreibtisch und sah seinem Chef ins Gesicht, der genauso aussah, wie man sich einen Top-Manager vorstellte, graumeliertes, perfekt geschnittenes Haar auf einem edel geschnittenen Kopf mit kalten grauen Augen und einer prägnanten Nase, ein Typ wie einem Mafia-Roman entstiegen. Aus seinen schmalen Lippen kam es: „Köhler, Sie wissen, warum ich Sie herzitiert habe?“ Ohne eine Antwort zuzulassen, fuhr er fort: „Sie haben versagt!“ Dabei trank er einen großen Schluck Wasser aus einem Kristallglas. „Ihr Kredit aus den letzten Jahren ist verspielt. Ihre Verhandlungen sind hoffnungslos gescheitert, Sie haben eine Katastrophe herbeigeführt und dazu hat sich Ihr Umsatz im letzten Jahr halbiert.“ Er trank wieder.  „Wir haben aus diesem Grunde entschieden, dass Sie ihre Generalvollmacht für Afrika an Schmidtbauer abgeben. Mit sofortiger Wirkung.“ Wieder trank er. Das Glas schien nicht leer werden zu wollen. „Sie kriegen das Ganze noch schriftlich. Danke sehr.“ Harry zog sich der Mund zusammen, er hatte Durst und wollte zum Glase seines Chefs greifen. Der schrie ihn an: „Raus! Raus hier!“

Der quälende Durst nahm ihm jede Angst Wasser! Er kam sich vor wie einer jener Gnus in den Steppen Afrikas, die, getrieben vom großen Durst an die Tränken drängten, egal, welche Gefahr dort lauerte. Durst! Wasser! Er starrte in das Gesicht seines Vorgesetzten und griff zum Glas. Er griff ins Leere.

Die Lampe draußen schaukelte.

Diese verdammten Hunde sitzen dort irgendwo, saufen Bier und Wein und lassen mich hier verrecken! Was in Dreiteufelsnamen geht hier vor sich?

Seine Zunge klebte im Mund fest. Er öffnete den Mund und mit einem zähen Schmatzen löste sich die Zunge vom Gaumen. Er erinnerte sich der Flasche, die zu seiner Rechten hinten an der Wand stehen musste. Er schaute angestrengt in die Richtung. Manchmal, wenn das Lichterspiel auf der Wand sich stärker bewegte, erreichte es für einen kurzen Augenblick die Flasche, deren Umrisse für Sekundenbruchteile sich vom Dunkel der Wand abhoben. Er musste trinken! Er musste irgendwie diese Flasche erreichen! Die, die ihn hier eingesperrt hatten, mussten ihm diese Flasche zugedacht haben, sie konnten ihn doch nicht verdursten lassen.

Wie lange soll das hier eigentlich noch dauern? DIESE SCHWEINE WERDEN ES BEREUEN! Lassen mich in meinem eigenen Dreck hier liegen. Was wollt ihr eigentlich? Wollt ihr mich verdursten lassen? Habt ihr hier eine Nachtsichtkamera installiert und weidet euch an meinem Leiden? NICHT MIT MIR! Ich werde nicht verdursten!

Er erinnerte sich an einen Vortrag, den ein Arzt in einem Überlebensseminar im Auftrage seiner Firma seinen Mitarbeitern über das Verdursten gehalten hatte.

VERDURSTEN IST EINE QUÄLENDE TODESART.

Das Blut verdickt, die Durchblutung aller Organe, auch des Gehirnes nimmt ab, man bekommt Wahnvorstellungen, scheußliche Schmerzen, schließlich vergiften die Rückstände der Niere den gesamten Organismus.

Die Flasche! Die Flasche! Harry’s rechte Schulter tat weh vom langen Liegen auf dem Betonboden, ebenso seine Hüfte. Er lag noch so, wie er erwacht war, zusammengekrümmt neben der Matratze, den Kopf auf ihr, wie auf einem Kopfkissen. Langsam versuchte er sich lang zu machen, er legte seinen Kopf auf seine rechte Schulter und half mit dem linken Arm nach, sein linkes Bein aus der angewinkelten in eine ausgestreckte Stellung parallel zur Wand zu bringen. Als er nun versuchte, das unten liegende, rechte Bein zu strecken, stach ihn ein fürchterlicher Schmerz in die rechte Hüfte. Sofort, wie abgesprochen, brannte ihm die rechte Schulter den Arm hinauf bis ins Handgelenk in der Handschelle. Er atmete schwer und fühlte den Puls in seinen Schläfen. Einige Sekunden verharrte er bewegungslos, dann stützte er die linke Hand vor seiner Brust auf den Boden, um den Druck von seiner Hüfte zu nehmen, stemmte sich hoch und streckte gleichzeitig vorsichtig sein rechtes Bein. Schweißüberströmt sackte er zusammen und wartete, dass die Schmerzen nachließen. Er schaute auf die sich unregelmäßig auf der Wand bewegende Lichtspiegelung und konnte zu seinen Füßen die Umrisse der Flasche erkennen. Sie sah aus wie eine normale Wasserflasche. Ob sie voll oder leer war, konnte er nicht ausmachen. Aber er musste ran! Wenn er sich lang machte, könnte er die Flasche vielleicht mit seinem Fuß erreichen und sie langsam zu sich heranziehen. Nur ruhig jetzt und überlegt handeln. Lass dich nicht von den Schmerzen ablenken und vermeide jede falsche Bewegung. Probehalber fühlte er mit dem beweglichen linken Bein, ob er die Flasche schon erreichen könnte. Sein Fuß stieß ins Leere und seine Zehen knallten gegen die Wand. Er erschrak. Die Bewegung war zu ungestüm gewesen. Hätte er die Flasche erreicht, er hätte sie umgeworfen. Die Dunkelheit verlangte mehr Präzision und Behutsamkeit, weil die Entfernungen schlechter abzuschätzen waren.

Harry brachte seinen Kopf in eine Positur, die ihm erlaubte, mit seinem linken, bebrillten Auge genau den Schattenumriss der Flasche zu fokussieren. Bei dem Gedanken an die Wasserflasche begann er zu schlucken, doch in seiner Kehle rieb sich nur der ausgetrocknete Schlund aneinander und verursachte Würgegefühle. Er überlegte für einen Moment, ob es nicht einfacher sei, mit einem Geräusch auf sich aufmerksam zu machen, als langwierig an das Wasser heran zu kommen, verwarf aber sofort den Gedanken, denn wenn jetzt Nacht ist, wer würde ihn hören? Gab es überhaupt jemanden hier im Hause über ihm? Nein, zuerst musste er sich das Wasser beschaffen, dann konnte er in Ruhe die nächsten Schritte überlegen.

Er würde weiter nach unten gelangen, wenn er sich flach auf den Rücken legte, sich streckte und dann mit seinem rechten Fuß versuchte, die Flasche zu erreichen. Er robbte mit dem Körper so weit hinunter, bis das rechte Handgelenk in der Schelle zum Reißen gespannt war, dazu griff er mit der Linken in die Matratze, um sich weiter vorwärts zu schieben. Jetzt war der Punkt erreicht, er hob den Kopf, um zu sehen, ob sein Fuß die Flasche erreichen würde, konnte aber nichts erkennen. Er musste den Versuch blind machen. Langsam bewegte er sein rechtes Bein mit ausgestrecktem Fuß in die Richtung, wo er die Flasche vermutete. Vorsichtig tastete er sich Millimeter für Millimeter voran – da stieß er auf einen Widerstand. Sofort zog er den Fuß einen Millimeter zurück. Harry wurde bewusst, dass die Erfolgschancen größer wären, wenn er seine Socke auszog, um mit dem nackten Fuß besseren Kontakt zu haben und nicht abzurutschen. Hierzu musste er die erlangte Position erst einmal aufgeben, die Socke abziehen und dieselbe Prozedur wiederholen. Er atmete tief durch, einmal erfreut über den halben Sieg, zum anderen vor Anstrengung. Er zog sich etwas zurück, um sein Handgelenk zu entlasten und zog sich mit der Linken die rechte Socke aus. Ihm war kalt. Um sich aufzuwärmen, zog er beide Beine an und streckte sie wieder aus. Das wiederholte er ein paar Male. Dann bewegte er seinen rechten Fuß im Kreise, links herum, rechts herum; er wollte damit die Beweglichkeit steigern. Wenn es nicht so ernst wäre, würde er darüber lachen, wie er sich hier aufführte. Er versuchte sich neu zu konzentrieren für die Aufgabe, die vor ihm lag. Langsam zog er sich mit Hilfe der linken Hand in die extreme Position, die er vorher eingenommen hatte. Es würde ihm gelingen. Davon war Harry fest überzeugt. Er wollte gewinnen und er würde gewinnen. Er schloss die Augen, um höchste Konzentration zu finden und tastete sich wieder millimeterweise vor. Er machte sich so lang es ging und schob seinen Fuß nach rechts, die Zehen nach außen gebogen. Da – der Kontakt. Der Zehennagel hatte Widerstand gefunden. Harry hielt in der Bewegung inne und überlegte. Wenn er am Fuß der Flasche war, aber vor der Mitte der Flasche, konnte es passieren, dass er sie nach hinten schob.  War er schon hinter der Flaschenmitte, so musste er sich nur noch einige Zentimeter strecken, um den Zehe hinter die Flasche zu schieben und diese dann langsam zu sich heranzuziehen. Er streckte sich, die Schmerzen kamen neu und heiß aus seinem Handgelenk und schossen ihm in die Schulter. Nur ruhig jetzt! Er wusste, im Handgelenk waren viele wichtigen Nerven gebündelt. Er durfte sich dem Schmerz nicht hingeben, er musste ihn ignorieren, aushalten, ihn einfach nicht spüren.

Ihr Schweine, ihr werdet mich nicht unterkriegen! Ich werde es euch zeigen! Und wenn ich mir die Hand ausreißen muss!

Noch einen Zentimeter! Ein neuer Stromstoß schoss durch seinen Arm. Er schrie vor Schmerz und noch während er seinen Schrei hörte, wurde es dunkel um ihn.

07 – Vergangenheit

Ellen fühlte sich ausgesprochen wohl. So wohl wie lange nicht mehr und wer sie kannte, hätte ein leichtes Lächeln um ihre Mundwinkel erkennen können, als sie jetzt im Bus heimfuhr. Sie hatte sich im Doppeldecker nach oben in die erste Reihe gesetzt und blickte entspannt in die Dämmerung hinaus. Es tat gut, sich geöffnet zu haben und es tat gut, sich in einem Kreise angenehmer Menschen und im Bewusstsein befunden zu haben, gänzlich verstanden zu werden. Hedwig hatte sie gebeten, ihre Tagebuchaufzeichnungen als Beweis für ihre Schilderungen dazulassen.

„Wir Frauen neigen zur Leichtgläubigkeit. Diese manchmal schöne Eigenschaft kann allerdings nicht Grundlage sein zu einer umfassenden Beurteilung von Schuld und Sühne. Wir können und wollen nur aufgrund von stichhaltigen Beweisen und Belegen handeln“, hatte Hedwig gesagt.

Besonders erinnerte Ellen sich an einen Satz, den Hedwig wie nebenbei gesagt hatte: ‚Es gibt Sachen, die kann man einfach nicht mehr durchgehen lassen!’. Man hatte sie für heute entlassen, war allerdings noch beisammen geblieben, um die interne Beratung fortzusetzen und möglichst zu einer Perspektive zu kommen. Sie sollte am nächsten Nachmittag wieder erscheinen und man werde ihr dann den Beschluss mitteilen, der, wie immer, von allen Mitgliedern einstimmig getragen worden sein musste. Diesem Beschluss bräuchte sie dann nur zuzustimmen.

In der zunehmenden Dunkelheit huschten am Busfenster die erleuchteten Fenster vorbei und strahlten für Ellen eine Wärme und Wohligkeit aus, die sie lange nicht mehr verspürt hatte. Selbst der Gedanke an ihren Ehemann Harry, der heute Abend von einer Reise zurückkehren sollte, hatte an Schrecken verloren. Sie sah dem nächsten Nachmittag mit Spannung entgegen.

  • Der Donnerstag war ein ebenso schöner Herbsttag wie der Tag zuvor. Ellen hatte ihrem Mann selbstverständlich nichts von ihrem gestrigen Ausflug erzählt. Er hatte nicht einmal gefragt, wie es ihr ergangen war, hatte sie kaum gegrüßt, etwas von ‚Arbeit’ gemurmelt und war den halben Abend in seinem Bürozimmer gewesen, den Rest hatte er auf der Couch liegend beim Fernsehen verschlafen. Heute früh hatte er gesagt, wie in der letzten Zeit immer, dass sie am Abend nicht auf sie warten solle, es würde länger werden. Was dieses ES war, das länger werden würde, hatte sie nie erfahren. Die Antwort hatte er schon bei der ersten schüchternen Anfrage von ihr rabiat vom Tisch gefegt, indem er sie angeschrieen hatte: „Was denkst Du denn! Dass ich Dir Rechenschaft geben müsste über meine Schritte? Ich ernähre Dich schließlich! Ich arbeite, im Gegensatz zu Dir! Wer bist Du, dass Du mir Vorschriften machen könntest, was ich zu tun und zu lassen habe?! Sieh lieber zu, dass Du den Haushalt auf Trab hältst und kümmere Dich um Deine beschissenen Angelegenheiten!“ Dann hatte er die Türe zugeschlagen.

Sie hatte nie mehr nach dem ES gefragt.

Harry war der zweite Mann in ihrem Leben gewesen. Der erste war eine Jugendliebe, Traumbild ihrer Mädchenvorstellung, ein Bonvivant, der sich mit zunehmender Zeit als ein Spieler erwies, der eines Tages mit glänzenden Augen und Taschen voller Geld mit ihr die Welt erobern wollte, am nächsten Tag zerknirscht und verheult sie um hundert Mark angefleht hatte. Dies täglich wechselnde Auf und Ab, das jubelnde Hochfliegen und entsetzliche Niederkrachen, die hochheiligen Versprechen, es das letzte Mal gewesen sein zu lassen, die Gaukelei eines Lebens in der Südsee und die Realität des geschundenen Gewissens, der bodenlosen Zerknirschtheit und die doch unstillbare Sucht, es noch einmal, ein einziges Mal zu probieren, die nervenaufreibenden Zerwürfnisse, die bei ihm in fürchterlichen Alkoholexzessen endeten, das alles hatte sie zwei Jahre lang gegen die gut gemeinten Ratschläge ihrer gesamten Umgebung bis zum Siedepunkt ertragen, dann war sie zusammengeklappt und in einer sterilen Nervenklinik aufgewacht. Nach einer Woche in dieser Klinik war ihr Freund mit einer anderen verschwunden, deren Glaube an das vorgespiegelte Paradies noch unverbraucht, deren Hoffnung, mit diesem blendend aussehenden Mann die Welt zu erobern noch nicht überschattet war und deren Schatulle möglicherweise um einiges größer gewesen war als die von Ellen.

Zu dieser Zeit lebte sie bei ihrem Vater und versorgte ihn. Ihre Mutter war vor Jahren an einer Tropenkrankheit verstorben und so war ihr Vater der einzige Halt, neben ihrer einzigen Freundin aus der Schulzeit, Marianne, mit der sie so manches Schulmädchengeheimnis wahrte.

Dann hatte sie, nach Jahren, in denen sie keine rechte Lust hatte, an eines Mannes Seite zu leben (alle Männer sind nur Abenteurer und Spieler), auf einem Empfang ihres Vaters ihren jetzigen Mann Harald kennen gelernt. Vom Aussehen kam er nicht im Mindesten an den Bonvivant von früher heran, er war untersetzt, mit einem Allerweltsgesicht versehen, doch strahlte er eine ruhige Männlichkeit aus. Seine Weltgewandtheit und seine Stellung hatte ihrem Vater und ihr imponiert. Er riet ihr zu, sich mit Harry zu verloben, war er jedenfalls kein Spieler, sondern ein seriöser Geschäftsmann und stand, mit den Worten ihres Vaters, mitten im Leben. Und nach einigen Treffen und Abendessen hatte auch die Verlobung stattgefunden. Nach kurzer Verlobungszeit fand ihre Hochzeit in einer wahren Turbulenz statt.

Die Hochzeitsreise ging in die USA nach Lewiston, einem winzigen Fleck an der kanadischen Grenze und direkt an den Niagarafällen, ein bezauberndes Örtchen mit Theater- und Opernaufführungen, von denen sie einige besucht hatten, mit ständigen touristischen Attraktionen und Garagenverkäufen und hervorragenden, kleinen Restaurants. Sie fühlte sich bereits im siebten oder achten Himmel und nicht nur, weil er ihr die Niagarafälle aus einem eigens für sie gecharterten Hubschrauber zeigte. Von dort waren sie nach Chicago gereist und er hatte sie mit dem Wagen die berühmte Route 66 entlanggefahren, bis er durch einen Anruf seiner Firma Hals über Kopf nach Hause gerufen wurde.

Zurückgekommen, überschlugen sich die Ereignisse. Harry wurde abberufen, den Standort Afrika für seine Firma zu erschließen, währenddessen starb der Vater von Ellen plötzlich an Herzversagen und die Schwangere musste die Beerdigung, die Hausauflösung und den Verkauf des Hauses ihres Vaters, ihren eigenen Umzug, die Renovierung ihres neuen Hauses, Anmeldungen, Ummeldungen und alles was dazugehörte organisieren und als sie alles aufs Beste geordnet hatte, legte sie sich ins Krankenhaus und gebar einen Sohn. Der Vater war die ganzen Monate in Afrika gewesen und hatte dort seine Firma etabliert.

Als Harry jetzt zurückkam, sollte das Leben beginnen.

Es begann damit, dass er eine Horde Architekten und Baumeister beauftragte, das Haus innen und außen nach seinen Ansichten umzugestalten. Sie traf es wie ein Schock. Hatte sie sich nicht Mühe gegeben, die Renovierung nach bestem Können und Geschmack durchzuführen? Hätte er es nicht wenigstens mit ihr besprechen sollen? Doch er war so überglücklich über seinen Sohn und über seine geschäftlichen Erfolge, dass er vor Glück strahlte, ihr jeden Wunsch von den Augen ablas. Es schien, als ob er gar nicht bemerkte, dass er ihre Bemühungen mit leichter Hand fortgewischt hatte. Als das Haus nun fertig war, erkannte sie es nicht wieder. Sie hatte gedacht, sie hätte es mit einigem Aufwand gemütlich gemacht. Nun strahlte das Haus innen und außen wie ein Palast, er hatte es an nichts fehlen lassen, die Holztreppe durch einen Marmoraufgang ersetzen, einen Kamin einbauen, die Wände mit den teuersten Tapeten bekleben und den Boden mit bestem Parkett auskleiden lassen. Es war wunderschön, wie aus einem Architekten-Journal, nur gemütlich fand sie es nicht mehr. Bis auf die Küche, die hatte er auf ihren Wunsch belassen, wie sie war. Und dies wurde der Raum, den sie die nächsten Jahre hauptsächlich bewohnen würde. Harry hatte nun Zeit für sie. Er hatte einen gehörigen Urlaub genommen und ein Kindermädchen eingestellt, so dass sie auch am Abend ausgehen konnten und Ellen zum ersten Mal das turbulente Nachtleben Berlins erleben konnte. Sie besuchten Oper und Theater, Kinos und Nachtbars, Clubs und Discos. Das Baby gedieh mit Hilfe seiner Nanny prächtig und Ellen fühlte sich rundherum wohl.

08 – Der Tanz

Als Harry wieder zu sich kam, hörte er nur ein rhythmische Pochen. Da-damm, da-damm. Er war ganz ruhig. Da-damm, da-damm, da-damm. Und schmerzfrei. Da-damm. Er atmete tief und gleichmäßig. Da-damm. Irgendwie war ihm, als wäre er einem quälenden Traum entronnen. Er hätte nicht sagen können, ob er stand, saß oder lag. Er schwebte im Raume und alles fühlte sich gut an. Er roch nichts und schmeckte nichts. Nur der Rhythmus des Pulses trug ihn durch die Dunkelheit. Er wusste nicht, ob er die Augen offen oder geschlossen hatte, er trieb auf seinem Rhythmus dahin, da-damm, da-damm, da-damm.

Ist das der Tod? Ist danach alles ruhig und nur von dem Rhythmus getragen? War er jetzt dem Jammertal entronnen? Dem Schmerzens-Tiegel, der Welt der Pein? Seine Lippen waren zusammengepappt und fühlten sich an wie eine vergrindete Narbe.

Da mischte sich in das Pochen ein helleres Geräusch, ein unterdrücktes Keuchen, ein verhaltenes Atmen, schnell und unregelmäßig.

Harry riss die Augen auf. Im fahlen Dämmer sah er die Umrisse einer gebückten Gestalt links von ihm. Und war rechts nicht auch eine Gestalt, dort in der Ecke? Er wollte hochfahren, konnte sich aber nicht bewegen. Er hatte keine Gewalt mehr über seinen Körper.

Plötzlich durchfuhr es ihn heiß und er erinnerte sich, in einem kalten Kerker gelegen zu haben. Da hörte er ein Wispern. Die rechte Gestalt schien der linken etwas zugeflüstert zu haben. Das Pochen in seinen Schläfen nahm zu, wanderte nach vorne, er spürte, wie seine Augen pulsierten, bis sich alles Pochen zwischen seine Augen verlegte und Lichtblitze verschickte. Er wollte schreien. Sein Mund ließ sich nicht öffnen, er war wie zugeklebt, verschweißt. Er schrie nach innen.

Hilfe! Das könnt ihr nicht machen, das dürft ihr nicht machen! Ich habe Angst vor euch! Lasst mich in Ruhe.

Er beobachtete, wie die beiden Gestalten sich ihm näherten. Als sie nahe genug waren, erkannte er, dass beide grüne Chirurgenkleidung trugen mit Kopfhaube und Gesichtsmaske. Im schmalen Augenschlitz erkannte Harry schwarze Pupillen in großen weißen Augäpfeln, Augen von Afrikanern, die ihn anstierten. Er hörte, wie sie sich etwas zuflüsterten, was er nicht verstand, weil es in einem afrikanischen Dialekt war. Er war starr vor Angst. Er wollte die Augen schließen und hoffte, dem Spuk dadurch ein Ende zu machen. Es ging nicht. Dann sagte der eine leise aber deutlich ein Wort. Und Harry wusste, was dieses Wort bedeutete, ohne es zu kennen. Es bedeutete ‚tot’. Und kaum hatten sie es ausgesprochen, öffnete sich die Tür. Und aus einem unbeschreiblich hellen Licht ergoss sich ein Strom von Menschen in den Raum, alle tanzten und lachten zu einer überirdischen Musik, die beiden Chirurgen rissen sich die Binden vom Gesicht und lachten ihn an. Da erkannte Harry in einem den Stammeshäuptling aus Angola. Der baute sich vor ihm auf und zog aus seinem Mund ein nicht enden wollendes Papier heraus und der andere rief ständig: „Nicht viel!“ Im Trubel der Besucher erkannte Harry seine Frau, die um seinen leblosen Körper herumtanzte, sich drehte und immer schneller drehte, dabei dem Häuptling das Papier entriss, das sich immer weiter aus seinem Mund herausspulte und sich damit einwickelte. Der andere griff nach einer Wasserflasche, setzte sie an und trank. Er setzte die Flasche ab, sah Harry aus großen, schwarzen Augen an und lachte und lachte.

Harry’s Lippen klebten aufeinander und er versuchte, die Zunge zwischen die eingetrockneten Lippen zu schieben. Sie ließ sich nicht bewegen und pappte wie ein vertrockneter Klumpen in seinem ausgedörrten Mund..

Die nächtlichen Besucher standen hinter den beiden Schwarzen, tuschelten miteinander und stimmten neues Gelächter an. Besonders ein Lachen sprang Harry aus diesem Chor an. Das Lachen seiner Frau! Er suchte sie in dem Gewimmel um ihn herum zu erkennen, doch vermischten sich plötzlich alle Farben in einen wirbelnden Sog. Abrupt wurde es still und dunkel um ihn, es kehrte der grauenhafte Schmerz in seinen rechten Arm zurück und er hörte seinen Puls wie einen Wasserfall rauschen.

Er spürte die Hand seiner Mutter auf seinem Kopf, wie sie ihn streichelte. Sie fuhr mit den Fingern über sein Gesicht und sprach beruhigend auf ihn ein. Doch irgend etwas an ihr stimmte nicht. Sie nahm ihn auf den Arm, zwickte ihn in die Wange und lächelte, wie man ein Baby anlächelt, voller Güte und Zuneigung. Doch etwas an ihr war nicht richtig. Wohlwollen sprach aus ihren Augen und ihre Stimme war zart wie immer, wenn sie „Klein Harry“ zu ihm sagte. Ihr Körper strahlte eine wonnige Wärme aus und die Berührung mit ihr war voller Zärtlichkeit. Sie spitzte ihren Mund zu einem Kuss. Da sah er es, ihre Haut war – schwarz! Er schrie.

09 – Tarot

Die Endlichkeit aller Dinge wird uns schmerzlich augenfällig, wenn Schönes und Angenehmes endet. Und es hilft uns auch nicht die Erkenntnis eines großen Geistes, wenn dieser sagte: ‚Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen Tagen’.

So wich die Phase des Wohlempfindens einer trüben Alltäglichkeit, die damit begonnen hatte, dass ihr Sohn, gegen Ellens Willen, sein Heim mit dem Internat wechseln musste. Da es Ellen untersagt war, einer Beschäftigung nachzugehen, lud sie sich zur Verkürzung der langen Nachmittage und zu ihrer geistigen Erbauung Nachbarinnen zum Plausch ein.

Eines Tages war Harry überraschend von einer Reise zurückgekehrt, schlecht gelaunt und war in ein solches Kränzchen geplatzt.

Er stand plötzlich in der Tür. Sein graues Gesicht und die herunterhängenden Mundwinkel sprachen Bände. Er hatte noch seinen kleinen Reisekoffer in der Hand, trat einen Schritt ins Wohnzimmer und blieb wie angewurzelt stehen.

Die vier Frauen aus der Nachbarschaft sahen erst ihn, dann Ellen an. Einen Augenblick schien es, als ob er sich umdrehen und verschwinden wollte, doch dann kniffen sich seine Augen zusammen. Ellen ahnte, was nun geschehen würde und stand auf, um zu verhindern, was sich anbahnte. Die anderen Frauen machten ebenfalls Anstalten aufzustehen. Eine tiefschwarze Stimmung griff um sich. Dahinein sagte Harry schneidend: „Werte Damen!“ So begannen immer seine Sätze, wenn Entscheidendes folgen sollte. „Werte Damen, behalten Sie nur zunächst Platz. Auch du, Ellen, setz Dich!“ Alle taten wie geheißen und schauten ängstlich auf Ellen, die ihr Gesicht in Händen verbarg.

Jetzt stellte er seinen Koffer ab und verschränkte die Arme. Er schaute keinen direkt an, sondern richtete seinen Blick auf den Garten, während er sprach.

„Dies ist unzweifelhaft mein Haus. Und ich denke, die Damen stimmen mir zu, dass ich in meinem Hause nur das zu dulden haben, was mir passt. Und es passt mir nicht, was ich hier sehe. Ich will nicht, dass mein Haus zu einem Treff von Kaffeeklatschweibern wird, wo getratscht wird, was das Zeug hält, vielleicht noch emanzipatorische Reden geschwungen werden. Ich muss hart arbeiten für mein Geld und möchte ein Heim, in dem ich mich ausruhen kann und in dem ich nicht Emanzen und Suffragetten begegnen muss. Und schließlich, und dies geht an die Adresse meiner Frau, bin ich nicht gewillt, dich in den Händen dieser männerverachtenden Weiber zu sehen. Ich will keinen Emanzenaufstand, nicht einmal nur Andeutungen von den sogenannten Rechten der Frau hier in meinem Hause hören. Wehret den Anfängen!“ Er überließ sich dem Redefluß, der einem geifernden Quell aus Frust, übellauniger Anmaßung und Hass gegen alles das entsprang, was er nicht verstand und daher nicht billigen konnte. Mit unflätigen Worten verdeutlichte er den Frauen, wie unwillkommen sie seinen, ging sogar noch weiter und verstieg sich in seiner Tirade dahingehend, dass er auf unsägliche Art Frauen mit Schwarzen verglich und ihnen Dummheit, Faulheit und Ignoranz unterstellte, welche Eigenschaften sie wie ein unumstößliches Gesetz für die niederen Dienste prädestinierte. Das Denken sollten sie geflissentlich den Männern überlassen.

Hier war der Moment gekommen, wo die Frauen wie auf ein Zeichen empört das Haus verließen. Ellen blieb heulend zurück.

Solches Gedankengut hatte Harry immer schon verinnerlicht und in der Kennenlernphase offenbar gut verborgen, war es ihm nur um die Zeugung eines Sohnes gegangen und als dies Geschäft getätigt war, konnte er sich zeigen, wie er war und wie er dachte und machte keinen Hehl daraus. Ellen stand dieser Veränderung, oder besser der Entpuppung  seines Wesens hilflos gegenüber, nahm es aber als schicksalsgegeben hin. Er behandelte sie zunächst mit Respekt und kühler Höflichkeit, doch ohne die Wärme, die sie anfangs bei ihm gefunden hatte.  Sie hatte den Grund seines seltsamen Wandels bei sich selbst gesucht. Sie zermarterte sich den Kopf, was sie falsch gemacht haben könnte oder ob sie sich verändert hatte. Doch nach Wochen der Selbstzerfleischung entschied sie sich, seine Veränderung als gottgegeben hinzunehmen wie das Wetter, als eine naturgebundene Erscheinung, die sich nicht nach individuellen Wünschen richtete und durch nichts zu beeinflussen war. Das Einzige, woran sie sich nicht gewöhnen konnte, waren gewisse Ansichten über Weltanschauung und Erziehung. Er sprach von Disziplin, von Ordnung, als ob diese nur durch ein Übermaß an Druckausübung und von Kontrolle erreichbar seien, von zugewiesenen Rollen und meinte damit insbesondere die übergeordnete des Mannes und die Unterordnung der Frau unter den Willen ihres Angetrauten. Überhaupt schien er von Frauen nicht viel zu halten, höchstens auf den Gebieten der Fruchtbarkeit und der damit verbundenen Handlungen zur Beglückung seiner Männlichkeit.

Ellen hatte sich manches Mal gefragt, ob denn dieses Denken noch zeitgemäß sei, hatte sie doch auch in den Medien von Frauen gehört und gelesen, die ganze Imperien beherrschten, Konzerne leiteten und manches Unternehmen besser als ihre männlichen Vorgänger voranbrachten, von Frauen, die den Gedanken der Emanzipation vorantrieben mit eigenen Zeitschriften, in Verbänden und Vereinen. Dieses Wissen rieb sich schon ein bisschen mit ihrer eigenen Erziehung, die vom tiefen Glauben an gottgegebene Unterschiede geprägt war. Doch hatte sie auch schon begonnen, an der unendlichen Weisheit des Papstes zu zweifeln. Wie konnte ein Papst angesichts der weltweiten Verbreitung von AIDS ein Kondom-Verbot aussprechen. Kondome, die vor der Verbreitung der Krankheit schützen sollten. Es konnte doch wohl schlecht angehen, dass seine Heiligkeit der Seuche Tür und Tor öffnete? Von einer gottgleichen Institution konnte man doch erwarten, dass sie für die Gesundheit ihrer Schäfchen kämpft und nicht um deren blinde, tödliche Vermehrung. Ellen fühlte sich trotzdem bei diesem Zweifel unwohl, weil es Entscheidungen einer der Männerdomänen waren, deren Hintergrund sie vielleicht nicht ganz erkannte, sie vielleicht zu ungebildet war. Doch meinte ihr gesunder Menschenverstand hier einen eklatanten Verstoß gegen alle Vernunft zu erkennen. Auch wenn sie nur eine Frau war.

Die Begriffswelt von der Befreiung der Frau war ihr immer unzugänglich geblieben, sie hatte nichts damit verbinden können, sie hatte die Fesseln nicht sehen können, von denen sie befreit werden sollte und hatte nicht geahnt, dass man sich nicht nur von etwas befreien konnte, sondern auch für etwas. Sie selbst hatte nie den Drang verspürt, mehr Rechte haben zu wollen. Bis ihrem Mann das erste Mal die Hand ausgerutscht war, wie man es allgemein nannte, und sie die Erniedrigung körperlich schmerzhaft gespürt hatte.

Und diesem ersten Male waren weitere gefolgt, abgesehen von den zunehmenden, unsichtbaren, deshalb nicht minder schwerwiegenden Züchtigungen, die er seitenhiebweise auf sie ablud, indem er sie in beißenden Nebensätzen beschimpfte, verächtlich machte, ihr Frausein Stück für Stück in den Dreck zog und ihr deutlich machte, dass sie ihm, nachdem sie ihm den Sohn geboren hatte, ohne weitere Bedeutung sei. Sie hatte es, wie gesagt, als gegeben hingenommen, doch war in ihr ein Keimling erwachsen, der wie eine empfindsame Antenne all die Richtungen aufspürte, von wo ihr Hilfe kommen konnte und so war sie auch bereit gewesen, ihrer Nachbarin Erika plötzlich ihr Geheimnis anzuvertrauen.

Harry hatte heute das Haus früh verlassen, ohne Gruß, wie immer in den letzten Jahren. Ellen war nach einer bewegten, traumerfüllten Nacht dennoch frisch wie selten erwacht, hatte ihm innerlich singend, ja trällernd das Frühstück hingestellt. Alle ihre Sinne waren auf den Nachmittag ausgerichtet, der so entscheidend für ihr weiteres Leben werden sollte.

Bereits vor zwölf Uhr ertappte sie sich dabei, ständig mit den Blicken eine Uhr zu suchen. Eine innere Unruhe und vibrierende Nervosität schlug Wellen in ihr, wie sie es nur aus der Zeit ihrer Verliebtheit kannte, als sie es nicht erwarten konnte, rechtzeitig beim tête á tête zu sein.

Ellen nahm zum wievielten Male ihre Tarotkarten und legte sie auf den heutigen Tag hin.

TAROT (Aber immer sagten ihr die Karten für heute eine seltsame Überraschung voraus.)

Um dreizehn Uhr war sie zum Gehen fertig angezogen und grimmig erstaunt, dass die Zeit ausgerechnet heute so zäh dahintropfte. Wenn sie jetzt führe, wäre sie eine Stunde zu früh. Sie entschloss sich, diese Zeit bei einem Bummel über den Ku’damm aufzufangen, vielleicht noch einen Kaffee irgendwo zu nehmen, bevor sie die Villa Sagitta betrat. Gerade wollte sie das Haus verlassen, ging das Telefon. In Hut und Mantel ging sie zum Apparat und starrte ihn an. Wer sollte sie um diese Zeit anrufen? Es konnte nur Harry sein, der irgend etwas vergessen hatte, was sie ihm bereitlegen sollte oder er wollte ihr mitteilen, dass er heute nicht nach Hause kommen würde. So stand sie vor dem Gerät und wartete, dass das schrille Geläut enden würde. Nach dem zwölften Klingeln war es still. Zufrieden drehte sie sich ab und verließ das Haus.

10 – Kambarele

Harry spürte jeden einzelnen, fiebrigen Muskel seines Körpers. Seine Zunge klebte im Munde fest und unbeschreiblicher Durst sog an jeder Faser in ihm. Die Flasche, die Flasche! Wasser!

Harry wusste aus Erzählungen, dass er nicht mehr viel Zeit haben würde. Wenn der Durst, wenn die Dehydrierung eine bestimmte Stufe erreicht hatte, kam er aus dem Delirium nicht mehr heraus. Er musste handeln und das sofort. Sein Körper hatte sich während seines Wachtraumes bewegt, lag seltsam verkrümmt am Boden. Er spürte seitlich die Matratze an seinem Körper, gleichzeitig roch er den eindringlichen Gestank und noch bevor er die weiche, schmierige Masse in seiner Hose spürte, wurde ihm bewusst, dass er in die Hose geschissen hatte. Er fühlte sich erbärmlich und beschmutzt, zutiefst gekränkt.

Wenn jetzt einer hereinkäme! Nein, um Gottes Willen, jetzt nicht! In dieser beschämenden Situation soll mich keiner sehen. Scheiße noch eins!

Es war Harry abgrundtief peinlich, er fing an zu heulen, wie ein Kleinkind, dann packte ihn die reine Wut über den erbärmlichen Zustand und Zorn auf die, welche ihn in diese unvorstellbare Lage gebracht hatten.

IHR RATTEN! EUCH SOLLTE MAN TOTSCHLAGEN!

Er spürte den Schmerz in seinem Körper nicht mehr, schlug wie wild um sich, trommelte mit seinen Hacken auf den Boden und schlug mit der flachen Hand auf die Matratze und schrie und schrie.

Plötzlich wurde er ruhig. Die wenigen Tränen hatten trockene Spuren auf seinen Wangen hinterlassen. Schien ihm das nur so oder war es heller geworden? Er tastete mit der Linken an seine Stirn. Die Brille war fort. Aber er nahm auch so wahr, dass es Tageslicht sein musste, das den Raum erhellte. Irgendwie gab ihm das Mut. Es lag ein Geruch in der Luft, überlagerte den dumpfen Kellergestank und den seiner Ausscheidungen. Er erinnerte sich an diesen Geruch und auf einmal zogen verschwommene Bilder an seinem inneren Auge vorbei. Er war in seinen Wagen gestiegen, als ihm von hinten eine Hand einen Wattebausch vor Mund und Nase hielt. Harry versuchte sich zu befreien, den Kopf frei zukriegen, doch die Hände hatten seinen Kopf fest in einen Schraubstock gespannt. Er konnte gerade noch erkennen, dass die Hand mit dem Wattebausch die Hand eins Negers war. Er schlief ein. Als er wieder erwachte, war er in seinem Verließ.

Er hob den Kopf, um zu spähen, ob er die Flasche mit dem Wasser noch erblicken könnte. Beim Aufrichten spürte er die feuchte Knatsche an seinem Hintern und ein sehr irdischer Duft zog in seine Nase. Er schaute und es traf ihn wie ein Schlag. Die Flasche war weg.

Sollte er nicht geträumt haben, und es waren wirklich Leute hier drin? Hatten die verdammten Nigger sein Wasser weggetrunken? Oder hatte er in seinem Wutanfall die Flasche getroffen und sie fortgeschleudert?

Er schaute noch einmal in die Richtung wo er die Flasche zuletzt gesehen hatte. Da bemerkte er, dass die Türe einen Spalt offen stand. Ganz deutlich konnte er auch ohne Brille erkennen, dass da ein dunkler Spalt zwischen Tür und Rahmen war, der vorher niemals da gewesen war. Er suchte den Boden ab, ob er irgendwo die Flasche erkennen könnte. Nichts, nur lag jetzt der gelbe Papierfetzen in Höhe seines rechten Knies. Missmutig wollte er ihn fortschnicken, da spürte er etwas Hartes in dem Papier. Neugierig geworden, bugsierte er den Gegenstand mit dem Knie zu sich hoch, so dass er ihn mit seiner linken Hand erreichen konnte. Er hielt ihn nahe vor sein Gesicht und traute seinen Augen nicht. Es sah aus wie ein übergroßes Knallbonbon, so eines, welches man Sylvester an beiden Enden packte und auseinander zog, was dann einen Knall gab und irgend so einen blöden Inhalt freigab.

In einem Kerker, kurz vor dem Verdursten, die eine Hand gefesselt und dann ein Knallbonbon! Welches Hirn hatte sich dies ausgedacht?

Es war ein sehr schweres Knallbonbon. Er betrachtete es näher. Es war in gelbes Seidenpapier eingewickelt, in der Mitte hatte es einen eiförmigen Körper, an den beiden Enden war das Papier mehrfach verdreht und stand ab wie Rüschen oder kleine Tutus aus Seidenpapier.

Er drehte das Bonbon in seiner einen Hand und las plötzlich ein Wort, mehr hingekritzelt als geschrieben: KAMBARELE

Kambarele? Kambarele? Harry kramte in seinem Gedächtnis. Er kannte das Wort irgendwoher. Es hatte eine gute Bedeutung, erinnerte er sich. Und plötzlich fiel es ihm wieder ein. Es war der Jagdruf eines Südostafrikanischen Stammes. Man rief ihn sich vor der Jagd zu, um sich Jagdglück zu wünschen und wenn man von der Jagd erfolgreich heimkehrte, rief man es jedem zu, dem man begegnete. Ein Begriff, so ähnlich wie Waidmannsheil und Waidmannsdank in einem.

Was sollte das hier für eine Bedeutung haben?

Er brauchte nur in das Päckchen hinein zu schauen.

Er nahm das eine Ende des Seidenpapierpäckchens in den Mund und riss mit der Linken die andere Seite auf. Kein Knall. Es war nur das helle Reißen von Seidenpapier zu hören, aber in dem dunklen Kerker klang es wie eine kleine Detonation.

Harry spürte etwas hart auf seine Brust plumpsen. Er spuckte das Seidenpapier aus dem Mund und schnickte die andere Hälfte fort. Das harte Ding rollte nach rechts und fiel mit einem metallischen TACK von seiner Brust, eierte einige Zentimeter und blieb direkt an seiner rechten Achsel liegen. Sein rechter Arm stand nach wie vor nutzlos von ihm ab, Harry spürte ihn kaum noch. Die rechte Hand war vollkommen taub. Er langte mit seiner Linken zu dem Gegenstand und indem er ihn ertastete und  ergriff, um ihn sich von Nahe anzusehen, begriff er auch schon, um was es sich handelte.

11 – Vor dem Prozess

Selten hatte eine Herbstsonne sie so erfreuen können wie heute. Ellen schwebte durch den Nachmittag auf ein Ziel hin. Ihre Füße trugen sie zwar über den Ku’damm, ihre Gedanken waren jedoch bei den acht lebenserfahrenen Frauen. Von jeder ging eine bestimmte Selbstsicherheit aus, die sie in dieser Form bisher nicht kannte. Als ob jede bewusst den ihr in der Welt zukommenden Platz einnahm, sich nie und nirgends in eine Ecke drängen ließ. Wie hatten die Frauen es geschafft, so frei zu werden? Es konnte ja wohl schlecht daran liegen, dass sie ihrer Ehemänner verlustig gegangen waren. Oder doch?

Es konnte nicht sein, dass sie sich alle ihrer Ehemänner entledigt hatten, wie es ihr durch den Kopf geschossen war, gestern, bei der Bemerkung dieser kleinen, rothaarigen Frau, Josy hieß sie wohl, dass das, was nicht ist, noch werden könne. Nein, das waren ganz normale Frauen, verwitwet eben, die sich im Alltag beiseite standen, sich gegenseitig Mut machten und sich halfen. Andererseits waren alle diese Frauen Witwen und sie war noch keine. Noch. Da war das Wort wieder. Was nicht ist, kann noch werden. Nun ja, sollte sie wider Erwarten Witwe werden, ging es ihr durch den Kopf, wäre das nicht das Übelste, was ihr passieren könnte. Ihr Mann hatte zwar nie über Geld gesprochen, doch hatte sie nebenbei mitbekommen, dass er recht gut verdienen musste. Er war so etwas wie ein Geschäftsführer und die verdienen doch gut, oder? Und gegenseitige Lebensversicherungen gab es, das wusste sie. Allerdings hatte sie keine Ahnung, wie viel Geld auf dem Konto war. Darum hatte sie sich nie gekümmert. Plötzlich kam ihr in den Sinn, ob man denn ein Testament bräuchte, oder ob es eine rechtliche Bestimmung gäbe. Auch darüber wollte sie mit Erika sprechen. Plötzlich wurde ihr klar, wohin ihre Gedanken sich verirrt hatten. Um Gottes Willen! So etwas durfte man doch nicht denken! Oder doch? Die Gedanken sind frei. Wo hatte sie das schon gehört? Kurzentschlossen ging sie in das nächste Café und bestellte einen Kaffee und einen Cognac. Einen doppelten. Und wenn da doch etwas dran ist mit den Witwen? Nach dem Cognac sah sie das alles entspannter. Sie würde ja bald erfahren, wie die Witwen ihr helfen wollten. Und sie wollte sich gerne helfen lassen. Besonders nach dem zweiten Cognac.

Auf einmal war sie sich ganz sicher. Es gab das Unaussprechliche. Die Witwen hatten es getan. Sie mussten es getan haben! Ellen war zu verwirrt, um die Auslagen der Geschäfte wahrzunehmen. Der Cognac hatte ihre Phantasie angeregt und regelrecht zum Wirbeln gebracht. Sie setzte sich in den nächsten Bus. Wie schafften es denn die Frauen, ihre Männer loszuwerden, ohne rechtlich belangt werden zu können? Und wenn sie alle acht ihre Männer beiseite geschafft hatten, gab es jetzt acht ungeklärte Todesfälle? Sie mussten es schon sehr geschickt angestellt haben. Oder hatten sie die Morde in Auftrag gegeben? Sie hatte noch nie von einem Auftragsmörder gehört, der gefasst wurde. Waren das nicht Leute der Mafia, aus Italien, die einreisten, töteten und sofort wieder abreisten? Was mochte solch ein Mord wohl kosten? Gott im Himmel, dachte sie, worüber denke ich denn nach? Was reitet mich denn? Es ist Sünde, was du tust, es ist Sünde, so zu denken; darüber nachzudenken, wie man seinen Ehemann los wird! Es musste der Cognac sein, der antwortete und in ihr sprach: Meinst du nicht, dass schon viele Frauen darüber nachgedacht haben? Warum sollte es Sünde sein? Ist es nicht vielmehr Sünde, was man dir, den Frauen angetan hat, sie erniedrigt bis aufs Blut, sie gedemütigt, ihre Seelen geschunden, sie gar geschlagen, gequält und vergewaltigt?

Ellen dachte an die Male, die ihr Mann nachts im Dunkeln zu ihr ins Bett stieg, sie von ferne schon den Alkoholdunst wahrgenommen hatte und sie wusste, was ihr nun bevorstand. Glücklicherweise hatte es nie lange gedauert. Hätte er sie geliebt, er hätte sie doch nicht derart benutzt. Sie hatte es immer wieder über sich ergehen lassen, um nur nicht seinen Zorn zu wecken. Doch auch das war schon lange vorbei und schien ihr wie ein Film, den sie in einem anderen Leben gesehen hatte.

Plötzlich wurde sie aus ihren Träumen gerissen, als sie eine Berührung spürte. Der Busführer stand neben ihr und rüttelte sie an der Schulter.

„Hallo, gnädige Frau, aufwachen! Es ist Endstation. Der Bus fährt nicht weiter! Sie müssen aussteigen!“

Verdattert schaute sich Ellen um. Zum Teufel, sie hatte nicht bemerkt, dass sie zu weit gefahren war. Beim Aussteigen schaute sie auf die Uhr und stellte fest, dass sie noch Zeit hatte, den Weg zur Villa Sagitta zurück zu laufen.

  • Ellen zitterte, als sie die Villa betrat. Es war das innere und äußerliche Zittern, das einen befällt vor einer lebensentscheidenden Situation, wie es den Schüler vor einer wichtigen Prüfung, den Angestellten vor dem Einstellungsgespräch, den Schauspieler vor Betreten der Bühne befällt, kurz, es war furchtbares Lampenfieber. Ellen fühlte aller Augen und Aufmerksamkeit auf sich gerichtet, obzwar zunächst nur der übliche Smalltalk geübt wurde, wo es um die neuesten Erkenntnisse aus den Boulevardblättern ging, wer mit wem wann wo gesehen wurde, sogar um Finanzanlagen, ein Thema, welches Ellen zuallerletzt in diesem Kreise erwartet hatte. Dann ging man zur Tagesordnung über. Es wurde der ‚Fall Köhler’ aufgerufen.

Alle schauten gespannt auf Hedwig, die, hochaufgerichtet und das Kreuz durchgedrückt am Tisch den Vorsitz führte. Sie sprach mit tiefer, fast männlicher Stimme.

„Wir haben im Vorfeld von Erika gehört, was Dich, liebe Ellen, bedrückt. Sie hat uns berichtet von all den Geschehnissen, die ihr zu Ohren gekommen sind und darüber hinaus haben wir von Dir eine höchst lebendige Schilderung Deiner Lebensumstände, besonders Dein Verhältnis zu Deinem Ehemann erhalten.“ Hedwig machte eine Pause und sah in die Runde, bevor sie fortfuhr.

„Wie Du weißt, liebe Ellen, haben wir, damit meine ich den Club Sagitta, benannt nach dem ehrwürdigen Hause, in dem wir tagen, also wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, Frauen, die in Notsituationen sind, zu helfen. Unsere Runde besteht aus Frauen, die selbst in Notsituationen waren und vielerlei Erfahrungen mitbekommen haben, nehmen wir nur unsere Josy, die vor ihrer Ehe eine begnadete Diplomingenieurin war, oder Brigitte, deren Ehemann Richter am Oberlandesgericht, sie selbst eine blendende Gerichtsreferendarin war, bevor sie durch die Heirat aus ihrem Beruf gerissen wurde; nehmen wir Deborah, unser Finanzgenie“, hier brach allgemeine Heiterkeit aus, die Ellen nicht sofort verstand, „die einen Teil unserer Clubfinanzen durchbrachte, indem sie, ohne eigene Schuld auf das falsche Telekom-Pferd setzte, andererseits aber auch recht gute Gewinne einfuhr.“ Beifälliges Tischklopfen unterbrach Hedwigs Vortrag.

„Doch es sind auch andere Qualitäten, die hier bei uns kumulieren, scharfer Sachverstand wie bei Marlies,  auch die Liebe zum Detail von Hanne“ auch hier Lachen und anerkennender Applaus.

„Unsere Erbsenzählerin“, warf Marlies ein und alle lachten erneut, bis auf Ellen, die verschämt unter sich blickte. Dann fuhr Hedwig fort:

„Auch Genauigkeit und Präzision sind filigrane Eigenschaften, deren Wert sich besonders in einer verschworenen Gemeinschaft zeigt. Erika und Olanka, unsere letzten beiden Mitglieder zeichnen sich durch besonders gutes Einfühlungsvermögen aus.“ Wieder anerkennendes Nicken und Klopfen.

„Wir stehen heute vor der Eingliederung eines neuen Mitgliedes in unseren Club. Ellen Köhler hat uns um Hilfe gebeten und wir werden sie ihr nicht vorenthalten. Wie wir alle wissen, gehört zu unserer ungeschriebenen Ordnung, dass die Mitglieder sich durch ein Versprechen untereinander binden, dadurch, dass sie nichts an die Öffentlichkeit bringen, was einem unserer Mitglieder schaden könnte. Dieses Versprechen müssen wir Dir, Ellen Köhler, abnehmen. Willst du dies Versprechen geben?“

Alle Augen richteten sich auf Ellen.

Ihre Kehle war zugeschnürt, als sie leise antwortete: „Ja.“

Alle applaudierten und lächelten ihr zu.

„Damit bist Du eine von uns“, sagte Hedwig, „ab nun können wir Dir mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften helfen, mit erlaubten und unerlaubten, aber bewährten Methoden. Kommen wir gleich zur Erörterung des Falles. Ich gebe ab an Josy.“

Der Karottenschopf, der wie ein Zwerg neben der turmhohen Hedwig wirkte sah Ellen durchdringend an.

„Wir haben es uns zum Prinzip gemacht, alle Anschuldigungen zu prüfen, die uns vorgetragen werden. Sonst könnte ja jeder irgend eine, aus der Luft gegriffene Beschuldigung vortragen. Wir haben Deine Tagebucheintragungen gelesen und finden darin genügend Punkte, die gegen Deinen Mann sprechen., ja geradezu eine Verurteilung erheischen. Da Du uns nichts über seinen Beruf erzählt hast, möchten wir Dich hierüber kurz befragen. Die Befragung nimmt Marlis vor. Bitte!“

Marlies, die Älteste der Runde, immer einen breiteren Sessel bevorzugend, blätterte umständlich in einigen Papieren, räusperte sich und sagte: „Ja, ich hatte hier doch – ach da! Entschuldigung. Ja also die Fragen: Was war der Beruf Deines Mannes?“

Die Blicke gingen zu Ellen.

„Geschäftsmann, Geschäftsführer, soviel ich weiß.“

„Kannst Du es etwas genauer sagen?“ Josy hatte wieder das Heft in die Hand genommen.

„Nun, er arbeitete in einer weltweit operierenden Firma, die in Afrika und USA Tochterfirmen hatten, irgend etwas mit Metallverarbeitung.“

„Metall!“ echote Josy und schaute zu Marlies.

„Womit handelt die Firma Deines Mannes?“

„Das weiß ich nicht. Harry sprach immer von irgendwelchen Systemen, die sie herstellten und Marktführer wären oder werden wollten. Genaues hat er mir nie erzählt.“

Marlies schaute, ob sie die nächste Frage auf ihren Zetteln fand. Josy beobachtete sie nervös und sagte dann: „Lass mal, Marlies, ich mach das schon“ und wandte sich wieder an Ellen, die nicht wusste, worauf diese Fragen abzielten und irritiert in die Runde blickte.

„Wir sind zwar alles ältere Schachteln, bis auf Olanka, die mit ihren zweiunddreißig Jahren das Küken ist, doch leben wir nicht hinter dem Mond und nutzen modernste Errungenschaften. Wir waren nicht untätig und haben das Internet beratend herangezogen.“

Ellen, die gerade einmal das Wort kannte und wusste, dass man dazu einen Computer benötigte, war schlichtweg platt.

„Das Internet. Wegen meines Mannes?“

„Ja richtig. Wir wollten, wir mussten uns rundum ein Bild von dem Manne machen, den wir hier beurteilen sollen. So half das Internet. Und was wir dort fanden, machte ihn bereits schuldig, auch ohne Deine privaten Beschuldigungen.“

Ellen blickte in die Runde und hatte den Eindruck, dass alle von irgend etwas wussten, von dem sie selbst keinen blassen Schimmer hatte.

„Schuldig an der Menschheit!“, sagte Josy streng.

„An der Menschheit?“ wiederholte Ellen mechanisch.

„Schuldig an der Menschheit. Wir wollten wissen, ob Du nicht von seinen Tätigkeiten wusstest oder sie sogar billigtest. Du hast uns glaubhaft gesagt, Du weißt nicht, was Dein Mann vertreibt, herstellt und vertreibt.“ War da ein Zweifel, den Ellen austreiben sollte? Warum so geheimnisvoll?

„Nein, ich gebe zu, ich weiß es nicht.“

„Ja, davon gehen wir aus. Hast Du jemals etwas vom Ottawa-Vertrag gehört?“

„Nein.“ Für Ellen waren es böhmische Dörfer.

„Weißt Du, dass durch die Produkte, die Dein Mann verantwortlich herstellt und vertreibt, jährlich zwanzigtausend unschuldige Menschen grausam verstümmelt werden, wenn nicht getötet, und dass hiervon ein Drittel Kinder sind? Sicherlich nicht. Dein Mann ist Geschäftsführer und Generalbevollmächtigter für Afrika, ein Kontinent, in dem es die meisten der erwähnten Opfer gibt und stellt ausgerechnet in Afrika die Waffe her, die die afrikanischen Kinder frisst!“

„Waffen?“ rief Ellen, „Waffen stellt Harry her? Das glaube ich nicht!“

„Es gibt keinen Zweifel, die Belege sind alle nachvollziehbar und für jeden zugänglich im Internet zu besichtigen. Und es sind keine Waffen im herkömmlichen Sinne für den Kampf Mann gegen Mann . . .“

„Um Gottes Willen, was ist es denn?“ Ellen schlug die Hände vors Gesicht.

„Minen. Landminen.“

12 – Die Entscheidung

Die Handgranate wog schwer in seiner Hand und Harry spürte die Riffelung der Oberfläche, die Kühle des Metalls, berührte den Zünder und konnte sie genau dem Herstellerland zuordnen, konnte die einzelnen Herstellungsschritte nachvollziehen, kannte alle möglichen Zünder, die hierzu verwendet wurden und wäre in der Lage gewesen, eine DINA4-Seite Details über Typ, Herstellung, Explosivkraft und Zerstörungsformat herunterzurasseln. Was sollte er mit einer solchen Handgranate? Dazu wie ein Geschenk, ein Überraschungsbonbon eingewickelt. Wollten sie, dass er -?

Heillose Panik ergriff ihn. Wollte man das von ihm? Sein Puls rauschte und in seinem Hirn wiederholten sich ständig vier Silben. Kem-ba-re-le. KAMBARELE!

Ich muss überleben, pochte sein Blut, ich muss es überleben und es ihnen zeigen!

Er erinnerte sich plötzlich einer speziellen Situation. Sie waren über die Grenze nach Angola zum Jagen gewesen. Harry und sein Kumpel sowie zwei Schwarze als Führer. Sie hatten ihr Lager unweit der verminten Zone in der Nähe eines urzeitlich anmutenden, von einer dreißigköpfigen Sippe bewohnten Krals aufgeschlagen. Am Abend, Harry löffelte gerade seinen Nachtisch, hatten sie in der Ferne eine Detonation gehört, die Schwarzen waren unruhig aus ihrem Zelt gekommen. Da hatte Harry ihnen leichthin zugerufen: Kambarele! Es war doch nur eine Ziege im Minenfeld hochgegangen. Und Harry hatte seinen Kumpel angelacht. Kurze Zeit später hatte ein großes Geschrei angehoben unter der Sippe. Die Mine hatte keine Ziege zerrissen, sondern einen vierzehnjährigen Jungen, der als Bote zwischen befreundeten Krals unterwegs war und der sich bei zunehmender Dunkelheit in das Minengebiet verirrt hatte.

Panik stieg in ihm hoch, wie Eiseskälte.

Kambarele! Kambarele! KAMBARELE!

Da schrillten die Glocken. Sie schrillten in einem ungewöhnlich hohen Ton. Alarm! Ein kreischender Ton, wie tausend Kreißsägen. Himmel, das konnte ja keiner aushalten! Harry war, als ob man ihm gellende elektrische Schellen an jedes seiner Ohren gebunden hatte, die unentwegt schrillten und schrillten. Er ließ das schwere Bonbon fallen und hielt sich mit seiner Linken sein linkes Ohr zu. Die Klingeltöne wurden um keinen Deut leiser, im Gegenteil, sie stiegen an zu einem unerträglichen Pfeifen. Trillerpfeifen in beiden Ohren! Unentwegt, immer weiter, ohne Pause.

Harry hatte einen Hörsturz erlitten und hörte nun den Tinnitus. Dauerhaft, schrill und nervenzerreißend.

Ihm war, als müsse er nur hier raus, um diesem schrillen Pfeifen zu entkommen. Raus, nichts wie raus und Wasser!

Diese Scheißhand, die da hinter ihm gefühllos hing, war Schuld, dass er hier nicht wegkam! Er brauchte sich nur von der Hand zu lösen. Die Tür war offen! Draußen gab es Wasser, draußen war das Überleben. Und er wollte überleben. Es mussten die Schwarzen sein, die verdammten Schwarzen, die ihn hier eingesperrt hatten. Sie wollten sich rächen.

Es war so ungerecht. Er hatte ihnen Waffen und Arbeit gebracht und sie wollten ihn töten! Er sollte verdursten oder sich in die Luft sprengen. Er würde ihnen ein Schnippchen schlagen. Er würde überleben! Wie ein Räderwerk arbeitete es in seinem Gehirn, sein Puls donnerte, überlagert von dem grauenhaften Pfeifen in seinen Ohren, dazwischen schrie es KAMBARELE, KAMBARELE!

Es gab eine Lösung und er würde sie finden. Den Schwachpunkt erkennen! Der Schwachpunkt war seine verdammte, in Handschellen eingeklemmte rechte Hand. Gepeinigt von den fürchterlichen Geräuschen in seinem Kopf, sprang ihn die Lösung an. Er kicherte unwillkürlich. Das war’s! Hihi, wie einfach, wie himmelabgrundtief einfach! Sein Kichern hörte sich diabolisch an. Die Lösung war auch diabolisch. Diabolisch einfach, hihi. Er grabbelte nach der Granate, die zwischen seinen Bauch und die Matratze gerutscht war. Es fehlte nicht viel und er hätte sie geküsst!

Scheiß doch auf die rechte Hand! Wenn ich nur hier raus komme! Raus hier! Wenn es die Hand nicht mehr gibt, kann ich mein Handgelenk aus der tödlichen Umklammerung ziehen. Hihi!

In einer wundersam fröhlichen Stimmung, untermalt von gellendem Pfeifen und seinem absonderlichen Kichern überlegte er die nächsten Schritte. Lächelnd führte er die linke Hand spielerisch mit der Granate zu seiner rechten, gefühllosen Hand und prüfte, ob diese das Gewicht der Handgranate halten konnte. Sie war zwar taub, konnte sich trotzdem sicher um dies tödliche Ei schließen. Hihi! Die Hände überreichten einander die explosive Fracht. Hihi! Schritt eins.

Schritt zwei: Er zog den Sicherungsstift aus der Handgranate und hielt seinen Daumen auf dem Auslöser fest.

Halte schön! Halte still! Tu es so, wie ich es will!

Er spürte nicht sein blödes Grinsen im Gesicht mit leichtem Irrsinn im Blick. Für ihn war es wie ein Spiel, ein irrwitziges Spiel mit dem Tod. Er wollte es, er würde es gewinnen.

We are the champions, you are the looser!

Harry sang. Nicht mit seinem Mund und mit Stimme. Diese war von seinem Durst verschluckt und seine Zunge war ein Klumpen, fest mit dem Gaumen verklebt. Er sang gegen das verfluchte Pfeifen in seinem Ohr und aus Gründen, weshalb ein Kind im dunklen Walde singt und pfeift, auch wenn er sich selbst gegenüber das nicht zugegeben hätte. Er sang, weil er gewinnen wollte und weil ihm so war. Er wusste instinktiv, dass er seine letzte Kraft in die nächsten Handlungen legen musste. Und sein angestrengtes Singen half ihm dabei.

Trinke, Täubchen, trinke schnell, Trinken macht die Äuglein hell!

Halte Däumchen, halte still, wie es Harry nun mal will!

Für den nächsten Schritt benötigte Harry seine freie Linke. Damit und unter Mithilfe der Beine zog er die Matratze so weit über seinen Körper und Kopf, dass nur noch sein rechter Arm vom Ellenbogen aufwärts frei lag. Harry wunderte sich, dass er plötzlich sein Summen so laut hören konnte, da doch das durchdringende Schrillen in den Ohren so ungeheuer laut war. Er sang dagegen an.

Alles war bereit, zum letzten Streich. Die rechte Hand war um die Handgranate gekrampft, der Daumen hielt. Die Matratze lag schützend auf seinem Körper und Harry hoffte, dass die Granate nicht die höchste Explosionskraft besaß. Er war bereit, breit grinsend und dachte an Rache.

Da öffnete er den Daumen und sang bis fünf.

Auf in den Kampf, To-re-he-he-he-ro!

Das Letzte, was er vernahm, war das schrille, tödliche Pfeifen in seinem Ohr, dazu schrie es aus tausend Kehlen: KAMBARELE!

Mit dem Echo eines unerhört lauten Knalles fiel er in einen tiefen dunkel Schacht.

13 – Der Tatort

Der kleine rote Lieferwagen fuhr langsamer, setzte den Blinker und fuhr in die Einfahrt. Vor dem Tor, das mit Maschendraht bespannt war, hielt der Lieferwagen an. Behäbig stieg ein Mann aus, ließ die Türe seines Fahrzeuges offen und ging auf das Tor zu. Er griff in seine Jackentasche und holte ein Schlüsselbund heraus, griff an die Kette mit dem Schloss daran, um es zu öffnen und stellte fest, dass es nur eingesteckt, aber nicht verschlossen war, dann stieß er die beiden Flügel auf und während diese zitternd an den Anschlag stießen und in sich schwingend offen stehen blieben, setzte er mit dem Wagen auf das Gelände und parkte vor einem flachen Gebäude. Neben anderen, verfallenen flachen Gebäuden gab es noch so etwas wie ein zweigeschossiges Haupthaus. Wie tote Augen blickten die scheibenlosen Fenster gespenstig auf den großen Innenhof.

Der Mann schloss die Türe zum Gebäude auf, ließ die Tür offen stehen und ging hinein. Nach wenigen Minuten kam er mit einem Karton in der Hand wieder heraus, ging zum Wagen und öffnete die Ladetür. In dem Moment er sich hineinbeugte, um den Karton abzustellen, hörte er einen lauten, dumpfen Knall aus dem Haupthaus, als ob etwas im Innern detoniert wäre. Ruckartig fuhr der Mann herum und wäre fast gestolpert. Er blickte zum Haupthaus, von wo aus er den Knall gehört hatte, blickte aber nur in lauter tote Fensteraugen. Er ging ein paar Schritte ratlos auf das Gebäude zu, griff dann in seine Hosentasche und telefonierte mit einem Handy, legte bald wieder auf und wählte erneut, diesmal eine kurze Nummer.

Als die Polizei kam, saß er auf der Ladefläche und rauchte eine Zigarette. Der Streifenwagen hielt neben ihm und die Beamten kamen auf ihn zu. Der eine Beamte hielt sich im Hintergrund, schaute auf seine Uhr, während der andere sich dem Mann näherte, der erst aufstand, als der Polizist knapp vor ihm war.

Der Polizist legte einen Finger an den Mützenschirm.

„Sie haben eine Explosion gemeldet?“

„Ja.“

„Wie heißen Sie?“ Sorgsam nahm der Polizist die Daten auf. „Und wo soll diese Explosion stattgefunden haben?“

Der Mann deutete auf das größere Gebäude.

„Und das war, kurz bevor Sie bei uns anriefen?“

„Ja.“

„Und Sie waren auch erst kurz vorher hier eingetroffen? Ist Ihnen irgend etwas aufgefallen? Haben Sie irgend jemanden gesehen?“

Der Mann verneinte. Er vergaß sogar mitzuteilen, dass das Tor nicht verschlossen war, als er es aufschließen wollte. Doch das sollte er später nachholen. Jetzt schaute er zu, wie die beiden Polizisten zum Hauptgebäude gingen und in der offen stehenden Türe verschwanden. Er setzte sich wieder auf seine Ladefläche und zündete sich eine neue Zigarette an.

Die beiden Polizisten erschienen wieder, als er fast aufgeraucht hatte. Der eine rannte zum Polizeifahrzeug, der andere kam schnellen Schrittes auf den Mann zu.

„Was ist los?“, fragte der Mann.

„Sie müssen hier bleiben, bis die Kripo mit Ihnen gesprochen hat!“

„Ja, was ist denn?“

„Herr Schirmberg, das werden Ihnen andere mitteilen. Bleiben Sie, wo Sie sind!“

„Ja, aber -“

„Nichts aber!“ Der Polizist ging zu seinem Kollegen, der bereits telefonierte.

Herr Schirmbach holte sein Handy hervor und sprach hinein: „Ich kann jetzt nicht kommen. Ja, die Polizei braucht mich noch. Hier muss etwas Schreckliches passiert sein!“

  • Als Hauptkommissar Zoller den Ort erreichte, waren die Untersuchungen noch im Gange. Er ließ sich zunächst im Groben von den Beamten des Funkwagens schildern, was sie entdeckt hatten, bevor er sich dem immer noch rauchenden Zeugen zuwandte. Der saß auf seiner Ladefläche und schaute zu, wie Zoller auf ihn zukam. Er sah einen gutgebauten Mann mit kurzgeschorenen grauen Haaren, schwarzem Pullover unter einem beigen Jackett und schwarzer Hose. Elegant bis sportlich, dachte Herr Schirmbach, genau so sahen die Kriminalkommissare im Fernsehen immer aus. Dass sie wirklich so aussehen konnten, erstaunte ihn.

Kurz bevor Zoller vor ihm stand, erhob er sich.

Zoller sah ihm in die Augen. „Sie sind Herr Schirmberg? Mein Name ist Zoller, ich untersuche den Fall.“

Sein Gegenüber nickte. „Was ist denn eigentlich geschehen? Mir sagt keiner was.“

„Darf ich sie zunächst fragen, was Sie hier taten und was Sie hörten?“

„Na ja, ich habe hier noch ein Lager und wollte noch Reste herausholen. Das Gelände hier wird ja demnächst planiert und es soll ein neues Gewerbegebiet entstehen. Ja und da hörte ich einen Knall, wie von einer Explosion. Er kam aus diesem Gebäude.“ Er wies mit der Hand auf das verfallene Haupthaus, vor dessen Eingang inzwischen diverse Fahrzeuge standen. „Aber gesehen habe ich nichts und niemanden.“

„Sie waren also alleine auf dem Parkplatz, sie haben kein anderes Fahrzeug gesehen?“

„Nein, ich bin eigentlich der Letzte, der hier noch auf das Gelände kommt, alle sind schon längst raus. Und ich will die Tage auch räumen.“

„Können Sie mir über die Mieter im Keller des Haupthauses etwas sagen?“

„Nun, da war die Reifenfirma, aber die sind schon lange weg. Und dann waren einige Räume als Probenräume für eine Band und eine Beratungsstelle für Südafrikaner. Aber die haben auch längst geräumt. Was ist denn passiert?“

„Sie haben es richtig erkannt, es hat eine Explosion stattgefunden, in einem der Kellerräume. Sie selbst waren nicht zufällig heute in dem Gebäude?“

„Ich? Nein, was sollte ich denn da drin? Ist doch nur Schrott!“

„Also wussten Sie, wie es darinnen aussah?“

„Ja, ich war vor Wochen einmal dort, die Neugier, Sie wissen?“

„Und? Ist Ihnen damals oder in der Zwischenzeit irgend etwas aufgefallen?“

„Nö, hat mich nicht interessiert.“

Zoller blinzelte in die warme Herbstsonne. „Gut, Ihre Daten haben wir ja. Und falls Ihnen doch noch etwas einfallen sollte, melden Sie sich.“ Damit gab er ihm eine Visitenkarte und wandte sich zum Gehen.

„Aber was ist denn passiert?“, rief ihm Herr Schirmberg nach.

„Etwas Scheußliches!“, rief Zoller zurück.

Herr Schirmberg verzog das Gesicht, trat die Zigarette aus, schlug die Ladetür zu und fuhr langsam dem Ausgang entgegen. Da er mit einem Auge die Aktivitäten vor dem Haupthaus verfolgte und den Kopf danach verrenkte, bemerkte er nicht, dass er die Ausfahrt deutlich mittig nahm. Ein plötzliches Hupen ließ ihn so abrupt auf die Bremse treten, so dass er den Wagen abwürgte. In dem Pkw, der schräg vor ihm in der Einfahrt stand, sah er hinter der Windschutzscheibe zwei Gesichter leuchten. Nervös ließ er den Wagen wieder an und rauschte fort.

In dem Wagen, der nun die Einfahrt hinauffuhr, saß der schwergewichtige Fritz Wanzke, Oberkommissar und Assistent von Zoller sowie eine junge, kindlich wirkende Frau, eine schwarze Wollmütze über ihren Kopf gezogen, der zur Gänze die Haare verbarg. Nur die hellblonden Augenbrauen und der Flaum an ihrem Hals ließen schließen, welche Haarfarbe sich unter dem schwarzen Turban verbergen mochte.

„Volltrottel!“, rief Wanzke dem Lieferwagen hinterher.

„Kann doch jedem mal passieren“, sagte seine Beifahrerin.

„Hast du überhaupt schon einen Führerschein?“, fragte Wanzke.

„Sicher, seit ich achtzehn bin.“

„Und seit wann bist du achtzehn?“

„Seitdem ich mein siebzehntes vollendet habe“, kam es schnippisch zurück.

„Fräulein Radka! Etwas mehr Respekt, bitte!“, zwinkerte Wanzke ihr zu.

„Respekt kann man nicht einfordern, Respekt muss man sich verdienen!“, zitierte Radka kess.

Wanzke musste zugeben, dass er hierauf keine Antwort hatte.

Als sie vor dem Haus hielten, wollte Zoller gerade im Haus verschwinden. Wanzke hupte. Zoller drehte sich zu ihnen und empfing sie lächelnd mit: „Ah, unsere Praktikantin mit ihrem Assistenten. Aber bitte Fritz, lass mich erst einmal alleine schauen gehen. Nach dem, was ich gehört habe, ist es nichts für junge Damen. Sei so gut, und passe noch ein Weilchen auf unseren Schützling auf.“

Radka machte einen Schmollmund und suchte sich ein Plätzchen in der Sonne und hielt ihr junges Gesicht den Strahlen entgegen, Wanzke ging zu einem uniformierten Kollegen und ließ sich über den Sachstand informieren.

Als nach einiger Zeit Zoller wieder auf dem Parkplatz auftauchte, hatte er Sorgenfalten um die Augen, ging auf Wanzke zu und sagte: „Das ist nichts für eine Praktikantin. Das ist schon ein harter Brocken für unsereins. Komm, lass uns ins Büro fahren und auf die Untersuchungsergebnisse warten, hier gibt es nichts zu tun.“

„So schlimm?“

„Schlimmer.“

14 – Nach dem Urteil

Hätte Harry ihr erzählt, er stelle Kinderspielzeug her oder Damenstrümpfe, Ellen hätte es genauso hingenommen, wie den Begriff ‚feinmechanische Teile’ für das, was er wirklich herstellte und was nur eine Art bösartiger Täuschung darstellte, um nicht gegen die Ächtung der Ottawa-Konvention zu verstoßen, die Personenminen ächtete und deren Herstellung und Vertrieb verbot. Doch da sich Großmächte wie die USA, Russland und China nicht dieser Konvention angeschlossen hatten, kleinere Länder wie Pakistan und Indien die Führung auf dieser Industrie zu übernehmen angetreten waren, mussten die deutschen Hersteller von Personenminen zusehen, wie sie in dem außerordentlich lukrativen Geschäft blieben, ohne gegen die unterzeichneten Verträge zu verstoßen. Einfache Minen ließen sich für ein paar Dollar herstellen, Hitec-Minen für wenige Dollars mehr. Also fanden sie Fantasiebegriffe für hochgezüchtete Minen, die genauso auf einen Panzer wie auf einen Schulbus, auf einen Soldaten ebenso wie auf eine Ziege oder ein Schulkind reagierten.

Sie hatte es nicht gewusst. Oder nicht wissen wollen. Aber woher hätte sie es erfahren sollen? Die Kollegen, die ab und zu bei ihnen zu Besuch waren, sprachen über alles andere als darüber, eher über die Hitze in Afrika und die Safaris und die Minderwertigkeit der Bevölkerung, aber niemals über dies brisante Thema.

Sie hatte es nicht wissen können. Und hätte sie es gewusst, was hätte sie getan? Was hätte sie tun können? Sie wäre nicht imstande gewesen zu erkennen, dass es unrecht wäre. Harry hätte ihr erklärt, dass alle Welt Minen herstellt und dass sie benötigt würden und sie hätte es geglaubt. Was wusste sie, Ellen, schon von der Welt, von der großen Schuld, von der großen Ungerechtigkeit. Sie hatte genug zu tun mit der eigenen Unzulänglichkeit, mit dem Unrecht, welches sie direkt umgab. Die großen Probleme der Welt waren zu viel für ihre Schultern, zu viel für ihren kleinen Kopf. Und doch war sie vor Scham fast vergangen, als man ihr die Schuld ihres Mannes aufgezeigt hatte. Sie hatte sich übergeben müssen, als sie diese unfassbare Wahrheit erfahren hatte.

Ellen war froh, als sie im Dunkeln heimkam und ihr Mann noch nicht da war. Sie wusste nicht, wie sie ihm jetzt, mit diesem Wissen begegnen sollte. Sie wusste nur, dass sein Handeln zu verurteilen war und er verurteilt wurde. Sie hatte gehofft, frei und erlöst nach Hause zurückzukehren, stattdessen war sie beschwert mit einer für sie zu großen Last.

Die Frauen hatten sich rührend um sie gekümmert, allen voran Erika, die sie nach Hause begleitet hatte wo sie noch zusammen einen Kaffee tranken. Dann bat Ellen, sie alleine zu lassen. Ja, sie würde anrufen, wenn sie sie benötigte.

Als Erika gegangen war, legte sie sich die Karten.

Die Karten sagten, dass die unangenehme Überraschung weiter gehen würde. Ellen war fest davon überzeugt.

Am nächsten Tag wachte sie auf und war sicher, dass etwas Furchtbares geschehen sei. Ihr Mann war nicht gekommen, das Bett war unberührt, die Garage leer.

Obwohl dieser Herbsttag an Glanz und Wärme den vorangegangenen bei weitem übertraf, schienen Ellen dunkle Wolken am blauen Himmel zu ziehen und die Sonne fahl am Himmel zu stehen. Sie fröstelte. Noch während sie Kaffee kochte, rief sie Erika an und bat sie zu kommen. Erika kam sofort.

Es war nicht sosehr die Abwesenheit ihres Mannes, die Ellen verunsicherte, als dieses Bauchgefühl, welches sie auch nach einem kleinen Frühstück nicht verließ. Es war durchaus etwas geschehen, wovon aber beide Frauen, die in der Küche beisammen saßen, nichts ahnen konnten.

Als es zehn Uhr war, rief Ellen in der Firma ihres Mannes an und wollte mit ihm verbunden werden. Es war nicht das erste Mal, dass er nachts nicht nach Hause gekommen war und das war es ja auch nicht in erster Linie, was sie verunsicherte. Die Sekretärin sagte, ihr Mann sei bisher noch nicht erschienen und es stünden einige Termine an, die er wahrnehmen wollte. Gut, dachte Ellen, dann wird er noch auftauchen.

Erikas Anwesenheit wirkte erfrischend auf sie und die beiden Frauen entschieden sich, den Tag miteinander in der Stadt zu verbringen, etwas Bummeln, vielleicht einen Film ansehen, einfach relaxen.

Ellen legte sich etwas beklommen die Karten.

Sie verhießen nichts Gutes.

15 – Erste Überlegungen

Wäre ein Fremder in das Büro Zollers gekommen, er hätte vermuten können, dass eine allgemeine Lese-Epidemie ausgebrochen sei. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Alle Nasen waren über Akten gebeugt, die Mienen waren ernst, bei Zoller deutete eine senkrechte Falte über der Nasenwurzel wie ein Ausrufezeichen auf die volle Konzentration, bei Fritz Wanzke wölbten sich im Gegensatz dazu Querfalten über die Stirn. Kommissar Ralf Schneider stand lässig in der Tür, las aber mit starrem Blick gebannt seinen Bericht. Auf dem Besuchersessel räkelte sich Radka und schien von einem Vorgang auf ihrem Handy voll in Besitz genommen. Einzig die Tastenklicks unterbrachen die Stille des Momentes.

Zoller schlug seinen Aktendeckel zu und sagte: „Unfassbar!“ Er blickte zu Wanzke, der ihm gegenüber auf einem Stuhl saß und immer noch vertieft seinen Bericht las. Zoller drückte seinen Rücken durch und machte einige Lockerungsbewegungen mit den Armen.

Schneider stieß sich von der Türe ab, ging zu Zollers Schreibtisch und legte mit einem bedeutsamem „Hm!“ seine Berichtsmappe offen vor Zoller hin. Zoller warf einen kurzen Blick darauf, erhob sich, ging zum Fenster und machte es auf.

„Ihr habt doch nichts dagegen?“ Auf diese rhetorische Frage kam natürlich keine Antwort. Es war Zollers Büro, er konnte hier schalten wie er wollte, andererseits hatte niemand etwas gegen frische Herbstluft und die Sonne schien so freundlich in den Raum hinein, möglicherweise wollte sie die Anspannung dadurch etwas lösen.

Als auch Wanzke seine Mappe schloss und aufstand, blickten sich die drei Männer an und sahen auf die im Sessel eingerollte Radka. Sie hatten alle den gleichen Gedanken.

Als ob sie eben diesen hätte lesen können, fragte Radka, die immer noch ihre Wollmütze über dem Kopf trug: „Ihr wollt mich schonen, stimmts? Der übliche Vaterkomplex.“ Damit drehte sie sich zu den Männern um. Die drei schauten sich ertappt an, dann sagte Zoller: „Ja, du hast recht. Schließlich bist du in der Ausbildung, eine Praktikantin, und keine voll belastbare Kollegin.“

„Woraus schließt du das? Nicht voll belastbar!“ Keckheit war nun einmal eine ihrer hervorstechenden Charaktereigenschaften, das hatten die Männer bald mitbekommen. „Immerhin war ich schon beim Brand und habe verkohlte Leichen gesehen!“, schmollte sie. Sie meinte damit, dass sie als Praktikantin bereits sechs Wochen im Dezernat für Branddelikte mitarbeiten durfte und abgehärtet genug sei für alle Härten des Kriminalalltags.

„Also gut,“ sagte Zoller, „Du darfst bleiben.“

„Das ist ja wie früher daheim, wenn Vater sagte, ist gut, du darfst noch eine halbe Stunde Fernsehen.“

Zoller überhörte den Satz und rief:

„Auf, Männer, dann wollen wir einmal!“

Die Männer standen auf und ein jeder schien seine Handgriffe zu wissen.

Radka hatte sich durchaus angeboten, bei den Vorbereitungen zu helfen, aber alle hatten dankbar abgelehnt und so schaute sie zu, wie die Männer eine Flip-Chart aufstellten, Stühle und Tische bereit rückten, das Epidiaskop einrichteten. Sie hatte sich besonders klein gemacht, die Beine angezogen und mit den Armen umschlungen auf ihrem Sessel, und so verkleinert, beobachtete sie als kleines verschnürtes Päckchen, das Kinn ihres wollmützenbedeckten Kopfes auf die Knie gestützt, die Aktivitäten um sie herum und ihre Mimikry funktionierte, denn keiner der Männer nahm sie offensichtlich wahr.

„Was haben wir vorgefunden?“, stellte Schneider die Aufmerksamkeitsfrage. Während er weitersprach, warf er mit Hilfe des Episkops entsprechende Fotos aus verschiedenen Blickwinkeln auf die aufgespannte Leinwand. „Eine männliche Leiche, Ende vierzig, Anfang fünfzig in einem Kellerraum, mit einer Verstümmelung der rechten Hand. Der Mann war nur mit Hose und Hemd bekleidet und hatte sich sehr verschmutzt. Offenbar wurde er längere Zeit in diesem Raum gefangen gehalten. Genaueres erfahren wir, wenn die KTU die Spuren ausgewertet hat. Am besten schildert Hartwig mal, was er mit eigenen Augen gesehen hat.“

„Als wir ihn auffanden“, schaltete sich Zoller ein, „lag er auf dem Rücken, von seiner Matratze verdeckt, als ob er sich verstecken oder man ihn darunter verbergen wollte. Seine rechte Hand war vom Arm abgetrennt, es scheint so, als ob diese Abtrennung von einer Explosion verursacht wurde. Hier erwarte ich von der Pathologie genauen Aufschluss. An einer Wand hingen an einem Heizungsrohr Handschellen, mit denen das Opfer wohl gefesselt war. Diese Wand war von Explosionsspuren und Blut bespritzt. Der Raum war ohne Lüftung und es stank erbärmlich, besonders nach verbranntem Fleisch und nach Fäkalien. Man hatte den Mann aller persönlichen Dinge entledigt, also auch Uhr und Ehering waren abgezogen, es gab keine Schuhe, kein Gürtel, keine Decke.“

„Sieht aus wie verschärfte Einzelhaft“, warf Wanzke ein.

„Richtig“, sagte Zoller, „wir fanden auch nur eine leere Wasserflasche aus Plastik in einer Ecke. Seine Brille war zerbrochen und lag unter ihm, dann fanden wir noch zwei gelbe Papierschnipsel mit Buchstaben darauf. Die KTU setzt sie gerade zusammen.“

„Woraus schließt ihr, dass er längere Zeit in dem Raum war?“ kam es keineswegs zaghaft aus der Richtung des Sessels mit dem verschnürten Päckchen. Alle drei hatten ihre Praktikantin vergessen und blickten sie nun verdutzt an.

„Anhand des Verschmutzungsgrades, genauer gesagt, Stuhl- und Blasenentleerung kann man schon auf die Verweildauer schließen“, antwortete Zoller ruhig.

„Sind denn Lebensmittel, sprich Essensreste gefunden worden?“ Wie selbstverständlich hatte Radka sich eingebracht und mit dieser Frage sogar Spürsinn bewiesen. Hierauf konnte keiner antworten. Zoller sagte schließlich: „Die genaue Spurenanalyse ist noch im Gange. Aber guter Hinweis.“

„Andererseits kann man diese Reste auch entsorgt haben, bei jedem Besuch“, überlegte Wanzke, „immerhin, alle Anzeichen deuten auf eine Entführung mit anschließender Hinrichtung.“

Schneider warf ein: „Die genaue Todesursache wird uns noch mitgeteilt. Die pyrotechnische Untersuchung ergab, dass die Explosion nicht allzu heftig war, also unterhalb der Zerstörungskraft dieses Typs Handgranate lag. Worum es sich genau handelte, wird die genaue Analyse zeigen müssen.“ Schneider hatte die Mappe mit den Untersuchungsergebnissen zu Rate gezogen und klappte sie wieder zu.

„Also zunächst müssen wir erst einmal herausfinden, wer das Opfer ist. Gibt es eine Vermisstenmeldung, die mit ihm übereinstimmt? Erst dann können wir uns Gedanken um das Motiv machen. Dann wäre es wichtig herauszufinden, wer Zugang zu diesem Keller hatte. Laut dem einzigen Zeugen gab es nämlich keine legitimen Nutzer, alle Mieter waren bereits ausgezogen. Doch genau da müssen wir ansetzen.“

„Warum hat man ihm die Schuhe ausgezogen?“ kam die Stimme aus dem Sessel. Zoller drehte sich zu ihr, sah sie einen Augenblick ruhig an, bevor er sagte: „Liebe Frau Tschechowa, wir wissen ihr fruchtbares, eigeninitiatives Mitdenken durchaus zu schätzen, wir sind keiner Kreativität abgeneigt, die uns hilft, die Folgerichtigkeit verbrecherischen Denkens und Handelns aufzuklären und die nicht immer leicht zu findenden Verwicklungen in einem Falle aufzulösen; doch hilft die intuitivste Kreativität nicht, wenn sie nur dazu dient, einen sich in Ordnungswillen befindlichen Geist in seinem Gedankenablauf zu stören.“ Zoller blickte ernst auf Radka, die immer kleiner in ihrem Sessel geworden war. Schneider und Wanzke schauten sich an. Noch nie hatten sie ihren Chef derartige Worte absondern hören. Was, bitte schön,  war in ihn gefahren, und was, um Gottes willen, wollte er nur damit sagen?

„So oder ähnlich hätte es unser Kriminaldirektor ausgedrückt“, lächelte Zoller Radka an, „was ich damit sagen wollte ist, du hast eine prima Frage zur falschen Zeit gestellt. Wir waren gerade dabei, einen Ablauf für die nächsten Schritte zu finden, uns zu organisieren. Nichtsdestotrotz sind solche Fragen wichtig und müssen gestellt und beantwortet werden. Schreib sie dir auf!“

Dann wandte er sich seinen Kollegen zu. „Ralf, du wirst den derzeitigen Besitzer des Grundstückes nach den ehemaligen Mietern befragen, wer noch Zutritt auf das Gelände hatte und wie das mit den Schlüsseln steht. Fritz, schnapp dir unsere bezaubernde Radka und versucht herauszufinden, wer in den letzten Wochen als vermisst gemeldet wurde und auf wen die Beschreibung passen könnte. Und jetzt will ich euch die nächste Stunde nicht sehen!“

16 – Ellen macht sich Sorgen

Am Freitag Nachmittag, Erika und Ellen waren gerade an der Friedrichstrasse und dort in den touristischen Läden in den Stadtbahn-Bögen, wo Durchgänge von Laden zu Laden führen, ohne dass man die Straße benutzen musste. Herrliche Antiquitäten, Bronzen, Kristallgläser, Kirschbaummöbel, Statuetten standen zum Verkauf und verlockten die Augen zum Schwelgen. Als sie wieder auf die Straße traten, kam ein junger, leicht abgerissener, bärtiger Mann auf sie zu und fragte, ob sie ihm nicht etwas Geld geben könnten, er hätte Hunger. Erika wandte sich brüsk ab, doch Ellen hielt sie fest, und sagte zu dem Mann: „Sie haben Hunger? Ja, gerne gebe ich Ihnen etwas. Etwas zu Essen, kommen Sie, ich lade sie ein, hier gleich in dieses Lokal, wenn’s recht ist. Suchen Sie sich etwas aus, ich werde bezahlen und sie können in Ruhe essen!“

Überrascht ging der Mann einige Schritte mit Ellen auf das Restaurant zu, blieb dann abrupt stehen und sagte: „Liebe Frau, ich habe es mir durch den Kopf gehen lassen. Wenn ich mich jetzt da hinein setze und esse, entgeht mir für diese Zeit mein Gewinn hier draußen. Es tut mir leid, aber ich muss so geschäftsmäßig denken.“ Er verbeugte sich leicht und zog ab. Er ließ die verblüffte Ellen zurück, die ihr Portemonnaie wieder einsteckte und irritiert zu Erika schaute. „Hast du das gehört?“ Erika nickte und sagte: „Ja, Betteln ist wohl ein harter Beruf, man kommt nicht einmal zu Essen.“

Ein Stückchen weiter des Weges stießen sie auf den Kupfergraben, hinter dessen Kanalbrüstung das Pergamonmuseum hoch aufschoss, daneben das Neue Museum, gerade in Renovierung begriffen. Sie wandten sich nach rechts, wo ein weitflächiger Kunstmarkt die Straße an der Spree bevölkerte. Erika fiel die Nervosität bei Ellen auf, die ständig heimlich auf ihre Uhr schaute und mit ihren Gedanken woanders zu sein schien. Es war später Nachmittag. Plötzlich blieb Ellen stehen und sagte: „Ich mache mir Sorgen!“ Sie blieb stehen, holte ihr Handy aus der Tasche und sagte knapp zu Erika: „Das Büro.“

Sie erfuhr von der Sekretärin, dass ihr Mann bis jetzt nicht erschienen sei, man habe alle Termine verlegt, ob sie, seine Ehefrau nichts näheres wüsste. Ellen bedauerte, steckte ihr Handy weg und sah Erika ernst an. „Hat es schon begonnen?“

Erika schaute sie verständnislos an und fragte: „Was?“ „Na, die Bestrafung.“

„Aber Ellen! Wir haben doch erst gestern das Urteil gesprochen. Was denkst du denn?“

„Dass ihr ihn schon -“

„Aber nein! So schnell schießen die Preußen nicht!“

„Aber er ist verschwunden!“

„Du hast doch selbst gesagt, dass er manchmal ein paar Tage lang verschwunden war.“

„Aber nicht nach so einem Urteil!“

„Liebes, was sollten wir den in der kurzen Zeit unternommen haben? Also nein, da überschätzt du uns. Meinst du nicht, dass er sich einfach eine Auszeit genommen hat?“

„Er ist Geschäftsmann. Er würde nie einen Termin sausen lassen, wenn es um Geld geht.“

„Wie unser hungriger Freund eben?“

Nach einer Pause fragte Ellen verschämt: „Meinst du, ich soll zur Polizei gehen?“

Erika dachte nach. „Es ist noch zu früh. Ich glaube, die Polizei nimmt erst eine Anzeige nach vierundzwanzig Stunden auf.“

„Aber das ist ja bald.“

„Also ich würde noch ein, zwei Tage warten damit. Vielleicht ist er mit Freunden unterwegs.“

„Sollen wir vielleicht doch einmal Hedwig anrufen, ob sie nicht doch -“

„Quatsch! Du warst doch dabei, als wir überlegten, wie wir ihn zu bestrafen denken. Das geht doch nicht sofort! Komm, lass uns in ein Kino gehen!“

Ellen folgte Erikas Vorschlag und sie sahen sich eine furchtbar Schnulze an, ohne großen Inhalt, dafür reichten aber ihre Papiertaschentücher nicht hin.

Nach dem Kino gingen sie in eine Bar Unter den Linden. Da fragte Ellen schüchtern: „Wie war das mit deinem Ehemann, habt ihr ihn auch -?“

Erika musste lachen, über die zarte Frage und den ängstlichen Blick aus Ellens verweinten Augen.

„Alles zu seiner Zeit“, sagte sie und blickte in eine weite Ferne. Als der Blick wieder zurückkam, fragte sie: „Soll ich heute Nacht bei Dir bleiben?“ Ellen schnupfte ein leises „Ja.“

Am nächsten Tag, es war Samstag, hatte Ellen die Geduld verloren und rief in der Villa Sagitta an. Hedwig war am Apparat. Verunsichert sagte Ellen: „Ja, hallo Hedwig, hier ist Ellen. Bitte sei nicht böse, wenn ich dir eine Frage stellen muss, aber ich bin so in Sorge um Harald, Harry, meinen Mann.“ Nach kurzer Pause sprach sie weiter: „Er ist verschwunden! Ich wollte nur fragen, ob ihr vielleicht -“ Hier wurde sie offenbar unterbrochen und sagte nur noch: „Ja, ja. Ach so. Ja.“

Erika fragte Ellen, was Hedwig gesagt hätte.

„Sie wusste auch nichts. Sie sagte, ich solle ihn ausfindig machen, zur Not die Polizei einschalten, sie müssten schließlich auch erfahren, wo er sei, um – nun, du weißt schon.“

„Ellen, du sorgst dich ja derart um deinen Mann, als ob du ihn nicht mehr loswerden wolltest. Was ist los?“

Nach einigen Sekunden des Nachdenkens antwortete Ellen: „Es ist nur die Ungewissheit.“

Den Sonntag verbrachten die beiden Frauen gemeinsam in Ellens Haus. Am Montag begleitete Erika Ellen auf dem Weg zur Polizei. Ellen gab eine Vermisstenanzeige auf. Die Beamten der Polizeiwache taten sehr ernsthaft, doch war ihnen anzumerken, dass sie das Verschwinden eines Geschäftsmannes über ein Wochenende auf andere Gründe zurückführten, als von der Ehefrau angenommen. Sie musste alle möglichen Fragen beantworten wie die, ob sie Streit gehabt hätten, ob sie von einer Freundin ihres Mannes wüsste und ähnliche mehr. Sie überzeugte den Beamten, dass er selbst im Büro von Harry anrufen sollte. Der tat es und erhielt dieselbe Antwort wie Ellen am frühen Morgen.

Harry blieb verschollen.

17 – Zoller

Wanzke trat zu Zoller ins Büro. Er atmete schwer, da er einige Treppen hatte steigen müssen,.

„Hier ist die Liste der vermisst gemeldeten Personen der letzten vierzehn Tage, einmal aus Berlin und einmal bundesweit“, schnaufte Wanzke.

Zoller schaute ihn scharf an. Wanzke glaubte schon, er hätte irgend etwas falsch gemacht, als sein Vorgesetzter ihn fragte: „Wo ist Deine Chefin?“

Die aufziehenden Wolken auf der Stirn von Wanzke glätteten sich schlagartig, er setzte gerade zu einer Antwort an, da ging mit lautem Knall die Türe auf und Radka erschien.

„Schon da, hab ich was verpasst?“

„Nur die Frage an Deinen Assistenten, wo seine Chefin bleibt.“

„War nur kurz bei Sascha in der Pyro. Habe den Bericht über den Knallkörper, diese Eierbombe.“ Sie wedelte mit einem Blatt Papier.

„Handgranate, Eierhandgranate.“ Wanzke berichtigte sie.

„Jawoll!“ Radka stand stramm.

„Und?“, fragte Zoller.

„Noch nicht gelesen.“ Damit reichte sie den Bericht an Zoller weiter, der ihn überflog und kurz nickte. „Also zuerst die Vermissten. Wie sieht es aus?“

„Bundesweit gibt es in den letzten zwölf Tagen vierunddreißig Vermisstenanzeigen“ begann Wanzke. „In Berlin haben wir es in dieser Zeit mit sieben zu tun. Die Frauen kann ich ja weglassen, bleiben vier Männer in Berlin. Einer, fünfzehn Jahre, kommt nicht in Frage, der andere ebenso wenig, der ist zweiundsiebzig und aus Bonnies Ranch entflohen.“

„Bonnies Ranch?“ fragte Radka.

„Die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Wittenau“, half Wanzke nach.

„Ne Klapse?“

„Richtig.“

„Da gehört eher der hin, der unserem Opfer das angetan hat“, richtete Radka altklug. Schneider trat leise aus dem Nebenbüro dazu.

„Dann bleiben zwei vermisste Männer aus Berlin, die in Frage kämen. Der eine ist allerdings erst gestern vermisst gemeldet worden, der andere vor vierzehn Tagen, beide Ende vierzig, Anfang fünfzig.“

„Das passt schon eher. Laut Gerichtsmedizin muss er das Alter gehabt haben. Wer sind die beiden?“

Wanzke schaute in die Papiere. „Der gestern vermisste ist Geschäftsmann, der andere ein frühpensionierter Staatsanwalt.“

„Angehörige?“

„Beide sind verheiratet.“

„Hallo! Ein Staatsanwalt. Ein ideales Opfer! Da geht es bestimmt um Rache.“ Radka, die bemerkt hatte, dass sie wieder einmal vorlaut war, zupfte verlegen an ihrer Wollmütze.

Hier schaltete sich Schneider ein: „Nicht übel, es liegen nämlich keinerlei Erpressungsschreiben vor. Derzeit“, konzedierte er.

„Gut,“ sagte Zoller und sah Schneider an „und was brachten Deine Ermittlungen?“

„Nichts. Alle Mieter des Geländes haben rechtzeitig geräumt, alle Schlüssel wurden abgegeben, nur der letzte, der Herr Schirmberg, hatte noch Zugang. Das Haus stand schon vier Wochen oder länger leer.“

Keiner bemerkte, wie Radka sich aus dem Raume schlich. Zoller hatte gerade das Fenster geöffnet, um Herbstluft einzulassen und blickte hinaus.

„Dann fassen wir noch einmal zusammen: Einer hatte Zugang zum Gelände, das ist Herr Schirmbach. Hätte er etwas mit dem grausigen Mord zu tun, hätte er ihn wohl nicht gemeldet.“

„Außer, er fühlte sich beobachtet und hat uns deshalb informiert.“

Zoller blickte weiterhin zum Fenster hinaus, während er redete, wandte sich nur ab und zu in den Raum: „In dieser Abgelegenheit, am äußersten Rande der Stadt, auf einem Abrissgelände – wer sollte ihn da beobachten. Die Straße ist weit weg, nur wenige bewohnte Gartenhäuschen in der Nähe und wenn er es darauf angelegt hätte, nicht gesehen zu werden, warum sollte er tagsüber die Explosion auslösen? Er scheint mir sehr unverdächtig. Also was haben wir? Einen Raum im Souterrain eines verlassenen Gebäudes. Darin befindet sich ein Toter, der nicht an den Verletzungen durch die Detonation ums Leben kam, sondern, wie ich hier lese, an Herzschlag. Die Explosion hat ihm lediglich die rechte Hand zerfetzt. Allerdings litt er unter außerordentlicher Dehydrierung, also Wasserverlust. Dem entspricht nicht die umgefallene, leere Wasserflasche aus Plastik, die wir fanden, allerdings ohne jede Fingerspuren. Dann gab es zwei gelbe Zettel, die einmal zusammengehörten mit einer Aufschrift, die jetzt entziffert wurde, aber deren Bedeutung noch unklar ist: KAMBARELE. Sagt einem von euch dies Wort etwas?“ Als Zoller in den Raum blickte, bemerkte er das Fehlen ihrer vorlauten Praktikantin.

„Wo ist unser Fräulein Tschechowa eigentlich? – Nun gut, zunächst müssen wir die Identität des Opfers klären. Schneider kommt mit mir zur Frau des Staatsanwaltes, Wanzke, du nimmst dir deine Expertin, wenn du sie findest und ihr besucht die Frau des Geschäftsmannes. Vergesst nicht das Foto des Toten.“

Lautlos öffnete sich die Türe im Hintergrund.

„Hab ich was verpasst?“ Radka machte einen Schmollmund.

„Nein, nur meine Frage, wo du steckst?“

„Kurz mal den Entsafter aufgesucht.“

Die Männer schauten sie fragend an.

Sie nahm eine kindlich-verlegene Stellung an und berlinerte: „Na ja, ick war mal kurz für kleene Meechen.“

18 – Ellen bekommt Besuch

Nachdem Ellen gestern die Anzeige bei der Polizei aufgegeben hatte, fühlte sie sich besser und hatte Erika nach Hause geschickt. Sie überlegte und kam zu dem Schluss, dass ihr Mann durchaus Gelegenheit hatte, Zeit mit anderer Frauen zu verbringen. Wie oft kam er nicht wie üblich nach Hause, wie oft hatte er angerufen, er käme später oder müsse noch da und dorthin. Sie hatte sich daran gewöhnt, alleine zu sein. Ihr Sohn war, sobald er das Internat mit summa cum laude bestandenem Abitur verlassen hatte, von Harry in die USA nach Boston auf die Universität geschickt, natürlich nicht ohne achtwöchige Ferien in Florida, von denen Ellen drei Wochen ihren Sohn begleitet hatte. Sie war das erste Mal in den USA gewesen und hatte sich ungeheuer gefreut, diese Zeit mit ihrem Sohn verbringen zu können. Das war vor vier Jahren. Ihr Sohn war ihr sehr erwachsen vorgekommen, beherrschte die englische Sprache, wie sie es nie können würde, war entscheidungsfreudig und kommunikativ. Manchmal dachte sie, das könne nicht ihr Sohn sein, der junge Mann, gewandt und mit einem ihr Angst machenden Intellekt ausgestattet. Er hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er dies Studium allein für seinen Vater mache und um selbst so viel wie möglich zu lernen, seine Ziele lägen auf anderem Gebiet als auf dem Anhäufen von Wissen in Internationalem Recht. Er hatte neben Jura auch andere Fächer belegt, Medienwissenschaft zum Beispiel, sie müsse es seinem Vater ja nicht auf die Nase binden.

Ellen war gerade dabei, die Reste ihres Frühstücks wegzuräumen, als die Türglocke ging.

Harry, zuckte es durch ihren Kopf. Es wurde ihr heiß und sie lief zur Haustüre. Noch in der Küche kam ihr eine Stimme Das ist doch ausgemachter Blödsinn, warum sollte ich klingeln? Ich habe doch einen Schlüssel! So dumm kann doch niemand sein! Vielleicht hast du ihn ja vergessen oder verlegt. Sei doch nicht immer so triefend sarkastisch!

Sie riss die Tür auf und sah einen dicken Mann im Trenchcoat, daneben ein zierliches Mädchen mit schwarzer Wollmütze bis zu den Augenbrauen und dazu ganz in Schwarz gekleidet.

Sie erschrak, hatte sie doch eher ihren Mann oder vielleicht Erika erwartet.

„Ja?“

„Sind Sie Frau Köhler?“, fragte es aus dem Trenchcoat.

„Ja.“

„Wir sind von der Kripo.“ Wanzke hielt einen Ausweis hoch. „Sie hatten eine Vermisstenmeldung gemacht?“

„Ja. Haben sie ihn gefunden? Wo ist er?“

„Wir wollten Sie zunächst etwas befragen. Können wir das drinnen machen?“

„Entschuldigen Sie, aber sicher, kommen Sie! Gehen Sie links in das Wohnzimmer.“

Hättest du nicht deine Schürze ausziehen können? Wie siehst du überhaupt aus, nicht einmal richtig gekämmt bist du! Ach lass mich doch in Ruhe!

„Haben Sie etwas gesagt?“ Wanzke sah sich im Wohnzimmer um.

„Ich? Nein.“ Ellen folgte den beiden und fuhr sich vor dem Garderobenspiegel kurz durch die Haare, riss sich die Schürze vom Leib und warf sie in die Küche.

„Entschuldigen Sie, aber ich hatte Sie nicht erwartet.“ Ellen zeigte auf die Sitzgarnitur.

„Wie wir aus Ihrer Reaktion schließen, hat sich Ihr Mann noch nicht gemeldet.“

„Nein, ich hatte gehofft,  er sei an der Tür, er sei es, der geklingelt hat.“ Schon wieder dieser Irrsinn! Das glaubt Dir doch keiner, dass dein Mann klingeln würde.

„Wieso, hatte er keinen Schlüssel?“ Wanzke setzte sich. Radka blieb stehen und sah sich im Zimmer um.

„Doch, doch. Aber ich dachte -“

„Ist das Afrika?“, fragte Radka und deutete auf eine übergroße Panorama-Fotografie an der Wand.

„Ja, mein Mann leitet dort eine Firma. Aber sagen Sie, wissen Sie etwas von ihm, oder warum sind sie hier?“

Sei doch nicht so vorwitzig! Die Beamten werden schon wissen, was sie dir zu sagen haben!

Ellen hatte sich neben Wanzke auf einen Sessel gesetzt und schaute ihn fragend an.

Der räusperte sich. „Frau Köhler, wir sind am Ermitteln. Radka, könntest du dich bitte auch hinsetzen, es macht mich nervös.“

Radka klimperte mit ihren Augen und setzte sich neben Ellen auf einen separaten Sessel und streckte die Beine aus.

„Also Frau Köhler, wir haben zunächst eine Frage an Sie. Sie haben gestern eine Vermisstenanzeige aufgegeben, worin steht, dass sie Ihren Mann am letzten Donnerstag früh noch gesehen haben. Wie und unter welchen Umständen?“

„Donnerstag früh, nach dem Frühstück hat er wie immer das Haus verlassen.“

„Sie gaben an, dass er mit seinem Wagen wegfuhr. Wissen Sie wohin er fahren wollte?“

„Nun, ich nehme an, wie immer, in seine Firma.“

„Dort ist er nicht angekommen. Könnten Sie sagen, wohin er gefahren sein könnte?“

Ellen dachte nach. „Nein.“

„Und danach haben sie nichts mehr von ihm gehört?“

Ellen schüttelte den Kopf.

Radka wollte sich nun auch einschalten: „Wie sah ihr Mann denn aus? Haben Sie ein Foto?“

„Ein Foto, ein Foto“ überlegte Ellen, „Doch, in seinem Büro. Aus Afrika.“

Ellen stand auf und ging voran in das häusliche Büro ihres Mannes. Wanzke und Radka folgten. Waren im Wohnzimmer schon einige afrikanischen Skulpturen zu sehen, so war dieser Raum angefüllt mit Utensilien, Andenken und Geschenken aus Afrika: Holzgeschnitzte Elefanten, Menschen mit Speeren in den Händen, Masken, Pfeile und zahlreiche Fotos von Safaris an den Wänden. Wer hat dir eigentlich erlaubt, wildfremde Menschen in mein Büro zu führen? Das geht niemanden etwas an. Das ist mein Reich! Du hast nicht das Recht, dort einzudringen!

Wanzke unterbrach ihre Stimmen. „Dort, das Foto! Ist das ihr Mann?“

„Ja sicher, der in der Mitte, das ist Harry!“

„Lassen Sie uns bitte zurück ins Wohnzimmer gehen.“

Er sagte das in einem Ton, der Ellen seltsam vorkam, als ob er etwas wüsste, was sie nicht wusste.

Es ist doch kein Wunder, dass er mehr weiß als du, er ist schließlich von der Polizei.

Als sie wieder saßen, fragte Wanzke: „Radka, wie heißt das Wort, das wir bei dem – Mann fanden? Kamarale?“

„Kambarele.“

„Genau, Kambarele. Sagt Ihnen das etwas?“

„Nein, aber sagen Sie doch bitte, was Sie wissen! Von welchem Mann sprechen Sie?“ Vor Spannung sprach sie gepresst und ihr Atem ging schneller.

„Wanzke zog ein Foto aus der Tasche. „Wir haben einen Mann gefunden, tot. Er hat eine sehr große Ähnlichkeit mit den Fotos, die Sie uns eben gezeigt haben. Ich habe hier ein Foto. Könnte das Ihr Mann sein?“ Hiermit hielt er ihr das Foto vor.

Es war still im Raum. Ellen starrte auf das Foto, auf dem das verzerrte Gesicht ihres Mannes zu sehen war. Die sekundenlange Stille kam Ellen wie eine halbe Stunde vor. Sie konnte es nicht fassen. Sie erkannte ihren Mann sofort, trotz der entstellten Fratze, die ihr entgegenblickte. Dann ging ein Ruck durch ihren Körper, alle Nervosität schien von ihr abzufallen. Sie nahm den Kopf hoch, schaute Wanzke ins Gesicht und sagte leise, aber bestimmt: „Ja.“

Es flossen, ohne dass Ellen es bemerkte Tränen langsam über ihre Wangen und tropften auf ihren Rock.

Keiner hatte nach ihrer Bestätigung ein Wort gesprochen und in der Stille, nur von Tropfen der Tränen unterbrochen, sahen sich Wanzke und Radka an. Dann sagte Wanzke: „Frau Köhler, wir wissen dass es ein Schock für Sie sein muss. Wir lassen Sie jetzt alleine. Haben Sie jemanden, an den Sie sich wenden könnten?“

Ellen nickte langsam und wischte sich eine Träne weg.

„Dann gehen wir jetzt“, wiederholte sich Wanzke und wollte ihr schon eine Hand auf die Schulter legen, zog sie aber wieder zurück. “Wir melden uns noch einmal bei Ihnen.“

Ellen nickte wortlos und sah aus den Augenwinkeln, wie die beiden Beamten ihr Haus verließen. Sie nahm von weit her das Klicken, als die Türe ins Schloss schlug. Dann griff sie zum Telefonhörer und rief Erika an.

19 – Im Kommissariat

Für den nächsten Tag war Ellen ins Kommissariat gebeten worden. Erika begleitete sie. Erika war gestern, nach ihrem Anruf, sofort zu Ellen hinübergelaufen und hatte sie getröstet.

„Er war so furchtbar entstellt“ hatte Ellen geschluchzt und sich an der Schulter von Erika ausgeweint. Überhaupt, Ellen war an diesem Tag zu einem Häuflein Elend geschrumpft. Heulend hatte sie ihr erzählt, dass sie diesen Mann doch geliebt hätte. Nur kennen gelernt hätte sie ihn wohl nie so recht. Er war doch sehr eigen und hätte keinen sehr nahe an sich ran gelassen. Sie hatte sich gefügt, alles als gegeben hingenommen. Sie war einfach eine brave Hausfrau.

Erika saß auf der Bank vor dem Raum, in dem Ellen noch einmal befragt wurde. Später sollte sie ihren Mann noch einmal in der Pathologie identifizieren, eine Prozedur, bei der sie Erika dabei haben wollte.

Ellen saß auf einem Stuhl vor Zollers Schreibtisch. Sie hatte ihren Mantel anbehalten und zupfte an ihm nervös herum. Ein schaler Geschmack hatte sich in ihrem Mund breit gemacht. Sie hatte Angst. Angst vor der Befragung, Angst davor, das Foto von ihrem Mann noch einmal zu sehen. Sie wollte möglichst schnell fort von hier. Es stand ihr bevor, die Leiche ihres Mannes noch einmal sehen zu müssen, ob rechts- oder linksrelevant, war ihr Schnuppe, sie hatte ihn ja schon auf dem Foto identifiziert, sie wollte nur weg von hier. Hinter ihr hörte sie das Mädchen mit der Wollmütze sich in den Besuchersessel räkeln und sah durch die offene Tür im Nebenraum den dicken Polizisten von gestern in Papieren kramen.

Zoller hatte sie begrüßt und ihr Beileid gewünscht und ihr erklärt, sie wollten sie nicht quälen, doch sie müssten einige Fragen beantwortet haben, hier, wegen des Protokolls. Zoller blätterte in den Akten. Sie harrte der Dinge.

„Frau Köhler, sie sahen Ihren Mann letzten Donnerstag zu letzten Male, wie er mit seinem Wagen ins Büro fuhr. So dachten Sie wenigstens. Warum sind Sie erst am Montag zur Polizei gegangen?“

Auf diese Frage war sie gefasst. „Nun, wir dachten, er taucht vielleicht noch auf“ und als sie den fragenden Blick bemerkte, setzte sie hinzu: „Wir, das sind meine Freundin Erika und ich.“

Zoller sah vor sich eine gut erhaltene, gepflegte Frau Ende vierzig, teuer, aber nicht auffällig gekleidet, mit einem Chic, den man hausfraulich nennen konnte. Er spürte bei ihr eine leichte Nervosität, die er natürlich der Situation nach einem solch gräulichen Vorfall zuschrieb. Er wusste, dass sie noch einer Belastungsprobe ausgesetzt sein würde, die der Identifizierung des Leichnams. Andererseits hatte er seinen Job zu erfüllen und musste Fragen stellen, auch wenn diese momentan als unangenehm empfunden würden. Es waren solche Fragen, wie nach ihrer Ehe, ob es Streit gegeben hätte, wen sie sich als Feind ihres Mannes vorstellen könnte. Aber die Antworten kannte er schon im Voraus, es war alles normal in der Ehe, wie es in allen Ehen eben „normal“ zugeht.

Er eröffnete der verschüchtert wirkenden Frau, dass sie, die Polizei, in den  Unterlagen seines Büros in seiner Firma, wie auch im Büro zu Hause nach Informationen suchen müssten, die auf den oder die möglichen Täter hinweisen könnten.

Auch die Prozedur der Identifizierung ging wie zu erwarten war vor sich, die Frau sah sich länger das Gesicht ihres Toten Mannes an und lehnte sich dann, Tränen verdrückend, an die Schulter der Nachbarin, Erika Rohde, eine Witwe, die man ebenfalls kurz verhört hatte, ob sie nicht eventuell etwas gesehen hätte, was auf die Täterschaft hinweisen könnte. Natürlich vergeblich.

Zoller hatte die beiden Frauen nach Hause geschickt und wandte sich den weiteren Erkenntnissen zu.

Zum Beispiel war herausgekommen, dass der Tote Reste von Äther und eines überall käuflichen Beruhigungsmittels im Körper hatte und man hatte inzwischen die Bedeutung des Wortes KAMBARELE gefunden. Es war ein Gruß, den die Jäger eines bestimmten Kulturraumes in Afrika sich zuriefen. Das kurze Wort war in Versalien mit Bleistift wie von ungeübter Kinderhand auf das gelbe Seidenpapier gebracht worden. Das Papier selbst war ein handelsübliches Seidenpapier zum Verpacken und Einwickeln von Waren. Fingerspuren waren nicht entdeckt worden. Natürlich hatten die Fachleute der KPU auch das Ursprungsland der Handschellen gefunden, doch waren diese überall in der Welt im einschlägigen Handel zu kaufen, selbst im Internet konnte sich jedermann solche Fesselungsgeräte bestellen. Auch hier kein Hinweis auf eine eindeutige Täterschaft.

Der einzige Hinweis war der Begriff KAMBARELE, der ihn nötigte, eine Täterschaft aus dem Umkreis des Toten zu vermuten, der, wie sich gezeigt hatte, Geschäftsführer einer Vertriebsfirma in Berlin und einer Produktion in Namibia war. Die Sekretärin erläuterte die Produkte dahingehend, dass es mechanische Teile zur Weiterverarbeitung wären, auch Spreng- und Zündkapseln, wie sie im Abrissgewerbe gebräuchlich seien, weiterhin Schaltelemente für Elektronik zum Beispiel im Maschinen- und Autobau genutzt. Also alles recht harmlos. Ja, Konkurrenz gäbe es in jedem Bereich, aber doch keine, die derartige Gewalt einsetzte.

Sicher, es sah auch mehr nach einer Racheaktion aus, als nach einem Streich innerhalb der Industrie. Ging es doch eindeutig auf die Person des Toten. Was hatte diese mit dem Begriff KAMBARELE zu tun? Hatte er im Busch von Namibia gewildert? Dafür war die Strafe unangemessen. Zoller kam immer mehr zur Überzeugung, dass eine private Angelegenheit hinter dem Mord, der Tötung standen.

Die Ärzte hatten einstimmig gesagt, der Tod sei eindeutig nicht die Folge der schlimmen Verletzung, die durch die Abtrennung der Hand entstanden sei, sondern vielmehr durch Herzinsuffizienz eingetreten.

Die Abteilung hatte sich zusammengesetzt und verschiedene Abläufe versucht durchzuspielen: Der Mann wurde betäubt und in den Keller verbracht. Dort hatte man ihn mit den Handschellen an das Rohr gefesselt. Die erste Version ging dahinaus, dass man seine Frau oder seine Firma erpressen wollte, doch als eine Handgranate zufällig hochging und das Opfer verletzt hatte, habe man es mit der Angst bekommen und sei kopflos geflüchtet. Andererseits, warum hatte man dann tagelang gewartet, bevor man einen Erpressungsversuch gestartet hatte. Bei der Frau und in der Firma war, nach deren Vermelden, weder ein Anruf noch ein Brief mit einer Erpressung eingegangen. Und wenn es Erpresserschreiben gegeben hätte, warum hätte man das verheimlichen sollen?

Sie durchdachten jetzt die erste Version, wonach die Ehefrau hätte erpresst werden können. Wenn sie einen Anruf oder ein Schreiben erhalten hätte, was hätte sie gemacht? Wäre sie gleich zur Polizei gerannt? Oder hätte sie erst ihre Freundin angerufen? Was hätte sie davon abhalten können, die Polizei zu benachrichtigen?

Das war der Punkt, an dem sich Radka voller Eifer einschaltete. „Klar, wäre das denkbar. Stellt euch vor, die Ehe ist absolut schiefgelaufen, die hassen sich inzwischen oder schlagen sich die Köpfe ein. Was läge näher für die Frau, als die Erpressung einfach zu ignorieren. Besonders, wenn mit dem Tod des Ehemannes gedroht wird und sie nichts zu tun braucht, einfach nur abwarten, bis sie ihn umbringen. Kostet sie nichts und bringt vollen Erfolg!“

„Das ist doch absurd!“ Wanzke schüttelte den Kopf.

„Aber denkbar“, warf Zoller ein, „und schon vorgekommen. Nur hätte ich nicht gedacht, dass gerade unser Nesthäkchen auf diese extremen Überlegungen kommt.“

„Weil ich vielleicht kein Nesthäkchen mehr bin?“

„Nur macht mir diese Ellen Köhler nicht den Eindruck, als ob sie von solchen Motiven geleitet wäre“, sagte Zoller.

„Erzähl mir was von Frauen.“ Altklug beharrte Radka auf ihrer Version.

Schneider gab seinen Teil dazu: „Die normale Reaktion ist das nicht bei einer normalen Ehe. Also meines Erachtens wäre die Frau schon zur Polizei gegangen, zumindest hätte sie nach dem Geschehnis davon erzählt.“

„Das denke ich auch, warum hätte sie uns das nicht mitteilen sollen? Auch das hätte sie“, mit einem Seitenblick Zollers auf Radka, „nichts gekostet.“

„Bis auf unterlassene Hilfeleistung und um diesem Vorwurf zu entgehen, meldet sie es erst gar nicht“, beharrte Radka.

„Du hast vielleicht ein Bild von deinen Geschlechtsgenossinnen!“, schnaufte Wanzke.

„Genug davon! Wir untersuchen alle Räume im Hause Köhler und alle eingegangenen Anrufe. So machen wir das auch mit seiner Firma.“

„Und warum sollte die Firma eine Erpressung nicht anzeigen?“, fragte Radka und strich sich einen blonden Haarstrang, der sich verselbständigt hatte, unter die schwarze Mütze.

„Da gibt es eine Reihe von Gründen“ begann Zoller. „Zunächst, wollen Firmen eine Erpressung nicht an die große Glocke hängen und zahlen einfach. Keiner weiß, wie viele Fälle so unter den Teppich gekehrt werden. Dann gibt es auch manchmal das Problem, dass ein Nachfolger des Entführten sich profilieren will, oder schlimmer, dass er die Nachfolge antreten will. Dann gibt es in der Regel einen Toten, aber kein Motiv. Aber diese Fälle hängen auch davon ab, wie viele Mitarbeiter davon Kenntnis haben und von der Struktur des Unternehmens.“

„Also sieht es doch bisher so aus, als ob es gar keine Erpressung gab?“ sagte Radka und erheischte damit allgemeines Kopfnicken.

„Und wenn es keine Erpressung war, war es geplanter, sauber durchgeführter Mord.“ Diesmal erhielt Radka keine Zustimmung.

Zoller ergriff das Wort: „Der Fall sieht seltsam aus. Als ob irgend etwas schief gelaufen wäre. Hätte man ihn einfach nur umbringen wollen, man hätte ihn banal erschießen können, irgendwo auf der Straße. Nein, er wurde entführt. Entführt und in einem Keller an ein Rohr gefesselt. Er sollte dort einige Zeit verbringen. Das zeigen uns die wenigen Gegenstände, die es dort gab: Die Matratze, die Flasche Wasser. Mich beschäftigt die Frage, was sollte er dort? Vielleicht sollte er irgend etwas gestehen, ein Vergehen oder Verbrechen.“

„Vielleicht wollte man seine Unterschrift erpressen?“

„Nicht schlecht.“

„Er war teilweise entkleidet, wie man es mit Gefangenen tut, die keine Gegenstände behalten dürfen, womit sie sich oder andere verletzen könnten. Keine Schuhe, kein Gürtel, nicht einmal eine Armbanduhr. Es war alles sehr genau geplant.“

„Aber was tut diese Handgranate dort?“

„Vielleicht zur Warnung oder Drohung?“

„Vielleicht hat man ihn gezwungen, sich in die Luft zu jagen?“

„Alles gute Fragen. Aber die Handgranate war nur mit einem Viertel ihrer Sprengkraft versehen. Sie war manipuliert. Und unser Opfer musste sie in der Hand gehalten haben, als sie explodierte.“

„Man hat ihn gezwungen, sie in die Hand zu nehmen.“

„Davon ist auszugehen. Er hat sich vielleicht nicht zu einer Unterschrift erpressen lassen und hat lieber in Kauf genommen, die Granate zur Explosion zu bringen, womit er sich und die anderen in die Luft gesprengt hätte.“

„Da er nicht wusste, wie sozusagen schwach die Granate war, hat er sich nur selbst verstümmelt und die anderen konnten fliehen.“

„Das klingt plausibel. Allerdings hat unser Zeuge, der bei der Explosion vor Ort war, niemanden fliehen sehen.“

„Könnten die sich irgendwo im Hause versteckt haben, bis die Polizei wieder weg war?“

„Man hat zwar das gesamte Gebäude untersucht, doch vielleicht nicht mit gebührender Aufmerksamkeit, weil man mit der Anwesenheit von Tätern nicht gerechnet hatte, nicht rechnen konnte.“

„Und wenn der Zeuge, der Herr Schirmbach, dieser Täter auf der Flucht war?“ Radka traf den Nagel auf den Kopf.

Doch gingen die Überlegungen wieder hin und her.

Schließlich einigte man sich darauf, den Zeugen noch einmal  wie auch das Gebäude genauer unter diesem Gesichtspunkt unter die Lupe zu nehmen und auf die Untersuchungen im Hause Köhler sowie in seiner Firma zu warten. Und dann war da noch die Überlegung mit einer anderen Frau, mit der der Tote möglicherweise eine Beziehung unterhalten hatte.

Alles war unklar wie zuvor.

20 – Mittwochstreff

Nachdem Ellen mit Erika bei der Polizei waren, hatten sie den Dienstag gemeinsam verbracht, waren Essen gegangen, etwas, das Ellen jahrelang nicht mehr getan hatte. Sie suchten sich ein Steakhaus und schlemmten nach allen argentinischen Regeln. Für den nächsten Tag, den Mittwoch hatten sie sich verabredet, gemeinsam zur Villa Sagitta zu fahren. Es war Erika, die den Vorschlag machte, ein Taxi zu nehmen. Pünktlich um drei Uhr stiegen sie aus dem Wagen. Die kleine Josy stand schon in der Tür und erwartete sie zitternd. Alle waren bereits versammelt, denn die Kunde vom Verschwinden des Herrn Köhler hatte wie nichts die Runde gemacht. Sensationen und Skandale bewegen sich mit eigener Geschwindigkeit, sind nicht von Raum und Zeit abhängig, fast ein Beweis gegen Einstein’s Unüberwindlichkeit der Lichtgeschwindigkeit. Es gibt Vorgänge, die entziehen sich den Gesetzmäßigkeiten. So wurden die beiden Frauen von glühenden Augen empfangen, quellend vor Neugier, vor Erwartung ging allen der Atem flach und schnell, sie waren begierig zu hören, was vorgefallen, was der Polizei bekannt und was die beiden Frauen ansonsten zu berichten hatten. Vielerlei Mutmaßungen waren schon durchgehechelt, viele Varianten durchgespielt, das Vorstellungsvermögen der Damen hielt allen Fantasien von Kriminologen, ja von  Kriminalautoren stand und übertraf sie teilweise bei weitem. Theoretiker und Utopisten gelangen zuweilen zu den unglaublichsten Ergebnissen, die nur noch von der Wirklichkeit übertroffen werden.

Voll angeregt übergingen die Damen die Bitterkeit des Kaffees und bei Erzählungen und Erläuterungen, Fragen und Bewertungen entglitt ihnen jedes Gefühl für die Zeit, die auf sie natürlich keine Rücksicht nahm. Nach Kaffee ging man über zu Sekt, dann zu härteren Kleinigkeiten wie Olanka, die den Wodka in diesen Kreis eingeführt hatte. Liebe und Alkohol löst die Zunge und so erging man sich in den wahnwitzigsten Ausführungen über Entführungen, Morde und Bestrafungen aller Art, von den Qualen der Inquisition bis hin nach Guantanamo, der Strafanstalt einer Weltmacht, off-limits für Menschenrechte, weltliche Verbrechen wurden mit göttlichen vermischt, Zeus stieg vom Himmel herab und vergewaltigte zuhauf Frauen und Tiere, die Gebrüder Grimm erschienen in der Villa Sagitta und verbrannten Hexen im Feuer zur Freude von Hänsel und Gretel, der Londoner Nebel breitete sich in der Villa aus und Jack The Ripper verbrach seine Taten. Es war ein Schwelgen in Gewalt und Verbrechen unter dem Lachen und Gekichere der Damen, ausnahmslos alle angetörnt durch den Fall Köhler und manchen Schluck aus den bunten, bauchigen Karaffen der Hausherrin Hedwig. Sie war die Einzige, die noch einen gewissen Überblick behalten hatte und um zehn Uhr abends ein Machtwort sprach.

In dieser erregten Atmosphäre waren sich zwei Frauen näher gekommen. Die jüngere Olanka und Ellen Köhler. Ein wenig eifersüchtig hatte Erika die Angelegenheit beobachtet, doch ohne Arg verbucht. Was sie nicht mitbekommen hatte, war die Verabredung der beiden für den nächsten Tag. Hätte sie es, es hätte sie ein klein wenig gestört, dass sie nicht mit von der Partie sein sollte.

Und so trafen sich am nächsten Tag Olanka und Ellen am Ku’damm in einem Café, wie es viele Damen um die Kaffeezeit herum tun.

Ellen war sehr angetan von den schmalen, schrägstehenden Kirgisenaugen der Russin und von deren einnehmenden, russisch gefärbten Redeweise. Besonders aufmerksam wurde sie, als Olanka von der Angewohnheit ihres  Mannes sprach, vor wichtigen Entscheidungen zu einer Wahrsagerin mit Tarotkarten zu gehen.

So saßen die beiden Frauen harmlos in dem Café und sprachen über Gott und die Welt und nebenbei erzählte Olanka von ihrem Mann, der ebenfalls ein Russe, genauer Kasache mit russischem Vater gewesen war. Stark war er gewesen, mit seltenen, blauen Augen und dem liebevollsten Blick, dem Olankas Augen begegnet waren. Er war zu Besuch gewesen in Bischkek, unweit der kirgisisch-kasachstanischen Grenze gelegen, um sich, wie er damals sagte, Land und Leute anzuschauen. Dass diese sich nicht viel von denen Kasachstans unterschieden und welches Motiv Kairat, so hieß ihr Mann, wirklich hatte, erfuhr sie erst Monate später, als sie bereits in Deutschland war. Auch ihr Vater war Russe gewesen, hatte sich als kleiner Händler in der Hauptstadt Kirgisiens niedergelassen, weil man dort weit ab von der -damals noch sowjetischen-  Überwachung befunden hatte, ein freieres Leben führen konnte. Ihr Vater hatte es sehr bedauert, dass dieser Kalmuck, wie er ihn nannte, seine Tochter entführte, doch diese war ihm bald, von unstillbarer Liebe entbrannt, eingenommen von seinem Geld und der Weltläufigkeit, die er an den Tag legte, verfallen und folgte ihm ins reiche Deutschland. Zuerst hatte er sie vergöttert, auf Händen getragen, hatte sie sogar geheiratet. Dies hatte sie ihm im Nachhinein hoch angerechnet, als sie merkte, welchen Geschäften er in Deutschland nachging. Er hatte ihr ein für kirgisische Verhältnisse unbeschreibliches Zuhause geboten. Eine Penthousewohnung in Berlin mit Blick über die Stadt, im Winter geheizt, im Sommer klimatisiert, ein Himmelbett, eine Sauna und mit einer stillen russische Köchin, die sich um alles in der Wohnung kümmerte. Olanka lebte im sprichwörtlichen Garten Eden, von dem man heute weiß, dass der echte, historische, sich im Norden Irans befunden hatte, dort wo heute die Hochhauswüste von Täbris das Tal ausfüllt.

Einige Male hatte er sie zu Empfängen mitgenommen, bei denen er in seltsamer Weise hofiert wurde von gestylten Männern mit offenen Hemden, goldenen Halsketten und goldenen Uhren und Unmengen von Frauen in verführerischen Kleidern oder weniger am Leibe.

Da hatte sie begriffen, wo sie gelandet war. Doch ihre Liebe hatte nicht abgenommen. Sie blieb verschont von all dem Treiben in den Kreisen. Nur machte sie sich so ihre Gedanken. Er war selten da, doch zeigte er ihr seine Liebe nach wie vor. Ein Zufall trieb sie dazu, genauer hinzuschauen, was ihr Mann so tat. Als sie eines Tages einkaufen war, wurde sie von einer Frau angesprochen. Auf Russisch. Erst entschuldigte diese sich, dass sie sie so einfach auf der Straße anspräche. Sie fragte, ob sie nicht eine russische Köchin namens Natalja hätte. Überrascht antwortete Olanka, ja sicher, sie hätte eine russische Köchin, die Natalja hieße. Ob ihr an ihr nichts aufgefallen wäre? Nein, hatte Olanka geantwortet, sollte mir etwas auffallen? Wer sie denn überhaupt sei. „Eine Freundin“, sagte sie und verschwand in der Menge. Ja, es stimmte, seit einigen Wochen war Natalja etwas verhuschter als sonst, entzog sich ihr bei jeder Gelegenheit und war noch wortkarger geworden, als sie vorher schon war.

Bei nächster Gelegenheit hatte Olanka sie angesprochen. Doch Natalja wollte nicht reden. Sie druckste herum, bis Olanka auf die Idee kam, sich mit ihr an einem anderen Ort zu verabreden. Die verhärmte Frau ließ sich überreden und Olanka traf sie ein paar Tage später in der Wohnung der Frau. Sie war nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Natalja kochte einen Tee und bot Olanka von einem selbstgebackenen Kuchen an. Dann kam Olanka zum Punkt. „Was ist mit Ihnen? Sie sind die letzte Zeit sehr still und besonders zurückhaltend geworden.“

Die Alte blickte in den Tee und rührte ihn lange um, bevor sie sprach. Sie sprach langsam und monoton. Sie sagte: „Sie kennen mich nur als ihre Haushälterin. Ich bin aber auch Mutter. Sehen Sie mich an, ich bin zweiundvierzig und schon eine alte Frau.“ Olanka war bestürzt, sie hatte die Alte eher auf fünfzig Jahre geschätzt.

„Wie gesagt, habe ich eine Tochter, Seymara. Ich habe nur noch meine Tochter, nachdem mein Mann und mein Sohn in einem Bergwerkstollen verschüttet wurden und ums Leben kamen. Ich hatte kein Geld und bekam keine Rente. Es schien alles aussichtslos. Da erschien Kairat auf der Bildfläche. Fast wie ein Retter oder Prinz. Er verliebte sich in Seymara und sie in ihn und nach einigen Besuchen wollte er sie heiraten. Seymara war damals fünfzehn und ich wollte ihre Hochzeit noch nicht. Doch er hat sie mitgenommen und sie haben heimlich in Kasachstan geheiratet. Als sie zurückkamen, bot er mir an, mich mit nach Deutschland zu nehmen, die Visa hätte er bereits besorgt. Da meine Tochter mich dringend bat, folgte ich ihm und so kam ich hierher.“ Sie machte beim Sprechen große Pausen, in denen sie das Geschehene wie ein Film vor ihrem inneren Auge ablaufen ließ. Olanka war wie vor den Kopf geschlagen. Kairat war bereits verheiratet. Mit einer anderen. Die Alte erzählte Olanka von der Reise nach Berlin, von der Hinterhauswohnung, die sie von Kairat gestellt bekam und die sie jetzt noch bewohnte, von dem anfänglichen Glück, in welchem Seymara glühte, bis sie eines Tages zu ihrer Mutter kam und ihr heulend erzählte, Kairat hätte sie gezwungen, mit fremden Männern zu schlafen, sonst würde er sie und ihre Mutter wieder nach Hause schicken. Kairat hatte alle Macht über sie beide, er hatte ihre Pässe und war ein mächtiger Mann in den Kreisen. Sie hatten sich in ihr Schicksal ergeben. Hier machte die Alte eine längere Pause, als ob sie nicht weiter reden wollte. Dann kam es doch aus ihr heraus. Kairat hatte ihre Tochter auch schon vorher grün und blau geschlagen, wenn sie ihm nicht gehorchen wollte. Als sie ihm vor einem Monat von einem Freier berichtete, der sie loskaufen wollte, hatte er sie fast totgeschlagen.

Olanka fasste es nicht, ihr Kairat sollte ein solcher Schläger sein, brutal und gewissenlos? So kannte sie ihn nicht. Ja, er setzte schon seinen Kopf mit aller Macht durch. Doch plötzlich erinnerte sie sich an eine Party, die er gegeben hatte und wo sie von einer sehr hübschen Tänzerin angesprochen wurde, ob sie seine Frau sei. Sie hatte lächelnd bejaht. Die Kleine hatte sich erschrocken zurückgezogen. Olanka hatte diesem Zwischenfall keine Bedeutung beigelegt und ihn vergessen.

Die Alte fuhr fort und wurde noch bleicher, als sie sagte, ihre Tochter sei vor einigen Tagen plötzlich verschwunden.  Keiner wusste etwas oder waren etwa alle angehalten, nichts verlauten zu lassen? Sie hatte auch Kairat angesprochen. „Vielleicht ist sie ein bisschen verreist“ hatte er mit Unschuldsblick gesagt. Dann hatte sich seine Miene verdüstert als er sagte: „Seymara bringt mir jetzt kein Geld mehr. Ich weiß nicht, wie lange ich dich noch unterstützen kann.“

Natalja wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Mit niedergeschlagenen Augen hatte die Alte sich noch einmal bei Olanka entschuldigt. Sie wollte sie nicht belästigen. Sie sei doch die Frau von Kairat. Aber da sie angesprochen worden und sie doch auch Russin sei, möchte sie sie fragen, ob sie ihr nicht helfen könne.

Es war einer dieser Momente im Leben, in denen man eine Lebenssituation scharf und glasklar erkennt und diese Erkenntnis unweigerlich eine Entscheidung nach sich zieht. Entweder man verschließt die Augen oder man schaut hin, entweder verharrt man in Stillstand oder man schreitet vorwärts zur Tat.

Olanka hatte sich entschieden. Sie wollte die Sache anpacken. Dazu fasste sie einen Plan, zu dem nur Frauen in der Lage sind. Weibliche Strategien sind oft effektiver, da die Waffen einer Frau andere sind und sie sich nicht, wie die Männer, auf einen Waffengang einigen. Sie wählte die stärkste Waffe, die eine Frau zu bieten hat, sie wählte die Intrige.

Sie machte einen Termin mit der Wahrsagerin von Kairat für den nächsten Mittwoch Vormittag.

Auch diese Wahrsagerin, wie konnte es anders sein, war Russin. Sie nannte sich Eugena, hatte pechschwarze Haare, sah aus wie Mitte zwanzig und sprach mit tiefer Altstimme. Olanka hatte sich nur mit ihrem Vornamen vorgestellt und die Hoffnung, Eugena würde sie nicht sofort als Ehefrau von Kairat erkennen, ging auf. Eugena war auch als Hellseherin bekannt und nutzte hierfür Tarotkarten und die Kugel. Der Raum war nicht, wie üblich, mit einschlägigem Krimskrams, mit Kerzen und sonstigem Brimborium ausgestattet, sondern ein heller Raum in der weitläufig geschnittenen Hinterhauswohnung, mit Geschmach eingerichtet, nur hier und da erinnerte eines der Einrichtungsgegenstände an die Herkunft der Bewohnerin. Besonders ins Auge fiel ein riesiger, silberner Samowar, von dem ein leises Summen ausging. Er sah aus, als ob er in einem russischen Herrscherhaus gestanden hätte. Ein angenehmer Wohnraum, dachte Olanka und fühlte sich augenblicklich wohl.

Al sie sich an einem schwarzen Ebenholztisch gegenübersaßen, schaute Eugena sie lange aus tiefdunklen Augen an, als ob sie die Seele in Olankas Augen erkennen wollte. Dann lächelte sie und sagte auf Russich: „Du gefälltst mir.“ Sie sagte das ganz nebenbei und ging gleich über, nach dem Begehr von Olanka zu fragen. Olanka schilderte ihr den Fall einer Freundin, die plötzlich verschwunden war. Eugena bat um einen Gegenstand, etwas Privates, das der Freundin gehörte. Olanka musste verneinen, sie hätte nichts bei sich. Nach einigem Besinnen meinte Eugena, man könne es auch ohne versuchen. Sie legte die Karten.

Olanka hatte noch nie etwas mit Kartenlegen zu tun gehabt, bei ihr zu Hause las man aus Kaffeesatz oder begutachtete den Flug der Vögel. Sie war hingerissen von der Geschicklichkeit und Geschwindigkeit wie Eugena die Karten mischte und sie dann in einem bestimmten Schema auflegte. Eugena erklärte den ersten Versuch für gescheitert. Sie lehnte sich zurück, schaute Olanka wieder tief an und bat sie, etwas über die Verschwundene zu erzählen. Was war sie für ein Mensch? Woher stammte sie? Olanka nahm alles zusammen, was sie von der Mutter des Mädchens aufgeschnappt hatte. Eugena zwinkerte mit den Augen und begann erneut, nach einem unergründlichen Muster die Karten zu legen. Als sie fertig war, schaute sie lange auf ihr Werk, sagte aber nur, sie müsse die Kugel zur Hilfe nehmen. Olanka hatte sich eine solche Kugel viel mächtiger vorgestellt als die, die Eugena aus einem Schrank holte und vor sich platzierte. Dazu zuo sei einen Teil des Vorhanges zu, der, aus weißem Leinen, nur die irritierendsten Lichtreflexe verhinderte. Es war mucksmäuschenstill im Raum. Olanka betrachtete das Gesicht von Eugena und bemerkte, wie ein Schatten über ihre weit offenen Augen zu gleiten schien.

Nach einiger Zeit blickte Eugena auf und sagte in ruhigem Ton: „Ich kann nur Splitter erkennen. Es ist, als ob ein Seidenvorhang das Wichtigste verbirgt. Aber -“, und hier hielt sie einen Augenblick inne, bevor sie sagte: „Kannst du mir beim nächsten Mal einen persönlichen Gegenstand mitbringen?“

„Ja, sicher“, antwortete Olanka, „doch du hattest gerade angesetzt noch etwas zu sagen.“

Eugena fuhr sich über die Stirn. „Es ist so unklar. Eine Auslegung scheint mir nicht möglich.“

„Versuche es doch, bitte!“

Zuerst langsam, wie in Trance, sprach Eugena: „Hinter einem Spiegel steht etwas still, was sich bewegen sollte. Ich habe Harz gerochen und Metall geschmeckt. Aus.“

Ellen hatte Olanka gespannt zugehört. „Und was geschah dann?“, fragte Ellen.

„Ich brauchte nicht noch einmal Eugena aufzusuchen. Zwei Tage später las ich  in der Zeitung, dass man einen Wagen gefunden hatte, versenkt in der Havel. Zwei Leichen waren darin, Seymara’s und die von einem Zuhälter aus Werder. Beide waren in einem Fichtenwäldchen erschossen worden und in dem Wagen des Zuhälters in die Havel versenkt. Etikettiert wurde das Ganze unter Krieg in der Unterwelt. Vermutungen ließen auf Kairat als Hintermann schließen. Beweise gab es keine.“

„Und, hast du deinen Mann darauf angesprochen?“

„Ja. Er hat kalt gelächelt und gesagt, sie hätten gegen die Regeln verstoßen und seien bestraft worden.“ Dann habe sie sich hinter seinem Rücken erkundigt und herausgefunden, was in den Kreisen lange kein Geheimnis war, dass Kairat neben seinen Bordellen auch noch mit Rauschgift handelte und neuerdings einen blühenden Handel mit Kindern begonnen hätte.

„Das war der Zeitpunkt, als ich mich fragte, was unsere bestehenden Regeln und Gesetze für einen Sinn machten, wenn man sie nicht anwenden konnte, wenn die Tatbestände zwar offen zu Tage lägen, Polizei, Staatsanwaltschaft und Richter von allem wussten, aber kein ausreichendes Beweismaterial vorhanden sei. Das makaberste an allem war, dass die Verbrecher ihre selbst aufgestellten Regeln einhalten konnten, aber, bei gut geplantem Ablauf, nicht zu packen waren. Ausgerechnet ich als Ehefrau eines Verbrechers, was Kairat seitdem in meinen Augen war, ausgerechnet ich wollte nun gegen ihn vorgehen. Gut, Bordelle gab es immer und wird es immer geben, besser oder schlechter geführt. Aber da ihre Existenz der Unterwelt überlassen wird, ist eine Qualitätsprüfung und deren Sicherung nicht möglich. Warum, fragte ich mich, warum gibt es keine von öffentlicher Hand geführten Bordelle? Bordelle, von denen die Mädchen gut leben könnten, sozial eingebunden, unter voller gesundheitlicher Kontrolle und Alterssicherung. Hier spielt wohl die überkommene öffentliche Moral ein böses Spiel. Gut, entschuldige, das führt jetzt zu weit. Nur ging mir das alles zusammen durch den Kopf, zusammen mit der Frage, wie man den Verbrechern ihre Grundlage entziehen könnte, genauer gesagt, wie ich meinem Mann die verbrecherische Grundlage nehmen könnte. Glaube mir, ich habe Nächte mir um die Ohren gehauen, nachgedacht und gegrübelt. Was könnte ich der Polizei erzählen, was sie nicht längst schon wusste? Also suchte ich meinen Weg. Und der führte mich zur Villa Sagitta.“

Ellen schluckte. Sie konnte das Ganze gut nachvollziehen. Letztlich war sie ja auch in der Villa gelandet. Sie wagte nicht, die entscheidende Frage zu stellen. Olanka schien dies zu spüren und sagte: „Er ist an dem gestorben, was er vielen anderen angetan hat. Am Goldenen Schuss.“ Olanka sah Ellen an, dass diese begierig auf weitere Details wartete. Nach kurzem Zögern sagte sie:  „Wie sie es gemacht haben, weiß ich nicht. Ich war verreist mit Hedwig und Deborah, der schrillen Nudel. Wir hatten eine heftige Woche auf Teneriffa. Jedenfalls sah die Presse es als Gegenschlag der anderen Seite an.“

Zufrieden lehnte sich Ellen zurück. Ihr Blick ging an Olanka vorbei und fiel auf die Theke des Cafés, in dem sie saßen. Sie schaute auf eine Pralinenschachtel, auf der ein fahnenschwingender, ausschreitender, rot-blau gekleideter Mohr lächelnd zu ihr  zurückblickte. „Aber die Telefonnummer der Wahrsagerin deines Mannes, die gibst du mir doch, oder?“

21 – Die Untersuchungen

Da den Komissaren noch jeder Anhaltspunkt fehlte, ermittelten sie in guter Manier in alle denkbaren Richtungen. Herr Schirmberg wurde ebenso wie Ellen observiert, obwohl man sich hier nicht viel ausrechnete. Doch weiß man ja nie. Was den Zeugen Schirmberg betraf, lief sein Tagesablauf völlig normal ab. Er ging jeden Morgen in seinen Laden,, wo er Zeitungen, Zigaretten und Geschenke aller Art verhökerte, machte keine Mittagspause und schloss jeden Abend um halb sieben den Laden ab, ging gegenüber in eine Bar ein Bier trinken, nie länger als zwanzig Minuten und saß gegen halb acht zu Hause beim Abendbrot. Da er allerlei Krimskrams vertickte, prüfte man auch, ob er vielleicht Zugriff auf gelbes Seidenpapier hatte, vergeblich.

Bei der Ehefrau des Opfers lief es ähnlich. Harmloser konnte eine Frau kaum sein. Sie erhielt häufig Besuch von ihrer Nachbarin, einer Erika Rohde, verwitwet. Ihr Mann, Ernst Rohde war ein in Fachkreisen anerkannter Staatsanwalt gewesen, der vor einiger Zeit bei einem ungeklärten Unfall in den Bergen ums Leben gekommen war. Die Beobachtungen von Ellen Köhler ergaben nichts Außergewöhnliches. Einmal die Woche traf sie sich in einer Villa mit einer Handvoll Damen ihres Alters, sie ging nicht aus, außer mit ihrer Nachbarin, traf sich mit niemandem und auch die wenigen Telefonate waren harmlos.

Man hatte ihre Wohnung durchsucht, so auch das Büro des Opfers auf den Kopf gestellt, den Rechner auf Hinweise gescannt, ob in der geschäftlichen Ebene irgend ein Anhaltspunkt zu finden sei. Ebenso hatte man sein Büro in der Firma durchleuchtet, seine Sekretärin befragt, kein Hinweis auf eine Motivlage für ein solches Verbrechen. Man war allerdings auf eine Frau gestoßen, mit der Harald Köhler des öfteren sexuellen Kontakt gesucht hatte, doch schien auch diese Fährte ins Nichts zu führen. Es verstärkte für den Moment den Verdacht gegen seine Ehefrau, nur sprachen alle Erkenntnisse der Kriminologie gegen eine solche Verzwickung, es war eine Tat, die eigentlich nicht einer Frau zuzuordnen war. Dennoch hielt man die Sinne auf allen Ebenen wach.

Zollers Kommissariat hatte sich mit den Dezernaten für Rauschgift, Klein- und Wirtschaftskriminalität kurzgeschlossen, man hatte alle möglichen Verbindungen zu den entsprechenden Szenen abgeglichen. Der Rauschgifthandel war längst aus den Händen der Afrikaner in die der Russen-Mafia übergegangen, ein paar kleinere Dealer mochte es noch geben, doch fand man hier auch keinen Zusammenhang, man untersuchte politische Verbindungen, nahm mit den Stellen des Auswärtigen Amtes Kontakt auf, doch auch hier stellten sich keine Motivlagen ein.

Allerdings hatte man ja schon herausgefiltert, dass die Firma des Opfers Zündmechanismen und Personenminen herstellte und vertrieb. Hier konnte ein möglicher Ansatzpunkt gefunden werden. Entweder war in Sachen Minenproduktion und  -Handel ein erbarmungsloser Konkurrenzkampf im Gange und man wollte Harald Köhler zwingen, nur an bestimmte Kunden zu liefern oder Gebiete aufzuteilen, oder es gab eine andere Begründung. Gab es vielleicht eine Gruppierung von Afrikanern, die sich gegen die Herstellung dieser grauenvollen Tötungsmechanismen richteten, die auf dem ganzen Kontinent verstreut herumlagen und ihre eigenen Brüder und Kinder töteten? Landminen mit dem Aufdruck Made in Africa, eingesetzt in Afrika. Hergestellt von westlichen Industrienationen und verkauft für teures Geld an alle Machthaber, Despoten, Tyrannen, Diktatoren und an die vielen Untergrundgruppen, die gegen diese Tyrannei kämpften. Ein absurder Gedanke. Doch nichts kann absurder sein als die Wirklichkeit. Man schaltete den BND ein und den MAD, doch waren keine bekannten Vereinigungen bekannt, was natürlich nicht bedeuten musste, dass es keine gab.

So standen Zoller und seine Leute vor einem schier unlösbaren Problem, bis eines Tages ein Brief auf ihren Tisch flatterte. Er war von einem Polizeirevier in Erkner, einer kleinen Stadt im Südosten Berlins über viele Umwege auf seinen Schreibtisch gekommen. Die Kollegen in Erkner wussten mit dem Fetzen Papier nichts anzufangen und er wäre fast in der Ablage oder im Papierkorb verschütt gegangen, wenn nicht einem Beamten das Wort, das auf dem Briefbogen als Überschrift stand, bekannt vorgekommen wäre und er es an die Kriminalpolizei weitergereicht hätte. Das Wort war KAMBARELE.

Es war mit Bleistift auf gelbes Seidenpapier geschrieben, in einer Art Kinderschrift in Großbuchstaben. Darunter stand ein Text in Deutsch, ebenfalls versal geschrieben von gleicher Kinderhand, etwas krakelig und mit Schreibfehlern.

Der Text hieß: Tote Kinder jagen ihre Henker. Vernichtet Personenminen, sonst werden Personen vernichtet, die  herstellen und verkaufen. Dann standen noch drei Sätze darunter, die wie Unterschriften wirkten: TEU POU FA und UFAMBE ZVAKANAKA MUKUVHIMA KWAKO und schließlich KAMBARELE.

Die Untersuchung des Briefes ergab, dass es sich um dasselbe Papier wie beim Anschlag handelte, ebenso um dieselbe Handschrift und weiter, dass beide, Umschlag und Briefbogen von einer Unzahl von Fingerspuren gesättigt waren. Höchstwahrscheinlich hatten die Polizisten, die zunächst mit dem Schreiben nichts anzufangen wussten, diese hin und her gereicht. Andererseits war nicht anzunehmen, dass die Täter ausgerechnet hier Fingerspuren hinterlassen hatten, da sie es bei dem ersten Papier auch sorglich vermieden hatten. Doch war es endlich einmal ein Hinweis.

Die semantische Untersuchung ergab, dass alle drei Ausdrücke dieselbe Bedeutung hatten, nur aus verschiedenen Bereichen Afrikas stammten, so einer aus Ruanda, der andere aus der Shona-Sprache und alle Jagdglück bedeuteten.

  • Gelegentlich einer der dezernatsübergreifenden Besprechungen war es einem Kollegen aufgefallen, dass von einer Olanka die Rede war und es zeigte sich, nach Abklärung des Nachnamens, dass diese Olanka die Frau eines ehemaligen Bosses der Russen-Mafia war. Der Tod an diesem Kairat Wybowski, in den Kreisen nur Wybbo gerufenen Bordellbetreibers und Rauschgiftdealers war nie gänzlich aufgeklärt worden. Er war mit einer Überdosis Heroin aufgefunden worden, obwohl er niemals selbst das Rauschgift genommen hatte, was anhand der fehlenden Einstiche offensichtlich war. Alle infrage kommenden, einschlägigen Freunde und Feinde hatten ein lupenreines Alibi vorweisen können, was zwar in diesen Kreisen nicht viel zu bedeuten hatte, doch die Sachlage war völlig klar.

Was hatte diese Olanka mit der Frau eines gewaltsam umgekommenen Mannes zu tun? Das war die Frage, die plötzlich im Raume stand. Als diese Frage Hauptkommissar Zoller vorgetragen wurde, machte es ihn im ersten Moment hellhörig, wie es die vordringlichste Gepflogenheit von Kriminalisten zu sein hat, doch hielt er es für einen Zufall, legte allerdings die Beantwortung auf dieses kleine Fragezeichen seinem Kollegen Schneider als Aufgabe auf den Schreibtisch. Der wiederum war beauftragt gewesen, Ellen Köhler zu überwachen und so konnte er seinem Vorgesetzten bald eine plausible Erklärung bieten. Ein Damentreff. Jeden Mittwoch Nachmittag in Zehlendorf, in der Villa Sagitta. Dort trafen sich ältere und jüngere Damen zum Kaffeeplausch. Dazu gehörte auch Olanka Wybowskaja, die Witwe des Mafia-Bosses. Und Erika Rohde, die Witwe des Staatsanwaltes.

Radka hielt die Akte mit diesen Ausführungen in Händen. Sie saß wieder einmal in den Besuchersessel eingerollt und las, dann wedelte mit dem Papier, als ob sie einen Gedanken verscheuchen oder, im Gegenteil, ihn herbeilocken wollte und las wieder ein Stück. Zoller war gerade aus dem Zimmer gegangen und Oberkommissar Wanzke wartete, die Augen halb geschlossen auf seine Rückkehr. Radka las leise vor sich hin. Plötzlich sprang sie hoch.

„Ein Witwentreff!“, rief Radka entzückt und zog die Augenbrauen fast bis an den Rand ihrer schwarzen Wollmütze hoch.

„Ein Kaffeeklatsch älterer Damen, wie überall auf der ganzen Welt“, wiegelte Wanzke ab. Er wollte den Augenblick Ruhe genießen.

„Und wenn diese Damen alle Witwen sind?“

„Dann ist es eben ein Witwentreff! Na und?“

„Vielleicht wissen sie, warum sie Witwen sind.“

„Das weiß doch jede Witwe. Weil ihr Mann gestorben ist.“

„Vielleicht wissen diese Witwen, warum ihre Männer gestorben sind.“

Gelangweilt reagierte Wanzke: „Der eine an Krebs, der andere an Überarbeitung, der dritte, weil er eine aufsässige kleine Tochter wie dich besessen hat und sich deshalb das Leben nahm.“

„Nein, ehrlich! Sag selbst, das wäre ja cool! Diese Witwen wollten vielleicht Witwen werden!“

„Du liest doch wohl in deiner Freizeit keine Kriminalromane?“

„Niemals! Ich habe meine eigene Fantasie.“

„Die ist sicherlich sehr, sehr eigen!“ Wanzke gluckste.

„Du wirst schon sehen, ich schaffe es noch zur Kriminaldirektorin!“

„Da hörst du doch nicht auf, du willst doch Innensenatorin werden.“

„Wenn du das schon sagst.“ Radka wälzte sich wieder in ihrem Sessel.

„Ich würde dich höchstens zur Kultursenatorin wählen, da könntest du deine abstrusen Fantasien der Filmindustrie verkaufen.“

„Sag nichts über meine fantastische Fantasie!“ beschwerte sich Radka.

„Das ist schon keine Fantasie mehr, das sind Hirngespinste, Einbildungen, Verfehlungen eines kranken Hirnes!“

In diesem Moment betrat Zoller das Büro. Er hatte den letzten Satz aufgeschnappt und fragte: „Wer hat hier ein krankes Hirn verfehlt?“

„Ich glaube, die Arbeit in der Mordkommission bekommt unserer Praktikantin nicht. Sie sieht schon in einem Club alter Damen eine Vereinigung abgefeimte Mörder.“

„Wenn ich mir unsere Radka so anschaue, kann ich mir gut vorstellen, zu welchen Taten manche Frauen fähig sind. Einbrecherkluft trägt sie ja schon. Nein, aber im Ernst, Radka, traust du das den alten Damen zu?“

„Ich denke nur an Arsen und Spitzenhäubchen und so manch andere scharfe Krimis mit alten Damen. Überhaupt sind Frauen in vielerlei Hinsicht nicht zu verachten“ dozierte Radka und setzte schnell hinzu „besonders, was ihr Denkvermögen betrifft!“

22 – Ellen und Radka

Ellen spürte seltsamerweise keine Trauer um ihren Mann. Der größte Schock war sein letzter, bleicher Gesichtsausdruck gewesen, der den Kampf gegen das Unausweichliche deutlich veranschaulichte. In seinen weit aufgerissenen Augen erkannte sie die schiere Angst, ein Gefühl, das er zu Lebzeiten niemals gezeigt hatte. Heute stellte sich bei ihr eine Art Genugtuung ein darüber, dass dieser  so kalte wie lebensgierige Mann, der alle Gefühlsäußerungen bei Menschen verachtet hatte, mit einem der stärksten Empfindungen in den Augen diese Welt verlassen musste. Er tat ihr leid. Er musste sehr gelitten haben, bevor er gestorben war, sehr lange und sehr tief, wie die Ärzte sagten, ein Tod durch Verdursten. Jede einzelne Zelle musste nach Wasser, nach Feuchtigkeit gegiert haben, bis die Zellen eindickten, die Abfallstoffe nicht mehr ausgeschwemmt werden konnten, sie sich und den gesamten Körper langsam vergifteten. Harry hatte gewusst, wie Verdursten physiologisch vonstatten geht, er wusste, was ihm bei Wassermangel bevorstand, von den Krämpfen, von den Wahnvorstellungen, vom schließlichen Delirium, aus dem keiner mehr aufwacht. Aber er hatte sich um das Delirium gebracht, bevor es ihn in den Griff bekam. Er musste in einer unmenschlichen Gewaltanstrengung wach gehalten haben und hatte nach einem Ausweg gesucht, nach der Schwachstelle, wie er immer sagte. Alles hat eine Schwachstelle, alle Menschen und alle Dinge und findet man diese und nutzt sie, ist man Herr über die Dinge und die Menschen. Er hatte offenbar eine Schwachstelle gefunden. Da lag ja wohl eine Handgranate, wie man ihr erzählt hatte. Er musste sie genommen haben, um sich aus der Fessel zu befreien. Er wollte seine Hand opfern, um sein Leben zu gewinnen. Nun, er hatte sich getäuscht, er war dennoch gestorben, an Herzversagen, wie die Ärzte ihr mitgeteilt hatten. Herzversagen, dachte sie, wie kann etwas versagen, das man nicht hat. Herz hat er nie gezeigt. Die Liebe? Das war bei ihm nur eine spastische Entleerung seines Erregungsspiegels, ein Schaumschlägerei kleiner hormonaler Ausbrüche zur Entlastung eines momentanen Juckreizes. Was er Liebe nannte, war profane Geilheit. Geilheit war kein Gefühl, es war ein durch Hormone provozierter Zustand, den durfte man zeigen. Liebe zeigen war nicht seine Sache. Vielleicht war Liebe insgesamt nicht seine Sache gewesen, so dass er sie auch nie hatte zeigen können. Das war es auch, was Ellen vermisst hatte, all die Jahre.

Nein, sie trauerte nicht und hatte auch nicht vor, nach außen hin so zu tun. Sie war ja auch einverstanden gewesen mit dem Urteil, welches feierlich in der Villa Sagitta gemeinsam gefunden wurde und dessen Vollstreckung durch den Vorfall vereitelt wurde. Aber so oder so. Er war nicht mehr.

Sie hatte mit einem Bestattungsunternehmen gesprochen, um sich vorzubereiten auf die notwendigen Dinge. Die freundlichen Angestellten dort hatten ihr versprochen, alle wichtigen Dinge für sie zu erledigen. Das würde ihr sehr helfen. Die Leiche war noch nicht freigegeben worden. Was die Polizei wohl noch zu finden hoffte? Sie benötigte den Totenschein für das Testament.

Sie schreckte hoch, als die Türglocke ging. Sie schreckte in letzter Zeit immer hoch. Sie stellte sich vor, ihr Mann stünde plötzlich vor der Türe, von einem Afrika-Aufenthalt zurückgekehrt. Auch abends im Bett durchzuckte sie der Gedanke, ihr Mann könnte jeden Moment die Türe herein kommen und sie ansprechen. Jedes mal aufs Neue musste sie sich klar machen, dass er tot im Kühlraum der Pathologie lag. So auch jetzt, als sie zur Türe ging, um diese zu öffnen. Und doch war ein seltsam flaues Gefühl in ihrem Magen.

Es war das junge Mädchen, das vor einigen Tagen mit dem dicken Polizisten bei ihr gewesen war. Das flaue Gefühl nahm zu. Was wollten die noch von ihr? Hatten sie nicht schon genug herumgeschnüffelt, alles auf den Kopf gestellt, selbst das allerheiligste Büro ihres Mannes von unten nach oben gekrempelt. Wonach suchten diese Polizisten noch? Konnten sie sie nicht in Ruhe lassen? Ihr Mann war einem Verbrechen zum Opfer gefallen, das war schon scheußlich genug, mussten sie sie jetzt noch ständig belästigen?

Die tun nur ihre Pflicht! Sie sollen ja rausbekommen, wer an meinem Tode verantwortlich ist. Oder ist dir daran nicht gelegen? Du bist für Schwamm drüber und Ende, was?

Ellen lächelte gequält.

„Entschuldigen Sie bitte die Störung, ich wollte Sie nicht belästigen. Aber man hat mich geschickt, ich soll Ihnen noch einige kleine unbedeutende Fragen stellen, es dauert auch nicht lange, dann bin ich wieder fort.“

Radka sagte dies in einer so hilflosen und  bedauernswerten Art, dass Ellen fast lächeln musste. Ihre Züge entspannten sich und sie ließ Radka ein. „Kommen Sie. Wenn es nicht lange dauert . . .“

Radka ging wie selbstverständlich in das Wohnzimmer, welches sie schon kannte und knautschte sich auf ihre Weise auf das Sofa. Allerdings unterließ sie es, sich einzurollen und die Füße hoch zu nehmen. Sie wartete geduldig bis die ältere Dame sich gesetzt hatte.

„Also zunächst soll ich Ihnen mitteilen, dass die Leiche Ihres Mannes freigegeben wurde. Sie können ihn also bald beerdigen.“

„Na, das ist ja mal eine gute Nachricht.“

Das freut dich, mich unter die Erde zu bringen, was? Kannst es wohl nicht erwarten? Halte doch die Klappe!

„Wollen Sie nicht wissen, ob wir eine Spur der Täter haben?“ Radkas Gesicht strotzte nur so vor Unschuld.

„Doch, natürlich, nur haben Sie mich mit der Freigabe meines – mit der Freigabe der Leiche überrascht.“

Radka zog etwas aus dem Inneren ihres schwarzen Blousons. „Wir haben einen Hinweis bekommen. Er kam per Post. Sagen Ihnen die fremden Worte und Sätze etwas?“ Sie reichte eine leicht zerknüllte Plastikfolie zu Ellen hinüber. Ellen nahm die Folie und sah das Geschreibsel auf dem gelben Papier, auf der Rückseite war das Couvert beigefügt. Ellen las den Text und sagte erschrocken: „Oh Gott!“, dann las sie weiter und schaute Radka an. „Sie meinen die drei letzten Zeilen, das KAMBARELE und so weiter? Nein, nie gehört.“

Natürlich kennst du diese Ausdrücke, ich habe sie wieder und wieder erwähnt, als ich von meinen Reisen zurückkam. Du musst sie doch wiedererkennen! So blöd kann doch keiner sein, Du Legasthenikerin! Danke, Harald, es reicht! Du hast mir nichts mehr vorzuhalten.

Sie reichte die Folie an Radka zurück.

„Waren Sie nicht einmal oder zweimal mit in Afrika?“

„Doch, sicher, aber ich bin diesen Begriffen nie begegnet. Wissen Sie denn, was sie bedeuten?“

„Ja“, sagte Radka und vergaß, wer denn die Befragung durchzuführen hatte, „wir haben herausgefunden, sie bedeuten alle drei so etwas wie Waidmannsheil. Jedes in einem anderen afrikanischen Dialekt.“

„Und?“

„Wir können uns schon vorstellen, dass die Täter aus diesem Umfeld kommen.“ Jetzt merkte Radka, dass es an ihr war, Fragen zu stellen. „Nun haben wir noch ein paar Fragen zu Ihnen. Sie kennen niemanden -“ und als sie merkte, dass sie die Frage falsch herum aufgesattelt hatte, korrigierte sie sich „besser gefragt, kennen Sie jemanden, der mit Namibia oder Afrika Kontakt hat oder hatte – außer Ihrem Mann, natürlich?“

Klar und deutlich antwortete Ellen: „Nein, dazu hat mein Mann mich zu wenig in seine Geschäftsbeziehungen einbezogen.“

„Also auch nicht privat?“

„Nein, auch nicht privat.“

„Das war’s auch schon, Frau Köhler, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben.“ Radka erhob sich. Dann sagte sie ganz nebenbei: „Ach, mal etwas anderes würde mich interessieren. Als Frau. Sie besuchen regelmäßig eine Art Frauenclub, haben mir meine Kollegen gesagt. Ich finde so etwas cool. Kann man sich da einfach anmelden?“

Ellen musste lächeln über diese naive Frage. Sie antwortete mütterlich „Aber nein, Sie sind viel zu jung für so etwas. Wir sind alles ältere Damen.“

„Und was machen die Männer in der Zwischenzeit? Spielen die Golf, oder so?“

„Nein, in unserem Falle nicht. Wir sind durchweg Witwen, wir haben keine Männer mehr.“

Als Ellen an der Türe Radka nachschaute, dachte sie, was für ein gewitztes Biest diese Kleine war. Sie hatte zuerst fast lachen müssen, als dieses kleine Püppchen von sich als Frau sprach und den Club cool fand. Dann wurde ihr doch etwas heiß, als ihr aufging, dass die Polizei alle ihre Schritte verfolgte, sogar bis zu Villa. Ihr kam in den Sinn, was ihr Mann ihr erzählt hatte: Die giftigsten Schlangen sind die, welche am harmlosesten erschienen.

Ellen war sich sicher, die Kleine würde es weit bringen und wenn sie sich verbissen hätte, ihr Ziel erreichen.

23 –  Radka und die Witwen

„Die waren es! Ganz bestimmt.“

„Von wem sprichst du?“ Wanzke tunkte gerade sein halbes Brötchen in den Kakao.

„Na von den Witwen!“

„Na, dann raus mit der Sprache, was hat unsere Superkriminologin herausgefunden?“

„Um den Ergebnissen meiner Recherchen gerecht zu werden,  sehe ich dich eigentlich in der Pflicht, mich jetzt und hier zu etwas einzuladen“, konstatierte Radka und wunderte sich selbst über den gedrechselten Satz, der sich ihr entwunden hatte.

Fritz Wanzke blickte seine junge Kollegin mit großen Augen an. Ihm fiel nichts passendes ein und so fragte er lakonisch: „Eis?“

„Ja, gerne!“ Sie zeigte auf den größten Eisbecher, der abgebildet war. „Den, und einen heißen Kaffee hinterher und – und“

„Erst mal das Eis! Du bist ja gierig wie ein Kind!“

„Na und? Wenn ich Leistungen erbringe wie zwei Erwachsene?“

Wanzke bestellte den Eisbecher und sah dann Radka an. „Hast du ihr mitgeteilt, dass die Leiche freigegeben ist?“

„Ja, natürlich, deswegen sind wir ja hier herausgefahren.“

„Und?“

„Nichts und. Sie hat es registriert und wohl gleich an die weiteren Schritte gedacht.“

Das Eis kam und Radka machte sich gleich daran, mit dem langen Löffel das Eis von unten zu probieren, statt sich von oben nach unten durchzuarbeiten. Kleine, mehrfarbige Rinnsale geschmolzenen Eises flossen langsam ihre Lippen hinunter als Folge ihrer Hast beim Schlemmen.

Wanzke fühlte sich angetan, ihr mit einer Serviette diese kleinen Gletscherflüsse wegzuwischen, unterließ es jedoch und hielt ihr die Serviette demonstrativ hin. Sie schaute ihn fragend an, drehte dabei ihren Kopf ihrem Kollegen zu und, hastenichgesehn, fiel einer dieser klebrigen Tropfen auf ihr tiefschwarzes Blouson.

„Scheiße!“

„Nein, Eis.“

„Dass aber auch jeder Genuss seine Achillesferse hat! Oder wie man da sagt.“ Wanzke fand es trefflich gesagt, doch behielt er dieses Lob vorsichtshalber bei sich.

In Radkas Augen war das Blouson unrettbar verloren, schlimmer, sie konnte sich mit dem Flecken nirgends mehr sehen lassen, noch schlimmer, der Tag war der dunkelste des ganzen Lebens.

Wanzkes massiger Körper hüpfte vor unterdrücktem Lachen. Er wollte schon sagen, dass auch Eisessen gelernt sein wollte, blieb aber seiner Linie treu und behielt auch diese Bemerkung ein.

Als Radka nach fünf Minuten aus der Damentoilette wieder erschien, war das Eis geschmolzen. Dafür sah Radka wieder wie aus dem Ei gepellt aus.

Sie stolzierte an den Tisch zurück, setzte sich und rührte in der warmen Brühe herum, als ob Sie Suppe bestellt hätte. Wanzke machte der Bedienung ein Zeichen und im Nu hatte Radka ein neues Eis vor sich stehen.

„Fritz Wanzke ist ein Schatz!“, rief Radka in den Raum, und ungeachtet der Blicke die ihr Ausruf auf sich zog, gab sie dem verdutzten Wanzke einen fetten Kuss auf die Wange.

Jetzt begann sie sehr vornehm, das Eis von oben nach unten in gesitteten Portionen abzuschaben und steckte sich jeden Löffel mit einem Seitenblick auf ihren Kollegen lustvoll in den Mund, als ob sie für diese Werbung bezahlt würde.

Unvermittelt sagte sie: „Ich wette, dass die Weiber es waren. Sie hat zugegeben, dass alles Witwen sind in dem Club!“

„Bist du schon wieder bei deinen Witwen!“

„Ich bin im Dienst und denke ständig an den Fall, den wir zu klären haben. Übrigens“, sie hob den langen Löffel wie einen Zeigestab in die Luft, „ich habe ihr ganz nebenbei den Brief gezeigt und sie danach befragt.“

„Was hast du? Den Brief -?“

„Wenn schon, denn schon, dachte ich. Wenn wir schon bei ihr sind, sollte man sie zu dem Brief befragen.“

„Den wollte Zoller noch nicht bekannt machen, wegen der Schrift und so.“

„Sie kennt niemanden, das heißt, keinen Afrikaner und kennt nicht das Jägerlatein auf den Briefen.“

„Bist du da sicher?“

„Ganz sicher.“

„Aber du glaubst, dass die Witwen damit zu tun haben?“

„Ja. Wir sollten die alle einmal überprüfen.“

„Na, das sag mal dem Chef selber.“

„Tu ich auch.“

24 – Der neue Fall

Es gingen Tage ins Land, der Goldene Berliner Herbst wurde zum trüben, schmuddeligen Herbst, was die Stadt nicht aufhielt zu pulsieren. Die Lehrer lehrten, die Schüler lernten, die Politiker regierten, die Polizisten ermittelten, die Verbrecher verbrachen, die Süchte suchten sich ihre Opfer, die Taten ihre Täter und die Untaten ihre Untäter, alles ging wie immer seinen eingespielten, altgewohnten Gang.  Die Gewohnheit ist eine Hure, sie treibt es mit allen und allen ist sie lieb und teuer. Doch es gibt auch einem selbst teure Angewohnheiten, die nicht allen gemein sind, solche, die von der Allgemeinheit als verabscheuenswürdig angesehen werden, die auf der Liste der Ahndungen und Ächtungen erscheinen und die den lauten Ruf nach Sühne schreien.

Es war wieder einmal Mittwoch, die Damen redeten vergnügt durcheinander, die Villa Sagitta erzitterte unter den Lachtiraden und Rufen des Erstaunens und da sie eine Seele besaß, wunderte sie sich, dass so wenig Mensch so viel Geräusch hervorbringen konnte.

Die Damen waren nicht komplett, es fehlte eine bislang unentschuldigt, Brigitte Stahn, eine der jüngeren der Damen, ihres Zeichens Witwe eines Richters, der, solange sie verheiratet waren, jedem Rock hinterher geschaut hatte, seine Vorliebe für kleine Mädchen, je zarter, je lieber, auf Dauer nicht hatte verheimlichen können. Man hatte ihn gefunden mit einem vergifteten Schnuller im Mund in der Mädchentoilette einer Schule.

Deborah Sarazin hatte in unnachahmlicher Art Francois Villon’s Erdbeermund zum allgemeinen Ergötzen der Damen rezitiert, nur Hanne Walser, mit vierundsechzig Jahren die Älteste in der Runde schien wohl nicht zu verstehen, worum es gehen mochte und hatte vorsichtshalber ihr pikiertes Gesicht aufgesetzt. Sie war auch nicht in den allgemeinen Jubel eingefallen. Sie schien allen seit jeher schwer von Begriff und keiner wusste, ob sie jemals verstanden hatte, was die Welt antreibt; bei allen Themen, die nur die Nähe erogener Zonen streiften, verschloss sie sich. So saß sie kerzengerade und blickte gelangweilt in eine obere Ecke des Raumes, womit sie geschickt überspielte, wie sehr sie insgeheim ihre Ohren spitzte, als die schrille Nudel Deborah ansetzte, einige Zoten zum besten zu geben. Hanne’s strenge Erziehung –der Eltern wie des Ehemannes- verbot ihr, jemals über Anzüglichkeiten nur zu lächeln. Ihr Mund war verkniffen und nur eine Spinne hoch oben an der Wand hätte ihr Blitzen in den Augen wahrnehmen können.

Deborah erzählte: „Da treffen sich zwei Freundinnen nach Jahren zum ersten Male wieder und die eine sagt zur anderen ‚Ich habe gehört, es geht euch blendend, Villa, Pferde, Swimmingpool, mehrere Autos, doch hieß es, ihr beide habt getrennte Schlafzimmer.’ ‚Ja’, sagte die andere, alles ist bestens’, ‚Aber,’ fragt die eine wieder ‚mit den getrennten Schlafzimmern, wenn deinem Mann einmal so ist, du weißt schon, was ich meine, was tut ihr denn da?’ ‚Nichts einfacher als das: Er flötet dann eine bestimmte Melodie und dann weiß ich Bescheid.’ Fragt die eine wieder: ‚Ja, schön, aber wenn dir einmal danach ist, was tut ihr denn dann?’ ‚Nichts einfacher als das, ich frage einfach -’ Alle Augen waren auf Deborah gerichtet, die die Spannung vor der Pointe zum kochen gebracht hatte, als die Türglocke ging.

„Das ist die pure Niedertracht, jetzt zu läuten!“, rief Josy. Innerlich stimmte ihr die stille Hanne vollkommen zu, nach außen hin sagte sie kühl: „Will denn keine öffnen gehen?“

„Erzähl weiter, erzähl weiter!“, erklang es rundherum.

Josy war schon zur Türe geeilt und bekam den Rest nicht mehr mit. Sie öffnete der unentschuldigt ferngebliebenen Brigitte, die recht atemlos durch die Türe trat. Drinnen kreischte es vor Vergnügen.

„Es ist unglaublich, mit was ich euch komme. Wir müssen sofort einen Rat einberufen’, sagte Brigitte ernst und zog ihren Pelzmantel aus. Drinnen kreischten einige Stimmen vor Heiterkeit. Josy hatte nicht genau hingehört, was Brigitte sagte, sie war viel zu gespannt auf die Auflösung des Witzes von Deborah. Sie wollte schnellstens wieder zurück, aber Brigitte hielt sie an der Hand fest. „Kindes missbrauch, stell Dir vor! Kindesmissbrauch!“, wiederholte sie, „Wir müssen dringend etwas tun!“

Hin und her gerissen stand Josy zwischen der aufgebrachten Brigitte und der harrenden Auflösung. Sie entschied sich für den Ernst der Lage und ging mit Brigitte in den Raum, wo die anderen Frauen noch gickerten und gackerten.

„Ruhe!“, rief Josy, „Brigitte hat etwas wichtiges zu sagen.“

„Wir müssen sofort den Rat einberufen.“ Brigitte zitterte am ganzen Körper.

Hedwig übernahm die Regie: „Nun setz dich erst einmal hin und nehme ein Glas Champagner. Josy hatte gerade die fünfte geöffnet – damit du in etwa abschätzen kannst, in welcher Laune wir uns befinden.“ Und zu den anderen Damen gewandt: „Und ihr, meine Lieben, nehmt euch etwas zusammen, es ist immer noch Mittwoch und wir sind sozusagen noch im Dienst.“

Während Brigitte sich bei einem Glas Champagner beruhigte, gingen einige Frauen zum Frischmachen hinaus, andere wischten sich die Tränen aus den Augenwinkeln und zupften sich ihre Haare oder Kleidung zurecht,

Einmal noch ging ein leises Kichern um die Runde, dann war es still und Brigitte berichtete von ihrem neuen Fall.

Einmal nur versuchte Josy ganz leise von der neben ihr sitzenden Erika den Rest des verpassten Witzes zu erfahren, doch die aufmerksame Hedwig vereitelte das Vorhaben mit strengem Blick. Wie die Schulmädchen saßen die beiden augenblicklich getadelten Frauen und lauschten den Erläuterungen von Brigitte.

Nachdem Brigitte geendet hatte und der Fall sozusagen in die Akten aufgenommen worden war, löste sich auch langsam die Runde auf. Hedwig hatte allen aufgegeben, sich Gedanken zur Sühne der Schuld zu machen, über einen Plan nachzudenken, wie man dem Kinderschänder das Handwerk legen konnte. Wenn ein akuter Fall vorlag, war damit zu rechnen, dass jeden Tag eine Sitzung einberufen werden konnte.

Die Stimmung war im Laufe des Nachmittages total umgeschlagen, von überbordender Fröhlichkeit in bedrückende Nachdenklichkeit und Besonnenheit.

An der Tür hielt Josy Erika auf. „Wie war denn das mit den getrennten Schlafzimmern?“, fragte Josy und nahm Erika beiseite. Die musste sich erst erinnern, grinste dann und erklärte: „Also die Freundin hat alles, absolut alles, nur haben sie getrennte Schlafzimmer und er flötet, wenn ihm -hm-danach ist.“ „Ich weiß“, gierte Josy, „Und was tut sie, wenn sie einmal möchte?“ Erika überkam das Lachen, sie unterbrach es fast gewaltsam und sagte: „Sie fragt: ‚Liebling, hast du geflötet?’“

25 – Ellens Zwiesprache

Ellens Leben hatte sich von Grund auf geändert. Sie hätte nie damit gerechnet, dass es ein Geschehnis geben könnte, welches vollbringen kann, dass sie die Welt mit neuen Augen sehen, dass sie Freundinnen haben und wieder richtige Freude am Leben empfinden könnte.

Die Leiche ihres Mannes  war vor zwölf Tagen freigegeben worden und sie hatte – den Wünschen ihres Mannes entsprechend – eine Seebestattung veranlasst. Das hatte bedeutet, sie musste die Leiche zuerst einäschern lassen, und einen Termin beantragen zur Bestattung auf der Ostsee. Dieser Termin kam nun näher, es war der letzte in dieser Saison. Ellen hatte eine Cousine ihres Mannes ausfindig gemacht. Sie hatten nie zuvor Kontakt gepflegt, da Harrys Schwester sich schon lange von ihm losgesagt hatte und so hatte die Tochter ihren Onkel nie zu Gesicht bekommen. Die Schwester war verstorben und Ellen hatte es als ihre Pflicht gesehen, wenigstens der einzigen Verwandten ihres Mannes Bescheid über den Tod ihres Onkels zu geben. Sie hieß Susanne, war fünfundzwanzig, verheiratet und erfreut, dass Ellen sich, trotz der Entfremdung, gemeldet hatte. Vielleicht dachte sie auch, es gäbe vielleicht etwas zu erben.

Was das Erbe anbelangte, traf es Ellen wie ein Schock. Sie hatte nie gewusst, was ihr Mann verdiente, wusste sie ja nicht einmal recht, was er eigentlich tat. Gut, als Geschäftsführer musste er wohl ein gutes Einkommen haben, doch als die Testamentseröffnung stattfand, war sie geplättet. Soviel Geld sollte ihr gehören? Geld aus Anlagen und Anteilscheinen, Geld auf verschiedenen Konten in Deutschland und in Afrika, sogar auf einem Schweizer Konto, Geld, wohin sie schaute. Doch war der Schock nur von kurzer Dauer gewesen, dann stellte sich die Hilflosigkeit ein. Was tun, mit soviel Geld? Nach einigen Tagen der Besinnung stellte sich ein anderes Gefühl ein.  Eine Art Dankbarkeit. Sie war bereit, einen gewissen Betrag einer Wohltätigkeitseinrichtung zu stiften, die sie noch näher bestimmen wollte. Weiterhin wollte sie in die Kasse der Villa Sagitta einen erklecklichen Betrag zahlen. Mit diesen beiden Spenden dachte sie, der Wohltätigkeit genug getan zu haben, bis auf eine Hilfe für Susanne, die Cousine, der einzigen Verwandten. Sie hatte auch mit Erika nicht über die Höhe des Erbes gesprochen. Irgend eine Stimme sagte ihr, sie solle Stillschweigen bewahren, jedermann gegenüber. Es waren schon für kleinere Beträge Verbrechen begangen worden – wenn sie es sich genau überlegte, sogar ohne den Gedanken an Geld.

Ellen hatte in der letzten Zeit alle Konten aufgelöst bis auf das Schweizer Konto, alle Anlagen verflüssigt, ohne Ansehen der Verluste. Den Hinweis auf das Schweizer Konto hatte sie sogar von der Polizei bekommen, die in den Unterlagen ihres Mannes alle Hinweise gefunden und ihr mitgeteilt hatten.

Sie hatte sogar den Hauptkommissar Zoller angerufen und gefragt, ob sie einige Tage zur Bestattung verreisen dürfte. Der hatte es ihr erlaubt mit dem lachenden Hinweis, sie käme ja wohl wieder zurück. Da war ihr eine Idee gekommen. Diese trug sie jetzt mit sich herum und wartete darauf, dass sie gedieh und geburtsreif wurde.

Sie wusste, dass die Ermittlungen noch liefen, man hatte bisher ja keinen Täter gefasst und sie ahnte, dass sie selbst noch immer nicht ganz aus dem Focus geraten war. Das machte ihr ein wenig Sorge. Ihr wäre lieber, der eine oder andere Täter wurde gefunden.

Das schert dich doch eh nicht! Dir ist es doch egal, wer deinen Mann umgebracht hat. Hauptsache er ist fort und du sitzt auf dem Geld. Da ist mehr dran, als du glaubst. Nur gehen mir deine profanen Sprüche langsam auf den Geist. Noch zu deinen Lebzeiten konntest du nur durch Geistlosigkeit glänzen, willst du dich nach deinem Tode selbst an Plattheit überbieten? Bald bist du unter der Erde, nein, unter dem Meeresspiegel. Dann kannst du mit den Fischen streiten.

Was? Du lässt mich seebestatten? Mich? Ich hasse die See und das weißt du genau! Du gewissenloses Dreckstück! Niemals habe ich gesagt, dass ich ins Meer will. Ich habe Angst vor dem Wasser. Das darfst du nicht tun! Du tust, was ich sage und änderst den Plan! Habe ich ein BITTE gehört?HahhhhhhhHHHHHäpoijälkjäoihHHHHHHHHHHH

Sofort! Habe ich ein „Bitte“ gehört? Ich habe nie ein Bitte gehört. Deshalb kann ich auch keiner Bitte entsprechen. Ist das nicht logisch? – Da bist du sprachlos, was?

Ich bitte dich, ich bitte dich inständig, mich nicht zu den Fischen zu schütten. Es ekelt mich, es ist mir ein Graus. Nicht ins Meer zu den Fischen und Krabben! Das habe ich nicht verdient! Nein, verdient hast du, in die Hölle zu kommen. Sollen doch die Fische und Krabben und Seeigel und Aale deine Hölle werden. Schade, dass die Aale dich nicht verspeisen können, du bist schon Asche. Allein die Vorstellung dass Aale sich durch dich durchfressen könnten, lässt mich bedauern, dich schon verbrannt zu haben.

Ich wollte nie verbrannt werden. Ich wollte ein anständiges Grab, neben meiner Mutter mit Blumen und Efeu und einem Stein, der mich ewig beschützt. Nichts ist ewig, weder das Leben, wie der Stein, auch der härteste Stein dauert nicht an. Der härteste Mann und der härteste Stein haben das gleiche Schicksal.

Ich will nicht! Diesmal hast du zu wollen!

Sie hörte die Türglocke. Ellen legte die Sachen beiseite, die sie gerade in den Koffer packen wollte. Diesmal schreckte sie nicht zusammen. Diesmal war sie sich ziemlich sicher, dass nicht Harry, ihr Mann Harry vor der Türe stehen würde. Diesmal nicht.

Das erste, was sie sah, als sie die Tür öffnete, war Harrys Mantel. Und seine Schuhe. Ellen zuckte unwillkürlich zusammen und wollte schon die Türe zuschlagen. Da erkannte sie den jungen Mann aus dem Kommissariat. Er trug den Mantel über dem Arm, die Schuhe hatte er auf den Boden gestellt.

Ralf Schneider sagte: „Entschuldigen Sie, ich hatte schon einige Male geklingelt, aber Sie hatte nicht aufgemacht. Ich bringe Ihnen die Sachen Ihres Mannes.“

Ellen hatte sich schnell gefasst und wollte nach den Sachen greifen, da sagte Schneider: „Wollen Sie nicht wissen, wo wir die Sachen gefunden haben? Lassen Sie mich bitte kurz hinein? Wir haben noch einige Fragen.“

Es zeigte sich, dass alles komplett war, der Mantel, die Schuhe, sein Jackett, Gürtel und die Armbanduhr, alles, was man Harry in seinem Verlies abgenommen hatte.

„Wir fanden sie Sachen in seinem Auto. Auch einen Wattebausch. Der war wohl mit Äther getränkt. Das Auto wurde in einem Waldstück entdeckt, außerhalb Berlins, aber nur wenige Kilometer von der Stelle, wo Ihr Mann versteckt gehalten wurde.“ Unvermittelt schloss Schneider an: „Haben Sie einen Führerschein?“

„Nein.“ Ellen wunderte sich über diese Frage, die Polizei hätte doch nur im Computer nachsehen können, um dies festzustellen. Vielleicht hatten sie ja auch geprüft, ob die Freundin von Harry einen Führerschein besaß?

„Und wie kommt es, dass wir Ihre Fingerspuren in dem Wagen und nicht nur das, sondern auch am Lenkrad fanden?“ Schneider sprach, wie es oft jüngere Polizisten tun, in einem scharfen Ton, der eine Autorität vortäuschen sollte, die man sich erst erwerben musste.

Ellen hatte die Situation im Griff und antwortete: „Junger Mann, Sie müssen mich nicht so anfahren! Ich antworte auch, wenn Sie in normalem Ton fragen.“ Sie machte eine Pause und bedauerte, nicht zu rauchen, denn jetzt wäre eine Situation, in der sie gerne das Ritual des Anzündens einer Zigarette ihrer Antwort vorausgestellt hätte. Stattdessen erhob sie sich, ging ein paar Schritte auf das Fenster zu, sah kurz hinaus und wandte sich dem jungen Beamten zu.

„Nun, die eine Sache ist die, dass ich natürlich als Beifahrerin Spuren hinterlassen haben werde. Das andere ist mir etwas peinlich.“ Sie bedauerte, dass nicht wenigstens die junge Beamtin ihr diese Frage gestellt hatte, die sie als Frau vielleicht eher verstehen konnte. „Peinlich deshalb, mich vor einem jungen Menschen entblößen zu müssen.“

Schneider saß mit hochrotem Kopf da und hörte zu.

„Sie müssen wissen, mein Mann hatte einige, sagen wir, seltsame Eigenschaften, besser Eigenheiten. Mit seinem Auto hatte er sich besonders. Also, kurz gesagt, ich musste immer das Innere seines Wagens putzen. Ich weiß, es sieht seltsam aus, bei seinem Gehalt, aber er ließ keinen anderen an seinen Wagen ran und ich hatte mich zu fügen.“ Diesmal war sie es, die einen roten Kopf bekam.

„Und sie hatten den Wagen gerade gesäubert?“ Schneider war es doch recht peinlich geworden. Ellen nickte und Schneider ließ es gut sein damit und verschwand.

Ellen wandte sich wieder ihrem Koffer zu.

Was stellst du dich so an? Wieso peinlich? Was sollte daran peinlich sein, wenn eine Frau den Wagen ihres Mannes putzt? Die Frau sei dem Manne untertan, so steht es schon in der Bibel.In der Bibel steht sogar, dass der Mensch sich die Welt untertan machen soll. Das heiß aber noch lange nicht, dass er sie ausbeuten und vernichten soll. Aber so etwas ging in deinen platten Schädel ja noch nie hinein! Geschäftlich mochtest du ja eine Koryphäe sein, jedenfalls nach deinen Einnahmen zu schließen. Als Mensch warst du ein Neandertaler und vielleicht waren diese Vormenschen noch sozialer zu ihren Frauen eingestellt als du.

Du sollst mir nicht immer widersprechen! Ich dachte, das wäre ein für alle Mal zwischen uns geklärt. Ich gebe den Ton an und du tanzt nach meiner Pfeife! Du hast wohl noch nicht bemerkt, dass du, Pfeife, nichts mehr zu melden hast? Dein letztes Konzert ist gelaufen und, wie ich hörte, waren das Töne, die du verstehst, eine herrliche Disharmonie in h-dur, H für Handgranate, dur für hart. Es muss doch ein Fest für dich gewesen sein, endlich einmal ganz nah dran zu sein an den Produkten, mit denen du die Welt eingenebelt hast. Da muss dein Herz vor Freude doch glatt zersprungen sein! Oh, entschuldige, es ist ja auch zersprungen und hat dich gleich mitgerissen. Konnte ja keiner ahnen, dass du ein so schwaches Herz hattest und beim ersten Sylvesterkracher dir in die Hosen scheißt. Aber bald bist du ja eingebettet in reinigendem Wasser, in Meerwasser und wenn noch irgend etwas organisches an dir erhalten geblieben sein sollte, die Krabben werden es fressen.

DU DARFST MICH NICHT ZU DEN KRABBEN LASSEN!

Mein Freund, ruhig! Es ist nicht mehr an dir, zu bestimmen. Hast du nicht bemerkt, dass dein Schicksal schon lange nicht mehr in deinen Händen liegt? Man hat sich erlaubt, in deine intimsten Belange einzugreifen, dir die Weisungsbefugnis ungefragt zu entziehen. Diesmal warst du es, der gehorchen musste. Es muss schlimm gewesen sein, so einer unbekannten Macht ausgeliefert zu sein. Ich verstehe durchaus, dass du jetzt aufgebracht bist. Aber es nützt nichts, da musst du jetzt durch. Nenne es Karma oder Schicksal. Erinnerst du dich an Lewiston, an den kleinen Ort kurz nach der Grenze von Kanada in den USA, wo wir unsere Flitterwochen verbrachten? Wir haben dort Beethoven gehört, die Fünfte in c-moll, da-da-da-daaa! So etwas nenne ich einen harmonischen Abgang. Was deinen Abgang betrifft, kann man ihn nur als mörderische Kakophonie bezeichnen, passend zu deinem Leben und Handeln.

Es entstand eine längere Pause, in der Ellen den Koffer fertig packte.

Ellilein, bitte, hab doch ein Einsehen mit mir. Wir haben uns doch schließlich geliebt! Gerade hast du von Lewiston erzählt. Es war doch eine wunderbare Zeit. Ich habe dich wirklich geliebt. Wenn du Liebe nennst, dass du mich als Zeugungsmatratze benutzt hast, weil du einen Sohn wolltest? Und war das Liebe, als der Sohn da war, du mich nur noch verachtet hast? Und war das Liebe, wie du deinem Sohn begegnet bist, als der sich anders entwickelte, als du dir in deinem kranken Geist vorgestellt hast? Übrigens, er kommt nicht zu deiner Bestattung. Wir halten es nicht für notwendig, er hält es nicht für notwendig. Er hat Besseres zu tun, als dich absaufen zu sehen. Du hast ihn als Weichling beschimpft. Dabei war er stärker, als du glaubst, denn er musste sich gegen dich durchsetzen. Das verlangt Härte, charakterliche Stärke, nicht das blinde Gehorchen, wozu ich mich gezwungen fühlte. Du hieltest dich für Gott, weil alle das taten, was du wolltest und allen, die sich wehrten, hast du versucht ihr Rückgrat zu brechen oder sie ganz zu vernichten. Du großer Gott. Weißt du eigentlich, wie jämmerlich du jetzt aussiehst, das halbe Pfund schmutziger Asche? Wenn ich wollte, könnte ich aus dir einen Diamanten machen, der bis ans Ende dieser Welt Bestand hätte. Es gibt eine Methode, die Asche eines Menschen zu einem Diamanten zu verwandeln.

Blödsinn! Das hast du aus einem Frauenmagazin dummer Ratschläge für noch dümmere Frauen. So lockt man den faulen, übersättigten Frauen das Geld aus der Tasche.

Nein, mein Lieber. Auch hier irrst du. Deine lächerlichen paar Gramm Asche aus reinem Kohlenstoff könnten unter hohem Druck zu einem Halbkaräter zusammengepresst werden. Den tragen dann die wirklich trauernden Witwen an einem Ring oder einer Halskette als wertvolle Erinnerung mit sich herum, selbst die Nachfahren haben möglicherweise etwas von dem Wert der Vorfahren, wenn sie den Diamanten nämlich in ein Pfandhaus bringen. So macht Nachfahrenschaft Sinn. Aber ich will nicht. Ich will nicht, das so etwas wie du länger als notwendig auf der Welt ist. Du wirst in einer Urne ins Meer geworfen! Und wenn du denkst, die Urne liegt dort jahre- oder jahrzente- oder gar jahrhundertelang auf dem Meeresboden, hast du dich geschnitten. Deine Urne wird sich langsam innerhalb von vierundzwanzig Stunden auflösen und deine dreckige Asche ins kalte Meer entlassen, den Fischen und Seespinnen zum Fraß und bis sich diese Asche endgültig in Nichts aufgelöst haben wird, werden deine Moleküle von den Wellen durchgeschaukelt, von Wirbeln und Strudeln auseinandergerissen, von der Gischt zerfetzt, bis nur noch einzelne Atome übrig sind. Und das gesamte Meer und jedes einzelne Atom wird wissen, von wem dieses Scheiß-Atom ist, das in ihrer Mitte treibt und sie werden es aussperren, ächten und jedes deiner Atome wird in endgültiger Einsamkeit dahintreiben, umeinander wirbeln und sich nie mehr zu irgendwas zugehörig fühlen. Dein Ich wird zerstört sein und jedem kleinsten Bestandteil von dir wird das zukommen was du dir im Leben verdient hast, Ablehnung, Verstoßung, Verdammung.

Woher kommt nur der Hass gegen mich? Was habe ich dir denn getan? Ich habe dir ein tolles Leben in Luxus geboten. Du hattest Alles. Andere hätten sich die Finger nach dem geleckt, was ich dir geboten habe!  Ein Haus, keine Geldsorgen. Was wirfst du mir eigentlich vor? Mich wird es kaum stören, was du dir in deinem Hirn für absurde Vorstellungen machst. Ich habe gelebt, wie ich leben musste. Nach den Regeln der Väter und nach meinen Erkenntnissen. Ich habe nichts zu bereuen, weshalb ich verdammt werden sollte! Ich bin genau so ein Wesen wie jedes andere gewesen, mit Träumen und Vorstellungen, mit Zielen und ich habe diese Ziele mit meinen Mitteln verfolgt. Meine Mittel sind die, die auf der ganzen Welt angewandt werden. Sie können also nicht schlecht sein. Was habe ich dir getan? Ich habe die Alles geboten!

Alles ist nichts, wenn es nicht von Liebe getragen wird. Aber das wirst du nicht verstehen können, du hast nie verstanden, was Liebe eigentlich ist,  warum heute? Überhaupt, ich habe keine Lust mehr, mit dir zu diskutieren. Es hat noch nie etwas gebracht.

Elli!!! Hör mir zu!

„Schnauze!“

Ellen hatte das Wort geschrieen. Sie hörte noch ihr eigenes Echo und darin den Ton der Türglocke.

Jetzt war sie sich ganz sicher, niemals mehr ihren Mann an der Türe zu erwarten. Erika stand davor und sagte: „Wo warst du? Im Keller? Ich habe fünfmal geklingelt! Ich bin schon ums Haus gelaufen und habe an der Verandatür geklopft. Ich war drauf und dran, die Polizei zu holen. Ich wusste ja, dass du hier warst.“

„Entschuldige, ich habe dich nicht gehört, ich hatte ein . . . längeres Gespräch.“

„Ach, du hast telefoniert?“

„Ja, so kann man das sagen.“

„Hast du alles für die Reise gepackt?“

„Ja, ich habe es gepackt!“

26 – Radkas Alleingang

Der Fall Köhler war inzwischen als gescheiterter Erpressungsversuch und Entführung mit Todesfolge kategorisiert, also auch aus der Mordkommission ausgemustert worden. Mit dem Dezernatswechsel war auch der Untersuchungseifer gesunken und die Akte lag geschlossen und gut verstaut unter ähnlichen Akten. Offiziell suchte man eine Gruppierung von Afrikanern, die einen Rachefeldzug gegen den Minenhersteller geführt hatte. Dass sich solche Täter nicht mit einem Aushängeschild schmücken war ebenso klar, wie die Aussichtslosigkeit, jeden Afrikaner auf jedwede Zugehörigkeit irgend einer obskuren Gruppierung zu untersuchen.

Doch Radka hatte, wie wir schon hörten, einen weiteren Verdacht, der von ihren Kollegen weit abgewiesen wurde. Diese machten sich insgeheim und manchmal auch direkt über die kleine Kriminologin und ihre abstrusen Ideen lustig. Da kein akuter neuer Fall vorlag, ließ man Radka ziemlich freie Hand und dies gewitzte Persönchen fing mit all ihrer kindlichen Verbohrtheit an, auf ihre Art Ermittlungen anzustellen. Was sie nicht in alten Aufzeichnungen und Akten fand, suchte sie mit Hilfe der neuzeitlichen Mittel ausfindig zu machen, sie schaute auf die Internetseiten von Inpol, suchte, natürlich nur auf kostenlosen Archivseiten, bei Zeitschriften und Magazinen im Internet, selbst die unangenehme, weil staubige Suche in alten Papierarchiven hielt sie nicht ab, ihrem Verdacht penibel zu folgen.

Ihre Kollegen belächelten Sie, wenn sie wieder auf die Todesursache eines Ehemannes gestoßen war und neckten sie mit Aussprüchen wie: „Das hätten wir dir gleich sagen können, dass der tot ist, seine Frau ist nämlich Witwe!“ oder „Was, der ist ertrunken? Vielleicht war er Nichtschwimmer?“

Was Radka für sich behalten hatte und auch nie an die große Glocke hängen würde, war der Umstand, dass sie bereits eigene Erfahrungen mit dem Tod hatte, besser mit dem Sterben ihres Großvaters. Dieser war an Darmkrebs erkrankt und lag schon auf dem Sterbebett. Er bekam hohe Dosen eines Schmerzmittels, von dem der Arzt gewarnt hatte, es nicht zu hoch zu dosieren. Die Familie Radkas hatte sich beim Großvater und dessen Frau eingefunden, um, wie sie dachten, das baldige Ableben zu begleiten. Doch der alte Körper oder dessen Seele tat sich schwer mit dem Abschiednehmen von der Welt und sie hielten reihum Wache am Bett. Sobald die Schmerzen kamen, stöhnte der Greis und es wurde ihm das Mittel verabreicht, welches ihn die unsäglichen Schmerzen besser ertragen ließen. Radka hatte in einem solchen Moment der Gedanke durchzuckt, dass man ihm, verdammt noch mal, eine anständig hohe Dosis verabreichen sollte, die, sei’s drum, letzte Dosis. Sofort war sie zusammengeschreckt vor der Brisanz ihres Gedankens. Der alte Mann litt weiter. Alle litten mit. Sie erinnerte sich an einen lichten Moment des Greises, der plötzlich die Augen aufschlug und fragte: „Warum dauert das so lange mit dem Sterben?“. Keiner wusste eine Antwort. War das ein Hilferuf? Eher eine allgemeine Frage an Lebende, die es nicht wissen konnten.  Dann endlich war er gestorben. Und Radka hatte insgeheim vermutet, dass möglicherweise nicht nur sie alleine diesen furchtbaren, erlösenden Gedanken hatte. Die moralische Verwerflichkeit ihres Gedankens  war auf die allzu menschliche Empörung über schier unzumutbares Leiden gestoßen und dieser Konflikt hatte sie wie ein Schlag getroffen. Sie hatte in einem Moment daran gedacht, einen Menschen vor seiner Zeit zu töten, zumindest dies Sterben zu erleichtern. Eine hilflose Person heimtückisch und gewaltsam um die Ecke zu bringen, war Mord. In Gedanken war sie zur Mörderin geworden. Die Entstehung des Lebens und der Tod waren aber Bereiche, die Gott, der Natur überlassen werden sollten, kein Mensch hatte das Recht, hier einzugreifen. So war es ihr beigebracht worden. Andererseits dachte sie, ihr Großvater hatte ja keine Möglichkeit gehabt, sich zu äußern. Vielleicht hätte er, wenn er bei Sinnen gewesen wäre, geschrieen, gebettelt, gefleht, dass man ihm die Qual des Sterbens erleichtern sollte. Vielleicht. Vielleicht war ja auch der Zustand des Sterbens ein schöner, wenn er schmerzfrei verlief, vielleicht ein langsames, verträumtes Abschiednehmen. Durfte man da einfach eingreifen, zum einen wie zum anderen? Warum war der Eingriff erlaubt, ihm die naturgemäßen, vielleicht gottgewollten Schmerzen zu nehmen und nicht, das ganze wohlwollend zu beenden? Warum wurde jedwede Art, Leben technisch zu verlängern mit einem Pluszeichen versehen und Sterbenlassen mit einem Minus? Sie fand für sich keine Lösung der Frage.

Und so war bei ihr die verbotene Problemstellung der Euthanasie in ihr junges Leben eingebrochen. Mit ihr aber auch eine Relativierung von Moral und Gesetz. Sie nahm nicht mehr alle moralischen Grundsätze als gottgegeben hin, wie sie auch die Regeln und Gesetze des menschlichen Zusammenseins nicht mehr als unzweifelhaft hinnahm.

Radka hatte bald herausgefunden, dass unter den toten Ehemännern der ehrbaren Witwen hochangesehene Bürger der Stadt waren. Ein Staatsanwalt Rohde, angetrunken vom fünften Stock eines Rohbaues in die Tiefe gestürzt. Mit wem sich der Mann dort verabredet haben mochte, wurde nie herausgefunden, es konnte sich um eine Dame gehandelt haben, denn man fand einen unbenutzten Lippenstift in seiner Jackentasche. Dann war da der Richter Stahn, der in einer Mädchentoilette offenbar an Gift verstorben war, das man ihm in einen Schnuller gefüllt hatte. Es gab auch den Bauherrn Sarazin, der im Heizungskeller seines Bürohauses an Kohlenmonoxydvergiftung umgekommen war. Niemals war eine der Ehefrauen in der Nähe gewesen. Sie waren entweder verreist oder mit anderen Damen zusammengewesen. Es gab nie einen direkten Zusammenhang. Auch bei dem Fall nicht, den Radka in der ausländischen Presse im Internet fand. In Spanien waren zwei Herren, beides Jäger, der eine Staatssekretär, der andere Wirtschaftsberater,  bei der Explosion ihres Bootes aus dem Leben gerissen worden. Die Frauen hatten währenddessen mit anderen Urlaubern am Strand gefeiert. Der einzige, der im Bett gestorben war, war ein Herr Walser, ein pensionierter Redakteur mit schwachem Herzen. Aber auch hier war die Ehefrau nicht anwesend.

Auffällig waren die schon etwas seltsamen Todesarten mancher der Ehemänner. Vor allen Dingen kannten sich die Witwen. Hatten sie sich schon vorher gekannt? Das zu untersuchen, war selbst für die findige Radka unmöglich. Sie konnte sich ja schlecht einschleichen, um sie zu befragen. Bald glaubte auch Radka, sie sei einem Hirngespinst aufgesessen.

Nur der Fall Köhler beschäftigte sie noch. Könnte es nicht sein, dass die Frauen den Ehemann entführt und durch irgend einen Fehler in der Planung die Granate zur Unzeit hochgegangen war? Vielleicht war sie nicht zur Unzeit hochgegangen, vielleicht war eine bestimmte Absicht hinter allem?

Köhler war an einem Donnerstag verschwunden. Das sagte seine Frau und die Sekretärin bestätigte es. Am Montag hatte die Frau erst die Suchanzeige aufgegeben. Es bestünde schon die Möglichkeit, dachte Radka, dass die alten Damen die Entführung organisiert hatten, ihn in das Versteck gebracht, ausgezogen und gefesselt hatten. Vielleicht sollte er für irgend etwas büßen, sühnen für eine Schuld, ähnlich wie bei der Annahme, dass es eine Gruppe Schwarzer getan hätte. Schwarz oder weiß, jede Farbe kennt Rachegedanken. Während diese Erika der Ehefrau ein Alibi verschaffte, hätten die anderen sehr gut den Plan durchführen können. Die Frage war nur, was wollten sie erreichen? Es gab schließlich diese Handgranate. Wie waren die Frauen an die Handgranate gekommen? Nun gut, Herr Köhler selbst kam an solche Waffen, also möglicherweise auch seine Frau. Wenn sie wollten, dass er von der Granate zerrissen wurde, warum war sie nur zum Teil mit Sprengstoff gefüllt? Ein Versehen? Und wie konnten sie annehmen, dass er sich in die Luft jagt?

Da schoss ihr plötzlich der Gedanke durch den Kopf: Wenn er vor Durst fast irrsinnig wurde, alles in ihm nur noch danach gierte, an Wasser zu kommen. Es gab ja eine Flasche im Raum, zugegeben leer. Aber die konnte er umgeworfen haben.

Das war’s! Radka erstarrte vor der Grausamkeit, die ihr aufging. Er sollte sich selbst die Hand zerfetzen, um an Wasser zu kommen. Was für eine Tortur musste der arme Mann durchgemacht haben, bis er sich zum Letzten entschloss!

Gleichzeitig wusste sie, dass das keine weibliche Methode wäre, den eigenen Ehemann bestrafen zu lassen. Das würden die Frauen niemals mitgemacht haben. Das war bestialisch. Sie hatte auch Ellen erlebt. Diese Frau hätte das böse Spiel niemals mitgemacht!

Die Täter mussten doch woanders gesucht werden.

Je länger sie nachdachte und zu keiner Lösung kam, desto unsicherer wurde sie und desto mehr glaubte sie nun auch, einem Spleen gefolgt zu sein.

Die Frauen waren allesamt harmlos.

27 – Travemünde

„Die Frage ist, auf welche Weise wollen wir ihn töten?“, fragte Erika. Ellen saß ihr am Tisch im Speisewagen gegenüber. Jede hatte ein Kännchen Kaffee vor sich, ihr kleines Handgepäck mit Utensilien für eine Übernachtung in Travemünde hatten sie zu ihren Füßen verstaut. Am Tisch hinter Ellen saß ein grauhaariger Herr und las Zeitung. Die dreieinhalb Stunden von Berlin nach Travemünde würden sie angenehm im Speisewagen verbringen. Hätte Ellen dies vorher gewusst, sie hätte nicht erster Klasse Tickets besorgt, da die zweite Klasse ebenso den Speisewagen benutzen durfte. Sie ertappte sich bei diesem Gedanken und versuchte ihn fortzuwischen wie eine lästige Fliege. Doch die Fliege näherte sich immer wieder. Ich bin doch jetzt reich, ich muss nicht auf jeden Pfennig sehen, sagte sie sich. Doch letztlich ärgerte sie sich, der Bahn ohne besondere Leistung Geld in den Rachen geworfen zu haben.

„Wir sollten dabei nach der Schwere der Schuld vorgehen und eine Methode wählen, die dieser gerecht wird“, warf Ellen ein.

„Wir haben das bisher immer so gemacht. Der Rauschgifthändler wurde mit einer Überdosis zur Strecke gebracht, der ewige Vergewaltiger wurde eben unter Strom gesetzt, etwas zuviel Strom eben.“

Der zeitungslesende Herr am Nebentisch rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her.

„Ist denn auch einmal einer erschossen worden?“

„Das war uns bisher zu profan. Wir suchen uns immer extraordinäre Hinrichtungen aus. Solche mit Pfiff, weißt du? Ein Mord muss pfiffig sein.“

Der Herr am Nebentisch ließ seine Zeitung sinken und drehte sich den Damen zu: „Entschuldigen die Damen, ich bin ungewollt Zeuge Ihrer Unterhaltung geworden. Man könnte fast annehmen, Sie planten einen Mord“, sagte er und zog die ebenfalls grauen Augenbrauen hoch.

Erika sah ihn mit Unschuldmiene an: „Ich bin Kriminalautorin und dies ist meine Lektorin. Wir spinnen uns einen Fall zusammen, besprechen die Einzelheiten.“

„Ach so.“

Der Herr hielt zwar seine Zeitung noch hoch, als ob er läse, doch schien den beiden Frauen, als ob seine Ohren immer länger würden.

„Bei unserem neuen Fall handelt es sich um einen Kinderschänder. Ich habe mit seiner Frau gesprochen, also ich als ermittelnde Kommissarin“ Erika warf einen Blick auf den Hinterkopf des Herrn am Nebentisch, „und habe herausgefunden, dass er vor der Ehe mit seiner Frau, bereits liiert war, und zwar mit einer Frau, die bereits ein Mädchen mit acht Jahren hatte. Dies muss er einige Male angetatscht haben. Sie hatte ihn angezeigt, aber es gab keine Beweise und er wurde freigesprochen. Dann hatte er seine jetzige Frau kennen gelernt. Die hatte –oh Wunder- ebenfalls eine vierjährige Tochter. Zusammen bekamen sie eine weitere Tochter, an der er abgöttisch hängt. Die ist jetzt vier Jahre. Im letzten Jahr hatte die ältere Tochter, die jetzt achtjährige, die also nicht von ihm war, ein seltsames, unerklärliches Verhalten an den Tag gelegt. Die Mutter erzählte mir, also der Kommissarin, sie sei verschlossen geworden und sei mit verschiedenen Gegenständen seltsam umgegangen. Sie habe zum Beispiel Bleistifte in den Mund gesteckt und an ihnen auf abartige Weise herumgelutscht, was sie nie vorher getan hätte. Auch die Lehrerin habe eine Veränderung an ihrer Tochter gemacht. Auch sei sie manchmal mit kleinen Geschenken nach Hause gekommen und habe immer erzählt, sie habe sie eingetauscht. Dann hatte die Mutter die Kleine beiseite genommen und nachgefragt, was es denn mit den Geschenken auf sich hätte. Doch das Mädchen hat sich nur abgewandt und geschwiegen. Kurz und gut, sie ertappte ihren Mann, als er abends am Bett der Älteren gesessen hatte und seine Hand unter der Decke verschwunden war. Sie stellte ihn zur Rede. Er stritt alles ab und stellte es als einen Irrtum ihrerseits dar. Sie gab sich zufrieden. Doch sie war hellhörig geworden und stöberte in seiner Vergangenheit. Sie fand die Anklage und den Freispruch, suchte die alte Freundin auf und ließ sich den Fall schildern. Da wurde es ihr klar, mit wem sie zusammenlebte. Doch aus ihrer Tochter war auch mit Psychologen und allen sonstigen Mitteln nichts herauszuholen. Sie schwieg, als ob sie Angst hätte.

Da überfiel auch die Mutter eine Wahnsinnsangst um das Wohl ihres Kindes. Und sie wandte sich an uns, ich meine an Brigitte von der psychologischen Betreuung.“

Der Zug lief in Hamburg ein.Der Herr vom Nebentisch verließ mit einem letzten Blick auf die beiden Damen den Speisewagen.

Erika erzählte Ellen, man hätte den gesamten Damenclub auf diese neuen Fall angesetzt. Jede schnüffelte und spürte dort, wo sie es konnte, herum. So erfuhr man von den Angewohnheiten des nächsten Klienten, der bald von der Rolle des Täters in die des Opfer zu schlüpfen hätte. Wenn man genug Tatsachen und Hinweise hätte, die Lebensgewohnheiten bis ins Kleinste untersucht und alle wichtigen und unwichtigen Kleinigkeiten zusammengetragen hätte, würde man einen Plan ausarbeiten, nach welchem der Täter bestraft werden sollte. Jeder Fantasie sei dabei Tür und Tor geöffnet, selbst die abstrusesten Ideen fänden Eingang und würden auf Tauglichkeit überprüft. Dem angemessenen Tod des Delinquenten würde jede Sorgfalt gelten und ein Plan müsse in jedem Detail stimmen, sonst würde er womöglich auffliegen und die Polizei auf den Plan rufen, die dann alle alten Morde untersuchen und –furchtbare Vorstellung- aufdecken könnte. Der Club musste sich in erster Linie selbst schützen. Dazu gehörten Verschwiegenheit wie professionelles Handeln. Mord sei ein ungeheuer diffiziles Geschäft, weshalb man auch genau prüfen würde, ob sich ein Neuzugang auch eigne.

In Travemünde angekommen, bezogen sie gleich ihre Zimmer im Maritim Strandhotel, dem hässlichen Kasten, der aber den besten Überblick bot. Ellen hatte, ohne Ansehen der Kosten zwei der teuersten Zimmer gebucht, Klasse Superior, mit berauschendem Blick über die Ostsee, auf der einen Seite hin nach Timmendorfer Strand, zur anderen nach Priwall, wo sich einst die Grenze hinzog zwischen den beiden deutschen Staaten. Dazwischen stach die Nordermole mit dem Leuchtturm in die See. Unter ihnen, der Stadt zugewandt, schillerte die Trave in der Nachmittagssonne, dort boten gegenüber das Segelschulschiff Passat im Passathafen, auf der hiesigen Seite der Lotsenhafen, die Ozeanbrücke, der Yachthafen und die verschiedenen anderen Anlegestellen und die Autofähre ein maritim-buntes Treiben, ganz hinten lockte der Skandinavienkai zur Fahrt nach Schweden und Norwegen. Einige schräg im Wind stehende Segel zeugten vom Segelspaß einiger Unentwegter, die die Herbstwinde nicht fürchteten.

Dann machten die beiden Freundinnen einen Bummel die Travepromenade und die Vorderreihe entlang, schauten in die Auslagen der Geschäfte und fanden die Stelle, wo morgen Vormittag das Schiff der Seebestattung ablegen sollte. Sie ließen sich von einem Fischrestaurant anlocken, das vorwitzig halb über das Wasser gebaut schien, saßen bei Fisch und Wein und sahen zu, wie ein Überseeschiff entladen wurde und die Fähre zwischen Priwall und dem hiesigen Ufer hin und her pendelte. Sie sprachen wenig und ließen ihren Augen freie Fahrt, hinauf und hinunter, die Trave entlang. Langsam gingen die Lichter an, viele Lichter, auf den großen Pötten wie auf den kleinen Booten, auf der Touristenmeile und gegenüber auf Priwall. Plötzlich war es Abend geworden.

Das Essen und der Wein waren gut und so beendeten die beiden Frauen, äußerlich müde, innerlich angeregt, den Tag.

Der nächste Tag war ebenfalls von Sonne beglückt, nur der Wind fuhr steif in die Bucht. Gegen Mittag nahm er ab und die Frauen konnten ihre und die Schals Mäntel öffnen. An der Ablegestelle wartete ihr Schiff, der Maat wischte noch einmal über das Deck, der Kapitän erschien mit Papieren unter dem Arm und ging auf die vier Personen zu, die seine nächsten Passagiere sein sollten.

Susanne, die Cousine von Harry war mit ihrem Mann erschienen. Sie war sehr zart gebaut und hatte Rehaugen. Er war ein Seebär und hatte den weiten Blick. Man hatte sich auf Anhieb verstanden und sah dem Kapitän erwartungsvoll entgegen.

„Scheunes Wedder woll!“, sagte der und gab jedem der vier Personen ein in Vierfarbendruck geprägtes Heft, in dem die genaue Stelle mit Längen- und Breitengrad angegeben war, das Ziel der Reise, dort, wo die Urne ins Wasser gelassen werden sollte.

„Damit sie wissen, wo der Verblichene zu Wasser gelassen wird. Kommen Sie nur an Deck.“

Sie erfuhren von dem Skipper, dass sie zirka zwanzig Minuten rausschippern würden, bis die bezeichnete Stelle erreicht sei. Sie könnten sich bis dahin gerne unter Deck aufhalten, dort gäbe es auch etwas zum Aufwärmen, denn op See, so sagte er, ginge doch eine steife Brise, auch wenn es nicht allzu weit draußen wäre. Ja, es gäbe nur die eine Stelle, wo die Urnen abgelassen werden. Vorschrift. Aber man müsse sich nicht vorstellen, dass dort auf dem Meeresgrunde sich ein Berg von Urnen häufte. Die würden sich in Salzwasser auflösen und ihren gesegneten Inhalt der See überlassen. Ob sie noch einen besonderen Wunsch hätten, eine bestimmte Musik, ein Seefahrerlied oder ob sie Blumen hätten, die man hinterherwerfen wollte? Er stutzte etwas, als Ellen sagte, nein, auf keinen Fall Blumen. Er hasste Blumen. Eine einfache, simple Bestattung käme ihrem verblichenen Mann zu, er hätte nie großen Wert auf Brimborium gelegt, er war zeitlebens bescheiden.

Plumps und weg, waren die Worte, die sie bei sich fand, aber nicht laut sagte. Harry, plumps und weg!

„Und was machen wir mit denen?“, fragte Susanne, die natürlich Blumen mitgebracht hatte. „Nimm sie mit nach Hause oder schenke sie jemandem, aber wirf sie nicht ins Wasser“, bat Ellen sie.

Das Schaukeln an Bord spürten sie kaum, denn unten, in der holzgetäfelten Kajüte mit Rundumblick, gab es Schnaps. Der Maat bediente sie und stieß gleich auf den Toten mit an. Ihm schien der Tote viel zu bedeuten, denn er trauerte beim Trinken und die halbe Flasche ging auf sein Konto. Der Wind draußen war auch ziemlich kalt. Er wusste, er würde zurückfahren müssen und so tat ihm die Trauer gut.

Die Schiffsglocke ging und rief sie an Bord. Der Maat beeilte sich, aus einer Transporturne die eigentliche Urne zu holen und sie auf ein rotes Samtkissen zu stellen, an dem goldene Trotteln herabhingen, die im Seegang schaukelten.

An Bord stand der Kapitän und  übernahm die Urne. Der Maat ging ans Steuer, um das Boot an der Stelle zu halten. Der Kapitän sagte nun: „Ich werde nun vier Glasen schlagen, das bedeutet Wachablösung.“

Ein Glasen waren zwei kurze Glockenzeichen, so dass er acht Schläge abgeben musste.

Elli, das darfst du nicht tun.

Die Stimme kam leise aus dem Hintergrund, zagend und ängstlich. Ellen blickte auf die Urne.

Elli, bei unserer Liebe, bei unserem gemeinsamen Sohn! Lass es. Tu es nicht.

Ellen hörte wie von weitem die ersten beiden Glockenschläge.

Es ist mein letzter Wille. Mein allerletzter Wille, hör auf, unterbrich doch die Prozedur! Nicht zu den Fischen, bitte! Ich verspreche dir auch von hier, wo ich jetzt bin, alles für dich zu tun, was ich kann. Und das ist einiges. Was willst du noch für mich tun? Jetzt kannst du plötzlich bitten. Hast du jemals mich um irgend etwas gebeten? Einmal bitte gesagt? Harry, es ist aus. Du hast keine Ansprüche mehr. Weder an mich, noch an das Leben.

Vor ferne hörte Ellen zwei Glockenschläge. Die Stimme wurde schärfer.

Ellen, es ist noch nicht zu spät! Lass nicht zu, dass ich ins Meer geworfen werde. Ich hasse das Meer. Sag dem Kapitän, du hast es dir überlegt, du willst es nicht, dass ich hierher komme zwischen die Seespinnen und Aale. Ich will in die Erde! Hörst du! Noch kannst du mir gehorchen. Tust du es nicht, werde ich alles dransetzen, die zu schaden. Das kann ich, auch von hier. Du willst mir drohen, jetzt noch? Bit du noch zu retten? Selbst wenn ich glauben könnte, dass du etwas gegen mich tun kannst, glaubst du ich würde dir noch einmal einen Gefallen tun?

Drei Glasen.

Teufel auf dich! Ich hätte dich nie heiraten dürfen! Irrtum, mein Lieber, ich hätte dich nicht heiraten dürfen. Du bist das Allerletzte! Wirfst deinen Mann den Fischen vor. Aus dem Meer sind wir entstanden. Ich werde dich vernichten! DU DRECKSAU!

In diesem Moment rief Ellen laut: „Schnauze!“ und schlug dem Kapitän die Urne aus den Händen, nicht fest, sondern sie tippte nur an die Urne. Diese kippte kopfüber vom Samtkissen, der Deckel öffnete sich und graue Asche stäubte aus dem Behältnis und bildete hässliche Schlieren auf dem Wasser.

Vier Glasen.

Die Urne schwamm noch eine Zeitlang auf dem Wasser und tauchte dann langsam und unanständig blubbernd unter Wasser.

Ellens Handlung war schnell gegangen und hatte angemutet wie ein Versehen, wie eine fahrige, vom Seegang verursachte Bewegung. Doch schauten alle auf Ellen. Die zog ihren Ehering vom Finger und warf ihn voller Wucht der gurgelnden Urne hinterher.

„War’s das?“, fragte Ellen.

Verdutzt sagte der Kapitän: „Ja.“

„Feiern!“ rief Ellen und hakte den Kapitän unter. „Jetzt feiern Sie mit! Es ist geschafft, der Mann ist weg. Plumps und weg!“

Die nächsten Stunden erlebte Ellen wie im Film. Alles war bunt und schön und sie dachte an gar nichts. Sie hörte sich lachen und weinen zugleich, trank von dem Schnaps und tanzte unter Deck einen Freudentanz. Die anderen, angesteckt von dem Überschwang des Momentes, freuten sich mit und wussten nicht warum.

28 – Radkas neue Spur

„Sie haben schon wieder einen Mord vor!“ Radka war kaum in den Raum eingetreten, als dieser Ruf die Anwesenden wachrüttelte. Sie waren alle frisch ausgeschlafen, nur Fritz Wanzke machte wie immer einen eher lethargischen Eindruck. Er saß vor dem Schreibtisch von Hauptkommissar Zoller und schnaufte: „Radix Radieschen, unser Würzelchen, hat eine Meldung für die Bildzeitung.“

Zoller sah von seinen Akten auf und fuhr sich über seinen Stoppelkopf.

„Nur kein Neid, lieber Fritz, unsere Radka ermittelt mit jugendlichem Elan. Du pflegst deinen Bauch und denkst vielleicht auch schon mit ihm“, sagte Zoller.

„Danke“ tönte Radka und zog sich die schwarze Wollmütze vom Kopf. Sie hatte ihre blonden Haare hochgesteckt und wirkte nun wesentlich erwachsener, als mit ihrem Lieblingsstück, der Mütze. Sie holte sich einen Stuhl und setzte sich neben Wanzke.

„Nun, seid Ihr nicht gespannt darauf, was ich zu berichten habe?“

„Nö“, sagte Wanzke.

„Erzähl schon!“, sagte Zoller. „Soll ich noch Herrn Schneider dazubitten, damit die Gruppe vollständig ist?“

„Passt schon“, bayerte Radka.

„Hartwig, schalte am besten Dein Diktiergerät ein, sonst verpassen wir was.“

„Ach Fritze, wenn ich Dich nicht hätte“, sagte Radka und tätschelte seinen Bauch.

Wanzke schnurrte: „Nun erzähl schon!“

„Also: Eigentlich hattet ihr  mich ja schon überzeugt, dass die Damen unschuldig und harmlos sind. Aber ich hatte das Ganze mit meinem Verdacht meinem Großonkel erzählt. Ich weiß, ich darf das eigentlich nicht, aber ihr habt selbst gesagt, es wäre nur eine Schnapsidee von mir und da dachte ich, die könnte ich meinem Großonkel – nun gut. Ihr wisst, er ist Rentner und hat nichts zu tun, als auf seine monatliche Rente zu warten. Die Idee mit den Damen fand er dufte und hat sich gegen meinen Willen an die beiden Damen gehängt, die gemeinsam zur Seebestattung unseres damaligen Opfers Herrn Köhler fuhren. Im Zug – er hatte einen Sitzplatz in ihrer Nähe ergattert, nämlich im Speisewagen – konnte er ein Gespräch erlauschen. Da ging es um einen Kinderschänder, den sie jetzt um die Ecke bringen wollen.“

Sie berichtete mehr oder weniger genau das, was der ältere Herr im Zuge den beiden Frauen auf der Fahrt nach Hamburg hatte ablauschen dürfen. Das sei zwar nicht viel, aber vielleicht genüge es, die Damen hochzunehmen.

„Langsam Radka, langsam. Rein auf Hörensagen können, dürfen wir nichts geben. Du weißt selbst genau, auch wenn wir ein Gespräch von Gangstern zufällig belauschen, können wir sie nicht einfach festnehmen. Es bedarf der Beweise.“

„Ja, das weiß ich doch alles, doch vielleicht kann man den Damenclub abhören, unter irgend einem Vorwand ein Mikrofon dort installieren, dann wüsste man, was die Damen im Schilde führten.“

„Was haben sie noch zu deinem Onkel gesagt?“, fragte Zoller.

„Großonkel. Ja, sie sagten, sie seien Autorinnen oder so ähnlich.“

„Vielleicht sind die Damen ja so etwas. Witwen ist so Manches zuzutrauen. Meinst du“, fragte Wanzke und blickte von oben herab auf Radka, „echte Mörder würden ihre Taten in einem öffentlichen Zugabteil besprechen?“

„Warum nicht. Witwe zu sein, ist doch die beste Verkleidung für einen Mörder.“

„Schnickschnack, Radieschen, dein Spleen hat dich wieder eingeholt. Du hast doch selbst zugeben müssen, dass Deine Untersuchungen im Sande verlaufen sind.“

„Aber die neuen Anhaltspunkte!“ Radka sank enttäuscht in sich zusammen. „Ich dachte, mit den neuen Erkenntnissen, könnten wir den Fall gemeinsam weiterverfolgen.“

„Radka“, schaltete sich Zoller ein, „die neuen Anhaltspunkte, wie du sie nennst, sind keine. Es ist eine schöne Geschichte, mehr nicht. Und halte deinen Großonkel aus der Sache heraus. Das gibt nur Ärger und schlimmstenfalls eine Zivilklage wegen Verleumdung. Davon hat der Rentner auch nichts.“

„Ja, aber er wollte doch -“

„Nichts darf er wollen und noch weniger tun!“

„Und wenn nun dieser Kinderschänder umgebracht wird?“

„Dann untersuchen wir den Fall und finden den oder die Mörder.“

„Dann ist aber schon wieder jemand ums Leben gekommen und wir haben zugesehen und sind an dessen Tod mitschuldig, weil wir davon wussten.“

„Wir wissen nichts, außer dass zwei Damen sich irgend etwas ausdenken. Wir können nicht jedem potenziellen Mörder einen Beamten zur Begleitung schicken.“

Radka war zu einem Häuflein Elend zusammengesunken. Jetzt zog sie sich ihre Mütze wieder langsam auf den Kopf.

„Wir können nichts machen?“

„Wir können nichts machen.“

„Und wenn es passiert?“

„Dann passiert es.“

Schweigend schaute Radka vor sich hin, dann stand sie auf, ging zur Tür und sagte ernst und ruhig und überzeugt: „Es wird passieren!“

Zu Hause setzte sie sich an den Küchentisch, stützte die Ellenbogen darauf und legte ihr Kinn in beide Hände. Sie musste nachdenken. Ihre Eltern waren noch beide auf der Arbeit und ihr Großonkel, der bei ihnen wohnte, schlief in seinem Zimmer.

Wieder war eine Spur aufgetaucht. Es musste etwas daran sein, sonst würde es nicht so viele Hinweise geben, dachte sie. Und diese letzten Hinweise waren wie ein Beweis. Sie müsste nur an der Sache dranbleiben. Sie würde die Damen schon entlarven, ihre geschickte Tarnung aufdecken. Sie wusste, wozu Frauen in der Lage sein können. Sie war ja selbst eine.  Wie Männer nur so kurz denken können. Dabei glauben sie, sie hätten die Weisheit gepachtet. Sie würde es den Männern schon zeigen. Nicht weil sie etwas gegen diese Männer hatte, beileibe nicht, es waren bisher durchweg liebe und achtenswerte Männer, die ihr begegnet waren. Starke und selbstbewusste Männer, manchmal auch arrogante und anmaßende Jungs. Aber mit denen hatte sie ja eh nichts am Hut. Sie war stärker und selbstbewusster als ihre Alterskollegen, von denen sie nichts weiter zu erwarten hatte, als grinsende Einladungen zur Disco und abgedroschene Bemerkungen und nach der Disco feuchte Hände und den alkoholgeschwängerten Wunsch zum Knutschen und zu mehr. Zoller, der konnte ihr gefallen, er war zwar viel zu alt, doch vom Typ her ähnlich ihrem Großonkel Dusan. Ihr fiel das Schlagwort ‚Gestandene Männer’ ein. Sie wollte eine gestandene Frau sein, dank ihres Kopfes und ihres Fleißes nicht ihren Mann stehen, wie man es noch nannte.

Ihr Großonkel erschien in der Tür.

„Du bist schon da?“

„Hatte heute keine Lust mehr?“

„Haben sie dich geärgert, kleine Raduschka?“

„Ja, Onkel Dusan, sehr. Und dir verbieten sie, weiterzumachen.“

„Mir kann keiner was verbieten. Nicht mehr, dazu bin ich zu alt!“

„Du bist nicht alt, du bist jung!“

„Das muss mir gerade ein Hüpfer wie du sagen.“

„Ja, du bist einer der jüngsten, frischesten Männer, die ich kenne – im Geiste, ich meine -“

„Ist gut, Raduschka, ich weiß, was du meinst.“

„Und wie soll es weitergehen?“

„Ich mache mich an Brigitte ran, das hatten wir doch besprochen.“

„Ach ja, diese Brigitte, wie hieß sie noch mit Nachnamen – Stahn? Willst du das wirklich tun? Auch gegen das Gesetz?“

„Welches Gesetz? Es gibt keines, was mir verbieten könnte, privat mit einer Witwe Kontakt zu pflegen.“

„Ich darf davon nichts wissen!“

„Du weißt davon ja auch nichts.“

„Stimmt, ich weiß gar nichts.“

29 – Neue Pläne

Fast war Ellen bereit, alles, was sie zu Hause an ihren Mann erinnerte, einfach wegzuwerfen. Sie wollte sich frei machen von einer Vergangenheit, die sie nicht mehr wissen wollte, radikal einen Strich ziehen, endgültig den Alten vergessen mit Stumpf und Stiel. Ganz brachte sie es nicht fertig. Sie behielt einige Hochzeitsfotos, einige Gegenstände von ihr guter Erinnerung. Ansonsten flog alles auf den Müll, bis auf den Computer und so manche hilfreichen Teile. Sie warf mit besonderem Eifer all die Dinge fort, die ihm am Herzen lagen, die ihm bewiesen hatten, was für ein toller Hecht er war. Jagdandenken aus Afrika gehörten dazu, wie seine sporadischen Tagebuchaufzeichnungen, in denen er sich selbst beweihräucherte. Bald besaß sie kaum noch etwas, was an ihn erinnerte. Zum Glück gab es auch keinen Grabstein, den sie pflegen musste. Das einzige, was sie noch von ihm besaß und wozu er auch eine große Beziehung hatte, war sein Geld. Dies machte sie nun unabhängig.

So befreit von allen Bürden, konnte sie sich neuen Aufgaben und Zielen widmen.

Wenige Tage nach ihrer Rückkehr aus Travemünde verabredeten Erika und sie sich mit Brigitte Stahn, der Dame aus ihrem Club, die den neuen Fall des Kinderschänders angebracht hatte.

Sie trafen sich in einem Café am Wannsee, das eine Freundin von Brigitte führte und bekamen Zugang zu dem separaten Raum, der teils privat, teils für Gespräche unter wenigen, abgezählten Augen gedacht war.

Bevor sie zu dem eigentlichen Fall kamen, erzählte Brigitte ihnen schwärmerisch von einem sehr gesetzten Mann, den sie zufällig kennen gelernt hatte. Er war Tscheche und hieß Dusan, mit ganz weichem sch gesprochen. Er hätte graue Haare und ein Kopf von der Einprägsamkeit eines Jean Gabin oder Spencer Tracy. Er sei von der alten Schule, gäbe etwas auf Umgangsformen und Stil, wäre also genau ihr Typ. Und es wäre einer, den man bestimmt nicht umzubringen brauchte, ein wirklicher Ehrenmann. Sie würden ihn bestimmt bald kennen lernen, sie würde schon dafür sorgen. Und wenn Brigitte das sagte, war davon auszugehen, dass sie es auch einrichten würde.

Dann kamen sie zum Grund des Treffens.

Brigitte hatte einen Plan.

Sie ging davon aus, dass der Kinderschänder mit Namen Roland Farner schuldig sei, aber nicht beweiskräftig überführt werden könne. Es müsse ein Urteil geben, die Damen würden es schon sprechen.

Die Noch-Ehefrau von ihm, die ihren alten Namen behalten hatte, nämlich Maria von Senden, sei völlig einverstanden, dass die Damen das Szepter übernähmen und ihn womöglich zum Tode verurteilten. Für sie wäre ihr Roland vogelfrei, sie könnten mit ihm machen, was sie wollten, es müsse das Leben der beiden Mädchen geschützt werden, koste es, was es wolle. Man befragte sie nach Eigenheiten ihres Mannes und erfuhr, dass er überhaupt einen Hang zum Aberglauben habe, nie ohne sein Horoskop gelesen zu haben außer Haus ginge und sein Leben nach ganz nach Horoskopen und Vorhersagen ausgerichtet habe. Bis vor kurzem war er gelegentlich zu einer Wahrsagerin gegangen, um sich mit Pendel und Karten, mit Kugel und Kaffeesatz die Zukunft voraussagen zu lassen.

Überhaupt hätte er eine Vorliebe für dunkelhaarige, am liebsten schwarzhaarige Frauen und triebe sich auch fast täglich in einer Kneipe namens Gypsy herum, in der die Wirtin tiefschwarze Haare und dunklen Teint hatte. Diese sei allerdings mit einem blonden Riesen verheiratet und es war kaum anzunehmen, dass ihr Mann Gelegenheit bekäme, mit dieser Zigeunerin fremd zu gehen. Auch hielt sie es für unwahrscheinlich, dass er mit der Wahrsagerin ein Verhältnis hätte.

Diese Dame war allerdings vor einiger Zeit nach Mallorca ausgewandert und er hatte noch keine neue Pythia gefunden. Die Hälfte seines Gehaltes hätte er bei dieser schwarzhaarigen Schlampe gelassen, so sagte Maria, öfter sei es zum Streit um diese Vergeudung gekommen, aber er konnte davon nicht ablassen.

Was ihm neben seiner Spökenkiekerei noch am Herzen läge, sei seine eigene Tochter Sarah, die bald fünf Jahre würde. Sarah vorne, Sarah hinten. Nur möchte sich Maria nicht vorstellen, was geschähe, wenn diese, seine eigene Tochter älter würde, ob sich seine perverse Neigung nicht auch ihr zuwenden würde, nicht auszudenken.

Ellen hörte dem Ganzen gespannt zu und es begann sich in ihr ein Keim zu regen, von dem sie selbst noch nicht wusste, zu welcher Blüte er gelangen könnte.

Man wollte diese ganze Geschichte am kommenden Mittwoch dem Rat der Damen vorlegen und dann würde sich zeigen, welcher Beschluss gefasst würde.

Wieder zu Hause, sichtete Ellen im Keller ihren Schatz an ersteigerten Koffern und deren Inhalten. Sie ging ganz planlos vor, wusste selbst nicht, wozu diese Räumerei gut wäre, tat es aus einem Impetus, der in dem Keim zu finden war, der ihr bei dem Treffen mit Brigitte erwachsen war. Sie sortierte hier, griff dieses und jenes, warf Unwertes fort und fand sich schließlich mit einem dunkelblauen wallenden Seidenkleid in der einen und einer tiefschwarzen Perücke in der anderen Hand wieder, nahm diese Teile mit nach oben, um sie gelegentlich aufzubereiten. Am nächsten Tag entdeckte sie in anderen Koffern hochhackige schwarze Schuhe und einen weiten, bauschigen Staubmantel aus grün-beiger Fallschirmseide und eine Schatulle mit auffälligem Modeschmuck. In einer Ecke fand sie einen von außen nicht als solchen erkennbaren Schminkkoffer mit endlos vielen Tiegeln Make-up, Döschen mit Mastix, Kästchen mit falschen Wimpern, Maskara, Lidschatten, dann waren da noch Cajalstifte, Rouges in allen Tönungen, unterschiedlichste Lippenstifte und falsche Fingernägel sowie Nagellacke in jeder erdenkbaren Farbe. Ein wahres Freudenfest für einen Maskenbildner. Sie schleppte alles nach oben und bemerkte selbst nicht, wie sie bei allem, was sie tat, ein Lied auf den Lippen hatte.

Seit Travemünde war die Stimme ihres Mannes verschwunden und ihre innere Freiheit machte sie gelöst und heiter.

Auf einer anderen Ebene ihres Bewusstseins hatte sich ein Plan entwickelt, ein Zukunftsplan, noch im Entwurfsstadium, doch mit realen Fixpunkten. Sie würde Deutschland verlassen. Irgendwann in absehbarer Zukunft. Endlich könnte sie bei ihrem Sohn sein, in Boston. Sie würde das Haus noch einige Zeit behalten, als Sicherheit, als Rückzugsmöglichkeit, falls sie in der Neuen Welt sich nicht zurechtfände. Doch ging sie davon aus, dass sie sich arrangieren würde im Lande von MacDonald’s und der ewigen Aircondition. Vielleicht würde sie sich ein Domizil in Florida oder Kalifornien einrichten, wo sie den Winter verbringen würde. Außerdem hatte sie Reisepläne. Nicht als Touristin, nein, sie wollte einem guten Zweck dienen, hier war sie noch auf der Suche, hatte aber etwas im Sinn.

Doch zunächst galt es, den anstehenden Fall des Kinderschänders durchzuziehen und sie glaubte, ihr würde, als neuestes Mitglied, eine besondere Aufgabe zuteil werden, sie müsse sich bewähren und sie war fest entschlossen, diese Probe mit Bravour zu bestehen. Sie würde alles geben.

30 – Immer wieder mittwochs

Es war ein Rundruf eingegangen, dass man sich an dieses Mittwoch schon eine Stunde früher treffen wollte und so waren gegen zwei Uhr am Nachmittag die Damen in der Villa Sagitta versammelt. Wie üblich, war die erste Zeit dem allgemeinen Smalltalk gewidmet und so saßen und standen die Witwen in Grüppchen umher und erzählten von diesem und jenem. Eine dieser Gruppen bildeten die etwas schwerfällige Hanne, Brigitte, Erika und Ellen. Ein alter Spruch sagt Wes das Herz voll ist, des fließt der Mund über und Brigittes Herz war ausgefüllt und eingenommen von dem tschechischen Herrn mit dem schönen Namen Dusan, mit weichem sch, der sie nach allen Regeln der Herzensbrecherei gewonnen hatte. Hanne, die Älteste, hörte mit schweigendem Gesicht zu. Ihr ging so etwas nicht mehr nah, sie hatte mit dem Firlefanz gebrochen, Herzenstöne waren aus ihrem Spektrum ausgelöscht, die Liebe eine alte, schöne Erinnerung und sie wollte nicht mehr teilhaben an den kosmischen Flügen, den Träumen, die oft nur in fürchterlichem Aufschlag enden. Eine Kraftvergeudung, zu der sie keine Lust mehr hatte und sie wusste, dass sie schließlich, nach kurzer Zeit, mit einer Wanne bereitstehen musste um das Blut der Wunden aufzufangen, die die Liebe schlagen konnte. Auch dazu verspürte sie keine Lust mehr und vergrub sich deshalb hinter einem leeren Gesicht. Erika und Ellen hingegen, deren Sinne noch nicht abgenutzt und verbraucht, deren Hoffnungsstrom noch Hochwasser führte, freuten sich mit Brigitte, die von kleinen Höflichkeiten berichtete, die ihr Herz zum Hüpfen brachten, von der Achtung, die aus dem Verhalten ihres Verehrers sprach, der Bildung, die ihre Seele streichelte und von den kleinen Schmetterlingen im Bauch, die sie verspürte, wenn sie ihn treffen sollte.

Sie hatte ihn eines Mittwochs kennen gelernt, als sie mit ihrem Wagen von der Villa Sagitta nach Hause fuhr. Er war ihr an einer Ampel leicht aufgefahren, hatte sich sofort erboten, allen Schaden zu bezahlen, obwohl gar nichts zu erkennen war, hatte sie nicht fahren lassen, ohne ihre Adresse und Telefonnummer und sie hatte seine Karte bekommen. Er war zwar Rentner, doch es stand immer noch als Berufsbezeichnung Redakteur darauf, ein weitgereister und herzensguter Mann. Er hatte sie am nächsten Tag sofort angerufen und angeregt, ihren Wagen zur Prüfung in eine Werkstatt geben zu lassen. Stattdessen hatten sie sich zum Kaffee getroffen. Er konnte so schön über Rilke und andere Dichter erzählen, kannte auch das Leben der Agathe Christie in- und auswendig. Er sei ein Krimi-Fan, das durfte er in seinem wahren Leben nie erwähnen, weil Krimis zur Trivialliteratur gehörten, doch strotzten sie vor Fantasie und das sei es, was das Leben schön mache, oder wie er sich ausdrückte, die Fantasie sei die Musik die Seele.

„Ach!“, schwärmte Brigitte, und sah dabei wie ein junges Mädchen aus, „Ach, vielleicht gibt es noch ein zweites Leben.“ Dann fügte sie hinzu: „Schade, dass es am Montag nicht geklappt hat. Ich wollte ihn Euch doch unbedingt vorstellen. Doch gerade als ich ihm erzählte, dass wir Euch beiden dort treffen wollte, fiel ihm ein, er hätte eine wichtige Angelegenheit vergessen. Er könne nicht mitkommen und müsse augenblicklich einen Termin wahrnehmen.“

„Das macht doch nichts, wir werden ihn schon kennen lernen.“ Und nach einem Blick in Brigittes verträumten Augen „Du wirst ihm doch nichts von uns erzählt haben?“, fragte Erika streng, und alle wussten, was sie damit meinte.

„Nicht direkt“, zögerte Brigitte, „nur erwähnt, dass ich zwei Damen aus meinem Club treffen wollte und ihm vorstellen und dass ich in einem Damenclub bin. Aber er kann mittwochs nicht, er hat mittwochs auch immer seinen Treff.“ Mit dieser halb entschuldigenden Antwort konnte keiner etwas anfangen, nur sprach daraus, dass sie vielleicht mehr erzählt haben könnte, als sie sollte.

„Hast du nun, oder hast du ihm nicht erzählt, was wir hier machen?“

„Aber er ist doch Redakteur, kriminalistisch interessierter Redakteur, er sieht das doch auch wissenschaftlich, wie wir!“

Die drei Frauen blickten sie scharf an.

„Nein, ich habe nur so Andeutungen gemacht, dass wir uns mit Kriminalfällen befassen. Rein theoretisch, versteht sich. Nichts Genaues.“

In diesem Moment rief Hedwig zur Tagesordnung.

Sie zählten der Reihe nach noch einmal alle relevanten Punkte auf, die dafür sprachen, dass der Herr Roland Farner in früherer Zeit bereits Schändliches einem Kind angetan hatte, alle Zeitungsberichte wurden erörtert und die frisch gemachten Aussagen seiner damaligen Lebensgefährtin, die beschworen hatte, er habe sich an dem Kind vergriffen, nur fehlte damals dem Gericht der eindeutige Beweis, da das Kind alle Aussagen verweigert hatte. Der neue Fall mit seiner Frau Maria war ähnlich gelagert, auch diese Mutter, so wusste Brigitte zu berichten, war fest von der Schuld ihres Mannes überzeugt. Die gestörten Verhaltensweisen der Stieftochter seien eindeutig auf einen Missbrauch zurückzuführen, nur leider sei auch dieses Kind nicht zu einer Aussage zu bewegen, sondern zöge sich in ihr Schneckenhaus zurück und bliebe stumm.

„Schwanz ab!“, rief Hanne mit bewegungslosen Gesicht lautstark in die Runde.

„Rübe ab!“, klang es aus Richtung Deborah.

„Nicht so schnell“, sagte Hedwig, „Wir sind erst bei der Beweiserhebung. Will denn diese Maria hierher kommen und hier aussagen?“

„Ja“, sagte Brigitte, die mit ihr persönlich gesprochen hatte, „Sie ist diese Woche mit den Kindern bei ihren Eltern. Sie suchen gemeinsam eine Lösung, die Kinder dort unterzubringen. Morgen will sie wieder nach Berlin kommen.“

„Wird sie morgen hier vorsprechen?“

„Sie hat zugesagt.“

„Und der Ehemann?“

„Der weiß von nichts. Sie ist einfach weggefahren. Hat ihm aber einen Zettel hinterlassen.“

„Der Arme! Jetzt hat man ihm sein Spielzeug, weggenommen!“, lästerte Marlies von hinten, „Er wird sich doch nichts antun?“

„Das wollen wir nicht hoffen! Sonst haben wir nichts mehr zu tun!“ Josy lächelte spitz.

Brigitte schaltete sich noch einmal ein: „Sie hat eine Heidenangst, dass Roland wieder ohne eine Strafe davonkommt, wenn sie ihn anzeigt.“

„Da sei Gott vor!“

„Da sind wir vor!“

„Wir werden ihn richten!“, rief es.

Hedwig klopfte auf den Tisch. „Wir  wollen nicht vorverurteilen. Das habe wir nie gemacht und werden es auch in diesem Falle nicht tun. Wir benötigen hier die persönliche Aussage dieser Maria und werden dann beraten. Sollte der Spruch jedoch schuldig lauten, müssten wir auch gleich eine Vollstreckungsart parat haben. Wir haben hier kein Gefängnis und auch keine Guillotine. Aus diesem Grunde bitte ich um Vorschläge, welche Strafe im Falle einer Verurteilung ansteht und welche geeignete Vollstreckungsmaßnahmen sich anbieten.“ Hedwigs Brauen zogen sich zusammen und ihr Mund wurde zu einem Strich, und die Stimme immer lauter, während sie fortfuhr: „Unter geeignet verstehe ich, eine der Tat, besser der Wiederholungstat angemessene, deutliche Bestrafung. Sie sollte allen, die davon hören, eine Gänsehaut hervorrufen und potenziellen Tätern einen Schrecken einjagen und knallhart vor Augen führen, dass solche Untaten unter keinen Umständen geduldet und äußerst unnachgiebig geahndet werden, mögen die Täter diese armen Kinder auch noch so unter Druck setzen, sie mit dem Tode der Mutter bedrohen oder anderweitig zum Schweigen zwingen, um der Strafe zu entgehen. Sie sollen wissen, dass sie uns nie entkommen werden. Wie brauchen eine abschreckende Strafe, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Wir brauchen ein Exempel!“ Die Rede wurde zum Fanal. Alle schwiegen. Dann sagte Hedwig in normalem Ton: „Ich unterbreche jetzt die Sitzung und bitte alle, sich in der nächsten Stunde geeignete Vorschläge auszudenken und sie hier vorzutragen. Wir können es wie die letzten Male handhaben, es können sich Arbeitsgruppen bilden. Ich schlage drei Gruppen á drei Damen vor.“ Dann blickte sie auf Ellen und sagte ruhig und ernst: „ Ellen, du solltest dich darauf vorbereiten, für diesen Fall als besonderes Organ bei der Ausführung der zu erwartenden Strafe tätig zu werden. Die Sitzung ist unterbrochen.“

Ellen war es schon bei der flammenden Rede von Hedwig in kalten Wellen den Rücken heruntergelaufen, wie eine eisige Brise über einen See. Als sie dann persönlich angesprochen wurde, durchzuckte es sie heiß. Es war ein richtiges Wechselbad, dem sie sich ausgesetzt gesehen hatte. Alle waren still gewesen und diese ernste Stimmung zog sich durch die nächste Zeit. Sie saßen und berieten, erst ernst und gefasst, dann heißer redend und jede versuchte glühend, eine der Rede entsprechende Ausführung der Bestrafung und Vollstreckung zu finden.

Man spielte an jedem Tisch die unterschiedlichsten Todesarten durch, die der Mann verdient hätte der die kleinen Mädchen geschändet hatte. Die Luft schwirrte von Erhängen, Erschießen, Erdolchen, Vergiften, Erdrosseln, Erschlagen. Hier war schwer eine Einigung zu finden. Und als nach sechzig Minuten keine Gruppe sich bereit fand, ein Ergebnis vorzulegen, wurde darüber diskutiert, wie man seiner habhaft werden könnte. Als Ellen in ihrer Gruppe eine Entführung vorschlug, stieß sie auf Widerwillen. Eine Entführung sei Männersache, einen Menschen niederstrecken, ihn dann zu packen und zu schleppen und zu verfrachten, zu hieven, zu tragen, zu heben, zu wenden, dazu seien Frauenhände nicht gemacht. Besser sei es, den Delinquenten an den Ort zu locken, wo er hingerichtet werden sollte. Dort konnte man ihn eher für kurze Stücke schleppen, ihn aufknüpfen oder ihn vor Ort vergiften oder auch erschlagen. Für diesen Fall wolle man aber etwas Besonderes, es sollte den geschändeten Mädchen gerecht werden und nicht nur den billigen Tod des Schänders herbeiführen.

Ellen wurde belehrt, dass die Beratungen dazu dienten, sich in der Fantasie auszutauschen, dass jede von der anderen dies oder das aufnehmen könnte, dass aber zuletzt jede der Frauen eine eigene Vollstreckungsvariante auf eine Karte schreiben müsste, vielleicht nur in Andeutungen oder Stichworten, sie müsse aber in der Lage sein, alle Details zu schildern. Diese Karten würden dann dem Gericht vorgelegt werden. Das Gericht alleine entschiede dann, welche Vollstreckungsform schließlich durchgeführt werden sollte. Es entschiede auch, wer in den jeweiligen Fall eingeweiht würde und wer nicht. Niemals wussten alle alles. Und Verschwiegenheit war Ehrensache.

Nach der Einschätzung der Damen würde, nach der morgigen Vernehmung von Maria, vorausgesetzt, sie bestätige das bisher Bekannte, eine Verurteilung stattfinden. Es sei gängiges Gesetz, dass man Maria nicht mitteilte, wie oder wann es ihren Mann träfe. Man hatte immer einen Weg gefunden, die direkt Beteiligte weit weg vom Ort des Geschehnisses zu halten, entweder hatte man sie auf einen Urlaub begleitet oder anderweitig dafür gesorgt, dass die Angehörige niemals unter Verdacht kommen konnte.

Ellen musste an ihren eigenen Fall denken und konnte sich gut vorstellen, wie das zu bewerkstelligen gewesen wäre. Hier eine falsche Fährte, dort ein Alibi. Zwei Frauen hätten schon genügt, ihren Mann zu entführen. Sicher, sie konnte es sich gut vorstellen. Doch ganz hatte sie nicht hinter alles blicken können. Die Frauen waren schlau und gewieft und ließen sich nicht so leicht in die Karten schauen. Das merkte sie nun selbst. Sie war fasziniert von den bizarren Vorgängen in der Villa Sagitta, auch ein wenig irritiert, doch das würde sich geben, wenn sie erst einmal einen Fall selbst miterlebt hätte. Von Anfang bis zum Ende. Alle hier hatten dies schließlich gemusst.

Es war bereits dunkel geworden und Josy hatte das Licht angeknipst, welches die Bücherwände in gelben Glanz legte und den gesamten Raum indirekt erleuchtete.

Josy hatte die Karten ausgeteilt, linierte Pappkarten in der Größe eined Briefumschlages. Die Vornamen waren bereits aufgebracht worden und jeder schrieb nun seine Variante einer Vollstreckung darauf. Josy sammelte sie wieder ein und brachte sie Hedwig, die, wie immer gerade aufgerichtet auf ihrem Vorstandsplatz thronte. „Die Sitzung wird weitergeführt“, sagte sie lakonisch.Kein Zweifel, Hedwig war die Richterin. Man erkannte es nicht nur an ihrer Haltung. Jeder Muskel, jede Falte, ja jede Pore ihres Gesichtes waren von der Erhabenheit einer Richterin durchdrungen. Unnahbar, unantastbar saß sie und nahm die Karten in Empfang. Alle setzten sich auf ihre angestammten Plätze und schauten auf Hedwig. Auch Josy mit ihrem Karottenkopf wirkte kleiner als sonst neben Hedwig und blickte mit großer Achtung auf ihre Freundin.

Hedwig blätterte langsam die Karten durch. Ihre Miene verriet kaum eine Regung, als sie die einzelnen Vorschläge durchlas. Es war mucksmäuschenstill und alle Augen ruhten auf der erhabenen Gestalt von Hedwig.

Dann blickte sie auf.

„Für den Fall einer Verurteilung“, sie hielt inne und wiederholte „für den Fall einer Verurteilung wählt das Gericht die Vollstreckung nach Maßgabe von“ hier machte Hedwig wieder eine Kunstpause „von Ellen.“

Josy begann und alle fielen ein, mit den Fingerknochen auf die Tischplatte zu pochen, bis auf Ellen, die nicht wusste, ob sie hocherfreut oder voller Angst sein sollte. Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss und wäre in diesem Moment am liebsten im Boden versunken. Doch ein Blick von Hedwig ließ sie sich aufrichten und sie atmete tief durch. Ihr Vorschlag war auserwählt worden, sie würde ihn durchführen. Sie bekam in diesem Moment nicht mit, wie Hedwig die Sitzung offiziell abschloss. Sie war mit sich selbst beschäftigt.

„Ellen“, sagte Hedwig, „du bleibst noch, wenn die anderen gehen. Wir haben noch etwas zu besprechen.“ Ellen nickte.

Dann flogen die Korken, es gab Champagner und der Abend wurde länger, als erwartet. Ellen blieb noch als Letzte.

31 – Vorbereitungen

Maria hatte zu den Damen gefunden und ausgesagt. Alles, was sie tränenverheult vortrug, unterstrich und vertiefte die Punkte, die bereits vorlagen und gab der Anklage durch die persönliche Betroffenheit der Zeugin eine besondere Charakteristik und Eindringlichkeit. Maria schilderte fast tonlos noch einmal ihr Gespräch mit der ehemaligen Lebensgefährtin ihres Mannes, deren Tochter ihr nach Jahren erst, in einer stillen Stunde, eröffnet hatte, was Roland mit ihr angestellt und wie er ihr gedroht hatte. Er hatte dem jungen Mädchen mit aller Schärfe eingeprägt, dass, sobald sie nur ein Sterbenswörtchen verlauten lasse über ihre ‚Spiele’, ihre Mutter eines qualvollen Todes sterben würde, wann auch immer und zu wem sie auch immer darüber sprechen sollte.

Diese Drohung gäbe Maria die Überzeugung, dass auch Ihre Tochter in dieser Art bedroht worden wäre, weshalb diese, auch vor den erfahrensten Psychologen sich verschließe und in Weinkrämpfe verfiele.

Maria wurde Hilfe zugesagt. Dankbar verließ sie die Villa.

So kurz der Beschluss und die Verurteilung ausfielen, so lang war die Beratung der Damen, die schließlich in einer vierköpfigen Klausur mündete, wo die Details des Planes ausgeheckt und minutiös abgestimmt wurden. Neben Hedwig nahmen noch Ellen, Deborah und Josy teil.

Da Ellen’s Plan ausgewählt worden war, durfte sie ihn in allen Details schildern. Er war wohl überlegt und schloss alle Eventualitäten ein sowie solche Fehler aus, die die vorzeitige Entdeckung und Vereitelung verhindern könnten. Josy, als technisch versierte Diplomingenieurin, sollte alle technischen Aufgaben übernehmen, unterstützt von Deborah. Ellen hatte sich die heikle Obliegenheit ausgesucht, des Opfers habhaft zu werden und ihn zum Ort der Hinrichtung zu bringen, mit welchen Mitteln auch immer. Der Rest der Damen, die mit der eigentlichen Vollstreckung nichts zu tun hatten, waren mit anderen Aufgaben betraut worden.

So geschah es, dass man in einer Seitenstraße in Friedenau beobachten konnte, dass fünf Frauen, mal zu zweit, mal zu dritt, selten gemeinsam, mit Tüten und Paketen bepackt, wiederholt in einem Hauseingang verschwanden, nach einiger Zeit die eine oder andere Frau wieder herauskam, um nach einer Stunde wieder mit Tüten beladen, denselben Eingang zu betreten. Eine dieser Frauen trug ein Kopftuch nach Piratenart, die andere eine lustige Strickmütze, die dritte einen braunen Hut, die vierte ihren strahlend roten Karrottenkopf zur Schau. Allen gemeinsam war ein seltsam freudiges Lächeln auf dem Gesicht. Nachbarn beobachteten, wie ein Transporter vorfuhr und ein Mahagonitisch mit einigen passenden Stühlen ausgeladen und ins Haus getragen wurde. Die Nachbarn, die wussten, dass eine Zweizimmerwohnung frei geworden war wunderten sich, dass nicht mehr Möbel angeliefert wurden, aber vielleicht hatten sie auch nicht alles beobachtet. Nach zwei Tagen eifrigen Schaffens verschwanden die Frauen, wie sie gekommen waren.

In Reinickendorf, in der Kneipe mit dem Namen Gypsy lief alles wie gewohnt. Man machte gegen elf Uhr vormittags auf, die ersten Gäste erschienen, meist Stammgäste der Art, wie sie in vielen Berliner Kneipen auftauchten, Arbeitslose oder Rentner, die hier ihren ersten Trunk von vielen einläuteten. Die Wirtin, eine Frau mittleren Alters mit blauschwarzen Haaren stand hinter dem Tresen und las die BZ wie jeden Tag, polierte ab und zu einen Fleck auf dem Tresen und zapfte zwischendurch die bestellten Biere. Seit zwei Tagen hatte sie eine Frau beobachtet, die jeweils am Nachmittag erschienen war, sich an einen Tisch gesetzt und zu einer Tasse Kaffee Zeitung gelesen hatte. Sie hatte schwarze Haare blauen Augen, eine seltene Mischung und mochte eine gute Mittvierzigerin sein. Sie war elegant gekleidet und hatte gepflegte Fingernägel, die davon zeugten, dass sie nicht schwer mit den Händen arbeiten musste, überhaupt machte sie den Eindruck, nicht ganz hierher zu gehören. Sie hatte höflich ihren Kaffee bestellt und gelächelt, doch die Wirtin hatte beschlossen, sie nicht zu mögen. Stammgäste, die zu ihr traten und sie angesprochen hatten, hatte sie höflich aber bestimmt abgewiesen.

Diese Frau war auch heute wieder da. Bei einem Kaffee saß sie in einer Ecke und las in einem Buch.

Dann war Roland gekommen. Er hatte sich umgeschaut, wie man es beim Eintritt in ein Lokal unwillkürlich tut, seine Augen waren einen kurzen Moment an der Dame in der Ecke hängen geblieben, dann hatte er sich an die Theke gesetzt und gesagt: „Wie immer.“

Das wie immer bestand aus einem kleinen Bier und einem Schnaps der Hausmarke. Er hatte mit der Wirtin ein Gespräch begonnen. Er schien schlechter Stimmung zu sein. Doch nach dem zweiten Gedeck lockerte er sich bereits und schielte über die Schulter zu der Leserin in der Ecke.

„Da kannste nischt landen“, sagte die Wirtin zu ihm, „die hat schon janz andere abblitzen lassen.“

„Na denn nicht“, sagte Roland und unterhielt sich weiter mit der Wirtin. Während der nächsten zwei Gedecke wurde er munterer und wagte wiederholt einen längeren Blick auf die Fremde mit dem Buch.

„Lasset!“, sagte die Wirtin. Nur wenige Gäste waren in der Kneipe.

„Wer nich wagt, der nich jewinnt“, antwortete Roland, nahm sein Bier, stand auf und ging langsam, Schritt für Schritt auf die Fremde zu. Als er vor ihrem Tisch stand, erhob sie die Augen zu ihm und schaute ihn an. Er nahm allen Mut und all sein Hochdeutsch zusammen und sagte: „Darf man sich zu Ihnen setzen?“

Die Fremde sah ihn lange an und er erwartete schon die angekündigte Abfuhr, als die Dame sagte: „Ja, bitte. Nehmen Sie Platz.“

Roland traute seinen Ohren nicht, aber fühlte sich höchst geehrt und zog einen Stuhl vom Tisch und setzte sich ihr gegenüber. Er fühlte sich noch nicht betrunken, im Gegenteil, durch ihre Aufforderung stark und männlich.

„Was lesen sie da?“, fragte er. Die Dame antwortete: „Das wir Sie nicht interessieren.“

„Literatur interessiert mich ungemein. Man kann nicht genug lesen.“

Überrascht und konsterniert, dass ihre Vorhersage nicht eingetroffen war, kam die Wirtin an den Tisch und fragte, ob alles in Ordnung sei, ob sie noch einen Wunsch erfüllen dürfte.

„Ja“, sagte die Dame, „bringen Sie mir eine Weinschorle.“

„Weiß oder rot?“

„Weiß, bitte!“

„Det schreibste aber uff meine Rechnung!“ Roland hing den Weltmann raus.

„Das ist nicht notwendig. Ich will das schon selbst bezahlen.“ Das kam in einem Ton, der freundlich war, aber keine Widerrede duldete.

Nach einer Pause fragte Roland: „Wohnen Sie hier? Ich habe Sie noch nie hier gesehen?“

„Vorübergehend“, antwortete die Dame.

„Ziehen sie schon wieder um?“

„Ja, nach Friedenau, dort habe ich meine Praxis.“

„Feine Gegend. Was haben Sie denn für eine Praxis?“

Die Wirtin brachte eine Weinschorle und zugleich ein Bier für Roland, dessen Glas leer war. Beide schwiegen, während die Gläser ausgetauscht wurden. Als die Wirtin wieder am Tresen war, begann die Dame: „Welche Art Praxis ich führe, fragen Sie? Das hat viel mit dem Buch hier zu tun. Ihnen sagt doch der Begriff Astrologie etwas?“

Rolands Aufmerksamkeit war geweckt. „Aber sicher sagt mir das was. Sagen Sie nur, Sie machen so etwas, Wahrsagen und so?“

„Richtig. Wahrsagen und so.“

„Da hat mich ja die Vorsehung an ihren Tisch geschickt! Ich glaube nämlich an so was!“

„Nun, da gibt es große Unterschiede. Ich lege zwar auch Karten, aber meine Spezialität ist Hellsehen.“

„Hellsehen?“

„Ja, Voraussagen,  Dinge vorhersehen, Verschwundenes auffinden und dergleichen.“

„Dann können Sie ja für die Polizei arbeiten.“

„Das könnte ich. Wenn sie mich braucht.“

„Aber das andere können Sie auch? Kartenlegen, Pendeln und so?“

„Wie gesagt, das beherrsche ich auch.“

„Könnten Sie mir auch -?“

„Sicherlich, wenn Sie dafür bezahlen.“

„Mara! Ick hab ne neue Tusse für meen Jeschick!“, rief Roland plötzlich quer durchs Lokal.

„Aber nicht gleich hier und jetzt!“ Die Dame griff in ihre Handtasche als ob sie etwas suchte. „Ach, nun habe ich keine dabei. Sind Sie morgen auch wieder hier?“

„Ich bin jeden Tag hier von halb sechs bis mindestens halb sieben.“

„Ich gebe Ihnen morgen meine Karte. Aber Sie könnte mir gerne schon von Ihnen erzählen, wer Sie sind, was Sie so tun und warum Sie sich die Karten legen lassen wollen.“

Roland war fasziniert von dieser Frau, die trotz ihres fortgeschrittenen Alters sehr attraktiv wirkte, erfahren und stilvoll. Eigentlich hatte er immer Angst vor solchen starken Frauen gehabt. Und eine solche Frau interessierte sich für ihn! Für ihn kleines Würstchen. Obwohl sie schwarze Haare hatte und ganz sein Typ war, er hatte zuviel Respekt vor einer solchen Frau, als dass er an irgend etwas Verbotenes dachte. Und dennoch, es zog ihn hin. Und schließlich wusste ja keiner, wohin das noch führen konnte. Es gab immer ein Vielleicht. Er würde schon sehen, was daraus erwachsen würde. Und wie sie ihn anblickte, aus ihren hellen, wissenden Augen, aus Augen, die in die Zukunft sehen konnten, die die Dinge der Welt durchschauten, die Wahrheiten kannten, die er nie kennen lernen würde. Kurz durchzuckte es ihn. Wenn sie in die Zukunft blicken konnte, warum nicht in seine Vergangenheit? Egal, die andere hatte ja auch nicht sein Geheimnis gelüftet. Soweit reichten ihre Fähigkeiten nun doch nicht. Und die Zukunft war etwas ganz anderes als die Vergangenheit, die von einem schwarzen Mantel verdeckt war. Die Zukunft leuchtete, wie die Augen der Seherin, sie war voller neuer Farben, voller Hoffnung. Die Vergangenheit war schwarz, dunkel und abgenutzt.

Roland saß mit der Dame noch eine Stunde am Tisch und erzählte von sich, von seiner Frau, die die Kinder aus unerfindlichen Gründen weggeschafft hätte, zu den Schwiegereltern, davon, dass er nicht wüsste, warum er immer nur Pech mit den Frauen hätte und allgemein, was er alles in seinem Leben versucht hätte und nichts sei gelungen und so hoffte er, von Wahrsagerinnen wie sie eine war, einen Weg aufgezeigt zu bekommen, der ihm Glück brächte. Er sprach von seiner vierjährigen Tochter, seinem Ein und Alles, dem Einzigen auf der Welt, das ihm ein Gefühl von  Glück empfangen ließe,  seinem Herzblatt, seinem Sonnenschein, seiner Susi.

Die fremde Frau hatte sein Herz geöffnet und damit zugleich seinen Mund.

Und sie hatte schwarze Haare.

32 – Das Furchtbare nimmt seinen Lauf

Roland war an diesem Abend aufgedreht, besonders, als die tolle Frau, seine neue Pythia verschwunden war. Es gab noch Gerechtigkeit auf dieser Welt. Sie war genau zur rechten Zeit in sein Leben getreten, er hatte schon die Zeitungen von oben nach unten durchgesehen, alle, die dort eine Anzeige laufen hatten, schienen ihm zu ungreifbar, zu fremd. Hier war eine auf ihn zugekommen, so musste es im Leben sein, dass der Zufall einem in die Hände spielt, das Leben es einmal gut mit einem meint und sich von der Sonnenseite zeigt.

Diese und ähnliche Gedanken waren in seinem Kopf wirr umeinander geschossen, er hatte sie mit immer mehr Alkohol verschönt und war seit langem nicht mehr so froh. Als er vor lauter Freude Mara umarmt hatte, war allerdings ihr breitschultriger Ehemann aufgetaucht, hatte ein drohendes Brummen ausgestoßen und ihm seine Faust gezeigt. Er nahm diesen Dämpfer seines Glücksgefühl zum Anlass und ging heim.

Am nächsten Tag konnte er es kaum erwarten, seine neue Fee zu sehen. Sofort nach der Arbeit war Roland ins Gypsy gefahren. Doch sie war noch nicht da. Als sie eine halbe Stunde später immer noch nicht erschienen war, wurde er ungeduldig, bekämpfte dies Gefühl mit einem weiteren Schnaps, was aber nicht viel nützte.

„Na“, sagte Mara, „deine neue Flamme lässt dich aber schmoren, was?“

„Sie ist nicht meine Flamme, sie ist mein -“ er suchte nach einem passenden Wort.

„Engel“, half Mara aus.

„Ja, mein Engel, mein Schutzengel!“, verstärkte er den Begriff.

„Wenn dein Schutzengel sich nicht als Todesengel entpuppt!“  War die Zigeunerin Mara vielleicht doch eine Wahrsagerin? Doch solche Gedanken kamen ihm nicht, er war voll fokussiert auf das Erscheinen seiner neuen Bekanntschaft.  Als sie dann endlich kam, war er schon ein wenig angeschickert. Sie kam gleich auf ihn zu, schaute ihm in die Augen und hielt ihm eine Visitenkarte hin.

„Dort können Sie mich morgen treffen. Ich warte um sechs Uhr auf Sie. Nüchtern!“ Damit drehte sie sich um und verließ das Lokal. Verdattert ließ sie ihn zurück. Als er die Türe öffnete, um sie zurück zu holen, war sie bereits verschwunden.

„Ein wahrer Rauscheengel“, sagte Mara, „rauscht rein und wieder raus! Was sagte sie, nüchtern? Ist sie Ärztin? Na das ist ja ein bezauberndes Engelchen. So würde ich mit mir aber nicht umspringen lassen. Nüchtern!“

Auf der Karte war nur ein Name, Jenny, ein Straßennamen mit Nummer und das Stockwerk angegeben. Keine Telefonnummer. Und der Name klang erfunden, wie der aller Wahrsagerinnen.

„Ach lass mal, Mara, die weiß schon, was sie will.“

„Das scheint mir auch so, Roland.“

Pünktlich um sechs Uhr am Nachmittag drückte Roland den Zeigefinger auf die Klingel vor dem Namensschild, auf dem Jenny stand. Gleich darauf ging der Summer und die Türe öffnete sich. Er hatte bei Mara ein kleines Bier getrunken und sich eine Ermahnung eingehandelt, die er mit dem Spruch Eines ist Keines weggewischt hatte. Er spürte eine leichte Aufregung im Bauch, während er die Stufen hoch ging. Dann stand er vor der Tür. Noch bevor er klingeln oder klopfen konnte, wurde ihm aufgemacht.

Roland sah in das Gesicht einer älteren Frau, die ihn um einen halben Kopf überragte. Sie hatte eine auffallende Hakennase und zwei streng blickende blaue Augen. Sie hätte ebenso Hütein des Grals als auch der Hölle sein können.

„Bitte, treten Sie nur näher!“, sagte sie mit tiefer Stimme. Das Lächeln von ihr ließ etwas in ihm schockgefrieren.

Als er eingetreten war, kam die Gralshüterin mit einem Silbertablett auf ihn zu und sagte: „Wir nehmen kein Honorar, sondern nur Geschenke. Geben Sie, was Ihnen der Besuch wert ist.“

„Im Voraus?“, fragte Roland eingeschüchtert.

„Im Voraus!“

Roland griff in die Tasche und holte zwei Scheine zu fünfzig heraus. Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass er mit einem Schein hinkommen würde, doch er scheute sich, nur einen der beiden Scheine hinzulegen und den anderen wieder einzustecken. So gab er beide.

Die Dame verneigte sich leicht und sagte mit einem Lächeln, welches einem die Hosen ausziehen konnte: „Danke.“ Dann verschwand sie in einer der drei Türen, die von dem ansonsten leeren Flur ausgingen. Kaum hatte sich die Türe geschlossen, ging eine andere auf und die Wahrsagerin, seine Fee, lächelte ihn an. Sie trug ein dunkelblaues, wallendes Kleid und einen großen roten Stein an einer Kette um den Hals. Mit ihren tiefschwarzen Haaren und den blauen Augen sah sie aus, wie aus einem Märchen.

„Kommen Sie, Roland“, sagte sie. Er trat in den Raum und erblickte einen großen Tisch aus Mahagoni, davor und dahinter ein Stuhl. Weitere zwei Stühle standen an der Wand. Dunkelblaue Vorhänge, die der Farbe ihres Kleides glichen, hingen wohldrapiert am Fenster. Ein kleines Sideboard stand an der Wand. Das war alles, was diesen Raum ausfüllte.

In der Nähe seiner Jenny fühlte sich Roland wieder pudelwohl. Sie reichte ihm ihre warme Hand und schaute ihm tief in die Augen und bat ihn, Platz zu nehmen.

„Jenny ist aber ein ungewöhnlicher Name für eine Wahrsagerin“, sagte er forsch.

„Finden Sie?“

„Ja, ich habe mich schon gefragt, woher der Name kommt. Es gab mal eine Sendung mit der Zauberin aus der Flasche.“

„Sie meinen Bezaubernde Jeanie mit Barbara Eden. Nein, damit habe ich nicht zu tun. Wenn Sie es wissen wollen, der Name ist von Bertold Brecht. Spelunken-Jenny.“

„Spelunken-Jenny ist gut. Wenn ich daran denke, wo wir uns kennen lernten.“

„Wollen wir beginnen? Worauf soll ich Karten legen?“ Jenny ging zum Sideboard und holte ein Kartendeck hervor. Während sie mischte, sagte Roland: „Ich habe Ihnen doch von meiner Frau und einer dummen Situation erzählt, in der ich gerade stecke. Wollen wir erst einmal darauf legen?“ Er hatte vor, sie zu testen, indem er nach dem Verbleib seiner Kinder fragen wollte. Das hatte er ihr nicht erzählt. Dabei würde er erkennen können, ob sie ihr Handwerk verstünde.

„Ich schlage vor, wir legen erst einmal auf Sie persönlich, dann können wir immer noch weitersehen.“ Sie sagte es in einer Art, die ihn überzeugte und schließlich musste sie wissen, wie sie vorgehen wollte.

Jenny begann zu legen. Gespannt verfolgte er, wie sie die Karten auflegte.

Sie schaute die Karten eine Weile an, bevor sie zu sprechen begann.

„Ich sehe, sie waren schon einmal in einer eheähnlichen Beziehung. Dort gab es ein Kind.“ Roland war verblüfft. Er antwortete nicht sondern schaute starr auf die Karten.

„Frauen werden in ihrem Leben eine zunehmende Rolle spielen.“ Wie war denn das zu verstehen? Wäre ja schön, wenn er mehr Glück bei Frauen hätte!

„Hier sehe ich, dass Ihnen etwas Bedeutendes bevorsteht.“ Roland spitzte die Ohren. Was würde da kommen? „Nur ist es in diesem Zusammenhang nicht genau zu erkennen, ich muss speziell darauf legen.“ Dann tippte Jenny auf eine Karte. „Diese Konstellation gibt mir zu denken – warten Sie.“ Sie fuhr mit dem Finger streichelnd über zwei Karten. „Zwei Kinder. Unter Palmen? In Urlaub? Kann es sein, dass Ihre Kinder in Urlaub sind?“

Verdutzt sagte er: „Ja. Sozusagen.“ Jetzt trat Schweiß auf seine Stirn. Woher konnte sie das wissen? Stand das in den Karten?

„Können Sie denn sagen, wo sie sich befinden?“

„Lassen Sie mich sehen, ich werde neu legen.“ Flink gingen ihre Hände und bearbeiteten die Karten und schon lagen sie in neuer Konstellation.

„In einem Haus, wohlbehütet. Bei älteren Personen. Sagen Sie nichts. Ich kann Ihnen mit der Kugel genau sagen, wo sie sich befinden. Wollen Sie das?“

„Ja!“ Und ob er das wollte. Er wusste ja, wo die Kinder sich befanden, ob sie das auch herausfinden würde?

Jenny hatte die Kugel geholt und stellte sie neben die Karten, nahm eine Kerze, zündete sie an und stellte sie in einiger Entfernung auf den Mahagonitisch.

„Ich bitte Sie jetzt, ganz still zu sein.“ Er nickte. Sie schaute in die Kugel, in der er nichts sah, als ein seltsam verzogenes Abbild des Fensters, vermischt mit einigen Farben und der Kerzenflamme.

Jenny sprach sehr leise und ließ zwischen den einzelnen Sätzen Pausen unterschiedlicher Länge: „Sie sind im Norden. Nicht sehr weit. Die Straße hat ein Tier im Namen. Ein Tier aus dem Wald. Dann sehe ich einen Krebs. Nein, das Zeichen des Krebses. Nummer neunundsechzig. Rehstrasse neunundsechzig. Stimmt das?“

„Ja, bei meinen Schwiegereltern, das ist die Adresse.“ Er war aufs Äußerste beeindruckt. „Wie machen Sie das nur?“, rief er.

„Die Kugel kann nicht lügen.“ Sagte sie und lächelte entwaffnend. Er war einen Augenblick lang sprachlos. Dann wagte er die Frage: „Und was ist das Bedeutende, was auf mich zukommt?“

Jenny sah ihn durchdringend an, während sie die Karten vor ihnen wegwischte und die Kugel in die Mitte schob.

„Wollen Sie das wirklich wissen?“

„Und ob!“

Jenny nahm die Kugel in die Hand, dann polierte sie sie mit einem Tuch, das sie irgend woher gezogen hatte.

Roland wurde heiß. Er verstand nicht, was hier vor sich ging. Er hatte noch nie eine solche Sitzung erlebt. Bisher war alles immer sehr vage gewesen, was ihm erzählt wurde. Welche besondere Kraft besaß diese Frau? Was hatte er für ein Glück, an eine solche Frau zu geraten!

„Legen Sie ihre Hände auf den Tisch. Spreizen Sie die Finger und führen sie beide Daumen aneinander. Sie müssen sich berühren.“

Er tat wie geheißen und war froh, sich die Fingernägel gereinigt zu haben.

Er sah, wie sie in die Kugel blickte, ihren Kopf näher an die Kugel brachte, um deutlicher zu sehen und wie sie die Augen schloss.

Dann sagte sie mit geschlossenen Augen: „Es kommt eine Zeit, sehr bald, da werden Sie gefordert werden. Sie brauchen alle Ihre Nerven. Sie dürfen nicht schwanken. Sie werden ganz sicher Beratung brauchen. Dann, nur dann wird sich ganz plötzlich für Sie ein Paradies auftun.“ Er hatte bei jedem der Worte an ihren Lippen gehangen wie ein Spieler an der Roulettekugel. Er wusste einfach, dass sie die Wahrheit sagte, nichts als die Wahrheit. Jenny stöhnte. Dann öffnete sie langsam die Augen und sah ihn an.

„Bitte gehen Sie. Für die nächste Sitzung erwarten wir kein Geschenk mehr. Entschuldigen Sie mich.“

Jenny stand auf und ging ohne einen Blick zu ihm zurück zur Tür, die zum Nebenraum führte und indem sie verschwand, trat die Gralshüterin auf und begleitete ihn wortlos zum Ausgang.

„Man sieht sich!“, war alles was sie sagte.

33 – Dusan und das Geheimnis der Frauen

„Hallo, guten Tag, mein Name ist Zoller.“ Er gab dem Besucher die Hand und bot ihm einen Sitzplatz an. „Es freut mich, den Großonkel unserer bezaubernden Radka kennen zu lernen. Wie ich sehe, hat unsere Praktikantin bereits ihren Platz und ihre Grundstellung eingenommen.“ Radka räkelte sich im Besuchersessel, wohingegen ihr Großonkel auf einen normalen Stuhl vor Zollers Schreibtisch saß.

„Unsere Radka ist ja sehr rührig. Wir wissen ihre geistige Agilität zu schätzen, wenn sie auch etwas aus dem Rahmen fällt.“ Zoller machte eine Pause. „Wir hatten Radka gebeten, nicht auf eigene Faust tätig zu werden in der Angelegenheit  der Damen, aber sie hatte es wohl für notwendig gehalten, weiter zu ermitteln und hatte dazu auch Sie eingeschaltet.“

„Bevor Sie weitersprechen, möchte ich etwas klarstellen.“ Dusan richtete sich in seinem Stuhl auf und sprach mit all der Autorität seines Alters. „Meine Großnichte hat mich nicht eingeschaltet. Das muss ich weit von mir weisen. Radka hat mir lediglich von einem Damenclub erzählt, von dem sie vermutet, dass die Damen, die diesem Club angehören, Dinge tun, die vielleicht nicht gesetzeskonform sein mögen. Sie hatte, wenn Sie so wollen, mir lediglich eine Idee mitgeteilt.“

„Gut. Wir wollen hier auch nicht über Radka richten. Sie sind gekommen, weil Radka keine Ruhe gegeben hatte und wohl auch nicht geben würde, bevor Sie uns nicht die Verdachtsmomente erläutern, die Sie gefunden haben.“

„Ich teile die Ansicht meiner Großnichte und denke, Sie sollten zumindest Kenntnis davon erhalten, dass sich dort etwas anzubahnen droht, was zu einem Fall führen könnte, dem Sie dann, wenn es dazu führt, was wir vermuten, als Mordkommission gegenüberstehen. Kurz, wir vermuten dass sich ein Verbrechen anbahnt.“

„Welche Anhaltspunkte haben Sie denn?“

„Wenn Sie erlauben, würde ich gerne von Anfang beginnen, damit sie meinen Schlussfolgerungen folgen können.“

Statt einer Antwort, machte Zoller eine Geste mit der Hand und nickte dazu. Dann setzte er sich in eine Positur, von der er wusste, dass sie uneingeschränkte Aufmerksamkeit signalisierte und lauschte.

„Nehmen wir an, ich hatte Lust, eine Reise zu machen. Auf dieser Reise nach Hamburg begegnete ich zwei angenehmen Damen im Zug, deren ungewollter aber direkter Nachbar ich im Speisewagen wurde. Die Damen sprachen in normaler Lautstärke, so dass ich alles gut von meinem Platz hören konnte. Sie sprachen von einem geplanten Mord.“ Hier machte Dusan eine Pause, damit sich das letzte Wort bei seinem Gegenüber sich mit gebührendem Gewicht einprägen konnte. Zoller nickte dem alten Herrn zu. Er hatte das Wort vernommen, welches er jeden Tag mehrfach benutzte, dies seit Jahren. Es hatte bei ihm die Schlagkraft verloren, die es in anderen Ohren haben mochte.

„Wie wollen wir ihn töten? Das war die Frage, um die es im gesamten Gespräch der beiden Damen ging. Sie erwägten die verschiedensten Mordmethoden und sprachen von diesen, als ob sie sie bereits ausprobiert hatten. Ich konnte nicht so tun, als ob ich es nicht mitbekam, dazu saß ich zu nahe dran. Deshalb fragte ich einmal nach, ob sie einen Mord planen würden. Die Antwort war frappierend einfach. Sie seien Autorin und Lektorin, die einen neuen Roman besprachen. So weit so gut. Das wäre ja auch weiter nicht relevant gewesen, wenn sich nicht Weiteres ergeben hätte.“

„Wollen Sie vielleicht einen Kaffee? Unsere liebste Radka brennt förmlich darauf, Ihnen eine Erfrischung zu besorgen.“ Zoller sah auf die eingerollte Radka, die, im Rücken ihres Großonkels lungernd, mit keiner Faser daran gedacht hatte, was Zoller ihr andichtete. Sie streckte ihm die Zunge heraus.

„Na?“ sagte Zoller.

„Bitte?“, fragte Dusan, der das Ganze nicht mitbekommen hatte.

„Nein, ich meine nicht Sie, ich meine Radka. Ist sie zu Hause auch so frech?“

„Radka und frech? Niemals!“ Dusan lachte Zoller an. Er hatte begriffen, dass eine nonverbale Kommunikation zwischen den beiden stattgefunden haben musste.

„Wenn es denn sein muss! Was darf ich den Herren kredenzen?“ Radka trat näher, dabei reckte sie sich wie eine Katze, um zu zeigen, wie sehr man sie in ihrer Ruhe gestört hatte. Sie schien zu wissen, dass man ihr nur wenig übel nehmen konnte.

„Na, alles, was so dazu gehört. Kaffee, Zucker, Milch, Löffel, Tasse – möchten Sie etwas Kuchen aus der Kantine? Also auch Kuchen. Und weil du so freundlich warst und dich anerboten hast, darfst du auch dir etwas mitbringen. Auf Kommissariatskosten.“

Radka machte eine witzige Grimasse und verschwand.

Dusan fuhr fort. „Wenn ich nur die Äußerungen aus dem Zug vorzuweisen hätte, säße ich nicht hier. Aber es begab sich Folgendes: Da ich von der Existenz dieses Frauen- beziehungsweise Witwenclubs wusste,  habe ich mich vor ihrer Villa auf die Lauer gelegt und eines Mittwochs mich an eine Dame, besser, an ihr Fahrzeug gehängt. Eigentlich wollte ich ihr nach Hause folgen und überlegen, wie ich an sie herankäme, doch dann passierte das mit dem Unfall. Ich habe sie an einer Ampel leicht touchiert und schon war der Kontakt geschlossen.“

„Sie haben bei dem ‚Unfall’ nicht ein bisschen nachgeholfen?“

„Das zu entscheiden, überlasse ich gerne Kriminalhauptkommissaren. Jedenfalls lernten wir uns kennen. Diese Dame und ich. Die Dame heißt Brigitte Stahn und ist Witwe, wie die anderen Damen des Clubs. Offenbar hatte sie sich in mich verknallt, denn sie sprach nach einigen Treffen sehr offenherzig mit mir. Sie sprach über Kriminalfälle, die im Club besprochen würden. Jede einzelne der Damen habe direkt oder indirekt etwas mit dem vorzeitigen Ableben ihres Mannes zu tun gehabt. Sie hätten sozusagen eine Sammlung angelegt von Fällen, wie man sich seines Ehemannes entledigt.“

„Das klingt schon interessanter. Sammlung? Hat sie das Wort benutzt?“

„Ja, Sammlung. Ob sie damit eine Aufzeichnung der Fälle meint, entzieht sich meiner Kenntnis. Denn es lag offenbar ein neuer Fall vor. Es sollte – wie ich im Zuge bereits erfahren hatte – ein weiterer Mord an einem Ehemann geplant werden.“

„Und das alles hat sie ihnen frei und fromm erzählt?“

„Sie weiß von meiner Tätigkeit als Zeitungsredakteur und unterstellt mir ein wissenschaftliches Interesse. Eigentlich kann ich mir ja nicht vorstellen, dass, wenn man mit einem Mord beschäftigt ist, man es anderen weitererzählt.“

„Ja, ich halte das auch für unwahrscheinlich. Kann es nicht sein, dass die Frauen nur einen literarischen Club bilden und von irgendwelchen Hirngespinsten erzählen?“

„Das überlegte ich auch, bis es weitere, recht deutliche Hinweise gab auf eine konkrete Person. Ein Roland Farner, der bereits als Kinderschänder in Erscheinung getreten ist, soll wieder ein Kind missbraucht haben.“

„Ja, Radka berichtete bereits und ich habe auch die Akte hier.“ Zoller deutete auf ein dickes Schriftstück auf seinem Schreibtisch.

„Offenbar wollen die Damen ihn zur Strecke bringen.“

„Hat Ihnen diese Brigitte das erzählt?“

„Weiß Gott nicht! Seit Mittwoch vor acht Tagen spricht sie gar nicht mehr mit mir darüber. Kein Wort. Und wenn ich sie frage, nur leicht antippe, weicht sie aus, wechselt das Thema. Doch ich hatte Zeit und Muße und habe diesen Roland ausfindig gemacht. Ich will nicht sagen dass ich eigentlich Ihre Arbeit tue, denn Ihr Einsatz beginnt ja erst nach dem Mord, sozusagen wenn eine Leiche bereit gestellt wurde, aber ich kam mir vor wie ein Kriminalist, der einen Mord zu verhindern sucht. Nun gut. Dieser Roland hat eine Wahrsagerin kennen gelernt und ich habe die Vermutung, dass es sich bei dieser Dame um eine Dame aus dem Club handelt.“

„Nicht möglich! – Ich meine, das wäre ja ein Ding!“

„Durchaus. Denn was soll ich Ihnen sagen, ich beobachtete meine Brigitte, wie sie mit anderen Frauen eine Wohnung in Friedenau einrichtete.“

„Und was hat diese Wohnung mit der Wahrsagerin zu tun?“

„Diese Wohnung gehört einer der Damen aus dem Club. Sie hat sie zur Verfügung gestellt als Domizil der Wahrsagerin, die sich Jenny nennt. Mir scheint, dass die Wahrsagerin in den Mordplan mit eingewebt ist, den die spinnen, eine entscheidende Funktion haben muss, als Vorbereitung zur möglichen Hinrichtung.“

„Hab ich was verpasst?“ Radka kam mit einem Tablett und stellte es auf den Schreibtisch von Zoller.

Keiner der beiden Herren nahm sie wahr, noch beachtete einer, wie sie den Kaffee austeilte und den Kuchen. Sie sprachen einfach weiter, ohne auf sie einzugehen.

„Sie haben die Adresse? Gut. Schreiben Sie sie auf. Es scheint, als ob wir hier tätig werden können, immerhin ist möglicherweise Gefahr im Verzug. Obwohl mir nicht besonders gut bei der Sache ist. Aber man kann ja einmal nachsehen.“

Radka begann zu singen: „Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich“, wobei sie das mich lang zog und lauter wurde. Doch aus das half nicht, die Herren gaben sich geschäftig. Der eine schrieb, der andere redete und sie war nur Servicepersonal, stummer Diener, Kammerzofe, schlecht bezahlt und nicht beachtet.

„Will mir nicht mal einer erklären, was hier läuft?“

„Radka, tu mir den Gefallen und roll dich in deinen Sessel dahinten. Zuhören ist erlaubt.“

„Radka dankt auch recht herzlich“, sagte sie schmollend und zog sich zurück.

Zoller wandte sich wieder an Dusan. „Ich habe mir Folgendes überlegt. Zusammen mit meiner Oberhauptkommissarin Radka werde ich gelegentlich diese Wahrsagerin Jenny aufsuchen. Falls Ihnen bei Ihrer Beobachtung etwas auffällt, hier meine Handy-Nummer. Wir werden den Damen mal auf den Zahn fühlen.“

Im Sessel glänzten Radkas Augen. Sie hatte erreicht, dass man ihre Idee ernst nahm. Dafür würde sie hundert Mal die Kammerzofe spielen.

Am späten Nachmittag erreichte Zoller der Anruf, dass der gewisse Roland bei besagter Adresse war, danach sei er in sein Stammlokal gefahren. Dusan war ihm gefolgt und hatte mitbekommen, wie er der Wirtin von der Wahrsagerin vorgeschwärmt hatte. Er stand am Tresen in seiner Nähe mit einem Bier und konnte alles genau verfolgen. Er hatte gehört wie Roland davon berichtet hatte, was sie alles aus Karten und Kugel herausgelesen hatte über seine Vergangenheit und dass sie sogar den Ort hatte bestimmen können, wo die Kinder derzeit untergebracht waren. Eine Superfrau. Wahnsinn. Und die nächste Sitzung sei kostenlos.

Es bahnte sich etwas an.

34 – der Schock

Der Schock traf Roland wie ein Blitz. Gestern hatte ihm Jenny die Vorhersage gemacht, heute schon traf sie ein.

Seine Frau hatte ihn auf der Arbeitstelle aufgeregt angerufen und ihn gebeten, sofort nach Hause zu kommen, es sei etwas Schreckliches passiert. Am Telefon wollte sie es ihm nicht sagen und so nahm er sich frei, ließ alles stehen und liegen, eilte nach Hause und fand seine Frau Maria völlig aufgelöst und verheult. Eine Nachbarin hielt ihr die Hand und schaute ihn trostlos an.

Was war geschehen?

Seine Tochter Susi, seine leibliche Tochter war verschwunden. Die Schwiegereltern waren mit den Kindern auf einem Spielplatz gewesen, plötzlich sei nur noch die ältere zu sehen gewesen und man hatte nach der Kleinen gerufen, sie gesucht, aber auch nach längerem Suchen nicht gefunden. Sofort war die Polizei eingeschaltet worden. Kaum hatte Roland dies vernommen, setzte er sich in seinen Wagen und fuhr die hundertzwanzig Kilometer zum Wohnort seiner Schwiegereltern wie ein Verrückter. Dort angekommen, schickte ihn die Polizei strikt nach Hause, er könne dort nichts tun, alles läge in den Händen der Polizei, man wolle ihn dort nicht sehen. Auch die Schwiegereltern schickten ihn kalt nach Hause zurück zu seiner Frau. Wahnsinnig vor Kummer raste er die Strecke wieder zurück.

Dort, im Hause, wo Roland und Maria wohnten, hatte sich die Entführung wie ein Lauffeuer verbreitet. Es war eine Krankenschwester gerufen worden, die sich um Maria kümmerte. Die Nachbarn standen im Treppenhaus und vor der Haustür und zerfetzten sich die Münder. Man hörte Wortfetzen hier wie „Man müsste -“ und dort  „Man sollte -“ und wieder woanders „Wenn ich zu bestimmen hätte, dann -“, manchmal auch, „Das arme Kind“ und „Die arme Mutter“. Es tuschelte und raschelte und plapperte. Zu einer solchen Gruppe Hausfrauen kam ein ehrbar aussehender Mann über sechzig, in Hut und Mantel, der die Frauen fragte, was denn geschehen sei. Sie berichteten ihm aufgeregt von der Entführung der kleinen Susi. Der Mann zog nach alter Manier den Hut, bedankte sich und ging eilig fort.

Als Roland zu Hause ankam, hatte seine Frau sich etwas gefasst, was ihn noch mehr aufbrachte, er geriet außer sich und zerstörte einen Teil der Wohnungseinrichtung, was natürlich nicht im Geringsten half. Er musste herausfinden, wo seine Tochter war. Bis die Polizei mit ihrem vor lauter Administration lahmen, Apparat eine Spur aufnehmen konnte, könnte schon sonst was passiert sein. Es könnte einer dieser kranken Hirne sich seine Tochter geschnappt und Unvorstellbares mit ihr angefangen haben. Allein die Vorstellung machte ihn verrückt und rasend. Er musste schnellstens herausfinden, wo seine geliebte Susi steckte. Sein Kind, seine Tochter Susi, die Fee Jenny, seine Frau Maria, ihm drehte sich alles im Kopf. Eine Übelkeit packte ihn, eine Würgegefühl, wieder und wieder. Er musste sich übergeben. Danach fühlte er sich nicht wohler, sondern furchtbar, zerknirscht, er zitterte

Jenny!

Genau das war der Weg! Sie würde wissen, sie müsste wissen, wo seine Tochter ist. Auf den Meter genau. Und er würde nicht gehen, bevor sie ihm nicht die Adresse gegeben hätte. Sie war so gut, so fähig. Wenn nur alle Frauen so fähig wären. Und er dachte an die Worte von Jenny. Er müsste alle seine Nerven zusammen nehmen. Er müsste ihren Rat holen. Es würde sich alles zum Guten wenden, es würde paradiesisch werden.

Er schaute auf die Uhr. Es war vier Uhr nachmittags. Sie muss einfach dort sein. Er brauchte sie jetzt dringender, als alles andere. Er setzte sich in seinen Wagen und brauste los.

Sie würde dort sein. Ganz sicher.

Inzwischen hatte Zoller einen Anruf auf seinem Handy bekommen. Dusan war dran und berichtete, er habe gerade vernommen, dass die kleine Susi, die Tochter des gewissen Roland, entführt worden sei. Nein, nicht in Berlin, irgendwo außerhalb, Richtung Oranienburg. Er, Zoller, könnte das ja überprüfen lassen. Dusan war sich ganz sicher, dass es hier einen Zusammenhang mit der Wahrsagerin gäbe. Er führe jetzt zu ihr und würde sich vor ihrem Hause auf die Lauer legen.

Es dauerte auch nicht sehr lange, als der zweite Anruf kam, der sagte, Roland sei angebraust gekommen, habe seinen Wagen blindlings in eine Einfahrt gegenüber des Hauses von Jenny gestellt und sei zu Jenny ins Haus gelaufen. Etwas spitze sich zu, da sei er ganz sicher. Vielleicht sei es angebracht, jetzt einmal die Wahrsagerin aufzusuchen. Zoller sagte zu, er käme sofort.

Roland zitterte vor Aufregung. Es hatte sich beim ersten Klingeln nichts getan. Er würde verrückt werden, wenn sie nicht da wäre. Er presste seinen Finger auf den Klingelknopf und wartete. Da hörte er aus dem Sprechgerät eine sehr tiefe Frauenstimme. Er sah auch sofort das Gesicht vor sich. Sie fragte: „Ja, bitte?“

Roland nahm sich sehr zusammen, um nicht die ganze Geschichte jetzt in dieses Mikrofon zu stammeln und sagte: „Farner, Roland Farner.“

„Haben Sie einen Termin?“

Er platzte fast vor Ungeduld und antwortete nervös: „Nein. Es ist dringend! Ich muss Jenny sprechen. Jetzt, sofort!“

„Warten sie bitte einen kleinen Moment.“

Es konnte nicht wahr sein, jetzt, da es ihm brannte wie nie, sollte er auf der Straße warten. Wenn sie eine gute Fee wäre, würde sie doch spüren, wie eilig er es hatte.

„Kommen Sie!“ Der Summer ging. Roland nahm zwei, drei Treppenstufen auf einmal, dann kamen ihm zwei Frauen entgegen, die den Aufgang fast versperrten. Er bekam gerade noch mit, dass er mit einer kleinen Frau fast zusammenstieß, deren Haare in Karottenrot strahlten, dann war er vor der geöffneten Tür und trat ein. Die Gralshüterin empfing ihn mit einem untergründigen Lächeln und zeigte wortlos auf die einen Spalt offen stehende Türe zum Raume, den er schon kannte. Zitternd vor Erregung trat er ein. Der Raum war leer. War sie doch nicht da? Sollte er womöglich auf sie warten? Die Gralshüterin hatte die Türe hinter ihm zugezogen.

Auf dem Tisch sah er, dass die Karten wie nach einer Lesung aufgelegt waren. Sie war also da. Welch ein Glück.

Die andere Tür öffnete sich und schöner als je erschien ihm seine Fee. Sie trug wieder das strahlend blaue Kleid und ihre schwarzen Haare glänzten im Tageslich, welches durch das große Fenster fiel. Sie hatte nicht den großen leuchtend roten Stein um den Hals, heute war es ein schwarzer, matt glänzender Stein, der an einer Silberkette hing. Er Stein schien ihn anzublicken wie ein schwarzes Auge, ein teuflisches Auge. Doch von ihrem Gesicht strahle eine freundliche Milde. Mit einer Geste gebot sie ihm Platz zu nehmen. Er wollte heraussprudeln, ihr sein abgrundtiefes Leid schildern, doch schien sein Mund versiegelt von der Erhabenheit ihrer Ausstrahlung.

„Sehen wir uns so bald wieder?“

Roland wusste nicht, ob dies als Frage oder Feststellung gemünzt war. Doch brach es jetzt, da sie die ersten Worte gesagt hatte aus ihm heraus und er schilderte in chaotischen Worten, Sätzen und Halbsätzen sein Leid und forderte, bat und flehte sie an, ihm zu helfen, die Einzige, die ihm helfen könne, sei doch sie, die gute, die große, die einzigartige Jenny!

Jenny hatte das alles ganz ruhig aufgenommen. Sie zuckte mit keiner Wimper. Im Gegenteil, sie genoss den wirren Strom von Worten, die wie leere Hülsen aus seinem Mund herausfielen. Sie beobachtete in aller Ruhe den verwirrten und hysterischen Mann, hörte die Hilflosigkeit, die aus ihm herausschrie, spürte das Messer, welches das Leid in sein Herz stieß und dachte an die Mädchen und deren Hilflosigkeit und deren Schmerz und seelisches Leid und sie wurde immer ruhiger. Anfangs hatte sie gedacht, sie würde diese Situation nicht durchstehen, hatte genauso gezittert wie er, hatte sich im Nebenraum das Gesicht mit kaltem Wasser gekühlt.

Jetzt wusste sie wieder, was zu tun war.

Sie wischte mit leichter Hand die Karten vom Tisch und holte, jede Bewegung mit gespannter Konzentration ausführend, die Kugel und die Kerze auf den Tisch. Sie hörte schon lange nicht mehr auf sein Gewimmer. Sie stellte sich gerade vor, wie die anderen Frauen die Vorbereitungen trafen.

Als sie die Kerze angezündet hatte und ihm in die Augen sah, wurde er still. Wie ein Kind saß er vor ihr und erwartete das Unglaubliche.

Sie wusste, was er wollte und wusste, was sie tun musste.

Indem sie in die Kugel schaute, sah sie, wie die Frauen in der Hütte die Dinge bereitlegten, die sie benötigen würden. Den Äther, die Fesseln, die Axt. Sie sah, wie die Frauen dabei waren, sich Gummihandschuhe überzustreifen.

Sie begann: „Ich sehe etwas.“ Sie machte eine gedehnte Pause und sprach weiter, abgehackt, wie wenn ihr die Dinge neu ins Gesichtsfeld kämen. „Ein schwaches Tageslicht. Es fällt durch ein Fenster. Es fällt auf einen Gegenstand, den ich nicht genau erkennen kann. Blau und gelb. Gelb und blau. Oben ist etwas Rotes, feuerrot unten rote Schuhe?.“

„Sappi, die Puppe von Susi!“, rief Roland, „Wo ist sie!!“, schrie er.

„Bitte sprechen sie nicht dazwischen. Ich tue, was ich kann!“ Jenny setzte neu an. „Ich spüre, da ist was in dem Raum. Ein lebendes Wesen. Es hat Angst, furchtbare Angst. Dann ist da noch etwas. Nein. Ich komme nicht weiter.“ Jenny unterbrach abrupt und stand auf. „Nein, ich kann das nicht. Es entzieht sich mir. Es geht nicht!“

Roland liefen Tränen übers Gesicht. „Nein, Sie dürfen nicht aufgeben!“ Sein Gesicht verzog sich zur Fratze. „Jenny, ich zahle Ihnen, was sie wollen, nur machen Sie jetzt weiter. Bitte!“

Jenny schaute lange auf den Mann herab, dann setzte sie sich. Sie hörte, wie er erleichtert aufstöhnte.

Sie benötigte einige Sekunden, um wieder in den Fluss zu kommen, den sie absichtlich gestoppt hatte. Wieder sprach sie in abgehackten Sätzen.

„Ich habe Kontakt. Sie lässt mich zu. Es ist Susi. Sie ist schweißgebadet und hat sich in die Hose gemacht. Sie wagt sich nicht zu rühren. Sie denkt, er kann jeden Augenblick wieder erscheinen. Er. Ein Mann. Ich kann nicht sagen, ob er bei ihr ist. Jedenfalls ist er nicht in ihrer direkten Nähe. Sie zittert. Etwas tut ihr weh. Furchtbar weh. Der Mann hat sie angefasst. Es hat weh getan. Sie will nicht. Sie will nicht mehr, dass der Mann wiederkommt und ihr weh tut. Sie ist doch so hilflos. Und sie hat in die Hose gemacht. Ob die Mama jetzt böse ist? Sie weint. Sie will nach Hause. Es tut ihr so weh. Weißt du, wo du bist? Nein, sie war noch nie hier.“

Jenny blickte auf. Sie brauchte eine Pause.

Roland sah sie aus roten Augen an und fragte: „Können Sie nicht erkennen, wo sie ist? Ich muss sie da rausholen!“

„Gleich, gleich ist es soweit. Es kostet soviel Kraft.“ Sie blickte Roland ins Gesicht und sagte: „Wissen sie, was solche Männer erzählen? Sie sagen, das Mädchen habe es doch gewollt. Und das Mädchen hätte Spaß daran gehabt. Verstehen Sie das?“

Er schien nicht zuzuhören.

„Finden Sie meine Susi! Helfen Sie ihr, bevor es zu spät ist!“ rief er, hochrot im Gesicht.

„Ich werde Ihnen helfen. Sie müssen tun, was ich Ihnen sage. Ich habe gesehen wo sie ist!“

„Wo ist sie, sagen Sie wo sie ist!“ Roland war aufgesprungen und hatte sich über den Tisch gebeugt. In seinen Augen erkannte sie, dass er soweit war.

„Wo, verdammt, ist sie?!!“

„Sie werden sie nur retten können, wenn sie genau das tun, was ich Ihnen sage. Sie fahren durch Oranienburg durch, nach Löwenberg, dort biegen Sie auf die Bundesstraße nach Neuruppin. Nach genau drei Kilometern sehen Sie ein kleines, unscheinbares Schild, das in den Wald hinein zeigt, darauf steht Müllkippe. Nach zweihundert Metern geht ein schmaler Waldweg links ab, der führt zu einer Hütte. Dort ist Susi. Der Schlüssel zur Hütte hängt an dem kleinen unteren Ast der Birke, direkt neben dem Eingang. Beeilen Sie sich!“

Er wunderte sich nicht, dass sie ihm eine so genaue Wegbeschreibung geben konnte und diese wie auswendig gelernt vortrug. Für ihn waren es Erkenntnisse, die sie aus der Kugel hatte. Sie war ja eine Seherin. Roland rannte aus der Wohnung heraus, ohne ein weiteres Wort. Jenny sah ihm hinterher. Er würde in die Hütte fahren und man würde ihn nach einiger Zeit finden. Mit gespaltenem Schädel. Er wäre hier dem vermeintlichen Entführer begegnet, hätte mit ihm einen Kampf begonnen und hinterrücks erschlagen worden. Das war ihr Plan gewesen, dem Kinderschänder die passende Sühne zukommen zu lassen.

Jetzt war ihr Part vorbei. Die anderen würden den Rest richten und alle Spuren verwischen.

Da hörte sie von der Straße ein Reifenquietschen und dann einen und einen weiteren dumpfen Aufprall. Sie lief zum Fenster und sah hinunter. Was sie sah, zog ihr Herz zusammen. Ein Mercedes war in ein parkendes Auto gefahren, hatte aber zuvor noch einen Menschen, der offensichtlich die Straße hatte überqueren wollen, erfasst und auf die Fahrbahn geschleudert. Sie erkannte in dem Bündel Mensch, das in einer großen Blutlache lag, Roland, den Kinderschänder.

Tiefes Bedauern erfasste sie. Schade, dachte sie, er hatte ein anderes Ende verdient.

Dusan hatte in seinem Wagen gesessen und die Minuten gezählt, bis Zoller erscheinen würde. Er hoffte immer noch, dass nichts von dem stimmte, was Radka sich ausgedacht und er übernommen hatte, denn es wäre makaber, wenn man sich vor einem Witwenclub in acht nehmen müsste. Das würde alle lebenden Ehemänner angehen, die irgend einen Dreck am Stecken hätten.

Er hatte mitgespielt, weil es auf der einen Seite spannend und unterhaltsam war, auf der anderen Seite – falls es stimmen sollte – doch der Aufdeckung einer organisierten Kriminalität galt. Insgeheim traute er den Witwen das Verhalten nicht zu, doch sprach vieles dafür, dass sie sich auf eine Art und Weise betätigten, die, bei noch so viel Verständnis für die Schicksale der Frauen, nicht hinnehmbar wäre. Vielleicht würde sich bei genauem Hinschauen alles in blauen Dunst auflösen, wie auch im Zug nach Hamburg es eine einfache Erklärung für die fürchterlichen Pläne der beiden Frauen gegeben hatte.

Dann hatte er die beiden Frauen aus dem Hause kommen sehen, von denen er glaubte, mindestens eine schon einmal gesehen zu haben. Dieses karottenfarbene Rot war ihm schon einmal untergekommen, das musste bei der Villa in Zehlendorf gewesen sein. Er versuchte, Brigitte anzurufen. Er wusste nicht, was er ihr sagen oder was er fragen sollte, doch würde es ihn beruhigen, zu wissen, sie sei hieran nicht beteiligt. Sie meldete sich nicht. Auch das Handy ließ ihn auf die Mailbox auflaufen. Die Zweifel in Dusans Kopf wurden größer. Es waren allesamt Mörderinnen.

In diesem Moment sah er, wie Roland aus dem Hause kam, in Affentempo auf sein geparktes Auto zulief. Dann kam der Mercedes, die Reifen quietschten, der Fahrer riss das Lenkrad herum, erwischte Roland trotzdem noch, schleuderte ihn in die Höhe und der Mercedes krachte mit einem fürchterlichen Schlag in die Seite eines gegenüber parkenden Wagens.

Dusan rief sofort per Handy die Polizei, die den Rettungsdienst verständigte.

Gehörte vielleicht der Mercedesfahrer zu dem Mordkomplott? Was hatte die Wahrsagerin ihm erzählt? Solche und ähnliche Gedanken kreisten in seinem Kopf. Er sprang aus dem Wagen und lief zuerst zu dem auf dem Pflaster liegenden Roland. Er sah sofort, hier war nichts mehr zu machen. Dann wandte er sich dem Mercedes zu. Die Fahrerin saß immer noch in ihrem Wagen. War das nun eine der Witwen? Es war doch eher ein normaler Unfall, ging es durch Dusan’s Kopf. Nur keine falschen Verdächtigungen.

Er öffnete die Fahrertür, die Frau saß wie versteinert hinter dem Steuer und hielt das Lenkrad fest. Heulend sagte sie immer wieder: „Ich habe ihn nicht gesehen! Ich habe ihn nicht gesehen!“ Dusan fragte sie, ob ihr irgend etwas geschehen sei. Sie antwortete ihm, sie habe ihn nicht gesehen.

Da hielt ein Wagen neben seinem an. Radka stieg aus und lief zu Dusan. Zoller kam nach. Da tönten auch schon die Sirenen der Polizei und des Rettungswagens. Sie hielten quietschend vor dem Toten, der einige Meter hinter dem Unfallmercedes lag.

Dusan zeigte hinter sich auf den Toten und sagte nur: „Roland, das Opfer.“

Zoller ging zu dem Toten, wies sich den Polizisten aus und sprach kurz mit ihnen, beugte sich über das Unfallopfer und sprach mit der Besatzung des Rettungswagens.

Einer der Polizisten war zum Mercedes gekommen und hatte die Personalien der Fahrerin aufgenommen. Sie war noch voll im Schock und einer der Rettungsärzte kam zu ihr, nachdem man den Toten in den Rettungswagen verfrachtet hatte.

Zoller kam zu dieser Gruppe zurück und entsann sich der eigentlichen Aufgabe.

„Nachdem die Kollegen hier alles im Griff haben, werden wir einmal diese Wahrsagerin aufsuchen. Komm Radka, lassen wir uns einmal die Karten legen!“ Und zu Dusan sagte er: „Wir sehen uns später.“

Dusan zeigte ihnen noch, welchen Eingang sie zu nehmen hätten, als sie vor der Türe eine blonde Dame sahen. Radka sagte sofort: Das ist doch Frau Köhler!“

Ellen entfernte sich gerade von der Tür, als sie ihren Namen rufen hörte. Sie drehte sich um und blickte in die Augen von Radka und Zoller.

Zoller sagte: „Frau Köhler, was machen Sie denn hier?“

Am liebsten hätte Ellen ihren Schock hinter der Gegenfrage verborgen, was die beiden Kriminalpolizisten denn hier machten. Sie zögerte kurz, bevor sie antwortete: „Oh, ich wollte gerade zu meiner Wahrsagerin. Aber sie ist nicht da.“

„Ach, das ist auch Ihre Wahrsagerin?“ Radka merkte, dass sie das hätte nicht sagen sollen.

„Wieso? Wessen Wahrsagerin ist es denn noch?“

Zoller sah die einzige Möglichkeit im Frontalangriff. „Roland Farner. Kennen Sie den?“

„Nie gehört.“

„Na, denn guten Tag“, sagte Zoller, der wusste, das dies ein Schuss in den Ofen war. Was er nicht wusste war, dass Ellen furchtbar das Schlottern bekommen hatte, denn in der großen Einkaufstüte, die sie in der Hand hielt, steckte das blaue Kleid und oben darauf lag die schwarze Perücke, von der einzelne Haare verdächtig im Herbstwind flatterten.

„Guten Tag“, sagte auch Ellen und ging.

Zoller sah Radka an: „Komm, wir versuchen unser Glück trotzdem.“

Als sie an der Türe waren und nach dem Klingelknopf mit Jenny suchten, öffnete sich die Türe und eine baumgroße Frau mit Hakennase kam ihnen entgegen. Geistesgegenwärtig fragte Zoller sie: „Wohnen Sie in diesem Haus?“ Die Dame zog eine Augenbraue nach oben und antwortete mit tiefer Stimme. „Sollte ich? Nein, ich habe nur eine Freundin im dritten Stock besucht.“

„Oh, entschuldigen Sie bitte!“

Zoller nutzte die offenstehende Tür um mit Radka einzutreten. Vor der Wohnungstür mit dem Namensschild Jenny blieben sie stehen und klingelten. Als sich nach dem dritten Klingeln immer noch nichts rührte, gaben sie auf.

„Scheiße, sie muss doch da sein!“, stampfte Radka auf, „Dusan hat ihn doch hier drin gesehen und wo soll er denn sonst gewesen sein?“

„Ich glaube, man hat uns gefoppt.“

So unrecht hatte Zoller mit dieser Bemerkung nicht.

35 – Unter Verdacht

Am nächsten Tag saß Dusan Tchechow in Zollers Büro. Zoller hatte zwar einen neuen Fall bekommen, doch zu dieser Nacharbeit nahm er sich eine Stunde Zeit. Wanzke und Schneider waren am neuen Fall direkt dran, sie konnten ruhig alleine die ersten notwendigen Schritte unternehmen. Ein Bauunternehmer war offenbar von einem Gerüst gestoßen worden. Es hatte Zeugen gegeben. Nebenbei hatte man sich vorgenommen, die Witwe genau unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht war sie auch ein Mitglied des Zehlendorfer Witwenclubs.

„Fangen wir bei dem toten Roland Farner an“, begann Zoller. „Er ist eindeutig an den Folgen des Verkehrunfalls verstorben. Keine Drogen, kein Alkohol. Auch die Fahrerin des Wagens ist eine unbescholtene, verheiratete Frau, die vielleicht zu schnell gefahren war, jedenfalls ist der Herr Farner in ihr Auto gelaufen. Sie selbst waren der beste Zeuge“ sagte er mit Blick auf Dusan.

„Könnte die Wahrsagerin ihn hypnotisiert haben, in ein Auto zu laufen?“, fragte Radka. Sie saß heute, entgegen ihrer Gewohnheit, auf einem festen Stuhl neben ihrem Großonkel.

„Das entzieht sich aller Kenntnis über die Hypnose. Eigentlich kann man keinen per hypnotischen Befehl dazu bringen, etwas zu tun, was er im normalen Leben nicht auch tun würde. Es sieht eher so aus, dass er höchst aufgeregt war, vielleicht sogar hysterisch, als er in den Wagen lief. Mehr als den Vorwurf, den eh schon aufgelösten Mann noch mehr in Rage gebracht zu haben, könnte man dieser Wahrsagerin nicht anlasten. Bösartig, aber lange kein Tatbestand. Übrigens, die Tochter des Verunglückten, die Susi, ist wohlbehalten zurück. Sie war nie entführt worden, so sieht es jedenfalls aus.“

„Wie kann denn das sein?“, fragte Dusan. „Es war doch klar, dass eine Entführung vorgelegen hatte, oder nicht?“

„Ja, nach erster Aussage der Mutter und der Großeltern sicherlich. Die Tochter war ja auch verschwunden. Nur schien ein Kommunikationsfehler an der Vermisstenmeldung Schuld gewesen zu sein. Die Kleine war bei ihrer Tante. Die hatte man nicht erreichen können, weil sie, wie ihre Nachbarn ausgesagt hatten, verreist war. Das stimmte. Dazu hatte sie die kleine am Spielplatz abgeholt und hatte sie einen Tag in Obhut. Sie waren den Tag über in einem privaten Tierpark in der Schorfheide. Die Großeltern hatten es nur vergessen. Schlicht vergessen. Alle Aufregung umsonst. Kind wieder da, Mutter glücklich, Vater tot.“

„Wenn das mal nicht gewollt war!“ Radka ließ nicht locker.

„Aber es gibt keine Beweise!“

„Dann waren die Großeltern eingeweiht.“

„Mag sein, spielt aber keine Rolle.“

„Und welche Rolle hatte Frau Köhler, der wir an der Tür der Wahrsagerin begegnet sind, gespielt? Die Wahrsagerin?“

„Mag sein, spielt auch keine Rolle. Erstens, können wir es nicht beweisen und zweitens wäre das nicht strafbar!“

„Wer ist denn der Mieter der Wohnung, wo die Wahrsagerin lebt?“

„Erstens wohnt sie nicht mehr da, zweitens, na ja, die Wohnung wurde von einer Hanne Walser vermietet, sicherlich, eine der Damen der Villa. Aber auch Vermietung ist nicht strafbar. Sie hat angegeben, an eine Dame mit russischem Pass vermietet zu haben, für einen Monat, die Miete wurde im Voraus bezahlt, bar. Für die polizeiliche Anmeldung ist die Vermieterin nicht zuständig, so dass wir von der Dame nichts weiter erfahren konnten. Die Wahrsagerin ist eine Chimäre.“

„Gesehen hat sie allerdings die Wirtin des Gypsy“, sagte Dusan, „und gesprochen hat sie auch mit ihr.“

„Vielleicht erfahren wir es nie, wer dahinter steckt.“

„Aber alleine, dass es eine so seltsame Dame gab, alleine das Rätsel mit dem Verschwinden und Wiederauftauchen des Kindes, der sogenannten Entführung ist doch schon Beleg genug, dass es nicht mit rechten Dinge  zugeht!“, zürnte Radka.

„Wir können nichts beweisen.“ Dusan nickte beifällig zu Zollers Aussage.

Radka schäumte innerlich vor Wut, dass sie die Berechtigung ihres Verdachtes nicht hatte bestätigen können, trotz all der offensichtlichen Ungereimtheiten, beginnend mit dem mysteriösen Fall des Harry Köhler, dessen Frau diesem Witwenclub angehörte und welche auch im Fall Ferner eine Rolle gespielt haben musste. Diese verdammten Witwen! Schade, dass sie noch viel Zeit benötigen würde, um hinter die Fassaden zu schauen. Und nicht nur viel Zeit, auch einen Ehemann und der müsste tot sein. Aber daran dachte Radka in diesem Moment nicht. Sie fand nur ungerecht, dass all ihre Bemühungen und die ihres Großonkels für die Katz gewesen sein sollten. Wer hatte denn nun den Herrn Köhler auf dem Gewissen, der fünf Tage lang in dem Verlies eingesperrt war und sich dann selbst mit Hilfe einer Handgranate zu befreien suchte? Wer war wirklich Schuld am Tode des mutmaßlichen Kinderschänders Ferner? Es musste darauf eine Antwort geben. Und für Radka lag diese Antwort eindeutig in der Villa des Clubs der Zehlendorfer Witwen begraben. Auch wenn Zoller alle Zweifel beiseite geworfen hatte, sie wollte sie behalten. Sie war eine Frau. Sie hatte ihre eigene Intuition. Sollten sie doch alle zum Teufel gehen, sie wusste, wer hinter dem Ganzen stand, sie wusste, wie sich die Welt bewegte. Und in Anlehnung an die Aussage eines großen Weltgelehrten, brach es aus ihr heraus.

„Und sie waren es doch!“

36 – Finale

Der Flieger würde pünktlich in Boston landen. Ellen war müde von der Reise, aber ihr Geist war ausgeschlafen, von einer Wachheit beseelt, die sich einstellt, wenn man neue Ziele vor Augen hat, wenn frische Hoffnung auf ein neues Leben aufkommt, wie eine Brise nach langer Flaute, wenn eine neue Ära beginnt. Und der Neubeginn war eingeläutet. Sie setzte sich auf, um besser aus dem kleinen Fenster sehen zu können. Die Durchsage hatte gelautet, dass man über Neufundland sei und die Sicht war hervorragend. Was sie sah, waren nichts als tiefgrüne Tannenwälder, manchmal unterbrochen von geraden Linien, wo der Mensch die Straßen wie Peitschenhiebe in die Landschaft geschlagen hatte. Dann, über Neu Braunschweig glühten ihr riesige gelbrote Flächen entgegen, dort, wo der Laubwald seinen Indian Summer zelebrierte. Nur noch kurze Zeit und Ellen würde ihren Sohn in die Arme schließen.

Die letzten Tage in Berlin waren nicht ganz nach ihrem Geschmack verlaufen. Zuerst war die Polizei noch einmal bei ihr aufgetaucht. Sie wollten wissen, woher sie  diese mysteriöse Wahrsagerin namens Jenny kannte. Ellen war kein bisschen erschrocken, im Gegenteil beobachtete sie mit Genugtuung, wie dieser Zoller mit der kleinen, schwarzgekleideten Radka ihre Antworten abgewogen hatten und sich schwer taten, sie mit der Vermutung, die sie hegten, unter ein Dach zu bringen. Sie hatte gesagt, eine der Damen aus dem Club hätte verlauten lassen, dass sie ihre Wohnung kurzfristig an eine interessante Person aus der Ukraine vermieten wolle. Diese Frau übe die Tätigkeit einer Wahrsagerin aus und da sie einen sehr guten Eindruck auf sie, die Vermieterin, hinterlassen hätte, hätte diese sich darauf eingelassen. Sie hätte selbst eine Sitzung bei ihr durchgeführt und habe diese sehr genossen. Daraufhin haben sich einige der Damen aus dem Club bereit gefunden, auch einmal diese Wahrsagerin aufzusuchen. Das Kartenlesen sei nun mal eine Domäne der Frauen, besonders der älteren.

Dann waren sie leider noch einmal auf das Thema Roland Ferner gekommen. Es hatte ihr ein Schnitt in die Magengegend versetzt. Besonders eine Frage setzte ihr zu, als nämlich dieser Hauptkommissar Zoller eine Visitenkarte zückte und ihr vorhielt. Sie erinnerte sich, wie sie diese Karten, zehn an der Zahl, hatte in einem Automaten am Bahnhof Zoo drucken lassen. Es war ganz einfach gegangen. Bei der Frage, wie sie sich erkläre, dass ihre Fingerabdrücke auf der Karte festgestellt wurden, wurde ihr etwas mulmig. Daran hatten sie nicht gedacht. Das war ein grober Schnitzer in den Vorbereitungen gewesen. Nur jetzt kein Fehler! Nur jetzt keine verfängliche Antwort und achte auf deine Mimik! Blitzschnell überlegte sie sich mögliche Antworten und sagte dann: „Das kann ich mir nur so vorstellen, dass ich bei Jenny eine Karte für meine Freundin Erika mitnehmen wollte, plötzlich zwei Karten gegriffen hatte und eine wieder zurücklegte.“ Dabei trug sie das unschuldigste Gesicht, was sie derzeit in der Lage war, aufzusetzen. Die beiden Polizisten hatten sich einen Blick zugeworfen und sie hatte an sich halten müssen, um nicht zu lachen. Nichts, aber auch gar nichts konnte sie mehr finden, was sie in Zusammenhang mit diesem Kinderschänder bringen könnte.

Einen Versuch hatte man noch gestartet. „Wir haben gehört, dass sie in ihrem Damenclub über diesen Roland Farner gesprochen haben, über den Verdacht, er habe Mädchen geschändet. Können Sie das bestätigen?“

„Es ist richtig“, hatte sie geantwortet, „dass wir über den einen oder anderen Fall von Kinderschändung gesprochen haben, vielleicht war auch der des Herrn Farner darunter. Aber an den Namen kann ich mich nicht erinnern.“

Als die beiden Polizisten endlich gegangen waren, hatte sie die beiden vor ihrer Haustüre noch belauschen können. „Können wir nicht eine Gegenüberstellung mit der Wirtin veranlassen?“, hatte die Kleine in Schwarz gefragt. Die Antwort von Zoller war gewesen: „Das steht doch in keinem Verhältnis zum Geschehen! Es war nur ein Unfall.“

„Und was ist mit den Bemerkung dieser Brigitte zu meinem Großonkel? Darauf muss man doch bauen können, oder?“

„Wie du schon richtig sagtest, nur Bemerkungen, die auch dein Großonkel möglicherweise falsch verstanden oder falsch ausgelegt haben kann.“

„Verdammt, diese Weiber halten zusammen!“ hatte Ellen die kleine Radka noch sagen hören, bevor sie in den Wagen gestiegen waren.

Auch das war überstanden.

Hatte Brigitte Stahn also doch gequatscht? Zu ihrem Tschechen. Und der hatte Verbindung zur Polizei gehabt. Teufel, hatten sie ein Glück, dass nicht mehr herausgekommen war. Ellen wusste nicht, ob es irgendwelche Unterlagen über die Mordfälle des Witwenclubs in der Villa gab. Dazu war sie zu kurz dabei. Es ärgerte sie immer noch, dass sie im ersten Fall, der ihr aufgetragen worden war, versagt hatte. Sie hatte zwar alles richtig gemacht, aber nicht bedacht, dass dieser Roland hysterisch auf die Straße rennen und sich überfahren lassen könnte. Aber sie hatte sich damals schon entschlossen, nach dem Fall sofort einen Urlaub zu machen und ihren Sohn zu besuchen. Sie hatte ihm einiges zu erzählen. Die Geschichte mit Harry, mit den Witwen und die mit dem Kinderschänder Roland und dessen ungewolltem Ende. Immerhin Ende. Allerdings nicht das ihm bestimmte. Irgendwie wurmte es sie noch immer.

Erika und sie hatten sich noch einige Male getroffen, nur schien Ellen, dass Erika etwas einsilbiger geworden war, seitdem das mit Roland nicht so wie geplant geklappt hatte. Jedenfalls hatte sich ein Schatten zwischen sie geschoben und alles Fragen und Reden half nicht. Aber es kam noch schlimmer.

Letzten Mittwoch war Ellen wieder in der Villa Sagitta gewesen, um sich für die Dauer ihres sechsmonatigen Urlaubs zu verabschieden. Die Atmosphäre hatte sich geändert. Man lachte zwar noch, erzählte sich dieses und jenes, aber sie spürte nicht mehr diese Herzlichkeit und Verbindlichkeit, die man ihr anfangs entgegengebracht hatte. Es wurde kein Wort über den Fall Roland Farner gesprochen. Jeder Ansatz wurde sofort von einem deutlichen Themenwechsel abgeschnitten, wer auch immer den Anfang machte. Das Lächeln von Hedwig erschien Ellen maskenhaft, auch die flinke Josy war lieb wie immer, doch flatterte sie immer gleich wieder weg. Ellen kam sich vor, wie ausgestoßen. Hatte sie sich so falsch verhalten? Lastete man ihr an, dass sich die Polizei eingeschaltet hatte? Dass dieser Zoller mit seiner Kleinen plötzlich in Friedenau aufgetaucht waren? Verdammt, was hatte sie denn falsch gemacht? Sie wurde an dem Nachmittag immer ratloser.

Es gibt im Leben Situationen, da wird man mit der Nase darauf gestoßen, wo der eigene Fehler liegt. Man könnte ihn einfach erkennen. Dort lag er ganz offen. Nur reicht es manches Mal nicht aus, den Fehler zu sehen, wenn man ihn nicht erkennen will – oder kann. So wie es Hausblindheit gibt, die verhindert, dass man einfache Missstände in den eigenen vier Wänden nicht sieht, auf deren Wunde man woanders sofort den Finger legen würde, so gibt es Erkenntnisblindheit. Vor lauter Wald die Bäume nicht sehen, wäre ein Beispiel deutscher Redensarten. Ellen musste mit Nachdruck und Macht wachgerüttelt werden.

Es begann ganz harmlos. Der Nachmittag in der Villa Sagitta neigte sich seinem Ende zu, man wünschte Ellen einen wunderbaren Urlaub. An dieser Stelle war Ellen fast wieder versöhnt mit der ihr unwirklich vorkommenden Situation. Sie hatte die seltsamen Blicke vergessen, die lächelnden Masken um sie herum wurden zu ehrlichem Lächeln und die Wünsche für sie klangen überzeugend.

Als sie sich selbst von Josy verabschieden wollte, war diese flugs entschwunden. Gut, dachte Ellen, ich sehe sie noch an der Tür. Dann war sie zu Hedwig gegangen. Die blauen Augen über der Hakennase schauten von weit oben auf sie herab. Ellen bemerkte ein Blitzen darin. Dann sagte Hedwig: „Ellen, du bleibst bitte noch als Letzte.“ Ein Widerspruch war nicht möglich. Ellen erschauerte. Was sollte das jetzt geben? Eine besondere Verabschiedung vielleicht. Vielleicht wollte man sich bei ihr entschuldigen für das seltsame Verhalten, was ihr den ganzen Nachmittag entgegengebracht wurde? Plötzlich war Ellen sehr verunsichert. Die letzten der Witwen waren gegangen, nur Josy und Hedwig waren noch da. Sie setzten sich auf ihre angestammten Plätze am großen Tisch und baten Ellen, sich ihnen gegenüber zu setzten. Irgendwie kam Ellen die Situation lächerlich vor. Die baumhohe Hedwig, das Kinn vorgestreckt, die blauen Augen wie zwei Scheinwerfer auf sie gereichtet, daneben die hutzlige Josy mit dem witzigen Karottenkopf und den Knopfaugen.

Widerstrebend setzte sie sich auf den Stuhl und blickte verwirrt in vier fast abweisend erscheinende Augen. Was sollte das werden? Eine Befragung? Eine Erklärung? Was zum Teufel ging hier vor?

„Liebe Ellen“, begann Hedwig, „wir sind uns nicht sicher, wie du unsere Arbeit hier im Club einschätzt.“

Es lag doch an ihrem Auftrag, dachte Ellen, den sie versaut hatte. Sie hatte einen Fehler gemacht und sollte nun gerade stehen dafür. Mein Gott, so schlimm war es ja nun auch nicht. Er war eben anders umgekommen, als sie es geplant hatten. Aber tot war tot. Das war doch das Ziel gewesen. Warum jetzt so ein Bohai? Sie schaute auf die Damen und hätte fast losgelacht, da saßen sie wie Pat und Pattachon und spielten die großen Richterinnen! Es war eine Farce. In was war sie hier hereingeraten?

„Wir wissen“, fuhr Hedwig fort, „dass du erst sehr frisch bei uns bist und vielleicht nicht alle Regeln verstanden hast.“

Mein Gott, wie lächerlich, dieses Drumrumgerede. Kommt doch endlich zu Potte und sagt mir, was ihr so beschissen fandet an meiner Arbeit!

„Wir Witwen haben uns zusammengefunden, weil wir gemeinsam stärker sind, weil wir gemeinsam uns über die Klippen des Alleinseins helfen und anderen unsere Erfahrungen mitteilen wollen.“

Ja, ich weiß, deshalb bin ich ja auch zu euch gekommen! Ihr habt nun mal die Erfahrungen vieler Witwen gesammelt, ich bin auch eine, habt ihr das vergessen?

„Wir sind ein ehrbarer Club.“ Ellen hörte die Stimme von Hedwig wie von ferne.

Durchaus! Ehrbar und ehrenwert, achtbar und seriös. Deshalb habt ihr auch so eine Latte toter Ehemänner vorzuweisen!

Ellen mochte dem Geschwafel von Hedwig gar nicht mehr zuhören. Sie würde diese Gralshüterin reden lassen, bis sie endlich wusste, was man von ihr wollte.

Ihr habt doch nur Schiß bekommen, weil die Polizei plötzlich aufgetaucht ist. Eure Ruhe gestört hat. Und ich soll den schwarzen Peter bekommen. Da habt ihr euch geschnitten. Eure Brigitte war es, ihr Dummköpfe!

Sie ließ den Leuchtturm reden und reden, bis sie von einem Halbsatz hellwach wurde.

Hedwig sagte gerade: „ . . . niemals zu Mörderinnen werden!“

Wie? Was? Wollt ihr abstreiten . . .

„Ellen, wach auf! Du hast ein falsches Bild von uns bekommen. Du glaubst, wir sind ein Club von schwarzen Racheengeln, die es ihren Männern heimzahlen wollen. In einer Hinsicht liegst du da schon richtig, wir verurteilen die schlimmen Taten unserer Männer wie vor einem Femegericht. Nur die Morde, die wir uns ausdenken, führen wir doch nicht wirklich aus!“

Das konnte nicht sein, Ellen musste sich verhört haben.

Was treibt ihr für ein Spiel mit mir, erst verurteilt ihr meinen Mann, bringt ihn um und dann wollt ihr es nicht gewesen sein! Erst stiftet ihr mich an, mir den Mord an Roland auszudenken, dann habt ihr nichts damit zu tun?

In Wirklichkeit saß Ellen fassungslos vor den beiden Frauen und traute sich nicht zu rühren.

Hedwig erklärte deutlich, dass alle die Morde, von denen sie gesprochen hatten, nur in ihrer Fantasie bestünden haben. Ja sicher, einige der Männer seien eines gewaltsamen Todes gestorben, aber nicht durch die Hand der Witwen selbst, sondern durch die bösartiger Kontrahenten und neidischen Widersacher in der Firma, aus dem sozialen oder unsozialen Umfeld dieser Männer. Sicherlich spielten die Witwen Fälle durch, planten furchtbare Morde, aber doch nicht um sie zu begehen, sondern um sich an ihnen zu ergötzen, an der Vorstellung daran, wie diese abartigen oder einfach nur aggressiven Männer umkamen. Sie hätten eine Sammlung aller ihrer Fälle angelegt, die sie erfunden oder nachempfunden hatten. Niemals kämen sie auf die Idee, selbst Hand anzulegen an einen Mann, was für ein schlimmer Finger er auch gewesen sein möge. Es verbiete sich eben, vertrüge sich nicht mit Moral und Ethik und Gesetz. Wie kam Ellen nur auf die Idee, dass sie wirkliche Morde verübten. Sie musste alles von Grund auf falsch verstanden haben. Aber dass sie denken könne, sie würden wirklich – nein, das müsse wohl eher an ihr, Ellen, liegen, sie müsse sich einmal fragen, ob sie einen ehrenwerten Realitätsbezug hätte, mit Verlaub, oder ob sie sich nicht krank sei.

Der Schock war komplett.

Damit hatte Ellen nicht gerechnet, damit konnte sie nicht gerechnet haben!

Sie war bestürzt, über das, was sie vernommen hatte und fühlte sich gleichzeitig betrogen. Betrogen um ihren Glauben an diese Frauen, betrogen

Nein, es konnte nicht sein!

Und wer hat meinen Harry umgebracht? Das wart doch auch ihr! Ihr müsst es gewesen sein!

Ihre einzige Erklärung war, dass Pat und Pattachon sie nicht mochten, aus welchen Gründen auch immer sie ablehnten, sie nicht mehr in ihrem Club haben wollten und das ganze, lächerliche Gerichtsverfahren nur aus Selbstschutz inszeniert hatten, damit man ihnen nicht auf die Schliche käme!

Sie würde es diesen teuflischen Weibern schon zeigen. Sie bräuchte nur etwas Zeit und würde sich einen Plan ausdenken, der sich gewaschen hatte. Vielleicht würde es ja ausreichen, sie bei der Polizei anzuzeigen. Aber sie wusste ja selbst, wie geschickt, ja verschlagen diese Frauen sein konnten. Die Polizei würde nichts finden. Sie musste sich einen anderen Weg ausdenken. Sie würde ein halbes Jahr Zeit haben, sich darüber Gedanken zu machen. Niemand dürfte sie mehr so abfällig behandeln. Sie hatte gelernt. Nicht zuletzt durch die Hilfe der Witwen, die sie jetzt so schändlich behandelten.

Sie war wortlos gegangen.

Als Ellen jetzt hier im Flieger noch einmal diesen Schock nacherlebte, war sie schweißgebadet und hatte ein hochrotes Gesicht. Das würde sie ihrem Sohn nicht erzählen. Vorerst nicht.

Harald, ihr Sohn, hatte sie vom Flughafen abgeholt und sie geherzt und geküsst, eine leibliche Nähe, die sie lange nicht mehr hatte spüren dürfen. Dann hatte er sie zum Abendessen ausgeführt. Sie hatte sich in einem Hotel der gehobenen Klasse einquartiert, nein, das teuerste durfte es nicht sein, doch wollte sie ab jetzt einem gewissen Luxus nicht entsagen. Ihr Schweizer Konto war prall gefüllt, daran hatten auch die Spenden und die Schenkung an Susanne, der letzten Verwandten, nichts geändert. Sie benötigte auch noch einen schönen Batzen für ein Hilfswerk, welches sie ins Leben rufen wollte und auch für andere Pläne wollte sie Geld bereit halten. Ihr Mann Harry schien einige unsaubere Geschäfte, möglicherweise illegale Waffengeschäfte durchgeführt zu haben, denn rein von seinem guten Gehalt war die Summe nicht zu erklären, die ihr nun zur Verfügung stand.

Sie ließ es zu, dass ihr Sohn sie zum Essen einlud, sie würde genug Gelegenheit haben, es ihm anderweitig wieder zukommen zu lassen.

Nach dem Abendessen führte er sie in eine Musikbar, in der er sehr bekannt und offenbar auch beliebt war. Sie freute sich, dass es ihm gut ging und er viele Freunde besaß. Diesen ersten Abend genoss sie, wie selten etwas, sie ließ sich mittreiben von der herrlichen Stimmung und dem warmen Gefühl, endlich bei ihrem Sohn zu sein.

Harald hatte so gar nichts von seinem Vater. Er war musisch ausgerichtet und von tiefer Einfühlsamkeit. Das, was sie bei Harry, ihrem Mann, vermisst hatte, nämlich wirkliche Freunde, mit denen man sich traf, sich besprach, mit denen man lachen und weinen konnte, die Harry nie besessen hatte, das schien bei ihrem Sohn anders. Sein Lachen war offen und ehrlich, er sprach sofort über Dinge, die er nicht ganz verstanden hatte, um nur kein Missverständnis und daraus erfolgendes Missverhältnis aufkommen zu lassen. Leider wurde ihr Sohn hier Harry gerufen. Harald schien den Amerikanern zu umständlich, das Kürzel war auch griffiger. Ellen wurde dadurch immer nur an ihren Mann Harry erinnert. Dabei war Ihr Sohn so ganz anders.

Sie verbrachten herrliche Wochen in und um Boston, er zeigte ihr seine Universität, ließ sie teilhaben an den unbeschwerten Parties seiner Kommilitonen, sie gingen Schwimmen, Joggen, Golfen, alles indoor, da der Winter Eizug gehalten hatte und der war im Norden der USA nicht zu verachten. Ellen hatte sich inzwischen eine Wohnung genommen, eine in der besten Gegend und hatte auch ihrem Sohn eine gekauft. Selten sah sie ihn mit einer Frau und in der ersten Zeit fragte sie ihn nicht danach. Eigentlich war er ein Frauentyp, sie sah es, wie die Blicke der jungen Frauen auf ihm haften blieben. Doch die Bedenken, er könne schwul sein, hatten sich verflüchtigt, als sie erfahren hatte, dass er doch mehr Kontakte zur Weiblichkeit hatte, als er ihr gegenüber zeigte oder zugab.

Sie liebt ihren Harald und konnte sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Langsam hatte auch sie sich eingewöhnt und die Treffen mit ihrem Sohn nahmen ab, erreichten ein natürliches Maß. Sie hatte wie nebenbei die Sprache ihres Gastlandes angenommen und konnte sich gut verständigen. Sie hatte ein Einbürgerungsverfahren angestrengt, was in aller Regel dadurch, dass sie vermögend war, auf keine großen Widerstände treffen dürfte.

Lange hatte sie nicht mehr zurückgedacht an Deutschland, an Berlin und ihr Mann war ihr ganz aus der Erinnerung herausgefallen wie bei einem Kartenspiel, wenn eine Karte zu Boden gefallen ist und einfach im Betrachter des Blattes keine Rolle mehr spielt.

Als es nun März wurde, der Frühling die Stadt aufwertete, es heller und wärmer wurde, fühlte sie sich schon ganz zu Hause in Boston. Sie würde nur noch einmal nach Berlin fliegen müssen, nämlich um ihr Haus zu verkaufen. Die Welt um sie war neu geordnet, nur sie selbst suchte noch ein Betätigungsfeld und hatte auch schon einige Schritte unternommen. Bevor sie sich ganz ihrer neuen Tätigkeit widmen würde, müsste sie, für ihr Wohlbefinden, mit der alten Welt abgeschlossen haben. Dann endlich wäre sie wirklich frei und wollte sich mit aller Kraft dem Neuen, welches auf sie zukam, stellen.

Da geschah es, dass sie mit ihrem Sohn einen Abend in seiner Wohnung verbracht hatte und mit ihm über Gott und die Welt, über Liebe, Ehe, Frauen und was die Welt ansonsten noch ausmachte, redete, als plötzlich ihr neues, schönes Weltempfinden einen empfindlichen Schlag bekam.

Harald, ihr Sohn, richtete gerade einige Drinks am Sideboard. Eine seiner sympathischen Eigenheiten war es, wie er in manchen Situationen den Kopf schräg hielt und sein Gegenüber liebenswert anlächelte. Besonders, wenn er eine treffende Bemerkung gemacht hatte und sich vergewissern wollte, ob sie angekommen wäre.

Wie auch immer, sie waren auf das Thema Freundin gekommen und er hatte gesagt, mit seinen knapp dreiundzwanzig Jahren wolle er sich noch nicht festlegen, lieber einmal hier und dort ausprobieren, schnuppern, testen, prüfen und experimentieren, dazu sei die Jugend ja da. Gut, wenn er meinte, dann könne er es ja auch machen, solange die Frauen mitspielten, meinte Ellen. Darüber mache er sich keine Sorgen, bisher hatte er immer Glück gehabt, und die Beziehungen waren nie von der Dauer gewesen, dass man von ernsthafter Bindung sprechen könnte. Er habe noch Zeit.  Ob denn nicht die eine oder andere darunter gewesen sei, die das Gewisse hätten, was ihn zu einer längeren Bindung bewegen könnte?

Da hatte er aufgesehen und gesagt: „Ach weißt du, es gibt so viele Frauen an der Universität, alle wollen Karriere machen, sich als Frau bestätigen. Das ist nicht meine Welt. Ich will die Karriere machen, sei es als Musiker oder Professor der Geschichte oder der Philosophie, keine Karriere wie Vater! Gott behüte! Ich bin kein Geschäftsmann. Aber ich liebe die Welt und will sie genießen. Diese emanzipierten Frauen gehen mir ein wenig auf den Geist.“

Da hatte sie ihn angeschaut.

„Na ehrlich, eine Frau gehört ins Bett und hinter den Herd!“

Und dabei hatte er mit schrägen Kopf gelächelt.

Da war es wieder! Würde es denn nie enden?

Er sprach in seiner lockeren Art weiter, als ob nichts gewesen wäre. Er redete und redete und Ellen hörte nicht mehr zu.

Hab ich das alles auf mich genommen, um mir wieder dies anzuhören? Nimmt es denn kein Ende? Muss ich weiter und weiter machen?

Was glaubst denn du, was ich durchgemacht habe, um das nicht zu hören? Glaubst du denn es fiele einem leicht, seinen eigenen Ehemann zu töten, mit dem man ein Kind gezeugt hat, mit dem man jahrelang zusammengelebt hat, seine Strümpfe und Socken gewaschen, seine Hemden gebügelt, ihm das tägliche frühstück gemacht hat?

Was weißt du davon, was es bedeutet, wenn man herausfindet, dass der eigene Mann einen betrügt. Was glaubst du, geht in einer Frau vor sich, die erfährt, dass ihr Ehemann Waffen herstellt, dass er Personenminen herstellt, wodurch jährlich zwanzigtausend Menschen verletzt werden oder ums Leben kommen, wobei der Tod hier manchmal die bessere Lösung scheint, als mit zerfetztem Gesicht oder ohne Arme und Beine weiterleben zu müssen. Was glaubst du, was es für Überwindung kostet, den eigenen Mann mit Handschellen in ein Verlies zu ketten und zu wissen, dass er verdursten wird, wenn er sich nicht freiwillig die Hand zerfleischt?

Allein die Anstrengung, seinen scheiß schweren Körper in den Keller zu schleppen, die Angst im Nacken, dass man mich beobachten könnte. Die ganze Zeit die Angst, dass irgendwie die Wahrheit ans Licht käme, durch einen blöden Zufall. Dass sie im Wagen etwas finden könnten, was auf mich hindeutet, dass sie darauf kämen, dass ich den Vormittag nicht beim Einkauf und im Hause zugebracht hätte. Immer diese scheiß Angst!! Und wofür? Wofür frage ich dich? Wofür? Muss es immer wieder passieren? Nimmt es kein Ende?

Harald hatte es für einen Schwächeanfall gehalten, dass seine Mutter plötzlich zu schlaff, so zerschossen in ihrem Sessel gehangen hatte. Er hatte sie nach Hause gebracht und versorgt und war dann gegangen, als sie im Bett eingeschlafen war.

Dann hatte er lange nichts von ihr gehört.

Sie war verschwunden.

37 – Epilog

Kidane Kiptou war jetzt fast zwölf Jahre alt. Er trug ein Holzbein und sein rechter Arm war steif und stand im Winkel von ihm ab. Er stand in einem Zelt, unweit des Minenfeldes. Auf dem Zelt standen drei Buchstaben. Sie standen für Hilfe den Minenopfern. Sie waren hierher nach Angola geflogen worden, wo es neue Opfer zu beklagen galt. Der Krieg war vorbei, die Soldaten waren fort, aber die Minen hatten sie dagelassen. Keiner wusste wo und keiner wusste, wie groß die verminte Fläche wäre. Die Explosionen zeigten die Ränder an. Es war später Nachmittag und Kidane hielt seine Linke schützend über sein eines, noch funktionstüchtiges Auge und schaute über den Busch. Heute war glücklicherweise nichts passiert. Ein Tag ohne Opfer. Er freute sich, dachte aber, der Tag ist noch nicht zuende.

Er hatte eine wichtige Aufgabe. Er leitete die Station. Mit einer Hand konnte er schreiben, auch wenn es nur die Linke war, die Rechte konnte nur das Papier fixieren, auf dem er schrieb. Er sagte, wann neues Wasser, wann neue Medikamente angefordert werden müssten, er hatte alles bestens im Griff.

Seitdem er dabei war, hatte er täglich etwas zu essen und die Kinder warfen nicht mit Steinen nach im, denn er gehörte jetzt einer Organisation an. Er war ein kleiner Chef. Dann gab es noch die Big Mama und die große Chefin. Die Big Mama war eine von ihnen, mit ihrer Hautfarbe. Sie war Krankenschwester und hatte irgend so eine besondere Ausbildung in Prothetik. Er hatte dieses Wort auswendig gelernt, weil es so professionell klang. Er benutzte das Wort, wenn ihm einer blöd kam. Dann fragte er, ob der andere denn wüsste was Prothetik sei. Keiner wusste es. Er wusste auch, was es bedeutete, nämlich konnte Big Mama Prothesen herstellen, jedenfalls konnte sie dafür sorgen, dass sie hergestellt wurden, sie wusste, wie man alles vermessen musste, die Stümpfe und so. Dann gab sie den Auftrag an eine Schreinerei weiter.

Er mochte Big Mama und er mochte die große Chefin. Sie kam extra aus den USA angereist, um hier zu helfen. Die drei Buchstaben auf dem Zelt gehörten ihr. Sie war die Hilfsorganisation.

Er lebte jetzt dort, wo die Zelte standen. Mal hier, mal da. Er war schon gut herumgekommen, viele tausend Meilen gefahren und geflogen. Wer hatte das in seinem Alter schon? Zwar nur mit kleinen Flugzeugen, aber Fliegen ist Fliegen. Und darum beneideten ihn die anderen. Sie beneideten ihn auch, weil er täglich etwas zu essen hatte.

Die Zeit, die er zur Verfügung hatte, verbrachte Kidane mit dem Lernen von Englisch und Spanisch. Er konnte sonst nicht viel tun, Fußballspielen ging nicht, und auf Bäume klettern auch nicht, nicht einmal Versteck spielen ging, weil er zu langsam und unbeholfen war. Er hatte gehört, Englisch und Spanisch seien weit verbreitet auf der Welt, allerdings auch Russisch und Chinesisch. Doch damit wollte er sich Zeit lassen. Er wollte Gelehrter werden, das konnte man im Sitzen. Oder Schriftsteller. Er hatte schon einmal versucht, auf der Tastatur eines Computers, eines Laptops, wie ihn die große Chefin immer mithatte, ein paar Zeilen zu schreiben. Doch da hatte er gesehen, wie es andere, mit zwei Händen, wesentlich schneller schafften und er war traurig geworden.

Heute Abend sollte die große Chefin kommen. Big Mama bereitete schon alles vor. Das Feldbett und das Essen.

Er hatte beim letzten Mal lange mit der großen Chefin gesprochen. Dann waren sie darauf gekommen, dass er keinen Vater mehr hätte. Sie hatte gesagt, den hätte sie auch nicht mehr. Er hatte sie gefragt, ob sie denn keinen Mann hätte, der sich um sie kümmerte, damit sie nicht die schwere Arbeit im Busch machen müsste. Sie hatte ihn angesehen und gesagt, nein, sie hätte keinen Mann mehr, sie sei Witwe. Ob sie nicht mehr heiraten wolle? Sie hatte ihn angesehen und gesagt: „Nein.“ Denn mit vielen anderen Witwen, die sich in Florida in einem Club zusammengetan hätten, würden sie dieses Projekt und andere Hilfsprojekte finanzieren. Er hatte sie traurig angesehen. Dann hatte sie ihn angelächelt und gesagt,  wenn er, Kidane, groß wäre, würde sie ihn zu Mann nehmen. Bestimmt.

Darauf hin hatte er begonnen ihr, etwas zu schnitzen. Das war sehr schwierig mit nur der linken Hand und er musste das Holz mit den Knien und seiner abgestorbenen Rechten halten. Es sollte das Zeichen für die Verlobung sein, wie es in seinem Stamme üblich war. Der Mann schnitzt einen Speer, der das Zeichen für Schutz und Jagdglück war. Jagdglück in zweifacher Hinsicht. Glück bei der Beschaffung von Nahrung und Glück, die Frau erobert zu haben. Der Speer war fertig. Auf seinem Schaft stand das Wort für Jagdglück.

Heute Abend würde er es ihr überreichen. Noch trug er es bei sich, an einer Schnur um den Hals.

Da sah er die Ziege. Sie hatte sich losgemacht und lief in die verbotene Richtung. Er lief ihr hinterher, um sie zu retten.

Als Big Mama kam, um ihm zu sagen, das Flugzeug käme in einer viertel Stunde mit der großen Chefin, hörte sie den Knall.

Eine halbe Stunde später fragte die Große Chefin Big Mama nach Kidane. Big Mama zeigte auf ein Bündel, verpackt in weißes Tuch mit roten Blutflecken. Oben drauf lag ein von Kinderhand geschnitzter, leicht angeknickter Speer.

Ellen nahm den Speer in die Hand las, Buchstaben für Buchstaben das Wort:  KAMBARELE

-Ende-

Mehr vom Autor: Hier klicken

Advertisements